Naturforscher auf der Alm.
I
Im Nachsommer des Jahres 1875 war’s, als eines Tages in einem steierischen Almwirthshause helle Verwunderung herrschte.
Der alte Fritz, der krumme, bucklige Botengeher, sonst ein gar ernsthafter Mann, hatte die Mär gebracht: „Die Naturforscher sind im Land!“
„Was?“ schrie Alles.
„Sie kommen gar auf die Alm.“
„Wer?“
„Sie rücken schon an.“
„Du heiliger Sanct Sebastiani!“ rief hierauf die hübsche Almwirthin und sog nach altem Brauch aus ihrem Pfeifchen, das zu ihrer heute schier vornehmen Aufgeputztheit freilich nicht recht passen wollte; aber sie hat’s einmal im Mund und wir können nichts machen. Um ihre rothen Lippen ist’s Schade, daß sie geräuchert werden. „Redlich wahr,“ rief sie, „es ist kein Fried’ auf der Welt. Eh’ vor Zeit ist alle fingerlang der Türk’ da. Nachher ist der Franzosenrummel g’wesen. D’rauf rücken gar die Preußen an, und jetzt wären auf einmal die — die — wie hast gesagt, wie heißt der Feind?“
„Du närrische Frau Wirthin, Du!“ rief der alte Botengeher, „das ist ja kein Feind nicht!“
„Wasdenn? So red’, wenn Du was weißt!“
„Die Naturforscher, das sind lauter hochgelehrte Männer, Wirthin, denk’ Dir g’rad einmal den alten Schulmeister von der Radau. Du weißt, der hat schneeweiße Haar und thut rechtschaffen Tabak schnupfen; hat aber — mußt wissen — seine großen Glasaugen auf und sitzt Tag und Nacht bei seinen alten Büchern und G’schriften, und ist ein gar gelehrter Herr, und ein bissel zaubern —“ der Fritz ließ einen forschenden Blick umherschießen — „’s selb’ kann er auch.“
Die Wirthin saß recht breit auf einem Stuhle da, hielt die Arme über dem Busen gekreuzt, in einer Hand die Pfeife, und that nichts, als den Kopf schütteln.
Der Bote schob das leere Schnapsgläschen vor sich über den Tisch hin: „Geh’, Almwirthin, noch ein paar Tröpfel von Deinem guten Geist.“
„Alle guten Geister lobt unser Schickbot’,“ rief ein Schalk unter den Halterleuten, die beim Ofen saßen.
„Ja Du, und daß ich Dir’s sag’, Frau Wirthin,“ fuhr der Fritz fort, „die Naturforscher, das sind halt auch so weißhaarige Herren, wie der Radauer Schulmeister; haben aber — rath’ ich — noch größere Glasaugen, wie der, weil sie ja noch viel mehr Bücher lesen und viel gelehrter sind und noch viel flinker zaubern können. Ja, Leut’, ’s ist kein Spaß nit, die Naturforscher haben die Welt erfunden!“
Jetzt schlug die Wirthin ihre Hände zusammen, daß es klatschte: „Die Welt haben sie erfunden?! — Na, Du, Fritzl, die Welt, die hat der Gott Vater erschaffen!“
Der Fritzl nippte von dem neu angekommenen „guten Geist“, den der Almwirth selber aus Ingwerwurzeln brannte.„Der Gott Vater!“ murmelte er dann vor sich hin, „kann eh’ sein. — Aber — nachher möcht’ ich schier wetten, daß der Gott Vater selber zu den Naturforschern gehört.“
„Geh’, geh’!“ rief Einer vom Ofen her, „bist leicht auch so Einer, der einen neuen Glauben aufbringen will?“
„Nu, nu,“ besänftigte der Alte, „sag’s halt nach, wie ich’s gehört hab’. Dahinter ist schon was und die Naturforscher sind im Land, das läßt sich nicht leugnen. In der Grazerstadt drin haben sie die alten Herren recht in Ehren gehalten. Den ganzen Schloßberg, hab’ ich gehört, hätten sie vor Freud’ angezunden über und über — so viel hätten sie beleuchtet. Bei allen Fenstern — und es giebt viel Fenster in so einer Stadt — hätten sie die Fahnen herausgereckt und Einer hätt’ gar auf die Dominikanerkirchthurmspitz’ eine Fahn’ gesteckt. — Muß wohl was dahinter sein, Unsereiner kann sich das nicht auslegen.“
So hatte der Fritz erzählt und desweg die helle Verwunderung im Almwirthshaus.
