XI.

XI.

Drei Tage darauf war Sonntag. Kandidat Fröhlich hatte inzwischen den Mut gefunden, sich Frau Rettig anzuvertrauen und war gemeinschaftlich mit seinem Bruder in Mittagskost bei ihr getreten. Da es heute Geld gegeben hatte, so war der grüne Hecht nachgeholt worden, und der große und der kleine Fröhlich hatten sich besonders gütlich getan. Am späten Nachmittag hielt es der Kandidat für nötig, den geistigen Menschen in ihm an den Lesefrüchten des Tages wieder einmal aufzufrischen. Allwöchentlich besuchte er seine kleine Stammkonditorei, die im Westen lag und ein versteckt liegendes Hinterstübchen hatte, in dem nur wenige Zeitungswölfe auf Raub ausgingen.

An diesem schönen Tage, der halb Berlin entvölkert und ins Freie hinausgelockt hatte, war es besonders leer in dem stillen Winkel. Ein alter Herr, der wie ein vielgeplagter Stadtreisender aussah, saß am kalten Ofen und bemühte sich, hinter dem vorgehaltenen Riesenformat einer Zeitung seine Müdigkeit zu überwinden, was ihm aber schlecht gelang, denn endlich konnte das Papierdach seinen Zustand nicht mehr verdecken; es entfiel sanft seinen Händen, rutschte über die Knie auf den Linoleumteppich und zeigte das Bild des Sonntagsschläfers, der die gewohnte Stunde zu ungewöhnlicher Zeit dem Dasein abrang.

Das Fräulein kam vom Ladentisch, störte den Schläfer nicht, hob aber die Zeitung mit einer Miene auf, aus der deutlich hervorging, daß sie diesen Liebesdienst schon öfters vorgenommen habe.

Kandidat Fröhlich, der am Fenster sitzend, in seinem Kaffee rührte, vergnügte sich einige Augenblicke darüber, dann las er ruhig weiter. Er blickte erst wieder flüchtig auf, als ein junger Mann eintrat, der sich als dritter im losen Bunde an einem Marmortisch an der gegenüberliegenden Wand niederließ, durchaus aber nicht Sinn für geistige Befriedigung zu haben schien, vielmehr die Augen lebhaft kreisen ließ.

Das Fräulein brachte ihm einen Apfelkuchen mit Sahne, den er mit geteilter Aufmerksamkeit zu verzehren begann; denn er sah dabei wiederholt nach der Uhr und dem vorderen Raum, wo man durch die Glastür hin und wieder einige Damen erblicken konnte, die es vorzogen, sich dort niederzulassen.

Fröhlich glaubte in dem männlich offenen Gesicht, dessen starke Wetterbräune in einer scharfen Linie am Stirnabsatz abschnitt, bekannte Züge zu entdecken, die er irgendwo schon gesehen haben mußte. Entschieden war es ein Gast, der sich hierher nur verirrt hatte und aus gewissen Gründen nicht zur Ruhe kommen konnte. Er strich erregt seinen braunen aufgezwirbelten Schnurrbart, bückte sich dann wieder über dem Kuchen und roch schließlich an einer langstieligen roten Rose, die er neben sich gelegt hatte. Als er dann bemerkte, daß sein Gegenüber ihn länger als erlaubt betrachtete, nahm er sich endlich eine halb zerrissene Wochenschrift vom Nebentisch, um darin zu blättern, was er aber unstreitig wie jemand tat, der sich nur zerstreuen möchte und die Aufmerksamkeit eines andern von sich ablenken will.

Auch Fröhlich hielt es für taktvoller, sich mehr mit sich zu beschäftigen als mit dem andern. Plötzlich aber durchzuckte ihn ein leichter Schreck, denn die Glastür ging auf und Kornelia Roderich trat ein, mit all dem Duft, den ein hübsches und frisches, elegant gekleidetes Mädchen aus der Gesellschaft mit sich führt. Dem Kandidaten war es, als brächte man in diese verdorbene Luft von Blätterteig, Kaffeeresten und Zigarrenqualm einen großen taufrischen Blumenstrauß hinein, der erquickende Düfte ausströmt.

Sofort erhob sich der Herr, ging ihr entgegen und küßte ihr mit einem Dank für ihr Kommen die Hand.

»Haben Sie schon lange gewartet?« fragte sie und nahm neben ihm Platz.

