Sanct Josef der Zweite.

Sanct Josef der Zweite.

W

Wenn es erlaubt ist, es zu leben, so ist es doch auch erlaubt, es zu erzählen. Wer’s nicht glauben will, der komme mit mir in’s Kärntnerland, in das Thal der Gurk.

In diesem Thale lebt Josef der Zweite.

Koloman der Zimmermann ist ein frommer Mann; er macht jeden Tag um ein Stündlein früher Feierabend als seine Gesellen, um ausP.M. Vogel’s Heiligen-Legende die Lebensbeschreibung des betreffenden Tagesheiligen zu lesen und sich an dem dazugehörigen „Lehrstück und Nachfolge“ zu erbauen. Koloman ist ein großer Freund der Heiligen Gottes und seit lange her schon ist es sein ernstlicher Entschluß, in ihre Fußstapfen zu treten, ihnen ähnlich zu werden. Der Entschluß ist sogar ausgeführt worden. Nur begann der Koloman nicht mit seinem eigenen Namenspatrone, von dem in dem ganzen Buche nicht eine einzige Zeile zu finden, sondern — und zum Unglücke — mit der Nachfolge des heiligen Paulus, des heiligen Augustinus, und führte mit Salbung und Ausdauer ein rechtes Heiden- und Luderleben; als es jedoch zur Bekehrung und Buße kommen sollte, da wählte er sich wieder irgend einen anderen Heiligen als Vorbild; und würden es nur seine Mittel erlaubt haben, erhätte sich am liebsten an die heiligen Könige, Fürsten und Päpste gehalten, deren Nachfolge jedem guten Christen allzeit noch am erquicklichsten war.

Indeß kam Koloman der Zimmermann auf keinen grünen Zweig; da sagte ihm einmal sein Beichtvater, ein alter Priester:

„Koloman, Du möchtest Dir’s bequem machen und auf einer Rosensänfte in den Himmel getragen werden; oh, Du bist ein Feiner! Koloman, Du bist ein Heide über und über!“

Bei Gott, das war grob. Koloman wartete gar nicht auf das Kreuz der Absolution, er stürzte vom Beichtstuhl hintan und beschloß, sich einen anderen Seelenfreund zu suchen.

Nicht gar weit davon, in einem Kloster, lebt ein junger frommer Priester, ein sanftmüthiger und demüthiger Mann, ein blasser, mildäugiger Jüngling, ein heiliger Aloisius von der kleinen Kopfglatze an bis hinab zur großen Zehe.

Zu diesem ging nun Koloman der Zimmermann, und wählte ihn zu seinem Beichtvater.

„Ja, mein Freund im Herrn,“ sagte der neue Seelenarzt und fuhr mit dem weißen Sacktuch über sein friedenumstrahltes Antlitz, „ja, mein Freund, es ist wohl nöthig, Ihr müßt Euch einen bestimmten Heiligen als Vorbild wählen und bei demselben verbleiben in allen Versuchungen und Widerwärtigkeiten dieses Lebens, bis Euch Gott die Krone der Auserwählten auf das Haupt wird setzen.“

„Wenn mir der geistliche Herr halt etwa so einen Handsamen thät wissen!“ meinte der Koloman.

„Wählt Euch den heiligen Aloisius,“ rief der Beichtvater.

„Selb’ nicht,“ sagte Koloman, „selb’ ist ja schon zu spät.“

„Schade,“ versetzte der Priester, „aber vielleicht den heiligen Johannes in der Wüste?“

„Wollt’ mir gleich gefallen, thät ich nur den wilden Honig und die Heuschrecken ein bißle lieber essen.“

„So entschließt Ihr Euch wohl für einen heiligen Blutzeugen und Märtyrer; da haben wir die glorreichsten Exempel an St. Stefanus, St. Paulus, St. Laurentius, St. Bartholomä —“

„Dem die Haut abgezogen ist worden?“ unterbrach der Koloman.

„Hingegen steckt er jetzt in einer himmlischen Haut!“ rief der Priester; „und wir haben ferner den heiligen Andreas, wir haben St. Blasius, wir haben die Nothhelfer und vierzig Märtyrer — nun?“

Der Koloman schüttelte nur so den Kopf. — Wohl wahr, diese Welt sei grundschlecht, aber gerade übel sei sie nicht, und wisse er, der Koloman, nur, daß ihn der Herr auch wieder bei Zeiten vom Tode auferwecken wolle, er würde sich gern den heiligen Lazarus zum Vorbilde nehmen.

„Ja, mein Freund, wenn Ihr mit solchen Prätensionen kommt, so ist Euch schwer zu rathen,“ sagte der junge Beichtvater und lächelte voll Sanftmuth. „Wolltet Ihr nicht, wie die heilige Elisabeth, Euer Hab und Gut den Armen, oder wie die heilige Hema, die, wie Ihr wißt, besonders in diesen Bergen hochverehrt wird, Euer Vermögen der Kirche weihen?“

„Gern,“ sagte der Koloman, „aber im Testament, wenn’s noch Zeit wär’ und mein Weib nichts dagegen hätt’.“

„Ihr lebt im Ehestand?“ fragte der Priester völlig überrascht.