Da war zufällig die Agatl, die junge Schwaigerin (Sennin) von der Schoberalm im Hause gewesen, als der Bote Solches und Mehreres lautbar gemacht hatte. Und Agatl ging jetzt gedankenvoll, wie noch selten, ihrer Hütte zu. — Wenn es richtig war, daß die uralten, hochgelehrten Herren kommen auf die Alm und ’leicht auch in die Schoberhütte, dann mag sie wohl was vorrichten. Butter und Käs werden so Leut’ nicht mögen. Da stellt sie’s schon gescheiter an. Das Stubengesiedel scheuert sie rein ab und den Tisch deckt sie mit einem blühweißen Tuch und stellt eingefrischte Gentianen und Herbstzeitlosen drauf, und etwa noch etliche Heiligenbildchen dazu, daß die ehrwürdigen Herren sehen, die Schwaigerin Agatl weiß, was sich schickt. — Dannhat sie — die Agatl — auch noch extra was mit ihnen zu reden.
So wird’s gedacht. Dann naht der Tag des Ereignisses. —
— Die Gelehrten waren von allen Gauen Deutschlands zusammen gekommen in die freundliche Murstadt, um sich gegenseitig kennen zu lernen, schöne Reden zu halten und auf das Wohl der Wissenschaft und auf die Einigkeit des großen deutschen Vaterlandes steierischen Wein zu trinken. Welch’ ein Aufsehen hatte es daher gemacht, als zu Graz in jenen Tagen, in welchen an den Wohnungen aller Freisinnigen Kränze prangten und Fahnen flatterten, auch an der hohen Thurmspitze der Dominikanerkirche eine schwarzgelbe Fahne wehte — eine Huldigung der freien Wissenschaft. Alle frommen Herzen waren außer sich über diesen unerhörten Frevel der Dominikanermönche; am entsetztesten und rathlosesten aber waren — diese Dominikanermönche selbst. Sie waren unschuldig an der Beflaggung ihrer Kirche, die Fahne war über Nacht auf die Thurmspitze gekommen, und zwar auf ganz unerklärliche Weise. Kein Gerüste und keine sonstige Spur war an dem Thurme zu sehen und die Flagge oben am römischen Kreuze wehte in salbungsvoller Jubelstimmung hoch über der festlichen Stadt. Die geistlichen Herren hielten Rath, wie das arge Zeichen möglichst rasch da oben entfernt werden könne.
„Ein Gerüste bauen,“ meinte ein Sachverständiger, „kostet aber zweihundert Gulden.“
„Diese verfluchten Heiden!“ rief Einer.
„Wer den Fetzen ohne Gerüst hinaufgeschafft hat,“ sagte ein Anderer, „der soll ihn auch ohne Gerüste wieder herabtragen.“
Aber wer hat den „Fetzen“ hinaufgeschafft? Wo ist der Thäter? Die Polizei fahndete nach demselben, entdeckte ihn aber nicht. Endlich am zweiten Tage, nachdem sich Graz an der Dominikanerfahne sattsam belustigt und die Mönche sich daran sattsam geärgert hatten und immer noch rath- und thatlos waren, nachdem aber Viele auch die Muthmaßung ausgesprochen hatten, es sei ja möglich, daß der liberale Orden der Dominikaner es mit der neuen Wissenschaft halte — meldete sich ein alter Militär-Veteran, ein ausgesuchter Turner und Kletterer, und erklärte sich bereit, für ein gutes Entgelt die Fahne vom Thurme herabzuholen. Die Dominikaner begrüßten einen solchen Retter in der Noth mit offenen Armen. Als aber der Veteran lustig an der Außenseite des Thurmes emporkletterte, oben kunstgerecht die Fahne losband und dieselbe mit einem lauten „Hoch“ auf die Naturforscher und auf Oesterreich schwang — da war es offen, kein Anderer als Der konnte die Flagge auf die Thurmspitze gepflanzt haben. Das unten versammelte Volk jauchzte ihm entgegen; doch unter diesen Jauchzenden lauerte auch die Polizei. Konnte aber die Polizei einen alten, braven Haudegen fassen, der auf hoher, wenn auch kirchlicher Zinne Oesterreichs Farben entfaltet und Oesterreich ein Prosit gebracht hatte? Unter den Mönchen aber war Einer, der die Zähne knirschte und die Faust ballte hinan gegen den Thurm. Dies sah der alte Soldat; allsogleich band er die Fahne wieder fest am Kreuze, stieg fröhlich den gefährlichen Weg wieder herab, die Flagge wehte oben wie vor und eh’, und die Menge umjubelte den Kletterer.
