XIX.

XIX.

»Adieu Fanny,« sagte Kornelia noch kurz vor dem Aufbruch. »Heute wird es sich entscheiden, ob ich hier meinen Willen durchsetzen kann, oder nach London gehe zu Miß Spence. Soll ich grüßen? Aber natürlich doch. Sehen Sie nur zu, daß Sie Ohrenklingen bekommen, dann denken wir an Sie. Es kann ja auch ein anderer sein.«

Unten warteten bereits die Eltern auf sie. Agathe war im großen Staat, in blaßblauem Seidenrock mit echten weißen Spitzen, den sie so an den Körper gestrafft hatte, daß der Bankdirektor, der im dunklen Rock und weißer Weste war, sie dringend bat, etwas weniger deutlich die neueste Straßenmode mitzumachen. Ein echter Pariser Blumenhut schwankte, wie eine kleine Plantage auf ihrem mächtig gelockerten Haar und ließ die Brillantnadel glitzern. Auch sonst schleppte sie ein kleines Vermögen mit sich herum: lange Perlentropfen in den Ohren, eine echte Kette um den dicken Hals, und an der Taille der zartpunktierten Bluse eine große silberne Netztasche für Portemonnaie, Riechfläschchen und Spiegel. Sie hatte sich heute besonders vorsichtig angemalt, um den Kampf mit dem elektrischen Licht aufnehmen zu können.

Und neben ihr schritt Kornelia, wie immer in ihrem einfachen weißen Foulardkleid, nett und elegant, vornehm, ohne auffallend zu erscheinen.

»Adolf, wir wollen uns nicht lange in dem Trubel aufhalten, Du weißt, die vielen Menschen machen mich verrückt,« jammerte sie gleich, als sie die berühmte Lästerallee vor sich hatten.

»Aber, Mama, man muß sich doch erst sehen lassen!« wurde sie von Kornelia ermuntert.

Der Bankdirektor ging wortlos neben ihnen her, denn er hatte wie gewöhnlich nur Zahlen im Kopf. Langsam ließen sich alle Drei von dem Menschenstrom mit forttreiben, der mit seinem entsetzlichen Gewimmel die Augen verschleierte. »Ganz Berlin« hatte sich wieder versammelt, um die neuesten Moden spazieren zu führen, um beim Wandeln zu flirten und zu spötteln, von den Sommerreisen zu sprechen, den Abend bei Konzert zu schinden und den bedeutenden Gedanken mit sich herumzutragen: »Ich bin auch da!«

Zwischen den beiden Musikhallen gingen die Wogen auf und nieder, die das stille Lästern wie ein sanftes Rauschen mit sich führten. Und was die Worte nicht sprachen, sagten die Mienen beim Wenden der Köpfe, wenn Auffälligkeit stumm die Kritik herausforderte. Sobald die eine Kapelle schwieg, wandte sich der Kopf dieses ungeheuren Menschenleibes, der auf tausend Füßen ging, der andern zu, um dort mit seinen hundert Augen zu sehen und sich wieder gierig zu wenden, damit er für seinen Schweif aufs neue freie Bewegung habe.

Alle Farben schillerten in dem weißen künstlichen Licht, das die Sonne ersetzen sollte. Die Hüte der Damen nahmen sich wie wandelnde Bouquets aus, auf die wunderlichsten Formen gesteckt, und eintönig zog die Kopfbedeckung der Herren nebenher, vom hellen Gelb der Strohhüte, bis zum tiefsten Schwarz der Zylinder. Dieses gleichmäßige Auf und Ab in langen Reihen, die mehr geschoben wurden, als daß sie sich selbst bewegten, hatte etwas Komisch-Feierliches, das an riesige Puppen erinnerte, die mit erzwungener Bewegung ihren Aufzug hielten. Zeitweilig war es, als wenn die Steifheit auf Stelzen ginge, nur um sich bemerkbar zu machen. Das äußerte sich in der Form des Grüßens bei den Herren, die mit wagerechtem Arm an den Hut fuhren, und in dem pagodenhaften Nicken der Damen, wobei die Blumen und Federn gnädig mitnickten.

