Abschiedsabend

[pg 281]AbschiedsabendAm Abend ging ich nach dem Forellenhofe. Die schöne „Hanne“ nahm Abschied von uns. Von Mai an war das Mädchen bei uns, und jetzt, da es gehen wollte, war mir’s, als schwänden Sommer und Sonne dahin, und es könne nun nichts mehr geben als graue Tage. Ich litt wie Piesecke; ich jammerte nur nicht so. Aber auch vielen anderen Leuten ging Evas Abschied nahe; ich hörte, daß die dicke Susanne schon tagelang mit rot verquollenen Augen herumlaufe.Wenn der November kam, würden sich wahrscheinlich unsere Kurgäste an Zahl vermindern; dann wollte ich auch mal ausspannen, wollte für ein paar Wochen Ferien machen. Ich erwischte mich bei dem Gedanken, daß ich dann wahrscheinlich nach einer großen Stadt reisen würde, nach Berlin oder Wien. Ich bin nun schon so lange in dieser Einfachheit und in diesem ruhigen Frieden, daß ich mich wahrhaftig manchmal sehne, in einer elektrischen Straßenbahn zu fahren, ein gutes Theater zu besuchen, mal in einem vornehmen Restaurant zu speisen. Es kann gar nicht anders sein: wenn der Doktor aus dem Friedensidyll einmal Ferien vom Ich machen will, muß er in Glanz und Lärm hinein.Variatio delectat.[pg 282]Ich nehme es unseren Bauern nicht übel, daß sie sich zuweilen Sonntags nach Neustadt hinüberschleichen, um dort ins Kino zu gehen, und die hämischen Bemerkungen der „Neustädter Umschau“ über diesen Fall beweisen nur, daß das Blatt keine Ahnung von dem Abwechselungsbedürfnis des Menschen hat. Wer immer im Lärm sitzt, wird stumpf, wer immer in der Stille ist, auch; nur die wechselnde Welle trägt des Menschen Schiff.Daß mich neben diesen Erwägungen auch der Gedanke leitete, ich könne meine Ferienreise vorteilhaft über die Stadt verlegen, wo Eva diesen Winter singen würde, wollte ich mir kaum zugestehen. Denn ich hatte doch ein Ende gemacht mit meiner Liebe; ich wußte doch recht gut, daß ich nicht eher ein idealer Leiter dieses Ferienheims sein würde, als ich nicht selbst von allen persönlichen Banden und Sorgen befreit war, daß ich immer noch selbst zu sehr in der alten Haut steckte ...Die große Stube im Forellenhof war dicht besetzt mit Menschen. Viel alte Freunde kamen, um sich von Eva zu verabschieden. Ein paar Kränze von Astern hingen an den Wänden, die letzten Rosen des Gartens blühten auf dem Tisch. Wenn ein Kurgast von uns Abschied nimmt, erhält er als Andenken ein Album überreicht, in dem einige gute Bilder nach Radierungen, Heliogravüren, Aquarellen und Zeichnungen von unserem Heim enthalten sind, außerdem aber eine Anzahl Photographien, auf denen der betreffende Gast in irgendeiner Situation, die er miterlebt hat, verewigt ist. Denn photographiert wird bei uns viel. Bei der Arbeit, vor dem[pg 283]Bauernhaus, beim Feldfeuerchen, bei irgendeinem Ulk, beim Waldfest, beim Kirchgang, bei tausend anderen Gelegenheiten wird von unseren Kurgästen photographiert. Und jeder, der auf einem Bilde freiwillig oder unfreiwillig mit aufgenommen ist, bekommt einen Abzug in sein Album geklebt.Eva bekam ein Album in vier Bänden. Sie war sehr lange bei uns, und es hatten gar zu viele Amateure nachgesucht, wenigstens eine ihrer Aufnahmen in Evas Album zu bringen. Methusalem hatte einige reizende Bleistiftskizzen beigesteuert. Die letzte war ein Stimmungsbild von der Landstraße, die unten am Zeughaus vorbeiführt, zeigte einen im Abendschein entschwindenden Wagen und hatte die Unterschrift:„Die Sonne geht unter.“Auch du, mein Sohn Brutus? – Es fiel mir auf, wie lustig Methusalem sein wollte, wie zerstreut er war, wie gemacht heute sein Lachen klang. –Eva saß im Scheine der großen Hängelampe und durchblätterte das Album. Sie sagte nicht viel, aber mit einem Male rannen große Tränen über ihre Wangen. Dann wischte sie sich energisch das Gesicht ab und sagte:„Nein, ich darf mich wohl nicht allzusehr unterkriegen lassen. Aber diese Bücher sind herrlich. Sie werden mein liebstes Besitztum sein. Alle, alle sind drin – nur einer fehlt. Ignaz, warum sind Sie nicht auf einem einzigen Bilde? Mir ist das aufgefallen.“Ignaz, der am Ofen lehnte, wandte sich weg und drückte die Wange gegen die Kacheln des Ofens. „So ein[pg 284]ekliger Kerl, wie ich, ist nicht für Bilder“, sagte er mit seiner knurrenden Stimme. Aber es klang wie ein Schluchzen darin.„Es tut mir leid, Ignaz“, sagte Eva freundlich; „Sie waren gut und treu zu mir!“Da ging der Knecht stumm zur Tür hinaus. Ich sah, wie der Kurgast „Steiner“, von dem ich nun wußte, daß er ein Detektiv war, dem langen Ignaz mit einem messerscharfen Blick nachschaute.Barthel hatte zu Ehren des Abends ein Fäßchen Moselwein angezapft und hielt eine Rede:„Meine Damens und Herr’n! Der heutige Abend is nich so wie sonst, sondern anders. Es is ein ernster Abend, weil Fräul’n Hanne fortzieht, und deshalb hab ich Sie zu einem Gläschen Wein eingeladen, und ich wünsche, daß er Ihnen allen recht wohl bekommen möge. Wir sind alle sehr traurig; denn wir verlieren Fräul’n Hanne sehr, sehr ungern.“Der Redner wurde unterbrochen. Frau Susanne weinte und prustete so heftig, daß sie sich zur Tür hinaus retten mußte. Auch Barthel fuhr mit der Hand nach den Augenwinkeln.„Sehen Sie, meine Herr’n, meiner Alten geht es auch nahe. Eine Zeitlang – ich kann das wohl jetzt ruhig sagen – is sie wegen Fräul’n Hanne und mir eifersüchtig gewesen. Aber es war bloß blinder Lärm; ich weiß doch, was ich mir schuldig bin!“Wieder eine Unterbrechung. Zwei Herren und eine Dame hielten sich das Taschentuch vor den Mund.[pg 285]„Sehen Sie, meine Damens und Herr’n, mit einem Hausvater, wie ich, ist das ein reines Elend, obwohl es mir gut geht. Denn sehen Sie, die Leute, die hierherkommen, verstehen alle rein gar nichts, und die meisten sind sehr faul und haben das Arbeiten nich gelernt. Ich muß sie erst alle mühsam zurechtstutzen. Und wenn man dann mal so ’ne Perle bekommt wie die Hanne, die so famos Butter machen kann, und sie zieht wieder fort, dann ...“Mit Barthels Fassung war es aus. Er weinte in sein rot geblümtes Taschentuch und konnte schließlich nur noch sagen:„Nun trinken wir halt auf Fräul’n Hannes ihre Gesundheit!“Das Mädchen war sehr bewegt. Es wurden noch einige kurze Ansprachen von Gästen gehalten, die Hanne feierten und in denen auch Vater Barthel unmäßig viel Weihrauch gestreut wurde, und schließlich mußte Hanne singen. Sie war ruhiger geworden, stimmte ihre Laute und sang mit ihrer zarten, lieblichen Stimme das Lied, das aller Abschiedslieder Krone ist und bleiben wird:„Morgen muß ich fort von hierUnd muß Abschied nehmen –“Während des Liedes öffnete sich leise die Tür. Der lange Ignaz schlich sich herein, lehnte den Kopf an die Wand und preßte die Hände an die weiße Mauer.Die Lampe flackerte; die Spätherbstrosen blühten auf dem Tisch.[pg 286]Als Eva das Lied beendet hatte, stürzte plötzlich einer vor, warf sich dem Mädchen zu Füßen und rief:„Gehen Sie nicht fort – gehen Sie nicht fort, Fräulein Hanne; ich muß sonst sterben!“Es war Piesecke. Und da sah ich auch schon, wie sich der lange Ignaz umdrehte, wie ein wilder, giftiger Blick über Piesecke und das erschreckte Mädchen hinfuhr, und im nächsten Augenblick hatte Ignaz den zarten Piesecke erfaßt, schleuderte ihn sich wie einen Sack über die Schulter und verschwand mit ihm durch die Tür.„Daß kein Unglück geschieht!“ rief ich und eilte nach. In aufgeschreckter Unordnung drängte alles nach dem Hofe. Dort hatte der starke Ignaz den zappelnden Piesecke bereits mit gewaltiger Wucht auf den großen Düngerhaufen geworfen. Es war dem so schmählich Behandelten weiter kein körperliches Unheil zugestoßen; aber ich war doch so erzürnt ob der neuen Gewalttat des Knechtes und der Störung unserer schönen Stimmung, daß ich sagte:„Ignaz, Sie gehen jetzt schlafen! Und morgen früh werden Sie Ihr Bündel schnüren. Dafür werde ich sorgen!“Er wandte sich trotzig zur Seite. Ich ging aufgeregt nach der Stube zurück und traf daselbst den Detektiv Steiner, der allein zurückgeblieben war und ein Blättchen Papier, auf dem Fingerabdrücke zu sehen waren, sorgsam mit den schwachen Spuren verglich, die des Knechtes Ignaz Arbeitsfäuste an der weißen Mauer hinterlassen hatten. Ohne auf mich zu achten, ging der Be[pg 287]amte in den Hausflur hinaus, in den eben der lange Ignaz eingetreten war, trat auf den Knecht zu und sagte:„Josef Wiczorek, ich verhafte Sie im Namen des Gesetzes!“Die Umstehenden starrten den Sprecher an.„Was wollen Sie, Herr Steiner?“ fragte der Bauer Barthel erschrocken.„Ich heiße nicht Steiner, ich bin Geheimpolizist und habe meine Legitimation in der Tasche. Ich bitte, daß mir Gelegenheit gegeben wird, den verhafteten Josef Wiczorek, der sich hier unter dem Namen Ignaz Scholz aufgehalten hat, sofort nach dem Amtsgerichtsgefängnis in Waltersburg zu transportieren.“Josef Wiczoreks Augen verglasten sich. Ein kurzes Grunzen – und plötzlich schlug er mit beiden Fäusten um sich, machte sich Platz und verschwand blitzschnell im dunklen Hofe.„Haltet ihn!“ rief der Polizeimann; „er ist ein lange gesuchter Raubmörder!“Wir schrien alle, wir rannten. Ich stieß mit Barthel zusammen und machte meinem Grimme Luft.„Barthel, das haben wir Ihnen zu verdanken, Sie haben den mir längst unheimlichen Gesellen gehalten; Sie haben behauptet, Sie kennten ihn von Jugend auf als ehrlichen Kerl. Nun kommt diese Schande über uns.“„Herr Doktor, lieber Herr Doktor, verzeihen Sie mir“, wimmerte Barthel, „ich konnte nicht anders!“ Er verlor sich von meiner Seite ins Dunkel.[pg 288]GerichtlichesWie wenn ein Marder in einen Taubenschlag eingebrochen ist, so war es. Alles flatterte wirr durcheinander in Aufregung und Angst. Alle Höfe öffneten sich, von Mund zu Mund flog die Kunde, auf dem Forellenhof sei ein Raubmörder ertappt worden, aber entwichen. Der lange Ignaz! Die Weiber kreischten und schauten neugierig aus Fenstern und Türen, die Männer wagten sich mit Stöcken bewaffnet fünfzig Meter vors Haus, ihre Frauen jammerten von der Haustür aus über diese Tollkühnheit und riefen die Männer zurück – es war abscheulich! Der Löw’ ist los, und alles verliert den Verstand. Nur einige Mutige stürmten hinaus, den Unhold zu fangen, taten sich zu Gruppen zusammen, bewaffneten sich in der Eile, so gut sie konnten.Ich schüttelte in der nebligen Abendluft erst meine Gedanken zurecht, sagte mir, daß die Verfolgung bei dieser Rabenfinsternis ganz aussichtslos sei, und ging nach der Direktion, um den Direktor zu sprechen. Er war nicht zu finden. Dafür traf ich den Geheimpolizisten an. Er stand am Telephon. Nach Waltersburg telephonierte er, nach dem Neustädter Bahnhof, nach zehn anderen Stationen im Umkreis, nach der Provinzialhauptstadt. Immer das[pg 289]selbe: „Im Ferienheim Waltersburg hat sich unter dem falschen Namen Ignaz Scholz, genannt der lange Ignaz, der Raubmörder Fleischergeselle Josef Wiczorek aufgehalten. Ist soeben nach erfolgter Verhaftung entwichen.“Darauf folgte genaue Beschreibung und Aufforderung zur abermaligen Verhaftung.Ich saß ganz zerschlagen auf dem Schreibtischstuhl unseres Direktors, der immer noch nicht aufzufinden war, und hörte zu, wie „Herr Steiner“ telephonierte. Er schnarrte mit seiner scharfen Polizeistimme die Schande meines lieben Ferienheims in alle Winde. Endlich war er fertig. Er wandte sich an mich.„Herr Doktor, Sie sind der verantwortliche Leiter dieses Sanatoriums?“„Nur vom ärztlichen Standpunkt aus verantwortlich.“„Und wer trägt die Verantwortung für die gesetzliche Ordnung?“„Mister Stefenson und in seiner Vertretung Direktor von Brüning.“„Wo ist der Direktor?“„Ich weiß es nicht.“„Wo ist Mister Stefenson?“„In Amerika.“Der Polizeimann notierte alles in seinem Buch.„Was ist Ihnen von diesem angeblichen Knecht Ignaz Scholz bekannt, Herr Doktor?“Ich sagte ihm, daß mir dieser Knecht Ignaz allerdings persönlich stark unsympathisch gewesen sei, daß ich aber[pg 290]– außer einigen Grobheiten oder auch Roheiten, die er begangen – keine Veranlassung gehabt habe, den Menschen für einen Verbrecher zu halten, zumal mir der Bauer Barthel, dem ich vertraue, erklärt habe, er kenne Ignaz von Jugend auf als ehrlichen Menschen.„Dieser sogenannte Ignaz hieß laut Anmeldung Scholz?“„Jawohl, Ignaz Scholz.“„Hm! Wenn einer schon Scholz heißt! Jeder Scholz verkrümelt sich unter der Masse der Scholze wie ein Körnlein im Sand des Meeres. Ich möchte Sie bitten, Herr Doktor, mich vorläufig nicht zu verlassen.“„Das soll doch nicht heißen ...“„Das soll nur heißen, daß ich Ihrer in jedem Augenblick bedürfen könnte.“Der Ton, den der Polizist anschlug, verletzte mich, aber ich fühlte mich ganz wehrlos, als der Mann seine amtlichen Vollmachten vor mir ausbreitete.„Ich möchte nur bemerken, Herr Doktor, daß ein Kurort wie der Ihrige, wo niemand unter seinem wahren Namen auftreten darf, ein geradezu großartiger Schlupfwinkel für verfolgte Verbrecher ist.“Was sollte ich erwidern? Daß in jedem Kurort, in Zoppot, Ostende, Abbazia sich jeder Mensch ohne Legitimation unter irgendeinem Namen niederlassen könne? Ich unterließ es.„Kommen Sie!“Das war Befehlston. Ich blieb sitzen. Der Gewaltige wollte wohl eben ein strenges Wort sagen, da wurde die[pg 291]Tür aufgerissen, und Piesecke trat ein. Flugs stand der „Geheime“ stramm und schlug die Hacken zusammen. Piesecke sah schlimm aus. Er hatte ein verschwollenes Auge, und sein Anzug war schmutzig und zerrissen. Trotzdem nahm er dem Polizeimann gegenüber eine echte Herrenhaltung an und sprach in einem so völlig veränderten Ton, daß ich seine Stimme nicht wiedererkannte:„Mann, wie kommen Sie dazu, den Knecht im Forellenhof zu verhaften?“„Melde Euer Hoheit untertänigst, der Knecht Ignaz ist identisch mit dem Fleischergesellen Josef Wiczorek, der am 17. Februar dieses Jahres seinen Meister ermordet und beraubt hat.“„Woher wissen Sie das?“„Die Verdachtsgründe häuften sich: das Signalement des Steckbriefes stimmt, eine Prüfung der Fingerabdrücke gab die Gewißheit.“Piesecke sah den Mann durchdringend an.„Ich kenne Sie! Als Kriminalbeamter haben Sie nicht allzuviel getaugt; da sind Sie dazu auserlesen worden, Späherdienste am Hofe zu leisten. Auch jetzt sind Sie hierhergekommen, um mich zu beobachten. Ich habe Sie gestellt; Sie sagten mir, Sie seien nur des Knechtes wegen da. Aber das ist Schwindel. Sie sind meinetwegen da. Ja oder nein? Diese Geschichte mit dem Knecht ist nur Ausrede.“„Ich darf Euer Hoheit darüber keine Auskunft erteilen.“[pg 292]Piesecke lachte verächtlich.„Unser Hausminister hat patente Leute. Am dritten Tage, als Sie da waren, habe ich Sie erkannt trotz Ihres falschen Namens und Ihrer Maske. Also berichten Sie nach Hause, es sei mir völlig egal, ob Sie hier seien oder nicht; falls Sie mir zu lästig fielen, so könnte ich mich vergessen und Ihnen gelegentlich die Peitsche um die Ohren knallen.“Der Polizeimann wurde dunkelrot.„Haben Sie verstanden, was Sie dem Minister berichten sollen?“„Zu Befehl, Hoheit!“„Wenn Sie nun dazu ausersehen sind, mich zu belauern, wie kommen Sie dazu, hier eine außerhalb Ihrer Bestimmungen liegende polizeiliche Handlung, wie die Verhaftung dieses Knechtes, vorzunehmen?“„Ich berichtete meinen Verdacht an den Ersten Staatsanwalt und erhielt die nötigen Vollmachten.“„Dagegen läßt sich wohl nichts tun?“Diese Frage war an mich gerichtet.„Nein – nichts!“„Wie urteilen Sie über diesen Fall, Herr Doktor?“„Es ist ein Unglück für unsere junge Anstalt. Aber es liegt uns natürlich fern, der Festnahme eines Verbrechers irgendwelche Hindernisse zu bereiten.“„Selbstverständlich! Ich begreife nur den Bauern Barthel nicht. Er ist doch ein ehrlicher Mann, und er hat doch versichert, den langen Ignaz von Jugend auf zu kennen. Haben Sie dafür eine Erklärung, Herr Doktor?“[pg 293]„Nein! Ich bin um so bestürzter, als Barthel mir nach der Verhaftung eben sagte: ich möge ihm nicht zürnen, er habe nicht anders gekonnt. Ich sage das ganz offen vor Ihnen, Herr Kommissar, damit Sie sehen, daß von hier aus nichts verschleiert wird.“Der Kommissar verneigte sich.„Hoheit“ preßte die Lippen aufeinander.„Hm! Ich will nicht wünschen, daß dem guten Barthel da eine Tragik erwachse, daß dieser sogenannte Ignaz vielleicht ein Freund oder gar ein naher Verwandter von ihm ist, den er in seiner Gutmütigkeit versteckt hat. Und Sie, Kommissar, Sie brauchen mir das von vorhin nicht übermäßig übelzunehmen. Schreiben Sie also dem Minister: Se. Hoheit ist bei besserer Gesundheit und hat daher einen Aufpasser nicht mehr nötig. Jetzt will ich Sie nicht mehr aufhalten. Wohin wollen Sie zunächst?“„Nach dem Forellenhof zurück, den Bauer Barthel zu vernehmen oder eventuell ebenfalls zu verhaften.“„Schön, wir werden Sie begleiten, wenn Ihnen das zulässig erscheint.“„Ich bitte untertänigst um die Begleitung, Hoheit.“Der Kommissar öffnete die Tür, stand stramm, und „Hoheit“ ging in lässig vornehmer Haltung an ihm vorbei.Ein kleiner Anlaß von draußen aus der alten Welt, und durch die Bauernjacke schimmerte der hochgeborene Herr. Ich aber als Arzt freute mich trotz meiner gedrückten Stimmung, als ich sah, daß durch seine Gesundung langsam aus dem Piesecke wieder ein Prinz wurde,[pg 294]ja, ich hätte das Wort „Piesecke“ jetzt nicht zu sagen, nicht einmal zu denken gewagt.Im Forellenhof war schwerste Bestürzung. Die dicke Susanne lag kurz und krampfhaft weinend in einem Korbstuhl; die Frauen bemühten sich um sie. Barthel war nicht zu Hause. Auf dem Tisch standen noch die Rosen, an den Wänden hingen die Asternkränze.„Welch ein entsetzlicher Abschluß!“ klagte Eva.Ich betrachtete die Fingerabdrücke an der Wand. Sie waren deutlich. Der lange Ignaz hatte, ehe er sich an die Wand lehnte, das Kohlenfeuer besorgt. Der Kommissar trat zu mir und dem Prinzen und sagte:„Es tut mir leid; aber ich muß zurück zur Direktion und von den Behörden telephonisch auch die Verhaftung des der Begünstigung dringend verdächtigen und verschwundenen Bauern Barthel fordern.“Der Prinz kniff den Mund zusammen. Dann sagte er:„Tun Sie das! Wenn ich mich auch hier getäuscht habe, glaube ich an nichts mehr auf der Welt. Dann soll alles zum Deibel gehen!“Er schaute mich mit halbem Blick an. Da sagte ich:„Ich werde morgen früh mit Einverständnis unseres bevollmächtigten Direktors den von Ew. Hoheit unterzeichneten, bis Mai verpflichtenden Revers vernichten, und Ew. Hoheit steht ohne alle Weiterungen frei, die Anstalt zu verlassen.“Er antwortete nicht. Ich dachte daran, daß er durch seinen Kniefall vor der schönen Hanne, durch eine ganz direktionslose Tat, den Anlaß zu all diesen Scherereien[pg 295]geschaffen hatte. Und er dachte wahrscheinlich selbst daran; denn er sagte:„Ich weiß, daß ich noch lange nicht geheilt bin; aber ich kann wohl überhaupt keine Heilung finden. Weil ich keine Treue finde!“Ich wandte mich ab, trat zum Tisch und zerpflückte gedankenlos eine Rose.Da tat sich die Tür auf. Barthel erschien. Verstört. Als er den Kommissar sah, wollte er zurück, aber der Polizist war bereits an seiner Seite. Susanne begann zu schreien, und ich war froh, als sie und alle Frauen das Zimmer verlassen mußten.Als wir allein waren, wurde Barthel verhaftet. Er sank ganz gebrochen auf die Bank am Ofen.„Die Schande! Die Schande! Ach, hätt’ ich es nicht getan!“Der Kommissar schritt zum sofortigen Verhör.„Barthel, Sie haben behauptet, den Knecht Ignaz von Jugend auf zu kennen. Ist das wahr?“Barthel rührte sich nicht.„Heißt dieser Knecht in Wahrheit Ignaz Scholz?“In Barthels Gesicht kam ein verstockter Ausdruck. Er schwieg.„Wollen Sie mir nicht Rede stehen, Barthel?“Keine Antwort.„Sie machen sich unglücklich. Warum antworten Sie nicht?“„Ich kann nicht!“[pg 296]Nun wandte ich mich an Barthel.„Lieber Barthel, denken Sie nicht ein ganz klein wenig an den guten Ruf unserer Kuranstalt? Habe ich es nicht immer gut mit Ihnen gemeint? Warum bereiten Sie mir diese schwere Ungelegenheit?“Da begann er zu weinen.„Ich kann es nicht mehr ändern. Verzeihen Sie mir ...!“Ein Knecht wurde aufgefordert, ein Pferd vor einen Wagen zu schirren. Darauf fuhr der Kommissar mit Barthel nach dem Waltersburger Amtsgerichtsgefängnis. Frau Susanne lag in Schreikrämpfen, auch die anderen Frauen weinten laut. Ich verließ den Forellenhof. In allen Stuben unserer Ferienanstalt brannte Licht. Ich wußte, in den meisten erörterte man die sofortige Abreise. Ich ging nach der Direktion. Der Direktor war noch immer nicht aufzufinden. So setzte ich mich in seinen Schreibtischstuhl und starrte ohne eigentlich klare Gedanken ins Licht der Lampe. Draußen kehrten kleine Trupps von Verfolgern zurück. Sie hatten von dem Flüchtling nichts entdeckt, wie zu erwarten gewesen war. Kurz nach zehn Uhr läutete das Telephon. Verbindung von Neustadt.„Der polizeilich gesuchte Josef Wiczorek,aliasIgnaz Scholz, ist soeben, als er in einen Wagen vierter Klasse des neun Uhr siebenundvierzig Minuten hier abgehenden Personenzuges steigen wollte, verhaftet worden ...“Ich sandte nach dem Prinzen, bestellte einen Wagen, und wir fuhren nach Neustadt. Auf der Polizei wurde[pg 297]uns weiter keine Auskunft erteilt, als daß Wiczorek eingesperrt sei und wir alles Weitere abzuwarten hätten.Wir blieben in Neustadt über Nacht. Am nächsten Morgen stand in der „Neustädter Umschau“ ein Artikel mit der zentimetergroß gedruckten Überschrift „Kuranstalt Waltersburg ein Hehlernest???“Mit der ganzen Niederträchtigkeit, deren der vertrottelte Redakteur dieses Blättchens fähig war, hetzte er gegen unsere Anstalt. Alle Spießerinstinkte, alle Philisterbedenken, alles Kopfschütteln beschränkter, phantasieloser Köpfe wurde gegen die Grundidee unserer Kuranstalt wieder lebendig; die Schimpferei begann wieder, der alte lendenlahme Spott humpelte neu auf den Plan. Der Artikel endete schließlich mit einer schamlosen Denunziation:„Das Gesetz, das bei uns in Neustadt heilig gehalten wird, verbietet uns, zu behaupten, daß sich die ‚Kuranstalt Waltersburg Ferien vom Ich‘ infolge ihrer mehr als eigentümlichen Einrichtungen, wie Verbot, den eigenen Namen zu führen, die eigene Kleidung zu tragen usw., zu einem Zufluchtsort lichtscheuen Gesindels auswächst. Immerhin wird der aufsehenerregende Fall, daß sich ein Raubmörder auf einem der besuchtesten ‚Höfe‘ des ‚Ferienheims‘ mit Wissen des Bauern monatelang verstecken und daselbst allerhand Roheiten ausüben konnte, zu schwersten Bedenken Anlaß geben, denen sich auch die Behörden nicht werden verschließen können.“Ich sah unser Heim aufs schwerste bedroht, sah eine fürchterliche Waffe in der Hand unserer Feinde. Eben[pg 298]wollte ich den Fall an Stefenson kabeln, da wurden wir zur Polizei beschieden. Es handelte sich, wie uns eröffnet wurde, um eine Konfrontation mit dem gestern Verhafteten, der plötzlich behaupte, weder der gesuchte Raubmörder Josef Wiczorek noch der Knecht Ignaz Scholz zu sein.Da mich der Polizeibeamte persönlich kannte, hatte ich nicht notwendig, mich zu legitimieren, wurde aber aufgefordert, Herrn Pieseckes Persönlichkeit festzustellen, und zwar nach seinem wahren Namen und Stand, nicht nach dem Pseudonym, das er bei uns führte. So sagte ich: „Se. Hoheit Prinz Ernst Friedrich von ...“„Ist das – ist das Ihr Ernst, Herr Doktor?“ fragte der Beamte nicht ohne Bewegung.„Nicht nur sein Ernst, sondern sogar sein Ernst Friedrich“, sagte Piesecke hohnvoll und hielt dem Beamten seinen Siegelring hin. „Kennen Sie dieses Wappen?“Der Beamte sah auf das Wappen mit der Krone, stand auf und verneigte sich tief.Da erschienen zwei Gerichtsdiener mit dem Verhafteten.Ich faßte mir an den Kopf: ich glaubte eine Wahnvorstellung zu haben. Der da eintrat, war – Mister Stefenson.„Stefenson“, rief ich, „Stefenson, wie kommen Sie ...“[pg 299]„Melde gehorsamst, Herr Rat“, sagte der eine der Gerichtsdiener, „der Gefangene hat eine Perücke und den Bart abgenommen, hat sich gewaschen und sieht jetzt auf einmal ganz anders aus als gestern abend.“„Wer ist dieser Mann?“ fragte der Beamte mit einem Blick auf mich.„Es ist Mister Stefenson, mein Kompagnon, der Begründer unseres Ferienheims“, brachte ich heraus.Ich mußte mich setzen.„Und wer behaupten Sie selbst zu sein, Verhafteter?“„Ich behaupte dasselbe wie der Herr Doktor“, sagte dieser gelassen; „allerdings mit einer kleinen Einschränkung. Ich war und gelte noch als Mister John Stefenson, Kaufmann aus Neuyork, Chikago, Trinidad; aber ich habe mich unterdessen auf meine rein deutsche Abstammung besonnen und heiße mit Genehmigung der hohen deutschen Behörden seit etwa vierzehn Tagen Johannes Stefan – Stefan, wie meine hanseatischen Vorfahren seit etwa vierhundert Jahren geheißen haben.“Der Beamte fing an, an den Fingern abzuzählen:„Josef Wiczorek – Ignaz Scholz – John Stefenson – Johannes Stefan – und hier Prinz Ernst Friedrich – ich möchte die Herren ernsthaft darauf aufmerksam machen, daß das Gericht von Neustadt keine Waltersburger Spielerei, sondern eine staatliche Behörde ist, die nicht mit sich spaßen läßt.“Der Beamte hatte ja ganz recht. Ich beteuerte ihm nochmals, daß ich in dem Manne, wenn er auch wirklich[pg 300]mit dem gestern verhafteten angeblichen Josef Wiczorek,aliasIgnaz Scholz, identisch sei, zweifelsfrei meinen Kompagnon John Stefenson wiedererkenne.„Und Sie wollen in der ganzen Zeit, da sich dieser Mann bei Ihnen aufhielt, keine Ahnung gehabt haben, wer er eigentlich ist?