Nach vielem gütigen Zureden von Seite der Behörde verstand sich endlich der Veteran, die gute alte Reichsfahne von der Thurmspitze zu entfernen. Er bekam hierauf selbstverständlich seine reglementsmäßige „Straf’“, aber seine Richter blinzelten ihm heimlich zu, und dem wackeren Veteran soll es — weiß die Fama — sein Lebtag nie besser ergangen sein, als in jenen vierzehn Tagen, in welchen er seiner „gesetzwidrigen Handlung“ wegen im Arrest saß.
Diese Fahnengeschichte, hier als kleine Abschweifung erzählt, war das Lustigste bei dem Naturforschertage zu Graz. Im Uebrigen waren die Herren endlich des vielen Fetirens satt; Ausflüge in die schönsten Landschaften der Steiermark wurden veranstaltet und freudigen Herzens zogen die Gelehrten den grünen, lebendigen Bergen zu. Nach Hang der Charaktere, nach Art der Studien theilten sich die Wege. Der eine führt in die sonnigen Auen des Unterlandes zu alten, merkwürdigen Burgen und gastlichen Schlössern, zu den Weingärten und Gesundheitsbrunnen; der andere geht unterirdischen Zielen zu, wo in der Kohle, in den Versteinerungen die Spuren vergangener Jahrtausende ruhen, oder die Schätze des Metalls vergraben liegen. Der dritte Weg endlich leitet empor zu lichten, reinen Höhen, zu interessanten Steinen und Pflanzen, zu den Naturspielen der Luft und des Lichtes, zu den leichtlebigen Thieren und zu der kreuzsauberen Agatl. Mancher ist gar mit der Büchse ausgezogen.
Eine gute Anzahl hatte den Weg auf die Berge gewählt.
Als die Herren gegen die Radau kamen, gesellte sich der Pfarrer des Ortes zu ihnen, lud sie freundlich in seinen Baumgarten zu einem Glase Wein mit Zugehör und bat die Gäste schließlich, wenn sie auf der Alm, wo voraussichtlich viele Landleute versammelt sein würden, etwa irgend welch’ eine Begrüßung oder Rede zu halten gedächten: sage bei derlei Reden gefälligst Worte und Abhandlungen zu vermeiden, welche leichtlich geeignet sein könnten, die guten, einfachen Leute in ihrem alten Glauben zu verwirren. Er, der Seelsorger, halte diese Bitte für seine Pflicht. Des Weiteren möge Jeder sagen und thun, was ihm beliebe.
Ueber solche Maßregelung huben einige der Herren an zu murren: „Wenn uns das freie Wort verboten ist auf den Bergen, wo doch die Freiheit wohnt, dann lieber verzichten wir auf die Alpenfahrt!“ Und sie kehrten um, eine Stätte suchend, wo sie nach Herzenslust ihre Stimme ertönen lassen und ihren pathetischen Gefühlen Luft machen konnten. Der größere Theil jedoch versprach dem besorgten Seelsorger gern seine kleine Bitte zu berücksichtigen, maßen ja im Uebrigen ihr Wirkungskreis auf den Höhen des steierischen Arkadiens ein ganz unbeschränkter war.
Sie kamen zum Almwirthshause, wo der alte Fritz schmunzelnd im Winkel saß und sich an der Verwirrung der Wirthin ergötzte, die etliche Gläser in Scherben schlug, bevor es ihr gelang, die begehrten Erfrischungen auf den Tisch zu schaffen. Sie kamen zu den Halterhütten, wo in allen Gelassen neugieriges Bauernvolk lauerte, welches, die Gefahrlosigkeit der Situation einsehend, allmählich hervorschlich. Und sie kamen auch zur kleinen Behausung der Schwaigerin Agatl.
Agatl wurde, als sie die lustige Gesellschaft nahen sah, irre an der Welt und an sich selber. — Alte, weißköpfige, ehrwürdige Herren, auf Stäbe mühsam gestützt und jeder ein großmächtiges Buch unter dem Arm — so hatte sie es erwartet. Und jetzt zog singend und polternd ein Haufe junger, hübscher, schwarz- und blondbärtiger Männer voll Heiterkeit und Possen in ihre Hütte ein. Nur, daß sie noch rechtzeitig die Heiligenbilder unter die Bettdecke verbergen konnte — da stürmten sie auch schon in aller Lustigkeit in die Kammer. Die Herren nahmen sie keck an der Hand undstreichelten ihr die erröthenden Wangen; dann wollten sie Milch und Butter haben für’s Erste; und trieben es lauter und unbändiger, als die Bauernburschen, wenn sie heraufkamen an den Sonntagen.
