Der Wolfl von Kirchberg.

Der Wolfl von Kirchberg.

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Sie ist übel beleumundet, die Jungfrau zu Feistritz. Sie hat seinerzeit viele Männer zugrunde gerichtet. Sie ist jetzt eine alte Jungfer, trägt eine eiserne Pfaid und schmachtet für ihre bösen Thaten, die sie voreinst begangen, seit vielen Jahren schon im Burgverließ zu Feistritz am Wechsel.

Ich bin dazumal — es war vor Jahren — an den Schauerdenkmalen menschlicher Grausamkeit still und hastig vorübergeeilt, habe mich der Natur zugewendet, die so schön und erfreulich ist. Durch das Otterthal bin ich gezogen dem Wasser entlang, habe vor mir die duftblauen Berghänge gesehen mit den schimmernden Sandriesen und die grauen, regenschweren Wolken des Himmels darüber. Und hier auf dem Hügel in der Stille und Einsamkeit steht eine Kirche, uralt und ehrwürdig zu schauen. Ihre Mauern sind röthlich wie Gold, tragen Spuren von alter Tage Noth, von des Feuers Wuth, von der Türken Gewalt. Die gothischen Fenster sind ausgebrochen, da starrt die Dunkelheit hervor, und Eulen und Fledermäuse sind des Herrn Anbeter in diesem Gotteshause. Ein schlankes Thürmchen ragt über den dachlosen Wänden und grüßt hinan zu den bewaldeten Höhen des Otters und zu den Zinnen des Wechsels.

Das ist die Wolfgangskirche bei Kirchberg. Unterhalb des Hügels an der Straße steht ein Opferstock mit der Inschrift: „Frommer Christ, opfere hier zum Wiederbaue der Wolfgangskirche!“

Ein Maidlein kam des Weges, das schlug zuerst ein regelschönes Kreuz über sein junges, hellblühendes Gesicht; dann that es sein Sacktuch hervor und an einer Ecke desselben band es einen Knopf auf, wickelte eine kleine Münze heraus und ließ sie in den Opferstock kollern. Das war ein gar schauerlich hohles Hallen in dem Kasten, und ich trat zu dem Mädchen und sagte: „Es ist schön, daß die Jungfer auch ihr Scherflein zur Wiederherstellung dieser prächtigen Kirche beiträgt, aber wenn der heilige Wolfgang nicht hilft, die blutigen Heller der Vorübergehenden werden es nimmer vermögen.“

„Der heilige Wolfgang wird schon helfen!“ antwortete das Mädchen, und leise für sich setzte es bei: „Dermußhelfen, ’s kann gar nicht anders sein.“

Dann that es noch einen unsteten Blick zur Kirche empor und schritt hastig fürbaß.

Nicht weit davon im Orte Kirchberg steht ein Baum, der viele hundert Jahre älter ist als die alte Kirche auf dem Hügel, er ist wohl der älteste Baum in unserem Vaterlande: sie nennen ihn die tausendjährige Linde. Auf einer Bank im Schatten dieser Linde saß ein Bauernbursche und trank Most. Er legte seine geschlossenen Fäuste schwer auf den Tisch und brütete vor sich hin. Oben rauschte es in dem undurchdringlichen Laub, der Flügel einer Lindenblüthe tanzte nieder und fiel in das Glas hinein. Der Bursche hob seinen Kopf und murmelte: „Mit dem ist mir nicht geholfen. Was anders will ich haben!“

Er trank sein Glas zur Neige; ich setzte mich zu ihm, da wollte er sich sogleich erheben. Aber die Kellnerin kam mit einem frischen Glase, das er schon früher begehrt haben mochte; so ließ er sich wieder auf den Sitz nieder.

„Fortweg bin ich ein ordentlicher Mensch gewesen, und jetzt werde ich ein Lump!“ murmelte er. Er war sehr roth im Gesichte und seine großen dunkeln Augen blinzelten lebhaft. Es war ein hübscher, intelligent aussehender junger Mann.

„Das wäre aber doch schade!“ erlaubte ich mir der Bemerkung des jungen Mannes zu entgegnen.

„Ja freilich ist’s schad’!“ lachte er, schon etwas erhitzt von dem Getränke. „Wer weiß, wie viel Lumpen unter diesem Baume schon gesessen sind. Ich bin der Erste und der Letzte nicht, dem’s so geht. Ich hab’ kein Haus und Hof und kein Geld, und desweg verleg’ ich mich jetzund auf’s Saufen.“

Ich schwätzte hin und schwätzte her, und da erfuhr ich’s endlich: der Vater seiner Herzliebsten, ein reicher, starrtrotziger Grundbesitzer, habe zu ihm gesagt: „Du Wolfl, bis in der alten Wolfgangskirche wieder ein Altar steht, laß’ ich Dich davor mit meiner Tochter trauen. Und eher nit!“ Es war ein förmlich Gelöbniß.

