BRIEFWECHSEL ZWEIER FREUNDINNEN
Liebe Freundin, wir Frauen haben etwasGemeinsamesmit den Dichtern und Denkern — — — wir interessieren uns nämlich nicht fürLokalereignisseder Menschheit, sondern mehr für das Ganze! Unsere Schwärmereien gehen ins Große, der Frühling, die Berge, die Menschheit. Wir sind schwächliche Träumerinnen, folgen gerne ins Weite den Propheten und Heiligen, den Vorausschauern in eine lichtere Zukunft! Aber siehst du, manches Mal erwischt uns doch ein Lokalereignis bei einem Zipfel unserer Seele! Zum Beispiel jetzt, wenn ich so nachdenke in meinem Zimmer, weiß ich es genau, daß es in ganz Niederösterreich, Oberösterreich, Salzburg, Steiermark, Tirol kein Mädchen geben könne,unmöglich, die auf verwundete Helden siedendesÖlherabgießen könnte! Siekönntenes einfachnicht! Siehe,das alleinist Seelenkultur, etwas ganz Infames nicht leisten zukönnen, selbst wenn man es sogar,aufgestachelt, tun möchte! Es nicht tunkönnen, sogar gegen seine Leidenschaft! Nicht lügenkönnen, selbst wenn einem das Wasser bis an den Mund geht, einen zu ertränken! Nicht gemein seinkönnen, selbst wenn es eineNotwendigkeit wäre; nicht ausmoralischen Bedenken herausnichtunanständigsein können, sondern aus derGenialitätheraus einer mysteriösallesbesiegenden Naturheilkraft; da erst erweist sich dieEdelrassigkeitoder dieSchäbigkeit! Wirkönnten keinsiedendes Öl herabgießen! Nein,daskönnten wir nicht,Gott sei Dank!
Deine Paula Sch.