»Eine kleine Ewigkeit von fünf Minuten,« wandte er heiter ein. »Ich wäre beinahe vor Sehnsucht gestorben.«

»Sie Aermster, was hätten Sie dann davon gehabt?« sagte sie mit derselben guten Laune. »Beinahe hätte ich's gar nicht möglich machen können, zu kommen. Wir haben zum Abend Gäste, und da ist Mama noch 'mal so nervös. Das ganze Haus ist dann rebellisch. Und Neli muß überall sein. Ich kann auch nicht lange bleiben, aber Sie sollten doch sehen, daß ich Wort zu halten verstehe.«

»Wenn ich zwei Köpfe hätte, würde ich Ihnen einen dafür zu Füßen legen,« warf er ein, »aber das teure Haupt muß ich schon für Sie aufbewahren.«

»Hübsch gesagt, Herr Leutnant, so etwas gefällt mir. Diese Rose ist natürlich für mich.« Sie nahm sie und sog den Duft ein.

»Pardon, daß ich ganz vergaß. — Die schönste, die ich finden konnte.«

»Dafür soll sie auch täglich frisches Wasser in meinem Atelier bekommen. Sie dürfen sich darauf etwas einbilden,« fuhr sie launig fort. »Bis jetzt ist es nicht vielen passiert.«

»Ach, mein gnädiges Fräulein — wer Sie einmal so bei Ihrer Kunst belauschen könnte,« schmachtete er sie an.

»Wenn Sie ganz artig bleiben und mir in allem folgen, dann soll Ihnen auch einmal das Vergnügen zuteil werden.«

»Ich werde mich bemühen, noch einmal kindlichen Gehorsam zu lernen.«

»Finden Sie nicht, daß es furchtbar gewagt ist, mich mit Ihnen hier zu treffen?« sagte sie wieder. »Aber Ihr Brieflein war so rührend.«

»In dieser Bude sieht uns niemand,« wandte er lustig ein.

»So? Das klingt ja sehr verdächtig. Wieviel Rendezvous haben Sie sich hier schon gegeben?«

»Kein einziges, ich schwöre es Ihnen. Aber als ich früher mal durch Zufall hier hineingeriet, um mich mit meinem Schwesterlein zu treffen, dachte ich so bei mir: hier könnte man sterben, es würde niemand merken. Na, und gestorben wäre ich sicher, wenn Sie nicht gekommen wären.«

»Ach, Sie Schmeichler, Sie! Ich hätte kaum geglaubt, daß man so was in Spandau auch kennt.«

»Ach, wenn Sie wüßten, was man da alles kennt,« seufzte er. »Armeleutnants-Diners zu zwei Gängen, Verstorbenevaterfreuden an den Hinterbliebenen und andauernde Sehnsucht nach dem Kommißgeld mit blauer Blume daran. Und manches andere noch.«

»Sie sind wenigstens aufrichtig. Das gefällt mir ganz besonders von Ihnen.«

»Ja, spotten Sie nur, mein gnädiges Fräulein,« fuhr er fort. »Sie kennen dieses große Kapitel im bunten Drilleben nicht. Sie sind ein verwöhnter Schmetterling, der immer aus goldenen Schüsseln nascht und der sich seine Blume suchen kann. Von dem schönen Wort ›arme Familie‹ haben Sie noch nichts gehört.«

»Ach du lieber Himmel,« kam es Kornelia unwillkürlich über die Lippen. »Wissen Sie, es kommt immer darauf an, wie man alles betont ... Ich bitte Sie, werden wir nicht so laut, man könnte uns hören!«

»Ach, das sind Zeitungstiger, die nichts sehen.«

Der Schläfer am Ofen hatte sich geregt, und so war Kornelia ängstlich darauf aufmerksam geworden. Zugleich schien es ihr aber auch, als wenn der muntere Zeitungsleser am Fenster die Ohren spitzte. Sie konnte ihn zwar nicht sehen, denn er hielt andauernd eine große eingespannte Zeitung vor seinem Gesicht, aber seine völlige Bewegungslosigkeit gab ihr zu denken. Das bedienende Mädchen kam und brachte das bestellte Vanillen-Eis, das Kornelia langsam zu schlucken begann.

