XIV.
Als er eintrat und sich zur Begrüßung höflich verbeugte, empfing ihn Frau Roderich mit einem verheißungsvollen Lächeln. Ihre innere Wut über Fanny war verflogen, denn nun glaubte sie durch den Anblick des Verehrten reichliche Entschädigung für ihren Abfall zu haben. Rasch hatte sie inzwischen wieder den Handspiegel zu Rate gezogen, war mit der Puderquaste über die edlen Züge gefahren und hatte mit dem zarten Spitzentaschentuch um die Mundwinkel nachgeholfen, um die gefärbten Lippen, die so knospenrot leuchteten, durch keinen weißen Strich getrübt zu sehen. Noch immer durchglühte die Sonne den Vorhang, und so lag die schöne Frau da wie ein weißes Marmorbild auf einem jener Sarkophage, die geheimnisvolles buntes Licht durch versteckte Scheiben empfangen und durch das Spiel der Sonnenstrahlen die Täuschung des Lebens erwecken.
Frau Agathe lebte allerdings, und das bewies sie dem Kandidaten sogleich durch das holde Oeffnen ihrer Lippen und durch den sanften Wink mit der lässig erhobenen Rechten.
»Treten Sie doch näher, Herr Kandidat, und nehmen Sie ein Weilchen Platz — nicht dort, hier, bitte. Das Sprechen wird mir heute etwas schwer. Es ist gewiß einmal eine Erholung für Sie, den Unterricht angenehm zu unterbrechen. Unser Walterchen wird ja doch noch klug genug.«
Trotzdem sie vorher in einer hysterischen Anwandlung zu Fanny fast geschrieen hatte, tat sie jetzt so, als könnte sie die Worte nur mit Anstrengung über die Lippen bringen. Sie wußte, daß eine derartige Ermattung manchmal gut kleidet und auf schwermütige Naturen, zu denen sie den Kandidaten rechnete, ihre Wirkung nicht verfehlt.
Neben dem Ruhebett stand ein runder Seidensessel ohne Lehne, auf den sie gedeutet hatte. Und so trat Fröhlich zögernd näher, mit den Gefühlen eines armen Mannes, dem man eine saure Frucht dargeboten hat, die er aus Höflichkeit genießen muß, ohne den Geschmack zu verraten.
Er nahm Platz, den Schreck noch in den Gliedern, der ihn steif und unbeholfen machte. Nicht gewöhnt, auf solchen niedrigen, weichen Pfühlen zu sitzen, was ihm immer wie eine gesellschaftliche Kunst erschienen war, die man erst lernen müsse, wußte er nicht recht, wo er die langen Beinen lassen sollte, und so standen sie etwas schief, so daß die herausgedrückten spitzen Kniee oben zusammenstießen; und die Hände lagen gespreizt auf den Oberschenkeln. Die Flügel des schwarzen Taillenrockes jedoch, der mit seinem pastoralen Anstrich so gar nicht in diese bunt schillernde Umgebung von Tausend und eine Nacht paßte, hingen trostlos auf den türkischen Teppich hinab, als sollten sie die Trauer im Gemüte ihres Besitzers andeuten.
Trotzdem der Kandidat mit Vorliebe dunkel gekleidet ging, trug er stets tadellose Anzüge, wie es sich für ein vornehmes Haus gehörte, und dazu blendend weiße Wäsche, auf deren gestärkten Zustand er besonderes Gewicht legte; auch um einwandsfreie Krawatten war er stets besorgt. Da er überdies einen sehr reinen Teint hatte, »durchgeistigten«, wie Frau Agathe wiederholt behauptete, und da sein schönes braunes Haar in natürlichen Wellen sorgsam geordnet war, so gehörte er zu den Menschen, die auf die Dauer unbedingt fesseln müssen, trotzdem man sich gegen das Düstere in ihrer Erscheinung zuerst gesträubt hatte. Seine Hände und Füße waren auffallend klein, und die letzten steckten in durchaus modernem Schuhwerk, das ihre Zierlichkeit noch mehr hervortreten ließ.
