3. Kap. Die Willenshandlung als Folge des Willensaktes
Es war ein dornenvolles Problem für die Assoziationspsychologie, wie auf den in Vorstellungen oder Gefühle aufgelösten Willensakt die erwünschte äußere Bewegung folgen könnte. Da verrieten experimentelle Untersuchungen, daß man kaum einen anschaulichen Gegenstand oder gar eine Bewegung vorstellen könne, ohne völlig unbewußte Bewegungen auszuführen, die dem vorgestellten Objekt entsprechen. Man stellte also den Satz auf: jede Vorstellung hat die Tendenz, eine Bewegung hervorzurufen oder gar das von ihr gemeinte Objekt zu verwirklichen. Das Problem wäre dann nicht darin zu suchen, daß auf die Zielvorstellung eine Bewegung folgt, sondern eher darin, warum nicht auf jede Vorstellung hin eine Bewegung eintritt. Indes setzen alle Fälle einer durch eine Vorstellung ausgelösten (ideomotorischen) Bewegung schon eine Übung in dieser Bewegung voraus. Nur wenn eine Vorstellung häufig von einer Bewegung gefolgt war, hat sie die Tendenz, eine solche wieder hervorzurufen. Es ist das somit nur ein Sonderfall des allgemeinen Assoziationsgesetzes. Man käme auch von diesem Standpunkt aus zu den merkwürdigsten Folgerungen: Zunächst würde der tatsächlich vorhandene Willensakt gänzlich bedeutungslos. Sodann müßte die innere Verbindung zwischen Vorstellung und Handlung erklärt werden. Man hat dies durch eine Ähnlichkeitsassoziation zu erreichen versucht. Aber worin soll die Ähnlichkeit beider bestehen? Gewiß nicht in ihrer psychologischen Natur; denn die Vorstellung einer Bewegung ist etwas ganz anderes als die Bewegung selbst. Es bleibt also nur eine Ähnlichkeit zwischen dem Inhalt, der Bedeutung der Vorstellung und der Handlung. Allein ganz abgesehen davon, daß das Gesetz der Ähnlichkeitsassoziation so nicht zu verstehen ist, erwächst so die neue Schwierigkeit, warum denn nicht jegliche Bedeutung zur Verwirklichung dieser Bedeutung führt, warum insbesondere gewisse einfachste Bewegungen auch beim entschiedensten Willen und bei unversehrtem Bewegungsapparat nichtzu verwirklichen sind, man denke an die willkürliche Bewegung der Ohren. Hier bliebe nur die Annahme einer zuvor angelegten Verbindung zwischen Vorstellungen und Bewegungen möglich, womit dann freilich die wissenschaftliche Erklärung ihr Ende erreicht hätte. Allerdings die eben genannte Tatsache, daß viele Menschen gewisse Bewegungen, zu denen sie an sich befähigt sind, trotz besten Willens nicht auszuführen vermögen, beweist anderseits, daß die Willenshandlung mit dem bloßen Hinweis auf die bestehende Willensabsicht nicht erklärbar ist.
Vor jedem Erklärungsversuch wird es sich empfehlen, eine Übersicht überdie verschiedenen Arten der Bewegungenzu geben, die zu unserem Seelenleben in Beziehung stehen. Zunächst sind dieReflexbewegungenzu berücksichtigen. Einige von diesen, wie die Verdauungs- und Herzbewegungen, vollziehen sich ganz unabhängig von unserem Bewußtsein. Wir bemerken sie höchstens, wenn sie krankhaft gestört sind. Andere Reflexbewegungen, wie das Niesen, der unwillkürliche Lidschluß, treten erst dann ein, wenn ein entsprechender Reiz gewisse Empfindungen auslöst. Dennoch ist die Reflexbewegung in ihrem Eintritt in der Regel von unserem Willen ganz unabhängig; höchstens können wir einzelne von ihnen indirekt durch Einführung oder Beachtung anderer Reize hemmen. Alle Reflexbewegungen sind angeboren. Schon beim kleinen Kind sind sie zu beobachten: bei Lichteinfall schließen sich krampfhaft die Augenlider, bei Berührung des Handtellers ballt sich die Faust, süße Geschmacksreize rufen Schlucken, bittere das Öffnen des Mundes oder gar das Ausstoßen der Reize hervor. Über den Reflexbewegungen stehen dieInstinktbewegungen. Darunter „versteht man komplizierte Bewegungen, die von Anfang an, d. i. ohne vorausgehende Übung, wohlgeordnet ausgeführt werden und in hohem Grade den Stempel der objektiven Zweckmäßigkeit an sich tragen“ (Bühler). Solche Instinktbewegungen sind uns aus dem Leben der Tiere sehr wohl bekannt: der Nestbau der Tiere, ihre Verteidigungskünste u. ä. Auch der Mensch verfügt über Instinktbewegungen, doch sind sie bei ihm verhältnismäßig gering an Zahl und einfach. Sie dienen hauptsächlich dem Ernährungs- und dem Atmungsprozeß. Auch die Instinktbewegungen sind angeboren. Ihre Verbindung mit dem Bewußtsein ist jedoch enger als die der Reflexe. Die Instinktbewegungen treten erst dann auf, wenn bestimmte innere oder äußere Reize sich im Bewußtsein geltend machen. Das junge Entchen beginnt zu schwimmen, sobald es zum Wasser kommt, und die Nahrungsaufnahme des Tieres wird beendet, sobald sich die Sättigungsempfindungen einstellen. Die Instinkthandlungen sind auch dadurch vom Bewußtsein abhängig, daß sie von demerwachsenen Menschen leicht willkürlich unterdrückt und beim Tier durch die Dressur gehemmt werden können[10].Von beiden Gruppen sind die eigentlichen Willkürhandlungen wesentlich verschieden. Sie sind vor allem nicht als solche angeboren, sondern müssen neu erlernt werden; sie liegen nicht in ihrem Verlauf fest, so daß auf bestimmte Eindrücke hin eine bestimmte Bewegungsfolge erschiene. Allerdings erlauben auch die Instinktbewegungen der Tiere, namentlich der höheren, eine gewisse Anpassung: nicht nur ein fest umrissener Eindruck, sondern auch ein diesem nur ähnlicher vermag innerhalb gewisser Grenzen den Instinkt auszulösen, und auch dieser hat eine gewisse Variationsbreite. Gleichwohl herrscht doch eine unverkennbare Einförmigkeit der Handlungsweise. Bei den gewollten Bewegungsfolgen aber wird für jede neue Lage ein anderes Verhalten eingeschlagen. Wird endlich eine erlernte Bewegung durch ausgedehnte Übung sehr geläufig, so entzieht sie sich wieder dem Bewußtsein mehr und mehr, sie wird automatisch.
Vor jedem Erklärungsversuch wird es sich empfehlen, eine Übersicht überdie verschiedenen Arten der Bewegungenzu geben, die zu unserem Seelenleben in Beziehung stehen. Zunächst sind dieReflexbewegungenzu berücksichtigen. Einige von diesen, wie die Verdauungs- und Herzbewegungen, vollziehen sich ganz unabhängig von unserem Bewußtsein. Wir bemerken sie höchstens, wenn sie krankhaft gestört sind. Andere Reflexbewegungen, wie das Niesen, der unwillkürliche Lidschluß, treten erst dann ein, wenn ein entsprechender Reiz gewisse Empfindungen auslöst. Dennoch ist die Reflexbewegung in ihrem Eintritt in der Regel von unserem Willen ganz unabhängig; höchstens können wir einzelne von ihnen indirekt durch Einführung oder Beachtung anderer Reize hemmen. Alle Reflexbewegungen sind angeboren. Schon beim kleinen Kind sind sie zu beobachten: bei Lichteinfall schließen sich krampfhaft die Augenlider, bei Berührung des Handtellers ballt sich die Faust, süße Geschmacksreize rufen Schlucken, bittere das Öffnen des Mundes oder gar das Ausstoßen der Reize hervor. Über den Reflexbewegungen stehen dieInstinktbewegungen. Darunter „versteht man komplizierte Bewegungen, die von Anfang an, d. i. ohne vorausgehende Übung, wohlgeordnet ausgeführt werden und in hohem Grade den Stempel der objektiven Zweckmäßigkeit an sich tragen“ (Bühler). Solche Instinktbewegungen sind uns aus dem Leben der Tiere sehr wohl bekannt: der Nestbau der Tiere, ihre Verteidigungskünste u. ä. Auch der Mensch verfügt über Instinktbewegungen, doch sind sie bei ihm verhältnismäßig gering an Zahl und einfach. Sie dienen hauptsächlich dem Ernährungs- und dem Atmungsprozeß. Auch die Instinktbewegungen sind angeboren. Ihre Verbindung mit dem Bewußtsein ist jedoch enger als die der Reflexe. Die Instinktbewegungen treten erst dann auf, wenn bestimmte innere oder äußere Reize sich im Bewußtsein geltend machen. Das junge Entchen beginnt zu schwimmen, sobald es zum Wasser kommt, und die Nahrungsaufnahme des Tieres wird beendet, sobald sich die Sättigungsempfindungen einstellen. Die Instinkthandlungen sind auch dadurch vom Bewußtsein abhängig, daß sie von demerwachsenen Menschen leicht willkürlich unterdrückt und beim Tier durch die Dressur gehemmt werden können[10].
Von beiden Gruppen sind die eigentlichen Willkürhandlungen wesentlich verschieden. Sie sind vor allem nicht als solche angeboren, sondern müssen neu erlernt werden; sie liegen nicht in ihrem Verlauf fest, so daß auf bestimmte Eindrücke hin eine bestimmte Bewegungsfolge erschiene. Allerdings erlauben auch die Instinktbewegungen der Tiere, namentlich der höheren, eine gewisse Anpassung: nicht nur ein fest umrissener Eindruck, sondern auch ein diesem nur ähnlicher vermag innerhalb gewisser Grenzen den Instinkt auszulösen, und auch dieser hat eine gewisse Variationsbreite. Gleichwohl herrscht doch eine unverkennbare Einförmigkeit der Handlungsweise. Bei den gewollten Bewegungsfolgen aber wird für jede neue Lage ein anderes Verhalten eingeschlagen. Wird endlich eine erlernte Bewegung durch ausgedehnte Übung sehr geläufig, so entzieht sie sich wieder dem Bewußtsein mehr und mehr, sie wird automatisch.