“„Ich habe in der Tat von Stefensons Anwesenheit in Waltersburg nicht das mindeste gewußt, sondern während all der Monate mit Stefenson nach Amerika telegraphisch und brieflich verhandelt.“„Sie kennen doch aber die Schrift Ihres Kompagnons?“ fragte der Beamte weiter. „Waren die amerikanischen Briefe in dieser Schrift geschrieben?“„Jawohl!“„Wie ist das möglich?“ wurde der Verhaftete gefragt.Der zuckte die Achseln und sagte verbindlich:„Das ist Geschäftsgeheimnis!“„Wir werden der Sache auf den Grund gehen“, entgegnete der Beamte ernst, „und Ihnen zeigen, daß hier kein Ort für Maskeraden ist.“Da wurde zum Glück „Herr Steiner“, unser Geheimpolizist, gemeldet. Der Kommissar verneigte sich tief vor Piesecke und darauf mit etwa zehn Prozent dieser Verneigung vor uns anderen insgesamt und sagte:„Herr Rat, es ist mir soeben auf meine gestrige Meldung von der zuständigen Staatsanwaltschaft der telegraphische Bescheid zugegangen, daß der gesuchte Wiczorek vorgestern in Braunschweig verhaftet worden, daß[pg 301]seine Identität festgestellt ist und auch bereits ein Geständnis vorliegt. Ich bitte also, den Knecht Ignaz Scholz aus der Haft zu entlassen, da sich der Verdacht, der zu seiner Verhaftung führte, als unbegründet erwiesen hat.“Stefenson lächelte freundlich. Der Richter machte ein enttäuschtes Gesicht.Es gab noch allerlei Formelkram zu erledigen, dann wurden wir alle, Stefenson eingeschlossen, entlassen.[pg 302]AufklärungenAuf der Straße trat der Kommissar an den Prinzen heran und sagte:„Ich bitte Ew. Hoheit untertänigst um Verzeihung wegen der Behelligung.“Hoheit legte dem Manne huldvoll die Hand auf die Schulter.„Mein Lieber, ich hab gar nischt gegen Sie. Aber tun Sie mir ’nen Gefallen: reisen Sie ab. Sie sind hier übrig. Lenken Sie mal die Aufmerksamkeit des Ministers auf den Prinzen Emanuel. Der scheint mir ein lockeres Huhn und der Beaufsichtigung sehr bedürftig zu sein. Er ist gegenwärtig in Syrakus. Sie haben keine Ahnung, Mann, wie schön es in Syrakus ist. Da machen Sie sich mal nützlich! Glückliche Reise und viel Vergnügen!“Der Kommissar reiste ab ...Mich ging das alles kaum etwas an. Ich dachte nur an Stefenson. Er war zunächst nach seiner Zelle zurückgegangen und hatte uns durch einen Gerichtsdiener sagen lassen, wir möchten im „Hotel Bristol“ auf ihn warten. Nach einer reichlichen Stunde kam er. In mir war inzwischen das Gefühlsbarometer hinaufgeschnellt und heruntergestürzt, vom Glutwetter der Bewunderung bis zum[pg 303]Regensturm der Wut – hin und her, her und hin. Ich konnte diesem unberechenbaren Manne gegenüber niemals zu ruhiger Beurteilung kommen. Schließlich beschloß ich, ihm offene Feindschaft anzusagen.Als er kam und sein Glas Sherry bestellt hatte, sagte er so ruhig, als ob er eine eben abgebrochene Unterhaltung wieder aufnehme:„Dieser Redakteur von der ‚Neustädter Umschau‘ ist ein schwerfälliger Kopf. Nicht mal richtig stenographisch aufnehmen kann der Pinsel. In meinem Artikel von gestern abend waren mehrere Dummheiten.“„Ah – Sie haben den Artikel über Ihre Verhaftung in der Umschau selbst geschrieben?“„Na, selbstverständlich. Der Trunkenbold kann’s doch nicht. Als ich so unerwartet verhaftet werden sollte, bin ich zunächst nach der Redaktion des feindlichen Blattes gegangen, hab dort einen Artikel diktiert (und natürlich auch bezahlt) und bin dann nach dem Bahnhof hinaus und hab mich da festnehmen lassen. Der Artikel über die Verhaftung war eher fertig als die Verhaftung selbst. Das ist man doch in solchem Fall seinem Unternehmen schuldig.“Das Barometer stieg wieder. Aber es lag noch eine schwere Depression über mir, und ich sagte:„Ich glaube nicht gerade begriffsstutzig zu sein; aber Ihre Art, sich zu geben und zu handeln, ist so überaus merkwürdig, daß ich nicht mehr mitkann, sondern Ihnen aufs ernsthafteste erklären muß ...“„Ein Extrablatt!“[pg 304]Ein Bote stürmte ins Zimmer.„Bitte, lesen Sie!“ sagte Stefenson ruhig.Die „Neustädter Umschau“ vertrieb ein Extrablatt. Es war ungefähr ein halbes Quadratmeter groß und enthielt in Fettdruck die Nachricht:„Ehrenerklärung.Die ‚Neustädter Umschau‘, immer bemüht, ohne nach rechts oder links zu schauen, lediglich der Wahrheit die Ehre zu geben, erklärt: Die gestrige Verhaftung des Waltersburger Knechts ist zu Unrecht erfolgt. Der als ‚Raubmörder Wiczorek‘ von einem übereifrigen Beamten (dessen amtliche Maßregelung bevorsteht!!) hier auf dem Bahnhof verhaftete Mann war kein anderer als der geniale Gründer der Kuranstalt ‚Ferien vom Ich‘ selbst, Herr John Stefenson – oder, wie er in Begeisterung für sein angestammtes reines Deutschtum sich jetzt mit Bewilligung unserer Behörden nennt, Herr Stefan! Dieser Multimillionär, dessen Einfluß in Amerika unbegrenzt ist, hat in der demütigen Gestalt eines Bauernknechts (nicht als Kurgast) den ganzen Sommer über in Waltersburg gelebt, alle Lasten, Mühen und Zurücksetzungen des von ihm gewählten geringen Standes getragen, um unerkannt die Probe auf sein gigantisches Exempel zu machen, um als Fremdling, selbst von seinem nächsten Freunde unerkannt, von unten her sein Werk zu prüfen. Diese Prüfung ist so glücklich ausgefallen, daß Stefan mit Freuden in die irrtümlich verhängte Haft ging. Den Neustädter Behörden zollt er für ihre Gewissenhaftigkeit[pg 305]alle verdiente Anerkennung. Heute morgen neuneinhalb Uhr stellte sich bei den Behörden der unbegründete Verdacht heraus. Der wahre Josef Wiczorek sitzt – laut amtlicher Depesche – in Braunschweig in Untersuchung; der bei uns Verhaftete wurde nicht nur von dem leitenden Arzt von Waltersburg, sondern auch von Sr. Hoheit dem Prinzen Ernst Friedrich von ... als Herr Stefenson identifiziert. Die ‚Neustädter Umschau‘, deren Devise ‚Ehre und Wahrheit‘ ist, scheut sich nicht –errare humanum est– ihren gestrigen Artikel Wort für Wort zurückzunehmen.“„Diesen Artikel haben Sie wohl auch diktiert?“ fragte der Prinz.Stefenson nickte.„Ja, direkt dem Setzer. Ich hab noch die Korrektur gelesen, ehe ich hierherkam.“„Sie sind ein smarter Kerl!“ sagte Hoheit voll Anerkennung. „Nu sagen Sie mir bloß, was haben Sie gegen mich gehabt? Warum haben Sie mich immer so miserabel behandelt? Noch gestern haben Sie mich auf den Mist geworfen, direkt auf den Mist. Ist das anständig?“Stefenson zuckte die Schultern. Dann sagte er mit aufrichtiger Wärme:„Sehen Sie mal, lieber Piesecke – ich möchte Sie der Einfachheit halber noch mal so nennen –, ich hab gar nichts gegen Sie gehabt! Im Gegenteil! Sie haben mir besser gefallen und mehr imponiert als die meisten an[pg 306]deren. Nur, daß Sie so hinter meiner Braut her waren, das konnte ich mir nicht gefallen lassen.“„Hinter Ihrer Braut?“„Ja, also sagen wir: hinter der Forellenhof-Hanne! Mit der werde ich mich heute oder morgen verloben.“Piesecke prustete los und sagte lachend:„Also Ignaz oder Stefan oder Wiczorek oder Stefenson oder wie Sie sonst heißen mögen – mir ist ja das ganz egal –, da werden Sie kein Glück haben! Die Hanne mag keinen; nicht mal den Herrn Doktor da hat sie gemocht.“„Also haben Sie doch –?“ fragte Stefenson mit einem Blick auf mich.„Gar nichts habe ich“, sagte ich zornig. „Gar nichts! Im übrigen möchte ich um einige kurze Aufschlüsse bitten, von denen es abhängen wird, ob ich noch länger an diesem Tisch sitzenbleibe oder nicht.“„Oho – oho! Also, was ist aufzuschließen?“„Waren Sie der Journalist Brown, der im Mai zu uns kam?“„Ja, natürlich war ich der! Aber Sie hätten mich doch damals beinahe erkannt. Deshalb habe ich ja meine Maske geändert und bin als Knecht Ignaz wiedergekommen.“„Wie kamen Sie damals dazu, mir den seltsamen Brief zu geben?“„Na, den hatte ich doch selbst geschrieben, in der Annahme, Sie mit den beiden Mädchen zu treffen. Wäre meine Voraussetzung nicht zugetroffen, so hätte ich eben[pg 307]den Brief in der Tasche behalten. Das war doch nur Bluff.“„Wie konnten Sie aber in der ganzen Zeit Briefe aus Amerika an mich schreiben, da Sie doch bei uns waren?“„Es gibt Kabel, lieber Freund, durch die man anordnen kann, was zu schreiben ist.“„Und Ihre Handschrift? Ich bekam fast alle Briefe handschriftlich, nur wenige in Maschinenschrift.“„Ja, da habe ich in einem meiner Büros einen Spezialisten, der meine Handschrift so täuschend nachmachen kann, daß ich selbst nicht zu unterscheiden vermag, was von mir oder von ihm geschrieben ist. Ein goldehrlicher Mann, einem anderen dürfte man die Ausübung der äußerst gefährlichen Kunst nicht gestatten. Na, sehen Sie, es gibt für einen Großkaufmann wie mich täglich mindestens zwei Dutzend Anlässe, wo er handschriftlich schreiben muß: an Verwandte und gute Freunde, wo Maschinenschrift zu kalt wirkt; an Geschäftsgenossen, mit denen man intime Dinge verhandeln will, die kein Angestellter wissen darf; an alle Leute, die etwas darauf geben, wenn ein vielbeschäftigter Mann sich die Mühe und Zeit nimmt, einen handschriftlichen Brief zu senden; schließlich an alle offenen und verkappten Autographenjäger – für sie alle ist Mister Jenkins da, und er machte seine Sache für zweitausend Dollar im Jahre geschickt und reell. Er hat auch in Ihrem Falle sehr brav gearbeitet.“„Großartig! Großartig!“ klatschte der Prinz in die Hände. Mein Barometer aber fiel auf Sturm. „Ihr Verhältnis zu Bauer Barthel“, sagte ich kalt, „brauchen[pg 308]Sie mir nun nicht mehr zu erklären. Er hat gewußt, wer Sie waren, deshalb hielt er Sie, deshalb log er, er kenne Sie von Jugend auf; deshalb hat er Sie sogar gestern nicht verraten.“„Stimmt! Aber das dürfen Sie dem Barthel nicht übelnehmen. Wir haben ein schriftliches Abkommen, laut dessen er fünfhundert Mark an mich hätte zahlen müssen, falls er mich je verraten hätte. Denken Sie mal – fünfhundert Mark! Es ist klar, daß sich da Barthel lieber einsperren läßt.“„Hat sonst noch jemand auf dem Forellenhof Sie gekannt?“„Nein. Auch Susanne nicht.“„Das ist mir lieb. Aber der Direktor Brüning hat Sie gekannt und sich wahrscheinlich stets heimlich mit Ihnen besprochen. Deshalb erschienen mir alle seine Anordnungen immer so von Ihrem Geiste diktiert.“„Auch das ist richtig. Ich war nur der lange Ignaz, aber in Wirklichkeit leitete ich die ganze Anstalt durch den Direktor. Wir hatten alle Tage eine kleine Konferenz. Ich war immer von allem unterrichtet. Außer Barthel und dem Direktor hat aber niemand gewußt, wer ich war, nicht mal die kleine Luise, und das ist mir schwer geworden.“Seine Augen schimmerten warm bei dem Gedenken des Kindes, und das Wort, das ich über seine Abgefeimtheit sprechen wollte, unterblieb. So sagte ich nur kühl und gemessen:[pg 309]„Wollen Sie mir sagen, Herr Stefenson, warum Sie diese ganze Komödie mit uns gespielt haben?“„Komödie?“ verwunderte er sich;„wiesoKomödie? Darf in den Ferien vom Ich nicht jeder auftreten, wie er will? Ist das nicht Ihre eigene Idee? Und was meinen Sie, was ich selbst von dieser Idee, die mir gefiel und für die ich viel Geld gewagt habe, gehabt hätte, wenn ich als Mister Stefenson dageblieben wäre? Der Direktor wäre ich gewesen, einen langweiligen Verwaltungsposten hätte ich gehabt, nichts von dem Zauber trauten Geborgenseins, den unsere Anstalt spendet, hätte ich genießen können. Nein, am eigenen Leibe wollte ich ausprobieren, wie es tut, wenn man Ferien macht vom Ich. Deshalb wurde ich Bauernknecht. Ich habe mich wohlgefühlt als ‚langer Ignaz‘, ich habe beobachtet, erlauscht, geprüft von unten her, was an unserer Sache ist, ob sie absurd, phantastisch, unfruchtbar, oder ob sie im Kern echt und gut ist, und ich hatte das Glück zu sehen, daß wir auf dem richtigen Wege sind. Nicht nur die gute geschäftliche Bilanz, die ich erwartet hatte, hat mich belehrt, daß ich mich unserer Gründung freuen darf, sondern das, was ich sah und hörte, als ich unerkannt mitten unter den Feriengästen war.“„Sie haben auch mich prüfen wollen?“ sagte ich.„Ja, auch Sie! Ganz natürlich. Ich werde wieder nach Amerika zurück müssen, weil leider meine Ferien aus sind, und ich will wissen, wem ich das Werk hier, ich kann sagen den Liebling unter all meinen Unternehmungen, den einzigen Ausflug ins Romantische, den ich je[pg 310]gemacht habe, hinterlasse. Ich kann ruhig scheiden. Ich werde jetzt wirklich hinübergehen. Weil ich muß! Weil mich die Pflicht ruft. Ich weiß, das Heim ist in guten Händen. Und eines, lieber Freund, vergesse ich Ihnen mein Lebtag nicht. Es gab einen Sommerabend, an dem Sie die Hände ausstreckten nach der schönen Hanne. An diesem Abend fanden Sie meinen Brief, in dem ich Ihnen sagte, daß ich Fräulein Eva Bunkert, die Forellenhof-Hanne, als meine Braut betrachte. Und seit diesem Abend sind Sie dem Mädchen aus dem Wege gegangen. Sehen Sie, das habe ich auch nur als Knecht Ignaz erfahren können, daß ich an Ihnen so einen treuen Freund habe. Das allein lohnt ein halbes Jahr Bauernarbeit.“Er sprach mit großer, ehrlicher Wärme. Ich aber sagte: „Sie täuschen sich. Ich hätte das Mädel zu gewinnen gesucht; aber ich wußte, daß sie immer nur an Sie dachte, daß Ihnen ihr Herz gehört.“„Ist das möglich? Ist das möglich? Fräulein Hanne will wirklich ...“Der Prinz sank in sich zusammen. Er war plötzlich wieder vollständig Piesecke.Es ist noch viel geredet worden; ich weiß nicht mehr, was alles. Schließlich habe ich Stefenson recht geben müssen, daß er sich unerkannt unter unser kurioses Völklein mischte. Was sollte er sich nicht überzeugen, wie seine Gründung wirkte? Ich überwand meinen Unmut, so gut ich konnte, aber ein Stachel blieb, daß Barthel und der Direktor mehr gewußt hatten als ich. Eine[pg 311]Freundschaft zwischen Stefenson und mir wollte ich nicht mehr gelten lassen.Piesecke schlich sich ins Heim zurück, ohne uns. Er wollte weiterhin Piesecke sein, und vergebens zerbrachen sich unsere Kurgäste die Köpfe, wer der in der „Neustädter Umschau“ genannte Prinz sein möge. Der „Verdacht“ blieb schließlich auf einem Referendar sitzen, der im Grundhof wohnte und sich die Rolle des heimlichen Herzogs wohlgefallen ließ. Dieser Referendar lehnte alle grobe Arbeit von nun an ab. Die Damen waren entzückt über seine hocharistokratischen Hände. Sie rühmten die edle Zurückhaltung in Ton und Gebärde, die Güte, die nie zur Vertraulichkeit wird, sondern immer Güte bleibt, die Sprache, die trotz ihres leise verschleierten Timbers und ihrer entgegenkommenden Art doch unabweisbare Befehle gibt, die Augen, die so wissend, so durch den Höhenblick von Jugend auf geschärft zu blicken wußten; sie rühmten selbst kleine Nonchalancen, die sich eben nur der unter dem Kronenhimmel Geborene gestattet. Dieser Mann lachte und lächelte nicht; er zuckte nur mit den Mundwinkeln. Er sagte nicht „nein“ zu irgendeinem Verlangen, sondern dieses Verlangen erstarb von selbst vor einem einzigen Faltenwölkchen, das sich auf der Stirn des Hohen bildete; er konnte aber auch durch ein einziges freundliches Lidersenken gewähren, „ja“ sagen, wie kein anderer Mensch „ja“ zu sagen vermag.Keine Erziehung führt zu solcher Haltung. Kein Emporkömmling kann sie erlernen. Rasse! Vererbung von[pg 312]Herreninstinkten durch Jahrhunderte! Das ist’s! Und der heimliche Herzog ging in schlichter, leutseliger Würde durch das Gewimmel aller derer, die ihm täglich in den Weg zu laufen wußten. Er empfing keine Besuche – er erteilte Audienzen; er plauderte nicht – er hielt Cercle.Mir machte alles dies so viel Spaß, daß ich den Direktor ersuchte, dem heimlichen Herzog noch auf weitere zwei Wochen die wesentlich erleichterten Zahlungsbedingungen zu gewähren; denn der Referendar hatte bisher nur gelegentlich geringe Remunerationen genossen, und sein Vater, der ein biederer Sattlermeister war, hatte auch nicht viel Geld übrig.Das alles hatte mit ihrem Artikel die „Neustädter Umschau“ getan. An Piesecke dachte kein Mensch ...Barthel, der Heimtücker, war inzwischen auch aus der Haft entlassen worden. Er ließ sich bei mir melden, aber es wurde ihm gesagt, ich sei nicht zu sprechen. Da kam er nach einer Stunde mit seiner Susanne wieder.„Herr Doktor“, sagte Susanne mit kirschrotem Kopf, „daß er ein Lump ist, weiß ich. Unsern guten Herrn Doktor so zu beschwindeln wegen lumpiger tausend Taler, die er jetzt von Ignaz, der ja Stefenson gewesen ist, Schweigegeld kriegt. Was soll uns das Geld? Was geht uns Herr Stefenson an? Wir halten uns an unseren guten Herrn Doktor. Aber was das schlimmste ist, mich hat er auch beschwindelt mit dem langen Ignaz. So ein Lump! Sein eigenes Weib belügt er. Ich hab ihm nie getraut, nie im Leben! Nicht über den Weg! Aber jetzt laß[pg 313]ich mich scheiden; er hat gesessen, und mit einem Zuchthäusler hat eine anständige Frau nichts zu tun.“Was blieb mir übrig, als für den in erbärmlichem Zustand dastehenden Barthel Partei zu ergreifen und der empörten Susanne gut und mild zuzureden? Sie wollte aber auf keinen Zuspruch hören. Sie blieb dabei, sie müsse sich scheiden lassen, da er „gesessen“ habe. Schließlich weinte sie.„Und was er für ein Liedrian ist, Herr Doktor!“ schluchzte die brave Frau. „Für die tausend Taler, die er jetzt von Stefenson kriegt, will er sich eine Dreschmaschine kaufen, wo ich ihm doch sage, daß er das Geld lieber in die Sparkasse tragen soll.“ Da erkannte ich, daß das Barthelsche Eheglück noch nicht hoffnungslos verloren war, und ich entließ die beiden, indem ich sie meines Wohlwollens versicherte.Ich saß allein in meiner Klause. Ich war in einer Stimmung, die ich nicht kannte. Wie war das, was ich in den letzten vierundzwanzig Stunden erlebte – war das traurig, war es komisch, war es erbärmlich? Sollte ich lachen, sollte ich zürnen?Sollte mir das Herz weh tun, weil die blonde Hanne fortzog?Sollte ich grollen, weil Stefenson dem Direktor und einem Bauern mehr Vertrauen geschenkt hatte als mir, den er seinen Freund nannte?Sollte ich mich ärgern über den Barthel, weil er profitsüchtig gewesen war?[pg 314]Es blieb ganz still in mir. Wahrscheinlich waren das alles ganz gute, liebe Leute. Nur das Leben schüttelte die Menschen durcheinander, wie ein Kind die Steinchen schüttelt, die es in ein Säcklein gesammelt hat. Wenn es eine Reibung gibt, was schadet es? Ein Krümlein alter, weicher Heimaterde bröckelt ab, und der Stein schimmert durch, hart und widerstandslustig. Dem Stein aber kann keine Reibung mehr schaden, kann ihn nur glätten.Alte, weiche Heimaterde, wie du mich umsponnen hattest! Jedes Käferwürmlein konnte an dir zehren! Ich möchte dich ja halten, denn du bist gut und weich, aber das Leben schüttelt zu hart. Doch ich bin getrost, ein gut Teil Krümlein werden mir bleiben, darauf will ich mich heimlich betten, und die glatte Fläche wird nur nach außen sein ... Als am nächsten Morgen die blonde Hanne in mein Zimmer trat, pochte mein Herz nicht rascher, als käme eine Patientin. Wohl war das Mädchen blasser, als ich es je gesehen.„Sie kommen sich verabschieden, Eva?“„Ja. In zwei Stunden fährt drüben in Neustadt mein Zug ab.“Wir schwiegen beide. Plötzlich begann Eva laut und heftig zu weinen. Ich hätte hingehen mögen, um über ihre Stirn zu streichen; aber ich tat es nicht.„Eva, Sie wissen, daß Stefenson hier ist – daß er die ganze Zeit hier war?“Sie nickte.„Er hat wohl mit Ihnen gesprochen?“Da stand sie auf. Tränenlos, zornig sagte sie:[pg 315]„Ja, er hat mit mir gesprochen. Er war so dreist, mich um meine Hand zu bitten. Ein halbes Jahr lang hat er neben mir gewohnt, ohne daß ich ihn kannte, hat mich beobachtet, belauert, geprüft, ob ich wohl – der hohen Ehre würdig sei, seine Gattin zu werden, ob ich nicht am Ende ein kokettes, leichtfertiges Weib sei, das heut dem, morgen jenem zulächelt; er hat diese Prüfung angestellt, weil ich beim Theater bin, weil ich keine der unter hermetischem Verschluß stehenden Misses von Neuyork bin, die heimlich oft liederlich genug sind; er hat mich, ohne daß ich es wußte, geprüft, und ist nun so gnädig, mir zu sagen: du hast deine Prüfung bestanden. Aber ich – ich werfe ihm sein Diplom vor die Füße! Was ist denn die Liebe? Liebe ist doch blindes Vertrauen. Welcher Mann hat denn eine Garantie? Das Mädchen, der Vater, die Mutter, alle Muhmen und Vettern können ihn belügen, wenn sie wollen, er ist machtlos dagegen. Der Mann muß das Mädchen sehen, er muß wie von einer himmlischen Erleuchtung geführt sagen: Du bist rein, ich lege meine Ehre und mein Glück in deine Hände. Sonst ...“Sie sank weinend auf den Stuhl zurück.Hochauf loderte der glimmende Funke meiner Liebe wieder zu diesem schönen Mädchen, als ich so sein ehrliches weibliches Empfinden sah. In plötzlicher Müdigkeit stützte ich den Kopf in die Hände.Ich zwang die Welle in meinem Herzen. Es wurde ganz still in mir. Eine unheimliche, aber große Stille. Wie in der Wüste. Nur von ferne hörte ich die Tränen rinnen, wie Wasser einer fremden Oase. Ich hätte lange[pg 316]so mit dem aufgestützten Haupt sitzen mögen. Wieviel Zeit verging, weiß ich nicht. Da hörte ich Evas Stimme.„Haben Sie keinen guten Rat für mich, lieber Freund?“„Lieber Freund!“ Unter allen Gestirnen, die an unserem Himmel flimmern, ist dieses Wort wohl eines der hellsten. Aber wenn es ein Weib sagt, das man liebt, bekommt dieser Stern ein überweißes Licht, ist wie ein Schimmer aus einer Welt, die in Eiseskälte untergeht.„Warum sagen Sie nichts? Wissen Sie nicht einmal als Arzt etwas zu sagen?“Da erhob ich mich.„Wohl, liebe Eva! Ich glaube, ich kann Ihnen die Sache richtig auseinandersetzen.“Ich war über mich selbst verwundert. Wie ein trockener, etwas pedantischer Magister sprach ich:„Sehen Sie, Eva, Sie stecken zu tief in der Romantik! Sie denken sich den Freiersmann so wie Lohengrin, der als Fremdling ans Ufer steigt, die Holde, die von aller Welt geächtet wird, an der Hand nimmt und sagt: Frei aller Schuld ist Elsa von Brabant. Und drei Minuten später: Elsa, ich liebe dich! Unser Stefenson ist nicht von dieser Schwanenritterart, er fährt auf dem Passagierdampfer, ist hausbacken, nüchtern, verfährt vorsichtig.“„Verstellen Sie sich doch nicht, lieber Freund! Das ist doch nicht Ihre Art, so zu sprechen!“„Doch, doch! Es ist ganz meine Art, so zu sprechen! Eva, ich will Ihnen ehrlich folgendes sagen: Stefenson hat nicht nur Sie prüfen wollen, sondern auch mich, auch[pg 317]unsere ganze Anstalt. Er schätzt wahrscheinlich drei Dinge: Erstens das Geld, das er für ein Unternehmen anlegt (und das ist ihm als Kaufmann durchaus nicht übelzunehmen), zweitens seine Geschäftsfreunde, unter denen er keine unfähigen Gesellen haben will (auch das ist ohne weiteres zu billigen), und drittens die Liebe oder die Ehe, in welcher Richtung er durchaus klar sehen will. Die Beurteilung dieses dritten Punktes wage ich nicht, da ich von Liebe nichts verstehe.“In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet. Stefenson erschien.„Ich bitte um Entschuldigung“, sagte er, „und versichere, daß ich an der Tür nicht gehorcht habe. Ich entlasse Dienstmädchen ob solch schmählicher Schwäche. Aber der Herr Doktor hat so deutlich gepredigt, daß jedermann, der den anstoßenden Korridor entlang ging, Wort für Wort verstehen mußte. Darf ich mir zu der Sache das Wort erlauben?“„Bitte!“„Erstens mal das Geld. Schön! Ich schätze es! Ich halte es für einen sehr guten Freund. Für einen, der nicht nur die Stube ausmöbliert und das Essen schafft, sondern auch für einen, der einem eine vernünftige Körperpflege gönnt, der die Theater und Museen aufschließt, einen in der Welt herumführt, der gestattet, sich gegen ärmere Mitmenschen anständig zu benehmen, der den Doktor ruft, wenn man krank ist, und der einem schließlich ein Denkmal setzt, wenn sich kein Mensch um den Grabhügel bekümmert, ja, für den einzigen Freund, der einem, wenn[pg 318]man zum Beispiel in der Wut eine Gewalttat begangen hat und ins Zuchthaus oder sonst ins Elend gekommen ist, hinterher wieder die Hand reicht und zu einem ordentlichen Leben zurückverhilft. Ein gutes Bankdepot ist wirklich ein außerordentlich reeller Freund. Nur dumme Kerle und verärgerte arme Schlucker können es leugnen.Zweitens: Geschäftsfreunde dürfen noch eher in mäßigen Grenzen unreell als dumm, rückständig, faul oder sonstwie borniert sein.Drittens: Jeder Mensch, der ein Pferd kauft, das er übermorgen weiterverkaufen oder schlachten lassen kann, überlegt es nach zwanzig Rücksichten. Einer, der eine Frau nimmt, die er zeit seines Lebens auf dem Halse behält, und der weniger vorsichtig verfährt, ist ein Dummian.“Stefenson brachte diese Sätze ohne alle Gemütsbewegung vor, wie einer, der unwiderlegbare Behauptungen aufstellt.Die blonde Eva hatte ihn bisher nicht angesehen.Jetzt stand sie auf, blickte ihm voll in die Augen und sagte kühl:„Alles, was Sie da sagen, ist nach Ihrer Meinung klug und richtig. Aber ich – ich mag das nicht! Ich mag das alles ganz und gar nicht!“Sie verließ das Zimmer. Wir riefen ihr beide nach.Sie gab keine Antwort mehr.Stefenson ging langsam durch das Zimmer, zündete sich eine Zigarre an und sagte nach einer Weile:„Das ist daneben gegangen!“[pg 319]„Ja, ganz daneben!“„Sie freuen sich wohl?“„Ach, ich kann nicht sagen, daß ich verärgert bin.“„Das kann ich mir denken!“Darauf zündete auch ich mir eine Zigarre an, und wir setzten uns gegenüber und rauchten dicke Wolken.„Was war denn eigentlich los?“ fragte Stefenson.„Nun“, sagte ich, „Sie sind ein Mann, und sie ist ein Weib.“

