[pg 320]Vom Bruder und seiner FrauMit Eva Bunkert verließ uns auch die kleine Anneliese. Am Abschiedsabend hatte sie sich nicht beteiligt. Es hieß, „Bärbel“ sei nicht wohl und habe sich zeitig zur Ruhe gelegt. Wie mein Bruder mit dem Mädchen stand, wußte ich nicht. Joachim war verschlossener als je. Am Abend des Tages aber, da die Mädchen abgereist waren, kam er zu mir.Ganz unvermittelt sagte er: „Fritz, ich möchte fort. Morgen oder übermorgen.“„Fort? Wohin?“„Wieder hinüber.“„Nach Amerika?“„Ja.“Ich sah ihn schweigend an.Da sagte er:„Du hast wohl bemerkt, daß ich eine Neigung für Fräulein Anneliese hatte. Ich hoffte, es könnte mir ein neues Glück in der Heimat erblühen. Diese Hoffnung hat mich betrogen – wie alle anderen.“„Ist es aus zwischen euch?“„Ja. Das Mädchen hing an mir, und es war alles verabredet für baldige Hochzeit. Da hielt ich mich gestern[pg 321]für verpflichtet, ihr mein Leben zu schildern. Droben am Hange sind wir gewesen. Da habe ich ihr das Schwere gesagt. Sie hat sehr geweint und sich schwer von mir losgerissen; aber sie bleibt dabei, daß sie den geschiedenen Mann einer noch lebenden Frau nicht heiraten dürfe. Du weißt wohl warum?“„Ja. Ihre katholische Religion verbietet Anneliese solche Ehe.“Er fing an zu toben, an den Ketten zu zerren – ich ließ ihn reden und toben.Zuletzt sagte er:„Und ich weiß nicht einmal, ob dieses – dieses Weib noch lebt.“Ich blieb still.„Weißt du etwas von ihr? Weißt du, ob sie noch lebt?“„Sie lebt.“Er stöhnte. Ich merkte, wie sehnsüchtig er auf den Tod seiner Frau gehofft hatte.„Und – das Kind, wo ist es?“„Es ist bei seiner Mutter.“„Das habt ihr zugegeben? So gewissenlos seid ihr gewesen?“„Das Kind ist wohl aufgehoben bei ihr.“Er lachte rauh und ergoß eine Flut schwerster Schimpfworte über seine Frau. Wieder ließ ich ihn reden und toben. Zuletzt stieß er hervor:„Wo hält sich das Scheusal auf?“„Deine Frau? Das sage ich dir nicht.“„Dasmußtdu mir sagen!“[pg 322]„Nein, Joachim, ich sage es dir nicht!“Er ballte die Fäuste und trat mit dem Fuß auf. Dann ließ er die Arme schlaff hängen und sagte in feindseligem Ton:„Gut! Was ich wissen will, werde ich auch ohne dich erfahren.“Ohne Gruß verließ er mich. Ich trat ans Fenster und sah ihn unten über die Wiese gehen. Das war der Mann, dem ich fünf Jahre lang um die ganze Welt nachgereist war. Weil er der Sohn meiner Mutter war. Nun würde ich eine solche Familienaufgabe nicht mehr übernehmen. Ich öffnete nicht einmal das Fenster, um ihm nachzurufen.Ich setzte mich an den Schreibtisch und begann zu arbeiten. Es ging schwer. Ich war von der Aufregung der letzten Nacht und des Tages ganz benommen. Es fiel mir ein, Joachim werde nun wohl zur Mutter gehen. Aber die wußte ja auch nichts von Katharina, die bei uns Magdalena hieß, hatte keine Ahnung von ihrer Anwesenheit hier im Heim. Es wurde spät. Ich wollte nur noch meine letzte Zigarre ausrauchen, dann schlafen gehen. Wie gleichmütig mich der Abschied des Bruders ließ! Freilich, die Mutter würde wieder sehr mit mir zürnen. Aber ich konnte das nicht ändern. Ich war aller Familiensimpelei müde geworden.Wie ich noch so still dasaß, hörte ich auf einmal jemand den Korridor entlang eilen.Die Tür wurde aufgerissen.Magdalena stand vor mir.[pg 323]Mit wirrem Haar, in unordentlicher Kleidung. Entsetzt. Verstört.„Helfen Sie – helfen Sie – sie haben mir das Kind genommen.“„Was? Was sagst du, Käthe?“„Das Kind haben sie mir genommen – Luise – o Gott!“„Wer hat es genommen?“„Er – Joachim – er ist mit einem fremden Mann gekommen – sie haben das Kind fortgeschleppt – meine Luise – meine Luise!“Ich wollte die zitternde Frau auf einen Stuhl nötigen.„Nein, kommen Sie bald – sie haben mich ja in die Kammer eingeschlossen gehabt – eine Stunde ist es wohl schon her, daß sie mit dem Kinde fort sind – ich habe die Kammertür nicht aufgekriegt – kommen Sie schnell – schnell!“Die Frau schluchzte und zuckte in namenlosem Schmerz. Ich sah alles wie durch einen Schleier. Wie kam Joachim nach der Genovevenklause? Wer hatte ihm den Weg gewiesen?Plötzlich wurde mir alles klar. Ich war unvorsichtig gewesen, Joachim zu verraten, daß Luise bei ihrer Mutter sei, und da unsere Mutter wußte, wo das Kind war, fanden sie auch die Frau.Oh, ich Tor! Ich sah, daß Käthe am Halse rote Striemen hatte.„Hat er dir etwas getan, Käthe? Hat er dich etwa gar geschlagen?“[pg 324]„Ich weiß es nicht. Aber das Kind ist fort, das Kind ist fort!“Sie hatte wohl mit dem Manne gerungen, und er hatte sie mit irgendeinem Helfershelfer in die Kammer gesperrt und das Kind entführt. Der brutale Kerl! Ein wütender Haß gegen ihn schlug in mir auf.„Erbarmen Sie sich, Herr Doktor, helfen Sie mir!“„Nenn mich nicht Herr Doktor, Käthe, nenne mich Fritz! Wir sind Verwandte. Ich werde dir helfen, so gut ich irgend kann.“Demütig und furchtsam wie ein geprügelter Hund stand sie vor mir.Ich zog mir den Mantel an.„Ich bitte dich, Käthe, geh nach Hause. Du kannst nichts tun. Ich werde mich sofort auf die Suche machen.“„Ich kann nicht nach Hause gehen; ich muß Luise suchen –“Mit irrsinnig flimmernden Augen sah sie mich an.„Du kannst nichts tun, Käthe. Ich werde sofort hinab zu meiner Mutter gehen, dort werde ich wahrscheinlich Joachim treffen und mit ihm abrechnen.“„Ich will mit. Ich fürchte mich nicht, wenn sie mich auch schlagen.“„Du mußt mir jetzt gehorchen, Käthe! Sonst verdirbst du alles; sonst kann ich dir nicht helfen!“Da senkte sie stumm den Kopf.Wir eilten auf einem Nebenpfade gen Waltersburg hin. Als der Weg nach der Genovevenklause abbog, ge[pg 325]bot ich der Frau, nach Hause zu gehen und zu warten, bis ich ihr Nachricht brächte. Sie schlich davon. Aber als ich den Berg hinabeilte, merkte ich, daß mir von ferne ein Schatten folgte.Das Haus der Mutter war hell erleuchtet. Die Haustür stand offen. Ich eilte nach dem ersten Stock, nach dem Zimmer der Mutter, und trat ein, ohne anzuklopfen. Mitten in der Stube stand Joachim; er war allein. In offener Feindseligkeit blickten wir uns an.„Wo ist das Kind? Wo ist Luise?“„Nicht hier.“„Wo ist die Mutter?“„Auch nicht hier.“„Willst du mir sagen, wo beide sind?“„Nein! Aber ich will dir sagen, daß ich das Mädchen der Obhut des Frauenzimmers, dem du es übergeben, entrissen und in eigene Erziehung genommen habe. Morgen früh geht die Reise los. Ich nehme das Kind mit. Das ist mein Recht. Das Kind gehört mir.“Ich konnte vor Zorn kaum sprechen.„Ah – und es ist wohl auch dein Recht, in eines unserer Häuser einzubrechen und ein wehrloses Weib seiner Freiheit zu berauben?“„Das tat ich nur, um sie zu hindern, hinter uns herzuschreien und Skandal zu erregen. Um allen Skandal zu vermeiden, bringt Mutter das Kind schon jetzt nach auswärts.“„Oh, wie bist du rücksichtsvoll! Du willst keinen[pg 326]Skandal. Du vergissest nur das eine: daß es ein großer Skandal ist, wenn man sich benimmt wie ein Bandit!“„Hüte dich nur!“„Ich fürchte mich nicht vor deiner Brutalität. Ich kann dich – wenn es mir beliebt – wegen der Schandtat eines Einbruchs in eines unserer verschlossenen Häuser jeden Augenblick einsperren lassen. Ich werde es höchstwahrscheinlich auch tun und mich um keinerlei Skandal kümmern.“„Du nimmst in sehr merkwürdiger Weise Partei für jenes Weib.