Chapter 29

Ein Abelsberger auf dem Vesuv.

Thomas Treibaus ist ein ehrsamer Viehhändler aus Abelsberg. Er hat sein Lebtag viele Ochsen gemästet und ist auch selbst dabei fett geworden. Indeß ließ er sich nicht bethören von den Reichthümern und Rindern dieser Erde, sein Sinn stand nach Höherem. So hoch seine Ochsen auch die Hörner tragen mochten, wenn sie vor dem vollen Barren standen, so hoch die Kälber auch ihre kleinen Schweife schwangen, wenn sie lustig und flink über die Wiese hüpften — sein Sinn stand höher.

Da hatte er einmal — es war zur goldenen Zeit, als er, ein Knabe noch, die Kuheuter auf der Weide aussaugte, wenn ihm sein Dienstherr zur Strafe für unachtsames Hüten das Mittagmahl vorenthielt — hatte er also einmal durch einen alten Hausirer die Sage von dem feuerspeienden Berge[1]gehört. Und diese Sage hat einen Funken geworfen in sein Gemüth, hat — so zu sagen — sein bißchen schlummerndes Ideal entzündet, und das glühte und brannte nun Jahre und Jahre in den Tiefen seines Herzens, doch ohne daß es Lava spie.

Nebstbei, daß Thomas Treibaus Kälber trieb, Kühe handelte und Ochsen mästete, ging das Dichten und Trachten seiner sehnenden Seele dahin, einmal den feuerspeienden Berg zu sehen und — Ehre seinem Mannesmuthe! — zu besteigen.

Und das sollte der Glanz- und Höhepunkt seines vielbedeutenden Lebens sein, das sollte ihm Ruhm sein im Lande und für späte Zeiten.

Thomas hatte schon Bilder gesehen von dem berühmten Berg, und Guckkastenmänner kamen zu Zeiten in die Gegend,die hatten das Ungeheuer in einem Kästlein, ganz wie es leibte und lebte und spie. Dieser Berg mit seinem glühenden Rachen ist nicht wie der allfort funkensprühende Schornstein der Schmiede im Thale, nicht wie ein wildausbrechender Kohlenmeiler! Dieser Berg ist der Hölle Thor und Schlot; wenn der Teufel eine arme Seele holt, so flattert er mit seinen ungeheueren, kohlschwarzen Fledermausflügeln da hinein! — Das weckte Treibaus’ Sehnsucht erst auf, denn was ein rechter Viehhändler ist, darf sich vor Hölle und Teufel nicht fürchten.

Und als nach und nach die gute Zeit gekommen war, da sein Bäuchlein groß, seine Aeuglein klein, sein Näschen roth und sein Beutel schwer geworden, da gedieh sein Lebenswunsch: „weit und tief in’s Wälschland hinein!“ zur Reife. Als er hierauf, dem Ideale zuwallend, durch Tirol kam und durch die Lombardei, war es zum erstenmal, daß er die Leute nicht gut verstand. Auf der ganzen Reise interessirte ihn nichts, als der schiefe Thurm zu Pisa, vor dem er drei Stunden lang mit offenem Munde stand, und diefontana treviin Rom, wo versteinerte Ungeheuer zwar nicht Feuer, aber Wasser spieen.

Dann zog er tiefer nach Süden. Er fühlte es wohl, wie es von Tag zu Tag heißer wurde, er nahte — dem feuerspeienden Berge.

Weiteres ist von dem Vorleben des wackeren Thomas Treibaus nicht bekannt. —

Als ich an einem Septemberabende 1872 am Hafen von Neapel auf und ab schlenderte, um mir das seltsame Treiben dieses merkwürdigen Volkes zu betrachten, sah ich einen wohlbeleibten, aber behenden Mann in Knielederhose und grünberandeter Lodenjacke mit einem Cicerone lebhafte Gestenmachen. Ich sah so von Weitem hin, ich sah, wie der Mann keck die Füße auseinander stemmte und mit den Händen zuweilen auf sein wohlgepflegtes Bäuchlein schlug. Trotz des unabsehbar breiten Strohhutes, der das völlig kreisrunde Gesicht des Mannes halb bedeckte, und trotz der nackten Waden über den hohen Bundschuhen, sagte ich nachdrücklich zu mir selbst: „Ich will doch ein Lump sein, wenn das nicht ein Abelsberger Viehhändler ist!“