Es war eine ungeheure Illustration zu Platens Worten: »Ein jeder glaubt, ein All zu sein, ein jeder ist im Grunde nichts.«

Und rechts und links breitete sich das Sitzparterre der bequemen Genußmenschen aus, die wie eingepökelt um die Tische saßen, bei ihren Getränken schwitzten und sich einbildeten, etwas voraus zu haben, trotzdem sie mit jedem Ellbogen an einen Fremden stießen. Sie summten die Melodie mit, wiegten sich mit heiterer Grimasse und fluchten innerlich dem Kellner, der sie schon seit einiger Zeit verdursten ließ. Die Soliden und Sparsamen saßen in diesem Parterre, das allmählich die Anhöhe hinan, ins Parkett der Terrasse überging und sich dann bis in die offene Veranda des Restaurationsgebäudes verlor, wo die Sektgläser klirrten, die Ausgewählten um die bestellten Tische saßen und sich an Delikatessen der Jahreszeit labten.

Wie ein riesiges buntes Menschenbeet wölbte sich dieser Teil des Gartens, und unaufhörlich bewegten sich die Köpfe, als wenn der Sturm die Blüten triebe. Wie in Tageshelle glänzten die Gesichter, deutlich erkennbar schon von weitem, und unaufhörlich stieg das Schwatzen zum Himmel, übertönt von dem Lärm des Speisens und dem Gejage der Kellner, die in Gruppen aus der Halle kamen und sich zu einem Dutzend Fracks auflösten, die, schwarzen Riesenheuschrecken gleich, das bunte Gewimmel überragten.

»Schrecklich, schrecklich,« stöhnte Frau Roderich aufs neue, als sie mitten im schönsten Gedränge waren. »Nur nicht zurückgehen, ich falle sonst um.« Der Anblick dieser Menschenmasse legte sich auf ihre Nerven, und so taumelte sie mehr, als sie ging, fast taub von dem Geschnatter, das wie ein Riesengesumme an ihr vorüberzog, sobald die Musik in der Nähe schwieg.

Der Bankdirektor nickte nur, denn auf ihn wirkte dies alles erfrischend und belustigend, worunter seine Gedanken eher klarer als verworrener wurden.

Kornelia spähte aus, ohne den Geliebten zu sehen. Rücksichtslos schleppte sie die Mutter mit, immer geradeaus, am Hauptorchester vorüber, wo unter den Bäumen in langen Reihen auf Bänken und Stühlen die »Nassauer« saßen, die mit der Unbeweglichkeit von Wachspuppen ausharrten, ohne etwas zu verzehren, und immer in der Angst schwebten, ihr Platz könnte weg sein, sobald sie sich einmal die Füße verträten.

Hier, an der Stelle, wo der Park bereits vorherrschte, und durch die Kronen der alten Bäume das elektrische Licht wie Mondesschimmern drang, saß und wandelte es sich am schönsten, und ununterbrochen tauchten die Gruppen aus dem Dämmerungsschein auf, der erst ganz hinten in das Dunkel des Abends überging.

Ein Offizier kam den dreien entgegen und grüßte Kornelia höflich. »Ah, Herr Leutnant, guten Abend. So steif? Wollen Sie mich schneiden?«

»Wenn gnädiges Fräulein befehlen, dann ja, sonst nicht. Ich preise die Vorsehung, die mir in Gnaden Ihre Grausamkeit erläßt.«

»Wieder mal hübsch gesagt.«

Sie war den Eltern nur einige Schritte voraus, doch nahe genug, daß sie die Anrede hören konnten. Rasch raunte sie ihm zu: »Seien Sie nur recht nett und recht zähe!«

»Du, wer ist denn das?« fragte Agathe ihren Mann, der, immer noch bei seinen Zahlen, zerstreut die Achseln zuckte. Was ging ihn ein simpler Leutnant an, wo er gerade bei einer Millionen-Emission war! Aber sofort glaubte sie auf wankenden Füßen zu gehen, als die Vorstellung erfolgte. »Mama, Papa, erlaubt: Herr Leutnant Frank —: meine Eltern.«

Er wiederholte die Verbeugung. »Mir eine besondere Ehre, namentlich gnädigen Frau gegenüber. Mein Schwesterchen hat mir schon soviel Liebenswürdiges von Ihnen erzählt und geschrieben, daß ich mich glücklich schätze ...«

»Ein prächtiger Kerl, wie er heucheln kann,« dachte Kornelia, und sogleich flüsterte sie dem Vater zu: »Ich bitte Dich, laß ihn nicht los, es ist meine ganze Lebensfreude.«