“„Ja, sie steht trotz ihres Fehltritts gerechtfertigter, ich will ruhig sagen, viel anständiger vor meinen Augen als du!“„Das bitte ich mir zu beweisen“, sagte er heiser vor Wut. Er setzte sich auf eine Tischkante; ich lehnte an einem Schrank ihm gegenüber.„Ich erinnere dich daran, Joachim, daß das schöne Mädchen, das Katharina hieß, damals zwar deine blinde, wahnsinnige Leidenschaft erregt, aber daß sie dich niemals geliebt hat, daß sie so ehrlich war, es dir zu sagen.“„Hör auf damit!“„Nein, da liegt die Wurzel zu allem Unheil, das kam. Als du von dem Mädchen abgewiesen warst, tatest du das, was du immer tatest, wenn du einen Wunsch durchaus durchsetzen wolltest, du hingst dich an die Kleiderrockfalten der Mutter.“Er sprang herunter vom Tisch und trat drohend vor mich.[pg 327]„Benimm dich immerhin auch in dieser Stunde noch mit einigem Anstand, Joachim! Du hast mir so viel von meinem Leben genommen, fünf volle blühende Jahre, daß ich ein Recht habe, dich als meinen Schuldner zu betrachten und endlich mit dir abzurechnen.“Er wich zurück, lachte verächtlich und trat ans Fenster.„Ich habe dich nicht aufgefordert, mir zu folgen.“„Nein, aber die Mutter hat es getan, die dich von Kind auf zu einem jämmerlichen Egoisten erzogen hat.“„Sag noch ein Wort gegen die Mutter, und ich halte mich nicht länger!“„Du sprichst wie ein Raufbold, Joachim, und ich schäme mich für dich. Wie ich innerlich zur Mutter stehe, geht daraus hervor, daß ich auf ihren stillen Wunsch hin, dich wiederzuhaben, meine Jugend opferte. Aber nicht davon wollte ich sprechen, sondern von deinem Verhältnis zu Katharina. Das Mädchen sagte dir damals, daß seine Liebe einem anderen gehöre, deinem Freunde ...“„Hör auf – ich ertrage das nicht!“„Ich weiß, trotz deiner Brutalität anderen gegenüber bist du, was die eigene werte Person anlangt, sehr feinfühlig; nicht einmal eine wahrheitsgemäße Aussprache erträgst du. Aber ich erspare sie dir nicht. Ich halte dir den Spiegel vor, damit du weißt, wenn du von hier fortziehst, daß es jemand auf der Welt gibt, der keine Spur von Mitleid, ja nicht einmal von Achtung mehr für dich hat, und das ist dein Bruder, der dich unter allen Menschen auf der Welt am besten kennt.“[pg 328]Er erwiderte nichts mehr; er starrte mich nur an. Ich setzte kaltblütig die Abrechnung fort.„Du wandtest dich damals an die Mutter, und die Mutter setzte bei den Eltern des Mädchens alle Hebel für dich ein. Die Leute hatten sechs Töchter. Eine von ihnen versorgt zu sehen, war ihr sehnlichster Wunsch. Du warst approbierter Arzt, der andere, dein Freund, ein vermögens- und aussichtsloser Kandidat. Da wurde dem Mädel Tag und Nacht zugesetzt, bis sie dich nahm. Das war in diesem Falle die Grundlage für die schwere Ja-Frage am Altar nach dem ‚freien, ungezwungenen, selbst ungenötigten Willen‘.“Joachim war in einen Sofawinkel gesunken. Mir war das Herz so kalt und leicht wie einem Staatsanwalt, der auf „schuldig“ plädiert.„Während du die Flitterwochen hieltest, ging dein Freund beinahe zugrunde. Nach einem Jahre hieß es, er habe sich beruhigt. Er kam zu euch. Die alte Sehnsucht trieb ihn. Und da geschah Katharinas Unglück. Du warst natürlich in deiner Ehre sehr tief verletzt. Ich sah das ein. Erst jetzt begreife ich, daß in jener Ehe deine Gattenehre nicht von Gottes, sondern von Mutters und Geldsacks Gnaden war. Das Weib hat gefehlt, ohne Zweifel. Zweimal. Nicht nur, als sie dir die Ehe brach, sondern schon, als sie die Ehe mit dir einging. Aber du und die Mutter – und wir alle, die wir schürend oder doch stillschweigend mitgewirkt haben, sind wir Gerechte? Leute, die Steine aufheben dürfen? Oder Pharisäer, die verdienen, die Geißel des Messias ins Gesicht zu bekommen?[pg 329]Katharina hat ihre Schuld gebüßt. Nicht durch deinen rohen Revolverschuß, nicht dadurch, wie sie dich vor Gericht reinwusch, indem sie aussagte, sie habe sich die Wunde selbst zugefügt. Nein, mit aber tausend Tränen. Erst jetzt weiß ich, wie ihr Mutterherz gehungert hat, wie sie durch all die Jahre nach dem Kinde gesucht hat. Dieses Weib hat vielleicht an einem Tag und in einer Nacht mehr gelitten und heißer zum Himmel gerufen als du in der ganzen Zeit. Jetzt auf einmal erscheinst du wieder in der ganzen Pracht und Herrlichkeit deines gesetzmäßigen Richtertums und beginnst deine Brutalitäten aufs neue. Und deshalb, sage ich, ist deine Frau ein hundertmal anständigerer Mensch, als du bist!“Er stand auf, zuckte ein wenig mit den Armen durch die Luft, als ob er reden wolle, setzte sich aber wieder. Ich behielt ihn scharf im Blick und fuhr fort:„Das ist die Abrechnung, die deine Frau betrifft. Da kommst du immer noch gut dabei weg, weil nicht nur dein eigenes, sondern auch das andere Konto belastet ist. Nun komme ich auf dein Verhältnis zu deinem Kinde zu sprechen. Und da – nichts für ungut, lieber Bruder – hast du dich glattweg benommen wie ein Lump. Das Tier bekümmert sich um sein Junges, trägt ihm die besten Bissen zu, sorgt für seine Sicherheit. Du hast für deine eigene Sicherheit gesorgt, die besten Bissen selbst gegessen, dem Kinde nicht einen Pfennig, nicht ein armseliges Spielzeug, nicht ein Wort oder einen Blick gegönnt. Der verkommenste Proletarier, der von zehn Mark, die er verdient, neun versäuft und eine Mark seiner Familie[pg 330]gibt, ist ein besserer Vater, als du bist, denn du hast auch die zehnte Mark für dich genommen.“„Die Mutter ...“, ächzte Joachim.„Ja, die Mutter hat die sogenannten Erziehungsgelder gezahlt. Nebenbei gesagt, nicht nur von deinem, auch von meinem Erbteil. Ich wundere mich, daß ich so etwas sagen kann; aber alle Sentimentalität ist mir wahrscheinlich abhanden gekommen. Wir alle haben gefehlt, auch ich! Ich hätte dir nicht nachlaufen, ich hätte mich lieber um das Kind kümmern sollen. Aber ich war ein unerfahrener, wehleidiger Geselle. Ich bin erst jetzt, da ich ein großes Werk angefangen habe, dazu gekommen, die Dinge, die um mich her sind, klar und leidenschaftslos zu sehen und zu beurteilen. Wenn ich nun, Joachim, alles zusammenfasse, so bist du weder deiner Frau noch deinem Kinde gegenüber im Recht. Du hast dich bis jetzt unbarmherzig zurückgehalten und bist plötzlich brutal hervorgetreten, als deine neue Liebe scheiterte, als dich das von dir herbeigeführte Band, das Priesterhand schlang, hinderte, nach deinem Wohlgefallen jetzt ein neues zu schlingen. Was dich jetzt leitet, ist nicht Moral, sondern ist Wut, ist enttäuschte Selbstsucht! Du kannst die Lage deines bis heute verleugneten Kindes nicht bessern; denn einen unfähigeren Erzieher, als du bist, kann es nicht geben!“Joachim erhob sich.„Meinst du, daß ich mir diese Grobheiten gefallen lasse?“„Es sind nicht Grobheiten, es sind Wahrheiten, Joachim.“[pg 331]„Willst du jetzt dieses Zimmer und dieses Haus verlassen?“„Nein, ich werde warten, bis die Mutter kommt.“„So werde ich gehen; ich verschmähe es, weiter mit dir zusammen zu sein.“„Ganz in meinem Sinne. Ich verbiete dir aber, unser Ferienheim noch einmal zu betreten. Außerdem ist es nach deinem brutalen Verhalten selbstverständlich, daß du als Arzt von uns entlassen bist.