XIII.
Seitdem Frau Roderich Rudis obendrein noch sehr entstellten Bericht über das »zoologische Ereignis«, wie er es boshafterweise nannte, entgegengenommen hatte, war ihr Groll gegen Fräulein bis zum Siedepunkte gestiegen. Sie zweifelte nicht mehr daran, daß der Kandidat den schönen Mittagstisch und die darauf folgenden Stunden nur auf Fannys Wunsch aufgegeben habe, damit sie sich beim Ausführen der Kinder mit ihm treffen könne. Fröhlich war für sie nur der Verführte, der sich in seiner schüchternen Unschuld durch die glatte Larve hatte betören lassen.
»Sie gampelt nur nach einem Mann,« ließ sie sich hinreißen, zu ihrem Sohne zu sagen. Und Rudi steckte wieder die Miene des Talmi-gentlemans auf, klemmte das Glas ein, pfiff erst vor sich hin und erwiderte verständnisvoll: »Sache, Mama! Da wird sie auch was Rechtes kriegen. Glaub ich noch nicht einmal. Sie will nur ihre Poussade haben. Hättest Du das von diesem kleinen Ding geglaubt? Schon ganz hübsch ausgewachsen. Entwickelt sich vielleicht noch zur Asphaltpflanze.«
In einer andern Stimmung hätte die Frau Bankdirektor ihm vielleicht ein »Pfui!« entgegengehalten. Da jetzt aber ihre verletzte Eitelkeit stark dabei beteiligt war, rügte sie nur sanft diesen Ausdruck und verbot ihm, ihn jemals in ihrer Gegenwart zu wiederholen. Sie fühlte sich selbst dadurch beleidigt, weil sie die Wahl für ihre Kinder getroffen habe; er möchte in dieser Beziehung überhaupt etwas vorsichtig sein.
Rudi lenkte sofort ein und gebrauchte die Ausrede von den »Berliner Redensarten«, die man so schwirren lasse, ohne sich viel dabei zu denken. Die Hauptsache für ihn war, daß er durch diese neueste Wendung eine gewisse Befriedigung empfand. Fanny erschien ihm jetzt begehrenswerter, noch reifer für seine heimlichen Schliche, eigentlich auch viel interessanter dadurch, daß sie sich so offen zu dem Kandidaten bekannte.
Er konnte zugleich gegen zwei Feinde kämpfen und seine Galle langsam in ihr Glück tröpfeln. Nach dem Sprichwort, daß Müßiggang aller Laster Anfang sei, empfand er die Freude des Zerstörers, der gerne Menschen auseinanderbringt. Wennernur dabei auf seine Kosten käme, alles übrige sollte ihn wenig kümmern.
Innerlich war Frau Roderich weniger entrüstet über die Auffassung ihres Sohnes. Ihr schiefes Urteil ging wieder mit ihr durch, ihre Wahnvorstellungen zerflatterten ins Riesenhafte, und so war sie nur zu sehr geneigt, Fanny alle schlechten Eigenschaften anzudichten. Und das war ihr holder Selbstbetrug, der ihr genügend Entschuldigung für Ausübung ihrer Tyrannei gab. Und da Rudi merkte, daß es in ihr gärte, so nutzte er die Gelegenheit wieder aus.
»Wenn Dir daran liegt, Mama, daß sich die beiden da nicht treffen sollen, dann hätte ich einen Ausweg,« sagte er großartig. »Pump mir aber erst zehn Mark, ich gebrauche sie notwendig.«
»Wann wird das mal mit Dir aufhören,« stieß sie ärgerlich hervor, faßte aber schon in die Tasche und gab ihm das Gewünschte. »Hier, ich will noch einmal milde sein. Sprich nur nicht immer von ›Pumpen‹, ich schenke es Dir schon lieber.«
»Schick doch Fräulein immer vormittags nach dem Zo, dann wird die Freude zu Wasser!«
Richtig, daß sie daran noch nicht gedacht hatte! »Schade, daß Du zu nichts Lust hast,« sagte sie, milde gestimmt. »Gute Einfälle hast Du, das muß man Dir lassen.«
An diesem Montag machte sie gleich den Anfang damit. Sie klingelte und ließ Fräulein kommen, denn inzwischen hatte sie selbst eingesehen, wie töricht ihre neue Ansteckungsfurcht wieder war. Es war ihr auch hauptsächlich darum zu tun gewesen, Fanny ihre Allgewalt zu zeigen.