[pg 281]AbschiedsabendAm Abend ging ich nach dem Forellenhofe. Die schöne „Hanne“ nahm Abschied von uns. Von Mai an war das Mädchen bei uns, und jetzt, da es gehen wollte, war mir’s, als schwänden Sommer und Sonne dahin, und es könne nun nichts mehr geben als graue Tage. Ich litt wie Piesecke; ich jammerte nur nicht so. Aber auch vielen anderen Leuten ging Evas Abschied nahe; ich hörte, daß die dicke Susanne schon tagelang mit rot verquollenen Augen herumlaufe.Wenn der November kam, würden sich wahrscheinlich unsere Kurgäste an Zahl vermindern; dann wollte ich auch mal ausspannen, wollte für ein paar Wochen Ferien machen. Ich erwischte mich bei dem Gedanken, daß ich dann wahrscheinlich nach einer großen Stadt reisen würde, nach Berlin oder Wien. Ich bin nun schon so lange in dieser Einfachheit und in diesem ruhigen Frieden, daß ich mich wahrhaftig manchmal sehne, in einer elektrischen Straßenbahn zu fahren, ein gutes Theater zu besuchen, mal in einem vornehmen Restaurant zu speisen. Es kann gar nicht anders sein: wenn der Doktor aus dem Friedensidyll einmal Ferien vom Ich machen will, muß er in Glanz und Lärm hinein.Variatio delectat.[pg 282]Ich nehme es unseren Bauern nicht übel, daß sie sich zuweilen Sonntags nach Neustadt hinüberschleichen, um dort ins Kino zu gehen, und die hämischen Bemerkungen der „Neustädter Umschau“ über diesen Fall beweisen nur, daß das Blatt keine Ahnung von dem Abwechselungsbedürfnis des Menschen hat. Wer immer im Lärm sitzt, wird stumpf, wer immer in der Stille ist, auch; nur die wechselnde Welle trägt des Menschen Schiff.Daß mich neben diesen Erwägungen auch der Gedanke leitete, ich könne meine Ferienreise vorteilhaft über die Stadt verlegen, wo Eva diesen Winter singen würde, wollte ich mir kaum zugestehen. Denn ich hatte doch ein Ende gemacht mit meiner Liebe; ich wußte doch recht gut, daß ich nicht eher ein idealer Leiter dieses Ferienheims sein würde, als ich nicht selbst von allen persönlichen Banden und Sorgen befreit war, daß ich immer noch selbst zu sehr in der alten Haut steckte ...Die große Stube im Forellenhof war dicht besetzt mit Menschen. Viel alte Freunde kamen, um sich von Eva zu verabschieden. Ein paar Kränze von Astern hingen an den Wänden, die letzten Rosen des Gartens blühten auf dem Tisch. Wenn ein Kurgast von uns Abschied nimmt, erhält er als Andenken ein Album überreicht, in dem einige gute Bilder nach Radierungen, Heliogravüren, Aquarellen und Zeichnungen von unserem Heim enthalten sind, außerdem aber eine Anzahl Photographien, auf denen der betreffende Gast in irgendeiner Situation, die er miterlebt hat, verewigt ist. Denn photographiert wird bei uns viel. Bei der Arbeit, vor dem[pg 283]Bauernhaus, beim Feldfeuerchen, bei irgendeinem Ulk, beim Waldfest, beim Kirchgang, bei tausend anderen Gelegenheiten wird von unseren Kurgästen photographiert. Und jeder, der auf einem Bilde freiwillig oder unfreiwillig mit aufgenommen ist, bekommt einen Abzug in sein Album geklebt.Eva bekam ein Album in vier Bänden. Sie war sehr lange bei uns, und es hatten gar zu viele Amateure nachgesucht, wenigstens eine ihrer Aufnahmen in Evas Album zu bringen. Methusalem hatte einige reizende Bleistiftskizzen beigesteuert. Die letzte war ein Stimmungsbild von der Landstraße, die unten am Zeughaus vorbeiführt, zeigte einen im Abendschein entschwindenden Wagen und hatte die Unterschrift:„Die Sonne geht unter.“Auch du, mein Sohn Brutus? – Es fiel mir auf, wie lustig Methusalem sein wollte, wie zerstreut er war, wie gemacht heute sein Lachen klang. –Eva saß im Scheine der großen Hängelampe und durchblätterte das Album. Sie sagte nicht viel, aber mit einem Male rannen große Tränen über ihre Wangen. Dann wischte sie sich energisch das Gesicht ab und sagte:„Nein, ich darf mich wohl nicht allzusehr unterkriegen lassen. Aber diese Bücher sind herrlich. Sie werden mein liebstes Besitztum sein. Alle, alle sind drin – nur einer fehlt. Ignaz, warum sind Sie nicht auf einem einzigen Bilde? Mir ist das aufgefallen.“Ignaz, der am Ofen lehnte, wandte sich weg und drückte die Wange gegen die Kacheln des Ofens. „So ein[pg 284]ekliger Kerl, wie ich, ist nicht für Bilder“, sagte er mit seiner knurrenden Stimme. Aber es klang wie ein Schluchzen darin.„Es tut mir leid, Ignaz“, sagte Eva freundlich; „Sie waren gut und treu zu mir!“Da ging der Knecht stumm zur Tür hinaus. Ich sah, wie der Kurgast „Steiner“, von dem ich nun wußte, daß er ein Detektiv war, dem langen Ignaz mit einem messerscharfen Blick nachschaute.Barthel hatte zu Ehren des Abends ein Fäßchen Moselwein angezapft und hielt eine Rede:„Meine Damens und Herr’n! Der heutige Abend is nich so wie sonst, sondern anders. Es is ein ernster Abend, weil Fräul’n Hanne fortzieht, und deshalb hab ich Sie zu einem Gläschen Wein eingeladen, und ich wünsche, daß er Ihnen allen recht wohl bekommen möge. Wir sind alle sehr traurig; denn wir verlieren Fräul’n Hanne sehr, sehr ungern.“Der Redner wurde unterbrochen. Frau Susanne weinte und prustete so heftig, daß sie sich zur Tür hinaus retten mußte. Auch Barthel fuhr mit der Hand nach den Augenwinkeln.„Sehen Sie, meine Herr’n, meiner Alten geht es auch nahe. Eine Zeitlang – ich kann das wohl jetzt ruhig sagen – is sie wegen Fräul’n Hanne und mir eifersüchtig gewesen. Aber es war bloß blinder Lärm; ich weiß doch, was ich mir schuldig bin!“Wieder eine Unterbrechung. Zwei Herren und eine Dame hielten sich das Taschentuch vor den Mund.[pg 285]„Sehen Sie, meine Damens und Herr’n, mit einem Hausvater, wie ich, ist das ein reines Elend, obwohl es mir gut geht. Denn sehen Sie, die Leute, die hierherkommen, verstehen alle rein gar nichts, und die meisten sind sehr faul und haben das Arbeiten nich gelernt. Ich muß sie erst alle mühsam zurechtstutzen. Und wenn man dann mal so ’ne Perle bekommt wie die Hanne, die so famos Butter machen kann, und sie zieht wieder fort, dann ...“Mit Barthels Fassung war es aus. Er weinte in sein rot geblümtes Taschentuch und konnte schließlich nur noch sagen:„Nun trinken wir halt auf Fräul’n Hannes ihre Gesundheit!“Das Mädchen war sehr bewegt. Es wurden noch einige kurze Ansprachen von Gästen gehalten, die Hanne feierten und in denen auch Vater Barthel unmäßig viel Weihrauch gestreut wurde, und schließlich mußte Hanne singen. Sie war ruhiger geworden, stimmte ihre Laute und sang mit ihrer zarten, lieblichen Stimme das Lied, das aller Abschiedslieder Krone ist und bleiben wird:„Morgen muß ich fort von hierUnd muß Abschied nehmen –“Während des Liedes öffnete sich leise die Tür. Der lange Ignaz schlich sich herein, lehnte den Kopf an die Wand und preßte die Hände an die weiße Mauer.Die Lampe flackerte; die Spätherbstrosen blühten auf dem Tisch.[pg 286]Als Eva das Lied beendet hatte, stürzte plötzlich einer vor, warf sich dem Mädchen zu Füßen und rief:„Gehen Sie nicht fort – gehen Sie nicht fort, Fräulein Hanne; ich muß sonst sterben!“Es war Piesecke. Und da sah ich auch schon, wie sich der lange Ignaz umdrehte, wie ein wilder, giftiger Blick über Piesecke und das erschreckte Mädchen hinfuhr, und im nächsten Augenblick hatte Ignaz den zarten Piesecke erfaßt, schleuderte ihn sich wie einen Sack über die Schulter und verschwand mit ihm durch die Tür.„Daß kein Unglück geschieht!“ rief ich und eilte nach. In aufgeschreckter Unordnung drängte alles nach dem Hofe. Dort hatte der starke Ignaz den zappelnden Piesecke bereits mit gewaltiger Wucht auf den großen Düngerhaufen geworfen. Es war dem so schmählich Behandelten weiter kein körperliches Unheil zugestoßen; aber ich war doch so erzürnt ob der neuen Gewalttat des Knechtes und der Störung unserer schönen Stimmung, daß ich sagte:„Ignaz, Sie gehen jetzt schlafen! Und morgen früh werden Sie Ihr Bündel schnüren. Dafür werde ich sorgen!“Er wandte sich trotzig zur Seite. Ich ging aufgeregt nach der Stube zurück und traf daselbst den Detektiv Steiner, der allein zurückgeblieben war und ein Blättchen Papier, auf dem Fingerabdrücke zu sehen waren, sorgsam mit den schwachen Spuren verglich, die des Knechtes Ignaz Arbeitsfäuste an der weißen Mauer hinterlassen hatten. Ohne auf mich zu achten, ging der Be[pg 287]amte in den Hausflur hinaus, in den eben der lange Ignaz eingetreten war, trat auf den Knecht zu und sagte:„Josef Wiczorek, ich verhafte Sie im Namen des Gesetzes!“Die Umstehenden starrten den Sprecher an.„Was wollen Sie, Herr Steiner?“ fragte der Bauer Barthel erschrocken.„Ich heiße nicht Steiner, ich bin Geheimpolizist und habe meine Legitimation in der Tasche. Ich bitte, daß mir Gelegenheit gegeben wird, den verhafteten Josef Wiczorek, der sich hier unter dem Namen Ignaz Scholz aufgehalten hat, sofort nach dem Amtsgerichtsgefängnis in Waltersburg zu transportieren.“Josef Wiczoreks Augen verglasten sich. Ein kurzes Grunzen – und plötzlich schlug er mit beiden Fäusten um sich, machte sich Platz und verschwand blitzschnell im dunklen Hofe.„Haltet ihn!“ rief der Polizeimann; „er ist ein lange gesuchter Raubmörder!“Wir schrien alle, wir rannten. Ich stieß mit Barthel zusammen und machte meinem Grimme Luft.„Barthel, das haben wir Ihnen zu verdanken, Sie haben den mir längst unheimlichen Gesellen gehalten; Sie haben behauptet, Sie kennten ihn von Jugend auf als ehrlichen Kerl. Nun kommt diese Schande über uns.“„Herr Doktor, lieber Herr Doktor, verzeihen Sie mir“, wimmerte Barthel, „ich konnte nicht anders!“ Er verlor sich von meiner Seite ins Dunkel.[pg 288]GerichtlichesWie wenn ein Marder in einen Taubenschlag eingebrochen ist, so war es. Alles flatterte wirr durcheinander in Aufregung und Angst. Alle Höfe öffneten sich, von Mund zu Mund flog die Kunde, auf dem Forellenhof sei ein Raubmörder ertappt worden, aber entwichen. Der lange Ignaz! Die Weiber kreischten und schauten neugierig aus Fenstern und Türen, die Männer wagten sich mit Stöcken bewaffnet fünfzig Meter vors Haus, ihre Frauen jammerten von der Haustür aus über diese Tollkühnheit und riefen die Männer zurück – es war abscheulich! Der Löw’ ist los, und alles verliert den Verstand. Nur einige Mutige stürmten hinaus, den Unhold zu fangen, taten sich zu Gruppen zusammen, bewaffneten sich in der Eile, so gut sie konnten.Ich schüttelte in der nebligen Abendluft erst meine Gedanken zurecht, sagte mir, daß die Verfolgung bei dieser Rabenfinsternis ganz aussichtslos sei, und ging nach der Direktion, um den Direktor zu sprechen. Er war nicht zu finden. Dafür traf ich den Geheimpolizisten an. Er stand am Telephon. Nach Waltersburg telephonierte er, nach dem Neustädter Bahnhof, nach zehn anderen Stationen im Umkreis, nach der Provinzialhauptstadt. Immer das[pg 289]selbe: „Im Ferienheim Waltersburg hat sich unter dem falschen Namen Ignaz Scholz, genannt der lange Ignaz, der Raubmörder Fleischergeselle Josef Wiczorek aufgehalten. Ist soeben nach erfolgter Verhaftung entwichen.“Darauf folgte genaue Beschreibung und Aufforderung zur abermaligen Verhaftung.Ich saß ganz zerschlagen auf dem Schreibtischstuhl unseres Direktors, der immer noch nicht aufzufinden war, und hörte zu, wie „Herr Steiner“ telephonierte. Er schnarrte mit seiner scharfen Polizeistimme die Schande meines lieben Ferienheims in alle Winde. Endlich war er fertig. Er wandte sich an mich.„Herr Doktor, Sie sind der verantwortliche Leiter dieses Sanatoriums?“„Nur vom ärztlichen Standpunkt aus verantwortlich.“„Und wer trägt die Verantwortung für die gesetzliche Ordnung?“„Mister Stefenson und in seiner Vertretung Direktor von Brüning.“„Wo ist der Direktor?“„Ich weiß es nicht.“„Wo ist Mister Stefenson?“„In Amerika.“Der Polizeimann notierte alles in seinem Buch.„Was ist Ihnen von diesem angeblichen Knecht Ignaz Scholz bekannt, Herr Doktor?“Ich sagte ihm, daß mir dieser Knecht Ignaz allerdings persönlich stark unsympathisch gewesen sei, daß ich aber[pg 290]– außer einigen Grobheiten oder auch Roheiten, die er begangen – keine Veranlassung gehabt habe, den Menschen für einen Verbrecher zu halten, zumal mir der Bauer Barthel, dem ich vertraue, erklärt habe, er kenne Ignaz von Jugend auf als ehrlichen Menschen.„Dieser sogenannte Ignaz hieß laut Anmeldung Scholz?“„Jawohl, Ignaz Scholz.“„Hm! Wenn einer schon Scholz heißt! Jeder Scholz verkrümelt sich unter der Masse der Scholze wie ein Körnlein im Sand des Meeres. Ich möchte Sie bitten, Herr Doktor, mich vorläufig nicht zu verlassen.“„Das soll doch nicht heißen ...“„Das soll nur heißen, daß ich Ihrer in jedem Augenblick bedürfen könnte.“Der Ton, den der Polizist anschlug, verletzte mich, aber ich fühlte mich ganz wehrlos, als der Mann seine amtlichen Vollmachten vor mir ausbreitete.„Ich möchte nur bemerken, Herr Doktor, daß ein Kurort wie der Ihrige, wo niemand unter seinem wahren Namen auftreten darf, ein geradezu großartiger Schlupfwinkel für verfolgte Verbrecher ist.“Was sollte ich erwidern? Daß in jedem Kurort, in Zoppot, Ostende, Abbazia sich jeder Mensch ohne Legitimation unter irgendeinem Namen niederlassen könne? Ich unterließ es.„Kommen Sie!“Das war Befehlston. Ich blieb sitzen. Der Gewaltige wollte wohl eben ein strenges Wort sagen, da wurde die[pg 291]Tür aufgerissen, und Piesecke trat ein. Flugs stand der „Geheime“ stramm und schlug die Hacken zusammen. Piesecke sah schlimm aus. Er hatte ein verschwollenes Auge, und sein Anzug war schmutzig und zerrissen. Trotzdem nahm er dem Polizeimann gegenüber eine echte Herrenhaltung an und sprach in einem so völlig veränderten Ton, daß ich seine Stimme nicht wiedererkannte:„Mann, wie kommen Sie dazu, den Knecht im Forellenhof zu verhaften?“„Melde Euer Hoheit untertänigst, der Knecht Ignaz ist identisch mit dem Fleischergesellen Josef Wiczorek, der am 17. Februar dieses Jahres seinen Meister ermordet und beraubt hat.“„Woher wissen Sie das?“„Die Verdachtsgründe häuften sich: das Signalement des Steckbriefes stimmt, eine Prüfung der Fingerabdrücke gab die Gewißheit.“Piesecke sah den Mann durchdringend an.„Ich kenne Sie! Als Kriminalbeamter haben Sie nicht allzuviel getaugt; da sind Sie dazu auserlesen worden, Späherdienste am Hofe zu leisten. Auch jetzt sind Sie hierhergekommen, um mich zu beobachten. Ich habe Sie gestellt; Sie sagten mir, Sie seien nur des Knechtes wegen da. Aber das ist Schwindel. Sie sind meinetwegen da. Ja oder nein? Diese Geschichte mit dem Knecht ist nur Ausrede.“„Ich darf Euer Hoheit darüber keine Auskunft erteilen.“[pg 292]Piesecke lachte verächtlich.„Unser Hausminister hat patente Leute. Am dritten Tage, als Sie da waren, habe ich Sie erkannt trotz Ihres falschen Namens und Ihrer Maske. Also berichten Sie nach Hause, es sei mir völlig egal, ob Sie hier seien oder nicht; falls Sie mir zu lästig fielen, so könnte ich mich vergessen und Ihnen gelegentlich die Peitsche um die Ohren knallen.“Der Polizeimann wurde dunkelrot.„Haben Sie verstanden, was Sie dem Minister berichten sollen?“„Zu Befehl, Hoheit!“„Wenn Sie nun dazu ausersehen sind, mich zu belauern, wie kommen Sie dazu, hier eine außerhalb Ihrer Bestimmungen liegende polizeiliche Handlung, wie die Verhaftung dieses Knechtes, vorzunehmen?“„Ich berichtete meinen Verdacht an den Ersten Staatsanwalt und erhielt die nötigen Vollmachten.“„Dagegen läßt sich wohl nichts tun?“Diese Frage war an mich gerichtet.„Nein – nichts!“„Wie urteilen Sie über diesen Fall, Herr Doktor?“„Es ist ein Unglück für unsere junge Anstalt. Aber es liegt uns natürlich fern, der Festnahme eines Verbrechers irgendwelche Hindernisse zu bereiten.“„Selbstverständlich! Ich begreife nur den Bauern Barthel nicht. Er ist doch ein ehrlicher Mann, und er hat doch versichert, den langen Ignaz von Jugend auf zu kennen. Haben Sie dafür eine Erklärung, Herr Doktor?“[pg 293]„Nein! Ich bin um so bestürzter, als Barthel mir nach der Verhaftung eben sagte: ich möge ihm nicht zürnen, er habe nicht anders gekonnt. Ich sage das ganz offen vor Ihnen, Herr Kommissar, damit Sie sehen, daß von hier aus nichts verschleiert wird.“Der Kommissar verneigte sich.„Hoheit“ preßte die Lippen aufeinander.„Hm! Ich will nicht wünschen, daß dem guten Barthel da eine Tragik erwachse, daß dieser sogenannte Ignaz vielleicht ein Freund oder gar ein naher Verwandter von ihm ist, den er in seiner Gutmütigkeit versteckt hat. Und Sie, Kommissar, Sie brauchen mir das von vorhin nicht übermäßig übelzunehmen. Schreiben Sie also dem Minister: Se. Hoheit ist bei besserer Gesundheit und hat daher einen Aufpasser nicht mehr nötig. Jetzt will ich Sie nicht mehr aufhalten. Wohin wollen Sie zunächst?“„Nach dem Forellenhof zurück, den Bauer Barthel zu vernehmen oder eventuell ebenfalls zu verhaften.“„Schön, wir werden Sie begleiten, wenn Ihnen das zulässig erscheint.“„Ich bitte untertänigst um die Begleitung, Hoheit.“Der Kommissar öffnete die Tür, stand stramm, und „Hoheit“ ging in lässig vornehmer Haltung an ihm vorbei.Ein kleiner Anlaß von draußen aus der alten Welt, und durch die Bauernjacke schimmerte der hochgeborene Herr. Ich aber als Arzt freute mich trotz meiner gedrückten Stimmung, als ich sah, daß durch seine Gesundung langsam aus dem Piesecke wieder ein Prinz wurde,[pg 294]ja, ich hätte das Wort „Piesecke“ jetzt nicht zu sagen, nicht einmal zu denken gewagt.Im Forellenhof war schwerste Bestürzung. Die dicke Susanne lag kurz und krampfhaft weinend in einem Korbstuhl; die Frauen bemühten sich um sie. Barthel war nicht zu Hause. Auf dem Tisch standen noch die Rosen, an den Wänden hingen die Asternkränze.„Welch ein entsetzlicher Abschluß!“ klagte Eva.Ich betrachtete die Fingerabdrücke an der Wand. Sie waren deutlich. Der lange Ignaz hatte, ehe er sich an die Wand lehnte, das Kohlenfeuer besorgt. Der Kommissar trat zu mir und dem Prinzen und sagte:„Es tut mir leid; aber ich muß zurück zur Direktion und von den Behörden telephonisch auch die Verhaftung des der Begünstigung dringend verdächtigen und verschwundenen Bauern Barthel fordern.“Der Prinz kniff den Mund zusammen. Dann sagte er:„Tun Sie das! Wenn ich mich auch hier getäuscht habe, glaube ich an nichts mehr auf der Welt. Dann soll alles zum Deibel gehen!“Er schaute mich mit halbem Blick an. Da sagte ich:„Ich werde morgen früh mit Einverständnis unseres bevollmächtigten Direktors den von Ew. Hoheit unterzeichneten, bis Mai verpflichtenden Revers vernichten, und Ew. Hoheit steht ohne alle Weiterungen frei, die Anstalt zu verlassen.“Er antwortete nicht. Ich dachte daran, daß er durch seinen Kniefall vor der schönen Hanne, durch eine ganz direktionslose Tat, den Anlaß zu all diesen Scherereien[pg 295]geschaffen hatte. Und er dachte wahrscheinlich selbst daran; denn er sagte:„Ich weiß, daß ich noch lange nicht geheilt bin; aber ich kann wohl überhaupt keine Heilung finden. Weil ich keine Treue finde!“Ich wandte mich ab, trat zum Tisch und zerpflückte gedankenlos eine Rose.Da tat sich die Tür auf. Barthel erschien. Verstört. Als er den Kommissar sah, wollte er zurück, aber der Polizist war bereits an seiner Seite. Susanne begann zu schreien, und ich war froh, als sie und alle Frauen das Zimmer verlassen mußten.Als wir allein waren, wurde Barthel verhaftet. Er sank ganz gebrochen auf die Bank am Ofen.„Die Schande! Die Schande! Ach, hätt’ ich es nicht getan!“Der Kommissar schritt zum sofortigen Verhör.„Barthel, Sie haben behauptet, den Knecht Ignaz von Jugend auf zu kennen. Ist das wahr?“Barthel rührte sich nicht.„Heißt dieser Knecht in Wahrheit Ignaz Scholz?“In Barthels Gesicht kam ein verstockter Ausdruck. Er schwieg.„Wollen Sie mir nicht Rede stehen, Barthel?“Keine Antwort.„Sie machen sich unglücklich. Warum antworten Sie nicht?“„Ich kann nicht!“[pg 296]Nun wandte ich mich an Barthel.„Lieber Barthel, denken Sie nicht ein ganz klein wenig an den guten Ruf unserer Kuranstalt? Habe ich es nicht immer gut mit Ihnen gemeint? Warum bereiten Sie mir diese schwere Ungelegenheit?“Da begann er zu weinen.„Ich kann es nicht mehr ändern. Verzeihen Sie mir ...!“Ein Knecht wurde aufgefordert, ein Pferd vor einen Wagen zu schirren. Darauf fuhr der Kommissar mit Barthel nach dem Waltersburger Amtsgerichtsgefängnis. Frau Susanne lag in Schreikrämpfen, auch die anderen Frauen weinten laut. Ich verließ den Forellenhof. In allen Stuben unserer Ferienanstalt brannte Licht. Ich wußte, in den meisten erörterte man die sofortige Abreise. Ich ging nach der Direktion. Der Direktor war noch immer nicht aufzufinden. So setzte ich mich in seinen Schreibtischstuhl und starrte ohne eigentlich klare Gedanken ins Licht der Lampe. Draußen kehrten kleine Trupps von Verfolgern zurück. Sie hatten von dem Flüchtling nichts entdeckt, wie zu erwarten gewesen war. Kurz nach zehn Uhr läutete das Telephon. Verbindung von Neustadt.„Der polizeilich gesuchte Josef Wiczorek,aliasIgnaz Scholz, ist soeben, als er in einen Wagen vierter Klasse des neun Uhr siebenundvierzig Minuten hier abgehenden Personenzuges steigen wollte, verhaftet worden ...“Ich sandte nach dem Prinzen, bestellte einen Wagen, und wir fuhren nach Neustadt. Auf der Polizei wurde[pg 297]uns weiter keine Auskunft erteilt, als daß Wiczorek eingesperrt sei und wir alles Weitere abzuwarten hätten.Wir blieben in Neustadt über Nacht. Am nächsten Morgen stand in der „Neustädter Umschau“ ein Artikel mit der zentimetergroß gedruckten Überschrift „Kuranstalt Waltersburg ein Hehlernest???“Mit der ganzen Niederträchtigkeit, deren der vertrottelte Redakteur dieses Blättchens fähig war, hetzte er gegen unsere Anstalt. Alle Spießerinstinkte, alle Philisterbedenken, alles Kopfschütteln beschränkter, phantasieloser Köpfe wurde gegen die Grundidee unserer Kuranstalt wieder lebendig; die Schimpferei begann wieder, der alte lendenlahme Spott humpelte neu auf den Plan. Der Artikel endete schließlich mit einer schamlosen Denunziation:„Das Gesetz, das bei uns in Neustadt heilig gehalten wird, verbietet uns, zu behaupten, daß sich die ‚Kuranstalt Waltersburg Ferien vom Ich‘ infolge ihrer mehr als eigentümlichen Einrichtungen, wie Verbot, den eigenen Namen zu führen, die eigene Kleidung zu tragen usw., zu einem Zufluchtsort lichtscheuen Gesindels auswächst. Immerhin wird der aufsehenerregende Fall, daß sich ein Raubmörder auf einem der besuchtesten ‚Höfe‘ des ‚Ferienheims‘ mit Wissen des Bauern monatelang verstecken und daselbst allerhand Roheiten ausüben konnte, zu schwersten Bedenken Anlaß geben, denen sich auch die Behörden nicht werden verschließen können.“Ich sah unser Heim aufs schwerste bedroht, sah eine fürchterliche Waffe in der Hand unserer Feinde. Eben[pg 298]wollte ich den Fall an Stefenson kabeln, da wurden wir zur Polizei beschieden. Es handelte sich, wie uns eröffnet wurde, um eine Konfrontation mit dem gestern Verhafteten, der plötzlich behaupte, weder der gesuchte Raubmörder Josef Wiczorek noch der Knecht Ignaz Scholz zu sein.Da mich der Polizeibeamte persönlich kannte, hatte ich nicht notwendig, mich zu legitimieren, wurde aber aufgefordert, Herrn Pieseckes Persönlichkeit festzustellen, und zwar nach seinem wahren Namen und Stand, nicht nach dem Pseudonym, das er bei uns führte. So sagte ich: „Se. Hoheit Prinz Ernst Friedrich von ...“„Ist das – ist das Ihr Ernst, Herr Doktor?“ fragte der Beamte nicht ohne Bewegung.„Nicht nur sein Ernst, sondern sogar sein Ernst Friedrich“, sagte Piesecke hohnvoll und hielt dem Beamten seinen Siegelring hin. „Kennen Sie dieses Wappen?“Der Beamte sah auf das Wappen mit der Krone, stand auf und verneigte sich tief.Da erschienen zwei Gerichtsdiener mit dem Verhafteten.Ich faßte mir an den Kopf: ich glaubte eine Wahnvorstellung zu haben. Der da eintrat, war – Mister Stefenson.„Stefenson“, rief ich, „Stefenson, wie kommen Sie ...“[pg 299]„Melde gehorsamst, Herr Rat“, sagte der eine der Gerichtsdiener, „der Gefangene hat eine Perücke und den Bart abgenommen, hat sich gewaschen und sieht jetzt auf einmal ganz anders aus als gestern abend.“„Wer ist dieser Mann?“ fragte der Beamte mit einem Blick auf mich.„Es ist Mister Stefenson, mein Kompagnon, der Begründer unseres Ferienheims“, brachte ich heraus.Ich mußte mich setzen.„Und wer behaupten Sie selbst zu sein, Verhafteter?“„Ich behaupte dasselbe wie der Herr Doktor“, sagte dieser gelassen; „allerdings mit einer kleinen Einschränkung. Ich war und gelte noch als Mister John Stefenson, Kaufmann aus Neuyork, Chikago, Trinidad; aber ich habe mich unterdessen auf meine rein deutsche Abstammung besonnen und heiße mit Genehmigung der hohen deutschen Behörden seit etwa vierzehn Tagen Johannes Stefan – Stefan, wie meine hanseatischen Vorfahren seit etwa vierhundert Jahren geheißen haben.“Der Beamte fing an, an den Fingern abzuzählen:„Josef Wiczorek – Ignaz Scholz – John Stefenson – Johannes Stefan – und hier Prinz Ernst Friedrich – ich möchte die Herren ernsthaft darauf aufmerksam machen, daß das Gericht von Neustadt keine Waltersburger Spielerei, sondern eine staatliche Behörde ist, die nicht mit sich spaßen läßt.“Der Beamte hatte ja ganz recht. Ich beteuerte ihm nochmals, daß ich in dem Manne, wenn er auch wirklich[pg 300]mit dem gestern verhafteten angeblichen Josef Wiczorek,aliasIgnaz Scholz, identisch sei, zweifelsfrei meinen Kompagnon John Stefenson wiedererkenne.„Und Sie wollen in der ganzen Zeit, da sich dieser Mann bei Ihnen aufhielt, keine Ahnung gehabt haben, wer er eigentlich ist?“„Ich habe in der Tat von Stefensons Anwesenheit in Waltersburg nicht das mindeste gewußt, sondern während all der Monate mit Stefenson nach Amerika telegraphisch und brieflich verhandelt.“„Sie kennen doch aber die Schrift Ihres Kompagnons?“ fragte der Beamte weiter. „Waren die amerikanischen Briefe in dieser Schrift geschrieben?“„Jawohl!“„Wie ist das möglich?“ wurde der Verhaftete gefragt.Der zuckte die Achseln und sagte verbindlich:„Das ist Geschäftsgeheimnis!“„Wir werden der Sache auf den Grund gehen“, entgegnete der Beamte ernst, „und Ihnen zeigen, daß hier kein Ort für Maskeraden ist.“Da wurde zum Glück „Herr Steiner“, unser Geheimpolizist, gemeldet. Der Kommissar verneigte sich tief vor Piesecke und darauf mit etwa zehn Prozent dieser Verneigung vor uns anderen insgesamt und sagte:„Herr Rat, es ist mir soeben auf meine gestrige Meldung von der zuständigen Staatsanwaltschaft der telegraphische Bescheid zugegangen, daß der gesuchte Wiczorek vorgestern in Braunschweig verhaftet worden, daß[pg 301]seine Identität festgestellt ist und auch bereits ein Geständnis vorliegt. Ich bitte also, den Knecht Ignaz Scholz aus der Haft zu entlassen, da sich der Verdacht, der zu seiner Verhaftung führte, als unbegründet erwiesen hat.“Stefenson lächelte freundlich. Der Richter machte ein enttäuschtes Gesicht.Es gab noch allerlei Formelkram zu erledigen, dann wurden wir alle, Stefenson eingeschlossen, entlassen.[pg 302]AufklärungenAuf der Straße trat der Kommissar an den Prinzen heran und sagte:„Ich bitte Ew. Hoheit untertänigst um Verzeihung wegen der Behelligung.“Hoheit legte dem Manne huldvoll die Hand auf die Schulter.„Mein Lieber, ich hab gar nischt gegen Sie. Aber tun Sie mir ’nen Gefallen: reisen Sie ab. Sie sind hier übrig. Lenken Sie mal die Aufmerksamkeit des Ministers auf den Prinzen Emanuel. Der scheint mir ein lockeres Huhn und der Beaufsichtigung sehr bedürftig zu sein. Er ist gegenwärtig in Syrakus. Sie haben keine Ahnung, Mann, wie schön es in Syrakus ist. Da machen Sie sich mal nützlich! Glückliche Reise und viel Vergnügen!“Der Kommissar reiste ab ...Mich ging das alles kaum etwas an. Ich dachte nur an Stefenson. Er war zunächst nach seiner Zelle zurückgegangen und hatte uns durch einen Gerichtsdiener sagen lassen, wir möchten im „Hotel Bristol“ auf ihn warten. Nach einer reichlichen Stunde kam er. In mir war inzwischen das Gefühlsbarometer hinaufgeschnellt und heruntergestürzt, vom Glutwetter der Bewunderung bis zum[pg 303]Regensturm der Wut – hin und her, her und hin. Ich konnte diesem unberechenbaren Manne gegenüber niemals zu ruhiger Beurteilung kommen. Schließlich beschloß ich, ihm offene Feindschaft anzusagen.Als er kam und sein Glas Sherry bestellt hatte, sagte er so ruhig, als ob er eine eben abgebrochene Unterhaltung wieder aufnehme:„Dieser Redakteur von der ‚Neustädter Umschau‘ ist ein schwerfälliger Kopf. Nicht mal richtig stenographisch aufnehmen kann der Pinsel. In meinem Artikel von gestern abend waren mehrere Dummheiten.“„Ah – Sie haben den Artikel über Ihre Verhaftung in der Umschau selbst geschrieben?“„Na, selbstverständlich. Der Trunkenbold kann’s doch nicht. Als ich so unerwartet verhaftet werden sollte, bin ich zunächst nach der Redaktion des feindlichen Blattes gegangen, hab dort einen Artikel diktiert (und natürlich auch bezahlt) und bin dann nach dem Bahnhof hinaus und hab mich da festnehmen lassen. Der Artikel über die Verhaftung war eher fertig als die Verhaftung selbst. Das ist man doch in solchem Fall seinem Unternehmen schuldig.“Das Barometer stieg wieder. Aber es lag noch eine schwere Depression über mir, und ich sagte:„Ich glaube nicht gerade begriffsstutzig zu sein; aber Ihre Art, sich zu geben und zu handeln, ist so überaus merkwürdig, daß ich nicht mehr mitkann, sondern Ihnen aufs ernsthafteste erklären muß ...“„Ein Extrablatt!“[pg 304]Ein Bote stürmte ins Zimmer.„Bitte, lesen Sie!“ sagte Stefenson ruhig.Die „Neustädter Umschau“ vertrieb ein Extrablatt. Es war ungefähr ein halbes Quadratmeter groß und enthielt in Fettdruck die Nachricht:„Ehrenerklärung.Die ‚Neustädter Umschau‘, immer bemüht, ohne nach rechts oder links zu schauen, lediglich der Wahrheit die Ehre zu geben, erklärt: Die gestrige Verhaftung des Waltersburger Knechts ist zu Unrecht erfolgt. Der als ‚Raubmörder Wiczorek‘ von einem übereifrigen Beamten (dessen amtliche Maßregelung bevorsteht!!) hier auf dem Bahnhof verhaftete Mann war kein anderer als der geniale Gründer der Kuranstalt ‚Ferien vom Ich‘ selbst, Herr John Stefenson – oder, wie er in Begeisterung für sein angestammtes reines Deutschtum sich jetzt mit Bewilligung unserer Behörden nennt, Herr Stefan! Dieser Multimillionär, dessen Einfluß in Amerika unbegrenzt ist, hat in der demütigen Gestalt eines Bauernknechts (nicht als Kurgast) den ganzen Sommer über in Waltersburg gelebt, alle Lasten, Mühen und Zurücksetzungen des von ihm gewählten geringen Standes getragen, um unerkannt die Probe auf sein gigantisches Exempel zu machen, um als Fremdling, selbst von seinem nächsten Freunde unerkannt, von unten her sein Werk zu prüfen. Diese Prüfung ist so glücklich ausgefallen, daß Stefan mit Freuden in die irrtümlich verhängte Haft ging. Den Neustädter Behörden zollt er für ihre Gewissenhaftigkeit[pg 305]alle verdiente Anerkennung. Heute morgen neuneinhalb Uhr stellte sich bei den Behörden der unbegründete Verdacht heraus. Der wahre Josef Wiczorek sitzt – laut amtlicher Depesche – in Braunschweig in Untersuchung; der bei uns Verhaftete wurde nicht nur von dem leitenden Arzt von Waltersburg, sondern auch von Sr. Hoheit dem Prinzen Ernst Friedrich von ... als Herr Stefenson identifiziert. Die ‚Neustädter Umschau‘, deren Devise ‚Ehre und Wahrheit‘ ist, scheut sich nicht –errare humanum est– ihren gestrigen Artikel Wort für Wort zurückzunehmen.“„Diesen Artikel haben Sie wohl auch diktiert?“ fragte der Prinz.Stefenson nickte.„Ja, direkt dem Setzer. Ich hab noch die Korrektur gelesen, ehe ich hierherkam.“„Sie sind ein smarter Kerl!“ sagte Hoheit voll Anerkennung. „Nu sagen Sie mir bloß, was haben Sie gegen mich gehabt? Warum haben Sie mich immer so miserabel behandelt? Noch gestern haben Sie mich auf den Mist geworfen, direkt auf den Mist. Ist das anständig?“Stefenson zuckte die Schultern. Dann sagte er mit aufrichtiger Wärme:„Sehen Sie mal, lieber Piesecke – ich möchte Sie der Einfachheit halber noch mal so nennen –, ich hab gar nichts gegen Sie gehabt! Im Gegenteil! Sie haben mir besser gefallen und mehr imponiert als die meisten an[pg 306]deren. Nur, daß Sie so hinter meiner Braut her waren, das konnte ich mir nicht gefallen lassen.“„Hinter Ihrer Braut?“„Ja, also sagen wir: hinter der Forellenhof-Hanne! Mit der werde ich mich heute oder morgen verloben.“Piesecke prustete los und sagte lachend:„Also Ignaz oder Stefan oder Wiczorek oder Stefenson oder wie Sie sonst heißen mögen – mir ist ja das ganz egal –, da werden Sie kein Glück haben! Die Hanne mag keinen; nicht mal den Herrn Doktor da hat sie gemocht.“„Also haben Sie doch –?“ fragte Stefenson mit einem Blick auf mich.„Gar nichts habe ich“, sagte ich zornig. „Gar nichts! Im übrigen möchte ich um einige kurze Aufschlüsse bitten, von denen es abhängen wird, ob ich noch länger an diesem Tisch sitzenbleibe oder nicht.“„Oho – oho! Also, was ist aufzuschließen?“„Waren Sie der Journalist Brown, der im Mai zu uns kam?“„Ja, natürlich war ich der! Aber Sie hätten mich doch damals beinahe erkannt. Deshalb habe ich ja meine Maske geändert und bin als Knecht Ignaz wiedergekommen.“„Wie kamen Sie damals dazu, mir den seltsamen Brief zu geben?“„Na, den hatte ich doch selbst geschrieben, in der Annahme, Sie mit den beiden Mädchen zu treffen. Wäre meine Voraussetzung nicht zugetroffen, so hätte ich eben[pg 307]den Brief in der Tasche behalten. Das war doch nur Bluff.“„Wie konnten Sie aber in der ganzen Zeit Briefe aus Amerika an mich schreiben, da Sie doch bei uns waren?“„Es gibt Kabel, lieber Freund, durch die man anordnen kann, was zu schreiben ist.“„Und Ihre Handschrift? Ich bekam fast alle Briefe handschriftlich, nur wenige in Maschinenschrift.“„Ja, da habe ich in einem meiner Büros einen Spezialisten, der meine Handschrift so täuschend nachmachen kann, daß ich selbst nicht zu unterscheiden vermag, was von mir oder von ihm geschrieben ist. Ein goldehrlicher Mann, einem anderen dürfte man die Ausübung der äußerst gefährlichen Kunst nicht gestatten. Na, sehen Sie, es gibt für einen Großkaufmann wie mich täglich mindestens zwei Dutzend Anlässe, wo er handschriftlich schreiben muß: an Verwandte und gute Freunde, wo Maschinenschrift zu kalt wirkt; an Geschäftsgenossen, mit denen man intime Dinge verhandeln will, die kein Angestellter wissen darf; an alle Leute, die etwas darauf geben, wenn ein vielbeschäftigter Mann sich die Mühe und Zeit nimmt, einen handschriftlichen Brief zu senden; schließlich an alle offenen und verkappten Autographenjäger – für sie alle ist Mister Jenkins da, und er machte seine Sache für zweitausend Dollar im Jahre geschickt und reell. Er hat auch in Ihrem Falle sehr brav gearbeitet.“„Großartig! Großartig!“ klatschte der Prinz in die Hände. Mein Barometer aber fiel auf Sturm. „Ihr Verhältnis zu Bauer Barthel“, sagte ich kalt, „brauchen[pg 308]Sie mir nun nicht mehr zu erklären. Er hat gewußt, wer Sie waren, deshalb hielt er Sie, deshalb log er, er kenne Sie von Jugend auf; deshalb hat er Sie sogar gestern nicht verraten.“„Stimmt! Aber das dürfen Sie dem Barthel nicht übelnehmen. Wir haben ein schriftliches Abkommen, laut dessen er fünfhundert Mark an mich hätte zahlen müssen, falls er mich je verraten hätte. Denken Sie mal – fünfhundert Mark! Es ist klar, daß sich da Barthel lieber einsperren läßt.“„Hat sonst noch jemand auf dem Forellenhof Sie gekannt?“„Nein. Auch Susanne nicht.“„Das ist mir lieb. Aber der Direktor Brüning hat Sie gekannt und sich wahrscheinlich stets heimlich mit Ihnen besprochen. Deshalb erschienen mir alle seine Anordnungen immer so von Ihrem Geiste diktiert.“„Auch das ist richtig. Ich war nur der lange Ignaz, aber in Wirklichkeit leitete ich die ganze Anstalt durch den Direktor. Wir hatten alle Tage eine kleine Konferenz. Ich war immer von allem unterrichtet. Außer Barthel und dem Direktor hat aber niemand gewußt, wer ich war, nicht mal die kleine Luise, und das ist mir schwer geworden.“Seine Augen schimmerten warm bei dem Gedenken des Kindes, und das Wort, das ich über seine Abgefeimtheit sprechen wollte, unterblieb. So sagte ich nur kühl und gemessen:[pg 309]„Wollen Sie mir sagen, Herr Stefenson, warum Sie diese ganze Komödie mit uns gespielt haben?“„Komödie?“ verwunderte er sich;„wiesoKomödie? Darf in den Ferien vom Ich nicht jeder auftreten, wie er will? Ist das nicht Ihre eigene Idee? Und was meinen Sie, was ich selbst von dieser Idee, die mir gefiel und für die ich viel Geld gewagt habe, gehabt hätte, wenn ich als Mister Stefenson dageblieben wäre? Der Direktor wäre ich gewesen, einen langweiligen Verwaltungsposten hätte ich gehabt, nichts von dem Zauber trauten Geborgenseins, den unsere Anstalt spendet, hätte ich genießen können. Nein, am eigenen Leibe wollte ich ausprobieren, wie es tut, wenn man Ferien macht vom Ich. Deshalb wurde ich Bauernknecht. Ich habe mich wohlgefühlt als ‚langer Ignaz‘, ich habe beobachtet, erlauscht, geprüft von unten her, was an unserer Sache ist, ob sie absurd, phantastisch, unfruchtbar, oder ob sie im Kern echt und gut ist, und ich hatte das Glück zu sehen, daß wir auf dem richtigen Wege sind. Nicht nur die gute geschäftliche Bilanz, die ich erwartet hatte, hat mich belehrt, daß ich mich unserer Gründung freuen darf, sondern das, was ich sah und hörte, als ich unerkannt mitten unter den Feriengästen war.“„Sie haben auch mich prüfen wollen?“ sagte ich.„Ja, auch Sie! Ganz natürlich. Ich werde wieder nach Amerika zurück müssen, weil leider meine Ferien aus sind, und ich will wissen, wem ich das Werk hier, ich kann sagen den Liebling unter all meinen Unternehmungen, den einzigen Ausflug ins Romantische, den ich je[pg 310]gemacht habe, hinterlasse. Ich kann ruhig scheiden. Ich werde jetzt wirklich hinübergehen. Weil ich muß! Weil mich die Pflicht ruft. Ich weiß, das Heim ist in guten Händen. Und eines, lieber Freund, vergesse ich Ihnen mein Lebtag nicht. Es gab einen Sommerabend, an dem Sie die Hände ausstreckten nach der schönen Hanne. An diesem Abend fanden Sie meinen Brief, in dem ich Ihnen sagte, daß ich Fräulein Eva Bunkert, die Forellenhof-Hanne, als meine Braut betrachte. Und seit diesem Abend sind Sie dem Mädchen aus dem Wege gegangen. Sehen Sie, das habe ich auch nur als Knecht Ignaz erfahren können, daß ich an Ihnen so einen treuen Freund habe. Das allein lohnt ein halbes Jahr Bauernarbeit.“Er sprach mit großer, ehrlicher Wärme. Ich aber sagte: „Sie täuschen sich. Ich hätte das Mädel zu gewinnen gesucht; aber ich wußte, daß sie immer nur an Sie dachte, daß Ihnen ihr Herz gehört.“„Ist das möglich? Ist das möglich? Fräulein Hanne will wirklich ...“Der Prinz sank in sich zusammen. Er war plötzlich wieder vollständig Piesecke.Es ist noch viel geredet worden; ich weiß nicht mehr, was alles. Schließlich habe ich Stefenson recht geben müssen, daß er sich unerkannt unter unser kurioses Völklein mischte. Was sollte er sich nicht überzeugen, wie seine Gründung wirkte? Ich überwand meinen Unmut, so gut ich konnte, aber ein Stachel blieb, daß Barthel und der Direktor mehr gewußt hatten als ich. Eine[pg 311]Freundschaft zwischen Stefenson und mir wollte ich nicht mehr gelten lassen.Piesecke schlich sich ins Heim zurück, ohne uns. Er wollte weiterhin Piesecke sein, und vergebens zerbrachen sich unsere Kurgäste die Köpfe, wer der in der „Neustädter Umschau“ genannte Prinz sein möge. Der „Verdacht“ blieb schließlich auf einem Referendar sitzen, der im Grundhof wohnte und sich die Rolle des heimlichen Herzogs wohlgefallen ließ. Dieser Referendar lehnte alle grobe Arbeit von nun an ab. Die Damen waren entzückt über seine hocharistokratischen Hände. Sie rühmten die edle Zurückhaltung in Ton und Gebärde, die Güte, die nie zur Vertraulichkeit wird, sondern immer Güte bleibt, die Sprache, die trotz ihres leise verschleierten Timbers und ihrer entgegenkommenden Art doch unabweisbare Befehle gibt, die Augen, die so wissend, so durch den Höhenblick von Jugend auf geschärft zu blicken wußten; sie rühmten selbst kleine Nonchalancen, die sich eben nur der unter dem Kronenhimmel Geborene gestattet. Dieser Mann lachte und lächelte nicht; er zuckte nur mit den Mundwinkeln. Er sagte nicht „nein“ zu irgendeinem Verlangen, sondern dieses Verlangen erstarb von selbst vor einem einzigen Faltenwölkchen, das sich auf der Stirn des Hohen bildete; er konnte aber auch durch ein einziges freundliches Lidersenken gewähren, „ja“ sagen, wie kein anderer Mensch „ja“ zu sagen vermag.Keine Erziehung führt zu solcher Haltung. Kein Emporkömmling kann sie erlernen. Rasse! Vererbung von[pg 312]Herreninstinkten durch Jahrhunderte! Das ist’s! Und der heimliche Herzog ging in schlichter, leutseliger Würde durch das Gewimmel aller derer, die ihm täglich in den Weg zu laufen wußten. Er empfing keine Besuche – er erteilte Audienzen; er plauderte nicht – er hielt Cercle.Mir machte alles dies so viel Spaß, daß ich den Direktor ersuchte, dem heimlichen Herzog noch auf weitere zwei Wochen die wesentlich erleichterten Zahlungsbedingungen zu gewähren; denn der Referendar hatte bisher nur gelegentlich geringe Remunerationen genossen, und sein Vater, der ein biederer Sattlermeister war, hatte auch nicht viel Geld übrig.Das alles hatte mit ihrem Artikel die „Neustädter Umschau“ getan. An Piesecke dachte kein Mensch ...Barthel, der Heimtücker, war inzwischen auch aus der Haft entlassen worden. Er ließ sich bei mir melden, aber es wurde ihm gesagt, ich sei nicht zu sprechen. Da kam er nach einer Stunde mit seiner Susanne wieder.„Herr Doktor“, sagte Susanne mit kirschrotem Kopf, „daß er ein Lump ist, weiß ich. Unsern guten Herrn Doktor so zu beschwindeln wegen lumpiger tausend Taler, die er jetzt von Ignaz, der ja Stefenson gewesen ist, Schweigegeld kriegt. Was soll uns das Geld? Was geht uns Herr Stefenson an? Wir halten uns an unseren guten Herrn Doktor. Aber was das schlimmste ist, mich hat er auch beschwindelt mit dem langen Ignaz. So ein Lump! Sein eigenes Weib belügt er. Ich hab ihm nie getraut, nie im Leben! Nicht über den Weg! Aber jetzt laß[pg 313]ich mich scheiden; er hat gesessen, und mit einem Zuchthäusler hat eine anständige Frau nichts zu tun.“Was blieb mir übrig, als für den in erbärmlichem Zustand dastehenden Barthel Partei zu ergreifen und der empörten Susanne gut und mild zuzureden? Sie wollte aber auf keinen Zuspruch hören. Sie blieb dabei, sie müsse sich scheiden lassen, da er „gesessen“ habe. Schließlich weinte sie.„Und was er für ein Liedrian ist, Herr Doktor!“ schluchzte die brave Frau. „Für die tausend Taler, die er jetzt von Stefenson kriegt, will er sich eine Dreschmaschine kaufen, wo ich ihm doch sage, daß er das Geld lieber in die Sparkasse tragen soll.“ Da erkannte ich, daß das Barthelsche Eheglück noch nicht hoffnungslos verloren war, und ich entließ die beiden, indem ich sie meines Wohlwollens versicherte.Ich saß allein in meiner Klause. Ich war in einer Stimmung, die ich nicht kannte. Wie war das, was ich in den letzten vierundzwanzig Stunden erlebte – war das traurig, war es komisch, war es erbärmlich? Sollte ich lachen, sollte ich zürnen?Sollte mir das Herz weh tun, weil die blonde Hanne fortzog?Sollte ich grollen, weil Stefenson dem Direktor und einem Bauern mehr Vertrauen geschenkt hatte als mir, den er seinen Freund nannte?Sollte ich mich ärgern über den Barthel, weil er profitsüchtig gewesen war?[pg 314]Es blieb ganz still in mir. Wahrscheinlich waren das alles ganz gute, liebe Leute. Nur das Leben schüttelte die Menschen durcheinander, wie ein Kind die Steinchen schüttelt, die es in ein Säcklein gesammelt hat. Wenn es eine Reibung gibt, was schadet es? Ein Krümlein alter, weicher Heimaterde bröckelt ab, und der Stein schimmert durch, hart und widerstandslustig. Dem Stein aber kann keine Reibung mehr schaden, kann ihn nur glätten.Alte, weiche Heimaterde, wie du mich umsponnen hattest! Jedes Käferwürmlein konnte an dir zehren! Ich möchte dich ja halten, denn du bist gut und weich, aber das Leben schüttelt zu hart. Doch ich bin getrost, ein gut Teil Krümlein werden mir bleiben, darauf will ich mich heimlich betten, und die glatte Fläche wird nur nach außen sein ... Als am nächsten Morgen die blonde Hanne in mein Zimmer trat, pochte mein Herz nicht rascher, als käme eine Patientin. Wohl war das Mädchen blasser, als ich es je gesehen.„Sie kommen sich verabschieden, Eva?“„Ja. In zwei Stunden fährt drüben in Neustadt mein Zug ab.“Wir schwiegen beide. Plötzlich begann Eva laut und heftig zu weinen. Ich hätte hingehen mögen, um über ihre Stirn zu streichen; aber ich tat es nicht.„Eva, Sie wissen, daß Stefenson hier ist – daß er die ganze Zeit hier war?“Sie nickte.„Er hat wohl mit Ihnen gesprochen?“Da stand sie auf. Tränenlos, zornig sagte sie:[pg 315]„Ja, er hat mit mir gesprochen. Er war so dreist, mich um meine Hand zu bitten. Ein halbes Jahr lang hat er neben mir gewohnt, ohne daß ich ihn kannte, hat mich beobachtet, belauert, geprüft, ob ich wohl – der hohen Ehre würdig sei, seine Gattin zu werden, ob ich nicht am Ende ein kokettes, leichtfertiges Weib sei, das heut dem, morgen jenem zulächelt; er hat diese Prüfung angestellt, weil ich beim Theater bin, weil ich keine der unter hermetischem Verschluß stehenden Misses von Neuyork bin, die heimlich oft liederlich genug sind; er hat mich, ohne daß ich es wußte, geprüft, und ist nun so gnädig, mir zu sagen: du hast deine Prüfung bestanden. Aber ich – ich werfe ihm sein Diplom vor die Füße! Was ist denn die Liebe? Liebe ist doch blindes Vertrauen. Welcher Mann hat denn eine Garantie? Das Mädchen, der Vater, die Mutter, alle Muhmen und Vettern können ihn belügen, wenn sie wollen, er ist machtlos dagegen. Der Mann muß das Mädchen sehen, er muß wie von einer himmlischen Erleuchtung geführt sagen: Du bist rein, ich lege meine Ehre und mein Glück in deine Hände. Sonst ...“Sie sank weinend auf den Stuhl zurück.Hochauf loderte der glimmende Funke meiner Liebe wieder zu diesem schönen Mädchen, als ich so sein ehrliches weibliches Empfinden sah. In plötzlicher Müdigkeit stützte ich den Kopf in die Hände.Ich zwang die Welle in meinem Herzen. Es wurde ganz still in mir. Eine unheimliche, aber große Stille. Wie in der Wüste. Nur von ferne hörte ich die Tränen rinnen, wie Wasser einer fremden Oase. Ich hätte lange[pg 316]so mit dem aufgestützten Haupt sitzen mögen. Wieviel Zeit verging, weiß ich nicht. Da hörte ich Evas Stimme.„Haben Sie keinen guten Rat für mich, lieber Freund?“„Lieber Freund!“ Unter allen Gestirnen, die an unserem Himmel flimmern, ist dieses Wort wohl eines der hellsten. Aber wenn es ein Weib sagt, das man liebt, bekommt dieser Stern ein überweißes Licht, ist wie ein Schimmer aus einer Welt, die in Eiseskälte untergeht.„Warum sagen Sie nichts? Wissen Sie nicht einmal als Arzt etwas zu sagen?“Da erhob ich mich.„Wohl, liebe Eva! Ich glaube, ich kann Ihnen die Sache richtig auseinandersetzen.“Ich war über mich selbst verwundert. Wie ein trockener, etwas pedantischer Magister sprach ich:„Sehen Sie, Eva, Sie stecken zu tief in der Romantik! Sie denken sich den Freiersmann so wie Lohengrin, der als Fremdling ans Ufer steigt, die Holde, die von aller Welt geächtet wird, an der Hand nimmt und sagt: Frei aller Schuld ist Elsa von Brabant. Und drei Minuten später: Elsa, ich liebe dich! Unser Stefenson ist nicht von dieser Schwanenritterart, er fährt auf dem Passagierdampfer, ist hausbacken, nüchtern, verfährt vorsichtig.“„Verstellen Sie sich doch nicht, lieber Freund! Das ist doch nicht Ihre Art, so zu sprechen!“„Doch, doch! Es ist ganz meine Art, so zu sprechen! Eva, ich will Ihnen ehrlich folgendes sagen: Stefenson hat nicht nur Sie prüfen wollen, sondern auch mich, auch[pg 317]unsere ganze Anstalt. Er schätzt wahrscheinlich drei Dinge: Erstens das Geld, das er für ein Unternehmen anlegt (und das ist ihm als Kaufmann durchaus nicht übelzunehmen), zweitens seine Geschäftsfreunde, unter denen er keine unfähigen Gesellen haben will (auch das ist ohne weiteres zu billigen), und drittens die Liebe oder die Ehe, in welcher Richtung er durchaus klar sehen will. Die Beurteilung dieses dritten Punktes wage ich nicht, da ich von Liebe nichts verstehe.“In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet. Stefenson erschien.„Ich bitte um Entschuldigung“, sagte er, „und versichere, daß ich an der Tür nicht gehorcht habe. Ich entlasse Dienstmädchen ob solch schmählicher Schwäche. Aber der Herr Doktor hat so deutlich gepredigt, daß jedermann, der den anstoßenden Korridor entlang ging, Wort für Wort verstehen mußte. Darf ich mir zu der Sache das Wort erlauben?“„Bitte!“„Erstens mal das Geld. Schön! Ich schätze es! Ich halte es für einen sehr guten Freund. Für einen, der nicht nur die Stube ausmöbliert und das Essen schafft, sondern auch für einen, der einem eine vernünftige Körperpflege gönnt, der die Theater und Museen aufschließt, einen in der Welt herumführt, der gestattet, sich gegen ärmere Mitmenschen anständig zu benehmen, der den Doktor ruft, wenn man krank ist, und der einem schließlich ein Denkmal setzt, wenn sich kein Mensch um den Grabhügel bekümmert, ja, für den einzigen Freund, der einem, wenn[pg 318]man zum Beispiel in der Wut eine Gewalttat begangen hat und ins Zuchthaus oder sonst ins Elend gekommen ist, hinterher wieder die Hand reicht und zu einem ordentlichen Leben zurückverhilft. Ein gutes Bankdepot ist wirklich ein außerordentlich reeller Freund. Nur dumme Kerle und verärgerte arme Schlucker können es leugnen.Zweitens: Geschäftsfreunde dürfen noch eher in mäßigen Grenzen unreell als dumm, rückständig, faul oder sonstwie borniert sein.Drittens: Jeder Mensch, der ein Pferd kauft, das er übermorgen weiterverkaufen oder schlachten lassen kann, überlegt es nach zwanzig Rücksichten. Einer, der eine Frau nimmt, die er zeit seines Lebens auf dem Halse behält, und der weniger vorsichtig verfährt, ist ein Dummian.“Stefenson brachte diese Sätze ohne alle Gemütsbewegung vor, wie einer, der unwiderlegbare Behauptungen aufstellt.Die blonde Eva hatte ihn bisher nicht angesehen.Jetzt stand sie auf, blickte ihm voll in die Augen und sagte kühl:„Alles, was Sie da sagen, ist nach Ihrer Meinung klug und richtig. Aber ich – ich mag das nicht! Ich mag das alles ganz und gar nicht!“Sie verließ das Zimmer. Wir riefen ihr beide nach.Sie gab keine Antwort mehr.Stefenson ging langsam durch das Zimmer, zündete sich eine Zigarre an und sagte nach einer Weile:„Das ist daneben gegangen!“[pg 319]„Ja, ganz daneben!“„Sie freuen sich wohl?“„Ach, ich kann nicht sagen, daß ich verärgert bin.“„Das kann ich mir denken!“Darauf zündete auch ich mir eine Zigarre an, und wir setzten uns gegenüber und rauchten dicke Wolken.„Was war denn eigentlich los?“ fragte Stefenson.„Nun“, sagte ich, „Sie sind ein Mann, und sie ist ein Weib.“