“Er antwortete nicht mehr; er nahm Mantel und Hut und tappte die Treppe hinab. Ich konnte mir zunächst über das, was ich gesprochen hatte, keine klare Rechenschaft geben.Ich hatte nur ein Gefühl der Erleichterung, hatte mir einmal das Herz abräumen gekonnt.Jetzt fiel unten die Haustür zu. Ich sah Joachim vom Fenster aus, obwohl eine mondscheinlose Nacht und die Straßenbeleuchtung sehr kümmerlich war. Joachim ging auf den Johannisbrunnen zu. Mit einem Male löste sich dort ein Schatten los. Ich erschrak. Katharina! Sie hielt den Bruder jedenfalls für meine Person. Ich sah, wie die beiden aufeinander zugingen, aufeinander einsprachen, wie das Weib entsetzt die Arme hoch hielt, sich dann vor dem Bruder auf die Knie warf, wie er sie emporriß. Sie klammerte sich fest an seinen Arm; er versuchte sich loszulösen; sie rangen miteinander.Ich riß das Fenster auf.„Katharina“, rief ich hinunter, „sei vernünftig!“Sie hörte nicht, ließ nicht los, schließlich rang sie weiter[pg 332]mit ihm, und ich hörte sie um das Kind bitten. Sie standen dicht am Brunnenrand. Da gab Joachim dem Weibe einen gewaltigen Stoß, sie taumelte zurück und fiel über den niederen Brunnenrand ins Wasser.Joachim blieb still stehen, wohl im Schreck, zwei, drei Sekunden lang; dann beugte er sich über das Becken.Da sprang das Weib aus dem Wasser heraus und rannte davon.Ich hatte all diesen sich schnell abspielenden Vorgängen sprachlos zugesehen, dann war ich mit einigen Sätzen unten auf dem Markte. Joachim stand noch am alten Fleck.„Ah“, lachte er, „du hast zugesehen – da wirst du wohl jetzt behaupten, ich hätte das Weib ertränken wollen.“„Das werde ich nicht behaupten. Du hast sie nur zurückgestoßen, und sie ist unglücklich gefallen.“„Na also! Ich lasse mich auf der Straße nicht anfallen, verstehst du? Eure Komödien verfangen nicht bei mir!“„Joachim, wir müssen ihr nach, wir müssen sie suchen.“„Suchen? Ich denke nicht daran. Was geht sie mich an?“„Joachim, sie muß völlig durchnäßt sein, es ist eine kalte Nacht; sie ist halb irrsinnig vor Aufregung wegen des Kindes. Es kann ein Unglück passieren!“Er antwortete nicht, wandte sich um und ging nach Mutters Haus zurück. Ich sah ihm nach, hörte, wie er[pg 333]von innen den Haustürschlüssel umdrehte. Dann eilte ich die Straße hinunter, in der ich Katharina hatte verschwinden sehen.Ich rannte durch die ganze Stadt, auch teilweise hinaus auf die Landstraßen. Es verging wohl eine Stunde und mehr Zeit; ich fand nichts. Es hatte angefangen zu regnen, und es blies ein rauher Wind. Endlich sah ich ein, daß ich allein nichts ausrichten könne. Ich eilte hinauf nach unserem Heim, überzeugte mich, wie ich schon angenommen hatte, daß die Genovevenklause leer sei, weckte dann Stefenson, Barthel, Piesecke und noch einige andere verläßliche Leute, und wir gingen nach verschiedenen Richtungen auf die Suche.Morgens drei Uhr kehrte ich todmüde nach Hause zurück. Die anderen waren auch noch nicht lange da. Niemand hatte eine Spur von Katharina entdeckt ...Noch ehe aber der späte Morgen graute, wurde die unglückliche Frau gebracht. Ein Waltersburger Bauer, der zeitig nach Neustadt fahren wollte, hatte am Chausseerand ein bewußtloses Weib gefunden und an ihrer Kleidung erkannt, daß sie zu uns gehörte. Er hatte die völlig durchnäßte Frau auf das Stroh seines Wägelchens gebettet und sie mit einer Pferdedecke zugedeckt.Ich ließ die Bewußtlose nach einem unserer Krankenzimmer am „Stillen Weg“ schaffen und Dr. Michael rufen. Ihn verständigte ich über das Vorgefallene, und wir begannen sofort unsere ärztlichen Maßnahmen. Wir verhehlten uns beide nicht, daß wir vor einer sehr ernsten Aufgabe standen. Sämtliche Männer, die um das[pg 334]traurige Vorkommnis wußten, auch der Bauer, gelobten Stillschweigen.Ich blieb fast den ganzen Vormittag bei der Kranken. Gegen zehn Uhr schlug sie die Augen auf. Sie lächelte mich an, ohne daß sie bei klarer Besinnung war, und sagte:„Der heilige Johannes hat mich getauft; nun bin ich rein von Sünden!“Die Augen fielen wieder zu, öffneten sich aber bald aufs neue.„Ich habe Luise gefunden. Als ich ganz müde war und auf die Straße fiel, ist sie zu mir gekommen.“Dann wieder tiefe Bewußtlosigkeit.Gegen Mittag ließ sich meine Mutter bei mir melden. Sie war sehr blaß und rang die Händchen ineinander.„Um Gottes willen, wie konnte das geschehen?“Ich sah sie streng an.„Es konnte geschehen, weil ihr so unbarmherzig waret, dieser Frau ihr Kind zu entreißen. Sag mir das eine, Mutter, hast du darum gewußt, daß Joachim in die Klause eindringen wollte?“„Nein, ich habe ihm bloß gesagt, wo das Kind ist, und dann nichts erfahren, bis er Luise brachte.“„Das ist mir lieb. Und wo ist Luise jetzt?“„Ich – ich habe sie nach Neustadt gebracht zu einer Freundin von mir. Wir wollten keinen Skandal in Waltersburg oder bei dir hier oben. Joachim wollte auch bald am Morgen fort.“[pg 335]Ich dachte daran, wie sicher der mütterliche Instinkt die unglückliche Katharina geleitet hatte. Auf dem Wege nach Neustadt war sie zusammengebrochen.„Was wird nun werden?“ fragte die Mutter. „Wie steht es?“„Es steht sehr schlecht. Du kannst deinem Sohne Joachim sagen oder schreiben, daß sein sehnlichster Wunsch, diese Frau möge sterben, wahrscheinlich in Erfüllung gehen wird. Er mag sich einstweilen freuen.“Die Mutter weinte.„Fritz, du mußt nicht so von ihm denken. Er hat doch auch viel gelitten. Gestern hat er unrecht gehandelt. Er ist dann die ganze Nacht wach geblieben, und ich glaube, wenn die Frau jetzt stirbt, wird es sein Gewissen sehr bedrücken. Er ist ja deswegen auch noch nicht abgereist.“Ich lachte.„Hab keine Sorge, Mutter, Joachims Gewissen ist recht robust.“„Ihr werdet euch nie verstehen.“„Nein. Niemals! Mit solch einem Kerl niemals!“ Sie saß noch ein Weilchen da. Ich fand kein gutes Wort für Joachim, auch nicht für sie, fragte auch nicht, was die beiden wohl nun mit Luise vorhätten, und so ging sie ...Unsere Patientin war schwer krank, und eine heftig einsetzende Lungenentzündung nahm uns bei der schlechten Beschaffenheit des Herzens fast alle Hoffnung.Am zweiten Tage abends wurde von Waltersburg aus wieder nach Katharinas Befinden gefragt. Ich schrieb auf einem Zettel:[pg 336]„Joachim mag sich noch etwas gedulden; es ist bald aus.“Am selben Abend hörte ich draußen vor den Fenstern ein helles Kinderlachen. Da sah ich Luise draußen. Stefenson hatte das Mädel um den Hals gefaßt und führte sie die Straße herauf.Ich ging hinaus. Das Kind stürzte auf mich zu.„Onkel, lieber Onkel“, rief es selig; „denke dir, Pappa ist wieder da.“Stefenson strahlte über das ganze Gesicht. Er flüsterte mir zu:„Es ist nicht so gegangen, wie ich wollte. Ich hatte mir einen genialen Plan zurechtgelegt, dem Kerl das Mädel zu nehmen; da gab er es leider freiwillig her.“Das Kind klammerte sich an mich.„Onkel, lieber Onkel, laß doch nicht mehr den bösen Mann zu mir kommen. Ich hab so schreckliche Angst vor ihm!“Ich sagte ihr nicht, daß der „böse Mann“ ihr Vater sei. Es gibt Hunderttausende von Kindern, für die der eigene Vater der „böse Mann“ ist. Die männlichen Schweine fressen zuweilen den eigenen Nachwuchs auf; ich schätze menschliche Väter, die ihrer Kinder Jugendglück vergiften, noch um einige Grade niedriger ein als die selbstsüchtigen Borstentiere. Denn im Schweinekoben ist der Schmerz kurz, bei lieblosen Menschenerziehern dehnt er sich Jahr für Jahr.