Malerisch hingegossen lag sie auf ihrem türkischen Ruhebett, in der rechten Hand den neuesten Moderoman, in dem der Zeigefinger als Lesezeichen steckte. Diese Beschäftigung sollte stets einen guten Eindruck machen, sobald sie jemand empfing, mit dem sie nicht große Umstände zu machen brauchte. Leider steckte diese geistige Nahrung stets in einem Gewande, das mit der peinlichen Toilette der Hausherrin im schreiendsten Widerspruch stand. Trotzdem der Bankdirektor nichts dagegen gehabt hätte, wenn seine Gattin die neuesten literarischen Erscheinungen durchaus tadellos beim Buchhändler gekauft haben würde, zog es Frau Roderich vor, ihre Lieblingsschriftsteller aus der Leihbibliothek zu beziehen. Und so hatte sie auch jetzt ein dickes Stück Literaturware in ihren zarten Fingern, das entschieden schon durch zahllose Hände gegangen war und einen derartig befetteten und beschmutzten Einband zeigte, daß jeder Gesundheitsgelehrte aus Gründen der Uebertragung von Mikroben seine warnende Stimme dagegen erhoben hätte.
Frau Agathe nahm jedoch daran keinen Anstoß, denn sie folgte nur dem großen Zuge der Zeit, der die Früchte der Bildung so billig als möglich genießen möchte, alles Unreine am eignen Körper verdammt, durchaus aber nicht wählerisch ist, sobald es sich um fremde Werte handelt. In dieser Beziehung hatte für sie ein derartiges Buch, in dem auch die Seiten bereits klebrig waren, viel Aehnlichkeit mit dem Gelde, dem gleiche üble Eigenschaften anhaften, und das man anstandslos entgegennimmt.
Heute roch es im Boudoir mehr denn je nach »Orient«, es schien sogar nach allen Wohlgerüchen Arabiens zu duften, unter denen das Rosenöl sich wieder besonders bemerkbar machte.
Schneeiges Weiß mit zartblauen Andeutungen umrauschte in luftiger Fülle die Gnädige, sobald sie dem üppigen Körper eine neue Lage gab, was bei ihrer großen Unruhe mit jedem Minutenwechsel geschah. Sie legte die Falten kunstgerecht, wie ein geschicktes Modell, das den Meister erwartet, ordnete die Spitzen des Saumes solange, bis der gestickte Morgenschuh kokett sichtbar war, und reckte den bepuderten Arm mit Anstrengung aus dem weiten Aermel heraus, damit die blendende Rundung sich endlich vorteilhaft zeige. Wiederholt griff sie zum Handspiegel, um dieses göttliche Haustheaterbild mit befriedigtem Lächeln zu bewundern. Dann schüttelte sie das künstlich getollte Haar, das sie um diese Zeit noch aufgelöst trug, mit einer kühnen Hauptbewegung nach hinten, stützte den Kopf in die Linke und gab mit der Rechten dem Buche, das sich wie ein dunkler Fettfleck auf dem duftigen Morgenkleide ausnahm, die alte Lage.
Das Stichwort konnte kommen.
Es herrschte kühle Dämmerung im Zimmer, denn die Seidenvorhänge waren dicht zugezogen, weil morgens die Sonne auf dieser Seite stand. Nur mit einem schwachen Leuchten drang sie durch und ließ das gemusterte Rot sanft erglühen, so daß ein Schein davon das Antlitz der Ruhenden traf und künstliche Lebensglut auf ihre Wangen malte. Das wußte Frau Agathe, deshalb lag sie so gern des Vormittags hier, wenn sie empfing und Hausbefehle erteilte.
»Aeffi, kusch dich! ... Kinder, seid ein wenig still!« fertigte sie den Pintscher und die Kleinen zu gleicher Zeit ab. Das Hündchen, hübsch zurechtgemacht wie seine Herrin, heute rosa garniert, lag wie gewöhnlich mollig in seinem Polsterpfühl, um dessen oberen Korbrand eine grelle Stickerei lief. Es hatte sich plötzlich gemeldet, weil es eine verirrte Fliege nicht loswerden konnte.
Hans und Trudchen hockten im äußersten Winkel, eingeschüchtert durch die Mutter, deren verändertes Wesen sie heute nicht begriffen. Die Händchen im Schoß, neugierig die Augen auf das Ruhebett gerichtet, machten sie fast den Eindruck kleiner, verkümmerter europäischer Pflanzen, die in einem fremden Erdteil versetzt sind und die neue Luft nicht vertragen können. Selten kamen beide hier herein, und dann ging der Blick voll Scheu stets in der Runde herum, weil sie niemals etwas berühren oder anfassen durften. So waren diese fremden Herrlichkeiten etwas für sie Totes, das ihre Spielsucht nicht erwecken konnte.