Fröhlich kam sich wie ein Gefangener vor, dem die Aussicht durch ein großes Stück Papier verdeckt ist, das er zur Strafe fortwährend anstarren muß, ohne zu erfahren, was darauf steht. Wiederholt hatte er den Versuch gemacht, ruhig weiter zu lesen, aber er kam über den ersten Ansatz dazu nicht hinaus. Sofort hatte er den Vorgang erfaßt, und als er die Anrede ›Leutnant‹ und den Namen ›Fanny‹ hörte, wußte er, daß er das Original der Photographie vor sich hatte, die auf dem Tische in Fräuleins Zimmer stand. Also war es der Bruder der Angebeteten, der sich mit der vielumworbenen Tochter des Bankdirektors hier ein Stelldichein gegeben hatte. Was für eine Verwirrung im Hause Roderich, deren Folgen ihm unabsehbar erschienen!

Er hatte sich bereits auf alles gefaßt gemacht: daß Frau Agathe das Singen lassen könnte, daß sie eines Tages mit ihrem Herrn Gemahl wieder gemeinsam das Mittagessen einnehmen würde, daß Rudi seinen Eltern erklären könnte, er möchte zwölf Stunden täglich arbeiten; aber auf eine derartige Ueberraschung war er niemals vorbereitet gewesen.

Bisher hatte er sich immer geschmeichelt, alles im Hause Roderich kommen zu sehen, diese Neuigkeit jedoch war urplötzlich an ihn herangetreten, und unvorbereitet, wie er war, sah er sich in einer unbehaglichen Klemme, gegen die er machtlos war. Er hatte zwar seinen Blick bannen, sich aber nicht die Ohren zuhalten können, was er aus Feinfühligkeit am liebsten getan hätte, und so hatte er jedes Wort der beiden vernommen. Um alles in der Welt hätte er sich ihnen nicht gezeigt; denn dann wären sie um ihr stilles Glück gekommen, und man hätte in ihm den Mitwisser ihres Geheimnisses gesehen und ihn jedenfalls als Störenfried betrachtet, dem man kein angenehmes Gesicht zeigen würde. Er kannte das Leben nach dieser Richtung hin und wußte, daß große Herrschaften immer einen Grund hatten, die Unschuldigen für ihr eigenes Pech verantwortlich zu machen. Er hätte auch gar nicht gewußt, wie er sich bei diesem unangenehmen Zufall verhalten sollte.

War es überhaupt ein Zufall, daß ihm die Aussicht winkte, den Bruder des armen Fräuleins, des von ihm geliebten Mädchens, später einmal im Hause desselben Mannes zu sehen, in dem die sogenannte Familiensklavin ihren Dienst tat, oder dann vielleicht schon getan hatte? Der Kandidat war geneigt, diese Frage zu verneinen und wieder an jene höhere Bestimmung zu glauben, der er sich als Schicksalsanbeter so gerne beugte. Sicher waren geheime Mächte mit im Spiele, die ihre Fäden bis hierher gesponnen hatten, um die Menschen zusammen zu bringen, die denselben Kampf um ihr Glück zu führen hatten.

Fröhlich zerbrach sich aber nicht länger den Kopf darüber; er hielt es für besser, sich gar nicht zu zeigen, sondern in Ruhe abzuwarten, bis sie gehen würden. Lange konnte das nach Kornelias Andeutung nicht dauern.

Die beiden am anderen Tisch plauderten ruhig weiter. »Wie geht's meiner Schwester?« fragte Frank. »Sie würde schöne Augen machen, wenn sie uns hier sitzen sähe, meinen Sie nicht?«

Kornelia lachte leicht auf. »Vielleicht ahnt sie schon etwas. Ich habe ihr nämlich Ihren Gruß bestellt ... Wie wär's, wenn Sie sich einmal persönlich nach ihrem Befinden erkundigten, Sie stolzer Marsjünger? Es geht ihr übrigens gut.«

»Durch Ihre Aufopferung, gnädiges Fräulein. Es ist ja brüllend-rührend, wie sie von Ihnen schreibt.«

»Dafür soll sie einen Verweis bekommen.«

»Aber nicht zu hart, wenn ich bitten darf,« wandte Frank gutmütig neckend ein. »Schon kein Vergnügen für sie, Fräulein zu spielen. Na, und mir macht's erst recht keinen Spaß. Ich war immer dagegen. Aber hören die Mädels denn? Sie müssen immer gleich weg von Muttern, sogenannte Selbständigkeit sich erringen. Nette Selbständigkeit, wenn der Bruder darunter am meisten zu leiden hat. Deubel ja!«

