Wie Abelsberg bekehrt worden ist.
Sie ist ja allbekannt, die Predigt von Pater Abraham a Santa Clara, in welcher er von der Sünderin Magdalena sprach. „Und auch unter meinen Zuhörern sitzt eine solche Magdalena! Wollt Ihr’s wissen, welche? Dort! Paßt auf, ich werfe dieses mein Buch nach dem Haupte der Sünderin!“ Er hob zum Wurfe aus; alle weiblichen Zuhörer,alleduckten die Köpfe. — „Was?“ rief der Prediger, „ich hab’ geglaubt, es wäre nur Eine dabei!“
Und ein andermal: „Die Jungfrauen der Wienerstadt all’: auf einem Schubkarren getraue ich mir sie hinauszufahren!“ Das war denn doch etwas zu viel für die hohen Herrschaften der kaiserlichen Residenz. Der Pater wurde aufgefordert, sein Wort öffentlich zu widerrufen. „Ich widerrufe gar nichts,“ sagte er bei seiner nächsten Predigt, „wie gesagt, auf einem Schubkarren! Ich hab’ ja nicht angegeben, wie oftmals ich fahren will!“
Der gute Pater Abraham freilich, der konnte es thun und konnte stets entschlüpfen, wie es nicht Jeder kann, der es will.
Auch der Herr Seelsorger von Ober-Abelsberg wollte ein Pater Abraham sein, denn Abelsberg war Euch mitunter schon gar ein liederlich Nest. — „Bei uns dahier,“ rief er in einer seiner Predigten, „bei uns dahier liegen die Junggesellen und Jungfrauen alle noch in der Wiegen! Auf allen Gassen und Straßen, beim Aufstehen und Wirthshausgehen, bei der Arbeit und bei der Schüssel, beim Rosenkranz bis zum Amen sind Männlein und Weiblein beisammen. Ein wildes Ehebett ist die ganze Gemein’, na, da möcht’ der Teufel Euer Pfarrer sein!“
Reckten sich bei dieser Predigt in den Kirchenstühlen einige Köpfe höher. Der Richter macht schon den Mund auf. — „Ah na,“ denkt er, „in der Kirch’ heb’ ich keinen Unfried an,“ und duckt wieder zusammen und läßt das Hochgewitter von der Kanzel ruhig über sich ergehen und murmelt: „Schrei’ Du nur zu da oben und hau’ die Faust nur rechtschaffen in die Kanzel ’nein: morgen wirst heiser sein.“
Und als der Seelsorger oben besagtermaßen genugsamlich Scheiter in die Hölle getragen hatte, zündete er den Haufen an, will sagen: machte seinen Zuhörern durch eine schauderliche Darstellung des ewigen Feuers die Hölle heiß. Ein ordentlicher Schwefelgeruch war in der Kirche schon zu verspüren, manches alte Männlein vergoß Angstschweiß und manches alte Weiblein zog seine Beine ein, weil es an den Zehen schon die ewigen Flammen zu spüren vermeinte. Und das junge Volk, dem zu Ehren die Predigt eigentlich gehalten wurde, in die Fäuste kicherte es hinein und unter den Bänken trat es sich einander mit den Schuhspitzen.
Der Herr Pfarrer hatte sich für den selbigen Mittag einen prächtigen Appetit herausgepredigt. Und — ganz wie der Richter berechnet hatte — am andern Tag war der HerrPfarrer so heiser, als wäre seine Luftröhre über und über mit Bärenpelz ausgefüttert.