[pg 281]AbschiedsabendAm Abend ging ich nach dem Forellenhofe. Die schöne „Hanne“ nahm Abschied von uns. Von Mai an war das Mädchen bei uns, und jetzt, da es gehen wollte, war mir’s, als schwänden Sommer und Sonne dahin, und es könne nun nichts mehr geben als graue Tage. Ich litt wie Piesecke; ich jammerte nur nicht so. Aber auch vielen anderen Leuten ging Evas Abschied nahe; ich hörte, daß die dicke Susanne schon tagelang mit rot verquollenen Augen herumlaufe.Wenn der November kam, würden sich wahrscheinlich unsere Kurgäste an Zahl vermindern; dann wollte ich auch mal ausspannen, wollte für ein paar Wochen Ferien machen. Ich erwischte mich bei dem Gedanken, daß ich dann wahrscheinlich nach einer großen Stadt reisen würde, nach Berlin oder Wien. Ich bin nun schon so lange in dieser Einfachheit und in diesem ruhigen Frieden, daß ich mich wahrhaftig manchmal sehne, in einer elektrischen Straßenbahn zu fahren, ein gutes Theater zu besuchen, mal in einem vornehmen Restaurant zu speisen. Es kann gar nicht anders sein: wenn der Doktor aus dem Friedensidyll einmal Ferien vom Ich machen will, muß er in Glanz und Lärm hinein.Variatio delectat.[pg 282]Ich nehme es unseren Bauern nicht übel, daß sie sich zuweilen Sonntags nach Neustadt hinüberschleichen, um dort ins Kino zu gehen, und die hämischen Bemerkungen der „Neustädter Umschau“ über diesen Fall beweisen nur, daß das Blatt keine Ahnung von dem Abwechselungsbedürfnis des Menschen hat. Wer immer im Lärm sitzt, wird stumpf, wer immer in der Stille ist, auch; nur die wechselnde Welle trägt des Menschen Schiff.Daß mich neben diesen Erwägungen auch der Gedanke leitete, ich könne meine Ferienreise vorteilhaft über die Stadt verlegen, wo Eva diesen Winter singen würde, wollte ich mir kaum zugestehen. Denn ich hatte doch ein Ende gemacht mit meiner Liebe; ich wußte doch recht gut, daß ich nicht eher ein idealer Leiter dieses Ferienheims sein würde, als ich nicht selbst von allen persönlichen Banden und Sorgen befreit war, daß ich immer noch selbst zu sehr in der alten Haut steckte ...Die große Stube im Forellenhof war dicht besetzt mit Menschen. Viel alte Freunde kamen, um sich von Eva zu verabschieden. Ein paar Kränze von Astern hingen an den Wänden, die letzten Rosen des Gartens blühten auf dem Tisch. Wenn ein Kurgast von uns Abschied nimmt, erhält er als Andenken ein Album überreicht, in dem einige gute Bilder nach Radierungen, Heliogravüren, Aquarellen und Zeichnungen von unserem Heim enthalten sind, außerdem aber eine Anzahl Photographien, auf denen der betreffende Gast in irgendeiner Situation, die er miterlebt hat, verewigt ist. Denn photographiert wird bei uns viel. Bei der Arbeit, vor dem[pg 283]Bauernhaus, beim Feldfeuerchen, bei irgendeinem Ulk, beim Waldfest, beim Kirchgang, bei tausend anderen Gelegenheiten wird von unseren Kurgästen photographiert. Und jeder, der auf einem Bilde freiwillig oder unfreiwillig mit aufgenommen ist, bekommt einen Abzug in sein Album geklebt.Eva bekam ein Album in vier Bänden. Sie war sehr lange bei uns, und es hatten gar zu viele Amateure nachgesucht, wenigstens eine ihrer Aufnahmen in Evas Album zu bringen. Methusalem hatte einige reizende Bleistiftskizzen beigesteuert. Die letzte war ein Stimmungsbild von der Landstraße, die unten am Zeughaus vorbeiführt, zeigte einen im Abendschein entschwindenden Wagen und hatte die Unterschrift:„Die Sonne geht unter.“Auch du, mein Sohn Brutus? – Es fiel mir auf, wie lustig Methusalem sein wollte, wie zerstreut er war, wie gemacht heute sein Lachen klang. –Eva saß im Scheine der großen Hängelampe und durchblätterte das Album. Sie sagte nicht viel, aber mit einem Male rannen große Tränen über ihre Wangen. Dann wischte sie sich energisch das Gesicht ab und sagte:„Nein, ich darf mich wohl nicht allzusehr unterkriegen lassen. Aber diese Bücher sind herrlich. Sie werden mein liebstes Besitztum sein. Alle, alle sind drin – nur einer fehlt. Ignaz, warum sind Sie nicht auf einem einzigen Bilde? Mir ist das aufgefallen.“Ignaz, der am Ofen lehnte, wandte sich weg und drückte die Wange gegen die Kacheln des Ofens. „So ein[pg 284]ekliger Kerl, wie ich, ist nicht für Bilder“, sagte er mit seiner knurrenden Stimme. Aber es klang wie ein Schluchzen darin.„Es tut mir leid, Ignaz“, sagte Eva freundlich; „Sie waren gut und treu zu mir!“Da ging der Knecht stumm zur Tür hinaus. Ich sah, wie der Kurgast „Steiner“, von dem ich nun wußte, daß er ein Detektiv war, dem langen Ignaz mit einem messerscharfen Blick nachschaute.Barthel hatte zu Ehren des Abends ein Fäßchen Moselwein angezapft und hielt eine Rede:„Meine Damens und Herr’n! Der heutige Abend is nich so wie sonst, sondern anders. Es is ein ernster Abend, weil Fräul’n Hanne fortzieht, und deshalb hab ich Sie zu einem Gläschen Wein eingeladen, und ich wünsche, daß er Ihnen allen recht wohl bekommen möge. Wir sind alle sehr traurig; denn wir verlieren Fräul’n Hanne sehr, sehr ungern.“Der Redner wurde unterbrochen. Frau Susanne weinte und prustete so heftig, daß sie sich zur Tür hinaus retten mußte. Auch Barthel fuhr mit der Hand nach den Augenwinkeln.„Sehen Sie, meine Herr’n, meiner Alten geht es auch nahe. Eine Zeitlang – ich kann das wohl jetzt ruhig sagen – is sie wegen Fräul’n Hanne und mir eifersüchtig gewesen. Aber es war bloß blinder Lärm; ich weiß doch, was ich mir schuldig bin!“Wieder eine Unterbrechung. Zwei Herren und eine Dame hielten sich das Taschentuch vor den Mund.[pg 285]„Sehen Sie, meine Damens und Herr’n, mit einem Hausvater, wie ich, ist das ein reines Elend, obwohl es mir gut geht. Denn sehen Sie, die Leute, die hierherkommen, verstehen alle rein gar nichts, und die meisten sind sehr faul und haben das Arbeiten nich gelernt. Ich muß sie erst alle mühsam zurechtstutzen. Und wenn man dann mal so ’ne Perle bekommt wie die Hanne, die so famos Butter machen kann, und sie zieht wieder fort, dann ...“Mit Barthels Fassung war es aus. Er weinte in sein rot geblümtes Taschentuch und konnte schließlich nur noch sagen:„Nun trinken wir halt auf Fräul’n Hannes ihre Gesundheit!“Das Mädchen war sehr bewegt. Es wurden noch einige kurze Ansprachen von Gästen gehalten, die Hanne feierten und in denen auch Vater Barthel unmäßig viel Weihrauch gestreut wurde, und schließlich mußte Hanne singen. Sie war ruhiger geworden, stimmte ihre Laute und sang mit ihrer zarten, lieblichen Stimme das Lied, das aller Abschiedslieder Krone ist und bleiben wird:„Morgen muß ich fort von hierUnd muß Abschied nehmen –“Während des Liedes öffnete sich leise die Tür. Der lange Ignaz schlich sich herein, lehnte den Kopf an die Wand und preßte die Hände an die weiße Mauer.Die Lampe flackerte; die Spätherbstrosen blühten auf dem Tisch.[pg 286]Als Eva das Lied beendet hatte, stürzte plötzlich einer vor, warf sich dem Mädchen zu Füßen und rief:„Gehen Sie nicht fort – gehen Sie nicht fort, Fräulein Hanne; ich muß sonst sterben!“Es war Piesecke. Und da sah ich auch schon, wie sich der lange Ignaz umdrehte, wie ein wilder, giftiger Blick über Piesecke und das erschreckte Mädchen hinfuhr, und im nächsten Augenblick hatte Ignaz den zarten Piesecke erfaßt, schleuderte ihn sich wie einen Sack über die Schulter und verschwand mit ihm durch die Tür.„Daß kein Unglück geschieht!“ rief ich und eilte nach. In aufgeschreckter Unordnung drängte alles nach dem Hofe. Dort hatte der starke Ignaz den zappelnden Piesecke bereits mit gewaltiger Wucht auf den großen Düngerhaufen geworfen. Es war dem so schmählich Behandelten weiter kein körperliches Unheil zugestoßen; aber ich war doch so erzürnt ob der neuen Gewalttat des Knechtes und der Störung unserer schönen Stimmung, daß ich sagte:„Ignaz, Sie gehen jetzt schlafen! Und morgen früh werden Sie Ihr Bündel schnüren. Dafür werde ich sorgen!“Er wandte sich trotzig zur Seite. Ich ging aufgeregt nach der Stube zurück und traf daselbst den Detektiv Steiner, der allein zurückgeblieben war und ein Blättchen Papier, auf dem Fingerabdrücke zu sehen waren, sorgsam mit den schwachen Spuren verglich, die des Knechtes Ignaz Arbeitsfäuste an der weißen Mauer hinterlassen hatten. Ohne auf mich zu achten, ging der Be[pg 287]amte in den Hausflur hinaus, in den eben der lange Ignaz eingetreten war, trat auf den Knecht zu und sagte:„Josef Wiczorek, ich verhafte Sie im Namen des Gesetzes!“Die Umstehenden starrten den Sprecher an.„Was wollen Sie, Herr Steiner?“ fragte der Bauer Barthel erschrocken.„Ich heiße nicht Steiner, ich bin Geheimpolizist und habe meine Legitimation in der Tasche. Ich bitte, daß mir Gelegenheit gegeben wird, den verhafteten Josef Wiczorek, der sich hier unter dem Namen Ignaz Scholz aufgehalten hat, sofort nach dem Amtsgerichtsgefängnis in Waltersburg zu transportieren.“Josef Wiczoreks Augen verglasten sich. Ein kurzes Grunzen – und plötzlich schlug er mit beiden Fäusten um sich, machte sich Platz und verschwand blitzschnell im dunklen Hofe.„Haltet ihn!“ rief der Polizeimann; „er ist ein lange gesuchter Raubmörder!“Wir schrien alle, wir rannten. Ich stieß mit Barthel zusammen und machte meinem Grimme Luft.„Barthel, das haben wir Ihnen zu verdanken, Sie haben den mir längst unheimlichen Gesellen gehalten; Sie haben behauptet, Sie kennten ihn von Jugend auf als ehrlichen Kerl. Nun kommt diese Schande über uns.“„Herr Doktor, lieber Herr Doktor, verzeihen Sie mir“, wimmerte Barthel, „ich konnte nicht anders!“ Er verlor sich von meiner Seite ins Dunkel.