»Fluchen Sie nicht, es kleidet Sie nicht!«

»Es ist wahr, verehrtes gnädiges Fräulein,« fuhr er fort. »Ich bin Aktiver, und sie geht mit fremden Kindern spazieren! Verzeihung — hoffentlich werden mir diese reizenden Kleinen bald näher gerückt. Aber es ist doch so. Wenn man nichts davon sieht, läßt man die Karre ruhig gehen. Ist ja bei hundert anderen Mädels aus guter Familie auch so. Da sind die Töchter von Exzellenz Hübner, alter verdienter General gewesen, entfernter Verwandter von uns. Alle drei Lehrerinnen. Was haben sich die Mädels gesträubt, in Kommunalschuldienst zu treten! Jetzt haben sie's längst überwunden. Kriegen besser von der Stadt bezahlt, wie sie sagen. Obendrein pensionsberechtigt. Wenn sie aus der Schule kommen, lüften sie immer die Kleider aus. Sie sind aber ganz kreuzvergnügt dabei: Brot schmeckt eben süß.«

»Es ist doch auch keine Schande, Herr Leutnant, es sich ehrlich zu verdienen.«

»Sicher nicht, meine Gnädige. Das soll ja auch alles sein, wenn's unsern bunten Rock nur nicht geniert. Immer besser noch, die armen Mädels bleiben in der Häuslichkeit, als wenn sie in die Komptoirs und in die Bureaus laufen, oder gar zu Hause verschämte Armut treiben, nur kollidieren dürfen sie nicht mit uns. Dann wird's natürlich uns zur Last gelegt.«

»Ich würde das niemals tun, Herr Leutnant.«

Frank machte einen verbindlichen Kopfnicker. »Das ehrt Sie ungemein, mein gnädiges Fräulein; aber so denken nicht alle Menschen, die es angeht. Was würde zum Beispiel Ihre gnädige Frau Mama oder Ihr verehrter Herr Papa sagen, wenn Leutnant Frank bei ihnen um die Hand ihres Töchterleins anhalten würde, derselbe Leutnant Frank, dessen liebe, gute Schwester — und das ist sie wahrhaftig — im selben Hause sozusagen Halbdienerin ist?«

»Nichts würden sie sagen,« warf Kornelia altklug ein. Trotzdem war sie rot geworden, denn da ihr Herz fortwährend mitsprach, war diese Deutlichkeit ihr sehr nahe gegangen. Er hatte schließlich nur ihre Gedanken wiedergegeben, und so war ihre Antwort nur der Ausdruck ihrer Verlegenheit.

Er lächelte überlegen. »Nichts — das habe ich mir auch gedacht. Ihre Herren Eltern würden eben sprachlos sein. Zuerst über die Kühnheit des Mitgiftjägers, — Verzeihung, ich gebe ja nur die Gedanken anderer wieder — und dann über die Anmaßung aus verwandtschaftlichen Gründen. Kenne ich. Solche Märchen erzählen wir uns im Kasino, und wenn der Ausgang uns nicht paßt, dann wird geflucht und geschimpft. Besser wird's dadurch ja nicht, aber es gibt Erleichterung ... deshalb sage ich, mein liebes, wertes Fräulein Kornelia, — ich darf Sie doch so nennen? — wenn mir der Aufstieg erleichtert werden soll, ohne zu große nebulose Aussicht, dann muß Fanny Plätzchenwechseln spielen. Sie muß fort von Ihnen.«

Die große Zeitung am Fenster bauschte sich plötzlich nach vorn, gleich einem Segel, in das der Wind gefahren ist. Diese Bewegung kam von einem unmutigen Kopfschütteln Fröhlichs, der mit dieser Ansicht durchaus nicht einverstanden war. Er hatte zwar nicht alles vernommen, da das Sprechen zeitweise zu einem Flüstern sank. Zuletzt jedoch, als Erregung aus den Worten klang, hatte er jede Silbe gehört. Beinahe hätte er das Schiff ins Wanken gebracht. Zum Glück aber beherrschte er sich sofort und zog das Segel wieder an, so daß seine Aufregung unsichtbar blieb.

