6. Kap. Das schlußfolgernde Denken
Nachdem sich uns der lang verborgene Vorgang des naturgemäßen Schlußfolgerns enthüllt hat, ist es auch klar geworden, daß die psychologische Erörterung dieses Prozesses nicht mit der Besprechung des Syllogismus anheben darf. Der Syllogismus ist ein Kunstprodukt und verlangt ein sehr eindringliches Studium und feinste Selbstbeobachtung, um das in ihm verhüllte psychologische Rätsel zu lösen. Nur das eine offenbart er uns leicht, was ein Schluß zuleistenhat: aus schon vorhandenem Wissen wird ohne Zuhilfenahme der Wahrnehmung ein neues Wissen erschlossen. Damitist der Weg für die experimentelle Forschung gewiesen: man veranlasse die Vpn, in freier Weise aus ihrem bisherigen Wissen zu neuen Einsichten zu gelangen. Die mannigfaltigsten Aufgaben mußten durchprobiert, aus der Fülle der Erlebnisse mußten alle rein reproduktiven Vorgänge ausgeschieden werden, bis man endlich zu der unter Vorstellungen und Gefühlen ganz vergrabenen Seele des Prozesses vordrang. So ergab sich denn folgendes.
Der naturgemäße Schluß läßt sich alseine Beziehungserfassung an gewußten Sachverhaltendefinieren. Er ist somit kein Elementarvorgang, sondern setzt sich aus den schon bekannten Erscheinungen des Relationswissens und der Relationserfassung zusammen. Das Vermittelte, Abgeleitete des Schlusses beruht darin, daß die neue Beziehungserfassung an dem schon vorhandenen Wissen erfolgt. Seine einfachste Form ist etwa in folgendem Beispiel erkennbar: A liegt über B, das weiß ich, und ich erfasse neu daran: also B unter A. Auf dieses Schema lassen sich alle schlußmäßig gewonnenen Erkenntnisfortschritte, auch die innerhalb verwickelter Aufgaben, zurückführen. Dabei kann man füglich drei Hauptarten unterscheiden, in denen der naturgemäße Schluß auftritt. Erstens: der gewußte Sachverhalt wird anschaulich dargestellt, und an dieser anschaulichen Darstellung wird wie an einer Wahrnehmung eine neue Beziehung erfaßt. A über B wird etwa wie auf einer Tafel geschrieben gesehen, und an diesem inneren Bilde wird dann abgelesen: B unter A. Dieselbe Beziehung kann aber auch ohne jede Veranschaulichung rein begrifflich erfaßt werden. Und drittens kann sich rein assoziativ an den ersten Satz bzw. an das „oberhalb“ das „unterhalb“ anschließen und als richtige Folgerung erkannt werden. Namentlich diese dritte Art ist sehr häufig. Es bewahrheitet sich bei ihr das Dichterwort von der „gebildeten Sprache, die für uns dichtet und denkt“. Aber gerade in solchen Fällen wird unter den günstigen Bedingungen des Experimentes bisweilen handgreiflich deutlich, daß der Schlußakt etwas anderes ist als die einfache assoziative Folge von Subjekt und Prädikat. Ist nämlich die Beziehungserfassung „ist gleich“ nicht erfolgt, dann erscheintdie rein assoziativ dargebotene Ergänzung wie ein Lösungsvorschlag, der erst geprüft werden muß, und aus der Schlußaufgabe wird ein Begründungsvorgang.