Und das — meinte die Agatl bei sich — sollten die Herren sein, die dem lieben Gott Vater die Welt hätten erschaffen helfen? Das sollten die großen Gelehrten sein, die — wie der Fritz erzählt hat — den Dampfwagen ausstudirt hätten, und den Telegraph, und das Zacherlpulver, und den Blitzableiter, und die Sonnenfinsternisse, und die Erdbeben, und das Photographiren (wie die Agatl ein Bildniß vom Hansel hat), und die Medicinen, die Salben für Gift und Gall’, und die künstlichen Kopfhaar’ — ’s ist ganz verwunderlich, was man schon hört in der Welt und was die neue Mod’ Alles aufbringt. Und von so leichtfertigen Leuten soll das Alles kommen? — Aber sauber sind sie und fein, ’s selb’ muß man ihnen lassen. Der dort mit dem falben Schnurrbart schon gar — ist hell noch blutjung. Der kann aber das Handdrücken, wie sie’s ihr Lebtag noch nicht so kräftig verspürt hat. Die Milchschüssel ist, gottsdank, so auf den Tisch gestellt, daß er, der Blutjunge, den Rahm mag „derlangen“. So simulirte die Agatl. —
Herr Doctor Willibald war er benamset, derselbige, welcher bei seiner Ankunft der jungen lebfrischen Schwaigerin so wacker die Hand gedrückt hatte. — Ein leiser Gegendruck, den er aber doch erklecklich wahrgenommen hatte, sagte ihm, daß er hier ein günstiges Object für seine Forschungen gefunden haben dürfte. Doctor Willibald war nämlich nicht blos Naturforscher, sondern insgeheim auch ein bißchen Philosoph und Aesthetiker und erforschte in des Menschengeschlechtes schönerer Hälfte gern die Herzen und Nieren.
Die meisten der Herren Naturforscher hatten sich draußen gelagert, „wo klingen alle Auen“. Dort erfreuten sie sich eines gesegneten Mahles mit Naturbraten und Naturwein, erfreuten sich der Naturschönheit und zwanglosen Natürlichkeit. Allmählich zogen sich die Landleute herbei, wurden zutraulich, zeigten den gelehrten Herren „Donnerkeile“, die in der Erde gefunden worden, „Irrwurzeln“, die im Walde wüchsen und Jeden, der „unbesinnt“ darauf trete, von dem rechten Weg ab und in die Irre führten; zeigten Walpurgisblümlein und Marienkraut, mit denen man „wetter- und butterhexen“ kann, zeigten „Hexeneier“, wie sie auf Moorheiden zu finden, und mehr solch’ merkwürdige Dinge, mit denen sie den gelehrten Herren etwas Neues vorlegen wollten, das gewißlich bisher noch nicht erforscht worden wäre. Aber die Herren waren mit Allem schon bekannt. Den Donnerkeil nannten sie Bergkrystall, das Hexenei war ihnen ein Pilz. Ueber die Irrwurzeln lachten sie und sagten: „Ihr lieben Leute steigt Euer ganzes Leben auf Irrwurzeln herum.“ Der Herr Doctor Willibald hingegen behauptete kurz und entschieden: es gebe gar keine Irrwurzel; das, was der Aberglaube so nenne, sei blos die Wurzel des Weiderich. — Uebrigens kümmert sich der junge Mann weder um den Weiderich, noch um seine Genossen, noch um die paar Jägersleute, die ein todtes Reh vorbeischleppten, welches sie einem Wildschützen abgejagt hatten. Während die Anderen draußen lustig essen und trinken, sitzt er am Herde bei der Schwaigerin und schwätzt.
„Agatl,“ sagte er, konnte aber den Namen nicht mundgerecht aussprechen, weil er von den Gegenden der Mitternacht kam, in welchen die Zunge schon ein wenig anders gewachsen ist, als in dem sangreichen Himmelsstriche der Alpen, „Agatl, Sie sind ein prächtiges Mädchen!“
„Eh’, Du Tollpatsch!“ rief die junge Schwaigerin aus, „wird der Herr noch eine Weil’ Sie zu mir sagen! Bin ja kein Stadtfräulein nicht.“
Hierauf sind sie Du und Du zusammen geworden.