»Das kommt vielleicht bald, ohne Ihren Willen,« warf Kornelia ein. »Was sagen Sie dazu — sie hat einen Anbeter gefunden, und einen ganz ehrlichen obendrein.«

»Sieh einer diese Muckerin,« sagte Frank ganz verblüfft. »Davon schreibt sie natürlich nichts! Hat er denn was?«

»Schöne Aussichten.«

»Also gerade wie ich?«

»Ganz so schön sind sie nicht,« fuhr Kornelia fort. »Es ist nämlich unser Herr Kandidat, der in sie verschossen ist.«

»Also ein anständiger Kerl?«

Kornelia nickte. »Von feiner Gesinnung sogar.«

»Und so etwas erfährt man erst aus Ihrem holden Munde,« sagte Frank wieder ganz überrascht. »Da muß ich die Kleine doch nächstens ins Verhör nehmen. Sie muß beichten, wenn ihr verziehen werden soll. Trotzdem ein Schulmeister nicht nach meinem Geschmack wäre. So ein Kandidat wird ja alt wie Methusalem, ehe er seinen Oberlehrer weg hat.«

In diesem Augenblick neigte sich das große Papiersegel ganz bedenklich, so daß man die Haare dahinter erblicken konnte. Die spitzen Knie gerieten in Bewegung, und ein unbewußtes Räuspern wurde hörbar. Dann streckte sich eine schmale und weiße Hand auf Umwegen nach der Kaffeetasse aus, suchend und tastend, mit der Gewohnheit eines tiefversunkenen Zeitungslesers. Fröhlich konnte die starre Haltung nicht mehr vertragen und wollte Leben in seine Ecke bringen. Es war zwar in der Tasse nichts mehr drin, aber er zog sie doch an seine Lippen und netzte sie mit den letzten Tropfen des Bodensatzes. Das gab ihm Befriedigung in seiner Pein und unterdrückte den leichten Groll, der nach den letzten Worten in ihm aufgestiegen war.

»Eine sehr nette Perspektive, die er mir malt,« war sein Gedanke, während er einen leichten Seufzer unterdrückte. Etwas Wahres lag darin, das mußte er sich sagen, wenn ihm auch der Vergleich mit Methusalems Alter etwas vorwitzig erschien. Mit Schrecken dachte er daran, diese Abneigung Franks gegen die Schulmeister könne sich auch auf die Schwester übertragen. Dann aber geriet er in eine gewisse wohlige Stimmung, denn Fräulein Roderichs Enthüllung hatte so bestimmt geklungen, als wäre es für sie eine ausgemachte Sache, daß er und Fanny bereits einig seien. Er lächelte still, nickte freudig vor sich hin und wippte dabei mit der Zeitung hin und her. Beinahe hätte er das Segel ganz eingezogen, sofort aber ertappte er sich bei dieser Voreiligkeit und spielte wieder den aufmerksamen, in der Lektüre versunkenen Leser.

»Ich möchte nur wissen, wer dahinter steckt,« sagte Kornelia, ohne sich großen Zwang anzutun.

Fröhlich duckte sich noch mehr. »Du lieber Himmel, wenn sie nur nicht herkommt,« dachte er wieder und breitete nun beide Hälften der Zeitung so aus, daß auch die Durchsicht nach rechts versperrt war.

Zum Glück nahm ihm Frank jede Besorgnis, indem er seine Gesellschafterin auf andere Gedanken brachte. »Soll uns gar nicht genieren, mein gnädiges Fräulein. Uns kennt hier niemand.«

»Wenn Du wüßtest!« war Fröhlichs Gedanke aufs neue. Nun aber beruhigt, nahm er sich vor, tapfer auszuharren, wobei er sich allerdings den Kopf darüber zerbrach, wodurch man im Hause Roderich so rasch auf den Gedanken an seine Neigung zu seiner Leidensgefährtin gekommen sein könne.

Es war sehr einfach. Rudi hatte an jenem Nachmittage aus Neugierde die beiden im Auge behalten und nach seiner Weise Frau Agathe davon Mitteilung gemacht, der es nun erst recht klar wurde, daß zwischen Kandidat und Fräulein seit längerer Zeit zärtliche Bande bestehen mußten. Und sofort hatte sie für die Ruchbarkeit dieser »schändlichen Verschwörung«, wie sie es nannte, gesorgt.

»Nun aber hören Sie mich mal vernünftig an, Herr Leutnant,« sagte Kornelia nach einem Weilchen wieder. »Wir müssen uns offiziell nähern, so ganz ohne Zwang, hübsch öffentlich, wenn meine Eltern dabei sind.«

»O weh, ich zittere,« wandte Frank ein.