Wurde an diesen Tagen einmal ganz besonders höflich an die Thür geklopft. — „Sicherlich wieder so eine verdächtige Kindstauf’!“ murmelt der Pfarrer und reißt, weil er zu einem derben „Wer ist’s?“ keine Stimme hat, die Thür auf. Wird aber sofort gelassener, als er im Vorhause eine große Zahl von Männern aus seiner Gemeinde erblickt. Alle haben, wie der Herr Pfarrer erschienen, die Hüte eilig vom Kopf gerissen, sind sich mit der flachen Hand mehrmals über das Haupt gefahren, um die allweg widerspenstigen Locken zu glätten; treten hierauf in’s Zimmer und der Aeltesten Einer hebt an so zu reden:
„Wir haben schon die Grobheit, Hochwürden, daß wir gleich so uneben in’s Haus hereinkrachen. Küssen die Hand! — Und was wir halt sagen wollten —“
„Setzt Euch, liebe Leute, so viel Sessel zur Verfügung stehen,“ lud der Pfarrer leutselig ein.
„Bedanken uns; mögen schon auch stehen. Und daß wir gleich g’radweg reden — der Sonntagspredigt wegen thäten wir halt da sein. Gottswahrhaftig, Hochwürden, das ist ’mal ein wahres Wort gewesen, so recht ein Pfarrherrnwort; sakra ’nein das hat uns an’griffen. — ’s ist wohl richtig, unsere Gemein’ ist hundsschlecht über und über, ’muß eine Veränderung nehmen — wohl, wohl, Hochwürden!“
Der Pfarrer lächelte wehmüthig und flüsterte salbungsvoll: „Gott walt’s!“
„Das ist gewiß!“ sagte der Sprecher, „und wir Männer sind zusamm’gestanden und haben gesagt: Und wollt’ sich Einer schon vor der Höllen nicht scheuen, so kunnt’s doch ’leicht zeitlich einen schlechten Schick haben. Wissen uns ehschon nicht mehr aus mit den ledigen Kindern, die der Gemein’ heut’ in der Schüssel liegen und in Alterstagen wieder in der Schüssel liegen werden. Und ein Spott ist’s auch. Desweg, ’s muß eine Veränderung nehmen. — Jetzt, was mich angeht, mich selber, wie ich dasteh’, ich verbleib’ wie ich bin; thät’s nit mehr im Stand sein, daß ich in meinen alten Tagen noch ein’ Unehr’ wollt’ aufheben. — Und so“ — er wendete sich zu seinen Mitmännern — „redet jetzt Ihr Eure Sach’.“
Ein stämmiger Bursch trat hervor: „Ich dank’ mein Mädel ab, muß eh zu den Soldaten.“
Ein rothbärtiger Geselle: „Mein’ Dirn, die lass’ ich nit! Aber die Gemein’, die duldet uns nit und wir wandern aus.“
Ein behäbiger Bauer stellte sich vor den Pfarrer: „Ich heirat’ die Meine gleich auf der Stell’!“ und trat zurück.
Ein Anderer: „Thät’ meinen Schatz auch heiraten; kriegen aber nicht die Erlaubniß dazu; untreu werden will ich nicht, jetzt, was fang’ ich an?“
„Wie der Will’,“ belehrte der Seelsorger, „mußt sie aufgeben, die schlechte Bekanntschaft, mußt schön in Ehrsamkeit leben.“
„Werd’s halt einmal probiren,“ versetzte der Andere und trat zurück.