Am Abend ging ich nach dem Forellenhofe. Die schöne „Hanne“ nahm Abschied von uns. Von Mai an war das Mädchen bei uns, und jetzt, da es gehen wollte, war mir’s, als schwänden Sommer und Sonne dahin, und es könne nun nichts mehr geben als graue Tage. Ich litt wie Piesecke; ich jammerte nur nicht so. Aber auch vielen anderen Leuten ging Evas Abschied nahe; ich hörte, daß die dicke Susanne schon tagelang mit rot verquollenen Augen herumlaufe.

Wenn der November kam, würden sich wahrscheinlich unsere Kurgäste an Zahl vermindern; dann wollte ich auch mal ausspannen, wollte für ein paar Wochen Ferien machen. Ich erwischte mich bei dem Gedanken, daß ich dann wahrscheinlich nach einer großen Stadt reisen würde, nach Berlin oder Wien. Ich bin nun schon so lange in dieser Einfachheit und in diesem ruhigen Frieden, daß ich mich wahrhaftig manchmal sehne, in einer elektrischen Straßenbahn zu fahren, ein gutes Theater zu besuchen, mal in einem vornehmen Restaurant zu speisen. Es kann gar nicht anders sein: wenn der Doktor aus dem Friedensidyll einmal Ferien vom Ich machen will, muß er in Glanz und Lärm hinein.Variatio delectat.[pg 282]Ich nehme es unseren Bauern nicht übel, daß sie sich zuweilen Sonntags nach Neustadt hinüberschleichen, um dort ins Kino zu gehen, und die hämischen Bemerkungen der „Neustädter Umschau“ über diesen Fall beweisen nur, daß das Blatt keine Ahnung von dem Abwechselungsbedürfnis des Menschen hat. Wer immer im Lärm sitzt, wird stumpf, wer immer in der Stille ist, auch; nur die wechselnde Welle trägt des Menschen Schiff.

Daß mich neben diesen Erwägungen auch der Gedanke leitete, ich könne meine Ferienreise vorteilhaft über die Stadt verlegen, wo Eva diesen Winter singen würde, wollte ich mir kaum zugestehen. Denn ich hatte doch ein Ende gemacht mit meiner Liebe; ich wußte doch recht gut, daß ich nicht eher ein idealer Leiter dieses Ferienheims sein würde, als ich nicht selbst von allen persönlichen Banden und Sorgen befreit war, daß ich immer noch selbst zu sehr in der alten Haut steckte ...

Die große Stube im Forellenhof war dicht besetzt mit Menschen. Viel alte Freunde kamen, um sich von Eva zu verabschieden. Ein paar Kränze von Astern hingen an den Wänden, die letzten Rosen des Gartens blühten auf dem Tisch. Wenn ein Kurgast von uns Abschied nimmt, erhält er als Andenken ein Album überreicht, in dem einige gute Bilder nach Radierungen, Heliogravüren, Aquarellen und Zeichnungen von unserem Heim enthalten sind, außerdem aber eine Anzahl Photographien, auf denen der betreffende Gast in irgendeiner Situation, die er miterlebt hat, verewigt ist. Denn photographiert wird bei uns viel. Bei der Arbeit, vor dem[pg 283]Bauernhaus, beim Feldfeuerchen, bei irgendeinem Ulk, beim Waldfest, beim Kirchgang, bei tausend anderen Gelegenheiten wird von unseren Kurgästen photographiert. Und jeder, der auf einem Bilde freiwillig oder unfreiwillig mit aufgenommen ist, bekommt einen Abzug in sein Album geklebt.

Eva bekam ein Album in vier Bänden. Sie war sehr lange bei uns, und es hatten gar zu viele Amateure nachgesucht, wenigstens eine ihrer Aufnahmen in Evas Album zu bringen. Methusalem hatte einige reizende Bleistiftskizzen beigesteuert. Die letzte war ein Stimmungsbild von der Landstraße, die unten am Zeughaus vorbeiführt, zeigte einen im Abendschein entschwindenden Wagen und hatte die Unterschrift:

„Die Sonne geht unter.“

Auch du, mein Sohn Brutus? – Es fiel mir auf, wie lustig Methusalem sein wollte, wie zerstreut er war, wie gemacht heute sein Lachen klang. –

Eva saß im Scheine der großen Hängelampe und durchblätterte das Album. Sie sagte nicht viel, aber mit einem Male rannen große Tränen über ihre Wangen. Dann wischte sie sich energisch das Gesicht ab und sagte:

„Nein, ich darf mich wohl nicht allzusehr unterkriegen lassen. Aber diese Bücher sind herrlich. Sie werden mein liebstes Besitztum sein. Alle, alle sind drin – nur einer fehlt. Ignaz, warum sind Sie nicht auf einem einzigen Bilde? Mir ist das aufgefallen.“

Ignaz, der am Ofen lehnte, wandte sich weg und drückte die Wange gegen die Kacheln des Ofens. „So ein[pg 284]ekliger Kerl, wie ich, ist nicht für Bilder“, sagte er mit seiner knurrenden Stimme. Aber es klang wie ein Schluchzen darin.

„Es tut mir leid, Ignaz“, sagte Eva freundlich; „Sie waren gut und treu zu mir!“

Da ging der Knecht stumm zur Tür hinaus. Ich sah, wie der Kurgast „Steiner“, von dem ich nun wußte, daß er ein Detektiv war, dem langen Ignaz mit einem messerscharfen Blick nachschaute.

Barthel hatte zu Ehren des Abends ein Fäßchen Moselwein angezapft und hielt eine Rede:

„Meine Damens und Herr’n! Der heutige Abend is nich so wie sonst, sondern anders. Es is ein ernster Abend, weil Fräul’n Hanne fortzieht, und deshalb hab ich Sie zu einem Gläschen Wein eingeladen, und ich wünsche, daß er Ihnen allen recht wohl bekommen möge. Wir sind alle sehr traurig; denn wir verlieren Fräul’n Hanne sehr, sehr ungern.“

Der Redner wurde unterbrochen. Frau Susanne weinte und prustete so heftig, daß sie sich zur Tür hinaus retten mußte. Auch Barthel fuhr mit der Hand nach den Augenwinkeln.

„Sehen Sie, meine Herr’n, meiner Alten geht es auch nahe. Eine Zeitlang – ich kann das wohl jetzt ruhig sagen – is sie wegen Fräul’n Hanne und mir eifersüchtig gewesen. Aber es war bloß blinder Lärm; ich weiß doch, was ich mir schuldig bin!“

Wieder eine Unterbrechung. Zwei Herren und eine Dame hielten sich das Taschentuch vor den Mund.

„Sehen Sie, meine Damens und Herr’n, mit einem Hausvater, wie ich, ist das ein reines Elend, obwohl es mir gut geht. Denn sehen Sie, die Leute, die hierherkommen, verstehen alle rein gar nichts, und die meisten sind sehr faul und haben das Arbeiten nich gelernt. Ich muß sie erst alle mühsam zurechtstutzen. Und wenn man dann mal so ’ne Perle bekommt wie die Hanne, die so famos Butter machen kann, und sie zieht wieder fort, dann ...“

Mit Barthels Fassung war es aus. Er weinte in sein rot geblümtes Taschentuch und konnte schließlich nur noch sagen:

„Nun trinken wir halt auf Fräul’n Hannes ihre Gesundheit!“

Das Mädchen war sehr bewegt. Es wurden noch einige kurze Ansprachen von Gästen gehalten, die Hanne feierten und in denen auch Vater Barthel unmäßig viel Weihrauch gestreut wurde, und schließlich mußte Hanne singen. Sie war ruhiger geworden, stimmte ihre Laute und sang mit ihrer zarten, lieblichen Stimme das Lied, das aller Abschiedslieder Krone ist und bleiben wird:

„Morgen muß ich fort von hierUnd muß Abschied nehmen –“

„Morgen muß ich fort von hier

Und muß Abschied nehmen –“

Während des Liedes öffnete sich leise die Tür. Der lange Ignaz schlich sich herein, lehnte den Kopf an die Wand und preßte die Hände an die weiße Mauer.

Die Lampe flackerte; die Spätherbstrosen blühten auf dem Tisch.

Als Eva das Lied beendet hatte, stürzte plötzlich einer vor, warf sich dem Mädchen zu Füßen und rief:

„Gehen Sie nicht fort – gehen Sie nicht fort, Fräulein Hanne; ich muß sonst sterben!“

Es war Piesecke. Und da sah ich auch schon, wie sich der lange Ignaz umdrehte, wie ein wilder, giftiger Blick über Piesecke und das erschreckte Mädchen hinfuhr, und im nächsten Augenblick hatte Ignaz den zarten Piesecke erfaßt, schleuderte ihn sich wie einen Sack über die Schulter und verschwand mit ihm durch die Tür.

„Daß kein Unglück geschieht!“ rief ich und eilte nach. In aufgeschreckter Unordnung drängte alles nach dem Hofe. Dort hatte der starke Ignaz den zappelnden Piesecke bereits mit gewaltiger Wucht auf den großen Düngerhaufen geworfen. Es war dem so schmählich Behandelten weiter kein körperliches Unheil zugestoßen; aber ich war doch so erzürnt ob der neuen Gewalttat des Knechtes und der Störung unserer schönen Stimmung, daß ich sagte:

„Ignaz, Sie gehen jetzt schlafen! Und morgen früh werden Sie Ihr Bündel schnüren. Dafür werde ich sorgen!“

Er wandte sich trotzig zur Seite. Ich ging aufgeregt nach der Stube zurück und traf daselbst den Detektiv Steiner, der allein zurückgeblieben war und ein Blättchen Papier, auf dem Fingerabdrücke zu sehen waren, sorgsam mit den schwachen Spuren verglich, die des Knechtes Ignaz Arbeitsfäuste an der weißen Mauer hinterlassen hatten. Ohne auf mich zu achten, ging der Be[pg 287]amte in den Hausflur hinaus, in den eben der lange Ignaz eingetreten war, trat auf den Knecht zu und sagte:

„Josef Wiczorek, ich verhafte Sie im Namen des Gesetzes!“

Die Umstehenden starrten den Sprecher an.

„Was wollen Sie, Herr Steiner?“ fragte der Bauer Barthel erschrocken.

„Ich heiße nicht Steiner, ich bin Geheimpolizist und habe meine Legitimation in der Tasche. Ich bitte, daß mir Gelegenheit gegeben wird, den verhafteten Josef Wiczorek, der sich hier unter dem Namen Ignaz Scholz aufgehalten hat, sofort nach dem Amtsgerichtsgefängnis in Waltersburg zu transportieren.“

Josef Wiczoreks Augen verglasten sich. Ein kurzes Grunzen – und plötzlich schlug er mit beiden Fäusten um sich, machte sich Platz und verschwand blitzschnell im dunklen Hofe.

„Haltet ihn!“ rief der Polizeimann; „er ist ein lange gesuchter Raubmörder!“

Wir schrien alle, wir rannten. Ich stieß mit Barthel zusammen und machte meinem Grimme Luft.

„Barthel, das haben wir Ihnen zu verdanken, Sie haben den mir längst unheimlichen Gesellen gehalten; Sie haben behauptet, Sie kennten ihn von Jugend auf als ehrlichen Kerl. Nun kommt diese Schande über uns.“

„Herr Doktor, lieber Herr Doktor, verzeihen Sie mir“, wimmerte Barthel, „ich konnte nicht anders!“ Er verlor sich von meiner Seite ins Dunkel.