Der Bankdirektor hatte das Rechnen vergessen, denn er hörte etwas aus ihrem Tone, was ihn mehr überraschte, als diese plötzliche Namensnennung, die ihn mit Ahnungen erfüllte. Etwas Weiches, Herzbewegendes sprach aus ihrer Bitte und lag in ihrem feuchten Blick, der ihm weiter, als nur in die Augen ging. »Ah, so, ich verstehe Dich,« sagte er kurz, aber doch mit der Bestimmtheit eines Vaters, der die Eigenheiten seiner Tochter längst erschöpft hat. Und ohne Besinnung streckte er Frank die Hand entgegen. »Freut mich außerordentlich, Herr Leutnant, Sie kennen zu lernen. Meine Tochter hat schon viel von Ihnen gesprochen.«

Er log geradeaus, aber er hielt es für geschickter, auf diese Art dem Wunsche seiner Tochter näher zu kommen.

»Ehrt mich ungemein, Herr Bankdirektor.«

»Haben Sie Zeit, sich uns ein wenig anzuschließen?« warf Kornelia rasch ein, einen Blitz in ihren Augen, den Frank allein verstand.

»Es wird mir ein großer Vorzug sein, meine Gnädige, wenn die Herrschaften nichts dagegen haben —.«

»Im Gegenteil, ich bitte sehr darum, Herr Leutnant,« fiel Roderich ihm höflich ins Wort. »Der Vorzug ist ganz auf unserer Seite.«

Er hatte plötzlich das Zahlenreich sehr weit hinter sich und war völlig in seine Umgebung zurückgekehrt. Als kluger Mann, der stets daran gewöhnt war, mit Tatsachen zu rechnen, hatte er sofort den Vorgang in seiner ganzen Bedeutung erfaßt und wollte nun sehen, wie sich das weiter entwickeln würde. Es gehörte für ihn nicht viel dazu, um zu merken, daß diese Begegnung eine hübsch erdachte Falle war, in die seine Frau sowohl als er in aller Gemütlichkeit hineinplumpsen sollten, namentlich Agathe, die ein Gesicht machte, als wäre sie aus der schönsten rosigen Wolke in dieses Menschengewühl gefallen und fände sich noch nicht zurecht.

Das Pärchen ging vor ihnen, und aus beider Mienen ergänzte er sich, was ihm an seiner Vermutung noch fehlte. Und langsam kam ihm die Andeutung ins Gedächtnis, die seine Frau über diese Bekanntschaft gemacht hatte, der aber von ihm keine besondere Bedeutung beigelegt worden war. Was für ein sonderbares Wesen, diese Kornelia, die ihm wieder ein neues Rätsel aufgab! Aber diesmal schien auch gleich die Lösung zu kommen, die in einem schmucken Leutnant mit auffallend überlegenen Manieren bestand. Recht so, daß sie sich über den Sauerteig ihres Daseins erhob und ihrer natürlichen Bestimmung zustrebte!

»Ich bin außer mir,« sagte Agathe endlich.

»Liebes Kind, das braucht nicht alle Welt zu hören,« raunte er ihr gutmütig zu. »Mach nur hier keine Szene! Bleibe hübsch in Dir!«

»Du steckst natürlich mit ihr unter einer Decke!« fuhr sie aufgebracht fort, aber doch gedämpfter.

Roderich lachte leicht. »Natürlich, natürlich! Das hörte ich schon im Geiste. Es würde nichts helfen, wenn ich Dir sagte, daß ich ebenso perplex bin, wie Du. Deshalb tu ich's erst gar nicht.«

»Es ist doch verdächtig, daß Du Dich so schnell in diese Bekanntschaft findest!«

»Das solltest Du doch gewohnt sein, liebe Agathe. Ich finde mich ja auch in Dich stets.«

»Ich bin außer mir, ich bin außer mir,« stöhnte sie nach einem Weilchen aufs neue. »Mit dem Bruder unseres Fräuleins, das mich krank geärgert hat! Sie ist doch eine dienende Person.«

»In Deinen Augen. Sie wird sicher noch Frau Professor werden, oder Frau Direktor, wie Du, wenn man Deine Prophezeiungen für den Kandidaten auch auf sie ausdehnen will ... Darauf kannst Du mir natürlich nichts erwidern.«

Sie war allerdings über das »lieber Adolf« nicht hinausgekommen, womit sie seine »Brutalität« bändigen wollte. Endlich aber ächzte sie wieder hervor: »Die tun ja schon, als wären sie Herz und Seele! Das kann doch unmöglich unsere Verwandtschaft werden!«

»Das hat mein seliger Vater auch von Dir gesagt, als ich Dich von der Bühne nahm. Na, und ich habe Dich doch genommen. Und glücklich bin ich ja auch geworden.«

Da er sich räusperte, so traute sie ihm nicht recht, aber sie hängte sich doch an seinen Arm.

