V.
Mit geröteten Wangen war Kornelia nach Hause gekommen und unbemerkt in ihr Zimmer gelangt, das durch eine verbaute Tür getrennt, neben dem Boudoir der Mutter lag. Von hier aus konnte sie gleich in ihr »Atelier« gehen, in einen kahlen, nur mit Zeichnungen und Oelskizzen beklebten Raum, dessen untere Fensterteile mit Wachsleinewand verhängt waren, der durch die oberen Scheiben ruhiges Nordlicht empfing, und von dem aus man überdies einen schönen Blick nach dem benachbarten Garten hatte.
Seitdem die »stolze Kornelia«, wie sie ohne jeden Grund von mißgünstigen Freunden und abgefallenen Verehrern genannt wurde, im vorigen Jahre ihren zweiundzwanzigsten Geburtstag gefeiert hatte, war sie plötzlich von der Einbildung erfaßt worden, sie werde alte Jungfer bleiben, und so hatte sie sich mit Eifer auf die Malerei geworfen, zu der sie ein hübsches Talent mitbrachte, namentlich für Landschaft und Genre. Nach einem Lehrjahr bei Skarbina, dem sie viel zu verdanken hatte, trieb sie auf eigene Faust Studien und füllte ihre Zeit nett damit aus, ganz in der Weise eines klugen und gebildeten Mädchens, das sich früh gereift vorkommt und für ihren frühzeitigen Weltschmerz die nötige Ablenkung haben möchte. Denn Neli hatte bereits eine sogenannte unglückliche Liebe hinter sich; sie bildete es sich wenigstens ein, während ihre Nächsten durchaus nicht dieser Ueberzeugung waren, allerdings in grundverschiedener Ansicht. Der Bankdirektor, der die Aelteste als sein Ebenbild besonders ins Herz geschlossen hatte, sprach von einer »Selbsttäuschung des Herzens«, Frau Agathe jedoch maß ihrem Stolze allein die Schuld bei und redete so andauernd von »unverständlichen Mädchenlaunen«, daß sie ihrer Tochter dadurch heimlich Tränen entpreßte. Und was Rudi betraf, der bei jeder Gelegenheit seine kleinen Unausstehlichkeiten zum besten gab, so hatte er für Neli das schöne Wort »lackierte Schachtel« erfunden, die man stets mit Glacéhandschuhen anfassen müsse, um den Glanz nicht zu verwischen.
Kornelia ertrug alles mit stiller Duldung, denn sie glaubte ihre Gefühle besser zu kennen.
Sie war noch nicht zwanzig Jahre, als sie auf einem Balle den betreffenden »Richtigen« kennen gelernt hatte, einen sehr schneidigen Gutsbesitzer in der Nähe Berlins, dessen kranke Braut sich andauernd im Süden aufhalten mußte. Er sprach ganz offen zu ihr darüber, daß an eine Gesundung nicht zu denken sei, und daß er sich nur verlobt habe, um den Wunsch seiner alten Mutter zu erfüllen. Sie kam aber über die kranke Braut nicht hinweg, deren Bild ihr immer vor Augen schwebte, und was Zartgefühl an ihr war, hielt der andere, der ihr keck den Hof machte, für absichtliche Kälte. Als dann wirklich die Braut starb, der er nur Brudertränen nachweinte, war sein Herz bereits von einer dritten mit Beschlag belegt worden. Nun war es zu spät, denn niemals hätte Kornelia den Anschein erwecken wollen, sie gönnte der neuen Braut nicht ihr Glück.
So entwickelte sie sich allmählich zu einem »unverstandenen Mädchen«, zu dem Typus einer Tochter in gutem und reichem Hause, die in allen Dingen verwöhnt ist, nur die Hand auszustrecken brauchte, um an jedem Finger einen Zukünftigen zu haben, und die sich doch einsam und verlassen vorkommt. Schuld daran waren hauptsächlich die Familienverhältnisse. Bei Roderichs lebte jeder für sich. Der Vater hatte nur das Geschäft im Kopf, die Mutter ihren falschen Theaterglanz, Rudi ging seinen Lebejungenpassionen nach, und die Jüngsten verstimmten Kornelia durch ihre Unarten. Dem aufgeweckten Walter fühlte sie sich geistesverwandt, aber ihr Schönheitssinn litt unter seinem Anblick, so sehr sie sich auch innerlich dieser Auffassung schämte. Er war doch immer noch ein Junge, ein Kind, mit dem sie ernste Dinge nicht besprechen konnte.
