Chapter 30

3. Kap. Wahrnehmung und Vorstellung

Die peripher erregten Eindrücke unterscheiden sich, wie oben ausgeführt wurde, von den zentral bedingten nur graduell. Es gibt kein Charakteristikum, das nur der einen von beiden Erlebnisklassen eigen wäre. Dennoch verwechseln wir im gesunden Zustande nur ganz selten Wahrnehmung und Vorstellung. Im Gegenteil schreibt das vorwissenschaftliche Denken der Wahrnehmung ganz andere Eigenschaften zu als der Vorstellung: in der Wahrnehmung stehen wir dem Gegenstande selbst gegenüber, in der Vorstellung nicht; die Wahrnehmung hat Wirklichkeitscharakter, die Vorstellung gibt sich als bloßer Schein. Und zwar unmittelbar, ohne besondere Überlegung. Es fragt sich also: wie kommen solche Unterschiede zustande, wenn die inhaltlichen Merkmale bei beiden Erlebnisklassen wesentlich die gleichen sind?

Wir haben oben schon bemerkt, daß gewisse inhaltliche Züge der Wahrnehmung, andere der Vorstellung in höherem, ausgeprägterem Grade eignen: die Empfindungsintensität ist bei der Wahrnehmung im allgemeinen größer als bei der Vorstellung; die Konstanz und Fülle der Inhalte desgleichen; an die Wahrnehmung schließen sich bisweilen Erlebnisse an, die bei der Vorstellung ausbleiben; wahrgenommenes Feuer brennt, vorgestelltes nicht. Diese graduelle Verschiedenheit der Durchschnittswahrnehmung von der Durchschnittsvorstellung kann nunin einem beziehenden Akte erkanntwerden: das Kind kann die Wahrnehmungseindrücke einer brennenden Kerze mit den Vorstellungseindrücken vergleichen und deren Verschiedenheit erkennen. Diese einmalige Einsicht vermag sich alsSachverhaltswissen(vgl.S. 178 f.) einzuprägen. Vermittels einer weiteren Beziehungserfassung kann es, fußend auf dem genannten Sachverhaltswissen, zu der Erkenntnis vordringen: Erlebnisse bei geschlossenen Augen unterscheiden sich in bestimmter Weise von Erlebnissen bei offenen Augen. Es braucht jetzt nur von seiner Umgebung einen Sammelnamen für beide Erlebnisarten zu erfahren, um dauernd zu wissen: Wahrnehmungen unterscheiden sich in einer bestimmten Weise von Vorstellungen. Noch ein Moment ist hinzuzufügen, um diese Erfahrung zu einer stets verwendbaren zu gestalten: Wir sahen, bei wiederholten Vergleichungen bildet sich aus dem Durchschnitt der Erlebnisse ein unbemerkter Maßstab heraus, an dem ein neuer Eindruck unwillkürlich gemessen wird; man hat dann den absoluten Eindruck der Schwere, der Kälte usw. Dieser absolute Eindruck haftet scheinbar an dem wahrgenommenen Gegenstand selbst, erscheint wie eine seiner Eigenschaften. In genau der gleichen Weise kann sich auch bei den vielen beabsichtigten und unbeabsichtigten Vergleichungen von Erlebnissen der einen (Wahrnehmungs-) zu denen der andern (Vorstellungs-) Gruppe einabsoluter Eindruckdes Wahrnehmungs- bzw. Vorstellungsmäßigen herausbilden. Wir wissen dann sofort, noch vor jeder Erinnerung und Vergleichung, ob wir es mit einer Wahrnehmung oder Vorstellung zu tun haben.