Aus dieser Übersicht der Bewegungen geht hervor, daß das oben aufgeworfene Problem: wie kommt es vom Willensakt zur gewollten Bewegung, nur für die dritte Art der Bewegungen gilt. Die heute allgemein angenommene Beantwortung des Problems ist nun diese: Von Geburt aus stehen dem Kind eine Anzahl von Reflex- und Instinktbewegungen zu Gebote, die es auf einzelne Reize hin ausübt und dann aus Spielfreude unzähligemale wiederholt. Jede Bewegung hinterläßt nun eine Vorstellung von sich, und diese Vorstellung assoziiert sich physiologisch mit den motorischen Erregungen, die zur Bewegung führen. Und zwar wird diese Assoziation in beiden Richtungen ausgebildet: von der Bewegung zum Bewegungsbild und umgekehrt. Dieses Bewegungsbild kann ein kinästhetisches im engeren Sinne sein (S. 63) oder auch ein optisches Bild. Sobald das Kind einmal die Vorstellung von seinen Bewegungen erlangt hat, können diese Ziel seines Wollens werden.Es will die Bewegung, und dieses innerliche Wollen, diese Hinwendung zur Bewegungsvorstellung versetzt diese nach unserer Annahme in die Möglichkeit, den assoziativen Prozeß von der Bewegungsvorstellung zur motorischen Erregung einzuleiten. Soweit wäre die einfache und als solche schon angeboreneBewegung verständlich. Die nichtangeborenen Bewegungen lassen sich nun als Zusammensetzungen aus angeborenen auffassen. Sie werden dem Kinde teils von seiner Umgebung beigebracht, teils mehr zufällig von ihm erworben. Das Schema des Vorganges ist ganz das gleiche wie zuvor. Nur daß wir statt einer einfachen eine zusammengesetzte Bewegungsvorstellung oder, wenn man lieber will, die Vorstellung einer zusammengesetzten Bewegung einführen müssen. So erklären sich die beiden wichtigen Tatsachen: einmal die zum Teil recht mühsame Erlernung neuer Bewegungen, die nur durch zahlreiche Wiederholungen geläufig werden und sich in dieser Beziehung geradeso wie andere Gedächtnisleistungen verhalten; sodann die Unmöglichkeit, gewisse einfache Bewegungen auszuführen, zu denen zwar der motorische Apparat vorhanden wäre, die aber als solche nicht angeboren sind. Es fehlt in letzterem Falle eben die Bewegungsvorstellung, das assoziative Bindeglied zwischen Willensakt und motorischer Erregung. Sobald dieses herbeigeschafft ist, und es läßt sich herbeischaffen, werden auch solche Bewegungen erlernt.
Man hat nun heiß darüber gestritten, welchem Sinnesgebiet die Bewegungsvorstellung angehöre. Zunächst glaubte man sie unter den im engeren Sinne kinästhetisch zu nennenden Vorstellungen suchen zu müssen. Die experimentelle Selbstbeobachtung entdeckte indes kaum etwas von diesen Vorstellungen. Auch das optische Bild unserer Muskelbewegungen, an das man an zweiter Stelle dachte, tritt nur verhältnismäßig selten auf, zumeist nur, wenn es sich um ungewohnte Bewegungen handelt. Sehr häufig werden die äußeren Handlungen durch die Betonung dieser Vorstellungen eher gehemmt, dagegen gelingen sie in der Regel am besten, wenn man sich nur mit dem äußeren zu erreichenden Effekt befaßt. Manche Autoren wollten darum überhaupt die Bedeutung der Bewegungsvorstellungen anzweifeln. Allein da hat man mit ungeeigneten Waffen gekämpft. Das steht auf jeden Fall fest, daß von der Vorstellung des Endzieles zu seiner Verwirklichung kein direkter Weg führt. Sonst müßte jeder Normale beliebig die Ohren bewegen können. Fernerdarf man nicht übersehen, daß alle diesbezüglichen experimentellen Untersuchungen an Erwachsenen und deren geläufigen Bewegungen angestellt wurden. Vielleicht geht man hier synthetisch sicherer voran. Zweifellos haben wir kinästhetische Empfindungen und dementsprechend bei den verschiedenen Bewegungen eindeutig verschiedene Komplexe solcher kinästhetischer Empfindungen. Es liegt nun durchaus kein Grund vor, daß diese kinästhetischen Empfindungskomplexe nicht ebenso wie alle anderen Empfindungen später als Vorstellungen reproduzierbar seien. Außer diesen kinästhetischen Vorstellungen erwerben wir aber auch die mit ihnen sich assoziierenden optischen Bewegungsvorstellungen, die Vorstellungen von den Namen dieser Bewegungen und die von der Wirkung, dem Ziel solcher Bewegungen. Alle diese Bilder sind miteinander assoziativ verbunden. Soll nun eine eingeübte Bewegung ausgeführt werden, so empfiehlt es sich, nur das Endziel im Auge zu haben: der geschickte Tennisspieler denkt nicht an den Schlag, den er demnächst ausführen will, sondern an die Stelle, wohin er den aufgefangenen Ball senden muß. Die an die Vorstellung von dem Endziel gebundenen weiteren Vorstellungen sind gut assoziiert und werden sich ganz von selbst der Reihe nach einfinden; eine besondere Aufmerksamkeitsrichtung auf sie könnte den Ablauf ebenso stören, wie es das Aufsagen eines gut erlernten Gedichtes stört, wenn man auf die Einzelheiten der Worte achtet. Dennoch sind die optischen und kinästhetischen Vorstellungen, die sich an die Zielvorstellung anreihen, nicht überflüssig. Denn wird die beabsichtigte Bewegung ein wenig gestört, so kann sich die Aufmerksamkeit ihnen zuwenden und die richtige Weiterführung der Bewegung vermitteln. Vielleicht beruht aber die Hauptbedeutung, namentlich der kinästhetischen Vorstellung, in folgendem. Besitzen wir von irgendeiner Erscheinung geläufige Vorstellungen, so werden diese ins Bewußtsein gerufen, sobald sich jene Erscheinung aufs neue zeigt. Damit ist die Möglichkeit geboten, die wiederholte Erscheinung mit der Vorstellung von ihr zu vergleichen, oder wenigstens ein Abweichen beider als etwas irgendwie Befremdliches zuverspüren. Durch diese Differenzen, die wir gar nicht als solche zu erkennen brauchen, werden wir also auf die Einzelheiten der Bewegung aufmerksam gemacht, sobald sich ihre Ausführung von ihrer Vorlage entfernt, und können somit durch Hinwendung unserer Aufmerksamkeit eine Entgleisung verhüten. Nach dieser Auffassung dienen sonach die kinästhetischen Vorstellungen der feinsten, die optischen der gröberen Korrektur der jeweils vollzogenen Bewegungen.
Das wird bestätigt durch einige Beobachtungen aus der Pathologie. Sind die Lageempfindungen gestört, so können bisweilen die Kranken das betreffende Glied nicht bewegen. Ein solcher Kranker läßt z. B. Gegenstände, die er in der Hand hat, fallen, sobald er nicht auf seinen Arm schaut. Offenbar können die kinästhetischen Vorstellungen, die zur entsprechenden motorischen Erregung hinleiten, auf doppeltem Wege geweckt werden: durch die kinästhetischen Empfindungen und durch die optischen Vorstellungen. Wären aber die kinästhetischen Vorstellungen überflüssig und könnte die motorische Erregung ebenso leicht durch die optischen Vorstellungen ausgelöst werden, so verstünde man nicht, wie bei der Ataxie der Ausfall oder die Störung der kinästhetischen Empfindungen die wohlbekannte Bewegung so sehr beeinträchtigen könnte. Für die Auslösung der Bewegung wären sie ja überflüssig. Sie könnten also nur noch der feineren Kontrolle dienen. Dann müßte aber das optische Bild der Bewegung mit dem durch die jeweiligen Lageempfindungen erzeugten kinästhetischen verglichen werden, ein Vorgang, der weder durch die Selbstbeobachtung bekundet wird, noch der sonst herrschenden Zweckmäßigkeit des psychischen Lebens entspricht. Gegen die kinästhetischen Vorstellungen darf man auch nicht geltend machen, sie ließen sich nicht ins Gedächtnis zurückrufen. Neuere Beobachtungen haben uns Vorstellungen kennen gelehrt, die sich nur wenig über die Bewußtseinsschwelle erheben und nur unter ganz besonderen Verhältnissen überhaupt zu entdecken sind. Vermutlich gehören die kinästhetischen Vorstellungen zu ihnen: man wird „den Faden finden“ müssen, um sie überhaupt ans Licht zu ziehen, ähnlich wie man oft die Worte eines Liedes nur von der Melodie aus reproduzieren kann.