„Kommt der böse Mann wieder?“„Nein, Luise, er kommt nicht mehr!“[pg 337]„Dann mußt du der Magdalena sagen, daß wir nicht mehr in der Genovevenklause wohnen wollen; wir wollen lieber wieder in den Forellenhof ziehen.“„Hast du Magdalena lieb, Luise?“„Ja, ich will wieder zu ihr. Wo ist sie?“„Sie ist jetzt krank; aber vielleicht wird sie wieder gesund.“„Sie wird doch nicht sterben?“ fragte das Kind weinerlich.„Nein, Herzchen“, sagte ich mit unsicherer Stimme. Langsam gingen Stefenson und ich mit dem Kinde den „Stillen Weg“ entlang ...Keinem unter allen Sündern hat Christus so streng die Verdammnis angedroht wie den Unbarmherzigen. Was er für sie hat, ist die „ewige Finsternis, wo Heulen und Zähneknirschen ist“. Diese Höllenstrafe trifft die Unbarmherzigen schon auf dieser Welt. Denn Unbarmherzigkeit ist Finsternis, und Haß heult und knirscht mit den Zähnen und ist verbannt von allem Frieden und allem Glück.In diesem Lichte sah ich meinen Bruder. Und als ich wieder einmal bei der röchelnden, fiebernden Frau war, als ich ihre heißen Hände sich die Wand hinaufkrallen sah, ihren qualvollen Husten hörte, schickte ich auf neue Anfrage aus Waltersburg einen Zettel an Joachim:„Du bist als Amerikafahrer mit indianischen Gebräuchen vertraut. Freue dich, deine Frau hängt am Marterpfahl!“[pg 338]Daraufhin ließ er sich bei mir melden, aber ich empfing ihn nicht ...In ihren Fieberträumen schrie die Frau immer wieder:„Taufe mich, heiliger Johannes, taufe mich!“Und sie jammerte nach dem Kinde.Als sie das erstemal bei klarem Bewußtsein war, als sich der Fieberblick in Angst und Todestraurigkeit verlor, wußte sie nichts zu sagen als: „Luise ist fort!“Da sah ich sie lächelnd an.„Nein, liebe Käthe, Luise ist hier. Du bist nur jetzt noch krank; du bildest dir bloß ein, daß Luise fort ist.“„Ich – ich bilde es mir bloß ein?“Ein kleines, halb irres Lachen flog um ihren Mund.„Ich bilde es mir bloß ein!“„Ja, liebe Käthe – du denkst das bloß so ...“„Ich denke es bloß so? Wo ist denn Luise? Warum ist sie denn nicht bei mir?“„Sieh nur, Käthe, du bist krank; das Kind lärmt zu sehr. Du weißt doch, wie es lärmt.“„Es ist so schön, wenn es lärmt!“Und sie lächelte lieb und seltsam und schlief ein.Es ging auf die Krisis zu. Wie das so ist in solchen Fällen: das Befinden schwankte; einmal ging es der Kranken etwas besser, ein anderes Mal wieder war es ganz zum Verzweifeln. Immer der eine Satz: „Wenn das Herz aushält, dann ...“[pg 339]Ja, wenn!Am siebenten Tage ließen wir Luise zu der Kranken. Wir hatten Luise wohl vorbereitet.„Du darfst nicht schreien oder weinen oder lärmen. Du darfst nur ganz leise auf den Zehen ans Bett gehen, der Magdalena die Hand küssen und sagen: ‚Mamma, ich hab dich lieb!‘“So hat es das Mädchen getan. Die Kranke lag mit verklärtem Gesicht, und in ihren Augen war ein Strahlen, als ob ihr der Himmel offenstände.Als das Kind das Zimmer verlassen hatte, ging ein Frösteln über den Körper des Weibes:„Es ist alles nicht wahr gewesen – ich hab das Furchtbare nur geträumt – Luise ist wirklich da ...!“Am zehnten Tage wußten wir, daß Katharina am Leben bleiben würde. Freilich würde sie nie mehr ganz gesunden. Das Herz war schon vor der Erkrankung nicht in Ordnung gewesen und hatte nun schwer gelitten. Es würde ein sehr stilles Leben sein, was Katharina fortan führen müßte.Am hellen Mittag trat mir auf dem „Stillen Weg“ der Bruder entgegen. Er gesellte sich zu mir, ohne daß wir uns die Hände reichten.„Lebt sie noch? Ist die Krise vorbei?“ fragte er mit offener Furcht in den Augen.„Ja, es ist überwunden!“Da atmete er auf.[pg 340]„Ich habe schwere Tage und Nächte hinter mir“, sagte er etwas stockend; „deine Worte lagen mir immer in den Ohren, und du hast es mir auch durch deine Botschaften nicht leicht gemacht. Aber ich hatte es wohl verdient.“Ich antwortete nicht. Er fuhr fort:„Ich werde nun abreisen. Ich bitte dich, Käthe zu einer Zeit, wo du es für angemessen halten wirst, einen Brief von mir zu übergeben. Er ist offen; du sollst ihn vorher lesen. Der Brief enthält nichts als einen kurzen Abschied, und daß wir jetzt, durch Land und Meer für immer getrennt, ohne Feindschaft aneinander denken wollen.“Ich wandte den Kopf zur Seite.„Und Luise?“„Luise werde ich ihr lassen.“Wir gingen schweigend nebeneinander hin. Dann sagte er:„Daß ich von dem Kinde ohne Abschied fortgehen muß, fällt mir sehr schwer. Du wirst es nicht glauben; aber es ist wahr. Das Kind würde sich fürchten, wenn es mich wiedersähe. Ich bitte, daß du dich weiter des Mädchens annimmst. Mit einem Kapital werde ich es ausstatten. Willst du die Sache übernehmen?“„Ja.“„Ich danke dir!“Wieder gingen wir ein Stückchen wortlos weiter.„Ich könnte nun gehen, Fritz; aber das Schwerste habe ich noch zu sagen.“[pg 341]Ich sah ihn fragend an. Da brachte er heraus:„Die Mutter will mit mir nach Amerika.“Ich blieb stehen.„Du mußt nicht glauben, Fritz, daß ich Mutter dazu überredet habe. Sie hat es von selbst gewollt.“„Ja, ich kann es mir denken.“Etwas unendlich Bitteres quoll mir durch die Seele.„Wann wollt ihr denn fort?“„Morgen. Die Mutter läßt dich fragen, wann sie sich von dir verabschieden kann. Willst du am Nachmittag zu ihr hinunterkommen?“Ich mußte erst ein paarmal Atem holen, dann sagte ich:„Ja, ich werde kommen.“Joachim blieb stehen.„So habe ich dir alles gesagt, Fritz. Nun kann ich mich von dir verabschieden. Wenn du zu Mutter kommst, werde ich euch nicht stören, werde ich schon fort sein.“Es wurde ihm schwer.„Leb wohl, Fritz; hab keinen Groll mehr gegen mich. Ich danke dir für alles Gute – auch, daß du mich fünf Jahre lang gesucht hast – auch, daß du neulich so mit mir gesprochen hast.“Die Stimme stockte ihm, und auch ich brachte es kaum heraus, als ich sagte:„Behüte dich Gott, Joachim!“Als er sich schon abgewandt und die ersten Schritte gemacht hatte, erscholl jenseits eines kleinen Gebüsches das selige Kinderlachen Luises.[pg 342]Joachim wandte sich noch einmal um.„Ist sie das?“Ich nickte mit dem Kopf.Da legte er die Hand über die Augen und ging schwer und langsam den Berg hinab.Und noch einmal erscholl das Lachen des spielenden Kindes hinter ihm her.