Der Junge und der Alte.
„N
Na, na, Seppel, das mußt nicht thun. So was muß der Christenmensch meiden. Für’s Erst’ bist noch zu jung, und für’s Zweit’, wenn Einer alt genug ist, denk’ auf die Sünd’! Auf die Sünd’ mußt denken, Seppel! — Die anderen jungen Leut’ wären auch so, meinst? Schlecht genug, Seppel. Du mußt gescheiter sein. Kunnt’st Dich leicht in’s Elend setzen, nachher ist’s zu spat, nachher denkst an die Vatersred’ und kannst Dir nimmer helfen. Denk’ auf die Kümmernuß! Weiberknecht sein, Tag und Nacht arbeiten, daß Kein’s verhungert! Ja, mein Du, wenndasnicht wär! Die Sünd’ und die Sorg’! Wirst nit so dumm sein und mitsolchenRössern spazieren fahren. Thät’st mir derbarmen! Blutig thät’st mir derbarmen! Heut’ ist’s noch früh genug. Ich, wenn ich der gescheit’ Seppel thät sein — auf der Stell’ ging ich ihr absagen.“
„Zuweg soll denn ich Keine gern haben, das möcht’ ich wissen. Der Vater hat doch auch Eine genommen.“
„Scham’ Dich, Seppel, daß Du mir Deine Mutter nachred’st (mißgönnest)! Du bist dabei gewiß nicht zu kurz kommen. Auf Deiner Mutter wachst heut’ der grün’ Wasen, die laß mir in Ruh’!“
„So meint der Vater, daß ich’s sollt’ sein lassen?“
„Daß Du’s sollst sein lassen, Seppel. Schau fleißig zum Arbeiten und Beten, schmeckt Dir des Tag’s das Essen und des Nachts der Schlaf — hast keine Anfechtungen. Und kannst es schon gar nicht g’rathen (entbehren), daß Du was thust, das unnöthig ist, so rauch wegen meiner ein Pfeife Tabak. Nur mit keiner Weibaten gieb Dich ab.“
„Und just eine Weibate hätt’ ich mögen.“
„Weil Du ein Trutzbock bist! Hell mir zu Trutz! Ich sag’ Dir’s in Güten, Seppel: Du bist noch minderjährig, vergiß nicht, wer Dein Vater ist.“
„Gewiß nicht. Ich bedenk’s auch,warumer’s ist.“
„So! Ich versteh’s, was Du meinst, Giftmaul. Ist das die Ehrfurcht, die Du Deinem Vater schuldig bist? Bursch’, bring’ mich nicht in’s Grab!“
„Ich sag’ nichts mehr, ich bin schon still, und jetzt geh’ ich schlafen.“
Das ist zwischen dem alten Toni-Bürsch und seinem dreiundzwanzigjährigen Sohn die Abendunterhaltung gewesen.
Der Alte betete sein Abendgebet; das erste Paternoster weihte er seinem Sohn, das zweite derselbigen, die sein Seppel gern sah; das dritte für sein verstorbenes Weibel, daß es in Frieden ruhen bleibe; das vierte betete er um einen guten Schlaf für sich selber, denn er hatte großen Kummer von wegen Derselbigen, die seinen Jungen in Versuchung führte.
Der Seppel that aber nicht, wie er gesagt hatte; er ging in den Haarspinnhof und klopfte dort an das Kammerfenster der Christine.
„Gieb Fried, Dein Angehen mag ich nicht leiden!“ begehrte die Christine drinnen auf, aber so leise, daß es Niemand im Hause hören konnte.
