WERTHERS LEIDEN

WERTHERS LEIDEN

Siehe, man wird milde und verständnisvoller!

Habe mit 55 Jahren „Die Leiden des jungen Werther“ wieder gelesen. Verstehe absolut nicht mehr diese Talmisentimentalität undreelle Verlogenheitdieser Lotte Kestner gegenüber und ihrem Gatten Herrn Albert, diesem Biederen, die man einstverehrte. Beideweiden sich doch gleichsaman der mysteriösen Wirkung, die dieseanständige Gansauf das zarte Dichtergemüt diesesherrlichenunglückseligen Werther ausübt, ja,beziehendavon sogar vielleicht einen Teil ihreseigenen Lebensglückes! „Mir zwa g’hören halt einmal zusammen, etsch!“ Albert müßte alswirklichanständiger Mensch, der ein Philister eben nie ist, nie seinkann, der Lotte sagen: „Mein liebes Kind, dieserEdelmenschistkrankan dir, erhöre ihn eineinziges Mal, und entlasse ihn dann gnädig, daß er dieEdellastseiner armen gequälten Seele wenigstens weiter ertragen könne durch dieewigeErinnerung an eine Glückseligkeit, dieich tausendmalhabe durchSchicksals unverdiente Gnade!“

Und Lotte ihrerseits müßte es von selbst sagen: „Werther, du bistan mirkrank, undichsollte, im Gegensatze zu jedemfremden Arzte, derfür nichtsseine ganze Kunst jedesmal aufbietet, irgendeinen gleichgültigen Fremden zu heilen, dichvor mirdahinsiechen lassen und trotzdemkeine Hand rühren?! Da müßte ich mich ja als einefeige Mörderinvor mir selbst schämen!“

Aber es geht ebenandersaus, und alle Hypokriten sind gerührt.Ich nicht!

LotteundHerr Albert,euerschmales mageres Eheglück wiegt nicht auf eineeinzige QualstundeWerthers!

Dös merkt’s euch, ihr Herrschaften, die sichanständig dünken, weil’ska Herz habts! Außer fürihrG’schäft, das sieuntereinandermachen! Aber wirklichuntereinander!


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