Wir haben oben schon bemerkt, daß gewisse inhaltliche Züge der Wahrnehmung, andere der Vorstellung in höherem, ausgeprägterem Grade eignen: die Empfindungsintensität ist bei der Wahrnehmung im allgemeinen größer als bei der Vorstellung; die Konstanz und Fülle der Inhalte desgleichen; an die Wahrnehmung schließen sich bisweilen Erlebnisse an, die bei der Vorstellung ausbleiben; wahrgenommenes Feuer brennt, vorgestelltes nicht. Diese graduelle Verschiedenheit der Durchschnittswahrnehmung von der Durchschnittsvorstellung kann nunin einem beziehenden Akte erkanntwerden: das Kind kann die Wahrnehmungseindrücke einer brennenden Kerze mit den Vorstellungseindrücken vergleichen und deren Verschiedenheit erkennen. Diese einmalige Einsicht vermag sich alsSachverhaltswissen(vgl.S. 178 f.) einzuprägen. Vermittels einer weiteren Beziehungserfassung kann es, fußend auf dem genannten Sachverhaltswissen, zu der Erkenntnis vordringen: Erlebnisse bei geschlossenen Augen unterscheiden sich in bestimmter Weise von Erlebnissen bei offenen Augen. Es braucht jetzt nur von seiner Umgebung einen Sammelnamen für beide Erlebnisarten zu erfahren, um dauernd zu wissen: Wahrnehmungen unterscheiden sich in einer bestimmten Weise von Vorstellungen. Noch ein Moment ist hinzuzufügen, um diese Erfahrung zu einer stets verwendbaren zu gestalten: Wir sahen, bei wiederholten Vergleichungen bildet sich aus dem Durchschnitt der Erlebnisse ein unbemerkter Maßstab heraus, an dem ein neuer Eindruck unwillkürlich gemessen wird; man hat dann den absoluten Eindruck der Schwere, der Kälte usw. Dieser absolute Eindruck haftet scheinbar an dem wahrgenommenen Gegenstand selbst, erscheint wie eine seiner Eigenschaften. In genau der gleichen Weise kann sich auch bei den vielen beabsichtigten und unbeabsichtigten Vergleichungen von Erlebnissen der einen (Wahrnehmungs-) zu denen der andern (Vorstellungs-) Gruppe einabsoluter Eindruckdes Wahrnehmungs- bzw. Vorstellungsmäßigen herausbilden. Wir wissen dann sofort, noch vor jeder Erinnerung und Vergleichung, ob wir es mit einer Wahrnehmung oder Vorstellung zu tun haben.

Es ist also die entwickelte Wahrnehmung ebensowenig wie die Vorstellung ein einfaches und von vornherein fertiges Erlebnis, sondern neue Relationserkenntnisse treten zu der Dingerfassung hinzu und machen aus ihr entweder eine Wahrnehmung oder eine Vorstellung. Aus diesem Grunde begreift sich nun einerseits, wie es nicht immer zu einer Wahrnehmung oder Vorstellung kommen kann, z. B. wenn die Eindrücke von den Durchschnittserlebnissen abweichen, indem etwa die Wahrnehmung sehr schwach oder die zentral erregte Vorstellung sehr lebhaft ist. Ein absoluter Eindruckkommt da nicht auf, und auch ein absichtlicher Vergleich führt nicht immer zur Entscheidung darüber, ob wir wahrnehmen oder vorstellen. Anderseits wird verständlich, daß es auch bei ausgesprochenen Erlebnissen nicht immer zum Wahrnehmungserlebnis kommen muß. Beziehungserkenntnisse können nämlich ausbleiben, namentlich wenn der Gesichtspunkt für sie fortfällt. Ein Dichter hat bisweilen durchaus nicht den Eindruck, daß er die Personen seiner Dichtung und deren Handlungen nur vorstelle, und umgekehrt vermag der Inhalt des Wahrgenommenen uns bisweilen so zu fesseln, daß wir uns fragen: wache ich, oder träume ich? Und endlich versteht man so die Täuschungen über Wahrnehmung und Vorstellung. Sind die Züge, die bei der Wahrnehmung durchschnittlich stärker auftreten als bei der Vorstellung, infolge besonderer Umstände einmal bei den zentral erregten Bewußtseinserscheinungen stärker ausgebildet, dann stellen sichIllusionenoderHalluzinationenein. Bei der Illusion wird die wirkliche Wahrnehmung durch nur Vorgestelltes ergänzt: eine wirklich gesehene Klingel hören wir fälschlicherweise auch tönen. Der Halluzinant hingegen glaubt Dinge im objektiven Raum wahrzunehmen, die ganz und gar seiner subjektiven Vorstellungstätigkeit entspringen.