Mit kläglicher Miene schauten sie nach der Tür, denn sie hatten gehört, daß Fräulein kommen sollte, und so befürchteten sie fast Strafe für etwas, das sie noch nicht kannten; namentlich hatte Hans dieses unsichere Gefühl, denn seine Mutter hatte ihn vorhin, als sie ihm unsanft die Haare scheitelte, sich die Zunge zeigen ließ und Stirn und Händchen auf Hitze prüfte, auch danach gefragt, was der Herr Kandidat neulich im Zoologischen Garten wohl gemacht habe, und dabei hatte sie wirklich herausgebracht, daß Fröhlich zum zweiten Male erschienen war. Fortwährend waren ihm dabei die Hände voll Sand eingefallen, die er Fröhlich, unter der Bank herumkriechend, auf die Stiefel geworfen hatte. Und so witterte er die fürchterliche Zeugenschaft Fräuleins dafür.
Dann trat Fanny ein und machte einen kleinen Knicks, weil die Gnädige diese Begrüßung von Anfang an gern gesehen hatte.
»Frau Bankdirektor haben mich gewünscht.«
»Ich bin gar nicht mehr zufrieden mit Ihnen, Fräulein.«
»O, das tut mir sehr leid, gnädige Frau, ich bin mir wirklich nichts bewußt.« Ihre Augen gingen auf die Kleinen, die sich plötzlich untergeärmelt hatten und sich dicht zusammenschmiegten.
Frau Roderich ließ mit Absicht sanft das Buch auf den Teppich gleiten, was Fanny veranlaßte, es ihr mit Eifer wieder zu überreichen.
»Legen Sie es nur dort hin, auf den Büchertisch!« Kein Wort des Dankes kam über ihre Lippen, aber mit einem großen Kennerblick umfaßte sie die schlanke und schmiegsame Figur Fräuleins. Und dabei war es ihr, als hätte sie niemals das junge Mädchen so lieblich gesehen. Sie wußte aus ihren Jugendträumen, die schon lange der Vergangenheit angehörten, daß die Liebe verschönt, und so schloß sie aus den roten Wangen Fannys auf eine derartige Umwälzung des Gemütes.
Aber sie wollte sich das auslegen, wie es ihr paßte, und so forschte sie plötzlich: »Sie sehen ja so erhitzt aus, ganz rot um die Augen. Es wird doch nicht wieder rückfällig mit Ihrer Krankheit sein?«
Fanny lächelte sorglos. »Aber, gnädige Frau, ich versichere Sie, mir ist völlig wohl, ich bin nur ein bißchen verschnupft, ich habe mich gestern beim Baden ein wenig erkältet. Aber das ist gar nicht von Bedeutung. Wegen der Kinder brauchen Sie wirklich nichts zu befürchten.«
»So. Nun, diesmal will ich Ihnen glauben. Reichen Sie mir doch das Riechfläschchen von dort her, das kleine japanische!«
Auch diesmal beeilte sich Fanny und wählte das richtige aus dem Dutzend Fläschchen, die in allen möglichen zierlichen Formen, teils aus Kristall, teils mit Gold und Farbe bepastet, auf einem kleinen Wandbrettchen unter dem hängenden Seidenbaldachin standen.
Abermals kam kein Dankeswort, aber mit geschlossenen Augen und tiefem Behagen, gleich einer Odaliske, die sich betäuben möchte, sog Frau Agathe den scharfen Duft ein. Dann taute sie allmählich wieder auf. Die Augen waren ihr übergegangen, und so sagte sie mit verschwommenem Blick: »Jetzt die Hauptsache. Es paßt mir nicht, daß mein Hausfräulein bei ihren Ausgängen in meinem Dienst die Zudringlichkeiten von Männern entgegennimmt.«
»Aber, gnädige Frau —!« Es klang wie ein Schrei der Entrüstung, der sich ihr entrang.
»Waswünschen Sie?« kam gedehnt die Frage. Frau Agathe vergaß ganz ihre schöne plastische Lage und erhob den Oberkörper etwas schief. Herausfordernd sah sie ihr Fräulein an, und etwas wie Genugtuung sprach aus ihren Augen, da ihre Welkheit durch die starke Ermunterung aus dem Fläschchen vorübergehend gewichen war.