Während sich Frau Agathe mit einigen nichtssagenden Worten nach den Fortschritten Walters erkundigte, betrachtete sie ihn mit gnädigem Wohlgefallen. Das Wort »Familiensklave« schoß ihr durch den Sinn, und so knüpfte sie daran eine Gedankenkette, die sich um Fröhlich schlang. Dieser Mann, der des Hauses Brot aß, hatte ihre Herrschernatur verletzt, und so sollte er wieder das Knie beugen und, Verzeihung erflehend, zu den alten Spielen zurückkehren. Es gab auch Frauensklaven, die sich lustig in der Gesellschaft herumtummelten und auf einen Wink gehorchten (der Bankdirektor nannte sie »Salongeschmeiß«), die der Frau vom Hause niemals von der Seite gingen, ihr die Schleppe geistig nachtrugen, jedes Wort aus ihrem Munde wie eine Offenbarung anerkannten, stets bereit waren, kleine Gefälligkeiten zu erweisen und auf den Tag der Erfüllung ihrer Sehnsucht hofften, der aber niemals kam. Im Grunde genommen waren sie die lebende Salontapete, die sich jeder freigebige Hausherr leisten konnte.
Und in der Villa Roderich gab es an den Winterabenden, wo sämtliche Räume in einem Lichtmeer schwammen, ein ganzes Rudel solcher männlicher befrackter Sklaven, die sich alle angenehm verschworen zu haben schienen, einen Blick der üppigen Sirene zu erhaschen, oder sich im Beifallklatschen zu überbieten, sobald sie am Bechstein saß und die Ueberreste ihrer Stimme mit Anstrengung zusammenhielt. Größtenteils waren es junge, unverheiratete Prokuristen aus der Bank, oder kleine ledige Bankiers, denen daran lag, über die Hausherrin hinweg sich die Freundschaft ihres mächtigen Mannes zu erhalten. Dazwischen tummelten sich junge Künstler, Bildhauer und Maler, die danach gampelten, eine Büste oder ein Porträt der Gnädigen vom Gastgeber bestellt zu bekommen. Beim kalten Buffet, das Sektglas in der Hand, wurde Stimmung dafür gemacht, in so lauten Schönheitsanerkennungen, daß dem Bankdirektor ganz Angst wurde bei dieser Fülle von Eigenschaften, die er selbst an seiner Frau noch nicht entdeckt hatte.
Dann hieß es in den gehörigen Abstufungen und mit Rücksicht auf die Gelegenheit dazu: »Gnädige Frau sind heute wieder von einer Frische — bezaubernd! Ich wollte, ich könnte diese Farben einmal auf meiner Palette haben ..... Gnädige Frau haben einen Hals zum modellieren, geradezu klassisch. Wann darf ich auf die erste Sitzung hoffen?« Und ein besonders kecker Atelierzigeuner, der dafür bekannt war, alles auf eine Karte zu setzen, sagte unverwüstlich: »Also abgemacht, Frau Bankdirektor, nächsten Sonnabend geben Sie mir die Ehre. Die Leinwand steht schon auf der Staffelei. Ich male Sie als Königin der Nacht. Die Blüte, die sich öffnet, sind Ihre Lippen, die den Gesang entströmen lassen.« Sofort raunte ihm ein anderer witzig zu: »Wenn sie doch nur einmal im Jahre singen wollte!«
Später, im Café, wenn die Beruhigungsschwarze getrunken wurde, hieß es dann: »Aufgetakelt war sie wieder und angestrichen, wie die schönste Kalkwand.« ... »Ich bin ordentlich froh, daß ich sie nicht zu malen brauche.«
Frau Roderich kannte diese Sorte und wußte, was von ihrem Lob zu halten war. Deshalb versprach sie jedem etwas und hielt keinem nichts. Sie aßen und tranken sich alle durch und steckten obendrein noch die echtesten Zigarren ein, die berühmte »Eine«, die auf dem Nachhausewege reichen sollte, sich jedoch verdoppelte und verdreifachte. Aber es waren fidele Gesellschafter, die den Abend verkürzten, und da man sich gegenseitig durchschaute, hatte man sich nichts vorzuwerfen.