Aber in der Wolfgangskirche, wo der Altar stehen sollte, lag ein großer Schutthaufen, wuchsen Brennnesseln darauf. Die frommen Christen sollten die Kirche wieder aufbauen! Eher denn das geschieht, wachsen auf dem Wechsel die Feigen. Dem Burschen war schon ein gescheiter Gedanke gekommen; er hatte an den Besitzer von Kirchberg und der Wolfgangskirche — an den Erzbischof Rauscher nach Wien — ein Brieflein geschrieben: „Gnaden bischöflicher Herr! Die christlichen Leut’ in Kirchberg und auch in der Gegend herum möchtenso gern die alte Kirche wieder haben und zum heiligen Wolfgang darin beten, und auch für den guten bischöflichen Herrn. Wollte Er nur was geben um Gottes willen, daß die Kirche wieder könnte hergestellt werden; der hochwürdige Bischof thät sich damit eine hohe Stufe in den Himmel bauen.“

Was war die Antwort auf dieses Schreiben? — Die Leute könnten auch in der neuen Kirche beten, und er, der Erzbischof, brauche keine Stufen in den Himmel, er fahre mit Roß und Wagen hinein. — Das heißt, so hatte dem Wolfl einmal geträumt; in Wahrheit war gar kein Brief und gar keine Antwort.

Der Wolfl hatte mir so seine traurige Geschichte erzählt, wir wurden gute Bekannte, und letztlich begleitete er mich hinauf zur Hermannshöhle. Aber den heiligen Wolfgang brachte er nicht mehr aus dem Kopf, und er erzählte, wie der Mann Gottes als Einsiedler in dieser Höhle gelebt habe, wie große Mirakel darin geschehen seien, wie aber mit der Zeit die Menschen so schlecht geworden, daß sie gar den Eingang in die heilige Höhle nicht mehr gefunden hätten und daß erst viele hundert Jahre nachher ein armer Hirte diese Grotte wieder entdeckt habe.

Nach solchen Erörterungen krochen wir in den Berg. Eiskalte Luft wehte uns entgegen und der Wolfl zündete eine Fackel an. Durch hohe, schmale Gänge schritten wir, da weitete sich der Raum; wir standen still und sahen und hörten die Natur arbeiten in ihrer geheimen Werkstatt. Schier traumhaft und kindisch ist hier die Natur. Mit Kalkstein, aus dem sie sonst die gewaltigsten Gebirge aufgeführt hat, treibt sie hier ein Kleingewerbe, oder vielmehr sie spielt damit; sie hat dem Menschen seine Künste abgelauscht und will sie vorwitzig betreiben. Da ist sie Bergmann und ziehtSchachte und Stollen, da ist sie Baumeister und führt Tempel und Hallen auf; da ist sie Bildhauer und schafft die seltsamsten, launigsten Gebilde; aber sie schämt sich ein wenig damit, denn sie hat eine etwas ungeübte Hand für derlei und sie will ihre Spielereien verstecken in die hintersten Winkel.

Der Mensch hat sie doch gefunden und er bestaunt die Natur, die selbst in ihren kleinsten Zügen Größeres schafft als eben der Mensch mit all’ seiner Macht. Und wie sie schalkhaft thut, die große Schöpferin hier in der Erde Schoß! Da macht sie einen Frosch aus Kalk und einen Todtenkopf aus Stein. Dann fällt ihr das Treiben der Leute ein und sie thut völlig ernsthaft, die Schäkerin, und formt eine Glocke, eine Kanzel, eine Pickelhaube — aber ehe das Ding noch fertig, verwischt sie es schon wieder, als ärgere sie sich selbst über das kindische Treiben. Der Mensch kommt ihr aber gar so voreilig entgegen mit seiner Phantasie und lügt ihr die stolzesten Wasserfälle, die schwellendsten Weintrauben heraus, und Alles, was er selber träumt, das sieht er hier bei mattem Fackelschein in den Tropfsteinen. Der Riesen-Hermaphrodit allerdings, der ist ohne alle Phantasie zu finden, und die Natur versteckt sich dahinter und kichert.

Plötzlich standen wir vor einem Sumpf, in dessen Wasser sich unsere Fackel spiegelte. „Das ist der Teich,“ sagte mein Begleiter; „’s ist ein kleiner Bub’ in der Gegend, der zieht sich mutternackt aus und badet sich da drin, wenn er dafür einen Sechser kriegt. Wenn die Wiener kommen, da verdient sich der Bub’ einen Haufen Geld; den ganzen Tag schwappelt er da im Wasser herum, und das soll bei so einer Beleuchtung was Wunder seltsam anzuschauen sein. Die Wiener haben den Buben so verführt, und bei dernächstletzten Osterbeicht ist er desweg nicht losgesprochen worden.“

