XII.

XII.

Fröhlich hatte keine Lust mehr zum Lesen, und so ging er nach Hause, um in Ruhe die Eindrücke der letzten halben Stunde zu verarbeiten. Er war deshalb froh, den Bruder nicht vorzufinden, der sich mit einem Schulfreunde verabredet hatte, irgendwo umherzutollen. Kaum aber hatte er es sich in seinem Zimmer bequem gemacht, als es laut klingelte und ihm gleich darauf Frau Rettig die Karte eines Herrn hereinbrachte, der ihn dringend zu sprechen wünschte.

»Kurt Frank. Leutnant im 35. Füselierregiment Prinz Heinrich von Preußen, kommandiert zur Schießschule in Spandau,« las er, schlüpfte schnell wieder in seinen Rock und ließ um die Ehre zum Nähertreten bitten. Dann zupfte er noch schnell an dem schwarzen, knöpfte ihn mit genialer Bewegung zu, strich liebevoll über die schlanke Taille und warf musternd einen Blick in den etwas zu klein geratenen Spiegel über der Kommode. Und sofort zufrieden mit sich, kreuzte er die Hände über dem Rücken und blieb mitten im Zimmer stehen, den Blick erwartungsvoll auf die Tür gerichtet.

Merkwürdigerweise war er durchaus nicht erschreckt, denn er hatte das alles kommen sehen, nicht nur nach dem Gesetze der höheren Bestimmung, sondern auch nach dem Gesetze der sogenannten Uebertragung, das zwei schlimme Ereignisse stets zugleich eintreten läßt. Er war erkannt, das dünkte ihm sicher; er hatte es gewagt, sein Auge zu der Schwester eines Offiziers zu erheben, und nun kam der Bruder, um Rechenschaft zu fordern, weshalb er das unschuldige Mädchen in das Gerede des Hauses Roderich gebracht. Aber er wollte seinen Mann stehen, wollte seine ganze Philologenweisheit, seine Geisteskraft aufbieten, um das Recht des anständigen Mannes mit reellen Absichten, wenn auch noch ohne Aussichten, zu verteidigen.

Der stolze Marsjünger sollte den Schulmeister kennen lernen, über den er sich schon in der Konditorei mit einer gewissen Geringschätzung geäußert hatte. Der Schulmeister hatte bei Königgrätz gesiegt, er würde auch sicher durch einen Leutnant sich nicht in die Flucht schlagen lassen!

Während Fröhlich das alles mit Blitzesschnelle erwog, wippte er leicht auf den Sohlen hin und her und rief dann laut: »Herein!« den Blick mutig geradeaus gerichtet. Und die großen Worte schwebten ihm vor: »Ich weiß schon, weshalb Sie kommen, Herr Leutnant. Ich bin bereit, Ihnen Rede zu stehen.« Aber seine Kampfeslust schrumpfte sofort zusammen, als Kurt Frank, kaum eingetreten, zwar zuerst eine gemessene Verbeugung machte, dann aber sich gleich mit liebenswürdigen Worten einführte, mit demselben Schalk im Nacken, den er in dem Geplauder mit Kornelia gezeigt hatte.

»Entschuldigen Sie, Herr Kandidat, wenn ich während der Kirchenzeit bei Ihnen hier hereinplatze, aber es ist wirklich gern geschehen. Ich betrachte mich nämlich schon als guten Bekannten von Ihnen.«

»O, Sie stören durchaus nicht, Herr Leutnant. Ich bin Philologe, nicht Theologe, cand. phil., wenn ich bitten darf. Nur mein Vater war Pastor.«

Eigentlich wollte er hinzufügen: »Daß ich als Schulmeister in die Zukunft blicke, das haben Sie ja selbst vor einer Stunde in wenig liebenswürdiger Weise geäußert,« aber er hütete sich, vorlaut zu sein, um sich nicht als Mitwisser heimlicher Dinge zu verraten.