Trotz alledem pulsierte fröhliches Leben in ihr, denn frisch und gesund, wie sie war, drängte es sie zu den Genüssen der Welt. Ihre kräftige Natur sträubte sich bei dem Gedanken an ein frühzeitiges Versauern, und so machte sie alles mit, was gut erzogenen Mädchen in der Gesellschaft erlaubt ist. Sie war als Verkäuferin in den Wohltätigkeitsbazaren zu finden, lockte in Eß- und Trinkbuden die gutmütigen Spender bei ähnlichen Festen an, ließ ihre schöne Figur bei lebenden Bildern hinausstellen und nahm das meiste Geld für die Programme ein, wenn an menschheitsbeglückenden Konzertabenden die jungen Damen aus der Gesellschaft die Berufsleute ersetzten. Kornelia Roderich war überall zu finden: auf den Tierschutzfesten der Fürstin Lwoff, an den Abenden, wenn zugunsten der Suppenanstalten, der Kindervolksküchen und der Rettungswachen musiziert wurde, bei dem Mummenschanz im Künstlerhaus und nicht zuletzt an den berühmten Freitagnachmittagen im Konzertsaal des Zoologischen Gartens, wo sogar ein richtiger lebender Prinz sich nicht scheute, seine Kompositionen zum besten zu geben und sich in eigener Person von den höheren Töchtern gewöhnlichen bürgerlichen Schlages anschwärmen zu lassen.
In der ersten Zeit hatte sie sich in dieser Beziehung ganz den Anordnungen der Mutter gefügt, dann aber war sie über sie hinausgewachsen und betrachtete sie nur noch als das bekannte Schicklichkeitsanhängsel, das nun einmal da sein muß, um den gesellschaftlichen Aufzug zu vervollständigen. Der gute Ton verlangte es so, was die Frau Bankdirektor noch dahin ergänzte, daß die »jungen Herren mit reellen Absichten« es eigentlich wünschten.
Neli lachte dazu: »Die jungen Herren von heute? Du lieber Himmel, wie schlecht kennst Du die. Die möchten am liebsten mit uns Mädchen allein dahintollen und ziehen schon eine Nase, wenn die Herren Eltern im Hintergrunde drohen.«
Frau Agathe ging diese Anschauung sehr gegen den Strich, und stets bereit, gute Lehren zu geben, ohne dabei an ihre eigenen Gefühlsabweichungen zu denken, gab sie frostig zurück: »Das sind nur alles so Deine Phantasieen. Manchmal möchten es allerdings die jungen Mädchen so haben, namentlich die ganz modernen, die schon Nietzsche besser kennen als das Kochbuch.Dienamentlich mit den Sezessionslinien. Soweit bist Du ja noch nicht, Gott sei Dank!«
Neli lachte abermals: »Nein, Mama. Sei nur ganz beruhigt! Dazu bin ich doch ein zu gesunder Kerl, wie Papa immer sagt. Der kennt mich eigentlich besser als Du. Verlaß Dich nur ganz auf meine Selbständigkeit!«
Allmählich gewöhnte sich Frau Roderich auch daran, und als sie sah, daß nie etwas passierte, ließ sie Neli tun, was sie wollte und bewegte sich nur noch sanft als fünftes Rad hinterdrein, sobald die Vergnügungen in später Stunde es erforderten. Sonst hatte die Aelteste völlige Freiheit der Bewegung, konnte Besuche machen, soviel sie wollte, und durfte nach Herzenslust herumflirten, was sie gern tat, um die Männer aufzuziehen. Denn ein bißchen Freude im Unglück mußte sein.
In letzter Zeit standen Mutter und Tochter noch schlechter zueinander. Neli war das Anhimmeln des Kandidaten nicht entgangen, und so zog sie sich jetzt immer mehr in ihre zwei Räume zurück, wo sie sich wie losgetrennt von den übrigen vorkam.
