II. Theil.Winterabende.

II. Theil.Winterabende.Finstere Geschichten.

Finstere Geschichten.

Winterabende.

S

Seit altersher war es in unseren lieben deutschen Spinnstuben und Heimgarten Sitte, die langen Winterabende nicht allein mit Gesang und Scherz, sondern auch mit Gespenstergeschichten zu vertreiben.

Nun hat aber in unserer hellilluminirten Zeit der Glaube an Gespenster aufgehört. Weil jedoch die langen Winterabende nicht aufgehört haben und das allgemeine Bedürfniß nach Grauen und „Gruseln“ auch noch vorhanden ist, so weiß sich der Erzähler nicht anders zu helfen, alsjeneGespenster vorzuführen, die leidernichtabgeleugnet werden können, jene Dämonen, mit denen Jeder von uns jeden Tag in heißem Streite liegt und die — wie schrecklichoft— zur tiefsten Tragik unseres Lebens werden.

Demnach können das keine lustigen Geschichten sein — sie werden unheimlich, finster und stürmisch sein, wie die Winternächte.

Der Dichter — und ginge sein Sinn noch so sehr nach dem Heiteren und Lichtvollen, mit dem er sich und die Mitmenschen erquicken und erfreuen möchte — er darf die Schatten diesesirdischen Lebens nicht verneinen, er muß bisweilen zeigen, wie man in denselben irren und fallen kann. Aber einen Leuchtthurm muß er bauen, der die Thaten und Opfer der Nacht milde bestrahlt, daß auch dort noch Liebe und Versöhnung sei, wo die vom Lichte geblendeten Kinder der Welt erbarmungslos richten.

Die Darstellung tragischer Schicksale bezweckt nichts weniger, als dem Skepticismus und Pessimismus Vorschub zu leisten; in der Thatsache, daß der Schuld naturgemäß die Strafe folgt, ist der beste Beweis, daß die Welt von einem Principe der Gerechtigkeit beherrscht wird. Die Offenbarung dieses Principes — und ginge sie auch durch Elend und Jammer — muß für uns unter allen Umständen trostreich sein. Wenn wir das Verhängniß anklagen, welches den Menschen in diesem Leben schuldig werden läßt und ihn dann der Pein übergiebt,weil sich alle Schuld auf Erden rächt, so geben wir zu, daß dieses Verhängniß einer größeren Macht, der Gerechtigkeit, unterworfen ist. Daraus folgt, daß wir der Zuversicht sein dürfen, die größere Macht werde endlich siegen, und uns — indem wir sie erkennen — Kraft verleihen, die Dämonen zu besiegen, bevor sie uns schuldig werden lassen.

Sollte sich in dem nachstehenden zweiten Theile dieses Buches eine Erzählung finden, in welcher der tückische Zufall mehr als die Gerechtigkeit, das Traurige mehr als das Tragische vorzuherrschen scheint, so wird in derselben auch die Wendung zum Frohen und zum Frieden nicht vermißtwerden. Ein Leid, welchesvorder Schuld kommt, nennen wir Prüfung und ist — wird sie mit einer gewissen sittlichen Kraft ertragen — eben so heilsam, als im Falle der Schuld die Sühne.

Muthwillig habe ich keinen von den Handelnden dieser Erzählungen in den Abgrund gestürzt; sollte es aber dochnichtsein, daß ich darin nach dem Vorbilde eines allmächtigen Gottes gehandelt habe, so möge ein solcher nach dem meinen handeln.

Der Verfasser.


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