»Ist es nicht so? Sie werden sich doch nicht etwa verteidigen wollen?«
»Das ist mein gutes Recht, gnädige Frau!« Trotzdem sich ihr ganzes Inneres gegen diese Beleidigung aufgebäumt hatte, kämpfte sie mit Tränen. Ihr umflorter Blick richtete sich abermals auf die Kleinen. »Frau Bankdirektor, ich bitte Sie —, die Kinder! Was sollen sie davon denken!«
»Die denken noch gar nichts, aber ich möchte sie vor dem frühzeitigen Zuklugwerden bewahren.« Sie besann sich rasch. »Geht ins Nebenzimmer! Hier habt Ihr was zu naschen!« Sie warf ihnen aus ihrer silbernen Chokoladendose die Reste zu, und sofort rasselten die Rohrstäbe des Türvorhanges.
Frau Agathes Körper zerfloß wieder in schönen Linien. Sie heuchelte Ruhe, trotzdem das kleine Raubtier in ihr sich unbändig regte, was sie dadurch bewies, daß sie die Finger mit den blitzenden Brillanten unwillkürlich krallte und dann wieder spreizte. Ihre Brust ging in vollen Wogen, und der Ellbogen, mit dem sie das teure Haupt stützte, geriet ins Wanken.
»Wenn Frau Bankdirektor die Zudringlichkeiten Ihres Herrn Sohnes meinen,« fuhr Fanny erregt fort, »dann kann ich mit Beruhigung dienen. Ich habe ihm deutlich zu verstehen gegeben, was ich davon halte.«
»Lächerlich! Mein Sohn denkt gar nicht an Sie, der hat andere Dinge im Kopf. Und wenn er mal einen Scherz macht, dann hält er sich jedenfalls in den nötigen Grenzen. Ueberdies können Sie das immerhin als Auszeichnung betrachten. Gestorben sind Sie doch davon nicht, wenn er mal mit Ihnen plauderte. Na, und sehen kann man sich auch mit ihm lassen. Die Schuld lag doch immer an Ihnen.«
»Ich wollte ihn nicht böse machen, aber ich werde mich jetzt danach richten, gnädige Frau.«
»Sie haben sich nach wie vor taktvoll gegen ihn zu benehmen.«
»Gewiß, gnädige Frau, das tu ich immer.« Sie fühlte, wie ihr ganzer Körper erschüttert war unter dieser Schwere unverdienter Vorwürfe. Aber sie bezwang sich und unterdrückte alles Heiße, das ihr nach oben drang.
»Bewahren Sie diesen Takt nur gegen andere, Fräulein,« fuhr Frau Roderich fort, »dann wird sich niemand mehr freuen, als ich!« Unter ihre bitteren Pillen wollte sie die Milde mischen, und so zwang sie sich zu einem Lächeln, aber sogleich folgte wieder der saure Trank. »Damit Sie diese gute Lehre niemals vergessen, wäre es mir lieb, wenn wir den Hausplan änderten. Ich bin dafür, daß Sie die Kinder schon vormittags nach drüben führen, und zwar so, daß Sie zu Tisch wieder zu Hause sind.«
»Wie Sie es wünschen, Frau Bankdirektor.«
Und mit Betonung fügte Agathe hinzu: »Ich wollte das schon längst so machen. Der Herr Kandidat hat dann auch viel mehr Ruhe zum Unterricht.«
Um Fannys Lippen zuckte es. »Ich verstehe sehr wohl, was gnädige Frau damit meinen, aber ich kann die Versicherung abgeben, daß ich nichts Aergerliches dabei empfinde. Frau Bankdirektor werden wohl selbst wissen, daß der Herr Kandidat ein Ehrenmann ist, der niemals etwas Unrechtes tut.«
»Gerade, weil ich das weiß, möchte ich ihn vor Verirrungen bewahren,« sagte Frau Roderich scharf, während unter den nun wieder müden Augen ein leichtes Blitzen hervorschoß.
»Bei mir verirrt sich niemand, gnädige Frau, nicht in dem Sinne, wie Sie es meinen. Mein Vater war Offizier, und mein Bruder ist es noch. Frau Bankdirektor wollen daraus die Schlüsse auf mich ziehen. Es darf eigentlich niemand zu Hause wissen, wie ich hier behandelt werde.«
Es reckte sich etwas in ihr, was sie bisher nie gekannt hatte. Das Soldatenblut regte sich, alle die geraden Lehren ergriffen sie, die sie von frühester Jugend im Hause empfangen hatte. Kraftvoll und gerade stand sie da, den Blick furchtlos auf die Tyrannin gerichtet, und sie empfand, wie noch andere Worte sich ihr auf die Lippen drängten.