Das wird bestätigt durch einige Beobachtungen aus der Pathologie. Sind die Lageempfindungen gestört, so können bisweilen die Kranken das betreffende Glied nicht bewegen. Ein solcher Kranker läßt z. B. Gegenstände, die er in der Hand hat, fallen, sobald er nicht auf seinen Arm schaut. Offenbar können die kinästhetischen Vorstellungen, die zur entsprechenden motorischen Erregung hinleiten, auf doppeltem Wege geweckt werden: durch die kinästhetischen Empfindungen und durch die optischen Vorstellungen. Wären aber die kinästhetischen Vorstellungen überflüssig und könnte die motorische Erregung ebenso leicht durch die optischen Vorstellungen ausgelöst werden, so verstünde man nicht, wie bei der Ataxie der Ausfall oder die Störung der kinästhetischen Empfindungen die wohlbekannte Bewegung so sehr beeinträchtigen könnte. Für die Auslösung der Bewegung wären sie ja überflüssig. Sie könnten also nur noch der feineren Kontrolle dienen. Dann müßte aber das optische Bild der Bewegung mit dem durch die jeweiligen Lageempfindungen erzeugten kinästhetischen verglichen werden, ein Vorgang, der weder durch die Selbstbeobachtung bekundet wird, noch der sonst herrschenden Zweckmäßigkeit des psychischen Lebens entspricht. Gegen die kinästhetischen Vorstellungen darf man auch nicht geltend machen, sie ließen sich nicht ins Gedächtnis zurückrufen. Neuere Beobachtungen haben uns Vorstellungen kennen gelehrt, die sich nur wenig über die Bewußtseinsschwelle erheben und nur unter ganz besonderen Verhältnissen überhaupt zu entdecken sind. Vermutlich gehören die kinästhetischen Vorstellungen zu ihnen: man wird „den Faden finden“ müssen, um sie überhaupt ans Licht zu ziehen, ähnlich wie man oft die Worte eines Liedes nur von der Melodie aus reproduzieren kann.
Literatur
H.Liepmann, Die Störungen des Handelns bei Gehirnkranken. 1905.J.Lindworsky, Der Wille. 3. Aufl. 1923.
H.Liepmann, Die Störungen des Handelns bei Gehirnkranken. 1905.
J.Lindworsky, Der Wille. 3. Aufl. 1923.
Die Lehre von der Aufmerksamkeit ist trotz zahlreicher Untersuchungen immer noch eines der unbefriedigendstenKapitel der experimentellen Psychologie. Wenn wir sie bei der Psychologie der Willenshandlung unterbringen, so glauben wir nicht, daß jede Aufmerksamkeitserscheinung als innere Willenshandlung aufzufassen sei, wir hoffen aber von hier aus einen sicheren Zugang zum Verständnis aller Aufmerksamkeitserlebnisse zu gewinnen, da sich die wichtigsten von ihnen nur als Willensäußerungen erklären lassen.
1)Begriff und Arten der Aufmerksamkeit.Die Aufmerksamkeit spielt eine so große Rolle im täglichen Leben, daß jedermann einen hinreichenden Begriff von ihr besitzt. Die Inhalte, die wir mit Aufmerksamkeit bedenken, werden der Mittelpunkt unseres Bewußtseinslebens. Ihr Gegenteil, die Zerstreutheit, läßt keine innere Sammlung, kein Verharren bei dem nämlichen Gegenstand aufkommen. Sie ist mit der berühmten Zerstreutheit des Gelehrten nicht zu verwechseln, die in Wahrheit ein sehr hoher Grad der Aufmerksamkeit zu sein pflegt, sich aber nicht auf jene Dinge richtet, mit denen es der „Zerstreute“ gerade äußerlich zu tun hat. — Hinsichtlich des Gegenstandes, dem sich die Aufmerksamkeit zuwendet, unterscheidet man die sinnliche von der geistigen Aufmerksamkeit, eine Unterscheidung, die in anderem Zusammenhang auch auf die sinnliche oder die geistige Erkenntnisfähigkeit bezogen wird, die aufmerksam ist. Weit geläufiger und bedeutsamer ist die Unterscheidung einer willkürlichen und einer unwillkürlichen Aufmerksamkeit. Die willkürliche wird bisweilen auch der aktiven, die unwillkürliche der passiven Aufmerksamkeit gleichgesetzt, womit allerdings der Theorie schon namhaft vorgegriffen ist.
Es wird die Untersuchung wesentlich erleichtern, wenn wir von vornherein Wesen, Hilfsmittel, Folgen und Begleiterscheinungen der Aufmerksamkeit unterscheiden. DasWesentlicheder Aufmerksamkeit sieht schon der vorwissenschaftliche Sprachgebrauch in einem gewissen willkürlichen oder unwillkürlichen Verhalten des Individuums. AlsHilfsmittelkönnen mancherlei Einstellungs- und Anpassungsbewegungen der Sinnesorgane gelten, so oft es sich um die aufmerksame sinnliche Wahrnehmung handelt. Diese Hilfsmittel werden teils willkürlich angewandt, teils treten sie durch angeborene Reflexe ins Spiel. Die Verwendung dieser Hilfsmittel erlaubt nochkeinen Schluß auf das Bestehen der Aufmerksamkeit; denn man kann willkürlich seine Aufmerksamkeit einem ganz anderen Gegenstande zuwenden als dem, auf welchen man die Sinnesorgane einstellt, und anderseits erscheinen schon beim Neugeborenen und beim jungen Tiere Reflexbewegungen, die zwar der Aufmerksamkeit dienen können, ihr Vorhandensein indes nicht wahrscheinlich machen. Dasselbe gilt von den wohl angeborenen Hemmungsmechanismen: das schreiende Kind kommt plötzlich zur Ruhe, wenn ein starker Licht-, Schall- oder Druckreiz unvermittelt einsetzt: der starke Reiz unterbricht da die begonnene Tätigkeit und verhindert andere Reize bis zum Bewußtsein vorzudringen. AlsFolgeder Aufmerksamkeit gilt gewöhnlich die größere Intensität oder auch die größere Klarheit eines mit Aufmerksamkeit bedachten Bewußtseinsinhaltes. Beides kann aber auch durch andere Umstände wie die größere Intensität des Reizes bedingt sein. Man wird darum die Klarheit und die Intensität der Bewußtseinsinhalte nicht einfachhin dem Aufmerksamkeitszustande gleichsetzen dürfen. Kann es doch auch geschehen, daß die beachteten Inhalte trotz der größten Aufmerksamkeit nicht zu nennenswerter Klarheit und Deutlichkeit zu erheben sind. Endlich darf man dieBegleiterscheinungender Aufmerksamkeit, wie das Stirnrunzeln oder andere Muskelspannungen oder auch die bei der Aufmerksamkeit häufig zu beobachtenden Puls- und Atmungserscheinungen (der Atem wird schneller und oberflächlicher; das Blut drängt zum Gehirn) nicht mit dem Aufmerksamkeitszustand selbst verwechseln. Es herrscht nicht einmal eine eindeutige Zuordnung beider Dinge. Im Gegenteil können die körperlichen Begleiterscheinungen der Aufmerksamkeit oftmals hemmend im Wege stehen.
Es wird die Untersuchung wesentlich erleichtern, wenn wir von vornherein Wesen, Hilfsmittel, Folgen und Begleiterscheinungen der Aufmerksamkeit unterscheiden. DasWesentlicheder Aufmerksamkeit sieht schon der vorwissenschaftliche Sprachgebrauch in einem gewissen willkürlichen oder unwillkürlichen Verhalten des Individuums. AlsHilfsmittelkönnen mancherlei Einstellungs- und Anpassungsbewegungen der Sinnesorgane gelten, so oft es sich um die aufmerksame sinnliche Wahrnehmung handelt. Diese Hilfsmittel werden teils willkürlich angewandt, teils treten sie durch angeborene Reflexe ins Spiel. Die Verwendung dieser Hilfsmittel erlaubt nochkeinen Schluß auf das Bestehen der Aufmerksamkeit; denn man kann willkürlich seine Aufmerksamkeit einem ganz anderen Gegenstande zuwenden als dem, auf welchen man die Sinnesorgane einstellt, und anderseits erscheinen schon beim Neugeborenen und beim jungen Tiere Reflexbewegungen, die zwar der Aufmerksamkeit dienen können, ihr Vorhandensein indes nicht wahrscheinlich machen. Dasselbe gilt von den wohl angeborenen Hemmungsmechanismen: das schreiende Kind kommt plötzlich zur Ruhe, wenn ein starker Licht-, Schall- oder Druckreiz unvermittelt einsetzt: der starke Reiz unterbricht da die begonnene Tätigkeit und verhindert andere Reize bis zum Bewußtsein vorzudringen. AlsFolgeder Aufmerksamkeit gilt gewöhnlich die größere Intensität oder auch die größere Klarheit eines mit Aufmerksamkeit bedachten Bewußtseinsinhaltes. Beides kann aber auch durch andere Umstände wie die größere Intensität des Reizes bedingt sein. Man wird darum die Klarheit und die Intensität der Bewußtseinsinhalte nicht einfachhin dem Aufmerksamkeitszustande gleichsetzen dürfen. Kann es doch auch geschehen, daß die beachteten Inhalte trotz der größten Aufmerksamkeit nicht zu nennenswerter Klarheit und Deutlichkeit zu erheben sind. Endlich darf man dieBegleiterscheinungender Aufmerksamkeit, wie das Stirnrunzeln oder andere Muskelspannungen oder auch die bei der Aufmerksamkeit häufig zu beobachtenden Puls- und Atmungserscheinungen (der Atem wird schneller und oberflächlicher; das Blut drängt zum Gehirn) nicht mit dem Aufmerksamkeitszustand selbst verwechseln. Es herrscht nicht einmal eine eindeutige Zuordnung beider Dinge. Im Gegenteil können die körperlichen Begleiterscheinungen der Aufmerksamkeit oftmals hemmend im Wege stehen.
2)Eigenschaften der Aufmerksamkeit.Sie lassen sich nach den Gesichtspunkten der Extensität, der Intensität und der zeitlichen Verhältnisse betrachten.