Ich lauerte noch ein wenig. Da hub er behäbig an, seine Aermel zu zerren, zog den Rock aus, daß er in seinen weiten Hemdärmeln, mit seiner schwarzen Weste, die eine Reihe mächtiger Silberknöpfe und eine schwere, thalerbehangene Uhrkette trug, und mit einem breiten, weiß ausgenähten Ledergurte dastand. Nun war für mich kein Zweifel mehr — ein Landsmann. — Zu allem Ueberflusse hörte ich ihn noch brummen: „A Viehhitz’ das, und bis in die spat Nacht eini!“ Darauf sehr laut und immer mit den Händen fuchtelnd zum braunen, verschmitzt lächelnden Italiener: „Na, so versteht’s denn wahrhafti nit Deutsch? Auffi, da auffi möcht’ ih!“ Er deutete gegen den Vesuv, über dessen Spitze ein leichter Rauch zog. Ein Redeschwall brach los aus dem Munde des Cicerone, aber ein wälscher Redeschwall; und mein Landsmann schüttelte das Haupt und wollte weiter trippeln.

Da rief ich, auf ihn zueilend: „Vetter, grüß Gott!“

Zuerst war er einen Augenblick verdutzt, dann aber schrie er, die Hände ausbreitend: „Jessas, Jessas, das — ja, das ist ja wieder einmal an ordentlicher Mensch — a Landsmann! — Freili, freili — na, ih trau mir’s z’sagen: o fett’s Paar Ochsen kunnt mir die Freud’ nit machen! — Grüß Ihna Gott! Sag’n S’, Landsmann, sein S’ a z’weg’n dem da kemma?“ Er deutete gegen den Vesuv.

Das war das Finden und Binden — er schwur mir ewige Freundschaft. Wir gingen in eine Osterie, dort erzählte er mir seine Lebensgeschichte und sein höheres Streben nach dem feuerspeienden Berg, wie er sich wundere, daß dieser weltberühmte Berg grün und grau wie alle anderen Berge still dastehe, nicht ringsum glühe und kaum ein Rauchwölklein habe — wie es sich schier nicht des weiten Weges lohne, wie er den Berg aber trotz alledem morgen mit dem Frühesten zu besteigen gedenke.

Ich hatte auch dieselbe Absicht, und so beschlossen wir, zusammen die Partie auf den Vesuv zu machen.

Ich habe nie noch einen glücklicheren Menschen gesehen, als meinen Viehhändler an demselben Abend.

„Heut’ zahl’ ich Alles!“ rief er wiederholt, seine schweren Fäuste mit den Hemdärmeln auf den Tisch schlagend; und wie sein Antlitz so lachte und leuchtete, da war es Vollmond in der Weinstube.

Am andern Morgen — es lag noch Finsterniß über den Wassern — war es meines neuen Reisegefährten Erstes, daß er mir zeigte, wie er seinen rothen Regen- und Sonnenschirm praktisch zu einem Bergstock eingerichtet habe. Dann sagte er ernst und ergriffen: „Also heute! Heute! Und das Paraplui da heb’ ich mir auf zum ewigen Andenken!“ Der gute Mann fühlte sich verpflichtet, angesichts seines großen Zieles möglichst hochdeutsch zu sprechen.

Wir fuhren bis zum nächsten Städtchen Resina. Dort nahmen wir zwei graue Esel und einen braunen Führer und begannen die Wanderung aufwärts.

„Vor Banditen fürcht’ ich mich gar nicht, gelt?“ sagte Thomas, als er so neben mir auf dem Esel wackelte. Er wollte fragen, ob er wohl Recht habe, daß er sich nicht fürchtete.

„Und wenn Einer kommt, meiner Seel’, ich schlag’ zu!“ er hob seinen Regenschirm, setzte aber beruhigt bei: „Na, so leicht kann nichts geschehen, es sind unser Fünfe.“

Mein Esel warf ihm einen dankbaren Blick zu.

Wir ritten zwischen berankten Gartenmauern hin und durch ein Wäldchen von Obstbäumen und an Weingärten entlang. Der Morgen graute und die schwarze Masse des Berges vor uns stach deutlicher von dem Himmel ab. Wir bogen nördlich und sahen hinaus über das Meer, auf welchem in der Dämmerung wie vor der Schöpfung Nebel und Wasser noch nicht gesondert schien. Da kamen wir über braune, schrollige Lavaströme — hier stieg mein Thomas zum erstenmale ab, befühlte den rauhen, schründigen Boden und schüttelte den Kopf.