„Ja, bisweilen, und so seit ein paar Jährchen her,“ antwortete der Koloman; „angerathen ist’s mir worden, daßich heiraten sollt’, und der heilige Büßer Franziskus, lese ich, ist auch verheiratet gewesen.“

Der Priester schwieg ein Weilchen.

„Ah, Freund,“ sagte er dann, „Ihr habt noch weit dahin, Euch von den irdischen Begierden frei zu machen. Im Vereine mit Euerer Ehegattin müßt’ Ihr gegen den Bösen streiten. — Euer Weib geht doch auch häufig zur heiligen Beichte?“

„Recht passabel,“ sagte der Koloman, „und wenn’s leicht ging’, so möcht’ ich auch sie mit mir in den Himmel hinaufschleppen.“

„Ein neuer Beweis Eueres christlichen Sinnes,“ bemerkte der Beichtvater; „wie wäre es doch, lieber Freund, wenn Ihr dem heiligen Josef nachfolgen wolltet? Auch Josef war ein Ehemann und ein Mann nach dem Herzen Gottes —“

„Und Zimmermann!“ rief der Koloman aus, „Zimmermann wie ich. Ja, das ist ausgezeichnet, auf den heiligen Josef hatt’ ich bei Gott ganz vergessen; freilich, freilich, der ist der Rechte, und — nicht wahr, Hochwürden,“ setzte er kleinlaut bei, „geschehen ist ihm nichts? — gesteinigt, enthauptet, oder so was? — nicht? — Punctum, beim Josef verbleib’ ich.“

In Folge dieses vortrefflichen Vorsatzes wurde dem Koloman die Lossprechung „von allen seinen Sünden“ ertheilt; „Auch von den zukünftigen?“ fragte er noch in äußerst unbedachter Weise, allein der Beichtvater hatte zum Glücke schon den Schuber geschlossen.

Als Koloman heim zu seinem jungen Weibchen kam, erzählte er viel Gutes und Schönes von dem frommen Ordenspriester, und sofort begann er sein Haus nach dem biblischen Style der heiligen Familie einzurichten.

Er führte das Zimmerhandwerk fort, hobelte und leimte und war gottesfürchtig dabei. Auch lebte er eine Zeit lang in Entsagung; und sein Weib — das sich auch den jungen Klostergeistlichen zum Beichtvater erwählt hatte, — theilte mit ihm gern diese Entsagung, und so führten sie ein beschauliches und erbauliches Leben.

Koloman hatte den Frieden des Leibes und der Seele; und einmal brachte ihm sein Weib einen Lilienstamm — (es war aber eine Zwiebeldolde) — nach Hause, auf daß er ganz und gar der zweite heilige Josef sei.

Zu diesem Zwecke hatte sich der Koloman auch den Bart wachsen lassen, und in seiner Stube trug er gern einen langen, farbigen Rock und Sandalen an die Füße gebunden. Tabakschnupfen konnte er wohl nur insgeheim, hingegen wußte er, wenn Jemand zugegen war, sehr salbungsvoll zu hobeln und hatte auch häufig die Augen gegen Himmel gerichtet, außer wenn ihm irgend welcher Arbeitslohn in die Hand gelegt wurde, da guckte er sofort auf das Geld, ob nicht etwa ein falscher Silberzehner dabei.

So verging die Zeit. Wohl alltäglich las der Koloman sein Capitel aus der Heiligen-Legende, aber allen Büßern und Märtyrern sagte er es in’s Gesicht: „Ihr Hascherle, was seid Ihr gegen mich? Ich bin Josef, der Sohn Isak’s, der Sohn Jacob’s!“

Da geschah es einmal, daß Maria, sein Weib zu ihrem Manne sagte:

„Koloman, hast gutes Kirschbaumholz liegen?“

„Warum?“ versetzte er.

„Nein, ich frag’ nur,“ antwortete das Eheweib und blickte demüthig zur Erde und beschäftigte sich mit den Häkelchen ihrer Joppe.

Nach mehreren Tagen sagte sie wieder: „Koloman, wenn Du Kirschbaumholz liegen hättest, so ein Wieglein könntest Du einmal zimmern.“

Der Sohn Isak’s und Jacob’s machte ein langes Gesicht: „Eine Wiege? Wieso denn? — Wieso denn das, Maria?“

Sie zuckte die Achseln und schlug ihre Augen demuthsvoll zu Boden.

Der Koloman ging verstört umher, las die Legende, sann, las wieder — stützte sein grauendes Haupt lange auf die Hand.

Sollte denn diese Familie thatsächlich so fromm sein, daß Zeichen und Wunder an ihr geschähen?

„Warum nicht?!“ fuhr der Zimmermann auf und eilte sofort schnurstracks zum Seelenfreunde, ihm freudig zu erzählen, was in seinem Hause geschehen.

Der junge Priester ging eben im Klostergarten spazieren, und als er den Koloman so aufgeregt und hastig auf sich zueilen sah, setzte er seine Füße aus, so weit es die Kutte nur gestattete, und floh durch das Buschwerk davon.

In der „heiligen“ Familie kam ein Kindlein an. Der Nährvater giebt es genug auf Erden, aber wer insonderheit Sanct Josef den Zweiten zu sehen wünscht, im Gurkthale, wie gesagt. Und als Lilienzweig — ein welker Zwiebelstengel ist das Zeichen seines Hauses.

Kapitelende


Back to IndexNext