Er beeilte sich, dem Besucher den einzigen verfügbaren Rohrstuhl als Sitz anzubieten, nachdem er ihn mit einem großen Schwung vom Schreibtisch her mitten ins Zimmer gestellt hatte, und bat um Entschuldigung für die Unordnung, die hier augenblicklich herrsche. Das ganze ausgediente Ledersofa war mit Büchern bepackt, und so konnte er die Botschaft nur im Stehen anhören. Als dann aber Frank nicht eher Neigung zeigte, Platz zu nehmen, bevor der andere dasselbe tun würde, kippte Fröhlich entschlossen den Bretterstuhl am Fenster um, so daß die Zeitungen und Hefte wild auf die Diele fielen.

»Es ist etwas eng hier, Herr Leutnant,« sagte er abermals zur Entschuldigung. »Wenn zwei Betten in einem Zimmer stehen, bleibt nicht viel Platz zum Exerzieren übrig.« Es reizte ihn ein wenig, den militärischen Ton anzuschlagen.

»Waren Sie Soldat, Herr Kandidat?« fragte Frank, weil das »Exerzieren« ihn leicht geärgert hatte.

»Leider nicht, Herr Leutnant, man hat mich merkwürdigerweise wegen allgemeiner Körperschwäche zurückgesetzt.«

»Das sieht man,« hatte Frank schon auf den Lippen, verkniff sich aber aus Zartgefühl diese Bemerkung. So sagte er dann höflich: »O, das tut mir leid. Sie hätten jedenfalls einen prächtigen Soldaten abgegeben.«

Fröhlich faßte das durchaus ernst auf und machte einen Kopfnicker als Beweis seiner Anerkennung. Während sich beide gegenübersaßen und eine Weile gleichgültige Worte wechselten, musterten sie sich rasch. Entschieden waren sie große Gegensätze, und nicht bloß in ihrem Aeußern. Der Kandidat war zugeknöpft, der Leutnant offen und burschikos, mit der nötigen standesgemäßen Zurückhaltung. Kernige Gesundheit sprach aus ihm, die Frische der regelmäßigen Bewegung im Freien. Trotzdem er über die Mittelgröße hinausragte und durchaus schlank war, spannte sich seine kräftige Muskulatur förmlich unter dem grauen Sommeranzug, der allerdings nicht mehr ganz modern war und schon stark nach dem Zivilbummel des vergangenen Jahres aussah.

Durchaus schneidig in seinem Auftreten, hatte Leutnant Frank doch nichts von jener sogenannten Korrektheit in seinem Wesen, die meistens nur Unnatur ist. Steife Ziererei war ihm ein Greuel, selbst wenn er in Uniform war, und da er sich am liebsten ganz ungezwungen gab, so entpuppte er sich stets gleich als angenehmer Gesellschafter, der nichts mit jenen Offizieren gemein hatte, die sogar die Umgangsformen nach SchemaFregeln. Seine Aehnlichkeit mit Fanny war unverkennbar. Nur sein üppiges, in der Mitte gescheiteltes Haar, das kraus in der Stirn lag, war dunkler und glänzender.

Dem Kandidaten haftete die Stubenluft an. Er sah fast milchern gegen den andern aus, weich und mädchenhaft; der zarte braune Christusbart gab ihm etwas Keusches und Frommes, etwas Verzichtleistendes und Abwartendes, wie es sich oft bei Naturen zeigt, die die Demütigungen des Daseins frühzeitig kennen gelernt haben. Er gehörte zu den Leuten, die sich scheuen, das erste Wort zu sprechen und ein reiches inneres Leben führen. Aber von seinen großen rehfarbenen Augen ging ein sanfter Zauber aus, der auf die Dauer den Blick fesselte.

Auch Frank empfand das, je länger er ihn betrachtete, und so gestand er sich in Gedanken, eigentlich einen ganz »passablen Kerl« vor sich zu haben, wenn auch aus etwas weichem Holze, wie ihm schien, aber doch rein und ohne Flecken, gut gehobelt, dabei recht biegsam, ohne zu tiefe Neigung nach dem untertänigen Winkel. Selbstbewußtsein gepaart mit Würde sprach aus ihm, jedenfalls keinem kleinlichen Stolze entsprungen.