Ein schwarzer und wildnarbiger Kohlenbrenner schritt herfür:
„Rechtschaffen bedanken muß ich mich für die scharf’ Predigt, hätt’ sie eh schon lang’ gern verjagt, meine Liebste; glaubt Ihr, es wär’ gegangen, das Biest? Jetzt aber kann ich ihr bei; dem hochwürdigen Herrn seine Sonntagspredigt halt’ ich ihr vor — da läuft sie zuweitest davon.“
Ein Holzhauer sagte: „Ganz lassen werd’ ich halt meine Kathel nicht können; ’s ist ein blutarm’ Ding; daß ich ihr des Sonntags ein Seidel zahl’, beim Kirchenwirth, ich sag’, ’s selb kann mir die christlich’ Nächstenlieb’ nit wehren.“
„Gewiß nicht,“ antwortete der Pfarrer, „wenn’s beim Seidel nur auch bleibt!“
„Und wär’s letztlich eine Halbe, weil ich auch mittrink’?“
„Ja, ja, aus der Halben wird eine Ganze!“ rief der Pfarrer, „bete mein Sohn, nach des Herrn Wort: Führ’ uns nicht in Versuchung!“
„Wohl, wohl,“ sagte der Holzhauer, „will schon fleißig beten.“
Ein Bauernknecht schlich heran, walkte den Hut mit beiden Händen und flüsterte: „Wenn’s d’rauf ankommt, Hochwürden, so brauch’ ich gar Keine, aber zum Waschen und Flicken muß Einer wen haben. Und halt auch, daß Einer, der kein’ Vater und kein’ Mutter und kein’ Geschwister nit hat, daß er immereinmal doch gern ein Eichtel plaudern wollt’ mit einem Menschen und gern wen mögen wollt’, der ihn ein bissel lieb thät haben.“
Ein alter Bartstrupp humpelte vor: „Und ich auch, Hochwürden, möcht’ mich halt bessern. Meine Liebschaft ist auch nichts nutz.“
„Ihr seid ja verheiratet,“ sagte der Pfarrer.
„Das wohl, aber meine Alte, die ist Euch häßlich wie die Nacht und bös wie eine wilde Katz’, und Branntwein saufen thut sie wie ein Loch und fluchen thut sie wie ein Husar. Mit so Einer zu leben, das wird sicherlich eine Todsünd sein.“
„Geht mir weg, Ihr seid ein Lästerer!“ rief der Seelsorger.
Torkelte der Alte gegen die Thüre.
Ein Anderer trat hervor: „Ich hab’ Zwei, aber ich bring’ sie nit weg, ehvor ich sie nicht bezahlt hab’, was ihnen gebührt. Aber...“ weil der Pfarrer eine gar finstere Miene machte, „ich nehm ’s Geld schon zu leih’n.“
„Ich hab’ meiner Tag keine Weibsleut mögen!“ krähte ein gelbes Runzelgesicht aus der Menge hervor, „aber weil ich jetzt hör’, daß die Sach’ gar so groß Sünd’ ist, so kunnt Eins schier neugierig werden.“
„Na, na, unser Herr Pfarrer hat Recht, es muß eine Veränderung geschehen,“ sagten Mehrere.
„Ist brav, ist brav,“ versetzte der Seelsorger und reichte ihnen die Hände, „und das ist mir der schönste Tag in meinem Seelsorgerleben. Wie werde ich glücklich sein, einst mit meiner lieben Gemeinde im Unschulds- oder Bußkleide vor Gottes Thron erscheinen zu können!“
Einige wollten sich schon zum Gehen wenden, da trat der erste Sprecher noch einmal hervor und sagte mit fast schüchterner Höflichkeit:
„Hätten wir halt zuletzt eine recht schöne Bitt’, hochwürdiger Herr Pfarrer.“
„Nur frisch damit heraus, liebe Kinder, wenn’s in meiner Macht steht, von Herzen gern.“
„’s ist halt der Gemeinde wegen,“ fuhr der Redner beklommen fort, „und daß mit Gottes Hilf’ ein anderer Geist in die Leut’ thät kommen. Daheim im Pfarrhof, selb wollen wir nicht reden, selb ist der Herr Pfarrer sein eigener Herr, aber halt auf der Gasse und beim Spaziergang im Wald, so beim Predigtstudiren — da thäten wir halt wohl schön bitten, daß der hochwürdige Herr Pfarrer die Frau Haushälterin nit wollt’ mitnehmen.“
Hab’ früher zu sagen vergessen, daß der Pfarrer von Ober-Abelsberg ein leidenschaftlicher Schnupfer war; er zog jetzt die Dose hervor und nahm drei, vier Prisen hart hintereinander und bot hierauf Jedem die offene Dose hin. Und Jeder tunkte höflich seine Finger ein und schnupfte und jetzt brach ein Niesen los von allen Seiten. „Helf Gott! Helf Gott!“ riefen sie einander zu. Und der Pfarrer sagte: „Helf’ uns Gott Allen miteinander!“