Der Schlußvorgang kann auch folgendermaßen beschrieben werden: Wissensmäßig ist uns ein Sachverhalt gegeben. Dieser Sachverhalt besitzt eine weitere Seite, die bisher noch nicht beachtet wurde. Ich weiß z. B., mein Freund A hat die Gicht. Mit dem Sachverhalt „Gicht haben“ ist aber der andere „mürrisch sein“ verbunden, doch habe ich bis jetzt nicht darauf geachtet. Jetzt fällt mein beziehendes Blicken auf diese neue Seite des Sachverhaltes „A ist gichtig“, und ich erkenne: A ist mürrisch. So angesehen, lassen sich zwei Hauptfälle unterscheiden: Die neue Seite des Sachverhaltes ist entweder von vorneherein dem Bewußtsein gegeben, nur ist die Beziehung zwischen dem Ausgangspunkt und dieser anderen Seite noch nicht erfaßt, oder die neue Seite des Sachverhaltes entfaltet sich erst während des Denkens. Beidemal kann der Sachverhalt anschaulich oder auch begrifflich gegeben sein. Im ersteren Fall nähert sich die Schlußfolgerung der einfachen Wahrnehmung, im letzteren Fall verschwindet sie häufig fast ganz hinter dem inneren Sprechen. Zudem kann die eigentliche Seele des Schlusses, die neugewonnene Beziehungserkenntnis, dadurch noch mehr zurücktreten, daß die Blickrichtung schon von vorneherein festgelegt ist, so wenn ich mich frage: was haben wir von der gegenwärtigen Lage zu erwarten? In dieser Einstellung ist schon das Schema „A ist ...“ angelegt. Es braucht nur noch durch eine neu auftauchende Seite des Sachverhaltes ausgefüllt zu werden. Darum fällt auch der Nachdruck des Erlebnisses auf die Reproduktion dieser neuen Seite und nicht auf die Erfassung der Beziehung, obwohl ohne diese von einem Erkenntnisfortschritt nicht die Rede sein kann.Die zuletzt beschriebenen Fälle des in Worte gekleideten Denkens hat die Gelegenheitsbeobachtung schon herausgegriffen, als sie die Behauptung aufstellte: wir denken in Enthymemen. Die experimentelle Beobachtung mußte demgegenüber nachweisen, daß das Enthymem nureineder verschiedenen Schlußweisen ist. Übrigens vermochte die Heraushebung solcher enthymemartiger Schlüsse noch kein rechtes Bild von dem Wesen des Schlußvorganges zu vermitteln. Denn einerseits hat sie den wichtigsten Teil des Prozesses, eben die Beziehungserfassung, nicht ans Licht gezogen, anderseits legte sie unverdienten Nachdruck auf das „also“. Logische Erwägungen und die Art der Darstellung der Schlüsse ließen bisher glauben, im Vordergrunde des Schlußerlebens stehe die Betonung des Zusammenhanges zwischen der Ausgangs- und der Schlußerkenntnis. Dem ist aber keineswegs so, wie das Experiment gezeigt hat. Das Wichtigste ist für den Erlebenden die neue Erkenntnis selbst. Erst wenn er an ihrer Richtigkeit zweifelt oder wenn er sie für einen anderen begründen will, wird das „also“,wird der innere Zusammenhang zwischen Voraussetzung und Folgerung hervorgehoben. Die logische Richtigkeit ist beim naturgemäßen Schließen überhaupt eine spätere Sorge. Das zeigt sich namentlich bei den Zusammenhangsrelationen. Wir schließen da in der Regel auf das (alleinige) Bestehen jenes Zusammenhanges, der sich uns gerade dank der Konstellation anbietet. So folgert man etwa aus dem Satz „A ist Schwager“: also hat er eine verheiratete Schwester.Es bedingt nun gar keinen Unterschied, ob der Ausgangssachverhalt durch einen oder mehrere Sätze (oder Wahrnehmungen) beschafft wird. Zwischen der sog. unmittelbaren Folgerung A über B, also B unter A, und der mittelbaren Folgerung A über C, C über B, also B unter A, besteht gar kein Wesensunterschied. Beidemal wird ein Sachverhalt in unser Wissen eingeführt, und an dem so gewonnenen Sachverhaltswissen wird eine neue Beziehung erfaßt. Ähnlich verhält es sich mit dem regelrechtenSyllogismusder Logik. Auch seine Prämissen dienen nur dazu, den Gesamtsachverhalt vorzulegen. Das syllogistische Schließen unterscheidet sich von dem naturgemäßen auf doppelte Weise. Hier ist häufig der Gesamtsachverhalt von Anfang an noch nicht gegeben, die neue Seite des Sachverhaltes, auf die sich das beziehende Blicken richtet, ist noch nicht entfaltet, und es bleibt oft der zufälligen Konstellation anheimgegeben, welche der verschiedenen Seiten des Sachverhaltes sich darbieten werden. Dieser Zufälligkeit beugt der Syllogismus vor, indem er durch einen der Vordersätze gerade jene Seite des Sachverhaltes bewußt macht, auf die der Schluß gehen soll. Außerdem wird die Beziehungsrichtung durch die begünstigte Stellung von S und P vorbereitet. Es kann nun auch beim Syllogismus der Schluß vermittels einer Beziehungserfassung an einem anschaulich gegebenen Gesamtsachverhalt gewonnen werden, oder es können die begrifflichen Beziehungen im Vordergrunde stehen, oder es kann die sprachliche Form besonders betont sein. Daraus ergeben sich mannigfache, aber ziemlich gesetzmäßig sich bildende Variationen, die hier im einzelnen nicht aufgezählt werden können. Doch sei noch folgende lehrreiche Beobachtung erwähnt: Man kann an Hand der wohlverstandenen Prämissen zu dem Schlußergebnis gelangen, ohne den oben geschilderten Prozeß durchzumachen. Die Beobachter erklären in solchen Fällen einhellig, sie hätten kein Schlußerlebnis gehabt. Wenn nämlich der Mittelbegriff infolge des Obersatzes prägnant wird, wenn z. B. in dem bekannten Syllogismus von dem sterblichen Menschen das Wort Mensch im Untersatz „Cajus ist ein Mensch“ sich schon mit der Bedeutung „sterblich“ versehen darbietet, wird die Sterblichkeit des Cajus ohne jene neue Beziehungserfassung erkannt, in der wir die Seele des Syllogismus und des Schlusses überhaupt erblicken.
