7. Kap. Das produktive Denken
Unter produktivem Denken verstehen wir hier ganz allgemein das Denken im Dienste bestimmter Aufgaben. Solches Denken ist ganz wesentlich eine Willenshandlung und muß unter diesem Gesichtspunkt später noch eigens betrachtet werden. Hier berücksichtigen wir nur die Erkenntnisvorgänge. Früher glaubte man, eine gestellte Aufgabe lasse alle möglichen mit dem Aufgabewort assoziierten Vorstellungen auftauchen; man ginge dann die einzelnen Vorstellungen durch, verwerfe die unpassenden und greife die passende heraus. Nun hat aberSelzgezeigt, daß von einer solchen diffusen Vorstellungsreproduktion keine Rede sein kann. Nicht unzusammenhängende Einzelvorstellungen tauchen auf, sondern das methodische Verfahren, das wir zur Lösung der Aufgabe früher erlernt haben, wird uns bewußt. Die Vorstellung des Verfahrens wirkt nun als antizipierendes Schema und liefert uns gleichfalls keine diffusen, sondern nur die mit ihm einen Komplex bildenden sachdienlichen Vorstellungen. Sie werden mit der Aufgabe verglichen, und wenn durch eine Beziehungserfassung ihre Übereinstimmung mit der Aufgabe erkannt ist, werden sie angenommen, andernfalls wird methodisch weiter gesucht.
Wir fanden diese Ergebnisse auf einem vonSelznicht untersuchten Gebiet bestätigt. Unseren Vpn war die Aufgabe gestellt, Vergleiche zu finden, z. B. was läßt sich mit einem Bügeleisen vergleichen? Es drängen sich nun keineswegsalle möglichen mit „Bügeleisen“ assoziierten Vorstellungen auf, sondern die Vpn fragen sich in der Regel: was tut das Bügeleisen? Sie abstrahieren also einen bestimmten Sachverhalt, z. B. den des Glättens. Dieser Zug dient nun als antizipierendes Schema für eine weitere Komplexergänzung: was glättet auch? Der Komplex ergänzt sich etwa durch die Vorstellung: sanfte Worte.
Allgemein gesprochen handelt es sich also bei der Lösung von Aufgaben darum, Ziel und Mittel zusammen zu bringen. O.Selzunterscheidet hier vier mögliche Fälle. 1) Das zu erreichende Ziel und die zum Ziel führenden Mittel können dem Denker bekannt und gegenwärtig sein. Weiß er außerdem noch die Zuordnung jener Mittel im allgemeinen zu dieser bestimmten Art von Zielen, so braucht er einfach diese anzuwenden. Ein Beispiel: Sind vielstellige Zahlen zu multiplizieren, so braucht man sich nur an den Sachverhalt zu erinnern, daß eine bestimmte logarithmische Rechnungsweise zum Ziel führt und sich jenes Verfahren selbst wieder zu vergegenwärtigen und anzuwenden. Es sind also in der Hauptsache Sachverhalts-, d. h. Komplexreproduktionen (S. 173), die hier in Frage kommen. 2) Ist das Ziel gegeben, ein zweckdienliches Mittel jedoch noch nicht bekannt, so werden ebenfalls vermittels Komplexreproduktionen mannigfache Mittel ins Gedächtnis gerufen, die allenfalls in Frage kommen könnten, und diese werden einzeln auf ihre Tauglichkeit geprüft. So hätte man sich etwa zu fragen: sind Logarithmen zur Addition verwendbar? Hier muß also zur Reproduktion noch die Beziehungserfassung der Geeignetheit, wohl zumeist eine Erfassung der Gleichheit, hinzutreten. Dabei wird häufig ein Schlußprozeß eingreifen. Jedes Mittel stellt nämlich für uns einen Sachverhalt dar. Zeigt sich nun dieser Sachverhalt von einer Seite, die für unsere Zwecke wertlos ist, so verwerfen wir es als ungeeignet. Durch schlußfolgerndes Denken entdecken wir aber unter Umständen an diesem Sachverhalt eine neue Beziehung, wie wir sie brauchen, und anerkennen nun das Mittel als das erwünschte. Wir suchen z. B. nach einem Werkzeug, das uns die Dienste einer Zange leistet. Wir finden eine Schere. IhreGeeignetheit zum Schneiden befriedigt uns nicht. Da entdecken wir, daß sie, quergestellt, zum Packen und Heben verwendbar sei, und sind so zum Ziele gelangt. Es befreit uns also der Schluß aus den Fesseln der Assoziationen, wenngleich sein Zustandekommen gar häufig auch von assoziativen Bedingungen abhängt. 