Kornelia hatte kaum die kleinen Einkäufe auseinandergelegt, als Rudi sich meldete. »Bist Du da, Neli?«
»Komm nur herein, was gibt's denn? Du hast mir ja lange nicht Deine Visite gemacht.«
Noch immer fertig zum Ausgehen, trat er so ins Zimmer, wie seine Mutter ihn unten verlassen hatte. Den Hut behielt er diesmal auf, weil er große Höflichkeitsbezeugung seiner Schwester gegenüber nicht für nötig hielt. »Ich sah Dich schon hinaufgehen. Du bist ja mehr geflitzt als gegangen. Es war doch niemand hinter Dir her.«
»Du weißt, ich habe es immer eilig.« Da sie aber fühlte, daß sie rot wurde, blieb sie ihm abgewandt stehen. »Willst Du mich wieder anpumpen? Dann muß ich bedauern, bin jetzt selbst klamm.«
»Im Gegenteil, Neli, ich möchte gern meine Schulden bei Dir tilgen, sonst bist Du vielleicht nächstens hart wie eine afrikanische Nuß. Ich kenne Dich ja.«
Sie lachte vergnügt auf. »Du kennst mich am wenigsten ... Aber hübsch von Dir, gib nur her! Ich habe mein letztes Taschengeld ausgegeben. Sind's die ganzen zwanzig Mark?«
»Natürlich, sieh mal.« Er klemmte sich das Goldstück an Stelle seines Monokels ein, was ihm erst nach verschiedenem Gesichterschneiden gelang.
»Du bist ja wieder sehr witzig.«
»Weißt Du, Neli, was ein raffiniertes Pumpgeschäft ist? Wenn man dem gutmütigen Gläubiger das Geld gleich wieder abnimmt.«
»In Dir steckt ein Finanzgenie.«
»Das sag' ich ja zu Papa auch immer. Aber will er's denn glauben? ... Streich doch die zwanzig Emmchen zu wohltätigen Zwecken — für mich nämlich!«
»Das sollte mir einfallen! Verkneip doch nicht soviel! Her mit dem Gelde!«
»Neli, ich will Dir einen Vorschlag machen. Pump mir noch zwanzig Mark zu, bitte nachmittag Papa darum, aber nicht für mich! Du erreichst ja alles bei ihm. Ich brauche nämlich heute abend dringend vierzig Mark. Laß Dich erweichen, stolzes Mädchen!«
»Ach, Du bist nicht recht gescheit.«
»Ich verspreche Dir auch noch als Zinsgenuß ein Pfund feinste Sarotti-Schokolade.«
»Zieht alles nicht. Heute bin ich hartherzig.«
Er verfiel in einen tragischen Ton. »Dann, liebe Neli, muß ich zum äußersten schreiten! Das Schicksal will es so. Ich habe nichts unversucht gelassen, um Deine Milde zu erlangen. Mein Gewissen ist mein Zeuge.« Er erhob den Arm wie zur Anklage und ging mit großen Schritten vor ihr auf und ab.
Sie lachte aufs neue: »Du bereitest Dich wohl zur Bühne vor? Neuer Trick, wie? Vererbung von Mama. Vielleicht singst Du nächstens noch ... Macht aber alles keinen Eindruck auf mich.«
Er blieb vor ihr stehen. »Nun denn, Neli, dann muß ich alle Rücksicht fallen lassen,« sagte er wieder mit gut gemachter Drohung. »Ich verrate Dich samt Deinem Leutnant. Ich weiß alles!«
Natürlich wußte er nichts weiter, als was er gesehen hatte, aber er wollte durchaus an sein Ziel kommen.