»Meine Schwester hat mir bereits viel Nettes von Ihnen berichtet,« führte Frank das Gespräch fort. »Sie gelten etwas im Hause Roderich.«

Fröhlich wehrte mit Bescheidenheit ab, dabei erwog er sofort, was nun kommen würde. Diese Einleitung machte sich ganz gut, und so gab er sich innerlich einen Ruck zur Selbstbeherrschung und richtete zugleich den Oberkörper straff in die Höhe. Dabei klopfte ihm das Herz stark, denn er ahnte etwas ganz Ueberraschendes, das mit einer Selbstverleugnung der Angebeteten zusammenhängen könnte. Die Hoffnung aller Liebenden beseelte ihn, die an ein plötzliches Wunder glauben; aber diesmal betrog ihn seine Ahnung.

Kurt Frank offenbarte ihm kurz und bündig, weshalb er gekommen sei. Fräulein Kornelia Roderich habe Fröhlich beim Verlassen der Konditorei erblickt und schwebe in Angst, daß er sie ebenfalls gesehen haben könne. »Es würde mir meine Aufgabe sehr erleichtern, Herr Kandidat, wenn Sie darüber ganz offen zu mir wären,« fuhr er fort. »Ich brauche wohl nur anzudeuten, wie peinlich es für das gnädige Fräulein und für mich wäre, wenn unser kleines Geheimnis zuvörderst nicht unter uns bliebe. Wir sind zwei Männer von anständiger Denkungsart und da bedarf es wohl nicht erst großer Aufklärungen von meiner Seite.«

Fröhlich erlebte zwar eine kleine Enttäuschung, aber sie wurde doch gleich wieder aufgewogen durch dieses Vertrauen, das ihm wie eine Auszeichnung erschien, die ihm die Achtung des andern sicherte. Es dauerte nicht lange, und beide hatten sich darüber ausgesprochen. Zartfühlend verschwieg zwar Fröhlich, daß er vieles gehört habe, um Frank nicht in Verlegenheit zu bringen, aber dieser merkte ihm doch an, daß er nur die Absicht habe, auszuweichen. Er drang auch nicht weiter in ihn, sondern freute sich schon, so klug gewesen zu sein, gleich diesen Weg hierher gewagt zu haben.

»Das gnädige Fräulein und Sie können ganz beruhigt sein,« sagte Fröhlich, nachdem sich Frank bereits erhoben hatte. »Ich habe weder etwas gesehen, noch gehört. — Sie werden mich schon verstehen, Herr Leutnant. Sie dürfen überzeugt sein, daß ich die große Ehre zu schätzen weiß. Ich freue mich aufrichtig, den Herrn Bruder des von mir so überaus geschätzten Fräuleins im Hause Roderich, kennen gelernt zu haben.«

»Ganz auf meiner Seite, Herr Kandidat,« beteuerte Frank mit derselben Offenheit. »Bitte aber auch meinem Schwesterchen gegenüber um etwas Diskretion. Die Kleine schreibt nämlich gerne acht Seiten lange Briefe.«

Fröhlich lachte. »So. Davon weiß ich allerdings nichts. Ich wüßte auch kaum, wo sie dazu die Zeit im Hause Roderich hernehmen sollte.«

»Wird wohl ordentlich angespannt, der arme Wurm, wie? Na, das soll sich ja bald ändern.«

Der Kandidat glaubte, etwas lügen zu müssen, um dieser auch ihm drohenden Gefahr zu entgehen. »O, das kann ich eigentlich nicht sagen, Herr Leutnant,« warf er lebhaft ein und rieb sich die Finger, was ebenfalls eine Begleiterscheinung seiner Unterrichtsart war. Dabei hob und senkte er sich wieder auf seinen Sohlen. »Sie hat es eigentlich im Durchschnitt ganz gut bei uns, sie befindet sich sozusagen in angenehmer Stellung. Ich bin überzeugt, sie würde nicht gern das Haus verlassen.«

»So,« sagte Frank mit scheinbarer Verblüffung. »Darüber ist nie etwas aus ihr herauszukriegen. Aber vielleicht hält sie was ganz Besonderes zurück?«

Leichte Röte stieg in das Gesicht des Kandidaten, während er einige Bücher auf dem Tisch gerade schob. »Das entzieht sich meiner Kenntnis, Herr Leutnant,« erwiderte er ausweichend.