[pg 343]Freund StefensonNun war es vorbei. Ich stieg von Neustadt aus den Weihnachtsberg hinauf. Der Zug, der meine Mutter in die weite Welt davongeführt hatte, war längst nicht mehr zu sehen. Der Bruder war schon gestern bis zur Provinzialhauptstadt vorangereist; ich hatte ihn nicht mehr getroffen.Die Bitterkeit war aus meiner Seele gewichen und hatte einer stillen Trauer Platz gemacht. Die letzten Stunden, die ich mit meiner Mutter verlebt hatte, waren voll reinster Liebe gewesen, ohne Eifersucht, ohne Neid, ohne Groll auf den Bruder, um dessentwillen sie mich und die alte Heimat verließ. Joachim sollte nicht wieder einsam und verbittert durch die Welt irren; die Mutter wollte nicht wieder Tag für Tag sehnsüchtig am Fenster stehen und auf das schwermütige Plätschern des Johannesbrunnens lauschen.Mich wußte sie in Sicherheit, mit einer großen Aufgabe betraut, die mein Herz ausfüllen würde. So ging sie mit dem anderen, dem Einsamen.Es war weiblich, es war mütterlich; es konnte wohl nicht anders sein.Aber wie ich auf die andere Seite des Weihnachtsberges kam und mein altes Waltersburg liegen sah, den[pg 344]Marktplatz mit dem Brunnen und mein verlassenes Vaterhaus, da setzte ich mich todmüde an den Wegrand ins welke Gras. Ich barg das Gesicht in den Händen und saß lange so.Als ich endlich aufblickte, sah ich mir gegenüber auf dem anderen Wegrande Stefenson sitzen. Ich war unwillig, daß er sich so angeschlichen hatte, aber er kam mir mit teilnehmendem Gesicht, ganz ohne seine sonstige spöttische Art, entgegen, so daß mein Ärger verflog.Stefenson setzte sich neben mich und legte mir die Hand aufs Knie:„Sehen Sie, alter Junge, so was tut weh. Das begreife ich. Aber da müssen Sie auch begreifen, daß ich Sie nicht allein lassen kann, daß ich mich um Sie kümmern muß. Ich bitte Sie, daß Sie mir einige Minuten zuhören. Sie brauchen mir gar nicht zu sagen, was für Gefühle Sie bewegen, aber ich bitte Sie, mir zu erlauben, daß ich als Ihr Freund zu diesen Gefühlen Stellung nehme. Zunächst mal, ob Ihrer Mutter der Aufenthaltswechsel auch bekommen wird. Daran denken Sie ja wohl an erster Stelle. Nun, ich meine, sie ist von guter Natur; Rio ist ein ganz gesunder Wohnort; Ihr Bruder ist Arzt, der sie ständig überwachen kann; außerdem ist er in der Lage, ihr das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten, dann, Ihre Mutter sieht einmal die Welt. Nicht mehr mit der Aufnahmefähigkeit, der Spannkraft, dem Überschwang der Jugend, aber mit dem ganzen Hochgenuß, mit dem ein reifer, feiner Kopf die Schönheiten dieser alten Erde betrachten kann. Und gar Rio de[pg 345]Janeiro! Dort hören die Tauben die Vögel singen, dort sehen die Blinden die Blumen blühen; das wissen Sie ja selbst, Ihre Mutter wird leben wie im Paradies. Aber das wird freilich alles nicht hindern, daß sie das Heimweh bekommen wird – nach dem alten Nest da unten – nach dem Hause am Brunnen – auch nach Ihnen. Schütteln Sie nur nicht den Kopf, lieber Freund; eine Mutter liebt immer am meisten das ihrer Kinder, das nicht bei ihr ist. Und da denken Sie nur daran, daß sie eines schönen Tages wieder dasein wird. Inzwischen lassen Sie unten in dem Hause am Markt alles, wie es ist; lassen Sie alle Tage die Möbel wischen, alle sechs Wochen frische Gardinen aufstecken, im Winter die Stuben heizen, im Sommer die Polster einmotten, auch Kupfer und Zinn in der Küche putzen und den Kanari gut im Futter halten, damit Ihre Mutter alles in Ordnung findet, wenn sie wiederkommt.“„Stefenson“, sagte ich dankbar, „Sie sind ein seelenguter Mensch.“Das verdroß ihn. Er sagte zunächst gar nichts, spuckte dann mit großem Geschick bis zum gegenüberliegenden Wegrand und meinte endlich in gänzlich verändertem Tone:„Sie verstehen mich immer noch nicht. Das müssen Sie doch wissen, daß so ’n alter Fuchs wie ich immer seine Hintergedanken hat, wenn er mal ’nen Abstecher ins Gefühlsmäßige macht. Zum Beispiel jetzt habe ich gerade ein wichtiges Geschäft, bei dem Sie unbedingt mitwirken oder dem Sie wenigstens zustimmen müssen,[pg 346]und da ist es mir natürlich verdrießlich, wenn Sie in verkaterter Stimmung sind.“„Und deswegen suchten Sie mich zu trösten?“„Ja, nur deswegen!“Ich lächelte. Er sah es und wurde erbost.„Mensch, lachen Sie nicht! Was gehen mich denn Ihre Familienangelegenheiten an? Glauben Sie, daß ich mich bei meinen tausend Geschäftsfreunden darum kümmern kann, ob sie mal Krach mit einem Bruder haben, ob mal ihre Mutter verreist, ob die Motten in ihre Möbel kommen oder ihr Kanarienvogel verhungert? Hätt’ ich viel zu tun. Aber wenn zwei Feldherren miteinander in den Krieg ziehen und der eine von ihnen Zahnschmerzen hat, hat der andere dafür zu sorgen, daß der Zahn gezogen oder wenigstens plombiert wird. Sonst wird nichts aus ihrer Chose.“Ich lächelte nicht mehr, aber ich erwiderte auch nichts.Da sagte Stefenson fast niedergeschlagen:„Wenn Sie etwas Geschäftssinn hätten, hätten Sie mich längst gefragt, um was für ein Geschäft es sich handelt.“„So sagen Sie es mir – bitte!“Er war verstimmt.„Nun, ich kann ja den Weihnachtsberg auch ohne Sie von den Neustädtern zurückkaufen.“„Den Weihnachtsberg wollen Sie zurückkaufen?“„Ich sagte es Ihnen eben. Wir müssen unser Heim bis zum Gipfel des Berges ausdehnen, sonst spucken uns die Neustädter auf den Kopf.“[pg 347]„Sie werden den wichtigsten Aussichtspunkt nie hergeben.“„Trösten Sie sich. Wozu habe ich in der ‚Neustädter Umschau‘ seit drei Wochen Artikel gegen den Weihnachtsberg veröffentlicht? Zum Beispiel, daß sein Besuch von Neustadt aus außerordentlich zu wünschen übrig lasse, weil der viel bequemer zu erreichende Ochsenkopf eine viel bessere Aussicht bietet, daß die Rentabilität außerordentlich gering sei, die Pächter nichts zu leisten vermöchten und solchen Kram mehr. Die Neustädter sind bereits mürbe. Denn sie sind wieder mal im Dalles. Nun habe ich vorgestern einen Artikel gebracht, man solle den Weihnachtsberg, wenn sich eine gute Gelegenheit böte, an irgendeine neutrale Person je eher je besser verkaufen, damit er ja nicht mal in Waltersburger Hände fiele, was die Konkurrenz drüben stärkenwürde.“„Was bezwecken Sie damit?“„Daß mein Vertrauensmann, der sich als Privater um den Kauf der Weihnachtsbergkuppe bemüht, die Sache billig bekommt. In vierzehn Tagen, denke ich, können wir oben einziehen.“Wir waren inzwischen aufgestanden und stiegen langsam den Berg hinab. Stefenson sprach immerfort von seinen Plänen und brachte es wirklich zuwege, daß meine Bangigkeit nachließ und ich ihm wenigstens mit halber Aufmerksamkeit zuhörte. Er begleitete mich bis in mein Arbeitszimmer. Dort sagte Stefenson:„Nun gestehen Sie es sich mal selber, lieber Freund: die ganze Zeit, da unser Heim besteht, haben Sie, der[pg 348]die Lehre von den Ferien vom Ich erfunden und gepredigt hat, selbst mit Haut und Haaren mitten im dicksten Ichleben gesteckt. Hauptsächlich wegen Ihrer Familienangelegenheiten. Jetzt erst, wo sich alles in Frieden löst, werden Sie Ihrer Idee ganz und mit Freuden dienen können. Sie lehren selbst: in den Ferien vom Ich los von der Familie! Deshalb habe ich auch von Anfang an gemeint, wenigstens einer von uns beiden müsse ganz ohne Familie sein.“„Und welcher von uns beiden soll das sein?“„Sie!“Fast hätte ich über den alten Egoisten lachen müssen.„Sie wären aber doch viel geeigneter, Stefenson; denn Sie sind doch schon ohne Familie.“„Sie vergessen, daß ich eine Braut habe.“„Eva Bunkert? Ich meine, dieser Verlobtenstand ist einseitig.“Er lachte.„Bah – wegen der Auskneiferei – wegen dieser Marotte? Ich habe an Eva einen vernünftigen Brief geschrieben, habe ihr gesagt, ich würde ihr gern nachreisen, wenn es nicht zu dumm wäre, und wenn ich Zeit dazu hätte. Sie solle ja nicht annehmen, daß ich jetzt plötzlich an ihrem Theater als Coiffeur, Portier, Kulissenschieber oder dergleichen auftauchen würde, um sie weiter zu beobachten. Das würde abgeschmackt sein; denn ich mache keinen Witz zweimal. Im übrigen liebte ich sie unverändert weiter und überließe ihr, zu bestimmen, wann unsere Hochzeit sein solle. Diesen Brief habe ich vor acht[pg 349]Tagen geschrieben und noch keine Antwort. Das ist doch ein sehr günstiges Zeichen.