3) Birgt aber unser Gedächtnis kein taugliches Mittel, so sind wir auf die Gnade des Zufalls angewiesen. Dank der Determination zur Lösung der uns vorschwebenden Aufgabe, von der bei den Willenshandlungen noch die Rede sein wird, bleiben wir nämlich auf das Entdecken eines geeigneten Mittels eingestellt und richten gleichsam an alle Dinge, die uns begegnen, die Frage, ob sie nicht für unsere Zwecke verwendbar seien. Der weitere Verlauf ist derselbe wie im vorigen Falle: entweder wir erkennen die Untauglichkeit des Mittels oder wir entdecken durch unmittelbare oder mittelbare Beziehungserfassung seine Brauchbarkeit und rufen erfreut unser Heureka. 4) Endlich kann uns ein Mittel und sein Erfolg als etwas Tatsächliches, aber von uns nicht Erstrebtes zufällig dargeboten werden. So bemüht sich der Primitive, ein Tongefäß in einem geflochtenen Korb zu formen, der Korb aber hinterläßt ornamental wirkende Eindrücke in der Tonmasse. Eine dreifache Relationserfassung wird hier das schöpferische Denken ausmachen: die regelmäßigen Eindrücke müssen als die Ursache des ästhetischen Genusses, der Korb als Ursache der Toneindrücke und die Erzeugung solcher Eindrücke als ein mögliches Ziel eigener Tätigkeit erkannt werden.
Komplexergänzung, Beziehungserfassung und Willensvorgänge sind die drei Faktoren, die in das produktive Denken Richtung, Ordnung und Abkürzung hineinbringen. Wollte man es ohne die beiden letzten Faktoren oder gar einzig und allein mit Elementarassoziationen begreifen, so wäre das ein ebenso aussichtsloses Beginnen, wie wenn man Goethes Faust aus blindlings hingeworfenen Buchstaben zu erhalten hoffte.
Aus dem bisher Gesagten können wir leicht zwei Arten der Begabung für das produktive Denken ableiten: die Begabung zumEntdeckenund die zumErfinden. Am vorgegebenen Inhalt müssen Beziehungen erfaßt werden, dasist die Sache des Entdeckers; das nur wenig bestimmte antizipierende Schema muß sich leicht mit einem bestimmteren Inhalt füllen, das ist die Begabung des Erfinders. Man wird aber die Befähigung des Entdeckers nicht im Gegensatz zu der des Erfinders auf dem Gebiet des „Intellektes“, d. h. der Beziehungserfassung selbst zu suchen haben. Soweit mein Beobachtungsmaterial reicht, beruht die Entdeckergabe nicht so sehr darauf, daß man anzweischon vorliegenden Inhalten Beziehungen erfaßt, als vielmehr darauf, daß der eine gegenwärtige Inhalt leicht einen zweiten verwandten ins Bewußtsein ruft, anders gesagt: daß die allgemeineren Züge eines gegebenen Vorstellungsinhaltes leicht die eines anderen Vorstellungskomplexes miterregen. Die Beziehungserfassung folgt dann nach und vollendet die Entdeckung. — Die Absicht und die Einstellung zu erfinden oder zu entdecken ist für den Erfolg von höchster Bedeutung und kann bis zu einem gewissen Grad die Begabung ersetzen. Aber nur selten wird sich ohne diese Begabung Erfinderfreude und Entdeckereinstellung ausbilden.
Literatur
O.Selz, Zur Psychologie des produktiven Denkens und des Irrtums. 1922.J.Lindworsky, Vorzüge und Mängel bei der Lösung von Denkaufgaben. ZaPs 18 (1921).
O.Selz, Zur Psychologie des produktiven Denkens und des Irrtums. 1922.
J.Lindworsky, Vorzüge und Mängel bei der Lösung von Denkaufgaben. ZaPs 18 (1921).