„Wie könnten das schön fruchtbare Auen sein,“ sagte ich, „aber der Vesuv!“

„Ueberhaupt,“ entgegnete mein Landsmann, „das italienisch Land ist nicht das, was der Leut’ Reden daraus macht. Was, südlicher Himmel! Der ist auf unseren Bergen just so blau und rein! Die Sonne hier scheint gar nicht heller, aber heißer wie daheim, und das — halt, Eselein, schmeiß mich nicht ab! ’s ist aber auch ein verdrumpfter Weg in diesem italienischen Paradies, ’s giebt überall so viel Steine, wie bei uns daheim, und Heiden und Sümpfe und Nebel. Wein wär’ schon recht, wenn er nicht warm wär’; die Feigen wären süß, wenn man sich damit nicht den Magen verderben thät. Und sonst auch, im Brot ist kein Salz, in der Suppe kein Schmalz, und Knödel ist schon gar keins zu sehen. Jetzt, frag’ ich, was ist das für ein Land?“

Mein Thomas war bei diesen Worten so böse geworden, daß er seinem Esel Eins in die Weichen gab.

„Und doch,“ versetzte ich seiner Rede, „soll Italien das Wunderland sein, wo ein offenes Herz und ein offener Sinn auch das schönste Ideal durch eine noch schönere Wirklichkeit übertroffen findet.“

In diesem Augenblick strauchelte mein Esel, daß ich schier über die Lavaschollen gepurzelt wäre, und das Gespräch war unterbrochen.

Es war licht geworden, unten reihten sich Städte an Ruinen, Landhäuser an Mauertrümmer, Gärten an Schuttlehnen. Das Meer lag in matter Bläue, dort und da ein weißes Segel, wie ein vom Himmel gefallenes Sternchen. Ueber Neapel zog sich ein Nebelstreifen weit hinaus auf die hohe See.

Als wir zur Einsiedelei kamen, hätte mein Thomas für sein Leben gern den Einsiedler gesehen. Aber der Gute hatte sich wahrscheinlich des Abends zuvor zu lange kasteit, und so ruhte er nun noch in den Fed—, das heißt auf der härenen Decke.

Im Wirthshause des Observatoriums angelangt, genossen wir Wein und Trauben und unser Führer erzählte uns von den Zerstörungen, welche der letzte Ausbruch des Vesuv in der Umgegend angerichtet hatte. Unter den zahlreichen Verunglückten war auch sein Bruder, welcher auf der Wallfahrt nach St. Giuseppe von dem Unheil erreicht wurde.

„Und Vieher sind doch keine zu Grunde gegangen?“ fragte Treibaus theilnehmend. Zum Glücke hatte ihn der Bursche nicht verstanden.

Die Esel ließen wir beim Observatorium. Der Führer begann seine mitgetragenen Stricke in Bereitschaft zu halten, und es kam eine äußerst schwierige Fußwanderung den Kegel hinan. Glatt und schroffig und schründig ist die Lava, unddann wieder wollen die Füße versinken in schwarzen Aschenstaub. Wir waren auf der Nordwestseite, folglich im Schatten, obwohl die ganze herrliche Gegend unten lange schon im reinen Sonnenlichte lag. Der Himmel war tiefblau, aber je näher wir der Höhe kamen, desto mehr umhüllte ihn eine dunstige, röthliche Atmosphäre und wir rochen Schwefel. Wir sahen, wie der Rauch da oben emporqualmte, wie er immer röther und glühender wurde, und wie — „Jesus Maria!“ rief Thomas, „g’rad’ jetzt hebt er an zu speien!“ und wollte abwärts eilen.

Der Sonnenball stieg empor just über dem Krater durch den wirbelnden Rauch, roth und sprühend, wie ein Klumpen Gluth. Der Führer drängte, half uns weiter und bald waren wir zu Rande. Zu Rande an den Kratern, den dampfenden Schründen und Klüften, bunt in hellen Farben, wie Salamander, tief dröhnend zuweilen, grollend, ächzend, wie ein Leidenschaftskampf im Herzen, wie ein böses Gewissen — der feuerspeiende Berg, der Hölle Thor und Schlot.

Mein erschreckter Blick wendete sich zurück zu dem milden, sonnigen Lächeln der Welt. Nun lag Neapels glitzernder Halbmond in Reinheit da. Rückwärts die grüne, mit Städten und Villen besäete Ebene von Casoria; dann zogen sich hin die milden, sammtähnlichen Höhen von Camaldoli, die schroffen Berge der Inseln Procida und Ischia — dann die unabsehbare Meeresweite, an Bläue und Klarheit wetteifernd mit dem Himmel. O, das Meer mit seinem zarten Sonnengefunkel in den Wellen, mit dem lieblichen Spiel der winzigen Segel und Masten, mit seinem Horizont, so weit und unerreicht, den nur die Sehnsucht mißt!

Weiter links die dunkeln Berge von Capri und die lichten Felswände von Sorento, und der dämmerige Gebirgszug des Monte Albino, und das liebliche Sarnothal mit der röthlichen Trümmerstätte Pompejis.