»Jetzt wirst Du unverschämt.« Trotzdem sie einen leichten Schreck bekommen hatte und glühend rot geworden war, beherrschte sie sich sofort. »Weißt Du — bekümmere Dich lieber um Dich! Meine Bekanntschaften gehen Dich gar nichts an, die sind alle durchaus faire. Dein Spionieren paßt mir schon lange nicht. Ich werde es Papa sagen. Oder lieber nicht; denn das widerspricht meinem Charakter. Den Beweis dafür habe ich Dir ja schon mehrmals gegeben. Behalte die zwanzig Mark und laß mich ungeschoren. Damit Du meine schwesterliche Liebe erkennst, will ich Dir die andern heute noch zugeben. Aber denke nicht, daß es aus »muß« geschieht! Uebrigens kann ich Dir ja auch sagen, wer der Offizier war. — Aber nein, Du brauchst nicht alles zu wissen. Aber raten möchte ich Dir, sei in anderer Beziehung etwas vorsichtig. Schießen hast Du ja nicht gelernt!«
»Brrr — wie grausig!« Er schüttelte sich komisch, und ohne auf ihre Andeutungen weiter einzugehen, fuhr er fort: »Meinen Dank, stolze Neli! Ich werde mich glänzend revanchieren. Die Schokolade bekommst Du doch!« Aus Dankbarkeit wollte er ihr seine brüderliche Zärtlichkeit beweisen. Sie aber schüttelte ihn von sich ab, und so verließ er sie denn mit der Zusage, um sechs Uhr wieder anklopfen zu wollen.
Kornelia sah durch das Fenster, wie er das Haus verließ, dann ging sie durch die Ateliertür geradeswegs zu Fanny Frank. Beide Mädchen fühlten sich zueinander hingezogen durch jene Anziehungskraft, die manchmal unerklärlich erscheint und doch nur ihre natürliche Lösung in dem Wesen zweier Menschen findet. Beide ergänzten sich in ihren Eigenschaften. Was Kornelia an Klugheit und scharfem Verstande dem Fräulein voraus hatte, das ersetzte diese durch Weichheit des Gemüts, durch Milde und durch fromme Engelsgeduld. Das letztere hatte sich besonders gezeigt, als Kornelia eines Sonntagsnachmittags Fanny gebeten hatte, ihr einmal zu einer Porträtstudie zu sitzen. Sie saß drei volle Stunden mit einer Ruhe und Andacht, daß jeder nervöse Künstler seine Freude daran gehabt hätte. Sie plauderten gemütlich zusammen, Fanny erzählte von ihrer Familie, und das Hauptergebnis dieser Sitzung war, daß Kornelia das einfache »Fräulein« nicht mehr kannte, sondern jetzt regelmäßig den Namen hinzufügte, wogegen sie zu Fanny den Wunsch aussprach, das Wort »gnädig« auf sich selbst nicht mehr angewendet zu sehen.
Sie hatte eine kleine Seelenreise gemacht und soviel aus dem Gemüt der hübschen Frank geschöpft, daß sie noch lange davon zehrte. Sie fand plötzlich, daß sie von der Gesellschafterin ihrer kleinen Geschwister eigentlich nur durch eine soziale Kluft getrennt war, rein äußerlich durch teures Parfüm, durch modische Hüte, durch seidene Röcke und Blusen, durch wertvolles Geschmeide und durch die ganze Lebensweise ihrer Familie; daß sie sich aber, was Abkunft und Erziehung betraf, keineswegs höher stellen dürfe. Und das gab ihr zu denken.
Als die Frau Bankdirektor diese Anschauung hörte, setzte sie sich, unterstützt von Rudi, sofort zur Wehr, indem sie einwarf: »Kindchen, es muß gewisse Unterschiede geben. Wir würden nicht miteinander auskommen, wenn wir die nicht aufrecht erhielten. Man kann freundlich zu seinen Angestellten sein, muß aber immer die gewisse Schranke wahren.«
»Aber natürlich doch. Ein sogenanntes Fräulein ist ein bloßer Begriff, deshalb läßt man auch immer den Namen fort,« mischte sich Rudi altklug hinein, der auf Fanny schon lange ein Auge geworfen hatte und sie in Gedanken durchaus »mollig« fand.
»Ein Taugenichts ist auch ein Begriff,« gab Kornelia so eindeutig zurück, daß er hinter ihr herlärmte, als sie, des Widerspruchs müde, beide allein gelassen hatte.
Kornelia tat weder der Mutter noch dem Bruder den Gefallen, steifer gegen die Frank zu sein; im Gegenteil wurde sie dadurch in ihrem Trotz nur bestärkt.
»Sie haben ja ganz verweinte Augen, was ist denn los?« war Kornelias erste Frage, als sie am Bette Platz genommen hatte.