Unser Bewußtsein enthält stets eine Menge von Einzelinhalten, doch nicht alle von ihnen sind gleichzeitig Gegenstand der Aufmerksamkeit. Es scheint sogar, daß immer nur ein verhältnismäßig kleiner Teil der Bewußtseinsinhalte aufmerksam beachtet werden kann. (Die Enge des Bewußtseins.) DieserUmfang der Aufmerksamkeitist nicht bei allen Menschen und wohl auch nicht bei demselben Individuum zu allen Zeiten gleich groß. Manche Hysterische sind zu keiner weiteren Wahrnehmung mehr fähig, wenn man mit ihnen spricht. Es wurden die verschiedensten Versuche angestellt, um den Umfang der Aufmerksamkeit zu messen. Ein absolutes Maß läßt sich jedoch hier niemals gewinnen.Ein relatives Maß erhält man, indem man der Vp eine Aufgabe stellt, die sie nur bei aufmerksamer Beachtung der Reize lösen kann, und die in einer so kurzen Zeit zu erledigen ist, daß Aufmerksamkeitswanderungen ausgeschlossen sind. Ist dann die Leistung an sich den verschiedenen Vpn gleich geläufig, so läßt der verschiedene Umfang der Leistung einen verschiedenen Umfang der Aufmerksamkeit erkennen. So vermag der Erwachsene bei tachistoskopischer Darbietung 4–6 unverbundene Buchstaben oder Striche deutlich zu erkennen, während ein Kind von zwölf Jahren nur 3–4 auffassen kann. Werden dagegen mehrere Teilinhalte zu Einheiten verbunden, so kann eine unvergleichlich größere Menge von Teilinhalten beachtet werden; man denke an die Fülle der Eindrücke, die bei einer Orchestermusik gleichzeitig mit Aufmerksamkeit bedacht werden.
Als zweite Eigenschaft der Aufmerksamkeit kommt ihreIntensitätin Betracht. Nach allgemeiner Auffassung steht der Umfang der Aufmerksamkeit in umgekehrtem Verhältnis zu ihrer Intensität. Das bestätigen im großen und ganzen auch die Experimente, solange wenigstens unter der Aufmerksamkeit nichts anderes verstanden wird als die Hinwendung zum Bewußtseinsinhalt. Sobald aber außer der schlichten Hinwendung auch noch besondereAuffassungsprozessein das Aufmerksamkeitserlebnis mithineinbezogen werden, dürfte jenes Reziprozitätsverhältnis nicht mehr gelten. Die Intensität oder die Konzentration der Aufmerksamkeit kann nun eine verschieden hohe sein, doch ist es nicht leicht, ein brauchbares Maß hierfür zu finden.
Die Aufmerksamkeitskonzentration läßt sich am wenigsten an den begleitenden Spannungsempfindungen und anderen Ausdrucksbewegungen zuverlässig beurteilen. Sie bringen ja sehr oft störende Inhalte ins Bewußtsein. Einwandfreier geben unter sonst gleichen Umständen die erzielten Klarheitsgrade Auskunft über die Intensität der Aufmerksamkeit, durch die sie erreicht wurden. Indes bleibt man hierbei auf die subjektive Schätzung angewiesen. Man suchte darum in dem objektiven Ausfall einer Aufmerksamkeit erfordernden Leistung einen indirekten, aber zahlenmäßigen Ausdruck zu gewinnen. Oder man führte Schwellenbestimmungen aus, während die Vp sich aufmerksam miteiner andern Arbeit beschäftigte: je größer die Konzentration war, um so größer fiel auch der Schwellenwert aus. Endlich hoffte man durch Störungsversuche die Aufmerksamkeitsintensität messen zu können: je größer die Konzentration sei, um so größer müßte auch der Störungsreiz ausfallen, bei dem die Ablenkung zuerst gelang. Da zeigte sich nun, daß längst nicht jede Störung eine Verschlechterung der Leistung bedeutet. Oft gewöhnt man sich an den Störungsreiz, oder er wird sogar der Antrieb zu größerer Hingabe an die Arbeit, so daß diese im Gegenteil verbessert wird. Nur gegen unregelmäßige Störungsreize und solche, die an sich schon das Interesse der Vp wecken, kann man sich schwer wehren. Übrigens fragt es sich noch, ob die Ablenkbarkeit wirklich immer im umgekehrten Verhältnis zur Intensität der Aufmerksamkeit steht. Es wäre ja möglich, daß jemand sowohl einer hohen Aufmerksamkeitsintensität wie einer großen Ablenkbarkeit fähig wäre.Die Ablenkbarkeit führt uns zu den Eigenschaften der Aufmerksamkeit, die derzeitlichen Ordnungangehören: der Konstanz der Aufmerksamkeit, der Schnelligkeit der Aufmerksamkeitswanderung bzw. Aufmerksamkeitsanpassung, und der Aufmerksamkeitsschwankung. Ist die Aufgabe gestellt, bei dem einmal gegebenen Bewußtseinsinhalt zu verharren, so machen sich dieAufmerksamkeitsschwankungenbemerklich. Sie zeigen sich hinsichtlich des Umfanges, hinsichtlich des Gegenstandes, der im Blickpunkt der Aufmerksamkeit steht, und hinsichtlich der Klarheit des fixierten Objektes. Beachtet man sehr schwache Empfindungen, so verschwinden diese in gleichmäßigen Zeitabschnitten, so das Ticken der Taschenuhr bei größerem Abstand vom Ohr. Es ist noch umstritten, ob diese Schwankungen vorwiegend zentraler oder peripherer Natur sind; vielleicht beruhen sie auf der periodisch schwankenden Blutzufuhr nach dem Gehirn. Es ist aber auch nicht möglich, bei demselben Gegenstand unbegrenzt lang mit der Aufmerksamkeit zu verharren. Diese Schwankungen werden teils durch die Ermüdung, teils durch die Interesselosigkeit bedingt. Kinder, Kranke und Geschwächte können nur schwer bei demselben Objekt länger verweilen, zweifellos wegen der Schwäche des psychophysischen Apparates. Gesunden hingegen wird es schwer, demselben einfachen Sinnesinhalte, etwa einer Farbe, längere Zeit ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken. Daß sie von einer solchen Betrachtung nicht eigentlich ermüdet sind, geht aus der Leistungsfähigkeit hervor, die sie unmittelbar darnach beweisen können. Offenbar übten andere Gegenstände, die sich inzwischen der Wahrnehmung oder der Vorstellung anboten, eine größere Anziehungskraft aus. Dementsprechend gelingt es, denselben Gegenstand um so länger zu beachten, je mehr Teilinhalte er bietet, oder je mehr auf ihn bezügliche Vorstellungen er ins Bewußtsein ruft. Hauptsächlich aus dem letzteren Grunde und nicht so sehr wegen der nervösen Ermüdung können sich Kinder weniger lang mit der Betrachtung eines Bildesbeschäftigen als Erwachsene. Handelt es sich aber darum, einem neuen Gegenstande die Aufmerksamkeit zuzuwenden, so erheben sich vor allem zwei Fragen: Wie schnell kann überhaupt die Aufmerksamkeit wandern? Und: Gelingt es allen Menschen gleich schnell, sich auf die Beachtung eines neuen Objektes einzustellen?Früher setzte man dieGeschwindigkeit des Aufmerksamkeitsschrittessehr hoch an; genauere Versuche ergaben indes, daß er nicht kürzer als eine Drittel Sekunde ist. DieAdaptationsfähigkeitder Aufmerksamkeit kann man feststellen, indem man sonst gleich guten Lernern einen schwierigen Memorierstoff vorlegt und zusieht, wieviel bei den ersten Wiederholungen haften bleibt: Individuen mit guter Anpassung der Aufmerksamkeit werden mehr behalten als solche mit geringer Einstellungsfähigkeit. Es wird sich hierbei wohl in erster Linie um assoziative Faktoren handeln: je rascher die Vorstellungskomplexe bereitgestellt sind, die zur rechten Auffassung und zum Überschauen des Lernstoffes benötigt werden, um so eher wird das Subjekt auf den neuen Stoff eingestellt sein.
Die Aufmerksamkeitskonzentration läßt sich am wenigsten an den begleitenden Spannungsempfindungen und anderen Ausdrucksbewegungen zuverlässig beurteilen. Sie bringen ja sehr oft störende Inhalte ins Bewußtsein. Einwandfreier geben unter sonst gleichen Umständen die erzielten Klarheitsgrade Auskunft über die Intensität der Aufmerksamkeit, durch die sie erreicht wurden. Indes bleibt man hierbei auf die subjektive Schätzung angewiesen. Man suchte darum in dem objektiven Ausfall einer Aufmerksamkeit erfordernden Leistung einen indirekten, aber zahlenmäßigen Ausdruck zu gewinnen. Oder man führte Schwellenbestimmungen aus, während die Vp sich aufmerksam miteiner andern Arbeit beschäftigte: je größer die Konzentration war, um so größer fiel auch der Schwellenwert aus. Endlich hoffte man durch Störungsversuche die Aufmerksamkeitsintensität messen zu können: je größer die Konzentration sei, um so größer müßte auch der Störungsreiz ausfallen, bei dem die Ablenkung zuerst gelang. Da zeigte sich nun, daß längst nicht jede Störung eine Verschlechterung der Leistung bedeutet. Oft gewöhnt man sich an den Störungsreiz, oder er wird sogar der Antrieb zu größerer Hingabe an die Arbeit, so daß diese im Gegenteil verbessert wird. Nur gegen unregelmäßige Störungsreize und solche, die an sich schon das Interesse der Vp wecken, kann man sich schwer wehren. Übrigens fragt es sich noch, ob die Ablenkbarkeit wirklich immer im umgekehrten Verhältnis zur Intensität der Aufmerksamkeit steht. Es wäre ja möglich, daß jemand sowohl einer hohen Aufmerksamkeitsintensität wie einer großen Ablenkbarkeit fähig wäre.