[pg 288]GerichtlichesWie wenn ein Marder in einen Taubenschlag eingebrochen ist, so war es. Alles flatterte wirr durcheinander in Aufregung und Angst. Alle Höfe öffneten sich, von Mund zu Mund flog die Kunde, auf dem Forellenhof sei ein Raubmörder ertappt worden, aber entwichen. Der lange Ignaz! Die Weiber kreischten und schauten neugierig aus Fenstern und Türen, die Männer wagten sich mit Stöcken bewaffnet fünfzig Meter vors Haus, ihre Frauen jammerten von der Haustür aus über diese Tollkühnheit und riefen die Männer zurück – es war abscheulich! Der Löw’ ist los, und alles verliert den Verstand. Nur einige Mutige stürmten hinaus, den Unhold zu fangen, taten sich zu Gruppen zusammen, bewaffneten sich in der Eile, so gut sie konnten.Ich schüttelte in der nebligen Abendluft erst meine Gedanken zurecht, sagte mir, daß die Verfolgung bei dieser Rabenfinsternis ganz aussichtslos sei, und ging nach der Direktion, um den Direktor zu sprechen. Er war nicht zu finden. Dafür traf ich den Geheimpolizisten an. Er stand am Telephon. Nach Waltersburg telephonierte er, nach dem Neustädter Bahnhof, nach zehn anderen Stationen im Umkreis, nach der Provinzialhauptstadt. Immer das[pg 289]selbe: „Im Ferienheim Waltersburg hat sich unter dem falschen Namen Ignaz Scholz, genannt der lange Ignaz, der Raubmörder Fleischergeselle Josef Wiczorek aufgehalten. Ist soeben nach erfolgter Verhaftung entwichen.“Darauf folgte genaue Beschreibung und Aufforderung zur abermaligen Verhaftung.Ich saß ganz zerschlagen auf dem Schreibtischstuhl unseres Direktors, der immer noch nicht aufzufinden war, und hörte zu, wie „Herr Steiner“ telephonierte. Er schnarrte mit seiner scharfen Polizeistimme die Schande meines lieben Ferienheims in alle Winde. Endlich war er fertig. Er wandte sich an mich.„Herr Doktor, Sie sind der verantwortliche Leiter dieses Sanatoriums?“„Nur vom ärztlichen Standpunkt aus verantwortlich.“„Und wer trägt die Verantwortung für die gesetzliche Ordnung?“„Mister Stefenson und in seiner Vertretung Direktor von Brüning.“„Wo ist der Direktor?“„Ich weiß es nicht.“„Wo ist Mister Stefenson?“„In Amerika.“Der Polizeimann notierte alles in seinem Buch.„Was ist Ihnen von diesem angeblichen Knecht Ignaz Scholz bekannt, Herr Doktor?“Ich sagte ihm, daß mir dieser Knecht Ignaz allerdings persönlich stark unsympathisch gewesen sei, daß ich aber[pg 290]– außer einigen Grobheiten oder auch Roheiten, die er begangen – keine Veranlassung gehabt habe, den Menschen für einen Verbrecher zu halten, zumal mir der Bauer Barthel, dem ich vertraue, erklärt habe, er kenne Ignaz von Jugend auf als ehrlichen Menschen.„Dieser sogenannte Ignaz hieß laut Anmeldung Scholz?“„Jawohl, Ignaz Scholz.“„Hm! Wenn einer schon Scholz heißt! Jeder Scholz verkrümelt sich unter der Masse der Scholze wie ein Körnlein im Sand des Meeres. Ich möchte Sie bitten, Herr Doktor, mich vorläufig nicht zu verlassen.“„Das soll doch nicht heißen ...“„Das soll nur heißen, daß ich Ihrer in jedem Augenblick bedürfen könnte.“Der Ton, den der Polizist anschlug, verletzte mich, aber ich fühlte mich ganz wehrlos, als der Mann seine amtlichen Vollmachten vor mir ausbreitete.„Ich möchte nur bemerken, Herr Doktor, daß ein Kurort wie der Ihrige, wo niemand unter seinem wahren Namen auftreten darf, ein geradezu großartiger Schlupfwinkel für verfolgte Verbrecher ist.“Was sollte ich erwidern? Daß in jedem Kurort, in Zoppot, Ostende, Abbazia sich jeder Mensch ohne Legitimation unter irgendeinem Namen niederlassen könne? Ich unterließ es.„Kommen Sie!“Das war Befehlston. Ich blieb sitzen. Der Gewaltige wollte wohl eben ein strenges Wort sagen, da wurde die[pg 291]Tür aufgerissen, und Piesecke trat ein. Flugs stand der „Geheime“ stramm und schlug die Hacken zusammen. Piesecke sah schlimm aus. Er hatte ein verschwollenes Auge, und sein Anzug war schmutzig und zerrissen. Trotzdem nahm er dem Polizeimann gegenüber eine echte Herrenhaltung an und sprach in einem so völlig veränderten Ton, daß ich seine Stimme nicht wiedererkannte:„Mann, wie kommen Sie dazu, den Knecht im Forellenhof zu verhaften?“„Melde Euer Hoheit untertänigst, der Knecht Ignaz ist identisch mit dem Fleischergesellen Josef Wiczorek, der am 17. Februar dieses Jahres seinen Meister ermordet und beraubt hat.“„Woher wissen Sie das?“„Die Verdachtsgründe häuften sich: das Signalement des Steckbriefes stimmt, eine Prüfung der Fingerabdrücke gab die Gewißheit.“Piesecke sah den Mann durchdringend an.„Ich kenne Sie! Als Kriminalbeamter haben Sie nicht allzuviel getaugt; da sind Sie dazu auserlesen worden, Späherdienste am Hofe zu leisten. Auch jetzt sind Sie hierhergekommen, um mich zu beobachten. Ich habe Sie gestellt; Sie sagten mir, Sie seien nur des Knechtes wegen da. Aber das ist Schwindel. Sie sind meinetwegen da. Ja oder nein? Diese Geschichte mit dem Knecht ist nur Ausrede.“„Ich darf Euer Hoheit darüber keine Auskunft erteilen.“[pg 292]Piesecke lachte verächtlich.„Unser Hausminister hat patente Leute. Am dritten Tage, als Sie da waren, habe ich Sie erkannt trotz Ihres falschen Namens und Ihrer Maske. Also berichten Sie nach Hause, es sei mir völlig egal, ob Sie hier seien oder nicht; falls Sie mir zu lästig fielen, so könnte ich mich vergessen und Ihnen gelegentlich die Peitsche um die Ohren knallen.“Der Polizeimann wurde dunkelrot.„Haben Sie verstanden, was Sie dem Minister berichten sollen?“„Zu Befehl, Hoheit!“„Wenn Sie nun dazu ausersehen sind, mich zu belauern, wie kommen Sie dazu, hier eine außerhalb Ihrer Bestimmungen liegende polizeiliche Handlung, wie die Verhaftung dieses Knechtes, vorzunehmen?“„Ich berichtete meinen Verdacht an den Ersten Staatsanwalt und erhielt die nötigen Vollmachten.“„Dagegen läßt sich wohl nichts tun?“Diese Frage war an mich gerichtet.„Nein – nichts!“„Wie urteilen Sie über diesen Fall, Herr Doktor?“„Es ist ein Unglück für unsere junge Anstalt. Aber es liegt uns natürlich fern, der Festnahme eines Verbrechers irgendwelche Hindernisse zu bereiten.“„Selbstverständlich! Ich begreife nur den Bauern Barthel nicht. Er ist doch ein ehrlicher Mann, und er hat doch versichert, den langen Ignaz von Jugend auf zu kennen. Haben Sie dafür eine Erklärung, Herr Doktor?“[pg 293]„Nein! Ich bin um so bestürzter, als Barthel mir nach der Verhaftung eben sagte: ich möge ihm nicht zürnen, er habe nicht anders gekonnt. Ich sage das ganz offen vor Ihnen, Herr Kommissar, damit Sie sehen, daß von hier aus nichts verschleiert wird.“Der Kommissar verneigte sich.„Hoheit“ preßte die Lippen aufeinander.„Hm! Ich will nicht wünschen, daß dem guten Barthel da eine Tragik erwachse, daß dieser sogenannte Ignaz vielleicht ein Freund oder gar ein naher Verwandter von ihm ist, den er in seiner Gutmütigkeit versteckt hat. Und Sie, Kommissar, Sie brauchen mir das von vorhin nicht übermäßig übelzunehmen. Schreiben Sie also dem Minister: Se. Hoheit ist bei besserer Gesundheit und hat daher einen Aufpasser nicht mehr nötig. Jetzt will ich Sie nicht mehr aufhalten. Wohin wollen Sie zunächst?“„Nach dem Forellenhof zurück, den Bauer Barthel zu vernehmen oder eventuell ebenfalls zu verhaften.“„Schön, wir werden Sie begleiten, wenn Ihnen das zulässig erscheint.“„Ich bitte untertänigst um die Begleitung, Hoheit.“Der Kommissar öffnete die Tür, stand stramm, und „Hoheit“ ging in lässig vornehmer Haltung an ihm vorbei.Ein kleiner Anlaß von draußen aus der alten Welt, und durch die Bauernjacke schimmerte der hochgeborene Herr. Ich aber als Arzt freute mich trotz meiner gedrückten Stimmung, als ich sah, daß durch seine Gesundung langsam aus dem Piesecke wieder ein Prinz wurde,[pg 294]ja, ich hätte das Wort „Piesecke“ jetzt nicht zu sagen, nicht einmal zu denken gewagt.Im Forellenhof war schwerste Bestürzung. Die dicke Susanne lag kurz und krampfhaft weinend in einem Korbstuhl; die Frauen bemühten sich um sie. Barthel war nicht zu Hause. Auf dem Tisch standen noch die Rosen, an den Wänden hingen die Asternkränze.„Welch ein entsetzlicher Abschluß!“ klagte Eva.Ich betrachtete die Fingerabdrücke an der Wand. Sie waren deutlich. Der lange Ignaz hatte, ehe er sich an die Wand lehnte, das Kohlenfeuer besorgt. Der Kommissar trat zu mir und dem Prinzen und sagte:„Es tut mir leid; aber ich muß zurück zur Direktion und von den Behörden telephonisch auch die Verhaftung des der Begünstigung dringend verdächtigen und verschwundenen Bauern Barthel fordern.“Der Prinz kniff den Mund zusammen. Dann sagte er:„Tun Sie das! Wenn ich mich auch hier getäuscht habe, glaube ich an nichts mehr auf der Welt. Dann soll alles zum Deibel gehen!“Er schaute mich mit halbem Blick an. Da sagte ich:„Ich werde morgen früh mit Einverständnis unseres bevollmächtigten Direktors den von Ew. Hoheit unterzeichneten, bis Mai verpflichtenden Revers vernichten, und Ew. Hoheit steht ohne alle Weiterungen frei, die Anstalt zu verlassen.“Er antwortete nicht. Ich dachte daran, daß er durch seinen Kniefall vor der schönen Hanne, durch eine ganz direktionslose Tat, den Anlaß zu all diesen Scherereien[pg 295]geschaffen hatte. Und er dachte wahrscheinlich selbst daran; denn er sagte:„Ich weiß, daß ich noch lange nicht geheilt bin; aber ich kann wohl überhaupt keine Heilung finden. Weil ich keine Treue finde!“Ich wandte mich ab, trat zum Tisch und zerpflückte gedankenlos eine Rose.Da tat sich die Tür auf. Barthel erschien. Verstört. Als er den Kommissar sah, wollte er zurück, aber der Polizist war bereits an seiner Seite. Susanne begann zu schreien, und ich war froh, als sie und alle Frauen das Zimmer verlassen mußten.Als wir allein waren, wurde Barthel verhaftet. Er sank ganz gebrochen auf die Bank am Ofen.„Die Schande! Die Schande! Ach, hätt’ ich es nicht getan!“Der Kommissar schritt zum sofortigen Verhör.„Barthel, Sie haben behauptet, den Knecht Ignaz von Jugend auf zu kennen. Ist das wahr?“Barthel rührte sich nicht.„Heißt dieser Knecht in Wahrheit Ignaz Scholz?“In Barthels Gesicht kam ein verstockter Ausdruck. Er schwieg.„Wollen Sie mir nicht Rede stehen, Barthel?“Keine Antwort.„Sie machen sich unglücklich. Warum antworten Sie nicht?“„Ich kann nicht!“[pg 296]Nun wandte ich mich an Barthel.„Lieber Barthel, denken Sie nicht ein ganz klein wenig an den guten Ruf unserer Kuranstalt? Habe ich es nicht immer gut mit Ihnen gemeint? Warum bereiten Sie mir diese schwere Ungelegenheit?“Da begann er zu weinen.„Ich kann es nicht mehr ändern. Verzeihen Sie mir ...!“Ein Knecht wurde aufgefordert, ein Pferd vor einen Wagen zu schirren. Darauf fuhr der Kommissar mit Barthel nach dem Waltersburger Amtsgerichtsgefängnis. Frau Susanne lag in Schreikrämpfen, auch die anderen Frauen weinten laut. Ich verließ den Forellenhof. In allen Stuben unserer Ferienanstalt brannte Licht. Ich wußte, in den meisten erörterte man die sofortige Abreise. Ich ging nach der Direktion. Der Direktor war noch immer nicht aufzufinden. So setzte ich mich in seinen Schreibtischstuhl und starrte ohne eigentlich klare Gedanken ins Licht der Lampe. Draußen kehrten kleine Trupps von Verfolgern zurück. Sie hatten von dem Flüchtling nichts entdeckt, wie zu erwarten gewesen war. Kurz nach zehn Uhr läutete das Telephon. Verbindung von Neustadt.„Der polizeilich gesuchte Josef Wiczorek,aliasIgnaz Scholz, ist soeben, als er in einen Wagen vierter Klasse des neun Uhr siebenundvierzig Minuten hier abgehenden Personenzuges steigen wollte, verhaftet worden ...“Ich sandte nach dem Prinzen, bestellte einen Wagen, und wir fuhren nach Neustadt. Auf der Polizei wurde[pg 297]uns weiter keine Auskunft erteilt, als daß Wiczorek eingesperrt sei und wir alles Weitere abzuwarten hätten.Wir blieben in Neustadt über Nacht. Am nächsten Morgen stand in der „Neustädter Umschau“ ein Artikel mit der zentimetergroß gedruckten Überschrift „Kuranstalt Waltersburg ein Hehlernest???“Mit der ganzen Niederträchtigkeit, deren der vertrottelte Redakteur dieses Blättchens fähig war, hetzte er gegen unsere Anstalt. Alle Spießerinstinkte, alle Philisterbedenken, alles Kopfschütteln beschränkter, phantasieloser Köpfe wurde gegen die Grundidee unserer Kuranstalt wieder lebendig; die Schimpferei begann wieder, der alte lendenlahme Spott humpelte neu auf den Plan. Der Artikel endete schließlich mit einer schamlosen Denunziation:„Das Gesetz, das bei uns in Neustadt heilig gehalten wird, verbietet uns, zu behaupten, daß sich die ‚Kuranstalt Waltersburg Ferien vom Ich‘ infolge ihrer mehr als eigentümlichen Einrichtungen, wie Verbot, den eigenen Namen zu führen, die eigene Kleidung zu tragen usw., zu einem Zufluchtsort lichtscheuen Gesindels auswächst. Immerhin wird der aufsehenerregende Fall, daß sich ein Raubmörder auf einem der besuchtesten ‚Höfe‘ des ‚Ferienheims‘ mit Wissen des Bauern monatelang verstecken und daselbst allerhand Roheiten ausüben konnte, zu schwersten Bedenken Anlaß geben, denen sich auch die Behörden nicht werden verschließen können.“Ich sah unser Heim aufs schwerste bedroht, sah eine fürchterliche Waffe in der Hand unserer Feinde. Eben[pg 298]wollte ich den Fall an Stefenson kabeln, da wurden wir zur Polizei beschieden. Es handelte sich, wie uns eröffnet wurde, um eine Konfrontation mit dem gestern Verhafteten, der plötzlich behaupte, weder der gesuchte Raubmörder Josef Wiczorek noch der Knecht Ignaz Scholz zu sein.Da mich der Polizeibeamte persönlich kannte, hatte ich nicht notwendig, mich zu legitimieren, wurde aber aufgefordert, Herrn Pieseckes Persönlichkeit festzustellen, und zwar nach seinem wahren Namen und Stand, nicht nach dem Pseudonym, das er bei uns führte. So sagte ich: „Se. Hoheit Prinz Ernst Friedrich von ...“„Ist das – ist das Ihr Ernst, Herr Doktor?“ fragte der Beamte nicht ohne Bewegung.„Nicht nur sein Ernst, sondern sogar sein Ernst Friedrich“, sagte Piesecke hohnvoll und hielt dem Beamten seinen Siegelring hin. „Kennen Sie dieses Wappen?“Der Beamte sah auf das Wappen mit der Krone, stand auf und verneigte sich tief.Da erschienen zwei Gerichtsdiener mit dem Verhafteten.Ich faßte mir an den Kopf: ich glaubte eine Wahnvorstellung zu haben. Der da eintrat, war – Mister Stefenson.„Stefenson“, rief ich, „Stefenson, wie kommen Sie ...“[pg 299]„Melde gehorsamst, Herr Rat“, sagte der eine der Gerichtsdiener, „der Gefangene hat eine Perücke und den Bart abgenommen, hat sich gewaschen und sieht jetzt auf einmal ganz anders aus als gestern abend.“„Wer ist dieser Mann?“ fragte der Beamte mit einem Blick auf mich.„Es ist Mister Stefenson, mein Kompagnon, der Begründer unseres Ferienheims“, brachte ich heraus.Ich mußte mich setzen.„Und wer behaupten Sie selbst zu sein, Verhafteter?“„Ich behaupte dasselbe wie der Herr Doktor“, sagte dieser gelassen; „allerdings mit einer kleinen Einschränkung. Ich war und gelte noch als Mister John Stefenson, Kaufmann aus Neuyork, Chikago, Trinidad; aber ich habe mich unterdessen auf meine rein deutsche Abstammung besonnen und heiße mit Genehmigung der hohen deutschen Behörden seit etwa vierzehn Tagen Johannes Stefan – Stefan, wie meine hanseatischen Vorfahren seit etwa vierhundert Jahren geheißen haben.“Der Beamte fing an, an den Fingern abzuzählen:„Josef Wiczorek – Ignaz Scholz – John Stefenson – Johannes Stefan – und hier Prinz Ernst Friedrich – ich möchte die Herren ernsthaft darauf aufmerksam machen, daß das Gericht von Neustadt keine Waltersburger Spielerei, sondern eine staatliche Behörde ist, die nicht mit sich spaßen läßt.“Der Beamte hatte ja ganz recht. Ich beteuerte ihm nochmals, daß ich in dem Manne, wenn er auch wirklich[pg 300]mit dem gestern verhafteten angeblichen Josef Wiczorek,aliasIgnaz Scholz, identisch sei, zweifelsfrei meinen Kompagnon John Stefenson wiedererkenne.„Und Sie wollen in der ganzen Zeit, da sich dieser Mann bei Ihnen aufhielt, keine Ahnung gehabt haben, wer er eigentlich ist?“„Ich habe in der Tat von Stefensons Anwesenheit in Waltersburg nicht das mindeste gewußt, sondern während all der Monate mit Stefenson nach Amerika telegraphisch und brieflich verhandelt.“„Sie kennen doch aber die Schrift Ihres Kompagnons?“ fragte der Beamte weiter. „Waren die amerikanischen Briefe in dieser Schrift geschrieben?“„Jawohl!“„Wie ist das möglich?“ wurde der Verhaftete gefragt.Der zuckte die Achseln und sagte verbindlich:„Das ist Geschäftsgeheimnis!“„Wir werden der Sache auf den Grund gehen“, entgegnete der Beamte ernst, „und Ihnen zeigen, daß hier kein Ort für Maskeraden ist.“Da wurde zum Glück „Herr Steiner“, unser Geheimpolizist, gemeldet. Der Kommissar verneigte sich tief vor Piesecke und darauf mit etwa zehn Prozent dieser Verneigung vor uns anderen insgesamt und sagte:„Herr Rat, es ist mir soeben auf meine gestrige Meldung von der zuständigen Staatsanwaltschaft der telegraphische Bescheid zugegangen, daß der gesuchte Wiczorek vorgestern in Braunschweig verhaftet worden, daß[pg 301]seine Identität festgestellt ist und auch bereits ein Geständnis vorliegt. Ich bitte also, den Knecht Ignaz Scholz aus der Haft zu entlassen, da sich der Verdacht, der zu seiner Verhaftung führte, als unbegründet erwiesen hat.“Stefenson lächelte freundlich. Der Richter machte ein enttäuschtes Gesicht.Es gab noch allerlei Formelkram zu erledigen, dann wurden wir alle, Stefenson eingeschlossen, entlassen.

Wie wenn ein Marder in einen Taubenschlag eingebrochen ist, so war es. Alles flatterte wirr durcheinander in Aufregung und Angst. Alle Höfe öffneten sich, von Mund zu Mund flog die Kunde, auf dem Forellenhof sei ein Raubmörder ertappt worden, aber entwichen. Der lange Ignaz! Die Weiber kreischten und schauten neugierig aus Fenstern und Türen, die Männer wagten sich mit Stöcken bewaffnet fünfzig Meter vors Haus, ihre Frauen jammerten von der Haustür aus über diese Tollkühnheit und riefen die Männer zurück – es war abscheulich! Der Löw’ ist los, und alles verliert den Verstand. Nur einige Mutige stürmten hinaus, den Unhold zu fangen, taten sich zu Gruppen zusammen, bewaffneten sich in der Eile, so gut sie konnten.

Ich schüttelte in der nebligen Abendluft erst meine Gedanken zurecht, sagte mir, daß die Verfolgung bei dieser Rabenfinsternis ganz aussichtslos sei, und ging nach der Direktion, um den Direktor zu sprechen. Er war nicht zu finden. Dafür traf ich den Geheimpolizisten an. Er stand am Telephon. Nach Waltersburg telephonierte er, nach dem Neustädter Bahnhof, nach zehn anderen Stationen im Umkreis, nach der Provinzialhauptstadt. Immer das[pg 289]selbe: „Im Ferienheim Waltersburg hat sich unter dem falschen Namen Ignaz Scholz, genannt der lange Ignaz, der Raubmörder Fleischergeselle Josef Wiczorek aufgehalten. Ist soeben nach erfolgter Verhaftung entwichen.“

Darauf folgte genaue Beschreibung und Aufforderung zur abermaligen Verhaftung.

Ich saß ganz zerschlagen auf dem Schreibtischstuhl unseres Direktors, der immer noch nicht aufzufinden war, und hörte zu, wie „Herr Steiner“ telephonierte. Er schnarrte mit seiner scharfen Polizeistimme die Schande meines lieben Ferienheims in alle Winde. Endlich war er fertig. Er wandte sich an mich.

„Herr Doktor, Sie sind der verantwortliche Leiter dieses Sanatoriums?“

„Nur vom ärztlichen Standpunkt aus verantwortlich.“

„Und wer trägt die Verantwortung für die gesetzliche Ordnung?“

„Mister Stefenson und in seiner Vertretung Direktor von Brüning.“

„Wo ist der Direktor?“

„Ich weiß es nicht.“

„Wo ist Mister Stefenson?“

„In Amerika.“

Der Polizeimann notierte alles in seinem Buch.

„Was ist Ihnen von diesem angeblichen Knecht Ignaz Scholz bekannt, Herr Doktor?“

Ich sagte ihm, daß mir dieser Knecht Ignaz allerdings persönlich stark unsympathisch gewesen sei, daß ich aber[pg 290]– außer einigen Grobheiten oder auch Roheiten, die er begangen – keine Veranlassung gehabt habe, den Menschen für einen Verbrecher zu halten, zumal mir der Bauer Barthel, dem ich vertraue, erklärt habe, er kenne Ignaz von Jugend auf als ehrlichen Menschen.

„Dieser sogenannte Ignaz hieß laut Anmeldung Scholz?“

„Jawohl, Ignaz Scholz.“

„Hm! Wenn einer schon Scholz heißt! Jeder Scholz verkrümelt sich unter der Masse der Scholze wie ein Körnlein im Sand des Meeres. Ich möchte Sie bitten, Herr Doktor, mich vorläufig nicht zu verlassen.“

„Das soll doch nicht heißen ...“

„Das soll nur heißen, daß ich Ihrer in jedem Augenblick bedürfen könnte.“

Der Ton, den der Polizist anschlug, verletzte mich, aber ich fühlte mich ganz wehrlos, als der Mann seine amtlichen Vollmachten vor mir ausbreitete.

„Ich möchte nur bemerken, Herr Doktor, daß ein Kurort wie der Ihrige, wo niemand unter seinem wahren Namen auftreten darf, ein geradezu großartiger Schlupfwinkel für verfolgte Verbrecher ist.“

Was sollte ich erwidern? Daß in jedem Kurort, in Zoppot, Ostende, Abbazia sich jeder Mensch ohne Legitimation unter irgendeinem Namen niederlassen könne? Ich unterließ es.

„Kommen Sie!“

Das war Befehlston. Ich blieb sitzen. Der Gewaltige wollte wohl eben ein strenges Wort sagen, da wurde die[pg 291]Tür aufgerissen, und Piesecke trat ein. Flugs stand der „Geheime“ stramm und schlug die Hacken zusammen. Piesecke sah schlimm aus. Er hatte ein verschwollenes Auge, und sein Anzug war schmutzig und zerrissen. Trotzdem nahm er dem Polizeimann gegenüber eine echte Herrenhaltung an und sprach in einem so völlig veränderten Ton, daß ich seine Stimme nicht wiedererkannte:

„Mann, wie kommen Sie dazu, den Knecht im Forellenhof zu verhaften?“

„Melde Euer Hoheit untertänigst, der Knecht Ignaz ist identisch mit dem Fleischergesellen Josef Wiczorek, der am 17. Februar dieses Jahres seinen Meister ermordet und beraubt hat.“

„Woher wissen Sie das?“

„Die Verdachtsgründe häuften sich: das Signalement des Steckbriefes stimmt, eine Prüfung der Fingerabdrücke gab die Gewißheit.“

Piesecke sah den Mann durchdringend an.

„Ich kenne Sie! Als Kriminalbeamter haben Sie nicht allzuviel getaugt; da sind Sie dazu auserlesen worden, Späherdienste am Hofe zu leisten. Auch jetzt sind Sie hierhergekommen, um mich zu beobachten. Ich habe Sie gestellt; Sie sagten mir, Sie seien nur des Knechtes wegen da. Aber das ist Schwindel. Sie sind meinetwegen da. Ja oder nein? Diese Geschichte mit dem Knecht ist nur Ausrede.“

„Ich darf Euer Hoheit darüber keine Auskunft erteilen.“

Piesecke lachte verächtlich.

„Unser Hausminister hat patente Leute. Am dritten Tage, als Sie da waren, habe ich Sie erkannt trotz Ihres falschen Namens und Ihrer Maske. Also berichten Sie nach Hause, es sei mir völlig egal, ob Sie hier seien oder nicht; falls Sie mir zu lästig fielen, so könnte ich mich vergessen und Ihnen gelegentlich die Peitsche um die Ohren knallen.“

Der Polizeimann wurde dunkelrot.

„Haben Sie verstanden, was Sie dem Minister berichten sollen?“

„Zu Befehl, Hoheit!“

„Wenn Sie nun dazu ausersehen sind, mich zu belauern, wie kommen Sie dazu, hier eine außerhalb Ihrer Bestimmungen liegende polizeiliche Handlung, wie die Verhaftung dieses Knechtes, vorzunehmen?“

„Ich berichtete meinen Verdacht an den Ersten Staatsanwalt und erhielt die nötigen Vollmachten.“

„Dagegen läßt sich wohl nichts tun?“

Diese Frage war an mich gerichtet.

„Nein – nichts!“

„Wie urteilen Sie über diesen Fall, Herr Doktor?“

„Es ist ein Unglück für unsere junge Anstalt. Aber es liegt uns natürlich fern, der Festnahme eines Verbrechers irgendwelche Hindernisse zu bereiten.“

„Selbstverständlich! Ich begreife nur den Bauern Barthel nicht. Er ist doch ein ehrlicher Mann, und er hat doch versichert, den langen Ignaz von Jugend auf zu kennen. Haben Sie dafür eine Erklärung, Herr Doktor?“

„Nein! Ich bin um so bestürzter, als Barthel mir nach der Verhaftung eben sagte: ich möge ihm nicht zürnen, er habe nicht anders gekonnt. Ich sage das ganz offen vor Ihnen, Herr Kommissar, damit Sie sehen, daß von hier aus nichts verschleiert wird.“

Der Kommissar verneigte sich.

„Hoheit“ preßte die Lippen aufeinander.

„Hm! Ich will nicht wünschen, daß dem guten Barthel da eine Tragik erwachse, daß dieser sogenannte Ignaz vielleicht ein Freund oder gar ein naher Verwandter von ihm ist, den er in seiner Gutmütigkeit versteckt hat. Und Sie, Kommissar, Sie brauchen mir das von vorhin nicht übermäßig übelzunehmen. Schreiben Sie also dem Minister: Se. Hoheit ist bei besserer Gesundheit und hat daher einen Aufpasser nicht mehr nötig. Jetzt will ich Sie nicht mehr aufhalten. Wohin wollen Sie zunächst?“

„Nach dem Forellenhof zurück, den Bauer Barthel zu vernehmen oder eventuell ebenfalls zu verhaften.“

„Schön, wir werden Sie begleiten, wenn Ihnen das zulässig erscheint.“

„Ich bitte untertänigst um die Begleitung, Hoheit.“

Der Kommissar öffnete die Tür, stand stramm, und „Hoheit“ ging in lässig vornehmer Haltung an ihm vorbei.

Ein kleiner Anlaß von draußen aus der alten Welt, und durch die Bauernjacke schimmerte der hochgeborene Herr. Ich aber als Arzt freute mich trotz meiner gedrückten Stimmung, als ich sah, daß durch seine Gesundung langsam aus dem Piesecke wieder ein Prinz wurde,[pg 294]ja, ich hätte das Wort „Piesecke“ jetzt nicht zu sagen, nicht einmal zu denken gewagt.

Im Forellenhof war schwerste Bestürzung. Die dicke Susanne lag kurz und krampfhaft weinend in einem Korbstuhl; die Frauen bemühten sich um sie. Barthel war nicht zu Hause. Auf dem Tisch standen noch die Rosen, an den Wänden hingen die Asternkränze.

„Welch ein entsetzlicher Abschluß!“ klagte Eva.

Ich betrachtete die Fingerabdrücke an der Wand. Sie waren deutlich. Der lange Ignaz hatte, ehe er sich an die Wand lehnte, das Kohlenfeuer besorgt. Der Kommissar trat zu mir und dem Prinzen und sagte:

„Es tut mir leid; aber ich muß zurück zur Direktion und von den Behörden telephonisch auch die Verhaftung des der Begünstigung dringend verdächtigen und verschwundenen Bauern Barthel fordern.“

Der Prinz kniff den Mund zusammen. Dann sagte er:

„Tun Sie das! Wenn ich mich auch hier getäuscht habe, glaube ich an nichts mehr auf der Welt. Dann soll alles zum Deibel gehen!“

Er schaute mich mit halbem Blick an. Da sagte ich:

„Ich werde morgen früh mit Einverständnis unseres bevollmächtigten Direktors den von Ew. Hoheit unterzeichneten, bis Mai verpflichtenden Revers vernichten, und Ew. Hoheit steht ohne alle Weiterungen frei, die Anstalt zu verlassen.“

Er antwortete nicht. Ich dachte daran, daß er durch seinen Kniefall vor der schönen Hanne, durch eine ganz direktionslose Tat, den Anlaß zu all diesen Scherereien[pg 295]geschaffen hatte. Und er dachte wahrscheinlich selbst daran; denn er sagte:

„Ich weiß, daß ich noch lange nicht geheilt bin; aber ich kann wohl überhaupt keine Heilung finden. Weil ich keine Treue finde!“

Ich wandte mich ab, trat zum Tisch und zerpflückte gedankenlos eine Rose.

Da tat sich die Tür auf. Barthel erschien. Verstört. Als er den Kommissar sah, wollte er zurück, aber der Polizist war bereits an seiner Seite. Susanne begann zu schreien, und ich war froh, als sie und alle Frauen das Zimmer verlassen mußten.

Als wir allein waren, wurde Barthel verhaftet. Er sank ganz gebrochen auf die Bank am Ofen.

„Die Schande! Die Schande! Ach, hätt’ ich es nicht getan!“

Der Kommissar schritt zum sofortigen Verhör.

„Barthel, Sie haben behauptet, den Knecht Ignaz von Jugend auf zu kennen. Ist das wahr?“

Barthel rührte sich nicht.

„Heißt dieser Knecht in Wahrheit Ignaz Scholz?“

In Barthels Gesicht kam ein verstockter Ausdruck. Er schwieg.

„Wollen Sie mir nicht Rede stehen, Barthel?“

Keine Antwort.

„Sie machen sich unglücklich. Warum antworten Sie nicht?“

„Ich kann nicht!“

Nun wandte ich mich an Barthel.

„Lieber Barthel, denken Sie nicht ein ganz klein wenig an den guten Ruf unserer Kuranstalt? Habe ich es nicht immer gut mit Ihnen gemeint? Warum bereiten Sie mir diese schwere Ungelegenheit?“

Da begann er zu weinen.

„Ich kann es nicht mehr ändern. Verzeihen Sie mir ...!“

Ein Knecht wurde aufgefordert, ein Pferd vor einen Wagen zu schirren. Darauf fuhr der Kommissar mit Barthel nach dem Waltersburger Amtsgerichtsgefängnis. Frau Susanne lag in Schreikrämpfen, auch die anderen Frauen weinten laut. Ich verließ den Forellenhof. In allen Stuben unserer Ferienanstalt brannte Licht. Ich wußte, in den meisten erörterte man die sofortige Abreise. Ich ging nach der Direktion. Der Direktor war noch immer nicht aufzufinden. So setzte ich mich in seinen Schreibtischstuhl und starrte ohne eigentlich klare Gedanken ins Licht der Lampe. Draußen kehrten kleine Trupps von Verfolgern zurück. Sie hatten von dem Flüchtling nichts entdeckt, wie zu erwarten gewesen war. Kurz nach zehn Uhr läutete das Telephon. Verbindung von Neustadt.

„Der polizeilich gesuchte Josef Wiczorek,aliasIgnaz Scholz, ist soeben, als er in einen Wagen vierter Klasse des neun Uhr siebenundvierzig Minuten hier abgehenden Personenzuges steigen wollte, verhaftet worden ...“

Ich sandte nach dem Prinzen, bestellte einen Wagen, und wir fuhren nach Neustadt. Auf der Polizei wurde[pg 297]uns weiter keine Auskunft erteilt, als daß Wiczorek eingesperrt sei und wir alles Weitere abzuwarten hätten.

Wir blieben in Neustadt über Nacht. Am nächsten Morgen stand in der „Neustädter Umschau“ ein Artikel mit der zentimetergroß gedruckten Überschrift „Kuranstalt Waltersburg ein Hehlernest???“

Mit der ganzen Niederträchtigkeit, deren der vertrottelte Redakteur dieses Blättchens fähig war, hetzte er gegen unsere Anstalt. Alle Spießerinstinkte, alle Philisterbedenken, alles Kopfschütteln beschränkter, phantasieloser Köpfe wurde gegen die Grundidee unserer Kuranstalt wieder lebendig; die Schimpferei begann wieder, der alte lendenlahme Spott humpelte neu auf den Plan. Der Artikel endete schließlich mit einer schamlosen Denunziation:

„Das Gesetz, das bei uns in Neustadt heilig gehalten wird, verbietet uns, zu behaupten, daß sich die ‚Kuranstalt Waltersburg Ferien vom Ich‘ infolge ihrer mehr als eigentümlichen Einrichtungen, wie Verbot, den eigenen Namen zu führen, die eigene Kleidung zu tragen usw., zu einem Zufluchtsort lichtscheuen Gesindels auswächst. Immerhin wird der aufsehenerregende Fall, daß sich ein Raubmörder auf einem der besuchtesten ‚Höfe‘ des ‚Ferienheims‘ mit Wissen des Bauern monatelang verstecken und daselbst allerhand Roheiten ausüben konnte, zu schwersten Bedenken Anlaß geben, denen sich auch die Behörden nicht werden verschließen können.“

Ich sah unser Heim aufs schwerste bedroht, sah eine fürchterliche Waffe in der Hand unserer Feinde. Eben[pg 298]wollte ich den Fall an Stefenson kabeln, da wurden wir zur Polizei beschieden. Es handelte sich, wie uns eröffnet wurde, um eine Konfrontation mit dem gestern Verhafteten, der plötzlich behaupte, weder der gesuchte Raubmörder Josef Wiczorek noch der Knecht Ignaz Scholz zu sein.

Da mich der Polizeibeamte persönlich kannte, hatte ich nicht notwendig, mich zu legitimieren, wurde aber aufgefordert, Herrn Pieseckes Persönlichkeit festzustellen, und zwar nach seinem wahren Namen und Stand, nicht nach dem Pseudonym, das er bei uns führte. So sagte ich: „Se. Hoheit Prinz Ernst Friedrich von ...“

„Ist das – ist das Ihr Ernst, Herr Doktor?“ fragte der Beamte nicht ohne Bewegung.

„Nicht nur sein Ernst, sondern sogar sein Ernst Friedrich“, sagte Piesecke hohnvoll und hielt dem Beamten seinen Siegelring hin. „Kennen Sie dieses Wappen?“

Der Beamte sah auf das Wappen mit der Krone, stand auf und verneigte sich tief.

Da erschienen zwei Gerichtsdiener mit dem Verhafteten.

Ich faßte mir an den Kopf: ich glaubte eine Wahnvorstellung zu haben. Der da eintrat, war – Mister Stefenson.