Als das Agatl mit seinem Korbe hinab in die Matten ging, um den Kühen grünes Futter für den Abend zu holen, begleitete sie der junge Doctor und sah ihr zu, wie sie all’ die schönen Pflanzen und Blumen, die der Botaniker so sorgsam hegt, so genau studirt, so haarklein beschreibt in den Büchern; die der Dichter so rührend besingt und die das Rind so gern frißt — mit der Sense niedermähte. Noch versuchte der junge Gelehrte dem Mädchen einige Blumen zu erklären; sie ließ ihm aber nichts gelten, sie hatte ihre eigene Naturgeschichte.
„Ja,“ sagte sie, „jetzt, das sind die Liebfrauenschühlein, die ziehen die verstorbenen Jungfrauen an, wenn sie in’s Himmelreich eingehen. Und das ist der Herzensschlüssel, den man den hübschen Buben auf den Hut stecken muß, dann schauen sie um, auf dem Kirchweg, wenn Eins hinten drein geht. Und das ist die brennende Lieb’, die alle sieben Jahr’ nur einmal treibt. Und das — kennst Du das auch nicht? — das ist die blühende Untreu.“
„Das trifft man auch unten an,“ bemerkte der Naturforscher.
„Ja,“ sagte sie, „das wächst überall.“
„Bei Dir kann man ja allerhand lernen,“ versetzte der Gelehrte.
„Oh, wegen deswegen,“ antwortete das Mädchen, „ich weiß schon noch mehr; aber mir fällt’s jetzt nicht ein.“
Die Herren dort drüben auf der Au richteten sich an zum Abzuge. Die Agatl merkte es und sagte leise und vertrauensvoll zum jungen Doctor: „Wollt’ gern, Du bliebst bei mir bis zum Abend!“
Groß und innig war das Auge, mit dem sie ihn jetzt anblickte, und ein Hauch der Schwermuth lag in dem Worte: „Ich wollt’, Du bliebst bei mir!“
„Du herziges Kind!“ lispelte Willibald, „meine Kameraden mögen ziehen, wohin sie wollen, ich bleibe bei Dir!“ Er drückte ihr wieder die Hand — die rechte und die linke, und preßte sie und walkte sie eine Weile in der seinen. Sie sah ihm dankend in das Angesicht.
Die übrigen Herren hatten mit ihren funkelnden Instrumenten noch allerlei Beobachtungen angestellt; sie hatten das Wasser der Quelle geprüft — es roch aber nach gar nichts. Sie hatten herumgehämmert an den Steinen und nichts gefunden, als daß sie Funken gaben, wenn man in sie dreinhieb. Und endlich hatten sich die Forscher zwischen den Zerben und Schwaighütten hin verloren.
Herr Doctor Willibald blieb zurück. Er sah in stiller Glückseligkeit dem flinken, heiteren und blühenden Mädchen bei dessen Arbeiten zu. Sein Auge ergötzte sich an ihrem glatten, schlanken Halse, an welchem auch nicht die mindeste Spur von einem Kropfe war, wie solche doch der Naturbeschreibung nach in Steiermark gut gedeihen sollten. Er ergötzte sich an ihren Flachshaaren und trillerte sogar das Liedchen, er wolle wegen „dem Dirndl sein Flachshaarl ein Spinnradl werden“. Er ergötzte sich an ihrem rothen Lippenpaar, zwischen welches sie ein Steinnelkchen gelegt hatte. Er ergötzte sich an ihren runden Armen, über welche die weißen Aermel zurückgeschlagen waren bis über das Grübchen des Ellbogens hinein. Er ergötzte sich an der jugendlichen milden Hebung des Busens, an der ganzen anmuthsreichen, geschmeidigen Gestalt. Mit einem Wort, er ergötzte sich an der Almerin.
Als es draußen endlich zu dunkeln begann und der Gelehrte noch immer in seine Naturstudien versunken war, kam der Hirte mit den Kühen von der Weide und leitete sie in die Ställe; kam auch ein junger Bursche mit einer Gemse auf dem Rücken den Berg heran und fragte unsern Willibald, ob er in der Hütte übernachten wolle. Dieser brummte ein unverständliches Wort; der Bursche schritt fürbaß und begab sich rückwärts in den Stallboden. Agatl stand an dem flackernden Herdfeuer und ihre Wangen waren doppelt roth und ihre Augen leuchteten doppelt — sie war doppelt schön.