Die Ablenkbarkeit führt uns zu den Eigenschaften der Aufmerksamkeit, die derzeitlichen Ordnungangehören: der Konstanz der Aufmerksamkeit, der Schnelligkeit der Aufmerksamkeitswanderung bzw. Aufmerksamkeitsanpassung, und der Aufmerksamkeitsschwankung. Ist die Aufgabe gestellt, bei dem einmal gegebenen Bewußtseinsinhalt zu verharren, so machen sich dieAufmerksamkeitsschwankungenbemerklich. Sie zeigen sich hinsichtlich des Umfanges, hinsichtlich des Gegenstandes, der im Blickpunkt der Aufmerksamkeit steht, und hinsichtlich der Klarheit des fixierten Objektes. Beachtet man sehr schwache Empfindungen, so verschwinden diese in gleichmäßigen Zeitabschnitten, so das Ticken der Taschenuhr bei größerem Abstand vom Ohr. Es ist noch umstritten, ob diese Schwankungen vorwiegend zentraler oder peripherer Natur sind; vielleicht beruhen sie auf der periodisch schwankenden Blutzufuhr nach dem Gehirn. Es ist aber auch nicht möglich, bei demselben Gegenstand unbegrenzt lang mit der Aufmerksamkeit zu verharren. Diese Schwankungen werden teils durch die Ermüdung, teils durch die Interesselosigkeit bedingt. Kinder, Kranke und Geschwächte können nur schwer bei demselben Objekt länger verweilen, zweifellos wegen der Schwäche des psychophysischen Apparates. Gesunden hingegen wird es schwer, demselben einfachen Sinnesinhalte, etwa einer Farbe, längere Zeit ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken. Daß sie von einer solchen Betrachtung nicht eigentlich ermüdet sind, geht aus der Leistungsfähigkeit hervor, die sie unmittelbar darnach beweisen können. Offenbar übten andere Gegenstände, die sich inzwischen der Wahrnehmung oder der Vorstellung anboten, eine größere Anziehungskraft aus. Dementsprechend gelingt es, denselben Gegenstand um so länger zu beachten, je mehr Teilinhalte er bietet, oder je mehr auf ihn bezügliche Vorstellungen er ins Bewußtsein ruft. Hauptsächlich aus dem letzteren Grunde und nicht so sehr wegen der nervösen Ermüdung können sich Kinder weniger lang mit der Betrachtung eines Bildesbeschäftigen als Erwachsene. Handelt es sich aber darum, einem neuen Gegenstande die Aufmerksamkeit zuzuwenden, so erheben sich vor allem zwei Fragen: Wie schnell kann überhaupt die Aufmerksamkeit wandern? Und: Gelingt es allen Menschen gleich schnell, sich auf die Beachtung eines neuen Objektes einzustellen?
Früher setzte man dieGeschwindigkeit des Aufmerksamkeitsschrittessehr hoch an; genauere Versuche ergaben indes, daß er nicht kürzer als eine Drittel Sekunde ist. DieAdaptationsfähigkeitder Aufmerksamkeit kann man feststellen, indem man sonst gleich guten Lernern einen schwierigen Memorierstoff vorlegt und zusieht, wieviel bei den ersten Wiederholungen haften bleibt: Individuen mit guter Anpassung der Aufmerksamkeit werden mehr behalten als solche mit geringer Einstellungsfähigkeit. Es wird sich hierbei wohl in erster Linie um assoziative Faktoren handeln: je rascher die Vorstellungskomplexe bereitgestellt sind, die zur rechten Auffassung und zum Überschauen des Lernstoffes benötigt werden, um so eher wird das Subjekt auf den neuen Stoff eingestellt sein.
3)Die Bedingungen der Aufmerksamkeit.Die eine wesentliche Bedingung derwillkürlichenAufmerksamkeit ist der Entschluß, auf einen Gegenstand zu achten. Wie dieser Entschluß verwirklicht werden kann, wird später zu untersuchen sein. Was immer dann Bedingung derunwillkürlichenAufmerksamkeit ist, kann auch die Erreichung der willkürlichen fördern. Mehr disponierend und die Aufmerksamkeit nur begünstigend sind die physiologischen Faktoren wie Frische oder Erregtheit durch Reizmittel wie Tee. Auch die krankhafte Erregbarkeit der Nerven kann die Aufmerksamkeit fördern. Man nennt sodann die Intensität und die Wiederholung der Reize als Bedingungen der Aufmerksamkeit. Allein es ist zu beachten, daß beide rein psychophysisch und ohne Vermittlung der Aufmerksamkeit eine größere Intensität des psychischen Eindruckes bewirken können: der starke und der wiederholte Reiz setzt sich besser durch. Dennoch läßt sich nicht leugnen, daß Intensität und Wiederholung eines Reizes gelegentlich auch die Aufmerksamkeit fesseln. Allerdings herrscht da kein einfaches Abhängigkeitsverhältnis: nicht immer erregen diese Faktoren die Aufmerksamkeit. Ein Lehrer, der nur mit stärkster Stimme seine Schüler anzureden pflegt, der immer dieselben Schreckmittel wiederholt, findetschließlich keine Beachtung mehr. Ein ähnlicher Gegensatz besteht zwischen Neuheit und Vertrautheit des Reizes, zwischen dem Fehlen anderweitiger Vorstellungen und ihrem Gegebensein. Beides kann, je nach den Umständen, sowohl die Aufmerksamkeit herausfordern, als auch sie unberührt lassen, und so scheint die Aufmerksamkeit jeder Regel zu spotten. Gleichwohl dürfte folgende Überlegung eine klare Gesetzmäßigkeit erkennen lassen. Es gibt nureineBedingung für die Erregung der unwillkürlichen Aufmerksamkeit: die Bedeutsamkeit des wahrgenommenen Gegenstandes. Alle anderen Faktoren sind entweder nur disponierend oder haben rein psychophysisch die gleiche Wirkung wie die Aufmerksamkeit, nämlich die Verstärkung des Eindruckes. Manche der letzteren können nun, abgesehen von dieser psychophysischen Wirkung, unter gewissen Umständen dem Wahrnehmungsgegenstand eine Bedeutsamkeit verleihen: so ist im allgemeinen ein stärkerer Eindruck bedeutsamer als ein schwacher. Haben wir aber einmal die Unbedeutsamkeit eines Dinges trotz seiner Auffälligkeit erkannt, so wird zwar die psychophysische Wirkung noch eintreten, aber das Bewußtsein verschafft sich durch Nichtbeachtung gewissermaßen ein Ventil. So versteht man, wie die entgegengesetzten Bedingungen die gleiche Wirkung haben können: ein sehr leise ausgesprochenes Wort kann in demselben Maße die Aufmerksamkeit erregen wie ein sehr laut gesprochenes. Und damit werden wir darauf hingewiesen, daß wir das innerste Wesen der Aufmerksamkeit nicht im Bereiche der physiologischen Wirkursachen, sondern in dem der Bedeutungen zu suchen haben.
4)Die Wirkungen der Aufmerksamkeit.Nach zuverlässigen experimentellen Beobachtungen werden schwache Empfindungen durch die Aufmerksamkeit verstärkt. Damit ist noch nicht gesagt, daß auch starke merklich gesteigert werden müßten. Denn bestünde die Funktion der Aufmerksamkeit darin, die vorhandene psychophysische Energie auf die beachteten Inhalte zu konzentrieren, so könnte dadurch den Empfindungen nur ein beschränkter Zuwachs verliehen werden, der bei höheren Intensitätsstufen der Empfindungen unbeachtet bleiben müßte. Sodann beschleunigt die Aufmerksamkeit den Empfindungsprozeß, sie bahnt gewissermaßen den Reizen einen Weg. Denn läßtman einem von zwei gleichzeitig auftretenden Reizen, etwa einem optischen und einem akustischen, die besondere Aufmerksamkeit zuwenden, so tritt immer der jeweils beachtete zuerst ins Bewußtsein (KomplikationsversucheS. 129). Fernerhin wird die Stiftung von Assoziationen sowie die Reproduktion der Vorstellungen durch die Aufmerksamkeit begünstigt. Nur die Gefühle scheinen durch sie nicht gefördert, sondern eher zerstört zu werden. Ein Affekt, den man analysieren will, verschwindet. Das kann nach unserer Auffassung der Gefühle, auch der höheren, nicht befremden. Wäre das Gefühl ein selbständiger Bewußtseinsvorgang, eine selbstherrliche Reaktion der Seele auf einen Eindruck, dann verstünde man freilich nicht, warum es nicht willkürlich aufrechterhalten werden könnte, trotz der darauf gerichteten Aufmerksamkeit. Wir faßten aber die Gefühle als den Bewußtseinsreflex bestimmter Funktionsweisen der Vorstellungen auf. Ein Gefühl kann es somit nur dann geben, wenn eine Vorstellung bewußt ist. Richtet sich darum die Aufmerksamkeit auf das Gefühl, so muß naturnotwendig die Vorstellung und damit auch das durch sie bedingte Gefühl aus dem Bewußtsein schwinden.
4)Die Wirkungen der Aufmerksamkeit.Nach zuverlässigen experimentellen Beobachtungen werden schwache Empfindungen durch die Aufmerksamkeit verstärkt. Damit ist noch nicht gesagt, daß auch starke merklich gesteigert werden müßten. Denn bestünde die Funktion der Aufmerksamkeit darin, die vorhandene psychophysische Energie auf die beachteten Inhalte zu konzentrieren, so könnte dadurch den Empfindungen nur ein beschränkter Zuwachs verliehen werden, der bei höheren Intensitätsstufen der Empfindungen unbeachtet bleiben müßte. Sodann beschleunigt die Aufmerksamkeit den Empfindungsprozeß, sie bahnt gewissermaßen den Reizen einen Weg. Denn läßtman einem von zwei gleichzeitig auftretenden Reizen, etwa einem optischen und einem akustischen, die besondere Aufmerksamkeit zuwenden, so tritt immer der jeweils beachtete zuerst ins Bewußtsein (KomplikationsversucheS. 129). Fernerhin wird die Stiftung von Assoziationen sowie die Reproduktion der Vorstellungen durch die Aufmerksamkeit begünstigt. Nur die Gefühle scheinen durch sie nicht gefördert, sondern eher zerstört zu werden. Ein Affekt, den man analysieren will, verschwindet. Das kann nach unserer Auffassung der Gefühle, auch der höheren, nicht befremden. Wäre das Gefühl ein selbständiger Bewußtseinsvorgang, eine selbstherrliche Reaktion der Seele auf einen Eindruck, dann verstünde man freilich nicht, warum es nicht willkürlich aufrechterhalten werden könnte, trotz der darauf gerichteten Aufmerksamkeit. Wir faßten aber die Gefühle als den Bewußtseinsreflex bestimmter Funktionsweisen der Vorstellungen auf. Ein Gefühl kann es somit nur dann geben, wenn eine Vorstellung bewußt ist. Richtet sich darum die Aufmerksamkeit auf das Gefühl, so muß naturnotwendig die Vorstellung und damit auch das durch sie bedingte Gefühl aus dem Bewußtsein schwinden.