Der Schlußvorgang kann auch folgendermaßen beschrieben werden: Wissensmäßig ist uns ein Sachverhalt gegeben. Dieser Sachverhalt besitzt eine weitere Seite, die bisher noch nicht beachtet wurde. Ich weiß z. B., mein Freund A hat die Gicht. Mit dem Sachverhalt „Gicht haben“ ist aber der andere „mürrisch sein“ verbunden, doch habe ich bis jetzt nicht darauf geachtet. Jetzt fällt mein beziehendes Blicken auf diese neue Seite des Sachverhaltes „A ist gichtig“, und ich erkenne: A ist mürrisch. So angesehen, lassen sich zwei Hauptfälle unterscheiden: Die neue Seite des Sachverhaltes ist entweder von vorneherein dem Bewußtsein gegeben, nur ist die Beziehung zwischen dem Ausgangspunkt und dieser anderen Seite noch nicht erfaßt, oder die neue Seite des Sachverhaltes entfaltet sich erst während des Denkens. Beidemal kann der Sachverhalt anschaulich oder auch begrifflich gegeben sein. Im ersteren Fall nähert sich die Schlußfolgerung der einfachen Wahrnehmung, im letzteren Fall verschwindet sie häufig fast ganz hinter dem inneren Sprechen. Zudem kann die eigentliche Seele des Schlusses, die neugewonnene Beziehungserkenntnis, dadurch noch mehr zurücktreten, daß die Blickrichtung schon von vorneherein festgelegt ist, so wenn ich mich frage: was haben wir von der gegenwärtigen Lage zu erwarten? In dieser Einstellung ist schon das Schema „A ist ...“ angelegt. Es braucht nur noch durch eine neu auftauchende Seite des Sachverhaltes ausgefüllt zu werden. Darum fällt auch der Nachdruck des Erlebnisses auf die Reproduktion dieser neuen Seite und nicht auf die Erfassung der Beziehung, obwohl ohne diese von einem Erkenntnisfortschritt nicht die Rede sein kann.
Die zuletzt beschriebenen Fälle des in Worte gekleideten Denkens hat die Gelegenheitsbeobachtung schon herausgegriffen, als sie die Behauptung aufstellte: wir denken in Enthymemen. Die experimentelle Beobachtung mußte demgegenüber nachweisen, daß das Enthymem nureineder verschiedenen Schlußweisen ist. Übrigens vermochte die Heraushebung solcher enthymemartiger Schlüsse noch kein rechtes Bild von dem Wesen des Schlußvorganges zu vermitteln. Denn einerseits hat sie den wichtigsten Teil des Prozesses, eben die Beziehungserfassung, nicht ans Licht gezogen, anderseits legte sie unverdienten Nachdruck auf das „also“. Logische Erwägungen und die Art der Darstellung der Schlüsse ließen bisher glauben, im Vordergrunde des Schlußerlebens stehe die Betonung des Zusammenhanges zwischen der Ausgangs- und der Schlußerkenntnis. Dem ist aber keineswegs so, wie das Experiment gezeigt hat. Das Wichtigste ist für den Erlebenden die neue Erkenntnis selbst. Erst wenn er an ihrer Richtigkeit zweifelt oder wenn er sie für einen anderen begründen will, wird das „also“,wird der innere Zusammenhang zwischen Voraussetzung und Folgerung hervorgehoben. Die logische Richtigkeit ist beim naturgemäßen Schließen überhaupt eine spätere Sorge. Das zeigt sich namentlich bei den Zusammenhangsrelationen. Wir schließen da in der Regel auf das (alleinige) Bestehen jenes Zusammenhanges, der sich uns gerade dank der Konstellation anbietet. So folgert man etwa aus dem Satz „A ist Schwager“: also hat er eine verheiratete Schwester.