Fröhlich war von anderer Art, vom Zauber gesellschaftlicher Unkenntnis umwoben, noch ungetrübt von der Doppelzüngigkeit dieser Welt, mit einem Stich ins Naturburschenartige, das von der Kulturlüge noch nicht beleckt war. Er hatte noch die großen Ideale im Herzen, die die andern eigentlich nur auf den Lippen führten; er strahlte Sonne aus, die andern nur elektrisches Licht. Sie verglich ihn mit einem Spielzeug, das noch Harzgeruch ausströmte und nicht wie das übliche öde angestrichen und bunt bewimpelt war. Was er sagte, konnte nureinerFrau gelten, die vielköpfige Salontapete schwatzte es hundert andern ins Gesicht.
Ihre ewig regen Gelüste sehnten sich nach einem solchen süßen Sklaven, der ihr wie Wachs durch die Finger gleiten würde, und ihrer Ansicht nach durfte Fröhlich nur von Glück sagen, wenn sie ihn dazu erhöbe.
»Wir sind uns eigentlich recht fremd geworden, ich sehe Sie gar nicht mehr, mein Bester,« sagte sie mit ihrem schönsten Lächeln.
»Aber ich bitte, gnädige Frau —,« wandte er verlegen ein. »Ich bin den ganzen Vormittag fleißig beim Unterricht, und da überdies die bekannte Veränderung eingetreten ist.«
»Leider, leider,« stieß sie seufzend hervor. »Daß Sie mir mit Ihrer Kunst so schnell untreu werden würden, hätte ich nie geglaubt — mit IhrerwahrenKunst! Ich habe erst gestern zu meinem Manne gesagt, einen Anschlag hätten Sie, eine Weichheit des Ausdrucks — geradezu wie ein Virtuose. Ließ es sich denn gar nicht anders arrangieren? Hätten Siemirdoch vorher die leiseste Andeutung darüber gemacht — mein Gott, vielleicht hätte Ihr Bruder bei uns essen können, oder vielleicht hätte mein Mann Ihnen das vergütet, Sie haben ja auch Opfer an Zeit gebracht, ich sehe es ein. Irgend ein Ausweg hätte sich schon gefunden! Ich kann sagen, Sie fehlen mir geradezu, ich hatte mich schon so sehr an Sie gewöhnt. Sie wissen, daß beim künstlerischen Zusammenwirken der Partner eine große Rolle spielt, — aber natürlich wissen Sie das — eine fein empfindende Natur, wie Sie! Wie harmonisch klang nicht immer alles, wenn Sie mich begleiteten, meine Stimme lebte förmlich auf, ich fühlte es selbst, wie sie sich stärkte und an Umfang zunahm.«
Ihre leidende Sprechweise war merkwürdig schnell verschwunden; die Worte sprudelten ihr wieder über die Lippen, und sie plapperte immer nervöser, je mehr sie sich in dieses Gebiet vertiefte. Alles, was sich während der letzten Tage in ihr angesammelt hatte, mußte heraus. Schließlich wurde sie so erregt, daß Aeffi hervorschoß, seine Pfötchen emporstreckte und den Versuch machte, ihr die Hand zu lecken, was sie aber aus Puderrücksichten abwehrte.
Der Kandidat saß wie auf Kohlen. Fortwährend dachte er an seinen Schüler und an irgend eine Ausrede, durch die er so schnell als möglich wieder zu ihm gelangen könne. Aus Höflichkeit nickte er nur zerstreut, aber er hätte schwören können, ihren Worten nicht gefolgt zu sein. In Gedanken stöhnte er: »Ein fürchterliches Weib! Der arme Bankdirektor!« Dann aber schwebte ihm vor, daß sie etwas von seinem Bruder gesprochen habe, und so erlaubte er sich die Einwendung, daß er zwar ihre gute Absicht dankend anerkenne, aber eine andere Einrichtung nicht habe treffen können. Gern hätte er einmal nach der Uhr gesehen, und so hatte er auch schon wiederholt die bekannte Handbewegung danach gemacht, sich aber jedesmal rechtzeitig besonnen.