5)Die Theorie der Aufmerksamkeit.Die meisten der heutigen Aufmerksamkeitstheorien setzen sich zur Aufgabe, zu erklären, wie die Aufmerksamkeit einen Bewußtseinsinhalt zu größerer Klarheit erheben kann. Dagegen achten sie weniger auf eine befriedigende Einordnung des Erlebnisses in die Gesamtheit aller psychischen Vorgänge und auf eine einleuchtende Gruppierung und Deutung der Aufmerksamkeitsstörungen. Nach einem Überblick über die wichtigsten Aufmerksamkeitstheorien werden wir versuchen, auch diese Aufgaben zu lösen.
a)Die bisherigen Theorien.Dürr unterscheidet recht übersichtlich Hemmungs-, Unterstützungs- und Bahnungstheorien. Nach derHemmungstheoriewerden alle Inhalte außer dem beachteten gehemmt.Wundtweist diese Hemmungsaufgabe dem in dem Stirnhirn lokalisierten Apperzeptionszentrum zu. Nun gibt es freilich eine wechselseitige Hemmung von Bewußtseinsinhalten (vgl.S. 171 f.), allein man sieht nicht recht ein, warum nun gerade diese und nicht andere oder gar alle Vorstellungen in gleicher Weise gehemmt werden. Auch die Einführung des hypothetischen Apperzeptionszentrums gewährt keine größere Klarheit. Die ganze Theorie erscheint nur als eine wenig glückliche Umschreibung der Tatsachen. — Von denUnterstützungstheorienbedarf dieMachs, wonach die Aufmerksamkeit nichts weiter ist als die Einstellung der Sinnesorgane, keine Widerlegung.Ribotbildete eine motorische Theorie aus: Die körperlichenBegleiterscheinungen der Aufmerksamkeit sind mehr als bloße Zugaben, sie sind das Wesentliche der Aufmerksamkeit. Denn sie senden Bewegungsempfindungen ins Bewußtsein und steigern so die bewußten Zustände. Unterdrückt man alle diese begleitenden Bewegungen, so beseitigt man die Aufmerksamkeit selbst. Allein man versteht nicht, wie ein Bewußtseinsinhalt durch Hinzufügung ganz verschiedenartiger Inhalte verstärkt werden kann. Die Erfahrung beweist das Gegenteil, wenn man von einzelnen Grenzfällen absieht, wo gleichzeitige Empfindungen eine gewisse Anregung zu geben scheinen. Verständlicher ist die zentrosensorische Theorie von G. E.Müller. Beim Aufmerken auf einen Inhalt führt man jenen Zustand herbei, den das Bewußtsein hatte, als es früher jenen Inhalt erlebte. Dadurch vereinigt sich die aus dem gegenwärtigen Reiz stammende Erregung mit der aus der Vorstellung herrührenden, und die Intensität des Eindruckes wächst. Damit ist zweifellos auf ein Hilfsmittel hingewiesen, das der willkürlichen Aufmerksamkeit zu Gebote steht, namentlich wenn sie sich auf sinnliche und anschauliche Objekte richtet. Es versagt aber in vielen Fällen der unwillkürlichen Aufmerksamkeit und macht uns das charakteristische Verhalten bei der Aufmerksamkeit nicht verständlich. — DieBahnungstheorie(Ebbinghaus,Dürr) läßt durch wiederholte Erregung derselben Gehirnpartien die Bahnen des Reizes immer geläufiger werden, so daß die Erregung sich immer weniger seitlich verliert und ganz in der Hauptbahn verbleibt, wodurch der seelische Eindruck immer klarer wird. Damit wird aber die Aufmerksamkeit in eine Abhängigkeit von der Übung gebracht, die durch die Tatsachen nicht gerechtfertigt wird. Wir können auch ungewohnten und schwächsten Eindrücken unsere Aufmerksamkeit zuwenden und sie dadurch zu größerer Klarheit erheben.
a)Die bisherigen Theorien.Dürr unterscheidet recht übersichtlich Hemmungs-, Unterstützungs- und Bahnungstheorien. Nach derHemmungstheoriewerden alle Inhalte außer dem beachteten gehemmt.Wundtweist diese Hemmungsaufgabe dem in dem Stirnhirn lokalisierten Apperzeptionszentrum zu. Nun gibt es freilich eine wechselseitige Hemmung von Bewußtseinsinhalten (vgl.S. 171 f.), allein man sieht nicht recht ein, warum nun gerade diese und nicht andere oder gar alle Vorstellungen in gleicher Weise gehemmt werden. Auch die Einführung des hypothetischen Apperzeptionszentrums gewährt keine größere Klarheit. Die ganze Theorie erscheint nur als eine wenig glückliche Umschreibung der Tatsachen. — Von denUnterstützungstheorienbedarf dieMachs, wonach die Aufmerksamkeit nichts weiter ist als die Einstellung der Sinnesorgane, keine Widerlegung.Ribotbildete eine motorische Theorie aus: Die körperlichenBegleiterscheinungen der Aufmerksamkeit sind mehr als bloße Zugaben, sie sind das Wesentliche der Aufmerksamkeit. Denn sie senden Bewegungsempfindungen ins Bewußtsein und steigern so die bewußten Zustände. Unterdrückt man alle diese begleitenden Bewegungen, so beseitigt man die Aufmerksamkeit selbst. Allein man versteht nicht, wie ein Bewußtseinsinhalt durch Hinzufügung ganz verschiedenartiger Inhalte verstärkt werden kann. Die Erfahrung beweist das Gegenteil, wenn man von einzelnen Grenzfällen absieht, wo gleichzeitige Empfindungen eine gewisse Anregung zu geben scheinen. Verständlicher ist die zentrosensorische Theorie von G. E.Müller. Beim Aufmerken auf einen Inhalt führt man jenen Zustand herbei, den das Bewußtsein hatte, als es früher jenen Inhalt erlebte. Dadurch vereinigt sich die aus dem gegenwärtigen Reiz stammende Erregung mit der aus der Vorstellung herrührenden, und die Intensität des Eindruckes wächst. Damit ist zweifellos auf ein Hilfsmittel hingewiesen, das der willkürlichen Aufmerksamkeit zu Gebote steht, namentlich wenn sie sich auf sinnliche und anschauliche Objekte richtet. Es versagt aber in vielen Fällen der unwillkürlichen Aufmerksamkeit und macht uns das charakteristische Verhalten bei der Aufmerksamkeit nicht verständlich. — DieBahnungstheorie(Ebbinghaus,Dürr) läßt durch wiederholte Erregung derselben Gehirnpartien die Bahnen des Reizes immer geläufiger werden, so daß die Erregung sich immer weniger seitlich verliert und ganz in der Hauptbahn verbleibt, wodurch der seelische Eindruck immer klarer wird. Damit wird aber die Aufmerksamkeit in eine Abhängigkeit von der Übung gebracht, die durch die Tatsachen nicht gerechtfertigt wird. Wir können auch ungewohnten und schwächsten Eindrücken unsere Aufmerksamkeit zuwenden und sie dadurch zu größerer Klarheit erheben.
b)Die genetische Aufmerksamkeitstheorie.Wir machen den Versuch, außer den Wirkungen der Aufmerksamkeit auch das dieser eigentümliche Verhalten zu verstehen. Gibt es ein erlernbares Aufmerksamkeitsverhalten, dann bereitet die Erklärung derwillkürlichenAufmerksamkeit keine besonderen Schwierigkeiten. Sie ist dann eben das gewollte Aufmerksamkeitsverhalten. Das ganze Problem wird deshalb auf dieunwillkürlicheAufmerksamkeit zurückgeschoben. Versuchen wir nun zunächst einmal, die Aufmerksamkeit als einen eigenartigen seelischen Vorgang überhaupt entbehrlich zu machen, indem wir sie mit dem spontanen Wollen identifizieren: die Seele gewahrt einen Wert und will ihn. Von diesem Wollen mußten wir oben hypothetisch behaupten, es steigere die Intensität einesBewußtseinsinhaltes. Dazu berechtigte uns erstens die von den besten Beobachtern festgestellte Tatsache, daß es ein willkürliches Steigern dieser Art gibt, wobei wir es dahingestellt sein ließen, ob es auf Rechnung der Willenstätigkeit selbst oder der von ihr abhängigen Aufmerksamkeit zu schreiben sei. Wir wurden zu dieser Annahme sodann zweitens genötigt, weil nur so dem beobachteten Wollenserlebnis eine gebührende Stelle eingeräumt und dem Sinn und der Bedeutung eine entsprechende Rolle in unserem Leben zugewiesen werden konnte. Es standen dieser Annahme auch keine metaphysischen Schwierigkeiten, etwa aus der Vermehrung der Energie, im Wege; denn es genügt, daß durch diesen Eingriff des Willens die vorhandene psychophysische Energie nur in ihrer Bewegungsrichtung beeinflußt werde. Will also die Seele einen ihr erscheinenden Wert, so wird diese Vorstellung gefördert und nimmt darum auch an Klarheit zu. Damit dürfte aber auch das gegeben sein, was man bildlich als eine Hinwendung der Seele zu einem Inhalt bezeichnet. Es wird nämlich auf dasselbe hinauskommen, ob die Seele sich einem Inhalte eigens zuwendet, oder ob sie ihn wollend klarer werden läßt. Der Sprachgebrauch also, der ein Hinwenden der Aufmerksamkeit kennt, brauchte uns nicht irre zu machen. Kommen wir aber im übrigen mit dem Wollen allein aus? Wenn Aufmerken nichts anderes ist als einfaches Wollen, dann ist ein willkürliches Aufmerken, das nicht zugleich ein Wollen des beachteten Gegenstandes ist, unmöglich. Allein wir können unsere Aufmerksamkeit willkürlich Dingen schenken, die wir ganz und gar nicht wollen. Es kann somit das Aufmerken nicht einfachhin mit dem Wollen identisch sein.