»Ach, es ist nichts Besonderes; ich ärgere mich, daß ich hier liegen muß,« log Fanny tapfer. »Es ist wieder so gut von Ihnen, sich nach meinem Befinden zu erkundigen.« Dabei streichelte sie Nelis Hand, die sie ihr lächelnd überlassen hatte.
»Hören Sie mal, das kann nicht stimmen. Dahinter steckt etwas anderes. Hat Mama gezankt? Sie wissen ja, sie hat ihre Launen.«
Fanny wollte nicht zum zweiten Male lügen, und so schüttelte sie nur mit dem Kopfe.
Das Toben der Kinder drang wieder herein, wodurch sich Kornelia veranlaßt fühlte, nach einem Weilchen zu sagen: »Sie müßten sich eigentlich freuen, einmal Ruhe vor den Rangen zu haben. Hans kann sehr ungezogen sein. Manchmal bewundere ich Ihre Geduld. Wissen Sie — ich könnte mich nicht immer so in die Launen der Kleinen fügen.«
»O, mir macht's Freude,« gab Fanny lebhaft zurück. »Ich kann Ihnen sagen — ich habe ihre Eigenheiten förmlich studiert. Mit einem bißchen Ruhe und Güte kann man schon etwas erreichen. Ich hatte von jeher Kinder gern. Mein Bruder Kurt neckte mich immer damit und meinte, ich hätte Lehrerin werden müssen. Aber ich war zu dumm, das Examen zu machen.«
»Ihr Bruder Kurt? Ach was!« Kornelia sagte es anscheinend harmlos, aber da sie ihre Verlegenheit empfand, gab sie dem Gespräch eine andere Wendung. »Ihre Hand brennt aber noch ordentlich, und der Kopf auch. Hat man denn den Arzt nicht geholt, nein? Das ist aber doch stark! Und er wohnt drei Häuser weiter. Ich werde ordentlich mit Mama schelten. Lassen Sie nur, das nehme ich auf meine Kappe!«
Widerspruch und Bitten Fannys halfen nichts. Kornelia eilte in die Küche und gab dem Kutscher, der dort herumlungerte, den Befehl, sofort zum Sanitätsrat Siebert zu gehen. Sie bebte noch, als sie zurückkehrte. »Nun will ich Ihnen noch eine kleine Freude bereiten,« begann sie, als sie rasch das Kühltuch naß gemacht und auf Fannys Stirn gelegt hatte, wofür sie einen warmen Händedruck empfing. »Ich soll einen Gruß bestellen von Ihrem Bruder, von dem besagten Kurt nämlich. Ja, sehen Sie mich nur nicht so erstaunt an, wir kennen uns. Ich erzähle Ihnen alles, wenn Sie wieder auf sind. Und denken Sie, ich sprach ihn vorhin erst, ganz zufällig. Er war von Spandau herübergekommen, ich weiß nicht, zu welchem Zweck. Ich fragte auch gar nicht danach, ich freute mich zu sehr. Er begleitete mich ein Stückchen. Wir haben nämlich unser kleines Geheimnis. Sie dürfen kein Wort darüber sagen, hören Sie?«
»Aber wo werde ich denn! Ich freue mich ja diebisch. Er ist ein so guter Junge. Glauben Sie — das macht mich ganz gesund. Ich will auch sogleich auf.« Sie richtete sich auch wirklich empor, mit einem so glücklichen Gesicht, daß es wie Sonnenschein aus ihren Augen sprach.
Neli jedoch duckte sie sanft nieder. »Still, Kleine, Sie bleiben ganz ruhig liegen, sonst schick' ich die Mama!«
Es war in der Art einer fürchterlichen Drohung gesprochen, so daß Fanny ihr abwehrend die Hände entgegenstreckte. »Nein, kommenSielieber wieder, Sie sind ein Engel!«
Neli lachte. »Aber ein ganz derber.« Dann wurde sie ernst. »Sehen Sie, nun haben Sie sich verraten, es ist doch etwas vorgefallen. Bei uns fällt ja immer etwas vor. Wo so verschieden getafelt wird, gibt's auch verschiedene Launen. Manchmal das reine Irrenhaus! Bleiben wir beide wenigstens vernünftig! Nun werde ich weiter für Sie sorgen.«
Ohne auf die Gegenrede zu achten, eilte sie hinaus.