“„Ich würde dieses Zeichen anders auslegen.“„Nein. Sie grämt sich. Sie kann gar nicht schreiben. Wäre ich ihr egal, hätte sie mir einen schnippischen, und wäre sie ein oberflächliches Weib, sofort einen freundlichen Verzeihungsbrief geschrieben. So ist sie ein braves Mädel, das mich liebt, und schreibt gar nicht.“„Es kann schon so sein“, sagte ich müde; „ich hoffe, daß es Eva gut geht!“„Nun, so ... so ... Vor fünf Tagen hat sie das erstemal auf der Oper gesungen. Zwei Kritiker haben sie bestehen lassen; einer hat sie etwas mitgenommen. Mit dem habe ich mich telephonisch verbinden lassen. Ich habe den Mann aufgeklärt, um was es sich handelt – so in großen Zügen natürlich –, und ihm gesagt, daß er mir einen Riesengefallen tun würde, wenn er Fräulein Eva Bunkert nach Strich und Faden verrisse und an der Oper unmöglich mache. Meine eventuelle Erkenntlichkeit für ihn habe ich dem Kritiker wirklich nur ganz diskret und delikat angedeutet. Trotzdem hat mir der Grobian gesagt, es sei schade, daß sich telephonisch keine Ohrfeigen austeilen ließen; im übrigen sei Fräulein Bunkert ein außerordentlich hoffnungsvolles Talent. Das habe ich davon. Nun wird sie auch dieser Kerl loben. Ach, du lieber Gott, die deutschen Zeitungsschreiber sind sehr verschiedener Art.“„Und Sie fürchten gar nicht, daß Eva Bunkert Ihnen verlorengehen könnte?“[pg 350]„Nicht eine Minute. Sie hat gebissen. Ich halte sie fest. Wenn sie noch ein wenig herumzappeln will, kann ich ihr den Spaß ja gönnen.“So purzelte Stefensons draufgängerische, frische Art durch den bangsten Tag meines Lebens. Und als ich am nächsten Morgen nach tiefem Schlaf erwachte, fühlte ich mich gesund und munter, stark genug, dem Leben ins Auge zu schauen und mit Lust und Freude an meinem schönen Werke weiter zu schaffen.Etwa drei Wochen später besuchte mich Stefenson wieder in meinem Arbeitszimmer. Auf dem Tische lag die neueste Nummer der „Neustädter Umschau“.„Ich habe diesmal nichts drin“, sagte Stefenson und wies auf die Zeitung. Trotzdem schlug er sie auf. Und mit einem Male riß er die Augen auf, trat ans Fenster.„Haben Sie schon – haben Sie schon gelesen?“ fragte er aufgeregt.„Was denn? Was steht denn wieder in dem Schundblatt? Ich habe noch gar nicht hineingeschaut.“„Da – da ...“Er wies auf eine kleine Notiz. Ich las:„Verlobung. Die Opernsängerin Eva Bunkert, Tochter unseres verflossenen Baurats August Bunkert, hat sich mit dem Grafen Hanns von Simmern, Sohn des herzoglichen Kammerherrn Grafen Eugen von Simmern, verlobt. – Eine rasche Künstlerkarriere!“„Da haben wir’s“, sagte ich. „Die Sache ist in der Tat sehr rasch gegangen.“[pg 351]„Rasch gegangen! Ist das alles, was Sie zu dieser Schandtat zu sagen wissen?“ brüllte Stefenson.„Ja, was soll ich in meiner Überraschung dazu sagen? Es tut mir natürlich leid um Sie!“„Leid! Ich brauche Ihnen nicht leid zu tun. Niemand brauche ich leid zu tun. Ich verbitte mir das! Denn ich kann froh sein, daß ich diese Gans los bin. Ich bin auch ganz kolossal froh. Nach kaum vier Wochen ist dieses flatterige Ding mit ihrer Lebenswahl fertig. Von einem zum andern. Immer zu, immer zu! Was verliere ich dabei? Weil er ein Graf ist, weil sie sich bei ihm in Taschentücher mit einer neunzackigen Krone die Nase schneuzen kann, deshalb gibt sie mich auf. Einen Mann wie mich, der diese bankerotte Bauratstochter gegen alle Vernunftgründe geliebt hat und sie heiraten wollte, gibt sie auf!“Er sank in einen Stuhl. Sein Schmerz war maßlos. Aber ich blieb kühl.„Lieber Freund“, sagte ich, „es ist sicher für unsere Gründung ganz gut, wenn Sie familienlos bleiben, wenn Sie Ihre Selbständigkeit, den ruhigen, klaren Blick ...“„Halten Sie den Mund! Kommen Sie mir nicht mit solchem Blödsinn. Satt hab ich’s, satt. Meinetwegen mag die ganze Geschichte hier zum Teufel gehen. Mir liegt an nichts mehr etwas, an gar nichts mehr!“Er wand sich in dem Lehnstuhl, in dem er saß, wie in Krämpfen. Ich stellte mich ans Fenster und zündete mir eine Zigarre an. Da knirschte er:„Sprechen Sie wenigstens; sagen Sie etwas zu mir. Das kann ich doch wohl verlangen.“[pg 352]„Sie lassen mich ja nicht zu Worte kommen, Stefenson. Und dann, ich weiß selbst nicht, was ich zu der Sache sagen soll.“„Jawohl, Sie machen sich eben nichts aus mir. Sonst könnten Sie sich jetzt nicht so pomadig eine Zigarre anzünden. Schöner Freund! Glauben Sie denn, daß sie mit dem Grafen, diesem neunmal gehörnten Kerl, glücklich sein wird?“„Das kann ich nicht beurteilen.“„Das müssen Sie beurteilen können! Sie müssen wissen, daß solche sogenannten Mesalliancen nie zum Glück führen, daß dieses Weib im Hause ihres gräflichen Gatten als Eindringling entweder gar nicht zugelassen odersubLuder behandelt werden wird, daß der Mann ihrer überdrüssig sein wird, wenn ihre Schönheit verblüht, daß sie dann im Elend sitzen wird.“„Das kann schon alles so kommen, es kann aber auch anders sein. Es kommt ganz auf den Mann an. Prophezeien kann niemand, höchstens unsere alte Wahrsagerin unten in Waltersburg.“„Wollen Sie mich verspotten? Sich über mich lustig machen? Ist das Ihre Freundschaft?“ Er war wütend.„Lieber Stefenson, Sie sind jetzt sehr aufgeregt. Was immer ich auch jetzt sagen möchte, würde Ihnen nicht gefallen. Warten wir also ab, bis Sie sich etwas beruhigt haben, und daß Sie dann ganz auf mich rechnen können, wissen Sie ja doch!“„Ich werde mich nie beruhigen“, sagte er. „Über das komme ich nicht weg!“[pg 353]Wohl zehn Minuten vergingen, während deren Stefenson im Zimmer auf und ab schritt. Manchmal blieb er stehen, sprach leise mit sich selbst oder fuchtelte mit seinen langen Armen durch die Luft. Endlich fragte er:„Was ist das mit der Wahrsagerin in Waltersburg, die Sie erwähnten?“„Ah, Stefenson, das war doch nur Scherz. Es wohnt da unten im alten Zollhaus, kaum dreihundert Meter unter unserem Grundhof am Waltersburger Weg, ein Weib, das schon uralt war, als ich noch in kurzen Hosen ging. Sie nennt sich nach ihrem Beruf Sibylle. Wie sie eigentlich heißt, wie alt sie ist, weiß kein Mensch. Für fünfundzwanzig Pfennig prophezeit sie den Bürgern, Bauern und Köchinnen die Zukunft.“„Und stimmt es, was sie sagt?“„Ja, das weiß ich nicht. Ich hab mich um das alte Fernrohr in die Zukunft nicht gekümmert. Als Jungen haben mal Joachim und ich fünfundzwanzig Pfennig zusammengeschossen und uns weissagen lassen. Da hat sie gesagt, wir würden bald eine mächtige Tracht Prügel bekommen. Und das ist auch eingetroffen. Es kam nämlich heraus, daß wir die fünfundzwanzig Pfennig zur Sibylle getragen hatten, und wir bekamen Prügel dafür.“Ich wußte, daß Stefenson abergläubisch war. Viele sonst sehr kluge Menschen sind es. Stefenson fing an einem Freitag kein Geschäft an, es beunruhigte ihn, wenn eine Katze über seinen Weg lief, und er hatte immer ein altes Hufeisen auf seinem Schreibtische liegen. Er[pg 354]stammte ja auch aus Amerika, wo der Aberglaube zu Hause ist. Jetzt fühlte er das Bedürfnis, sich ein wenig zu rechtfertigen, und sagte:„Es ist durchaus falsch, alle Hellseherei von vornherein als Unsinn zu erklären. Es können da Naturkräfte wirken, die wir nicht kennen.“„Gewiß – gewiß!“Er versank wieder in tiefe Traurigkeit.„Vor vier Tagen habe ich ihr einen Brief geschrieben, habe sie gebeten, sie möge doch von ihrem Groll ablassen. Wenn sie es schon nicht einsehen wolle, daß ein Mann, der sein ganzes Lebensschicksal an eine Frau ketten wolle, zu deren gründlichster Prüfung berechtigt sei, so solle sie halt denken, daß es mir doch auch Spaß gemacht habe, mal in den Ferien vom Ich eine unerkannte Rolle zu spielen, und daß ich doch eigentlich als Knecht Ignaz um sie gedient habe wie Jakob um die geliebte Rahel. Sehen Sie, von diesem Brief glaubte ich, er sei eigentlich zu deutsch, zu sentimental. Aber es war mir so ums Herz, und so schickte ich ihn ab. Der Brief wird gerade zu ihrer Verlobung zurechtgekommen sein.“Es schüttelte ihn vor Schmerz und Zorn.
