2. Kap. Die Dingerfassung
Wir müssen uns wohl an den Neugeborenen wenden, um etwas über die Entstehung der Dingerfassung zu erfahren; uns Erwachsenen scheint es ja eine ganz unmittelbare, unableitbare Gegebenheit zu sein, daß wir außer uns nicht Eindrücke, sondern Dinge gewahren. Manche Philosophen lehrten sogar, der Substanzbegriff sei das erste, unmittelbar Gegebene. Wenn es aber gelingt, die Dingauffassung aus elementaren Funktionen verständlich zu machen, so wäre unsere Anschauung bis auf weiteres gesichert.
Nach allem, was wir vom Neugeborenen wissen, ist ihm zunächst nur eine bunte Mannigfaltigkeit von Eindrücken gegeben, ein „Zusammen“, das weder Struktur noch „Undverbindung“ ist. Irgendwie kristallisiert sich aus dieser Mannigfaltigkeit ein Ichbewußtsein primitivster Art heraus. Genaueres läßt sich heute noch nicht darüber angeben, aber die Unableitbarkeit des Ichbewußtseins überhaupt, die wir anderswo aufzuzeigen haben, verlangt, daß es auch beim Kinde in irgendeiner Form angenommen werde. Von diesem Ansatz aus läßt sich dann die Dingauffassung leicht gewinnen. Das Kind hat ungezählte Gelegenheiten zu beobachten, wiesich ein Teil seines Empfindungskomplexes anders verhält als es selbst: gewisse Teile seines Empfindungskomplexes verändern sich, andere bleiben. Dieser Erfassung des Gegensatzes dürfte die Erfassung einer gewissen Gleichheit parallel gehen. In der Tat liegen ja viele Gleichheitsbeziehungen vor: die Menschen der Umgebung vollführen ähnliche Bewegungen wie das Kind, lassen ähnliche Laute vernehmen usf. Finden wir nun schon beim Erwachsenen, daß er bei Feststellung etwaiger Gleichheit stets geneigt ist, das Vorhandensein größerer Gleichheit anzunehmen, d. h. dem zweiten in einer Hinsicht als gleich erkannten Gegenstand noch weitere Züge des ersten beizulegen, so wird dies beim Kinde auch zu erwarten sein. Das Kind wird hinter dem teils gleich-, teils andersartigen Eindruck Züge seines eigenen Ich vermuten. Das Nächste, was ihm seine Beziehungserfassungen liefern, sind also nicht Dinge, sondernNeben-iche. Der animistische Zug, den die Kinderforscher immer wieder feststellen, dürfte ein Rest davon sein. Allmählich schreitet nun die Beziehungserfassung fort, entdeckt immer neue Verschiedenheiten von dem eigenen Ich, und auf dem Weg der später zu schildernden Begriffsbildung wird aus dem Neben-ich ein sehr abstraktes „Ding“.