Der Brückenwirth zu Abelsberg.
Der Brückenwirth zu Abelsberg war ein etwas heruntergekommener Mann; nicht sowohl weil er früher oben auf der Hirschau das große Bauerngut besessen hatte und jetzt herunten an der Brücke Haus hielt, als vielmehr weil das Hirschengut voll Reichthum gewesen war, während das Brückenwirthshaus halb im Wasser und ganz in Schulden stak.
Das Wasser thut’s freilich nicht, würde Martin Luther gesagt haben. Ich bin nicht so gelehrt, wie der Martin Luther, sage aber kühnlich: Der Wein thut’s auch nicht immer. Der Brückenwirth hatte Wein, ja sogar sehr viel Wein getrunken, aber für ihn lag im Weine nicht die Wahrheit, sondern die Armuth.
Herabgekommen, blutarm, voll von Schulden, Saufaus! das waren so die Bezeichnungen, unter denen der Brückenwirth schmachtete. Ja, schmachtete! Wie konnte er so viele Schulden haben? Seit er den Hirschenhof verkauft und das Wirthshaus gepachtet hatte, wollte ihm kein Mensch was borgen. Ihm fehlte nur Eins, um ein wohlhabender Mann zu sein — der Credit.
Der Kaufmann in Abelsberg hatte kein anderes Capital, als den Credit, aber der betrieb sein großes weitverzweigtes Geschäft, das trug ihm Zinsen und er war ein reicher Mann, eine Stütze der Gemeinde, ein Förderer der Künste, ein Weltmann, der lebte und leben ließ. Der Brückenwirth wußte, daß er um keinen Heller weniger besaß, als der reiche Kaufmann, daß er aber trotzdem ein Bettler war. Solches legte er sich so nahe an’s Herz, daß er vor Schwermuth in eine harte Krankheit verfiel.
Dem Arzte vertraute er’s, daß die Welt doch schön sei, und daß er nichts so ungern thue, als sterben. Der Arzt versetzte, er solle daran nicht denken, er, der Doktor, wolle seine Schuldigkeit schon thun.
Aber der Nachbar war da, der ließ bei dem Kranken anfragen, welche Sorge er — der Brückenwirth — getroffen hätte, daß er — der Nachbar — zu seinem letzt’halbjährigen Pacht käme.
„Ich habe für Alle Sorge getragen,“ sagte der Brückenwirth mit schwacher Stimme, „wenn ich nur nicht Alles, aber gar Alles auf die letzte Stunde verschoben hätt’! — Ist er denn nicht da?“
„Wer?“ fragten ihn die Anwesenden.
„Der Notar. Den Notar will ich da haben. Und daß er Tinte und Feder mitbringt.“
Der letzte Wille also! Der Notar läßt nicht auf sich warten, und Tinte und Feder hat der Mann immer im Sack. Zeugen lassen sich auch finden; ganz Abelsberg wollte dabei sein, um zu hören, was denn der Brückenwirth für eine Hinterlassenschaft haben werde.
„Seine Schulden verschreibt er den Gläubigern,“ hieß es.
„Nur seine Gurgel möchte ich haben, die ist an ihm das Beste,“ rief ein Spaßvogel. Dieweilen machte drinnen in der Krankenstube der Brückenwirth sein Testament.
„Hätt’s lieber auch verkaufen sollen, die Liegenschaften von meinem seligen Weib,“ sagte er, „die Wirthschaft ist unter fremden Händen nicht besser geworden; alle Jahr’ einmal hinreisen, das ist zu wenig gewesen. — Nu, in Gott’snam’. Was da ist, das will ich redlich verwenden. Kinder sind keine. Sind um und um keine da. So, jetzt thu’s der Herr aufschreiben.“
Die Feder war schon lange naß gewesen.