[pg 320]Vom Bruder und seiner FrauMit Eva Bunkert verließ uns auch die kleine Anneliese. Am Abschiedsabend hatte sie sich nicht beteiligt. Es hieß, „Bärbel“ sei nicht wohl und habe sich zeitig zur Ruhe gelegt. Wie mein Bruder mit dem Mädchen stand, wußte ich nicht. Joachim war verschlossener als je. Am Abend des Tages aber, da die Mädchen abgereist waren, kam er zu mir.Ganz unvermittelt sagte er: „Fritz, ich möchte fort. Morgen oder übermorgen.“„Fort? Wohin?“„Wieder hinüber.“„Nach Amerika?“„Ja.“Ich sah ihn schweigend an.Da sagte er:„Du hast wohl bemerkt, daß ich eine Neigung für Fräulein Anneliese hatte. Ich hoffte, es könnte mir ein neues Glück in der Heimat erblühen. Diese Hoffnung hat mich betrogen – wie alle anderen.“„Ist es aus zwischen euch?“„Ja. Das Mädchen hing an mir, und es war alles verabredet für baldige Hochzeit. Da hielt ich mich gestern[pg 321]für verpflichtet, ihr mein Leben zu schildern. Droben am Hange sind wir gewesen. Da habe ich ihr das Schwere gesagt. Sie hat sehr geweint und sich schwer von mir losgerissen; aber sie bleibt dabei, daß sie den geschiedenen Mann einer noch lebenden Frau nicht heiraten dürfe. Du weißt wohl warum?“„Ja. Ihre katholische Religion verbietet Anneliese solche Ehe.“Er fing an zu toben, an den Ketten zu zerren – ich ließ ihn reden und toben.Zuletzt sagte er:„Und ich weiß nicht einmal, ob dieses – dieses Weib noch lebt.“Ich blieb still.„Weißt du etwas von ihr? Weißt du, ob sie noch lebt?“„Sie lebt.“Er stöhnte. Ich merkte, wie sehnsüchtig er auf den Tod seiner Frau gehofft hatte.„Und – das Kind, wo ist es?“„Es ist bei seiner Mutter.“„Das habt ihr zugegeben? So gewissenlos seid ihr gewesen?“„Das Kind ist wohl aufgehoben bei ihr.“Er lachte rauh und ergoß eine Flut schwerster Schimpfworte über seine Frau. Wieder ließ ich ihn reden und toben. Zuletzt stieß er hervor:„Wo hält sich das Scheusal auf?“„Deine Frau? Das sage ich dir nicht.“„Dasmußtdu mir sagen!“[pg 322]„Nein, Joachim, ich sage es dir nicht!“Er ballte die Fäuste und trat mit dem Fuß auf. Dann ließ er die Arme schlaff hängen und sagte in feindseligem Ton:„Gut! Was ich wissen will, werde ich auch ohne dich erfahren.“Ohne Gruß verließ er mich. Ich trat ans Fenster und sah ihn unten über die Wiese gehen. Das war der Mann, dem ich fünf Jahre lang um die ganze Welt nachgereist war. Weil er der Sohn meiner Mutter war. Nun würde ich eine solche Familienaufgabe nicht mehr übernehmen. Ich öffnete nicht einmal das Fenster, um ihm nachzurufen.Ich setzte mich an den Schreibtisch und begann zu arbeiten. Es ging schwer. Ich war von der Aufregung der letzten Nacht und des Tages ganz benommen. Es fiel mir ein, Joachim werde nun wohl zur Mutter gehen. Aber die wußte ja auch nichts von Katharina, die bei uns Magdalena hieß, hatte keine Ahnung von ihrer Anwesenheit hier im Heim. Es wurde spät. Ich wollte nur noch meine letzte Zigarre ausrauchen, dann schlafen gehen. Wie gleichmütig mich der Abschied des Bruders ließ! Freilich, die Mutter würde wieder sehr mit mir zürnen. Aber ich konnte das nicht ändern. Ich war aller Familiensimpelei müde geworden.Wie ich noch so still dasaß, hörte ich auf einmal jemand den Korridor entlang eilen.Die Tür wurde aufgerissen.Magdalena stand vor mir.[pg 323]Mit wirrem Haar, in unordentlicher Kleidung. Entsetzt. Verstört.„Helfen Sie – helfen Sie – sie haben mir das Kind genommen.“„Was? Was sagst du, Käthe?“„Das Kind haben sie mir genommen – Luise – o Gott!“„Wer hat es genommen?“„Er – Joachim – er ist mit einem fremden Mann gekommen – sie haben das Kind fortgeschleppt – meine Luise – meine Luise!“Ich wollte die zitternde Frau auf einen Stuhl nötigen.„Nein, kommen Sie bald – sie haben mich ja in die Kammer eingeschlossen gehabt – eine Stunde ist es wohl schon her, daß sie mit dem Kinde fort sind – ich habe die Kammertür nicht aufgekriegt – kommen Sie schnell – schnell!“Die Frau schluchzte und zuckte in namenlosem Schmerz. Ich sah alles wie durch einen Schleier. Wie kam Joachim nach der Genovevenklause? Wer hatte ihm den Weg gewiesen?Plötzlich wurde mir alles klar. Ich war unvorsichtig gewesen, Joachim zu verraten, daß Luise bei ihrer Mutter sei, und da unsere Mutter wußte, wo das Kind war, fanden sie auch die Frau.Oh, ich Tor! Ich sah, daß Käthe am Halse rote Striemen hatte.„Hat er dir etwas getan, Käthe? Hat er dich etwa gar geschlagen?“[pg 324]„Ich weiß es nicht. Aber das Kind ist fort, das Kind ist fort!“Sie hatte wohl mit dem Manne gerungen, und er hatte sie mit irgendeinem Helfershelfer in die Kammer gesperrt und das Kind entführt. Der brutale Kerl! Ein wütender Haß gegen ihn schlug in mir auf.„Erbarmen Sie sich, Herr Doktor, helfen Sie mir!“„Nenn mich nicht Herr Doktor, Käthe, nenne mich Fritz! Wir sind Verwandte. Ich werde dir helfen, so gut ich irgend kann.“Demütig und furchtsam wie ein geprügelter Hund stand sie vor mir.Ich zog mir den Mantel an.„Ich bitte dich, Käthe, geh nach Hause. Du kannst nichts tun. Ich werde mich sofort auf die Suche machen.“„Ich kann nicht nach Hause gehen; ich muß Luise suchen –“Mit irrsinnig flimmernden Augen sah sie mich an.„Du kannst nichts tun, Käthe. Ich werde sofort hinab zu meiner Mutter gehen, dort werde ich wahrscheinlich Joachim treffen und mit ihm abrechnen.“„Ich will mit. Ich fürchte mich nicht, wenn sie mich auch schlagen.“„Du mußt mir jetzt gehorchen, Käthe! Sonst verdirbst du alles; sonst kann ich dir nicht helfen!“Da senkte sie stumm den Kopf.Wir eilten auf einem Nebenpfade gen Waltersburg hin. Als der Weg nach der Genovevenklause abbog, ge[pg 325]bot ich der Frau, nach Hause zu gehen und zu warten, bis ich ihr Nachricht brächte. Sie schlich davon. Aber als ich den Berg hinabeilte, merkte ich, daß mir von ferne ein Schatten folgte.Das Haus der Mutter war hell erleuchtet. Die Haustür stand offen. Ich eilte nach dem ersten Stock, nach dem Zimmer der Mutter, und trat ein, ohne anzuklopfen. Mitten in der Stube stand Joachim; er war allein. In offener Feindseligkeit blickten wir uns an.„Wo ist das Kind? Wo ist Luise?“„Nicht hier.“„Wo ist die Mutter?“„Auch nicht hier.“„Willst du mir sagen, wo beide sind?“„Nein! Aber ich will dir sagen, daß ich das Mädchen der Obhut des Frauenzimmers, dem du es übergeben, entrissen und in eigene Erziehung genommen habe. Morgen früh geht die Reise los. Ich nehme das Kind mit. Das ist mein Recht. Das Kind gehört mir.“Ich konnte vor Zorn kaum sprechen.„Ah – und es ist wohl auch dein Recht, in eines unserer Häuser einzubrechen und ein wehrloses Weib seiner Freiheit zu berauben?