„Was redest denn, Christl, wenn Du noch nicht wissen kannst, was ich will,“ sagte der Seppel, „ich bin nur da, daß ich Dir’s sag: mit uns Zwei — was wir ausgeredet haben — ist’s dieweilen noch nichts. Ich verlieb’ mich nicht, ich bin noch eppas zu jung. Wart’ halt; wenn’s mir gach einfallt, daß ich komm’!“
Sie sagte kein Wort, und er ging davon. Und war zufrieden mit seiner Feinheit — Die Christine sah er gern, das stand fest, wie die Erde. Aber sie war eine Kalte. So viel jung und sauber, aber so viel kalt. Wenn Eine auf jede Frage nichts als „na“ sagt, so ist das keine Sach’. Jetzt hat er ihr abgesagt — sie soll nur warten, ’leicht wird sie wärmer — und im Grunde sind Beide noch so jung, daß sie nichts versäumen. Dieweilen wird er großjährig und hernach hat der Vater nichts mehr dreinzureden. Auf seinen Vater muß der Mensch doch achten, auf daß es ihm wohlgehe. Und von wegen der Erbschaft auch. — Deswegen war’s fein vom Seppel, und wenn Einer so in rechter Friedsamkeit weiter lebt und all’ Tag seine Uhr aufzieht, so wird er nach und nach doch großjährig. Nachher stellt er sich mit ausgespreizten Beinen hin vor den Vater, steckt die Hände in die Hosentaschen, so tief es geht und sagt: „Na Vater, itzo wollen wir halt einmal probiren, wie’s mit den Weibsbildern ausschaut. Ist der Vatersegen zu haben, so wird’s uns g’freuen; ist er nicht zu haben, so soll’s desweg keine Feindschaft geben.“ — Beim Seppel kommt’s ja doch nur mehr auf ein Jahr an, daß es ein Schaltjahr ist, wird auch zu verwinden sein, wird die Christine noch um einen Tag wärmer. Der Seppel vertreibt die Zeit auf einem Holzschlag drüben im Neuviertel, und kommt nicht oft heim. Deswegen ist Einer Mann, daß er seine Sach’ derwarten kann.
Es war ganz genau, wie er sich’s gedacht hatte, das Jahr wurde täglich um einen Tag kürzer, und die Christine im Haarspinnhof täglich um einen Tag wärmer. Da erhielt der Bursch eines Tages Nachricht, der Toni-Bürsch lasse sagen, der Seppel möge einmal heimkommen, möge doch auf den Vater nicht ganz vergessen.
Das ist auch wahr, dachte der Sohn, auf meinen Vater darf ich nicht vergessen, jung ist er auch nicht mehr; wenn der Mensch einmal im Siebenundsechzigsten steckt, denkt er halt auf’s Testamentmachen. — Und geht heim, und findet den Vater, Gottlob, rechtschaffen gesund und rührig, und der Mann hat einen Schneider im Haus. Der Schneider macht ein kohlschwarzes Tuchgewand; im Vorhause zimmert der Tischler aus sechs Brettern...
„Aber, Vater, wer wird denn auf so was denken?“ sagt der Sohn.
„Willst mich Du zuletzt noch gar bevormunden?“ sagt der Vater, „ein solches Leben gefreut mich nicht mehr. Ich denk’ ich bin alt genug dazu.“
„Warum nicht gar! Wie der Vater jetzt ausschaut: noch dreißig Jahr dermacht er’s.“
„Verhoff’s. Für weniger laßt sich’s der Mensch kein nußbaum’nes Ehebett kosten. — Wirst wohl bei der Hochzeit sein, Seppel!“
„Ja, wer — wer denn?“ fragte der Sohn.
„Mein lieber Bub’,“ sagte jetzt der Alte und blickte den jungen Mann liebreich an, „ich hab’s bedacht und Du hast mir so viel arg derbarmt. Keine Mutter haben, ein Waisel sein — ’s ist eine arme Sach’. Nachher, wenn man’s bedenkt, ich brauch’ auch wen, gesetzt, daß ich gesund bin, und gesetzt, daß ich einmal mühselig werd’. Und aucheine Sündhaftigkeit ist’s, so ein lediges Daherleben, und es sind die jungen Gedanken noch da.“
Jetzt antwortete der Seppel: „Das verstehe ich nicht. Wenn bei mir etwa einmal die jungen Gedanken da wären, gleich thät’s heißen: Denk’ auf die Sünd’! Auf die Sünd’ mußt denken, Seppel. Was hat der Vater denn gesagt, wie ich selbunder die Christel hab’ wollen nehmen? Das vierte Gebot hat müssen herhalten und die Sündhaftigkeit. Bei mir ist’s Gernhaben sündhaft, bei Euch das Alleinbleiben, jetzt möcht’ ich wissen, wie Einer dem Teufel auskommt.“
„Kommt ihm nicht aus, Seppel, hast Recht!“ sagte der Alte, „aber zeigen muß ich sie Dir doch, Deine neue Mutter. Hab’ sie da im Stübel d’rin. Geh’, Christel, geh’ heraus ein wengel!“ Stand sie da.