„Die Neudorfer,“ hub der Kranke an, „die haben jetzt drei Kirchenglocken; so wollen die Abelsberger viere haben. Die vierte soll angeschafft werden. Nachher — das auch aufschreiben: Beim hintern Altar — der heiligen Magdalena thut ein frischer Anstrich noth, hat schon so viel abgefärbt, letzt’ Zeit her. — Das Schulhaus braucht ein neues Dach. Für’s Armeleuthaus will ich — daß tausend Gulden kommen sollen. Und extra eine Stiftung von wieder tausend Gulden für arme Waisenkinder aufschreiben. — Nix danken, Leut’, nix danken. Wer’s hat, der kann’s ja wohl geben, und um so lieber, wenn er fort muß von dieser Welt, und er sich den Himmel kann kaufen. — Aufgeschrieben ist’s? Nachher wär’s so weit richtig. Und — wenn sie mich auf die Bank legen, so thut’s suchen im Bettstroh....“
Er war erschöpft und schwieg. Sofort verbreitete es sich in Abelsberg und der Ortsschneider rannte von Haus zu Haus und verkündete es frohlockend: „Der Bruckenwirth — wer hätt’ sich das vorgestellt! Viertausend Gulden im Sommer (er wollte wegen Neigung zum reinen Hochdeutschen nicht sagen: in Summa) hat er zu wohlthätigen Zwecken vermacht! Ja Leut’, bei Dem seiner Leich’ müssen die Abelsberger was thun. Der große Conduct mit Musik! Nur jammerschad’, daß wir die vierte Glocke nit schon haben; aber wollen ja nichts auslassen, so geizige Leut’, ehvor sie hin sind.“ Er hielt inne, war selbst erschrocken über die Wendung seines Gedankenganges. Und die Abelsberger trafen vielseitige Vorbereitungen zu einem prachtvollen Begräbniß. Windlichter! Flor! Die Weiber flochten an Kränzen; der Schulmeister zeichnete ein Grabmal mit der Aufschrift:
„Dem großen Wohlthäter der Gemein’Herrn Hans Michel SchergerWidmen diesen SteinDie dankbaren Abelsberger.“
„Dem großen Wohlthäter der Gemein’Herrn Hans Michel SchergerWidmen diesen SteinDie dankbaren Abelsberger.“
„Dem großen Wohlthäter der Gemein’Herrn Hans Michel SchergerWidmen diesen SteinDie dankbaren Abelsberger.“
„Dem großen Wohlthäter der Gemein’
Herrn Hans Michel Scherger
Widmen diesen Stein
Die dankbaren Abelsberger.“
„Wenn er nur stirbt!“ bemerkte der Schuster Ferdl bedenklich.
In demselben Augenblicke klang die Glocke auf dem Thurme.
„Verschieden!“ murmelte der Schneider und zog wehmuthsvoll seine Haube vom Kopfe.
Es war aber nur die Eilfglocke, welche die Abelsberger alltäglich um die Mittagszeit zum Essen rief.
Der Brückenwirth lebte noch; lebte sogar am Abende noch. In derselben Nacht ließ die Schusterin ihre Hausthür offen; sie war die „Leichanlegerin“ von Abelsberg. Aber siewurde nicht geholt. Der Doctor war die ganze Nacht bei dem Kranken geblieben; trotzdem fühlte sich der Brückenwirth am nächsten Morgen besser.
Und nach vierzehn Tagen war er gesund.
Jetzt gaben sich die Leute die Thür in die Hand, um den Genesenen zu beglückwünschen; und Jeder versicherte, es wäre ihm so viel unendlich hart gewesen, dieweilen der Herr Scherger auf dem Krankenbett gelegen, und Mancher gestand, er hätte gar heimlich eine heilige Mess’ gezahlt auf die gute Meinung, daß halt die Krankheit nicht übel ausgehen sollt’, na, und weil Ein’s das nicht mitansehen kunnt, wenn der best’ Mensch von der ganzen Gemein’ hinaus auf den Friedhof getragen werden thät.
„Das habe ich gar nicht gewußt, daß mich die Abelsberger gleichwohl so viel gern haben,“ sagte der Brückenwirth. Aber jetzt erfuhr er’s mit tausend Freuden, wie gut es ihm die Leute meinten, wie sie ihm beisprangen in Allem mit Rath und That. Das Brückenwirthshaus war nun stets besucht, der Wirth geehrt. Bei der nächsten Wahl wurde er Gemeinderath. Da das Geschäft besser ging, so zahlte er allmählich seine Schulden. Die Gläubiger wollten das Geld kaum nehmen: sie wüßten es nirgends so gut aufgehoben als beim Brückenwirth.
Oft bei verschlossenen Thüren las der Wirth sein Testament. — Na, es war ja recht: wenn die Abelsberger eine vierte Kirchenglocke haben wollen, so soll eine angeschafft werden; der Magdalena thut ein Anstrich noth; es schaut schon gar überall das Holz aus ihr hervor. Das Schulhaus braucht ein neues Dach — es ist ja wahr! und wer wollte nicht, daß das Armenhaus tausend Gulden bekäme und so auch die armen Waisenkinder? Wer’s hat, der kann’s geben.Suchen mögen sie, wenn er auf der Bank liegt, suchen im Bettstroh....
Gefunden hätten sie freilich nichts.
Aber jetzt, wenn er stirbt, werden sie auch was finden. Der Credit war durch das Testament hergestellt und dasselbe Testament hat heute, wenn der Herr Hans Michel Scherger mit Tod abgeht, volle Inhaltlichkeit und Rechtskraft. Die vierte Glocke hängt schon heute auf dem Thurm; sie läutet Manchem zum Verscheiden, aber der Brückenwirth lebt und ihr Klang verkündet immer wieder neu seinen Credit.