»Dann binden Sie sich eben den Degen um,« erwiderte sie heiter. »In Uniform macht sich das auch viel besser. Imponiert viel mehr. Nächsten Donnerstag im Zoologischen. Zwischen acht und neun. Wir gehen durch die Lästerallee, und Sie schwirren vorüber und grüßen. Unauffälliges Anreden von mir, höfliche Verbeugung von Ihnen und notgedrungene Vorstellung meiner Eltern. Dann die üblichen Verlegenheitsredensarten, und das übrige wird sich finden. Erkundigen Sie sich nur recht lange nach dem Befinden Fannys und bleiben Sie zäh an meiner Seite! Für die Leutseligkeit von Papa werde ich schon sorgen. Und wenn er Sie dann zu einem Glas Bowle auf der Terrasse einladet, dann bitte ich um etwas Annahme. Das kann ja alles so den Anschein von Interesse für Schwesterchen haben.«

»Wird gemacht. Sie sind die größte Diplomatin, die ich kenne.«

Sie lachte. »So etwas lernt sich auf dem glatten Parkett unserer lieben Gesellschaft. Dann wimmelt man sich so geistig durch und steigt über den Horizont der Eltern ... Können Sie übrigens singen?«

»Noch nicht. Aber wenn Sie's befehlen, lerne ich's noch.«

»Na, dann verschweigen Sie ihre Talentlosigkeit lieber und heucheln Sie Verständnis, Mamas wegen. Kaufen Sie sich einen Opernführer, ich habe auch einen. Heutzutage vergißt man alles so schnell, daß man durch sogenannte Kunstextrakte auf der Höhe bleiben muß. Wenn Sie nun gar noch für Operetten schwärmen, dann erklärt Sie gleich Mama für den nettesten Menschen dieses Jahrhunderts.«

»Da es neu ist, soll es noch nicht viele geben,« warf er selbst spöttisch ein. »Sie sind nicht nur das schönste, sondern auch das klügste Mädchen, das ich bisher kennen lernte. O, Kornelia, wenn Sie wüßten —!«

Sein hübsches Gesicht strahlte vor Begeisterung, seine Augen leuchteten, und er war nahe daran, nach einem raschen Aufblick nach rechts und links mit zu großer Zärtlichkeit ihre Hand zu drücken, als sie ihn in die nötigen Grenzen wies.

»Herr Leutnant, hübsch artig! Ich bin kein sogenanntes Schlagsahnen-Rendezvous, wie wir im Pensionat immer sagten.«

»Aber eine Göttin sind Sie!«

»Dann also Ehrfurcht ... Nun wird's aber Zeit! Jeder bezahlt hübsch für sich. Es könnte vorn doch jemand sitzen, der mich kennt, dann gehe ich zuerst hinaus, und Sie folgen hübsch!«

»Sie sind von bezwingender Selbständigkeit, ich muß also gehorchen.«

»Gott sei Dank,« stöhnte Fröhlich in Gedanken, als er das Geräusch des Erhebens hörte.

Einige junge Männer waren laut schwatzend hereingetreten, und so hatte auch Kornelia ein Gefühl der Erlösung, als sie, den Sonnenschirm im Arm, sich rasch die Handschuhe überstreifte.

Der Kandidat wagte es endlich, das Gesicht ein wenig hervorzustrecken, um ihren Anblick noch zu erhaschen. Wirklich drehte sie ihm schon den Rücken, und er konnte noch rasch ihre schöne Figur bewundern, die in dem hellen Foulardkleid ganz besonders hervortrat. Dann aber ließ er aus Unachtsamkeit die Zeitung fallen, und das geschah gerade in dem Augenblick, als er sah, wie sich Kornelia hinter der Glastür noch einmal umwandte und flüchtig einen Blick zurücksandte. Sie reckte den Hals, und dann war es ihm, als blickten unter dem kühnen Sommerhut ihn starr zwei große Augen an.

War es eine Uebertragung seines Schreckens auf sie, oder hatte er sich nur getäuscht? Er wußte es nicht. Aber er hatte das dumpfe Gefühl, noch zuletzt eine große Dummheit begangen zu haben, die sich sicherlich rächen würde. Dann aber wehrte er diese Einbildung ab, denn Kornelia kehrte nicht zurück, wie er es erwartet hatte. Also hatte er sich aufs neue unnütze Kopfschmerzen gemacht. Aber wie entstiegen einem Dampfbad, zog er sein Taschentuch und fuhr sich damit über die heiße Stirn. Es war auch wirklich warm im Zimmer, namentlich nachdem sich die Sonnenstrahlen durch die Scheiben andauernd gerade seine Ecke ausgesucht hatten. Und er hatte das Segel nicht nach dieser Richtung spannen dürfen!


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