Wir dürften nun auf das Rechte stoßen, wenn wir einen von der neueren experimentellen Forschung aufgezeigten allgemeinen Zug des Seelenlebens berücksichtigen. Fast überall läßt sich in unserem Bewußtsein Inhalt und Form auseinanderhalten, und sehr häufig läßt sich die Form für sich ohne den Inhalt seelisch verwirklichen. Und so will es uns scheinen, das Kind kenne ursprünglich, von angeborenen Reflexbewegungen abgesehen, kein Aufmerksamkeitsverhalten,weder ein willkürliches noch ein unwillkürliches, sondern nur ein triebhaftes Wollen. Mit diesem Wollen verwirklicht es aber jedesmal eine bestimmte Haltung der Seele, eben jenes Hingegebensein an einen Gegenstand, das tatsächlich für das Erfassen des Gegenstandes am vorteilhaftesten ist. So lernt es durch seine Willensakte diese Haltung kennen. Sie läßt sich nun, wie so manche andere Bewußtseinsform, für sich erzeugen, und das Kind wird sie darum später auch willkürlich einnehmen, sobald sie ihm zu einem erstrebenswerten Willensziel geworden ist. Wir unterscheiden also bei der unwillkürlichen Aufmerksamkeit deren Wirkung: das Klarerwerden des beachteten Inhaltes, das durch jenes seelische Verhalten bedingt wird, und das Aufmerksamkeitsverhalten selbst. Das nur äußerliche Aufmerksamkeitsverhalten besteht in den angeborenen und den angelernten, der inneren Aufmerksamkeit dienenden Bewegungen. Das innere und eigentliche Aufmerksamkeitsverhalten besteht in der genannten seelischen Haltung, die anfänglich mit dem triebhaften Streben zu einem ungeteilten Akte verschmolzen ist, später für sich allein willkürlich herbeigeführt wird. Im letzteren Falle ist sie in der Regel nicht Selbstzweck, sondern nur Mittel zum Ziel. Die Aufmerksamkeitshaltung ist somit ein aktiver Vorgang wie der Willensakt. Zwar redet man bisweilen von passiver Aufmerksamkeit, von einem Hingerissenwerden, allein genau besehen liegt hier doch immer ein triebhafter Willensakt vor. Die Aufmerksamkeitshaltung braucht darum in solchen Fällen nicht eigens hervorgebracht zu werden, da sie in dem Willensakt schon verwirklicht ist, und so entsteht der charakteristische Unterschied zwischen willkürlicher oder aktiver und unwillkürlicher oder passiver Aufmerksamkeit.
Die Verbindung der inneren Aufmerksamkeit mit den äußeren Aufmerksamkeitsbewegungen oder auch mit jenen inneren Hilfsmitteln, die von den bisherigen Theorien mit Recht genannt wurden, bedarf keiner besonderen Erörterung. Nur auf dasApperzeptionsproblemsei noch hingewiesen, da es mit dem der Aufmerksamkeit in engem Zusammenhange steht. NamentlichHerbartbetonte die Apperzeption der Eindrücke durch die bereitstehenden Vorstellungsmassen: der Mathematiker versteht das Wort „Wurzel“anders als der Botaniker. H.Münsterbergzeigte, wie man sogar den Sinneseindruck beeinflussen könne, je nachdem man eine andere Vorstellungskonstellation erzeugt. Hat man einer Vp das Wort „Kummer“ zugerufen, so wird sie das tachistoskopisch dargebotene Wort „Triest“ leicht als Trost lesen. Neben dieser anschaulichen Apperzeption gibt es auch eine solche des Denkens. Legt man einer Vp statt einer Vorstellung einen Gesichtspunkt, also eine Relation nahe, so wird sie die ins Bewußtsein tretenden Inhalte zumeist unter diesem Gesichtspunkt auffassen und darum mehr an ihnen bemerken, als ohne diesen Gesichtspunkt. So läßt sich etwa das Verhältnis zur sittlichen Ordnung, zum guten Geschmack, zur Nützlichkeit als leitender Gesichtspunkt einfügen, und der Erlebende wird seine Eindrücke sehr oft um die jenen Gesichtspunkten entsprechenden Beziehungserfassungen bereichern. Diese Erhöhung der Leistung darf also nicht der Aufmerksamkeit als solcher zugeschrieben werden, wie es bisweilen geschieht. Denn wenn auch diese gedankliche Apperzeption bei den beachteten Inhalten häufiger sein wird als bei den nichtbeachteten, so hat doch die Apperzeption in dem üblichen Sinne nichts mit Aufmerksamkeit zu tun. NurWundtgebraucht die Ausdrücke „apperzipieren“ und „in den Blickpunkt des Bewußtseins rücken“ als gleichbedeutend.6)Störungen der Aufmerksamkeit.Von dem soeben gewonnenen theoretischen Standpunkt aus wird sich auch ein einigermaßen befriedigender Überblick über die Störungen der Aufmerksamkeit geben lassen. Wir sehen in der Aufmerksamkeit eine seelische Haltung, die in bewußter oder unbewußter Abhängigkeit vom Willen eingenommen wird. Diese Haltung hat sodann eine Lenkung der psychophysischen Energie zur Folge. Damit sind die Angriffspunkte für mögliche Schädigungen genannt. Sie befinden sich teils bei den den Willen beeinflussenden Motiven, teils bei den nervösen Elementen, auf die sich die Einwirkung der Haltung erstreckt. Wir haben aber keinen Anlaß, sie beim Willensakt oder bei der Aufmerksamkeitshaltung selbst zu suchen. Die willkürliche Aufmerksamkeit wird gestört oder unmöglich gemacht, sobald das Individuum nicht über ausreichende Motive verfügt, um die Aufmerksamkeitshaltung ihrer selbst willen oder als Mittel zu einem fernerliegenden Ziele einzunehmen. So bei Kindern, vorausgesetzt, daß sie die Aufmerksamkeitshaltung überhaupt schon erlernt haben, und bei kindisch Gewordenen. Diesem Mangel läßt sich ein Übermaß zur Seite stellen, wenn etwa eine Phobie oder ein Verfolgungswahn zu unablässiger Wachsamkeit treibt. Doch wird dieses Übermaß nicht so sehr als Fehler der Aufmerksamkeit gelten wie der zuerst erwähnte Mangel. Deutlicher wird das Zuviel und das Zuwenig bei der unwillkürlichen Aufmerksamkeit. Es handelt sich dabei stets, wie wir sahen, um ein triebartiges Wollen. Der Mangel an überragenden Werten bedingt die Unrast und Unstetigkeit der Kinder und der Idioten. Abnorm hohe Werte führen zu den bei fixen Ideenbeobachteten Aufmerksamkeitsstörungen. Die willkürliche wie die unwillkürliche Aufmerksamkeit kann nun durch Mängel des nervösen Apparates beeinträchtigt werden. Eine allgemeine Verminderung der psychophysischen Energie, wie sie bei Erschöpften und Kindern wahrscheinlich ist, könnte die Aufmerksamkeitsleistung in jeder Hinsicht herabdrücken. Namentlich dürfte der Aufmerksamkeitsumfang darunter leiden. Sodann pflegt sich die nervöse Ermüdung bei der Perseveration wie bei der Reproduktion zu zeigen. Der Mangel an Perseveration zerreißt die Kontinuität des Bewußtseins und muß darum die Konstanz der Aufmerksamkeit erschweren. Die einseitig gesteigerte Perseveration hingegen erschwert den für das normale Geistesleben erforderlichen Fluß der Aufmerksamkeit. Die Reproduktionshemmung ferner erlaubt nicht, daß sich hinreichend schnell und leicht solche Vorstellungen einfinden, die mit der beachteten in einem Bedeutungszusammenhang stehen. Der Erlebende sieht sich darum ganz dem Zwange der Assoziationen preisgegeben; er „kann seine Gedanken nicht zusammenhalten“ und muß in der Richtung des geringsten Widerstandes nachgeben. Eine abnorme Steigerung der Reproduktion hingegen wird die Aufmerksamkeitsleistung nicht unmittelbar schädigen, sondern sie nur gefährden, und zwar dadurch, daß ihr allzuviele lockende Ziele vorgehalten werden. Sind dann — umAchsprägnanten Ausdruck zu gebrauchen — die determinierenden Tendenzen zu schwach, so kommt es zur Ideenflucht. Auf eine Störung des nervösen Apparates ist es auch zurückzuführen, wenn sich an die Vorstellungen übermäßige Gefühle anschließen. Es treten dann die Anomalien auf, die wir oben aus der Überhöhung der Werte ableiteten, und außerdem ist eine Einengung des Bewußtseins bzw. des Aufmerksamkeitsfeldes zu erwarten, vermutlich darum, weil die in solchen Fällen ohnedies beschränkte psychophysische Energie einseitig der gefühlsbetonten Vorstellung zugewandt wird.