»Da siehst Du den blinden Zufall im Leben, der Menschen zusammenbringt,« fuhr er fort. »Er findet eben nichts Besonderes an der Stellung seiner Schwester. Na, und ich auch nicht. Ich war auch einmal ein kleiner Kommis und bin so allmählich gewachsen. Und wer nicht mit seinen Zielen wächst, der bleibt zurück; und das will unsere Neli nicht. Soll sie ewig Bilder klecksen, die kein Mensch kauft? So etwas tun die Mädchen nur in der Verzweiflung, wenn sie's auch nicht zugeben wollen. Sind sie einmal Frau, dann schwören sie auf etwas anderes. Sie ist dreiundzwanzig, da wird's Zeit, daß sie aus dem Hause kommt. Meinetwegen nicht, denn sie wird mir sehr fehlen. Es ist schon schlimm, wennarmeMädels keinen Mann bekommen, aber noch schlimmer, wenn's den andern so geht, die etwas draufzulegen haben.«

In diesem Augenblick rechnete der Bankdirektor wieder, und so hörte er kaum mehr auf das, was seine Frau sagte, nur soviel empfand er, daß sie schwer zu besänftigen war und erst sich selbst wiederfand, als sie an das Pärchen herantraten.

Kornelia und Frank hatten unwillkürlich den Weg nach der stillen Seite des Restaurants genommen und standen nun einige Augenblicke unschlüssig zusammen. Kornelia gab rasch wieder den Ton an: »Aber, Herrschaften, ich sehe nicht ein, weshalb wir unsern Tisch bestellt haben. Ich mag das Gewimmel der Menschen nicht.«

»Aha, auf einmal!« dachte Agathe. »Nun hat sie ihn getroffen.« Und erfüllt mit stiller Wut, sich so gefoppt zu sehen, sagte sie laut: »Ich finde es sehr schön, mal so im Trubel zu promenieren. Unser Tisch läuft ja nicht weg.« Sie hatte bemerkt, daß Frank nach der Uhr gesehen hatte und schloß daraus, daß er möglicherweise wenig Zeit habe und sich bald verabschieden werde. Dann hätte sie losreden und beizeiten durch diese Liebesrechnung einen Strich machen können. Aber schon bewies ihr Mann wieder seine Höflichkeit, und zwar in einer Art, die sie noch starrer machte.

»Darf ich um die Ehre bitten, Herr Oberleutnant, mein Gast zu sein.« Er hatte sich mit einem raschen Blick von dieser Rangstellung überzeugt und wollte nun besonders zuvorkommend sein.

Frank sah abermals nach der Uhr und lehnte mit verbindlichem Danke ab, aber auf »ein halbes Stündchen« würde er gern mit den andern Platz nehmen. Die lebhaften Einwendungen Roderichs ließ er unerwidert, denn im Grunde genommen war es ihm mit seiner Eile nicht ernst. Er handelte ganz nach Verabredung mit Kornelia und hielt es für angebracht, den Zurückhaltenden zu spielen.

Es machte sich so, daß er mit Frau Roderich zusammenging, während Vater und Tochter die Spitze nahmen. »Gnädige Frau sollen vorzüglich singen, wie ich gehört habe,« begann er.

Sie zwang sich zur Freundlichkeit. »Hat Neli Ihnen das gesagt?«

»Ich hörte es irgendwo in einer Gesellschaft. Man sprach viel darüber,« heuchelte er lustig weiter, allerdings innerlich mit einem unangenehmen Gefühl, aber es ging alles auf das Gewissen Kornelias.