Wir gingen und krochen lange Zeit hin und her, stiegen auf und nieder, Hunderte von Stufen; und als wir in einer schauerlichen Grotte standen, voll grauer Zacken und wüster Spalten und ungemessener Tiefen, da sagte mein Bursche: „Gucket da hinab, da geht’s schnurgerad’ der Höllen zu. Wüßt’ ich gewiß, daß ich mein Herzlieb nit und gar nit thät kriegen — mitsammt der Fackel wollt’ ich mich hinabstürzen zu dieser Stund!“

Und ein wenig später faßte er mich am Arm und rief: „Ihr seid gewiß reich oder mit dem Bischof wohlan. Geht, lasset mir die Wolfgangskirche bauen und einen Trau-Altar hineinsetzen, sonst fahren wir allbeid’ in die Höllen hinab!“

Dann lachte er und sagte: „Ja, das ist eine Zeit, und mit dem Spaß muß man sich die Verzagtheit vertreiben. Wie närrisch, wollt’ ich mich denn in die Höll’ stürzen, so lang’s noch Wirthshäuser giebt auf der Welt! Trinken will ich und meinen Rock und meine Hosen vertrinken, aber in der Pfaid will ich hingehen zu ihrem Herrn Vater und sagen: ‚Schaut den saubern Lumpen an, den habt Ihr zuweg gebracht!‘“

Als wir wieder eine Weile gegangen waren in dem unterirdischen Labyrinth, da hing plötzlich eine Laterne nieder vor unserer Nase. Der Wolfl zündete die Laterne an und zog sie durch einen Strick zur Höhe. Sie tanzte an Tropfsteingebilden und Felsmassen empor, bis das Licht nur ein winziges Sternchen war, und dann fragte er mich, ob ich an die Höhe glaube.

Bald darauf deutete mein Führer durch eine enge Spalte, aus welcher uns die ewige Nacht entgegenstarrte: „Hier ist der Weg nach Kranichsberg.“

Die Höhle sollte sich bis in das eine Stunde entfernte Schloß Kranichsberg erstrecken?

Der Wolfl behauptete es. Zur Türkenzeit hätten sich die Leute vom Schlosse aus in diese Höhlen geflüchtet.

„Und jetzt kommt, jetzt sollt’ Ihr was Schönes sehen!“ sagte der Bursche, ließ mich eine hohe Leiter hinansteigen und führte mich durch eine sehr enge, feuchte Kluft, in welcher fallende Tropfen an der Fackel zischten. Dann krochen wir durch niedrige Engen, und nun erlosch plötzlich die Flamme. Jetzt waren wir in der dichtesten Finsterniß und weiß Gott wie tief unter der Erde! Der Wolfl lachte, stieß ein Brett beiseite, und siehe — das helle, holdselige Tageslicht und das weite Thal und der grüne Wald lächelten uns entgegen.

„Wen die Welt nimmer freut, der muß nur einmal in so ein Loch hinabkriechen,“ bemerkte mein Bursche, „hab’s allweg so gehalten, und letztlich ist Einem doch der helle Tag lieber wie Alles miteinander.“ Bauersleute thun sonst selten solche Reden, darum überraschten sie mich an diesem Burschen. „Ja,“ sagte er, „wenn’s Einem halt nicht gut geht, so denkt man über Vieles nach; und jetzt schaut Euch den Berg einmal von auswendig an, er ist nicht uneben, ist grün über und über; man soll’s nicht glauben, daß es da drin so schauderhaft sein kann.“

So hatte ich mit dem Wolfl Kirchberg und die Hermannshöhle gesehen. Als ich mich von dem tiefverzagten und doch schalkhaften Burschen trennte, sagte ich zu ihm: „Nur alleweil wacker, lieber Freund! Siehe, Du hast stetig den Berg vor Augen, den sie Wechsel heißen. Auch mit Dir kann sich noch ein guter Wechsel ereignen und ’leicht kommt doch noch ein Mann, der in der Wolfgangskirche Dir den Altar der Liebe baut.“

Es ist ein prophetisch Wort gewesen. Ein paar Jahre danach kam ich wieder in die Gegend, da hatte das alte Gotteshaus auf dem Hügel ein schimmerndes Schindeldach, und im Innern, wo der Schutthaufen gelegen, stand ein freundlicher Altar.

Ich weiß nicht, ob der brave Dechant des Ortes um das starre Gelöbniß des reichen Bauers wußte und ob ihn die Liebesnoth des armen Wolfl dauerte — doch er ließ milde Gaben sammeln und davon die alte Kirche wieder herstellen.

Zum Glücke war der Wolfl mittlerweile doch kein „Lump“ geworden, wie es sein heilig Fürnehmen gewesen, sondern ein braver, fleißiger Bursche geblieben. Und vor dem neuen Altar in der alten Wolfgangskirche ist er mit seinem Herzlieb getraut worden.

Heute mag er nimmer hinabsteigen in die Höhle, denn es freut ihn die Welt hier oben.

Kapitelende


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