Seiner Berechnung nach mußte es bald zwölf sein. Um diese Zeit nahm er ein kleines Frühstück ein, das man ihm im Hause vorsetzte, ohne daß er den Unterricht dadurch unterbrach. Sicher würde dann das Mädchen kommen und es ihm melden. Vielleicht wäre dann Gelegenheit zur Flucht gewesen.
»Haben Sie noch nie daran gedacht, sich mal zu verheiraten?« fragte sie plötzlich unvermittelt.
Der Kandidat bekam einen freudigen Schreck. Vielleicht hatte er sich doch in ihrem Wesen getäuscht, vielleicht war eine plötzliche Umwandlung in ihr eingetreten und sie wollte sein stilles Verhältnis zu dem Fräulein fördern helfen.
»Allerdings, gnädige Frau, habe ich schon daran gedacht, es wird aber von meiner Anstellung an einer Schule abhängen.«
»Mein Mann kann Ihnen vielleicht dabei behilflich sein,« fuhr sie fort. »Er kennt verschiedene Schulräte, ich habe ja davon gehört, daß die Protektion dabei eine große Rolle spielt. Wir hatten für unsern Rudi einen Kandidaten zur Nachhilfe, dem es ebenso gegangen ist. Sie glauben es kaum, was der für Visiten machen mußte. Denn er wollte an eine städtische Schule kommen.«
Fröhlich empfand so etwas wie Wonne. »Ich würde Ihrem Herrn Gemahl jedenfalls außerordentlich dankbar sein, wenn er mir durch seinen großen Einfluß die Wege ebenen wollte. Und wenn gnädige Frau dann die Güte hätten, den Herrn Bankdirektor daran zu erinnern —.«
Sie unterbrach ihn gelassen: »Schließlich hat er sich dann mit der Tochter eines Schulinspektors verlobt, und da war es gleich so weit. Nach solchen Töchtern müßten sie sich auch umsehen. Sie müssen mehr heraus aus sich, mehr Beziehungen anknüpfen. Ich denke, es wird sich mal im nächsten Winter so etwas anbahnen lassen, an einem Abend bei uns. Man ladet da einfach so einen Schulgewaltigen ein. Mein Mann kennt auch sonst noch einflußreiche Persönlichkeiten. Sie müssen dann mehr in unsern Zirkel hinein, letzten Winter hat es sich wenig gemacht. Sie dürfen nicht so menschenscheu sein. Denken Sie daran, wie musikalisch Sie sind! Ich singe, und Sie begleiten mich dann. Ich habe schon öfters daran gedacht. Es wäre nett — sehr nett sogar.«
Im Augenblick schien sie davon zu träumen, denn ihre Augen schlossen sich, und ihre letzten Worte verklangen wie ein prosaischer Gesang.
Fröhlich war bestürzt, denn er wußte nicht, was er darauf sagen sollte. Stammelnd brachte er einige Worte hervor, die den Dank für diese »neue Auszeichnung« enthielten; das übrige würgte er sich herunter, so verlockend ihm auch die Aussicht erschien, auf diesem krummen Wege zugleich Gymnasiallehrer und Schwiegersohn zu werden. Sofort schwebte ihm Fannys süßes Gesicht vor, und es lag nahe, daß er damit die vielleicht magere und überjährige Erscheinung einer Schulratstochter verglich, die ihm aus Gründen endlicher Versorgung mit auf den Berufsweg gegeben werden sollte. Er hatte von ähnlichen Beispielen gehört, die zur allmählichen Verknöcherung ehemaliger, sehr fideler Schulamtskandidaten geführt hatten.
Nein, das war nichts für Oswald Fröhlich! Lieber wollte er die Wartezeit noch bis aufs unbestimmte ausgedehnt sehen und sich das Weibchen nach seinem Geschmack wählen.