»Auf alle Fälle dürfen Sie stets auf meine Gegendienste rechnen, Herr Kandidat,« sagte Frank wieder und schickte sich nun zum Gehen an, denn wiederholt hatte Fröhlich die große silberne, kettenlose Uhr, aus der Westentasche geholt, auf die er zerstreut einen Blick warf. »Ich habe Ihre kostbare Zeit jedenfalls schon zu lange in Anspruch genommen.«

»O bitte, o bitte, keineswegs,« warf Fröhlich ein, der Franks Gedanken erriet. »Sie brauchen sich daran nicht zu stoßen, wenn ich so oft nach der Uhr sehe. Das geschieht ganz unbewußt, das ist so eine Angewohnheit während des Unterrichts, um zu sehen, ob es bald Zeit zu einer andern Lektion sei, das haben viele Schulmeister an sich.«

Frank lachte gutmütig. »Sie haben wohl noch einen weiten Weg bis zum hohen Lehramts-Olymp, wie?« fragte er dann, schon an der Türe.

Fröhlich kraute sich in seinem dünnen Bart. »Ich hoffe stark, Herr Leutnant, mich baldhöhererSchulamtskandidat nennen zu dürfen.« Plötzlich aber packte ihn die Anwandlung, die gerade bescheidene Naturen zuweilen überkommt, wenn sie eine sie kränkende Sache nicht vergessen können. »Und ich gebe mich dabei der angenehmen Hoffnung hin, noch vor Methusalems Alter zu Amt und Würden zu kommen.«

Er lachte, und Frank lachte mit, aber wie jemand, der dazu gekniffen wird. Sofort aber erhielt er sein Gleichgewicht wieder. Mit einem großen Schwung reichte er ihm die Hand und sagte herzlich: »Na, dann viel Glück auf diesem Weg, Herr Kandidat! Ich scheide mit einem ›Auf Wiedersehen!‹«

Er verbeugte sich nicht mehr so gemessen, wie bei seinem Erscheinen, und ging, von Fröhlich bis zur Außentür begleitet.

Frau Rettig stand bereits auf der Lauer und brachte ihrem Mieter ein frisches Handtuch herein, um nebenbei ihre Neugier zu befriedigen. Da sie etwas kurzsichtig war, so hatte sie die Karte vorhin nicht lesen können, was sie schon längst lebhaft bedauerte.

»Ein schmucker Herr. Wohl ein neuer Schüler, Herr Kandidat? Der wird wohl gut zahlen können.«

Fröhlich ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, als wollte er die Zeit einholen, die ihm vorausgeeilt war. Endlich kam er doch zur Erkenntnis, nicht allein zu sein. »Es gehen große Dinge vor, meine beste Frau Rettig,« sagte er endlich. »Wenn Sie wüßten, wer das war! Ich muß aber Diskretion wahren.«

»So verschwiegen waren Sie ja selten.«

»Diesmal kann ich aus meiner Reserve noch nicht heraustreten, beste Frau Rettig. Haben Sie die Güte mir etwas frisches Wasser in der Karaffe zu bringen.«

Frau Rettig schnüffelte im Zimmer herum, indem sie hier und da etwas ordnete, die Nase aber immer auf den Sofatisch und auf die Kommode hielt, um die Visitenkarte zu entdecken. Sicher würde sie schon noch später dahinterkommen. Aergerlich räusperte sie sich sehr deutlich, griff zur Karaffe und schlürfte hinaus, Groll im Herzen gegen den Mann, dem sie so oft über schlechte Zeiten hinweggeholfen hatte.

Am andern Vormittag, als der Lateinunterricht gerade beendet war und der Kandidat auf einige Augenblicke nach dem hinteren Korridor ging, hörte er unterdrücktes Weinen. Schon vorher war ihm eine gewisse Aufregung nicht entgangen, die die Hausgeister in Bewegung setzte.