Schier ein bißchen schämig hatte sie ihren Gast aus den fernen Mitternachtsgegenden gefragt, was sie ihm aus ihrer kleinen Vorrathskammer für den Abend vorsetzen dürfe. „Agatl,“ hatte der Herr geantwortet, „ich esse mit Dir aus Einer Schüssel.“
Darauf war der Abend immer dunkler und die Schwaigerin immer verlegener geworden. Sie hatte ein vielgroßes Anliegen. — Aber es ist halt schwer, mit so einem weltfremden Herrn. — Freilich ein großer Gelehrter! Wissen thät’ er sicher was gegen die böse Sach’....
Endlich schlich sie vom Herde gegen den Tisch, fuhr über denselben mit der Schürze und es lag doch kein Staub darauf. Dann ging sie zum Fenster und sah hinaus; ’s war all’ stockfinster. Dann ging sie zur Wanduhr und wollte dieselbe aufziehen, war aber ohnehin das Gewicht ganz oben, weil sie es erst vor zehn Minuten aufgerollt hatte. Endlich ging sie zum Butterkübel und blieb davor eine Weile stehen und lugte verstohlen gegen Willibad hin. Und schießlich that sie ein paar Schritte zu demselben und flüsterte: „Jetzt, Herr, wenn ich rechtschaffen bitten dürft’, daß Er ein bissel mit mir ginge — lang’ thäten wir uns nicht aufhalten.“
Der junge Mann ging mit ihr — leisen Schrittes und im Herzen Erwartung. Sie führte ihn in den Stall. Sie leitete ihn an der Hand zwischen den Streuschichten und Futterhaufen hin. Und als sie im Finstern waren, hauchte das Mädchen dem Fremden zu, er möge doch recht Acht geben, daß er nicht falle. Hierbei zündete sie die Laterne an und sie standen vor den Kühen.
„Die da,“ sagte nun die Agatl mit einem schweren Athem, und deutete auf ein braunes Rind mit großem Euter, „die da wär’s halt. Was hab’ ich sie nicht mit Weihwasser angesprengt über und über! Jeden Tag drei Palmkatzel geb’ ich ihr auf den nüchternen Magen, ’s schlägt nicht an und ’s will nicht schlaunen. Dreidoppelt muß es verhext sein, das arme Vieh, ich kann’s anders nicht glauben. Seit Bartelmei her giebt sie schon die blutrothe Milch. Jetzt, was ist zu machen?“
Der Doctor war verstimmt, er schüttelte das Haupt. Da setzte sich die Schwaigerin auf den einfüßigen Stuhl und molk das braune Rind. Und in der That, die Milch war ganz röthlich.
Kurz sprach der Naturforscher seine Meinung aus, der Zustand hätte nicht viel zu bedeuten; es gebe ein Kraut, das, von den Kühen genossen, die rothe Farbe in die Milch bringe. Auch könne eine kleine Ueberfütterung daran schuld sein. Er nehme sich für die Auskunft ein Küßchen. Sie wendete nichts dagegen ein; als sich Willibald aber anschickte, sein Honorar zu holen, da rief die Agatl hell: „Hansel!“
Sogleich guckte ein Blondkopf durch eine Wandlücke von der Scheune heraus. Es war der Bursche, den Willibald Tags zuvor als Jäger mit der Gemse gesehen hatte. Jetzt sagte der Hansel: „Soll ich Dir was, Agatl?“
„Daß ich Dir’s sag’, morgen kommen die Küh’ auf die Oberweid’,“ rief das Mädchen.
„Das weiß ich ja eh’,“ brummte der Bursche, und zog sich wieder zurück.
Einen Augenblick war’s still und der Erzähler vermuthet, es habe sich im ganzen Stalle nachgerade gar nichts geregt. Doch nahmen die Dinge allmählich eine solche Gestalt an, daß die Agatl abermals mit scharfer Stimme den Namen „Hansel“ rief.
Als der Hansel da war, sagte mißmuthig der Herr Doctor Willibald: „Ja, wie bemerkt, von einer Zersetzung durch die Hitze wird sie kommen, die rothe Milch. Adieu!“
Und er ging nachdenklich davon. Unterwegs nach Radau hinab murmelte er mehrmals zu sich selber: „Ich habe heute behauptet, daß es keine Irrwurzeln gebe, und bin an diesem Tage selbst auf eine solche getreten.“
Die Agatl und der Hansel aber blieben oben.
Kapitelende