55. GEBURTSTAG
Wien, 9. März 1914.
Peter Altenberg,
und ich muß Ihnen jetzt doch schreiben. Ich dachte: ist es nötig? Ja! Für mich! IchmußIhnen schreiben, nicht damit Sie vielleicht in einer Ihrer Sachen dann erwähnen: „Die und die schrieb mir...“ nein, sondern Sie, Sie sind derjenige, zu dem man sprechen,wirklichsprechen kann. Ich schreibe Ihnen nicht so, wie man Schriftstellern schreibt, sondern als einem von den furchtbar Wenigen, die wissen, was das bedeutet, wirklich ein Mensch sein wollen! Ich antworte ganz einfach aufall das, was Sie mir in Ihren Sachen gesagt haben. Dennmir—mirhaben Sie das alles gesagt — ja, es ist für alle andernauch, ich weiß — abereigentlichdoch nur für die, die esverstehen. Die fühlen: das gilt dir! Sie sagen einfach das, was man selbst schon hundertmal empfunden hat, vielleicht auch hat aussprechen wollen — und da steht es nun — ganz selbstverständlich, und man weiß, es ist dasRichtige, daseinzig Wahre, wie es ist — oder seinsollte.
Aber eines: woher — woher haben Sie diese Zuversicht, daß die Menschen, die Welt sich einmal ändern werden? Denn nötig wär’s schon... Sie sind über fünfzig, nicht wahr? Nun, ich bin neunzehn, aber ich bewundere Sie darum. Ja, vielleicht, wenn alle das einmal verstehen würden, was Sie sagen, undimmer wiedersagen — aberhörtdenn jemand zu? Ja,ichhöre — aber es müßten ja alle andern es auch! Dann vielleicht — — —! Aber was nutzt es, daß ich —nachdem ich Ihre Sachen gelesen habe, Sie für denLebenserhalterundLebensfördererhalte, und alle, denen ich es zeigen will, mich dafür auslachen? Herrgott, ich möchte ja allen sagen, daß es toternst gemeint ist, was Sie schreiben — und daß es sehr traurig ist,darüber zu lachen. Und ich möchte nur einen einzigen Menschen finden, mit dem ich über Sie sprechen kann, wie Sie wirklich sind. Ich glaube, ich könnte über Sie sprechen, wie über jemanden, den man lange und gut kennt,so genau sind Sie in dem drin, was Sie schreiben — nämlich das, was wertvoll ist an Ihnen. Sonst sind Sie vielleicht ein Hund!
Deshalb kann ich zu Ihnen so reden, als würden auch Sie mich kennen. Und ich bin gespannt, was Sie mir in Ihrem nächsten Buchzu sagen haben. Denn ich habe jetzt alle Ihre Sachen gelesen — und kann nichts tun als versuchen, das, was Sie darin sagen, was Sie raten, selbst zu erproben. Ich glaube fast, man brauchtdazu ein ganzes Leben— — —
Peter Altenberg, ich danke Ihnen. Sie haben mir das gegeben, was ich brauche: denGlauben, daßtrotzundtrotzallem die Menschen noch so werden können, wie Sie sie sehen. Und Sie sehen sie, freilich aber nach tausend Jahren!
Paula Schweitzer.