Frau Roderich merkte ihm seine Verfassung an, denn alles hatte nur dazu gedient, ihn zu einer bestimmten Erklärung herauszufordern. »Sie sind doch nicht schon etwa irgendwo gefesselt?« fragte sie mit erzwungenem Lächeln. »Herr Kandidat, machen Sie keine Dummheiten! Bleiben Sie nicht irgendwo hängen! Sie gehören zu den unerfahrenen Naturen, die leicht zu täuschen sind.«
»Wenn Du wüßtest!« dachte Fröhlich; dann aber erwiderte er: »Gnädige Frau brauchen nichts zu befürchten, ich bleibe meiner Gesinnung treu. Ich werde meinen Namen nie an den einer Unwürdigen knüpfen.« Und wieder streckte er die Hand nach der Westentasche aus, ohne den letzten Mut zu finden.
Dieser Hinweis, den sie falsch auffaßte, berührte sie wohltuend; zugleich aber mischte sich ein Tropfen Aerger hinein, denn nach ihrer Meinung umging er den Kern der Frage. Und so sagte sie kurz entschlossen: »Das freut mich um Ihretwillen, Herr Kandidat. Ich hatte nämlich die Empfindung, daß Fräulein hinter Ihnen her sei, und daß Sie vielleicht —. Du lieber Himmel, was wagen die Mädchen nicht alles, um zu einem Mann zu kommen. Man kann niemals genau wissen, was um einen herum vorgeht. Sie sind eben zu blind, Sie müssen mehr die Augen öffnen, lieber Herr Fröhlich! Was denken Sie — ich glaube sogar, sie bildet sich etwas darauf ein, daß mein Sohn sie auszeichnet. Und so ein Junge denkt sich gar nichts dabei, aber er ist eben schon in einem Alter, wo die Eltern besorgt sein müssen. Ich habe sie beide dringend verwarnt.«
In diesem Augenblick, wo dem Kandidaten das Blut ins Gesicht schoß und seine Wahrheitsliebe rücksichtslos mit ihm durchgehen wollte, selbst zu seinem persönlichen Nachteil, wurden sie jäh in ihrer Unterhaltung gestört. Walter kam aufgeregt hereingestürzt, dem Weinen nahe. »Denk Dir nur, Mama, Rudi hat mich geschlagen!« rief er laut. »Ich war hinten und sah ihn in Fräuleins Zimmer gehen, und weil ich Dir's sagen wollte, gab er mir eins. Was hat er darin zu suchen, wenn sie nicht hier ist! Gewiß wollte er herumkramen. Er sagte, es habe brandig gerochen. Immer hat er etwas gegen mich. Ich werde es Papa sagen.«
Frau Roderich beherrschte sofort den Vorgang. »Das wirst Du nicht tun!« erwiderte sie streng, »das werde ich schon besorgen. Du brauchst auch nicht Deine Nase überall hinzustecken! Es ist doch hübsch von Rudi, wenn er irgend eine Gefahr wittert. Neulich roch es auch schon so. Fräulein verbrennt immer ihre ausgekämmten Haare auf dem Spiritus. Das kann sie in der Küche machen. Ich habe es ihr schon mehrmals gesagt. Jetzt geh nur und beruhige Dich! Uebrigens sollst Du immer anklopfen, mein Junge; vergiß das nicht!«
Der Kandidat hatte sich erhoben, bewegt von sonderbaren Gefühlen. Er glaubte endlich die Gelegenheit benutzen zu können, sich mit seinem Schüler zugleich zurückziehen zu dürfen. Aber Frau Roderich bat ihn, noch zu bleiben. Als sie wieder mit ihm allein war, richtete sie sich zur sitzenden Stellung empor, denn sie hatte gemerkt, daß er keine Neigung zeigte, abermals Platz zu nehmen. Endlich hatte er auch den Mut gefunden, die Uhr zu ziehen.
