Chapter 23

Der Schulmeister von Abelsberg.

War ein revolutionärer Geist, der alte Schulmeister von Abelsberg. Wie die Welt war, so gefiel sie ihm nicht, und wie sie ihm gefallen mochte, so war sie nicht. Und das that in seinem Herzen bitterlich graben. Gegen die Schulkinder hatte er nichts, die waren ihm nur der etwas unfruchtbare Acker, aus dem sein saures Brot erwuchs. Im Schweiße seines Angesichtes bearbeitete er die spröden Furchen der Schulbankreihen mit dem Spaten seines Linealscheites, und jätete Unkraut und säete Weizen — zumeist taube Körner, die keine Keimkraft hatten. In Gottes Namen!

Aber die Eltern von den Kindern. Da stak’s! Schickten sie dem Schulmeister Brot, so wollte er Würste, und gaben sie Würste, so verlangte er Schinken. Und bekam er Schinken, so sagte er, es wäre eine Schande, daß man ihm nicht auch den Krenn dazu reichte. Oftmals kriegte er aber gerade den Krenn allein, wenn ihm Einer oder der Andere derb die Meinung sagte.

Der Herr Pfarrer war ihm auch nicht recht. Beim Altar war er ihm zu still, da konnte der Schulmeister nicht respondiren. Bei der Predigt war er ihm zu laut, denn der alte Herr predigte häufig von den Tugenden der Sanftmuth und Genügsamkeit, und wenn er Beispiele dieser Tugenden anführte, so deutete er nie gegen das Chor, wo der Schulmeister stand. Auf den Amtmann hatte er eine besondere Galle. Der gewann beim Kartenspielen dem Schulmeister das Geld ab und hielt sich für seine Kinder einen Hauslehrer. Wer wird den Hauslehrer nur zahlen? Der Amtmann nicht, die Gemeinde wird ihn zahlen. Das ist eine Schmarotzerei, so ein Amtmann muß fallen. Freilich paßt Keiner besser für das Abelsberg-Schildburg, als dieser Herr, dem wider Willen schon allerlei Abelsberger Stückeln gelungen waren. Gescheite Amtmänner giebt’s anderwärtig; der hiesige ist ein abgedankter Feldwebel. Schon gut.

Den finstersten Ingrimm aber hegte der Schulmeister gegen den Gutsherrn, der im Winter zwar in der Residenz lebte, im Sommer aber auf Hoch-Abelsberg wohnte und sich zu allerlei Gelegenheiten mit Volksaufzug und Blumensträußen und Kranzmädchen feiern ließ, als wie ein Herrgott. Was hat der hohe Herr im alten Schloß den Pfarrer und den Amtmann zu Tische zu laden, zu seinen Jagden, Scheibenschießen und anderen Festlichkeiten zu ziehen, wenn der Schulmeister daheim bleiben muß! Soll der Lehrer des Volkes denn ewig am Hungertuche nagen? Will man den Unterricht unterdrücken, damit sich die Dummheit und die Gewalt um so breiter machen kann? Wohlan! Es kommt eine andere Zeit! Die Großen wird man von ihrer Höhe stürzen...! — Darum sagte ich: ein revolutionärer Geist. Und so kam es, daß der Schulmeister etwas mißliebig war bei den Leuten.

Und eines Tages im Winterfasching, als der Schulmeister eben die Geige von der Wand nahm, um damit im Wirthshause bei einer Freimusik aufzuspielen und sich so ein paar Groschen für die Fastnacht zusammenzufiedeln — ging die Thüre auf. Der besäbelte Gemeindediener und der befrackte Amtmann traten herein, und Letzterer bedeutete dem Schulmeister, daß heute das Geburtsfest des hochgebornen, wohledlen und gestrengen Gutsherrn wäre.

„Ist vielleicht gar das Musiciren verpönt?“ fragte der Schulmeister bissig.

„Keineswegs,“ antwortete der Amtmann, „doch zeigen wir Euch an, daß Ihr laut hohen Auftrags hiermit verhaftet seid!“

„Wer? Ich? Ich, der Schullehrer, verhaftet?! Mein Herr!“

Es gab eine Scene. Während sich im Städtchen Alles auf das Fest rüstete, wurde der Schulmeister in den Gemeinde-Arrest von Abelsberg gethan. Dort saß er eine Woche lang, saß in der Fastnacht, saß am Aschermittwoch.

Und als die Schule wieder beginnen sollte, wußte sich der Amtmann nicht zu helfen; er schrieb an den Gutsherrn in die Residenz:

„Wohledler, gestrenger und gnädigster Herr! Unterzeichnete Behörde untersteht sich unterthänigst anzufragen, was mit dem Schulmeister, an welchem der gnädigste Befehl vollzogen worden, weiters zu geschehen habe. In devotester Ehrerbietung das Amt Abelsberg.“

„Wohledler, gestrenger und gnädigster Herr! Unterzeichnete Behörde untersteht sich unterthänigst anzufragen, was mit dem Schulmeister, an welchem der gnädigste Befehl vollzogen worden, weiters zu geschehen habe. In devotester Ehrerbietung das Amt Abelsberg.“

Der Gutsherr schrieb nach einiger Zeit zurück: „Was für ein Schulmeister und was für ein Befehl? Ich weiß nichts. Unterzeichnet

L. L. von S.“

Darauf schrieb das Amt in Abelsberg: „Hochgeborner, gnädigster Herr! In Anbetracht des Auftrages, welchen Hochdieselben zu dero feierlichem Geburtsfeste zu geben geruhten und welcher dahin lautete, den Schulmeister einzuschließen, rapportirt ein Gefertigtes dienstschuldigst, daß besagter Auftrag respectirt und ausgeführt worden ist und Delinquent sich bis dato in Gewahrsam befindet. In ehrfurchtsvollster Erniedrigung

Amt Abelsberg.“

Hierauf ein umgehendes Schreiben vom Gutsherrn:

„Amtmann, Ihr seid ein Esel. Laßt Euch Schreiben Nr. I erklären.L. L. von S.“

„Amtmann, Ihr seid ein Esel. Laßt Euch Schreiben Nr. I erklären.

L. L. von S.“

Deß war der Herr Amtmann etwas indignirt. Er besprach sich mit seinem Schreiber und Beide kamen endlich darin überein, daß das Geschätzte Nr. I vom gestrengen Herrn in Sachen des Geburtsfestes mißverstanden worden sei. Dasselbe lautete wörtlich:

„Komm diesmal nicht nach Abelsberg, wünsche aber, daß das Fest wie gewöhnlich und mit Einschluß des Schulmeisters gefeiert werde.L. L. von S.“

„Komm diesmal nicht nach Abelsberg, wünsche aber, daß das Fest wie gewöhnlich und mit Einschluß des Schulmeisters gefeiert werde.

L. L. von S.“

Der Schreiber vermuthete, daß der gnädige Herr etwa könne gemeint haben, mit in’s Fest und zum Festessen solle man den Schulmeister, der ja sonst seiner Widerhaarigkeit wegen oftmals umgangen wurde, einschließen, und nicht in den Gemeindekotter.

„Ja!“ machte der Amtmann die Achsel zuckend, „mit mir muß man ohne Umschweife reden, ich kenne keine Zweideutigkeit.“

Noch an demselben Tage wurde der Schulmeister auf freien Fuß gesetzt, jedoch mit dem strengen Bedeuten, in Zukunft sich besser zu hüten!

Der Schulmeister war überzeugt, daß ihn seine aufrührerische Gesinnung in das Gefängniß gebracht habe und befliß sich, fürder sanftmüthiger zu sein.


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