Frau Roderich kniff den Mund zusammen und verschluckte klug das, was sie eigentlich hätte sagen müssen, um diese kleine Rebellin aufs neue zu demütigen. Aber sie empfand, daß sie damit doch keine Bändigung ausrichten würde, vielmehr Unabsehbares heraufbeschwören könnte. Und so lenkte sie mit süßlicher Miene ein. »Schlecht behandelt? Aber Kindchen! Sie werden doch meine guten Vorhaltungen nicht mißverstehen? Nein, das dürfen Sie nicht; das würde mir schrecklich leid tun! Sie stehen doch sozusagen auch unter meinem — Schutz.« Sie wollte »mütterlichen« sagen, unterdrückte aber schnell das unbehagliche Wort.
Fanny, rasch erfreut durch diese Wendung, ließ sich täuschen. »Das weiß ich auch zu schätzen, gnädige Frau.«
»Das freut mich. Es ist mein Wunsch, daß diese Unterredung unter uns bleibt.«
»Gnädige Frau können davon überzeugt sein. Ich trage nie etwas aus dem Hause, in dem ich Vertrauen genieße.«
»Das gefällt mir an Ihnen. Nun, bitte, gehen Sie mit den Kindern. Lassen Sie aber vorher erst für Frühstück sorgen!«
Fanny machte wieder einen Knix und ging. Als sie ins Speisezimmer trat, kam ihr Kornelia entgegen, die, ihr Skizzenbuch in der Hand, zum Ausgehen bereit war. »Was war denn jetzt wieder los?« raunte sie ihr zu. »Ich habe nicht alles verstanden. Ich kann Mama nur bedauern ... Ich hörte, daß Sie jetzt schon in den Zoologischen sollen. Das macht sich gut, denn ich will auch hinüber. Wir treffen uns bei den Raubtieren. Ich habe Ihnen manches zu sagen.«
Und sie eilte schnell davon, während Fanny mit den Kindern nach hinten ging, um zum Aufbruch vorzubereiten.
Im Korridor stürmte Emma an ihr vorüber, denn laut und schrill war das Klingelzeichen der Gnädigen wieder erschallt. Diesmal hatte sie den Wunsch, den Kandidaten zu sprechen, und zwar sogleich, weil sie es für möglich hielt, daß Fanny noch vor ihrem Fortgehen mit ihm zusammenstoßen könnte. Er hätte ihr etwas anmerken können und würde sie vielleicht verleitet haben, ihm die Wahrheit zu sagen. Und Frau Roderich hatte ihre Gründe, das zu verhindern.
Als Fröhlich die Nachricht erhielt, war er gerade mitten in der Geographie. Stets bestrebt, seinen Schüler niemals stille sitzen zu lassen, gab er ihm rasch eine kleine Aufgabe und prüfte dann durch einen flüchtigen Blick im Spiegel seine Erscheinungsfähigkeit. Er war verdrießlich über die Störung, noch mehr aber darüber, daß sie gerade von der Hausherrin ausging. Seit einigen Tagen hatte er sein seelisches Gleichgewicht wiedererlangt und sich in der stillen Freude gesonnt, daß Frau Roderich ihre seltsamen platonischen Neigungen ein für allemal zurückgeschraubt haben werde.
In der Tat hatte sie sein Fortbleiben vom Tisch nur kurz mit einigen Worten des Bedauerns berührt und dabei nichts in ihrem Wesen gezeigt, woraus er auf eine Unfreundlichkeit gegen ihn hätte schließen können. Er hatte nur flüchtig von Walter gehört, daß seine Mama ihren Gesang des Nachmittags ruhig fortsetzte, allerdings nicht mehr in der Ausdehnung, wie zuvor; sie habe aber trotzdem befohlen, daß man sie nicht stören dürfe, und sei einmal sehr ärgerlich geworden, als Rudi darauf keine Rücksicht genommen habe. Der älteste Bruder habe sich dann zu ihm sehr lustig darüber gemacht, weil ihm aufgefallen sei, daß immer noch der Stuhl für den Kandidaten am Klavier bereit stehe, gerade so, als müßte er jeden Augenblick wieder Platz darauf nehmen.
Fröhlich hatte das in Gedanken etwas verrückt gefunden, dann aber doch mit heimlichem Grauen daran gedacht, er könnte eines Tages wieder als Opferlamm zur musikalischen Folter geschleppt werden, und zwar in einer Weise, die kein Widerstreben duldete.