»So,« warf sie ein und streifte ihn mit einem raschen Seitenblick, denn ihr Mißtrauen arbeitete fortwährend in ihr; aber als sie seine ungetrübte Miene sah, wurde sie um einen Grad liebenswürdiger. »Das freut mich zu hören, Herr Leutnant,« fügte sie hinzu. »Die Gesangskunst ist nun einmal mein Schwarm; na, und da schwärmt man eben auch häuslich ... Sind Sie auch musikalisch?«

Noch den letzten Brief Fannys im Gedächtnis, hätte er gern seinen Spott spielen lassen und so hatte er schon die Worte auf den Lippen: »Ich blase die Suppe bei Tisch,« aber er besann sich noch rechtzeitig, trotzdem ihm fortwährend etwas anderes in der Kehle würgte, als er sprach. So tröstete er sich mit dem Gedanken: »Ich blase der gnädigen Frau den Marsch.« Das konnte auch dadurch geschehen, indem er sie sanft durch Ritterlichkeit einwickelte und ihr zu erkennen gab, daß die Franks es immer noch mit den Roderichs aufnehmen konnten. Schließlich tat er alles des geliebten Mädchens wegen. Er wollte ja Kornelia heiraten und nicht die Mutter; und der Vater schien ein Mann zu sein, der in die Welt paßte, und wenn man die eine Hälfte der Eltern für sich hatte, namentlich die klingende, dann konnte man die andere später kaltstellen, je nach Bedürfnis.

So setzte er also die »Raubtierzähmung«, die vortrefflich in die Umgebung des Zoologischen paßte, mit gewinnender Höflichkeit fort. Eigentlich musikalisch sei er nicht, er habe das immer seinen Schwestern überlassen, sprach er weiter; aber er sei ein großer Musikfreund und besuche sehr viel gute Konzerte und namentlich das Opernhaus. Die Spieloper ziehe ihn ganz besonders an.

Das große Wort war gefallen. Kornelia hatte ihm den ganzen Spielplan der Mutter mitgeteilt, in dem sie einst geglänzt hatte, im Fürstlichen Theater zu Gera, in Rudolstadt und in Altenburg, und auf all den andern kleinen Bühnen, wo die Primadonna noch das Gespräch beim Frühstück bildet. Frank hatte sich wirklich einen Opernführer zugelegt und eine Anzahl Textbücher gekauft, und floß nun über von Kenntnis selbst der vergessensten Opern, die ein Schmierendirektor nicht mehr zugkräftig finden würde.

Sofort summte sie eine Melodie, und er summte in Gedanken mit, weil ihm die Sache sehr bekannt vorkam.

»Sie wissen doch, was das ist? Ich habe die Agathe im »Freischütz« unzählige Male gesungen. Es war meine Lieblingsrolle, die mir Triumphe brachte, schon deswegen, weil ich ebenso heiße.« Er nickte zustimmend und fiel begeistert ein: »Natürlich wußte ich es.« Den Freischütz hatte er zufälligerweise dreimal gehört, und so konnte er hier wirklich aus Erfahrung sprechen.

Der Bankdirektor und seine Tochter warteten schon auf der Veranda des Restaurants, aber Frau Roderich schien keine Eile zu haben. Wiederholt war sie stehengeblieben und erschöpfte ihre Redekunst. Sie vergaß ganz, wen sie vor sich hatte, und dachte weder an ihren Mann, noch an Kornelia. Alles, was sich in ihr an Galle aufgespeichert hatte, war verflogen, und nur die helle Begeisterung für den Augenblick war übriggeblieben, die wie Funken in der aufgerührten Asche sprühten. Selbst der Kandidat winkte nur noch wie ein Schatten aus dem Hintergrunde, denn es war ein Neuer an seine Stelle getreten, der ihr aufrichtiges Verständnis entgegenbrachte und ihre Kunst mit großem Ernste behandelte. Wie erschöpfend er zuzuhören verstand, wie klug er sprach, wie ehrfurchtsvoll er ihre Sehnsucht nach zerstobenem Bühnenflitter begriff! Und was für ein schmucker Kerl, ein wirklicher Gentleman voll Grazie und Bewegung, nicht so steif und unbeholfen, wie der andere mit der Denkermiene in ewigem Schwarz, sondern heiter, lustig und bunt, wie die Schmetterlinge, die es empfinden, daß die vollste Blume die größte Anziehungskraft hat.

»Mama scheint sich ja ordentlich festzuhaken an ihn,« sagte der Bankdirektor, der inzwischen eine kleine Novelle mit wahrem Hintergrunde von seiner Tochter zu hören bekommen hatte.