Frau Agathe hatte ihren kleinen Tobsuchtsanfall, der stets nach einem schlechten Schlaf besonders zum Ausdruck kam. Die Gesellschaft gestern war spät geblieben, und so hatte die Gnädige ihre nervösen Nachtstunden gehabt, in denen sie die Uhren bis zum frühen Morgen schlagen hörte, wie sie jammernd behauptete. Der Bankdirektor hielt das zwar stets für die Folgen des späten Genusses von Hummer, den sie nicht vertragen konnte, sie jedoch wollte davon nichts wissen, legte es ihm vielmehr zur Last, daß er Leute einlade, die niemals gingen.

Die Tür zu Fräuleins Zimmer stand offen, und da niemand zu sehen war, wagte er es, einen Blick hineinzuwerfen. Das Weinen kam von Fanny, die vor dem Kommodenspiegel am Fenster stand und sich mit dem Taschentuch die Augen trocknete. Alles war schon sauber im Zimmer, auch die Bettchen der Kinder waren gemacht, die nun wieder hier schliefen, augenblicklich aber bei ihrer Mama vorne waren.

Fröhlich war so betroffen, daß er den Mut fand, leise hineinzusprechen. »Was ist Ihnen denn, Fräulein? Ist etwas Schlimmes passiert?«

Sie kam näher. »Guten Morgen, Herr Kandidat. Sprechen Sie nur nicht darüber. Es ist ja weiter nichts. Es hört uns doch niemand?«

Und als er verneinte, vertraute sie ihm rasch ihre kleinen Schmerzen an. Sie hatte etwas Schnupfen, und sofort war von Frau Roderich darin wieder eine Ansteckungsgefahr gesehen worden. »Wissen Sie, was sie gesagt hat? Ich hätte die Kleinen nicht ankleiden dürfen. Jetzt ist sie gerade dabei, ihnen die Haare zu machen. Es ist alles nur Einbildung von ihr. Seit einigen Tagen chikaniert sie mich. Ich werde aber nun alles meinem Bruder schreiben, denn Mama glaubt es mir doch nicht.«

Fröhlich beruhigte sie lächelnd, denn er fand die ganze Sache etwas komisch. »Ach, tun Sie das nur nicht,« fügte er hinzu, als er sofort an das gestrige Erlebnis dachte. »Sie müssen so etwas nicht zu tragisch nehmen und alles mit der Nervosität der Frau Bankdirektor entschuldigen. Nach einer halben Stunde ist sie wieder anderer Meinung. Also Köpfchen in die Höhe!«

Noch mit gerötetem Gesicht zeigte sie ihr erstes Lächeln. »Ihr Trost soll mich auch diesmal stärken,« sagte sie dann. »Jedenfalls danke ich Ihnen. Nun aber rasch fort, sonst wird eine neue Verschwörung entdeckt!« Sie reichte ihm die Hand und eilte dann wieder ans Fenster, weil Stimmen laut wurden.

Kandidat Fröhlich beglückt von ihrem warmen Druck, wollte sie schnell noch weiter trösten. »Harren Sie nur tapfer aus, liebes Fräulein! Sie werden bald etwas erleben, was Sie mit großer Befriedigung erfüllen wird.«

Er konnte nur noch ihr verblüfftes Gesicht sehen, denn Kornelia kam herangeeilt. Fröhlich war schon wieder auf dem Korridor, sie hatte ihn aber doch aus dem Zimmer kommen sehen, begrüßte ihn freundlich und reichte ihm die Hand, die der Kandidat an seine Lippen zog; dann raunte sie ihm zu: »Hübsch den Mund gehalten über gestern. Herr Leutnant Frank hat mir bereits alles geschrieben. Ich werde mich auch revanchieren und mal die Kleine drin ein wenig aushorchen.«

Fröhlich verstand sie. »O wenn Sie das könnten, gnädiges Fräulein ... Ich bin nämlich ein bißchen —.«

»Schüchtern, weiß schon, weiß schon,« vollendete sie seinen Satz. »Nehmen Sie sich nur vor Mama in acht! Solche Unterrichtsstunden sieht sie nicht gern.« Sie wies auf die noch immer geöffnete Tür, wobei Fröhlich eine stumme Betrachtung machte. Dann hielt er es für besser, zu seinem Schüler zurückzukehren.

