Eine Eisenbahngeschichte.
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Und sieben Plagen kamen über Aegypten. — Es wären sicherlich acht gekommen, aber dieEisenbahnersind damals noch nicht gewesen. — So ergänzte ein Landmann des Gailthales das zweite Buch Moses, zur Zeit, als sie im Thale die Eisenbahn bauten. Die „Eisenbahner,“ wo sie das erstemal einfallen, sind der Schrecken der Gegend. Die böhmischen Erdgraber graben nicht allein dort, wo die Bahn werden soll, sondern auch auf allen Erdäpfeläckern der Nachbarschaft. Die italienischen Steinschlager schlagen nicht allein Steine, sondern auch Bauern, wo sich diese den Fremdlingen entgegenstellen. Aber die schlimmsten dabei sind die deutschen Ingenieure selbst. Da kommen sie mit ihren Schnüren und Meßstangen und fahren Dir d’rein, Bauer, über Wiesen, Felder und Gärten, die bisher Dein und Deiner Vorfahren unangetastetes Eigenthum sind gewesen. Im Grundbuch steht’s und da ist es fest wie der Erdboden. Kein Erdbeben und kein Feuer hat dieses Eigenthum angegriffen, das Wasser hat vielleicht einmal den grünen Rasen zerrissen, aber den Platz hat es nicht mit fortgeschwemmt. Als vor vielen hundert Jahren der Dobratsch niedergebrochen war, da hat er wohl das Thal begraben, aber er hat einen Berg dafür hingestellt, auf dem wieder was wachsen konnte.Und selbst die Franzosen, als sie da waren, haben das Eigenthum der Leute geschont. Und jetzt kommen auf einmal die Ausmesser und sagen: „Hier wollen wir unsere Eisenbahn bauen und diesen Weidegrund und diesen Garten mußt Du uns dazu geben!“ — „Nein,“ sagst Du, „der ist meinen Voreltern nicht feil gewesen und ist auch mir nicht feil.“ — „Wir bieten Dir dafür diese oder diese Summe,“ sagt der Ingenieur, „dann abermußtDu uns den Grund abtreten!“ — „Mußt?! Was ist denn das für ein Eigenthum,“ sagst Du, „das man mir in einem Rechtsstaat nehmen kann, wann man will? Mir ist gerade an diesem Fleck Erde gelegen und um Geld ist er nicht feil.“
Es hilft Dir nichts, das Gesetz ist stärker, als Dein Wille, Bauer, und — das ist gut. — Wenn’s auf Euch Bauern ankäme, lebten wir heute noch wie die Wilden und das Eigenthum wäre erst recht nicht gesichert. Ueberall und zu jeder Zeit, wo es geordnete Staaten gab, hat der Einzelne zum Wohle des Ganzen opfern müssen. Warum zahlt Ihr die Steuern, warum laßt Ihr Eure Söhne in den Krieg? Feldfrucht und Söhne sind doch auch Euer Eigenthum. Ihr seht die Nothwendigkeit des Krieges nicht ein — ich auch nicht — und Ihr gebt doch die Soldaten. Ihr seht die Nothwendigkeit der Eisenbahnen nicht ein, aber Ihr werdet sie nicht hindern können, denn alle Welt weiß: da die Eisenbahnen einmal sind, so müssen sie sein und kein Mensch wird sie mehr aus der Welt schaffen.
Wer sich widersetzt, der geht zugrunde.
Das Gesetz verlangt, daß dem Bauer für ein der Eisenbahn abgetretenes Grundstück um ein Erkleckliches mehr gezahlt werde, als es unter Brüdern werth ist. Das Gesetz ist also auf Seite der Bauern, dann aber zwingt es.
Beim Schotterhans haben sie’s nicht auf den Zwang ankommen lassen und ist zu Nutz und Frommen eine Geschichte davon zu erzählen.
„Ei geht, ei geht,“ sagt der Schotterhans, „da mögt Ihr reden, was Ihr wollt, was mein ist, ist mein, und ich geb’ meinen Grund nicht her. Ich laß mein Haus nicht niederreißen, in dem meine Voreltern gelebt haben; ich will sterben in dem Haus, in welchem meine Voreltern gestorben sind.“ Aber die Eisenbahn ist so tracirt, daß dieses Stück Grund gar nicht zu umgehen ist und just, wo des Schotterhans Haus steht, muß die Bahn darüber. Das weiß der Hans recht gut. Es ist ihm insgeheim auch nicht der Vorfahren wegen, man erinnert sich noch, wie er seinen alten Vater auf dem Todbett behandelt hat. — Aber der Vorwand ist schlau, Hans, und viel Geld läßt sich herausschlagen.
Nicht mehr als viertausend Gulden ist die ganze Besitzung werth, das Haus ist schon im Einfallen. Aber man bietet dem Hans achttausend.
„Nein!“ schreit der und denkt: „Haben müssen sie’s, sonst können sie ihre ganze Eisenbahn nicht bauen.“
„Nun denn, Schotterhans, wie viel verlangt Ihr eigentlich für dieses armselige Anwesen, das kaum zehn Klafter in der Breite hat?“
Da nimmt der Hans den Mund voll und sagt: „Sechzehntausend Gulden.“
— Gut, denkt sich der Ingenieur, bei sechzehntausend Gulden hört seine Pietät auf. Die Bahn hier geht auf einem Damm. Was kostet eine Brücke über Haus und Grund des Schotterhans? — Hier wird eine eiserne Brücke gebaut und der Hans kann im Hause seiner Vorfahren leben und sterben.
Nach wenigen Monaten braust über das Dach des Schotterhauses das Locomotiv hin. Der Hans starrt das schwarze Ungeheuer drohend an. Es pfeift auf ihn.
Der Hans will Proceß führen; die Doctoren weisen ihn ab, die Leute lachen ihn aus. Grund und Boden gehören ihm, aber nicht der Raum über seinem Giebel.
Um tausend Gulden möchte er nun das Anwesen unter der Brücke verkaufen. Er findet keinen Käufer. Er wird wahnsinnig und stirbt — wie er’s stets gewünscht hatte — im Hause seiner Vorfahren.
Kapitelende