»Gefällt mir sehr, Papa,« gab sie zurück. »Sie sprechen von Opern.«

»Woher weißt Du denn das?«

»Na, anders kann's doch nicht sein.«

Roderich sagte nichts, aber er dachte sich sein Teil.

Alle Lebensweisheit eines gereiften Mannes konnte an der Klugheit eines verliebten Mädchens scheitern! Schade, daß sie nicht als Junge auf die Welt gekommen war, dann hätte vielleicht ein Diplomat aus ihr werden können! Aber er wollte auch so mit ihr zufrieden sein.

Man saß gemütlich zusammen hinter dem Blumenständer beim Schein der roten Tischschirme, unter sich das brandende Menschenmeer, das seine Kopfwogen mit verstärkter Flut trieb und im Sonnenschein zu liegen schien. Das elektrische Licht umspielte die äußersten Zweige der Bäume und ließ die Blätter grasgrün erscheinen, hüllte aber dahinter alles in tiefen Schatten, so daß es aussah, als wären blendende Farbenspritzer aufgetragen, die im Zickzack sich aus der Nacht heraushoben. Hinten im Park sah man durch das Laub hin und wieder weiße Kugeln auftauchen, die wie winzige Monde in der Luft zu hängen schienen und einen hellen Lichtkreis um sich schufen.

Und über allem wölbte sich der beinahe schwarze Himmel, an dem die Sterne nur vereinzelt blinkten. Ein leichter Wind rauschte durch die Zweige, trieb angenehme Kühle über die Köpfe und brachte den Duft der Blumenbeete mit. Scharf klang die Militärmusik herauf, aber in kurzen, merkwürdig abgebrochenen Tönen, als hinderte dieser Berg von Menschenleibern die Schallwellen daran, sich in Weichheit auszuströmen.

Frank hatte sich sofort etwas zu essen bestellt und einen Schoppen Wein dazu, um dadurch seine Zurückhaltung an diesem ersten Abend anzudeuten. Und Roderich machte auch keinen Versuch zu einer erneuten Einladung, um nicht aufdringlich zu erscheinen. Selbst, als die Familie beim Sekt angelangt war, blieb er bei diesem Takt, obgleich es ihm etwas schwer wurde, denn in fideler Stimmung sah er gerne alles »schwimmen«, schon um der lieben Lustigkeit der andern willen. Aber diesmal mußte er seine berühmte Gebelaune dämpfen, denn Kornelia hatte ihm schon wiederholt heimliche Winke mit den Augen gegeben, weil sie klug genug war, jetzt noch die nötige Schranke zwischen Frank und den Eltern zu wahren.

Alles dies hielt den Bankdirektor jedoch nicht ab, immer aufs neue mit dem Leutnant anzustoßen und ihm die Versicherung zu geben, daß er sich sehr freue, seine Bekanntschaft gemacht zu haben. Sobald er einige Gläser Sekt herunter hatte, verließ ihn seine Ruhe und er sprach dann etwas viel, wobei sich seine Frau auffallenderweise schweigsam verhielt. Es war dann, als wäre sie zufrieden damit, daß ein anderer ihre Familie würdig vertrat, denn gesprochen mußte auf alle Fälle werden. Heute machte sie den Eindruck, als könnte sie kein Wässerchen trüben. Um so mehr schleckerte sie von den auserlesenen Speisen, die Dressels berühmte Küche zeigten. Sie saß an der Brüstung, Frank gegenüber, und wenn sie aufblickte, gingen ihre Augen auf ihn, und immer mehr gefiel ihr sein frisches offenes Gesicht. Sein Witz riß sie hin und sie lachte, daß die Goldplomben sichtbar wurden. Und schließlich lachten alle und kamen zu der Ueberzeugung, einen vergnügten Abend zu verleben.

Frank mußte mit seiner Kasse rechnen und genoß den Wein wie eine teure Medizin; schließlich aber, hingerissen durch die Stimmung und immer wärmer geworden durch die Nähe Kornelias, die dicht neben ihm saß und deren Atem ihn selig erzittern machte, bestellte er sich einen neuen Schoppen von einer besseren Marke. Das erste Glas davon weihte er den Damen und sah Kornelia dabei so tief in die Augen, daß Wonneschauer sie durchfluteten und ihr aufs neue zum Bewußtsein kam: »Der oder keiner!«


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