Dem Seppel ist im ersten Augenblick so dumm gewesen, als wenn ihm ein härener Sack über den Kopf geworfen worden wäre. Als er sie aber eine Weile angeglotzt hatte, sagte er: „Soll das eine Fopperei sein?“
Sie schüttelte den Kopf, als wie Eine, die nein sagen will.
Da wendete sich der Sohn zum Vater und sprach: „Vater hin, Vater her, jetzt red’ ich anders. Ihr habt die Unrechte erwischt, das ist die Meine. Die laß ich nicht aus, ehevor setzt’s was!“
„Das Geschrei ist nicht vonnöthen,“ sagte der Alte verbissen, „wir sind auf gleich und haben uns ehrlich Wort gegeben. Aber wenn sie meint! Ich bin nicht der Mensch, der wen zwingt und ’s kommt nur d’rauf an, daß sie es selber ausspricht, welchen sie haben will, den Jungen oder den Mann.“
Der Seppel bebte vor Zorn, aber er bezwang sich und fragte die Christine: „Na, welchen denn?“
„Der bei mir bleibt, und das Gernhaben nicht verschiebt über’s Jahr. Bildest Dir was ein auf Dein Jungsein! Wir fragen bei Euch Mannsleuten nicht viel um’s Alter, mußt wissen, aber bei uns Weibsbildern hat’s Eil!“
„Das ist Recht!“ machte der Alte, „Christel, thu’ ihm’s nur tüchtig sagen. Hätt’ sich früher um Dich sollen bekümmern; der Lecker, jetzt möcht’ er was dreinreden.“
„Ich werd’ noch mehr dreinreden!“ rief der Seppel und stellte sich fürchterlich vor dem Vater auf.
„Du sei still!“ fuhr die Christine drein und schob den Burschen bei Seite, „er ist Dein Vater. Aber der meine ist er nicht, und ich red’.“
„Hast schon Recht, Christel, red’ Dich nur aus, ist mir allemal lieber,“ drauf der Alte.
„Wird Dir schon genug werden, Toni-Bürsch,“ sagte sie, „Dein ehrlich Wort? Na, ich bedank’ mich! Du hätt’st mich sauber drankriegt; jetzt, und noch zu rechter Zeit seh’ ich’s ein, Du bist ein Falscher!“
Er fing ihren Arm und rief: „Wohl gewiß nicht, Christel, ich schau Keine an, außer Dir!“
„Das glaub’ ich gern, aber gegen Dein eigen Kind bist falsch. Bis auf die jetzige Stund’ hab’ ich’s nicht gewußt, daß Du den Seppel von mir hintan gehalten hast, weil es Dich selber noch gelust’ nach einer jungen Dirn. Die Höll’ hast ihm heiß gemacht; und dieweil er Dir nachgeben und Vaters wegen die Liebste verlassen hat, wirfst ihm heut’ vor, daß er sich besser um mich hätt’ kümmern sollen. Er ist eine Lettfeigen, aber er ist ein gutes Kind; Du bist ein schlechter Vater und kunntst leicht ein noch schlechterer Mann sein. Toni-Bürsch, von Dir hab’ ich genug!“
Der Schneider war aufgesprungen, der Tischler hobelte nicht mehr — es bleibt ja Alles aus!
„Macht’s nur weiter, Handwerkerleut,“ sagte der Seppel, „wird schon Anwerth haben. Die Christel nimmt mich.“
„Das mußt erst sehen,“ sagte diese — und war fort.
— Standen Vater und Sohn sich gegenüber und sahen sich an.
„Geh, Seppel, thu’ nicht so grimmig schauen,“ sagte der Alte süß, „einen Spaß wirst doch verstehen.“
„Ist mir lieb. Ein Spaß soll’s gewesen sein, will auf nichts Anderes denken. Aber von heut’ an bin ich großjährig.“
Der Alte ließ es gelten und redete nichts mehr drein. An einem der nächsten Tage ging der Seppel zur Christine und sagte: „Dirndl, der Schneider und der Tischler sind fertig.“
Nun —? Was sagte sie dazu? Es war ihr recht.
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