Die Verbindung der inneren Aufmerksamkeit mit den äußeren Aufmerksamkeitsbewegungen oder auch mit jenen inneren Hilfsmitteln, die von den bisherigen Theorien mit Recht genannt wurden, bedarf keiner besonderen Erörterung. Nur auf dasApperzeptionsproblemsei noch hingewiesen, da es mit dem der Aufmerksamkeit in engem Zusammenhange steht. NamentlichHerbartbetonte die Apperzeption der Eindrücke durch die bereitstehenden Vorstellungsmassen: der Mathematiker versteht das Wort „Wurzel“anders als der Botaniker. H.Münsterbergzeigte, wie man sogar den Sinneseindruck beeinflussen könne, je nachdem man eine andere Vorstellungskonstellation erzeugt. Hat man einer Vp das Wort „Kummer“ zugerufen, so wird sie das tachistoskopisch dargebotene Wort „Triest“ leicht als Trost lesen. Neben dieser anschaulichen Apperzeption gibt es auch eine solche des Denkens. Legt man einer Vp statt einer Vorstellung einen Gesichtspunkt, also eine Relation nahe, so wird sie die ins Bewußtsein tretenden Inhalte zumeist unter diesem Gesichtspunkt auffassen und darum mehr an ihnen bemerken, als ohne diesen Gesichtspunkt. So läßt sich etwa das Verhältnis zur sittlichen Ordnung, zum guten Geschmack, zur Nützlichkeit als leitender Gesichtspunkt einfügen, und der Erlebende wird seine Eindrücke sehr oft um die jenen Gesichtspunkten entsprechenden Beziehungserfassungen bereichern. Diese Erhöhung der Leistung darf also nicht der Aufmerksamkeit als solcher zugeschrieben werden, wie es bisweilen geschieht. Denn wenn auch diese gedankliche Apperzeption bei den beachteten Inhalten häufiger sein wird als bei den nichtbeachteten, so hat doch die Apperzeption in dem üblichen Sinne nichts mit Aufmerksamkeit zu tun. NurWundtgebraucht die Ausdrücke „apperzipieren“ und „in den Blickpunkt des Bewußtseins rücken“ als gleichbedeutend.
6)Störungen der Aufmerksamkeit.Von dem soeben gewonnenen theoretischen Standpunkt aus wird sich auch ein einigermaßen befriedigender Überblick über die Störungen der Aufmerksamkeit geben lassen. Wir sehen in der Aufmerksamkeit eine seelische Haltung, die in bewußter oder unbewußter Abhängigkeit vom Willen eingenommen wird. Diese Haltung hat sodann eine Lenkung der psychophysischen Energie zur Folge. Damit sind die Angriffspunkte für mögliche Schädigungen genannt. Sie befinden sich teils bei den den Willen beeinflussenden Motiven, teils bei den nervösen Elementen, auf die sich die Einwirkung der Haltung erstreckt. Wir haben aber keinen Anlaß, sie beim Willensakt oder bei der Aufmerksamkeitshaltung selbst zu suchen. Die willkürliche Aufmerksamkeit wird gestört oder unmöglich gemacht, sobald das Individuum nicht über ausreichende Motive verfügt, um die Aufmerksamkeitshaltung ihrer selbst willen oder als Mittel zu einem fernerliegenden Ziele einzunehmen. So bei Kindern, vorausgesetzt, daß sie die Aufmerksamkeitshaltung überhaupt schon erlernt haben, und bei kindisch Gewordenen. Diesem Mangel läßt sich ein Übermaß zur Seite stellen, wenn etwa eine Phobie oder ein Verfolgungswahn zu unablässiger Wachsamkeit treibt. Doch wird dieses Übermaß nicht so sehr als Fehler der Aufmerksamkeit gelten wie der zuerst erwähnte Mangel. Deutlicher wird das Zuviel und das Zuwenig bei der unwillkürlichen Aufmerksamkeit. Es handelt sich dabei stets, wie wir sahen, um ein triebartiges Wollen. Der Mangel an überragenden Werten bedingt die Unrast und Unstetigkeit der Kinder und der Idioten. Abnorm hohe Werte führen zu den bei fixen Ideenbeobachteten Aufmerksamkeitsstörungen. Die willkürliche wie die unwillkürliche Aufmerksamkeit kann nun durch Mängel des nervösen Apparates beeinträchtigt werden. Eine allgemeine Verminderung der psychophysischen Energie, wie sie bei Erschöpften und Kindern wahrscheinlich ist, könnte die Aufmerksamkeitsleistung in jeder Hinsicht herabdrücken. Namentlich dürfte der Aufmerksamkeitsumfang darunter leiden. Sodann pflegt sich die nervöse Ermüdung bei der Perseveration wie bei der Reproduktion zu zeigen. Der Mangel an Perseveration zerreißt die Kontinuität des Bewußtseins und muß darum die Konstanz der Aufmerksamkeit erschweren. Die einseitig gesteigerte Perseveration hingegen erschwert den für das normale Geistesleben erforderlichen Fluß der Aufmerksamkeit. Die Reproduktionshemmung ferner erlaubt nicht, daß sich hinreichend schnell und leicht solche Vorstellungen einfinden, die mit der beachteten in einem Bedeutungszusammenhang stehen. Der Erlebende sieht sich darum ganz dem Zwange der Assoziationen preisgegeben; er „kann seine Gedanken nicht zusammenhalten“ und muß in der Richtung des geringsten Widerstandes nachgeben. Eine abnorme Steigerung der Reproduktion hingegen wird die Aufmerksamkeitsleistung nicht unmittelbar schädigen, sondern sie nur gefährden, und zwar dadurch, daß ihr allzuviele lockende Ziele vorgehalten werden. Sind dann — umAchsprägnanten Ausdruck zu gebrauchen — die determinierenden Tendenzen zu schwach, so kommt es zur Ideenflucht. Auf eine Störung des nervösen Apparates ist es auch zurückzuführen, wenn sich an die Vorstellungen übermäßige Gefühle anschließen. Es treten dann die Anomalien auf, die wir oben aus der Überhöhung der Werte ableiteten, und außerdem ist eine Einengung des Bewußtseins bzw. des Aufmerksamkeitsfeldes zu erwarten, vermutlich darum, weil die in solchen Fällen ohnedies beschränkte psychophysische Energie einseitig der gefühlsbetonten Vorstellung zugewandt wird.
Literatur
E.Dürr, Zur Lehre der Aufmerksamkeit. 1907.A.Mager, Die Enge des Bewußtseins. 1920.
E.Dürr, Zur Lehre der Aufmerksamkeit. 1907.
A.Mager, Die Enge des Bewußtseins. 1920.
Die innere Willenshandlung gliche dem Vogel im Käfig, könnte sie sich nur in der Aufmerksamkeitsbewegung verwirklichen, sie wäre dann stets auf das unmittelbar Gegebene beschränkt. Es ist uns aber ermöglicht, entsprechend unseren Absichten und Willenstrieben in unseren Gedanken und Vorstellungen voranzuschreiten, und zwar sowohl in gebundener wie in freier Vorstellungsbewegung.
1)Die gebundene Vorstellungsbewegung.Unter einer gebundenen Vorstellungsbewegung verstehen wir dieunter der Leitung einer Aufgabestehenden Gedankengänge. Hier sind namentlich drei Fragen zu beantworten: Woher der Fortschritt? Woher die Zielstrebigkeit? Woher die Grenzen?
Die Ausgangsvorstellung bei der gebundenen Bewegung ist die Aufgabe. Wir haben sie schon oben als antizipierendes Schema aufgefaßt. Mit diesem antizipierenden Schema sind sowohl die Methoden zur Lösung der Aufgabe wie auch jene Vorstellungen assoziiert, die das Material zur Lösung bieten. So verbindet sich mit der Aufgabe, die Jahreszinsen von 1200 Mark zu 4% zu berechnen, die bekannte Methode der Regeldetri, und mit der dabei verwendeten Vorstellungsgruppe 4. 12 ist die Vorstellung 48 zu einem Komplex verbunden. Es fragt sich nun: wie kommt es von dem antizipierenden Schema der Aufgabe zur Reproduktion der zugehörigen Methode? Die Antwort wurde schon bei der Behandlung des produktiven Denkens (S. 191 f.) gegeben: Das antizipierende Schema entfaltet sich nach den Gesetzen der Komplexergänzung, doch unter ganz wesentlichem Einfluß der zielstrebigen Aufmerksamkeit, d. h. also des Willens, der die Richtung der Vorstellungsentfaltung mitbestimmt. (Vgl. S.229 ff.) Denn nicht alle antizipierenden Schemata sind so eindeutig miteinererfüllenden Vorstellung verknüpft wie die als Beispiel genannte Rechenaufgabe. Sind mehrere erfüllende Vorstellungen mit demselben antizipierenden Schema verbunden, so entscheidet die zufällige höhere Bereitschaft (Konstellation), welche Komplexergänzung eintritt. Dank der kontrollierenden Relationserfassung wird nun alsbald erkannt, ob die reproduzierte Vorstellung der Lösung der Aufgabe dient, d. h. ob zwischen den Forderungen der Aufgabe und den Eigenschaften des Lösungsvorschlages Gleichheit besteht. Wenn dies nicht zutrifft, müssen Methoden zur Abänderung auftauchen und gewählt werden, oder man beginnt die Aufgabe von neuem. Der Fortschritt in der gebundenen Vorstellungsbewegung kommt sonach von dem Willen zur Lösung, die Zielstrebigkeit von derim Bewußtsein festgehaltenen Absicht, und die Grenze der Vorstellungsreihe wird entweder mit dem die Lösung begleitenden Erfüllungsbewußtsein erreicht oder mit der Einsicht, daß die zur Lösung erforderlichen Vorstellungen versagen, „es fällt einem nichts mehr ein“ oder auch dadurch, daß die Absicht zur Aufgabelösung verlassen wird oder gar dem Bewußtsein entfällt.
Literatur