Uns gegenüber aber, im Nordosten, ragen in einem wilden Halbkessel die kahlen, todten Wände des eingestürzten Kraters Somma, eine Ruine der Hölle, — und in weiter Ferne die Höhen des Monte Matese und Vergine.

Mein Landsmann sah durch unser Fernrohr eine Weile unverwandt in die Ebene hinab und machte dabei ein äußerst vergnügtes Gesicht. „Recht weichleibig,“ murmelte er, „ganz semmelfärbig, man meint, es müßt Mürzthaler Race sein!“

Eine Heerde Rinder entzückte ihn.

Ich nahm ihn am Arm und führte ihn unter Leitung des Cicerone in den Wildnissen der Vesuvkrone umher.

Man kann nicht hingehen und hinabgucken in den Krater, wie in eine Krautgrube; Hitze, Schwefeldampf und Rauch drohen den Kühnen zu ersticken. Da dampfende Schründe, heiße Lavaklöße und Schollen; dort hat sich die Erde gespalten und Gluthschein röthet die Wände, aber wuchtige Blöcke sind darüber hingeworfen. Und wer sich darüber hinwagt zum Krater, und Rauch und Dunst lassen ihn einen Blick hinabthun, der prallt bleichen Gesichts zurück und stammelt: „Der Mensch versuche die Götter nicht!“ Schroff stürzen die schwarzen oder buntfarbigen, schründigen Wände nach innen ab und der Trichter theilt sich unter phantastischen Gebilden in mehrere Krater, deren unergründliche Tiefen nicht einmal den Ton zurückgeben von einem Stein, den man in sie schleudert. Freilich ist da unten ein ewiges Dröhnen und Donnern, oft wild, wie das Knurren des Löwen, dann wieder bang und schwer, wie das Röcheln eines Sterbenden.

Aus allen Spalten und Klüften dringt der Rauch. Dort in der Schramme sehe ich gar helle Lava glühen; sehe ichdie Essen der Cyklopen und höre ich ihr Pochen auf dem Amboß der Urgefelse? — Wie tief und gewaltig, Du schrecklicher Hephästos, ist Deine Werkstatt!

Ein mächtiges Donnern — der Führer riß uns mit großen Schritten zurück. Da zitterte unter uns der Boden und Asche und Steine flogen aus den Schlünden.

„Geht’s weiter, ist das eine schauderhafte Sach’!“ sagte Thomas kleinlaut, „jetzt fahr’ ich gleich wieder ab.“

Doch der Führer hielt ihn zurück, zog ein paar Eier aus der Tasche, legte sie in eine Spalte, und reichte sie uns nach ein paar Minuten hartgesotten als Gabelfrühstück. Das brachte meinem Landsmann wieder das Selbstvertrauen. Eier am Herde des Vesuv gekocht hat man nicht zu jeder Vormittagsjause! Die Schalen that er sorglich in ein Papier und steckte sie in die Tasche — zum ewigen Andenken.

Bald darauf machten wir die Entdeckung, daß unsere Schuhsohlen verkohlt waren. „Schau, schau,“ sagte Thomas, „das wundert mich, die meinen sind vom Pinzgauerschlag.“ In seinen rothen Regenschirm hatte ein glühendes Aschenstäubchen ein Loch gefressen. „Bravo!“ rief Thomas aus, „auch das ist ein Andenken an den feuerspeienden Berg für meine Kinder und Kindeskinder!“

„Ah,“ entgegnete ich, „das hat mir der Vetter gar nicht erzählt, daß er verheiratet —“

„Je nu, das heißt“ — er trocknete sich den Schweiß von dem Vollmond — „na, das ist schon eine barbarische Hitz, da heroben!“ Von seiner Familie weiter keine Rede mehr.

Ich hätte den Führer und meinen guten Landsmann zur Rückkehr schier am liebsten vorausziehen lassen, um mich allein auf einen Lavablock zu setzen und am Brandopferaltar der Natur Gottes Herrlichkeit in stiller Seele zu feiern.

Da kam mein Gefährte: „Na, Sie, versetzen thu’ ich Ihna nit!“ Und noch volksthümlicher: „Hiazt hab’n ma’s g’seh’n, und hiazt geh’n ma hoam.“

Ich glaube, er hat es buchstäblich ausgeführt und ist von Neapel geradewegs in sein Abelsberg gefahren, um dort durch seine Eierschalen und den verbrannten Regenschirm beredtes Zeugniß zu geben von dem „feuerspeienden Berg“ und als kühner Besteiger desselben unvergänglichen Ruhm zu ernten.

[1]So wird im Volksmund der Vesuv genannt.

[1]So wird im Volksmund der Vesuv genannt.

[1]So wird im Volksmund der Vesuv genannt.


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