5. Kap. Die Gewißheit
Man hat die Gewißheit bisweilen als eine Eigenschaft der Erkenntnis, bisweilen als ein besonderes Gefühl hingestellt. Tiefergehende empirische Untersuchungen liegen darüber noch nicht vor. Wir beschreiten darum den Weg der Synthese; zeigen, wie die uns bekannten Faktoren notwendig wirken müssen, und prüfen, ob die Vereinigung dieser Faktoren ausreicht die anderweitig bekannten Erscheinungen zu erklären. Nehmen wir an, es gäbe kein elementares Gewißheitserlebnis, dann hätte ein denkendes Individuum am Anfang seiner Denktätigkeit wohl etwa die Einsicht: A größer als B, aber diese Einsicht wäre weder gewiß noch ungewiß, sondern schlicht und unangefochten gegeben. Machte nun ein solcher Mensch die Erfahrung, daß etwa bei flüchtigem Hinschauen Einsichten gewonnen werden, die sich bei sorgfältiger Auffassung nicht bestätigen, so hätte er eine neue Zusammenhangsbeziehung erkannt: flüchtiges Hinsehen ist verbunden mit der Unbeständigkeit der so erlangten Einsichten, genaues Hinsehen ist verbunden mit der Beständigkeit der Einsicht. Würde ihm nun die Frage vorgelegt, ob seine Erkenntnis: A größer als B, auch gewiß, d. h. von Bestand sei, so würde er prüfen, ob er flüchtig oder genau hingesehen hatte, und mit dieser Beziehungseinsicht begründen, daß A wirklich größer als B sei. Die Gewißheit bestände hier also in einer zweiten Beziehungserfassung, die sich auf die Art und Weise, wie die erste gewonnen wurde, erstreckt. Die fortschreitende Erfahrung lehrt noch andere Umstände kennen, durch welche die Zuverlässigkeit einer Beziehungserfassung in Frage gestellt werden kann. Sind solche Hindernisse einer zuverlässigen Erkenntnis nicht zu entdecken, so herrscht wieder Gewißheit. Erkenntnistheoretische Überlegungen werfen erst später das Problem auf, ob denn die Dauerhaftigkeit einer Einsicht deren absolute Richtigkeit verbürge; es wäre ja möglich, daß die bisher für gewiß gehaltene Einsicht, nämlich die unmittelbare und ungehindert vollzogene Beziehungserfassung, zwar die beste Erkenntnis sei, die uns Menschen möglich ist, aber keine Gewähr biete,der absoluten Wirklichkeit zu entsprechen. Mit andern Worten, die Zurückführung einer Erkenntnis auf eine unmittelbare, ungestörte Beziehungserfassung gebe zwar eine natürliche, aber keine philosophische Gewißheit. Dieses Problem ist durch erkenntnistheoretische Erwägungen zu lösen, deren Ergebnis entweder zur Ergänzung der natürlichen durch die philosophische Gewißheit oder zum Verzicht auf letztere führt.
Die Gewißheit besteht nach dem Gesagten in neuen Sachverhaltserfassungen über die Art und Weise, wie dieser als gewiß zu beurteilende Sachverhalt selbst erkannt wurde. Die Gewißheit kann sich darum steigern, zwar nicht als Einsicht; denn Einsichten sind entweder vorhanden oder nicht vorhanden, wohl aber hinsichtlich der Begründung dieser Einsicht. Die Einsicht, daß wir uns nicht geirrt haben, pflegt aber auch vonGefühlenbegleitet zu sein, von Lust- und Tätigkeitsgefühlen, wie sie den Wanderer überkommen, der sich davon überzeugt, daß er den rechten Weg eingeschlagen. Diese Gefühle lassen nun eine erhebliche Steigerung zu, und an sie denken wir zumeist, wenn wir von Gewißheit sprechen.Wo immer die gleichen oder verwandte Sachverhalte erfaßt werden, kürzt sich auf die Dauer dieser Prozeß ab. Wie das geschieht, wurde oben dargestellt (S. 178). Hier dürften namentlich dieKriterieneine bedeutende Rolle spielen. Das rasche und klare Auftreten einer Einsicht wird uns z. B. zum Kriterium dafür, daß alle Bedingungen für eine sichere Erkenntnis erfüllt waren. An das Wissen darüber, vielleicht auch an diese Kriterien selbst können sich nun assoziativ die Träger des Gewißheitsgefühles anschließen und so bisweilen eine subjektive Sicherheit erzeugen, über die man im einzelnen nur schwer Rechenschaft ablegen kann.
Die Gewißheit besteht nach dem Gesagten in neuen Sachverhaltserfassungen über die Art und Weise, wie dieser als gewiß zu beurteilende Sachverhalt selbst erkannt wurde. Die Gewißheit kann sich darum steigern, zwar nicht als Einsicht; denn Einsichten sind entweder vorhanden oder nicht vorhanden, wohl aber hinsichtlich der Begründung dieser Einsicht. Die Einsicht, daß wir uns nicht geirrt haben, pflegt aber auch vonGefühlenbegleitet zu sein, von Lust- und Tätigkeitsgefühlen, wie sie den Wanderer überkommen, der sich davon überzeugt, daß er den rechten Weg eingeschlagen. Diese Gefühle lassen nun eine erhebliche Steigerung zu, und an sie denken wir zumeist, wenn wir von Gewißheit sprechen.
Wo immer die gleichen oder verwandte Sachverhalte erfaßt werden, kürzt sich auf die Dauer dieser Prozeß ab. Wie das geschieht, wurde oben dargestellt (S. 178). Hier dürften namentlich dieKriterieneine bedeutende Rolle spielen. Das rasche und klare Auftreten einer Einsicht wird uns z. B. zum Kriterium dafür, daß alle Bedingungen für eine sichere Erkenntnis erfüllt waren. An das Wissen darüber, vielleicht auch an diese Kriterien selbst können sich nun assoziativ die Träger des Gewißheitsgefühles anschließen und so bisweilen eine subjektive Sicherheit erzeugen, über die man im einzelnen nur schwer Rechenschaft ablegen kann.