Namentlich solche Täuschungen weisen uns darauf hin, daß unsere Wahrnehmungen denCharakter der Wirklichkeittragen, die Vorstellungen den des „nur Eingebildeten“. In den Wahrnehmungen vermeinen wir den wahrgenommenen Gegenstand selbst zu ergreifen, in den Vorstellungen nicht so. Auch diese Züge sind keine den beiden Erlebnisweisen absolut zukommende. Die Erfahrung lehrt uns vielmehr: bei Erlebnissen der einen Klasse, für die wir später den Namen „Wahrnehmungen“ lernen, zeichnet sich der Gegenstand des Bewußtseins durch größere Dauer aus; eine nähere Beschäftigung mit ihm hat auch andere Folgen als mit einem solchen der anderen Erlebnisklasse: ein Berühren der Kerzenflamme in der Wahrnehmung verläuft anders als in der Vorstellung. So gewinnen wir einen Einblick in einen besonderen Beziehungszusammenhang. Auch diese Einsicht kann als Erfahrung dem Beziehungsgedächtnis anvertraut werden. Auch sie wird, was allerdings durch die experimentelle Forschung noch eigens nachzuweisen bleibt, einen absoluten Eindruck erzeugen. Auf diese Weise gestalten sich die peripher bedingten und die zentral bedingten Eindrücke allmählich durch die Beziehungserfassungen, durch das Beziehungswissen und durch den absoluten Eindruck zu verschiedenartigenErlebnissen aus, die praktisch nur in seltenen Fällen verwechselt werden können. Es empfiehlt sich darum, auch die Worte Wahrnehmung und Vorstellung nur von den so ausgestalteten Erlebnissen zu gebrauchen und die noch nicht durch Relationserfassungen ergänzten Eindrücke als absolute Wahrnehmungen bzw. absolute Vorstellungen zu bezeichnen. Unter Anwendung dieses Sprachgebrauches gilt dann:zwischen absoluten Wahrnehmungen und absoluten Vorstellungen besteht kein wesentlicher Unterschied; sie gehen unmerklich ineinander über —zwischen Wahrnehmungen und Vorstellungen besteht ein wesentlicher Unterschied; sie sind durch eine übergangslose Kluft getrennt.

Namentlich solche Täuschungen weisen uns darauf hin, daß unsere Wahrnehmungen denCharakter der Wirklichkeittragen, die Vorstellungen den des „nur Eingebildeten“. In den Wahrnehmungen vermeinen wir den wahrgenommenen Gegenstand selbst zu ergreifen, in den Vorstellungen nicht so. Auch diese Züge sind keine den beiden Erlebnisweisen absolut zukommende. Die Erfahrung lehrt uns vielmehr: bei Erlebnissen der einen Klasse, für die wir später den Namen „Wahrnehmungen“ lernen, zeichnet sich der Gegenstand des Bewußtseins durch größere Dauer aus; eine nähere Beschäftigung mit ihm hat auch andere Folgen als mit einem solchen der anderen Erlebnisklasse: ein Berühren der Kerzenflamme in der Wahrnehmung verläuft anders als in der Vorstellung. So gewinnen wir einen Einblick in einen besonderen Beziehungszusammenhang. Auch diese Einsicht kann als Erfahrung dem Beziehungsgedächtnis anvertraut werden. Auch sie wird, was allerdings durch die experimentelle Forschung noch eigens nachzuweisen bleibt, einen absoluten Eindruck erzeugen. Auf diese Weise gestalten sich die peripher bedingten und die zentral bedingten Eindrücke allmählich durch die Beziehungserfassungen, durch das Beziehungswissen und durch den absoluten Eindruck zu verschiedenartigenErlebnissen aus, die praktisch nur in seltenen Fällen verwechselt werden können. Es empfiehlt sich darum, auch die Worte Wahrnehmung und Vorstellung nur von den so ausgestalteten Erlebnissen zu gebrauchen und die noch nicht durch Relationserfassungen ergänzten Eindrücke als absolute Wahrnehmungen bzw. absolute Vorstellungen zu bezeichnen. Unter Anwendung dieses Sprachgebrauches gilt dann:zwischen absoluten Wahrnehmungen und absoluten Vorstellungen besteht kein wesentlicher Unterschied; sie gehen unmerklich ineinander über —zwischen Wahrnehmungen und Vorstellungen besteht ein wesentlicher Unterschied; sie sind durch eine übergangslose Kluft getrennt.

Literatur

J.Lindworsky, Wahrnehmung und Vorstellung. ZPs 80 (1918).

J.Lindworsky, Wahrnehmung und Vorstellung. ZPs 80 (1918).


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