„Stefenson“, rief ich, „Stefenson, wie kommen Sie ...“

„Melde gehorsamst, Herr Rat“, sagte der eine der Gerichtsdiener, „der Gefangene hat eine Perücke und den Bart abgenommen, hat sich gewaschen und sieht jetzt auf einmal ganz anders aus als gestern abend.“

„Wer ist dieser Mann?“ fragte der Beamte mit einem Blick auf mich.

„Es ist Mister Stefenson, mein Kompagnon, der Begründer unseres Ferienheims“, brachte ich heraus.

Ich mußte mich setzen.

„Und wer behaupten Sie selbst zu sein, Verhafteter?“

„Ich behaupte dasselbe wie der Herr Doktor“, sagte dieser gelassen; „allerdings mit einer kleinen Einschränkung. Ich war und gelte noch als Mister John Stefenson, Kaufmann aus Neuyork, Chikago, Trinidad; aber ich habe mich unterdessen auf meine rein deutsche Abstammung besonnen und heiße mit Genehmigung der hohen deutschen Behörden seit etwa vierzehn Tagen Johannes Stefan – Stefan, wie meine hanseatischen Vorfahren seit etwa vierhundert Jahren geheißen haben.“

Der Beamte fing an, an den Fingern abzuzählen:

„Josef Wiczorek – Ignaz Scholz – John Stefenson – Johannes Stefan – und hier Prinz Ernst Friedrich – ich möchte die Herren ernsthaft darauf aufmerksam machen, daß das Gericht von Neustadt keine Waltersburger Spielerei, sondern eine staatliche Behörde ist, die nicht mit sich spaßen läßt.“

Der Beamte hatte ja ganz recht. Ich beteuerte ihm nochmals, daß ich in dem Manne, wenn er auch wirklich[pg 300]mit dem gestern verhafteten angeblichen Josef Wiczorek,aliasIgnaz Scholz, identisch sei, zweifelsfrei meinen Kompagnon John Stefenson wiedererkenne.

„Und Sie wollen in der ganzen Zeit, da sich dieser Mann bei Ihnen aufhielt, keine Ahnung gehabt haben, wer er eigentlich ist?“

„Ich habe in der Tat von Stefensons Anwesenheit in Waltersburg nicht das mindeste gewußt, sondern während all der Monate mit Stefenson nach Amerika telegraphisch und brieflich verhandelt.“

„Sie kennen doch aber die Schrift Ihres Kompagnons?“ fragte der Beamte weiter. „Waren die amerikanischen Briefe in dieser Schrift geschrieben?“

„Jawohl!“

„Wie ist das möglich?“ wurde der Verhaftete gefragt.

Der zuckte die Achseln und sagte verbindlich:

„Das ist Geschäftsgeheimnis!“

„Wir werden der Sache auf den Grund gehen“, entgegnete der Beamte ernst, „und Ihnen zeigen, daß hier kein Ort für Maskeraden ist.“

Da wurde zum Glück „Herr Steiner“, unser Geheimpolizist, gemeldet. Der Kommissar verneigte sich tief vor Piesecke und darauf mit etwa zehn Prozent dieser Verneigung vor uns anderen insgesamt und sagte:

„Herr Rat, es ist mir soeben auf meine gestrige Meldung von der zuständigen Staatsanwaltschaft der telegraphische Bescheid zugegangen, daß der gesuchte Wiczorek vorgestern in Braunschweig verhaftet worden, daß[pg 301]seine Identität festgestellt ist und auch bereits ein Geständnis vorliegt. Ich bitte also, den Knecht Ignaz Scholz aus der Haft zu entlassen, da sich der Verdacht, der zu seiner Verhaftung führte, als unbegründet erwiesen hat.“

Stefenson lächelte freundlich. Der Richter machte ein enttäuschtes Gesicht.

Es gab noch allerlei Formelkram zu erledigen, dann wurden wir alle, Stefenson eingeschlossen, entlassen.

[pg 302]AufklärungenAuf der Straße trat der Kommissar an den Prinzen heran und sagte:„Ich bitte Ew. Hoheit untertänigst um Verzeihung wegen der Behelligung.“Hoheit legte dem Manne huldvoll die Hand auf die Schulter.„Mein Lieber, ich hab gar nischt gegen Sie. Aber tun Sie mir ’nen Gefallen: reisen Sie ab. Sie sind hier übrig. Lenken Sie mal die Aufmerksamkeit des Ministers auf den Prinzen Emanuel. Der scheint mir ein lockeres Huhn und der Beaufsichtigung sehr bedürftig zu sein. Er ist gegenwärtig in Syrakus. Sie haben keine Ahnung, Mann, wie schön es in Syrakus ist. Da machen Sie sich mal nützlich! Glückliche Reise und viel Vergnügen!“Der Kommissar reiste ab ...Mich ging das alles kaum etwas an. Ich dachte nur an Stefenson. Er war zunächst nach seiner Zelle zurückgegangen und hatte uns durch einen Gerichtsdiener sagen lassen, wir möchten im „Hotel Bristol“ auf ihn warten. Nach einer reichlichen Stunde kam er. In mir war inzwischen das Gefühlsbarometer hinaufgeschnellt und heruntergestürzt, vom Glutwetter der Bewunderung bis zum[pg 303]Regensturm der Wut – hin und her, her und hin. Ich konnte diesem unberechenbaren Manne gegenüber niemals zu ruhiger Beurteilung kommen. Schließlich beschloß ich, ihm offene Feindschaft anzusagen.Als er kam und sein Glas Sherry bestellt hatte, sagte er so ruhig, als ob er eine eben abgebrochene Unterhaltung wieder aufnehme:„Dieser Redakteur von der ‚Neustädter Umschau‘ ist ein schwerfälliger Kopf. Nicht mal richtig stenographisch aufnehmen kann der Pinsel. In meinem Artikel von gestern abend waren mehrere Dummheiten.“„Ah – Sie haben den Artikel über Ihre Verhaftung in der Umschau selbst geschrieben?“„Na, selbstverständlich. Der Trunkenbold kann’s doch nicht. Als ich so unerwartet verhaftet werden sollte, bin ich zunächst nach der Redaktion des feindlichen Blattes gegangen, hab dort einen Artikel diktiert (und natürlich auch bezahlt) und bin dann nach dem Bahnhof hinaus und hab mich da festnehmen lassen. Der Artikel über die Verhaftung war eher fertig als die Verhaftung selbst. Das ist man doch in solchem Fall seinem Unternehmen schuldig.“Das Barometer stieg wieder. Aber es lag noch eine schwere Depression über mir, und ich sagte:„Ich glaube nicht gerade begriffsstutzig zu sein; aber Ihre Art, sich zu geben und zu handeln, ist so überaus merkwürdig, daß ich nicht mehr mitkann, sondern Ihnen aufs ernsthafteste erklären muß ...“„Ein Extrablatt!“[pg 304]Ein Bote stürmte ins Zimmer.„Bitte, lesen Sie!“ sagte Stefenson ruhig.Die „Neustädter Umschau“ vertrieb ein Extrablatt. Es war ungefähr ein halbes Quadratmeter groß und enthielt in Fettdruck die Nachricht:„Ehrenerklärung.Die ‚Neustädter Umschau‘, immer bemüht, ohne nach rechts oder links zu schauen, lediglich der Wahrheit die Ehre zu geben, erklärt: Die gestrige Verhaftung des Waltersburger Knechts ist zu Unrecht erfolgt. Der als ‚Raubmörder Wiczorek‘ von einem übereifrigen Beamten (dessen amtliche Maßregelung bevorsteht!!) hier auf dem Bahnhof verhaftete Mann war kein anderer als der geniale Gründer der Kuranstalt ‚Ferien vom Ich‘ selbst, Herr John Stefenson – oder, wie er in Begeisterung für sein angestammtes reines Deutschtum sich jetzt mit Bewilligung unserer Behörden nennt, Herr Stefan! Dieser Multimillionär, dessen Einfluß in Amerika unbegrenzt ist, hat in der demütigen Gestalt eines Bauernknechts (nicht als Kurgast) den ganzen Sommer über in Waltersburg gelebt, alle Lasten, Mühen und Zurücksetzungen des von ihm gewählten geringen Standes getragen, um unerkannt die Probe auf sein gigantisches Exempel zu machen, um als Fremdling, selbst von seinem nächsten Freunde unerkannt, von unten her sein Werk zu prüfen. Diese Prüfung ist so glücklich ausgefallen, daß Stefan mit Freuden in die irrtümlich verhängte Haft ging. Den Neustädter Behörden zollt er für ihre Gewissenhaftigkeit[pg 305]alle verdiente Anerkennung. Heute morgen neuneinhalb Uhr stellte sich bei den Behörden der unbegründete Verdacht heraus. Der wahre Josef Wiczorek sitzt – laut amtlicher Depesche – in Braunschweig in Untersuchung; der bei uns Verhaftete wurde nicht nur von dem leitenden Arzt von Waltersburg, sondern auch von Sr. Hoheit dem Prinzen Ernst Friedrich von ... als Herr Stefenson identifiziert. Die ‚Neustädter Umschau‘, deren Devise ‚Ehre und Wahrheit‘ ist, scheut sich nicht –errare humanum est– ihren gestrigen Artikel Wort für Wort zurückzunehmen.“„Diesen Artikel haben Sie wohl auch diktiert?“ fragte der Prinz.Stefenson nickte.„Ja, direkt dem Setzer. Ich hab noch die Korrektur gelesen, ehe ich hierherkam.“„Sie sind ein smarter Kerl!“ sagte Hoheit voll Anerkennung. „Nu sagen Sie mir bloß, was haben Sie gegen mich gehabt? Warum haben Sie mich immer so miserabel behandelt? Noch gestern haben Sie mich auf den Mist geworfen, direkt auf den Mist. Ist das anständig?“Stefenson zuckte die Schultern. Dann sagte er mit aufrichtiger Wärme:„Sehen Sie mal, lieber Piesecke – ich möchte Sie der Einfachheit halber noch mal so nennen –, ich hab gar nichts gegen Sie gehabt! Im Gegenteil! Sie haben mir besser gefallen und mehr imponiert als die meisten an[pg 306]deren. Nur, daß Sie so hinter meiner Braut her waren, das konnte ich mir nicht gefallen lassen.“„Hinter Ihrer Braut?“„Ja, also sagen wir: hinter der Forellenhof-Hanne! Mit der werde ich mich heute oder morgen verloben.“Piesecke prustete los und sagte lachend:„Also Ignaz oder Stefan oder Wiczorek oder Stefenson oder wie Sie sonst heißen mögen – mir ist ja das ganz egal –, da werden Sie kein Glück haben! Die Hanne mag keinen; nicht mal den Herrn Doktor da hat sie gemocht.“„Also haben Sie doch –?“ fragte Stefenson mit einem Blick auf mich.„Gar nichts habe ich“, sagte ich zornig. „Gar nichts! Im übrigen möchte ich um einige kurze Aufschlüsse bitten, von denen es abhängen wird, ob ich noch länger an diesem Tisch sitzenbleibe oder nicht.“„Oho – oho! Also, was ist aufzuschließen?“„Waren Sie der Journalist Brown, der im Mai zu uns kam?“„Ja, natürlich war ich der! Aber Sie hätten mich doch damals beinahe erkannt. Deshalb habe ich ja meine Maske geändert und bin als Knecht Ignaz wiedergekommen.“„Wie kamen Sie damals dazu, mir den seltsamen Brief zu geben?“„Na, den hatte ich doch selbst geschrieben, in der Annahme, Sie mit den beiden Mädchen zu treffen. Wäre meine Voraussetzung nicht zugetroffen, so hätte ich eben[pg 307]den Brief in der Tasche behalten. Das war doch nur Bluff.“„Wie konnten Sie aber in der ganzen Zeit Briefe aus Amerika an mich schreiben, da Sie doch bei uns waren?“„Es gibt Kabel, lieber Freund, durch die man anordnen kann, was zu schreiben ist.“„Und Ihre Handschrift? Ich bekam fast alle Briefe handschriftlich, nur wenige in Maschinenschrift.“„Ja, da habe ich in einem meiner Büros einen Spezialisten, der meine Handschrift so täuschend nachmachen kann, daß ich selbst nicht zu unterscheiden vermag, was von mir oder von ihm geschrieben ist. Ein goldehrlicher Mann, einem anderen dürfte man die Ausübung der äußerst gefährlichen Kunst nicht gestatten. Na, sehen Sie, es gibt für einen Großkaufmann wie mich täglich mindestens zwei Dutzend Anlässe, wo er handschriftlich schreiben muß: an Verwandte und gute Freunde, wo Maschinenschrift zu kalt wirkt; an Geschäftsgenossen, mit denen man intime Dinge verhandeln will, die kein Angestellter wissen darf; an alle Leute, die etwas darauf geben, wenn ein vielbeschäftigter Mann sich die Mühe und Zeit nimmt, einen handschriftlichen Brief zu senden; schließlich an alle offenen und verkappten Autographenjäger – für sie alle ist Mister Jenkins da, und er machte seine Sache für zweitausend Dollar im Jahre geschickt und reell. Er hat auch in Ihrem Falle sehr brav gearbeitet.“„Großartig! Großartig!“ klatschte der Prinz in die Hände. Mein Barometer aber fiel auf Sturm. „Ihr Verhältnis zu Bauer Barthel“, sagte ich kalt, „brauchen[pg 308]Sie mir nun nicht mehr zu erklären. Er hat gewußt, wer Sie waren, deshalb hielt er Sie, deshalb log er, er kenne Sie von Jugend auf; deshalb hat er Sie sogar gestern nicht verraten.“„Stimmt! Aber das dürfen Sie dem Barthel nicht übelnehmen. Wir haben ein schriftliches Abkommen, laut dessen er fünfhundert Mark an mich hätte zahlen müssen, falls er mich je verraten hätte. Denken Sie mal – fünfhundert Mark! Es ist klar, daß sich da Barthel lieber einsperren läßt.“„Hat sonst noch jemand auf dem Forellenhof Sie gekannt?“„Nein. Auch Susanne nicht.“„Das ist mir lieb. Aber der Direktor Brüning hat Sie gekannt und sich wahrscheinlich stets heimlich mit Ihnen besprochen. Deshalb erschienen mir alle seine Anordnungen immer so von Ihrem Geiste diktiert.“„Auch das ist richtig. Ich war nur der lange Ignaz, aber in Wirklichkeit leitete ich die ganze Anstalt durch den Direktor. Wir hatten alle Tage eine kleine Konferenz. Ich war immer von allem unterrichtet. Außer Barthel und dem Direktor hat aber niemand gewußt, wer ich war, nicht mal die kleine Luise, und das ist mir schwer geworden.“Seine Augen schimmerten warm bei dem Gedenken des Kindes, und das Wort, das ich über seine Abgefeimtheit sprechen wollte, unterblieb. So sagte ich nur kühl und gemessen:[pg 309]„Wollen Sie mir sagen, Herr Stefenson, warum Sie diese ganze Komödie mit uns gespielt haben?“„Komödie?“ verwunderte er sich;„wiesoKomödie? Darf in den Ferien vom Ich nicht jeder auftreten, wie er will? Ist das nicht Ihre eigene Idee? Und was meinen Sie, was ich selbst von dieser Idee, die mir gefiel und für die ich viel Geld gewagt habe, gehabt hätte, wenn ich als Mister Stefenson dageblieben wäre? Der Direktor wäre ich gewesen, einen langweiligen Verwaltungsposten hätte ich gehabt, nichts von dem Zauber trauten Geborgenseins, den unsere Anstalt spendet, hätte ich genießen können. Nein, am eigenen Leibe wollte ich ausprobieren, wie es tut, wenn man Ferien macht vom Ich. Deshalb wurde ich Bauernknecht. Ich habe mich wohlgefühlt als ‚langer Ignaz‘, ich habe beobachtet, erlauscht, geprüft von unten her, was an unserer Sache ist, ob sie absurd, phantastisch, unfruchtbar, oder ob sie im Kern echt und gut ist, und ich hatte das Glück zu sehen, daß wir auf dem richtigen Wege sind. Nicht nur die gute geschäftliche Bilanz, die ich erwartet hatte, hat mich belehrt, daß ich mich unserer Gründung freuen darf, sondern das, was ich sah und hörte, als ich unerkannt mitten unter den Feriengästen war.“„Sie haben auch mich prüfen wollen?“ sagte ich.„Ja, auch Sie! Ganz natürlich. Ich werde wieder nach Amerika zurück müssen, weil leider meine Ferien aus sind, und ich will wissen, wem ich das Werk hier, ich kann sagen den Liebling unter all meinen Unternehmungen, den einzigen Ausflug ins Romantische, den ich je[pg 310]gemacht habe, hinterlasse. Ich kann ruhig scheiden. Ich werde jetzt wirklich hinübergehen. Weil ich muß! Weil mich die Pflicht ruft. Ich weiß, das Heim ist in guten Händen. Und eines, lieber Freund, vergesse ich Ihnen mein Lebtag nicht. Es gab einen Sommerabend, an dem Sie die Hände ausstreckten nach der schönen Hanne. An diesem Abend fanden Sie meinen Brief, in dem ich Ihnen sagte, daß ich Fräulein Eva Bunkert, die Forellenhof-Hanne, als meine Braut betrachte. Und seit diesem Abend sind Sie dem Mädchen aus dem Wege gegangen. Sehen Sie, das habe ich auch nur als Knecht Ignaz erfahren können, daß ich an Ihnen so einen treuen Freund habe. Das allein lohnt ein halbes Jahr Bauernarbeit.“Er sprach mit großer, ehrlicher Wärme. Ich aber sagte: „Sie täuschen sich. Ich hätte das Mädel zu gewinnen gesucht; aber ich wußte, daß sie immer nur an Sie dachte, daß Ihnen ihr Herz gehört.“„Ist das möglich? Ist das möglich? Fräulein Hanne will wirklich ...“Der Prinz sank in sich zusammen. Er war plötzlich wieder vollständig Piesecke.Es ist noch viel geredet worden; ich weiß nicht mehr, was alles. Schließlich habe ich Stefenson recht geben müssen, daß er sich unerkannt unter unser kurioses Völklein mischte. Was sollte er sich nicht überzeugen, wie seine Gründung wirkte? Ich überwand meinen Unmut, so gut ich konnte, aber ein Stachel blieb, daß Barthel und der Direktor mehr gewußt hatten als ich. Eine[pg 311]Freundschaft zwischen Stefenson und mir wollte ich nicht mehr gelten lassen.Piesecke schlich sich ins Heim zurück, ohne uns. Er wollte weiterhin Piesecke sein, und vergebens zerbrachen sich unsere Kurgäste die Köpfe, wer der in der „Neustädter Umschau“ genannte Prinz sein möge. Der „Verdacht“ blieb schließlich auf einem Referendar sitzen, der im Grundhof wohnte und sich die Rolle des heimlichen Herzogs wohlgefallen ließ. Dieser Referendar lehnte alle grobe Arbeit von nun an ab. Die Damen waren entzückt über seine hocharistokratischen Hände. Sie rühmten die edle Zurückhaltung in Ton und Gebärde, die Güte, die nie zur Vertraulichkeit wird, sondern immer Güte bleibt, die Sprache, die trotz ihres leise verschleierten Timbers und ihrer entgegenkommenden Art doch unabweisbare Befehle gibt, die Augen, die so wissend, so durch den Höhenblick von Jugend auf geschärft zu blicken wußten; sie rühmten selbst kleine Nonchalancen, die sich eben nur der unter dem Kronenhimmel Geborene gestattet. Dieser Mann lachte und lächelte nicht; er zuckte nur mit den Mundwinkeln. Er sagte nicht „nein“ zu irgendeinem Verlangen, sondern dieses Verlangen erstarb von selbst vor einem einzigen Faltenwölkchen, das sich auf der Stirn des Hohen bildete; er konnte aber auch durch ein einziges freundliches Lidersenken gewähren, „ja“ sagen, wie kein anderer Mensch „ja“ zu sagen vermag.Keine Erziehung führt zu solcher Haltung. Kein Emporkömmling kann sie erlernen. Rasse! Vererbung von[pg 312]Herreninstinkten durch Jahrhunderte! Das ist’s! Und der heimliche Herzog ging in schlichter, leutseliger Würde durch das Gewimmel aller derer, die ihm täglich in den Weg zu laufen wußten. Er empfing keine Besuche – er erteilte Audienzen; er plauderte nicht – er hielt Cercle.Mir machte alles dies so viel Spaß, daß ich den Direktor ersuchte, dem heimlichen Herzog noch auf weitere zwei Wochen die wesentlich erleichterten Zahlungsbedingungen zu gewähren; denn der Referendar hatte bisher nur gelegentlich geringe Remunerationen genossen, und sein Vater, der ein biederer Sattlermeister war, hatte auch nicht viel Geld übrig.Das alles hatte mit ihrem Artikel die „Neustädter Umschau“ getan. An Piesecke dachte kein Mensch ...Barthel, der Heimtücker, war inzwischen auch aus der Haft entlassen worden. Er ließ sich bei mir melden, aber es wurde ihm gesagt, ich sei nicht zu sprechen. Da kam er nach einer Stunde mit seiner Susanne wieder.„Herr Doktor“, sagte Susanne mit kirschrotem Kopf, „daß er ein Lump ist, weiß ich. Unsern guten Herrn Doktor so zu beschwindeln wegen lumpiger tausend Taler, die er jetzt von Ignaz, der ja Stefenson gewesen ist, Schweigegeld kriegt. Was soll uns das Geld? Was geht uns Herr Stefenson an? Wir halten uns an unseren guten Herrn Doktor. Aber was das schlimmste ist, mich hat er auch beschwindelt mit dem langen Ignaz. So ein Lump! Sein eigenes Weib belügt er. Ich hab ihm nie getraut, nie im Leben! Nicht über den Weg! Aber jetzt laß[pg 313]ich mich scheiden; er hat gesessen, und mit einem Zuchthäusler hat eine anständige Frau nichts zu tun.“Was blieb mir übrig, als für den in erbärmlichem Zustand dastehenden Barthel Partei zu ergreifen und der empörten Susanne gut und mild zuzureden? Sie wollte aber auf keinen Zuspruch hören. Sie blieb dabei, sie müsse sich scheiden lassen, da er „gesessen“ habe. Schließlich weinte sie.„Und was er für ein Liedrian ist, Herr Doktor!“ schluchzte die brave Frau. „Für die tausend Taler, die er jetzt von Stefenson kriegt, will er sich eine Dreschmaschine kaufen, wo ich ihm doch sage, daß er das Geld lieber in die Sparkasse tragen soll.“ Da erkannte ich, daß das Barthelsche Eheglück noch nicht hoffnungslos verloren war, und ich entließ die beiden, indem ich sie meines Wohlwollens versicherte.Ich saß allein in meiner Klause. Ich war in einer Stimmung, die ich nicht kannte. Wie war das, was ich in den letzten vierundzwanzig Stunden erlebte – war das traurig, war es komisch, war es erbärmlich? Sollte ich lachen, sollte ich zürnen?Sollte mir das Herz weh tun, weil die blonde Hanne fortzog?Sollte ich grollen, weil Stefenson dem Direktor und einem Bauern mehr Vertrauen geschenkt hatte als mir, den er seinen Freund nannte?Sollte ich mich ärgern über den Barthel, weil er profitsüchtig gewesen war?[pg 314]Es blieb ganz still in mir. Wahrscheinlich waren das alles ganz gute, liebe Leute. Nur das Leben schüttelte die Menschen durcheinander, wie ein Kind die Steinchen schüttelt, die es in ein Säcklein gesammelt hat. Wenn es eine Reibung gibt, was schadet es? Ein Krümlein alter, weicher Heimaterde bröckelt ab, und der Stein schimmert durch, hart und widerstandslustig. Dem Stein aber kann keine Reibung mehr schaden, kann ihn nur glätten.Alte, weiche Heimaterde, wie du mich umsponnen hattest! Jedes Käferwürmlein konnte an dir zehren! Ich möchte dich ja halten, denn du bist gut und weich, aber das Leben schüttelt zu hart. Doch ich bin getrost, ein gut Teil Krümlein werden mir bleiben, darauf will ich mich heimlich betten, und die glatte Fläche wird nur nach außen sein ... Als am nächsten Morgen die blonde Hanne in mein Zimmer trat, pochte mein Herz nicht rascher, als käme eine Patientin. Wohl war das Mädchen blasser, als ich es je gesehen.„Sie kommen sich verabschieden, Eva?“„Ja. In zwei Stunden fährt drüben in Neustadt mein Zug ab.“Wir schwiegen beide. Plötzlich begann Eva laut und heftig zu weinen. Ich hätte hingehen mögen, um über ihre Stirn zu streichen; aber ich tat es nicht.„Eva, Sie wissen, daß Stefenson hier ist – daß er die ganze Zeit hier war?“Sie nickte.„Er hat wohl mit Ihnen gesprochen?“Da stand sie auf. Tränenlos, zornig sagte sie:[pg 315]„Ja, er hat mit mir gesprochen. Er war so dreist, mich um meine Hand zu bitten. Ein halbes Jahr lang hat er neben mir gewohnt, ohne daß ich ihn kannte, hat mich beobachtet, belauert, geprüft, ob ich wohl – der hohen Ehre würdig sei, seine Gattin zu werden, ob ich nicht am Ende ein kokettes, leichtfertiges Weib sei, das heut dem, morgen jenem zulächelt; er hat diese Prüfung angestellt, weil ich beim Theater bin, weil ich keine der unter hermetischem Verschluß stehenden Misses von Neuyork bin, die heimlich oft liederlich genug sind; er hat mich, ohne daß ich es wußte, geprüft, und ist nun so gnädig, mir zu sagen: du hast deine Prüfung bestanden. Aber ich – ich werfe ihm sein Diplom vor die Füße! Was ist denn die Liebe? Liebe ist doch blindes Vertrauen. Welcher Mann hat denn eine Garantie? Das Mädchen, der Vater, die Mutter, alle Muhmen und Vettern können ihn belügen, wenn sie wollen, er ist machtlos dagegen. Der Mann muß das Mädchen sehen, er muß wie von einer himmlischen Erleuchtung geführt sagen: Du bist rein, ich lege meine Ehre und mein Glück in deine Hände. Sonst ...“Sie sank weinend auf den Stuhl zurück.Hochauf loderte der glimmende Funke meiner Liebe wieder zu diesem schönen Mädchen, als ich so sein ehrliches weibliches Empfinden sah. In plötzlicher Müdigkeit stützte ich den Kopf in die Hände.Ich zwang die Welle in meinem Herzen. Es wurde ganz still in mir. Eine unheimliche, aber große Stille. Wie in der Wüste. Nur von ferne hörte ich die Tränen rinnen, wie Wasser einer fremden Oase. Ich hätte lange[pg 316]so mit dem aufgestützten Haupt sitzen mögen. Wieviel Zeit verging, weiß ich nicht. Da hörte ich Evas Stimme.„Haben Sie keinen guten Rat für mich, lieber Freund?“„Lieber Freund!“ Unter allen Gestirnen, die an unserem Himmel flimmern, ist dieses Wort wohl eines der hellsten. Aber wenn es ein Weib sagt, das man liebt, bekommt dieser Stern ein überweißes Licht, ist wie ein Schimmer aus einer Welt, die in Eiseskälte untergeht.„Warum sagen Sie nichts? Wissen Sie nicht einmal als Arzt etwas zu sagen?“Da erhob ich mich.„Wohl, liebe Eva! Ich glaube, ich kann Ihnen die Sache richtig auseinandersetzen.“Ich war über mich selbst verwundert. Wie ein trockener, etwas pedantischer Magister sprach ich:„Sehen Sie, Eva, Sie stecken zu tief in der Romantik! Sie denken sich den Freiersmann so wie Lohengrin, der als Fremdling ans Ufer steigt, die Holde, die von aller Welt geächtet wird, an der Hand nimmt und sagt: Frei aller Schuld ist Elsa von Brabant. Und drei Minuten später: Elsa, ich liebe dich! Unser Stefenson ist nicht von dieser Schwanenritterart, er fährt auf dem Passagierdampfer, ist hausbacken, nüchtern, verfährt vorsichtig.“„Verstellen Sie sich doch nicht, lieber Freund! Das ist doch nicht Ihre Art, so zu sprechen!“„Doch, doch! Es ist ganz meine Art, so zu sprechen! Eva, ich will Ihnen ehrlich folgendes sagen: Stefenson hat nicht nur Sie prüfen wollen, sondern auch mich, auch[pg 317]unsere ganze Anstalt. Er schätzt wahrscheinlich drei Dinge: Erstens das Geld, das er für ein Unternehmen anlegt (und das ist ihm als Kaufmann durchaus nicht übelzunehmen), zweitens seine Geschäftsfreunde, unter denen er keine unfähigen Gesellen haben will (auch das ist ohne weiteres zu billigen), und drittens die Liebe oder die Ehe, in welcher Richtung er durchaus klar sehen will. Die Beurteilung dieses dritten Punktes wage ich nicht, da ich von Liebe nichts verstehe.“In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet. Stefenson erschien.„Ich bitte um Entschuldigung“, sagte er, „und versichere, daß ich an der Tür nicht gehorcht habe. Ich entlasse Dienstmädchen ob solch schmählicher Schwäche. Aber der Herr Doktor hat so deutlich gepredigt, daß jedermann, der den anstoßenden Korridor entlang ging, Wort für Wort verstehen mußte. Darf ich mir zu der Sache das Wort erlauben?“„Bitte!“„Erstens mal das Geld. Schön! Ich schätze es! Ich halte es für einen sehr guten Freund. Für einen, der nicht nur die Stube ausmöbliert und das Essen schafft, sondern auch für einen, der einem eine vernünftige Körperpflege gönnt, der die Theater und Museen aufschließt, einen in der Welt herumführt, der gestattet, sich gegen ärmere Mitmenschen anständig zu benehmen, der den Doktor ruft, wenn man krank ist, und der einem schließlich ein Denkmal setzt, wenn sich kein Mensch um den Grabhügel bekümmert, ja, für den einzigen Freund, der einem, wenn[pg 318]man zum Beispiel in der Wut eine Gewalttat begangen hat und ins Zuchthaus oder sonst ins Elend gekommen ist, hinterher wieder die Hand reicht und zu einem ordentlichen Leben zurückverhilft. Ein gutes Bankdepot ist wirklich ein außerordentlich reeller Freund. Nur dumme Kerle und verärgerte arme Schlucker können es leugnen.Zweitens: Geschäftsfreunde dürfen noch eher in mäßigen Grenzen unreell als dumm, rückständig, faul oder sonstwie borniert sein.Drittens: Jeder Mensch, der ein Pferd kauft, das er übermorgen weiterverkaufen oder schlachten lassen kann, überlegt es nach zwanzig Rücksichten. Einer, der eine Frau nimmt, die er zeit seines Lebens auf dem Halse behält, und der weniger vorsichtig verfährt, ist ein Dummian.“Stefenson brachte diese Sätze ohne alle Gemütsbewegung vor, wie einer, der unwiderlegbare Behauptungen aufstellt.Die blonde Eva hatte ihn bisher nicht angesehen.Jetzt stand sie auf, blickte ihm voll in die Augen und sagte kühl:„Alles, was Sie da sagen, ist nach Ihrer Meinung klug und richtig. Aber ich – ich mag das nicht! Ich mag das alles ganz und gar nicht!“Sie verließ das Zimmer. Wir riefen ihr beide nach.Sie gab keine Antwort mehr.Stefenson ging langsam durch das Zimmer, zündete sich eine Zigarre an und sagte nach einer Weile:„Das ist daneben gegangen!“[pg 319]„Ja, ganz daneben!“„Sie freuen sich wohl?“„Ach, ich kann nicht sagen, daß ich verärgert bin.“„Das kann ich mir denken!“Darauf zündete auch ich mir eine Zigarre an, und wir setzten uns gegenüber und rauchten dicke Wolken.„Was war denn eigentlich los?“ fragte Stefenson.„Nun“, sagte ich, „Sie sind ein Mann, und sie ist ein Weib.“

Auf der Straße trat der Kommissar an den Prinzen heran und sagte:

„Ich bitte Ew. Hoheit untertänigst um Verzeihung wegen der Behelligung.“

Hoheit legte dem Manne huldvoll die Hand auf die Schulter.