»Man hat mit seinen Kindern weiter nichts wie Aerger,« sagte sie, um die Pause der Verlegenheit auszufüllen. »Eigentlich paßt es mir auch nicht, daß der Junge in Fräuleins Zimmer geht. Er hat bei der Dienerschaft nichts zu suchen.«
»Ich muß mich darüber jeglichen Urteils enthalten, gnädige Frau,« gab Fröhlich zurück.
Sein entschlossener Ernst verstimmte sie, aber sie zwang sich zur Liebenswürdigkeit. Das erste Mißtrauen war gesäet, und so erklärte sie sich dadurch sein Verhalten. Es galt nun, ihm immer mehr ihr Vertrauen zu beweisen. Mit Geduld fing man nicht nur Fliegen, sondern erzog sich auch die Sklaven. »Sie könnten mir eine kleine Gefälligkeit erweisen, Herr Kandidat,« sagte sie wieder nach einem Weilchen.
Dagegen konnte er nichts einwenden. »Recht gern, gnädige Frau.«
»Müssen Sie vielleicht heut noch in die Stadt?« Sofort unterbrach sie sich, indem sie ein wenig heuchelte. »Aber es wäre vielleicht zu viel verlangt von mir. Sie kommen gewiß nicht in die Nähe der Linden?«
Er wollte es nicht mit ihr verderben, und so erbot er sich, ihr diesen Dienst zu leisten, neugierig, was sie wünschen werde.
Am nächsten Donnerstag gab es »Die Meistersinger« im Opernhaus mit einem berühmten Gast als Hans Sachs. Fröhlich sollte so freundlich sein, nach dem »Invaliden-Dank« zu gehen und ihr das Billet zum ersten Rang zu holen, das sie sich heute früh telephonisch hatte zurücklegen lassen. Zwar war es Sache des Dieners, derartige Besorgungen zu machen, aber ihr Eigensinn drängte sie, Fröhlich damit zu betrauen. Zugleich erschien es ihr wie eine kleine Genugtuung, ihn auf diese Art an die Erfüllung ihrer Wünsche zu gewöhnen.
Der Kandidat fand das durchaus nicht sonderbar, denn alte Erinnerungen wurden in ihm wach.
»Vielleicht sind Sie so gut und bringen mir das Billet morgen früh gleich hier herein. Uebrigens — Sie gehen gewiß auch gern einmal ins Opernhaus auf einen guten Platz. Bei uns verfallen manchmal die Billets, wenn die Dispositionen umgestoßen werden.«
Fröhlich fand nur eine stumme Verbeugung dazu. Peinlich wurde ihm der Auftrag erst, als sie nach ihrer schillernden Geldbörse suchte, denn gern hätte er gesagt, er werde den Betrag auslegen, aber er scheute die hohe Summe, die in Vergessenheit hätte geraten können. Je größer die Häuser waren, je öfter ging man über solche Kleinigkeiten hinweg.
Sie hatte sich erhoben und suchte auf dem Tischchen umher. Plötzlich sah er, daß sie hinkte.
»Ich glaube, ich habe mein Portemonnaie im Speisezimmer liegen lassen ... Nun ist mir auch noch dieses Malheur passiert. Denken Sie nur, ich habe mir vorhin den Fuß verstaucht. Wollen Sie mich nicht ein wenig stützen?«
Es war zwar kein wahres Wort daran, aber sie wollte nun einmal von ihm geführt werden. Und so tat er es mit Worten des Mitgefühles, erriet aber ihre Absicht. Und als er ihren vollen Arm an dem seinigen fühlte, so dicht, daß er fast ihren Atem verspürte, stöhnte es abermals in ihm auf: »Ein fürchterliches Weib!«
Kaum im Speisezimmer angelangt, entdeckte sie plötzlich die Börse in ihrer Tasche und reichte ihm ein Zwanzigmarkstück. »Ach, führen Sie mich doch zum Instrument,« flötete sie abermals, diesmal mit dem Ausdruck noch größeren Schmerzes. Sie verband die Absicht damit, ihn sanft wieder zur Stelle ihrer beiderseitigen musikalischen Triumphe zu schleifen, um den Genuß zu haben, ihn wenigstens wieder einige Töne anschlagen zu hören. Vielleicht ließ er sich dadurch auf fünf Minuten fesseln und bewegen, die Proben allmählich wieder aufzunehmen.