»Ich habe schon wieder das Allerneueste gehört,« sagte Kornelia, als sie zu Fanny ins Zimmer getreten war. »Ich habe mit Mama tüchtig gezankt. Es ist ein geradezu krankhafter Zustand von ihr, überall Gefahren zu sehen. Es wird Zeit, daß Papa einmal ordentlich dazwischen fährt. Es soll sich alles ändern, Sie arme Kleine, Sie!«

Gern hätte sie ihren Gefühlen mehr Luft gemacht, aber so konnte sie ihre Güte und Freundschaft nur durch einen Kuß auf die Stirn beweisen.

Fanny war durch diese herzliche Teilnahme so überrascht, daß sie gar nichts zu sagen vermochte. Ein anderer Gedanke bewegte sie auch viel stärker. »Ist Herr Fröhlich schon fort? Es war mir recht peinlich, daß er den Kopf hier hereinsteckte. Das gibt dann wieder zum Reden Veranlassung. Aber er ist ein so guter Mensch.«

Kornelia lächelte. »Ja, das ist er. Peinlich ist's Ihnen wohl auch nur, weil's hier im Hause geschieht, wie?«

»Aber Fräulein Neli! Wie können Sie so etwas sagen! Ich sehe schon, jetzt komme ich auch bei Ihnen in Verdacht.«

»Aber nein, nein, meine Kleine. Einmal müssen wir Mädchen doch unser Herz entdecken. Haben Sie noch niemals diesen Versuch gemacht?«

Fanny blickte sie starr an, als hätte sie etwas Entsetzliches gehört. Dann aber dämmerte es ihr. »Mit Herrn Fröhlich wohl? Weil ich neulich mit ihm im Zo zusammengesessen habe? Wahrhaftig, ich war unschuldig daran! Es war der reine Zufall. — Nun schwant es mir erst. Nein, was man alles erlebt!«

Sie wollte lustig sein, aber es gelang ihr nicht. Das Lachen blieb ihr in der Kehle stecken, denn es würgte etwas in ihr, was ihr die Augen wieder klein machte, als drängten sich aufs neue Tränen hervor. Der Ernst erstickte die Heiterkeit, und so bot sie ein rührendes Bild der Unbeholfenheit, wie oft bei jungen Mädchen, die man auf Gefühle gebracht hat, über die sie sich im Augenblick noch gar nicht klar sind.

»Aber deshalb weint man doch nicht,« ermahnte sie Kornelia liebevoll, zog sie an sich und streichelte ihr die Wange.

»Es ist ja vielleicht dumm von mir, Fräulein, aber mir geht das alles nahe. — Ich weiß ja nicht —. Ich kann Ihnen nur sagen, mein Kopf ist ganz wirr. Ich kenne mich selbst nicht. Am liebsten möchte ich laut heulen.«

»Um Himmelswillen, es ist schon genug Skandal im Hause ... Na, jetzt lachen Sie wieder. So ist's recht. Tränen sind ein Bad, das nur häßlich macht.«

Fanny lachte wirklich, denn eigentlich war sie nicht mehr traurig gestimmt; nur Verlegenheit hatte sie grimmig gemacht. So war sie auch schon in ihrer Familie gewesen: wenn sie sich über sich selbst ärgerte, kam die Salzflut, die ihre frischen Wangen badete.

Kornelia sagte sich, daß in einem solchen Falle die Ertappte sich innerlich austoben müsse, und so entfernte sie sich wieder mit einigen letzten Scherzworten. Sie war zufrieden mit ihrem ersten Forschungsversuch, und so wollte sie abwarten, wie sich weiter die Augen Fannys öffnen würden.

Bisher ahnte sie nicht, was ihre Mutter bewog, die Haustyrannin gegen Fanny zu spielen.


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