Es bedingt nun gar keinen Unterschied, ob der Ausgangssachverhalt durch einen oder mehrere Sätze (oder Wahrnehmungen) beschafft wird. Zwischen der sog. unmittelbaren Folgerung A über B, also B unter A, und der mittelbaren Folgerung A über C, C über B, also B unter A, besteht gar kein Wesensunterschied. Beidemal wird ein Sachverhalt in unser Wissen eingeführt, und an dem so gewonnenen Sachverhaltswissen wird eine neue Beziehung erfaßt. Ähnlich verhält es sich mit dem regelrechtenSyllogismusder Logik. Auch seine Prämissen dienen nur dazu, den Gesamtsachverhalt vorzulegen. Das syllogistische Schließen unterscheidet sich von dem naturgemäßen auf doppelte Weise. Hier ist häufig der Gesamtsachverhalt von Anfang an noch nicht gegeben, die neue Seite des Sachverhaltes, auf die sich das beziehende Blicken richtet, ist noch nicht entfaltet, und es bleibt oft der zufälligen Konstellation anheimgegeben, welche der verschiedenen Seiten des Sachverhaltes sich darbieten werden. Dieser Zufälligkeit beugt der Syllogismus vor, indem er durch einen der Vordersätze gerade jene Seite des Sachverhaltes bewußt macht, auf die der Schluß gehen soll. Außerdem wird die Beziehungsrichtung durch die begünstigte Stellung von S und P vorbereitet. Es kann nun auch beim Syllogismus der Schluß vermittels einer Beziehungserfassung an einem anschaulich gegebenen Gesamtsachverhalt gewonnen werden, oder es können die begrifflichen Beziehungen im Vordergrunde stehen, oder es kann die sprachliche Form besonders betont sein. Daraus ergeben sich mannigfache, aber ziemlich gesetzmäßig sich bildende Variationen, die hier im einzelnen nicht aufgezählt werden können. Doch sei noch folgende lehrreiche Beobachtung erwähnt: Man kann an Hand der wohlverstandenen Prämissen zu dem Schlußergebnis gelangen, ohne den oben geschilderten Prozeß durchzumachen. Die Beobachter erklären in solchen Fällen einhellig, sie hätten kein Schlußerlebnis gehabt. Wenn nämlich der Mittelbegriff infolge des Obersatzes prägnant wird, wenn z. B. in dem bekannten Syllogismus von dem sterblichen Menschen das Wort Mensch im Untersatz „Cajus ist ein Mensch“ sich schon mit der Bedeutung „sterblich“ versehen darbietet, wird die Sterblichkeit des Cajus ohne jene neue Beziehungserfassung erkannt, in der wir die Seele des Syllogismus und des Schlusses überhaupt erblicken.
Verwandt mit dem Schließen ist dasBegründen. Nur ist hier das Ziel der Denkarbeit in dem zu ermittelndenSachverhalt schon gegeben. Der Begründungsvorgang verläuft nun im allgemeinen so, daß der Denkende durch eine Analyse des Sachverhaltes zu einem anderen, sicher feststehenden Sachverhalt vorzudringen sucht, von dem aus er durch einen eigentlichen Schluß den zu begründenden Sachverhalt wiedergewinnt. Ähnlich wie bei dem Schlußprozeß das „also“, tritt hier das „denn“ in den Hintergrund.
Literatur
G.Störring, Experim. Untersuchungen über einfache Schlußprozesse. ArPs 11, 1908.J.Lindworsky, Das schlußfolgernde Denken. 1916.
G.Störring, Experim. Untersuchungen über einfache Schlußprozesse. ArPs 11, 1908.
J.Lindworsky, Das schlußfolgernde Denken. 1916.