In diesem Augenblick, als sie an der Seite des Kandidaten gerade mitten im Zimmer war und die Nähe seiner Schulter ganz besonders suchte, kam ihr Mann eilig die Wendeltreppe herauf und blieb auf der vorletzten Stufe verblüfft stehen. Er hatte sich nur kurze Zeit in der Bank aufgehalten und war um diese ungewöhnliche Zeit nach Hause zurückgekehrt, da er wichtige Papiere gebrauchte, die er im Geheimfach seines Schreibtisches verwahrte.
Den Kandidaten durchfuhr ein tödlicher Schreck, und sofort verrenkte er sich zu einer tiefen Verbeugung. Am liebsten hätte er sich einige Meilen fortgewünscht; denn obgleich er ein reines Gewissen hatte, fühlte er sich mitschuldig an diesem Aufzug.
Der Bankdirektor machte ein Gesicht, aus dem zunächst der größte Weise nicht hätte klug werden können, dann aber, als er die trostlose Miene des Kandidaten sah, erinnerte er sich sofort der unberechenbaren Launen seiner Frau und sagte spöttisch: »Ich störe die Herrschaften doch nicht? Ich denke, die Konzerte sind aufgehoben?«
Fröhlich, dem der Angstschweiß auf die Stirn trat, fand sofort einen Ausweg aus seiner Pein. »Gnädige Frau haben befohlen.«
Roderich lachte und kam ganz herauf. »Das kann ich mir denken, Herr Kandidat.« Dann aber wurde er ernst, als Agathe, die sofort ihre Beherrschung fand, auf ihren Fuß hinwies, mit einer so tragischen Gebärde, daß er an die Verletzung glauben mußte. Schwer ließ sie sich auf den Klaviersessel fallen. Der Kandidat jedoch, der sich wie erlöst von hartem Joch fühlte, verbeugte sich nach beiden Seiten und verließ das Zimmer.
»Eine Momentphotographie wäre unbezahlbar gewesen,« sagte Roderich wieder. »Agathe, ich verstehe Dich gar nicht mehr. Laß doch den armen Kandidaten zufrieden, er hat andere Dinge zu tun, als Dir die Zeit zu verkürzen! Gott sei Dank neige ich nicht zur Eifersucht, sonst könnte ich dieses Puppenspiel tragisch auffassen ... Was hast Du denn eigentlich?«
Sie mußte die kleine Komödie fortsetzen und verzog das Gesicht aufs neue, indem sie mit der Hand nach dem Fuß fuhr. Es sei aber nicht bedeutend, sie habe sich nur etwas vertreten. Zufällig sei Fröhlich gerade hinzugekommen, den sie über Walter gefragt habe, und so sei er so freundlich gewesen, sie ans Klavier zu führen.
Roderich war dafür, zum Sanitätsrat zu schicken.
Sofort wurde sie aufgebracht. »Aber ich bitte Dich, um solcher Lappalie willen! Ein wenig verknackst, das ist das Ganze. Ich werde mir sofort eine kalte Kompresse machen und Du sollst sehen, morgen ist es gut.«
Der Bankdirektor hatte andere Dinge im Kopf, und so beruhigte er sich dabei, da er schnell fort mußte. Er gab ihr den üblichen Gewohnheitskuß auf die Stirn und ging. Da sein Wagen, der ihn heute früh nach der Bank gebracht hatte, bereits wieder nach Hause gefahren war, so hatte er sich eine Droschke genommen, die auf der Straße noch hielt, weil er nicht abermals anspannen lassen wollte. Kaum war er wieder unterwegs, als der Sanitätsrat in seiner etwas unmodernen Kutsche ihm entgegenkam. Roderich betrachtete das als einen Fingerzeig und ließ halten, was der andere auch tat. Rasch verständigte er den Hausarzt von dem kleinen Unfall und fuhr dann erst ganz beruhigt weiter.