„Mein Lieber, ich hab gar nischt gegen Sie. Aber tun Sie mir ’nen Gefallen: reisen Sie ab. Sie sind hier übrig. Lenken Sie mal die Aufmerksamkeit des Ministers auf den Prinzen Emanuel. Der scheint mir ein lockeres Huhn und der Beaufsichtigung sehr bedürftig zu sein. Er ist gegenwärtig in Syrakus. Sie haben keine Ahnung, Mann, wie schön es in Syrakus ist. Da machen Sie sich mal nützlich! Glückliche Reise und viel Vergnügen!“

Der Kommissar reiste ab ...

Mich ging das alles kaum etwas an. Ich dachte nur an Stefenson. Er war zunächst nach seiner Zelle zurückgegangen und hatte uns durch einen Gerichtsdiener sagen lassen, wir möchten im „Hotel Bristol“ auf ihn warten. Nach einer reichlichen Stunde kam er. In mir war inzwischen das Gefühlsbarometer hinaufgeschnellt und heruntergestürzt, vom Glutwetter der Bewunderung bis zum[pg 303]Regensturm der Wut – hin und her, her und hin. Ich konnte diesem unberechenbaren Manne gegenüber niemals zu ruhiger Beurteilung kommen. Schließlich beschloß ich, ihm offene Feindschaft anzusagen.

Als er kam und sein Glas Sherry bestellt hatte, sagte er so ruhig, als ob er eine eben abgebrochene Unterhaltung wieder aufnehme:

„Dieser Redakteur von der ‚Neustädter Umschau‘ ist ein schwerfälliger Kopf. Nicht mal richtig stenographisch aufnehmen kann der Pinsel. In meinem Artikel von gestern abend waren mehrere Dummheiten.“

„Ah – Sie haben den Artikel über Ihre Verhaftung in der Umschau selbst geschrieben?“

„Na, selbstverständlich. Der Trunkenbold kann’s doch nicht. Als ich so unerwartet verhaftet werden sollte, bin ich zunächst nach der Redaktion des feindlichen Blattes gegangen, hab dort einen Artikel diktiert (und natürlich auch bezahlt) und bin dann nach dem Bahnhof hinaus und hab mich da festnehmen lassen. Der Artikel über die Verhaftung war eher fertig als die Verhaftung selbst. Das ist man doch in solchem Fall seinem Unternehmen schuldig.“

Das Barometer stieg wieder. Aber es lag noch eine schwere Depression über mir, und ich sagte:

„Ich glaube nicht gerade begriffsstutzig zu sein; aber Ihre Art, sich zu geben und zu handeln, ist so überaus merkwürdig, daß ich nicht mehr mitkann, sondern Ihnen aufs ernsthafteste erklären muß ...“

„Ein Extrablatt!“

Ein Bote stürmte ins Zimmer.

„Bitte, lesen Sie!“ sagte Stefenson ruhig.

Die „Neustädter Umschau“ vertrieb ein Extrablatt. Es war ungefähr ein halbes Quadratmeter groß und enthielt in Fettdruck die Nachricht:

„Ehrenerklärung.

Die ‚Neustädter Umschau‘, immer bemüht, ohne nach rechts oder links zu schauen, lediglich der Wahrheit die Ehre zu geben, erklärt: Die gestrige Verhaftung des Waltersburger Knechts ist zu Unrecht erfolgt. Der als ‚Raubmörder Wiczorek‘ von einem übereifrigen Beamten (dessen amtliche Maßregelung bevorsteht!!) hier auf dem Bahnhof verhaftete Mann war kein anderer als der geniale Gründer der Kuranstalt ‚Ferien vom Ich‘ selbst, Herr John Stefenson – oder, wie er in Begeisterung für sein angestammtes reines Deutschtum sich jetzt mit Bewilligung unserer Behörden nennt, Herr Stefan! Dieser Multimillionär, dessen Einfluß in Amerika unbegrenzt ist, hat in der demütigen Gestalt eines Bauernknechts (nicht als Kurgast) den ganzen Sommer über in Waltersburg gelebt, alle Lasten, Mühen und Zurücksetzungen des von ihm gewählten geringen Standes getragen, um unerkannt die Probe auf sein gigantisches Exempel zu machen, um als Fremdling, selbst von seinem nächsten Freunde unerkannt, von unten her sein Werk zu prüfen. Diese Prüfung ist so glücklich ausgefallen, daß Stefan mit Freuden in die irrtümlich verhängte Haft ging. Den Neustädter Behörden zollt er für ihre Gewissenhaftigkeit[pg 305]alle verdiente Anerkennung. Heute morgen neuneinhalb Uhr stellte sich bei den Behörden der unbegründete Verdacht heraus. Der wahre Josef Wiczorek sitzt – laut amtlicher Depesche – in Braunschweig in Untersuchung; der bei uns Verhaftete wurde nicht nur von dem leitenden Arzt von Waltersburg, sondern auch von Sr. Hoheit dem Prinzen Ernst Friedrich von ... als Herr Stefenson identifiziert. Die ‚Neustädter Umschau‘, deren Devise ‚Ehre und Wahrheit‘ ist, scheut sich nicht –errare humanum est– ihren gestrigen Artikel Wort für Wort zurückzunehmen.“

„Diesen Artikel haben Sie wohl auch diktiert?“ fragte der Prinz.

Stefenson nickte.

„Ja, direkt dem Setzer. Ich hab noch die Korrektur gelesen, ehe ich hierherkam.“

„Sie sind ein smarter Kerl!“ sagte Hoheit voll Anerkennung. „Nu sagen Sie mir bloß, was haben Sie gegen mich gehabt? Warum haben Sie mich immer so miserabel behandelt? Noch gestern haben Sie mich auf den Mist geworfen, direkt auf den Mist. Ist das anständig?“

Stefenson zuckte die Schultern. Dann sagte er mit aufrichtiger Wärme:

„Sehen Sie mal, lieber Piesecke – ich möchte Sie der Einfachheit halber noch mal so nennen –, ich hab gar nichts gegen Sie gehabt! Im Gegenteil! Sie haben mir besser gefallen und mehr imponiert als die meisten an[pg 306]deren. Nur, daß Sie so hinter meiner Braut her waren, das konnte ich mir nicht gefallen lassen.“

„Hinter Ihrer Braut?“

„Ja, also sagen wir: hinter der Forellenhof-Hanne! Mit der werde ich mich heute oder morgen verloben.“

Piesecke prustete los und sagte lachend:

„Also Ignaz oder Stefan oder Wiczorek oder Stefenson oder wie Sie sonst heißen mögen – mir ist ja das ganz egal –, da werden Sie kein Glück haben! Die Hanne mag keinen; nicht mal den Herrn Doktor da hat sie gemocht.“

„Also haben Sie doch –?“ fragte Stefenson mit einem Blick auf mich.

„Gar nichts habe ich“, sagte ich zornig. „Gar nichts! Im übrigen möchte ich um einige kurze Aufschlüsse bitten, von denen es abhängen wird, ob ich noch länger an diesem Tisch sitzenbleibe oder nicht.“

„Oho – oho! Also, was ist aufzuschließen?“

„Waren Sie der Journalist Brown, der im Mai zu uns kam?“

„Ja, natürlich war ich der! Aber Sie hätten mich doch damals beinahe erkannt. Deshalb habe ich ja meine Maske geändert und bin als Knecht Ignaz wiedergekommen.“

„Wie kamen Sie damals dazu, mir den seltsamen Brief zu geben?“

„Na, den hatte ich doch selbst geschrieben, in der Annahme, Sie mit den beiden Mädchen zu treffen. Wäre meine Voraussetzung nicht zugetroffen, so hätte ich eben[pg 307]den Brief in der Tasche behalten. Das war doch nur Bluff.“

„Wie konnten Sie aber in der ganzen Zeit Briefe aus Amerika an mich schreiben, da Sie doch bei uns waren?“

„Es gibt Kabel, lieber Freund, durch die man anordnen kann, was zu schreiben ist.“

„Und Ihre Handschrift? Ich bekam fast alle Briefe handschriftlich, nur wenige in Maschinenschrift.“

„Ja, da habe ich in einem meiner Büros einen Spezialisten, der meine Handschrift so täuschend nachmachen kann, daß ich selbst nicht zu unterscheiden vermag, was von mir oder von ihm geschrieben ist. Ein goldehrlicher Mann, einem anderen dürfte man die Ausübung der äußerst gefährlichen Kunst nicht gestatten. Na, sehen Sie, es gibt für einen Großkaufmann wie mich täglich mindestens zwei Dutzend Anlässe, wo er handschriftlich schreiben muß: an Verwandte und gute Freunde, wo Maschinenschrift zu kalt wirkt; an Geschäftsgenossen, mit denen man intime Dinge verhandeln will, die kein Angestellter wissen darf; an alle Leute, die etwas darauf geben, wenn ein vielbeschäftigter Mann sich die Mühe und Zeit nimmt, einen handschriftlichen Brief zu senden; schließlich an alle offenen und verkappten Autographenjäger – für sie alle ist Mister Jenkins da, und er machte seine Sache für zweitausend Dollar im Jahre geschickt und reell. Er hat auch in Ihrem Falle sehr brav gearbeitet.“

„Großartig! Großartig!“ klatschte der Prinz in die Hände. Mein Barometer aber fiel auf Sturm. „Ihr Verhältnis zu Bauer Barthel“, sagte ich kalt, „brauchen[pg 308]Sie mir nun nicht mehr zu erklären. Er hat gewußt, wer Sie waren, deshalb hielt er Sie, deshalb log er, er kenne Sie von Jugend auf; deshalb hat er Sie sogar gestern nicht verraten.“

„Stimmt! Aber das dürfen Sie dem Barthel nicht übelnehmen. Wir haben ein schriftliches Abkommen, laut dessen er fünfhundert Mark an mich hätte zahlen müssen, falls er mich je verraten hätte. Denken Sie mal – fünfhundert Mark! Es ist klar, daß sich da Barthel lieber einsperren läßt.“

„Hat sonst noch jemand auf dem Forellenhof Sie gekannt?“

„Nein. Auch Susanne nicht.“

„Das ist mir lieb. Aber der Direktor Brüning hat Sie gekannt und sich wahrscheinlich stets heimlich mit Ihnen besprochen. Deshalb erschienen mir alle seine Anordnungen immer so von Ihrem Geiste diktiert.“

„Auch das ist richtig. Ich war nur der lange Ignaz, aber in Wirklichkeit leitete ich die ganze Anstalt durch den Direktor. Wir hatten alle Tage eine kleine Konferenz. Ich war immer von allem unterrichtet. Außer Barthel und dem Direktor hat aber niemand gewußt, wer ich war, nicht mal die kleine Luise, und das ist mir schwer geworden.“

Seine Augen schimmerten warm bei dem Gedenken des Kindes, und das Wort, das ich über seine Abgefeimtheit sprechen wollte, unterblieb. So sagte ich nur kühl und gemessen:

„Wollen Sie mir sagen, Herr Stefenson, warum Sie diese ganze Komödie mit uns gespielt haben?“

„Komödie?“ verwunderte er sich;„wiesoKomödie? Darf in den Ferien vom Ich nicht jeder auftreten, wie er will? Ist das nicht Ihre eigene Idee? Und was meinen Sie, was ich selbst von dieser Idee, die mir gefiel und für die ich viel Geld gewagt habe, gehabt hätte, wenn ich als Mister Stefenson dageblieben wäre? Der Direktor wäre ich gewesen, einen langweiligen Verwaltungsposten hätte ich gehabt, nichts von dem Zauber trauten Geborgenseins, den unsere Anstalt spendet, hätte ich genießen können. Nein, am eigenen Leibe wollte ich ausprobieren, wie es tut, wenn man Ferien macht vom Ich. Deshalb wurde ich Bauernknecht. Ich habe mich wohlgefühlt als ‚langer Ignaz‘, ich habe beobachtet, erlauscht, geprüft von unten her, was an unserer Sache ist, ob sie absurd, phantastisch, unfruchtbar, oder ob sie im Kern echt und gut ist, und ich hatte das Glück zu sehen, daß wir auf dem richtigen Wege sind. Nicht nur die gute geschäftliche Bilanz, die ich erwartet hatte, hat mich belehrt, daß ich mich unserer Gründung freuen darf, sondern das, was ich sah und hörte, als ich unerkannt mitten unter den Feriengästen war.“

„Sie haben auch mich prüfen wollen?“ sagte ich.

„Ja, auch Sie! Ganz natürlich. Ich werde wieder nach Amerika zurück müssen, weil leider meine Ferien aus sind, und ich will wissen, wem ich das Werk hier, ich kann sagen den Liebling unter all meinen Unternehmungen, den einzigen Ausflug ins Romantische, den ich je[pg 310]gemacht habe, hinterlasse. Ich kann ruhig scheiden. Ich werde jetzt wirklich hinübergehen. Weil ich muß! Weil mich die Pflicht ruft. Ich weiß, das Heim ist in guten Händen. Und eines, lieber Freund, vergesse ich Ihnen mein Lebtag nicht. Es gab einen Sommerabend, an dem Sie die Hände ausstreckten nach der schönen Hanne. An diesem Abend fanden Sie meinen Brief, in dem ich Ihnen sagte, daß ich Fräulein Eva Bunkert, die Forellenhof-Hanne, als meine Braut betrachte. Und seit diesem Abend sind Sie dem Mädchen aus dem Wege gegangen. Sehen Sie, das habe ich auch nur als Knecht Ignaz erfahren können, daß ich an Ihnen so einen treuen Freund habe. Das allein lohnt ein halbes Jahr Bauernarbeit.“

Er sprach mit großer, ehrlicher Wärme. Ich aber sagte: „Sie täuschen sich. Ich hätte das Mädel zu gewinnen gesucht; aber ich wußte, daß sie immer nur an Sie dachte, daß Ihnen ihr Herz gehört.“

„Ist das möglich? Ist das möglich? Fräulein Hanne will wirklich ...“

Der Prinz sank in sich zusammen. Er war plötzlich wieder vollständig Piesecke.

Es ist noch viel geredet worden; ich weiß nicht mehr, was alles. Schließlich habe ich Stefenson recht geben müssen, daß er sich unerkannt unter unser kurioses Völklein mischte. Was sollte er sich nicht überzeugen, wie seine Gründung wirkte? Ich überwand meinen Unmut, so gut ich konnte, aber ein Stachel blieb, daß Barthel und der Direktor mehr gewußt hatten als ich. Eine[pg 311]Freundschaft zwischen Stefenson und mir wollte ich nicht mehr gelten lassen.

Piesecke schlich sich ins Heim zurück, ohne uns. Er wollte weiterhin Piesecke sein, und vergebens zerbrachen sich unsere Kurgäste die Köpfe, wer der in der „Neustädter Umschau“ genannte Prinz sein möge. Der „Verdacht“ blieb schließlich auf einem Referendar sitzen, der im Grundhof wohnte und sich die Rolle des heimlichen Herzogs wohlgefallen ließ. Dieser Referendar lehnte alle grobe Arbeit von nun an ab. Die Damen waren entzückt über seine hocharistokratischen Hände. Sie rühmten die edle Zurückhaltung in Ton und Gebärde, die Güte, die nie zur Vertraulichkeit wird, sondern immer Güte bleibt, die Sprache, die trotz ihres leise verschleierten Timbers und ihrer entgegenkommenden Art doch unabweisbare Befehle gibt, die Augen, die so wissend, so durch den Höhenblick von Jugend auf geschärft zu blicken wußten; sie rühmten selbst kleine Nonchalancen, die sich eben nur der unter dem Kronenhimmel Geborene gestattet. Dieser Mann lachte und lächelte nicht; er zuckte nur mit den Mundwinkeln. Er sagte nicht „nein“ zu irgendeinem Verlangen, sondern dieses Verlangen erstarb von selbst vor einem einzigen Faltenwölkchen, das sich auf der Stirn des Hohen bildete; er konnte aber auch durch ein einziges freundliches Lidersenken gewähren, „ja“ sagen, wie kein anderer Mensch „ja“ zu sagen vermag.

Keine Erziehung führt zu solcher Haltung. Kein Emporkömmling kann sie erlernen. Rasse! Vererbung von[pg 312]Herreninstinkten durch Jahrhunderte! Das ist’s! Und der heimliche Herzog ging in schlichter, leutseliger Würde durch das Gewimmel aller derer, die ihm täglich in den Weg zu laufen wußten. Er empfing keine Besuche – er erteilte Audienzen; er plauderte nicht – er hielt Cercle.

Mir machte alles dies so viel Spaß, daß ich den Direktor ersuchte, dem heimlichen Herzog noch auf weitere zwei Wochen die wesentlich erleichterten Zahlungsbedingungen zu gewähren; denn der Referendar hatte bisher nur gelegentlich geringe Remunerationen genossen, und sein Vater, der ein biederer Sattlermeister war, hatte auch nicht viel Geld übrig.

Das alles hatte mit ihrem Artikel die „Neustädter Umschau“ getan. An Piesecke dachte kein Mensch ...

Barthel, der Heimtücker, war inzwischen auch aus der Haft entlassen worden. Er ließ sich bei mir melden, aber es wurde ihm gesagt, ich sei nicht zu sprechen. Da kam er nach einer Stunde mit seiner Susanne wieder.

„Herr Doktor“, sagte Susanne mit kirschrotem Kopf, „daß er ein Lump ist, weiß ich. Unsern guten Herrn Doktor so zu beschwindeln wegen lumpiger tausend Taler, die er jetzt von Ignaz, der ja Stefenson gewesen ist, Schweigegeld kriegt. Was soll uns das Geld? Was geht uns Herr Stefenson an? Wir halten uns an unseren guten Herrn Doktor. Aber was das schlimmste ist, mich hat er auch beschwindelt mit dem langen Ignaz. So ein Lump! Sein eigenes Weib belügt er. Ich hab ihm nie getraut, nie im Leben! Nicht über den Weg! Aber jetzt laß[pg 313]ich mich scheiden; er hat gesessen, und mit einem Zuchthäusler hat eine anständige Frau nichts zu tun.“

Was blieb mir übrig, als für den in erbärmlichem Zustand dastehenden Barthel Partei zu ergreifen und der empörten Susanne gut und mild zuzureden? Sie wollte aber auf keinen Zuspruch hören. Sie blieb dabei, sie müsse sich scheiden lassen, da er „gesessen“ habe. Schließlich weinte sie.

„Und was er für ein Liedrian ist, Herr Doktor!“ schluchzte die brave Frau. „Für die tausend Taler, die er jetzt von Stefenson kriegt, will er sich eine Dreschmaschine kaufen, wo ich ihm doch sage, daß er das Geld lieber in die Sparkasse tragen soll.“ Da erkannte ich, daß das Barthelsche Eheglück noch nicht hoffnungslos verloren war, und ich entließ die beiden, indem ich sie meines Wohlwollens versicherte.

Ich saß allein in meiner Klause. Ich war in einer Stimmung, die ich nicht kannte. Wie war das, was ich in den letzten vierundzwanzig Stunden erlebte – war das traurig, war es komisch, war es erbärmlich? Sollte ich lachen, sollte ich zürnen?

Sollte mir das Herz weh tun, weil die blonde Hanne fortzog?

Sollte ich grollen, weil Stefenson dem Direktor und einem Bauern mehr Vertrauen geschenkt hatte als mir, den er seinen Freund nannte?

Sollte ich mich ärgern über den Barthel, weil er profitsüchtig gewesen war?

Es blieb ganz still in mir. Wahrscheinlich waren das alles ganz gute, liebe Leute. Nur das Leben schüttelte die Menschen durcheinander, wie ein Kind die Steinchen schüttelt, die es in ein Säcklein gesammelt hat. Wenn es eine Reibung gibt, was schadet es? Ein Krümlein alter, weicher Heimaterde bröckelt ab, und der Stein schimmert durch, hart und widerstandslustig. Dem Stein aber kann keine Reibung mehr schaden, kann ihn nur glätten.

Alte, weiche Heimaterde, wie du mich umsponnen hattest! Jedes Käferwürmlein konnte an dir zehren! Ich möchte dich ja halten, denn du bist gut und weich, aber das Leben schüttelt zu hart. Doch ich bin getrost, ein gut Teil Krümlein werden mir bleiben, darauf will ich mich heimlich betten, und die glatte Fläche wird nur nach außen sein ... Als am nächsten Morgen die blonde Hanne in mein Zimmer trat, pochte mein Herz nicht rascher, als käme eine Patientin. Wohl war das Mädchen blasser, als ich es je gesehen.

„Sie kommen sich verabschieden, Eva?“

„Ja. In zwei Stunden fährt drüben in Neustadt mein Zug ab.“

Wir schwiegen beide. Plötzlich begann Eva laut und heftig zu weinen. Ich hätte hingehen mögen, um über ihre Stirn zu streichen; aber ich tat es nicht.

„Eva, Sie wissen, daß Stefenson hier ist – daß er die ganze Zeit hier war?“

Sie nickte.

„Er hat wohl mit Ihnen gesprochen?“

Da stand sie auf. Tränenlos, zornig sagte sie:

„Ja, er hat mit mir gesprochen. Er war so dreist, mich um meine Hand zu bitten. Ein halbes Jahr lang hat er neben mir gewohnt, ohne daß ich ihn kannte, hat mich beobachtet, belauert, geprüft, ob ich wohl – der hohen Ehre würdig sei, seine Gattin zu werden, ob ich nicht am Ende ein kokettes, leichtfertiges Weib sei, das heut dem, morgen jenem zulächelt; er hat diese Prüfung angestellt, weil ich beim Theater bin, weil ich keine der unter hermetischem Verschluß stehenden Misses von Neuyork bin, die heimlich oft liederlich genug sind; er hat mich, ohne daß ich es wußte, geprüft, und ist nun so gnädig, mir zu sagen: du hast deine Prüfung bestanden. Aber ich – ich werfe ihm sein Diplom vor die Füße! Was ist denn die Liebe? Liebe ist doch blindes Vertrauen. Welcher Mann hat denn eine Garantie? Das Mädchen, der Vater, die Mutter, alle Muhmen und Vettern können ihn belügen, wenn sie wollen, er ist machtlos dagegen. Der Mann muß das Mädchen sehen, er muß wie von einer himmlischen Erleuchtung geführt sagen: Du bist rein, ich lege meine Ehre und mein Glück in deine Hände. Sonst ...“

Sie sank weinend auf den Stuhl zurück.

Hochauf loderte der glimmende Funke meiner Liebe wieder zu diesem schönen Mädchen, als ich so sein ehrliches weibliches Empfinden sah. In plötzlicher Müdigkeit stützte ich den Kopf in die Hände.

Ich zwang die Welle in meinem Herzen. Es wurde ganz still in mir. Eine unheimliche, aber große Stille. Wie in der Wüste. Nur von ferne hörte ich die Tränen rinnen, wie Wasser einer fremden Oase. Ich hätte lange[pg 316]so mit dem aufgestützten Haupt sitzen mögen. Wieviel Zeit verging, weiß ich nicht. Da hörte ich Evas Stimme.

„Haben Sie keinen guten Rat für mich, lieber Freund?“

„Lieber Freund!“ Unter allen Gestirnen, die an unserem Himmel flimmern, ist dieses Wort wohl eines der hellsten. Aber wenn es ein Weib sagt, das man liebt, bekommt dieser Stern ein überweißes Licht, ist wie ein Schimmer aus einer Welt, die in Eiseskälte untergeht.

„Warum sagen Sie nichts? Wissen Sie nicht einmal als Arzt etwas zu sagen?“

Da erhob ich mich.

„Wohl, liebe Eva! Ich glaube, ich kann Ihnen die Sache richtig auseinandersetzen.“

Ich war über mich selbst verwundert. Wie ein trockener, etwas pedantischer Magister sprach ich:

„Sehen Sie, Eva, Sie stecken zu tief in der Romantik! Sie denken sich den Freiersmann so wie Lohengrin, der als Fremdling ans Ufer steigt, die Holde, die von aller Welt geächtet wird, an der Hand nimmt und sagt: Frei aller Schuld ist Elsa von Brabant. Und drei Minuten später: Elsa, ich liebe dich! Unser Stefenson ist nicht von dieser Schwanenritterart, er fährt auf dem Passagierdampfer, ist hausbacken, nüchtern, verfährt vorsichtig.“

„Verstellen Sie sich doch nicht, lieber Freund! Das ist doch nicht Ihre Art, so zu sprechen!“

„Doch, doch! Es ist ganz meine Art, so zu sprechen! Eva, ich will Ihnen ehrlich folgendes sagen: Stefenson hat nicht nur Sie prüfen wollen, sondern auch mich, auch[pg 317]unsere ganze Anstalt. Er schätzt wahrscheinlich drei Dinge: Erstens das Geld, das er für ein Unternehmen anlegt (und das ist ihm als Kaufmann durchaus nicht übelzunehmen), zweitens seine Geschäftsfreunde, unter denen er keine unfähigen Gesellen haben will (auch das ist ohne weiteres zu billigen), und drittens die Liebe oder die Ehe, in welcher Richtung er durchaus klar sehen will. Die Beurteilung dieses dritten Punktes wage ich nicht, da ich von Liebe nichts verstehe.“

In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet. Stefenson erschien.

„Ich bitte um Entschuldigung“, sagte er, „und versichere, daß ich an der Tür nicht gehorcht habe. Ich entlasse Dienstmädchen ob solch schmählicher Schwäche. Aber der Herr Doktor hat so deutlich gepredigt, daß jedermann, der den anstoßenden Korridor entlang ging, Wort für Wort verstehen mußte. Darf ich mir zu der Sache das Wort erlauben?“

„Bitte!“

„Erstens mal das Geld. Schön! Ich schätze es! Ich halte es für einen sehr guten Freund. Für einen, der nicht nur die Stube ausmöbliert und das Essen schafft, sondern auch für einen, der einem eine vernünftige Körperpflege gönnt, der die Theater und Museen aufschließt, einen in der Welt herumführt, der gestattet, sich gegen ärmere Mitmenschen anständig zu benehmen, der den Doktor ruft, wenn man krank ist, und der einem schließlich ein Denkmal setzt, wenn sich kein Mensch um den Grabhügel bekümmert, ja, für den einzigen Freund, der einem, wenn[pg 318]man zum Beispiel in der Wut eine Gewalttat begangen hat und ins Zuchthaus oder sonst ins Elend gekommen ist, hinterher wieder die Hand reicht und zu einem ordentlichen Leben zurückverhilft. Ein gutes Bankdepot ist wirklich ein außerordentlich reeller Freund. Nur dumme Kerle und verärgerte arme Schlucker können es leugnen.

Zweitens: Geschäftsfreunde dürfen noch eher in mäßigen Grenzen unreell als dumm, rückständig, faul oder sonstwie borniert sein.

Drittens: Jeder Mensch, der ein Pferd kauft, das er übermorgen weiterverkaufen oder schlachten lassen kann, überlegt es nach zwanzig Rücksichten. Einer, der eine Frau nimmt, die er zeit seines Lebens auf dem Halse behält, und der weniger vorsichtig verfährt, ist ein Dummian.“

Stefenson brachte diese Sätze ohne alle Gemütsbewegung vor, wie einer, der unwiderlegbare Behauptungen aufstellt.

Die blonde Eva hatte ihn bisher nicht angesehen.

Jetzt stand sie auf, blickte ihm voll in die Augen und sagte kühl:

„Alles, was Sie da sagen, ist nach Ihrer Meinung klug und richtig. Aber ich – ich mag das nicht! Ich mag das alles ganz und gar nicht!“

Sie verließ das Zimmer. Wir riefen ihr beide nach.

Sie gab keine Antwort mehr.

Stefenson ging langsam durch das Zimmer, zündete sich eine Zigarre an und sagte nach einer Weile:

„Das ist daneben gegangen!“

„Ja, ganz daneben!“

„Sie freuen sich wohl?“

„Ach, ich kann nicht sagen, daß ich verärgert bin.“

„Das kann ich mir denken!“

Darauf zündete auch ich mir eine Zigarre an, und wir setzten uns gegenüber und rauchten dicke Wolken.

„Was war denn eigentlich los?“ fragte Stefenson.

„Nun“, sagte ich, „Sie sind ein Mann, und sie ist ein Weib.“


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