LYRIK

LYRIK

Ich habe eine falsche, ja sogar eineganz falscheAnsicht irgendwo gelesen über das Wesentliche deslyrischen Dichters. Das hat mich gekränkt. Dennerstens kränkt mich jedeunrichtigeAnsicht, zum Beispiel, wenn man sagt, das Eiweiß sei wertvoller als der Eidotter, oder Reis gebe keine Kraft, obzwar die Japaner damit Port Arthur doch eingenommen haben; und zweitens ist es ganz falsch, den lyrischen Dichter anders zu beurteilen als: einidealer Gipfel der Subjektivität, wodurchjedeseinerEinzelempfindungensich zugleicherhöhtzur EmpfindungsweiseallerHerzen, also sich zurObjektivitätsteigert oder sozusagen kristallisiert! Jeder unglücklich Liebende ist ein „Werther“,jedenicht erhörende anständige Frau ist eine „Lotte“. Und Goethe hat seinesubjektiveunglückliche Liebe zu Frau Lotte Buffsogeschildert, daß sie denEwigkeitswertfür allesubjektivunglücklich Liebenden undallesubjektiv einennichterhörendensogenanntenanständigen Frauen erhalten hat, also, item,objektivgeworden ist! Wer mirdagegenwiderspricht, ist — — einWiderspruchsgeist. Und die kann ich nicht ausstehen. Wenn ich die Bergalmen so schildere, daßjedersagt: „Ja, so ist sie, meiner Six, da gibt’s gar nix!“ dann bin ich ein subjektiv-objektiver Dichter der Bergalm, also a Lyriker.

WennmeineTräne von allenagnosziertwird alsihreTräne, wennmeinLächeln von allenagnosziertwird alsihrLächeln, wennmeineEifersuchtsqualen zugleich von allen alsihreEifersuchtsqualen gefühlt, gelitten werden, ich also nur dastönendeHerz aller,leider stummen, bin, indem ich essage, mitteile, hoffentlich aberohne Reim, so bin ich einlyrischer Dichter! Derlyrische Dichterunterscheidet sich von demlyrischen Menschenüberhauptnur dadurch, daß eraussagt, was jenerverschweigt! Diskretion inHerzenssachenist, wie Diskretion in sexuellen und in ökonomischen Sachen,immer nurein Zeichen, daß irgendwo irgend etwas irgendwie nicht ganz koscher ist und dasLicht des Alltageszu meiden hat! Der Dichter hatnichtszumeiden!


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