“„Das tat ich nur, um sie zu hindern, hinter uns herzuschreien und Skandal zu erregen. Um allen Skandal zu vermeiden, bringt Mutter das Kind schon jetzt nach auswärts.“„Oh, wie bist du rücksichtsvoll! Du willst keinen[pg 326]Skandal. Du vergissest nur das eine: daß es ein großer Skandal ist, wenn man sich benimmt wie ein Bandit!“„Hüte dich nur!“„Ich fürchte mich nicht vor deiner Brutalität. Ich kann dich – wenn es mir beliebt – wegen der Schandtat eines Einbruchs in eines unserer verschlossenen Häuser jeden Augenblick einsperren lassen. Ich werde es höchstwahrscheinlich auch tun und mich um keinerlei Skandal kümmern.“„Du nimmst in sehr merkwürdiger Weise Partei für jenes Weib.“„Ja, sie steht trotz ihres Fehltritts gerechtfertigter, ich will ruhig sagen, viel anständiger vor meinen Augen als du!“„Das bitte ich mir zu beweisen“, sagte er heiser vor Wut. Er setzte sich auf eine Tischkante; ich lehnte an einem Schrank ihm gegenüber.„Ich erinnere dich daran, Joachim, daß das schöne Mädchen, das Katharina hieß, damals zwar deine blinde, wahnsinnige Leidenschaft erregt, aber daß sie dich niemals geliebt hat, daß sie so ehrlich war, es dir zu sagen.“„Hör auf damit!“„Nein, da liegt die Wurzel zu allem Unheil, das kam. Als du von dem Mädchen abgewiesen warst, tatest du das, was du immer tatest, wenn du einen Wunsch durchaus durchsetzen wolltest, du hingst dich an die Kleiderrockfalten der Mutter.“Er sprang herunter vom Tisch und trat drohend vor mich.[pg 327]„Benimm dich immerhin auch in dieser Stunde noch mit einigem Anstand, Joachim! Du hast mir so viel von meinem Leben genommen, fünf volle blühende Jahre, daß ich ein Recht habe, dich als meinen Schuldner zu betrachten und endlich mit dir abzurechnen.“Er wich zurück, lachte verächtlich und trat ans Fenster.„Ich habe dich nicht aufgefordert, mir zu folgen.“„Nein, aber die Mutter hat es getan, die dich von Kind auf zu einem jämmerlichen Egoisten erzogen hat.“„Sag noch ein Wort gegen die Mutter, und ich halte mich nicht länger!“„Du sprichst wie ein Raufbold, Joachim, und ich schäme mich für dich. Wie ich innerlich zur Mutter stehe, geht daraus hervor, daß ich auf ihren stillen Wunsch hin, dich wiederzuhaben, meine Jugend opferte. Aber nicht davon wollte ich sprechen, sondern von deinem Verhältnis zu Katharina. Das Mädchen sagte dir damals, daß seine Liebe einem anderen gehöre, deinem Freunde ...“„Hör auf – ich ertrage das nicht!“„Ich weiß, trotz deiner Brutalität anderen gegenüber bist du, was die eigene werte Person anlangt, sehr feinfühlig; nicht einmal eine wahrheitsgemäße Aussprache erträgst du. Aber ich erspare sie dir nicht. Ich halte dir den Spiegel vor, damit du weißt, wenn du von hier fortziehst, daß es jemand auf der Welt gibt, der keine Spur von Mitleid, ja nicht einmal von Achtung mehr für dich hat, und das ist dein Bruder, der dich unter allen Menschen auf der Welt am besten kennt.“[pg 328]Er erwiderte nichts mehr; er starrte mich nur an. Ich setzte kaltblütig die Abrechnung fort.„Du wandtest dich damals an die Mutter, und die Mutter setzte bei den Eltern des Mädchens alle Hebel für dich ein. Die Leute hatten sechs Töchter. Eine von ihnen versorgt zu sehen, war ihr sehnlichster Wunsch. Du warst approbierter Arzt, der andere, dein Freund, ein vermögens- und aussichtsloser Kandidat. Da wurde dem Mädel Tag und Nacht zugesetzt, bis sie dich nahm. Das war in diesem Falle die Grundlage für die schwere Ja-Frage am Altar nach dem ‚freien, ungezwungenen, selbst ungenötigten Willen‘.“Joachim war in einen Sofawinkel gesunken. Mir war das Herz so kalt und leicht wie einem Staatsanwalt, der auf „schuldig“ plädiert.„Während du die Flitterwochen hieltest, ging dein Freund beinahe zugrunde. Nach einem Jahre hieß es, er habe sich beruhigt. Er kam zu euch. Die alte Sehnsucht trieb ihn. Und da geschah Katharinas Unglück. Du warst natürlich in deiner Ehre sehr tief verletzt. Ich sah das ein. Erst jetzt begreife ich, daß in jener Ehe deine Gattenehre nicht von Gottes, sondern von Mutters und Geldsacks Gnaden war. Das Weib hat gefehlt, ohne Zweifel. Zweimal. Nicht nur, als sie dir die Ehe brach, sondern schon, als sie die Ehe mit dir einging. Aber du und die Mutter – und wir alle, die wir schürend oder doch stillschweigend mitgewirkt haben, sind wir Gerechte? Leute, die Steine aufheben dürfen? Oder Pharisäer, die verdienen, die Geißel des Messias ins Gesicht zu bekommen?[pg 329]Katharina hat ihre Schuld gebüßt. Nicht durch deinen rohen Revolverschuß, nicht dadurch, wie sie dich vor Gericht reinwusch, indem sie aussagte, sie habe sich die Wunde selbst zugefügt. Nein, mit aber tausend Tränen. Erst jetzt weiß ich, wie ihr Mutterherz gehungert hat, wie sie durch all die Jahre nach dem Kinde gesucht hat. Dieses Weib hat vielleicht an einem Tag und in einer Nacht mehr gelitten und heißer zum Himmel gerufen als du in der ganzen Zeit. Jetzt auf einmal erscheinst du wieder in der ganzen Pracht und Herrlichkeit deines gesetzmäßigen Richtertums und beginnst deine Brutalitäten aufs neue. Und deshalb, sage ich, ist deine Frau ein hundertmal anständigerer Mensch, als du bist!“Er stand auf, zuckte ein wenig mit den Armen durch die Luft, als ob er reden wolle, setzte sich aber wieder. Ich behielt ihn scharf im Blick und fuhr fort:„Das ist die Abrechnung, die deine Frau betrifft. Da kommst du immer noch gut dabei weg, weil nicht nur dein eigenes, sondern auch das andere Konto belastet ist. Nun komme ich auf dein Verhältnis zu deinem Kinde zu sprechen. Und da – nichts für ungut, lieber Bruder – hast du dich glattweg benommen wie ein Lump. Das Tier bekümmert sich um sein Junges, trägt ihm die besten Bissen zu, sorgt für seine Sicherheit. Du hast für deine eigene Sicherheit gesorgt, die besten Bissen selbst gegessen, dem Kinde nicht einen Pfennig, nicht ein armseliges Spielzeug, nicht ein Wort oder einen Blick gegönnt. Der verkommenste Proletarier, der von zehn Mark, die er verdient, neun versäuft und eine Mark seiner Familie[pg 330]gibt, ist ein besserer Vater, als du bist, denn du hast auch die zehnte Mark für dich genommen.“„Die Mutter ...“, ächzte Joachim.„Ja, die Mutter hat die sogenannten Erziehungsgelder gezahlt. Nebenbei gesagt, nicht nur von deinem, auch von meinem Erbteil. Ich wundere mich, daß ich so etwas sagen kann; aber alle Sentimentalität ist mir wahrscheinlich abhanden gekommen. Wir alle haben gefehlt, auch ich! Ich hätte dir nicht nachlaufen, ich hätte mich lieber um das Kind kümmern sollen. Aber ich war ein unerfahrener, wehleidiger Geselle. Ich bin erst jetzt, da ich ein großes Werk angefangen habe, dazu gekommen, die Dinge, die um mich her sind, klar und leidenschaftslos zu sehen und zu beurteilen. Wenn ich nun, Joachim, alles zusammenfasse, so bist du weder deiner Frau noch deinem Kinde gegenüber im Recht. Du hast dich bis jetzt unbarmherzig zurückgehalten und bist plötzlich brutal hervorgetreten, als deine neue Liebe scheiterte, als dich das von dir herbeigeführte Band, das Priesterhand schlang, hinderte, nach deinem Wohlgefallen jetzt ein neues zu schlingen. Was dich jetzt leitet, ist nicht Moral, sondern ist Wut, ist enttäuschte Selbstsucht! Du kannst die Lage deines bis heute verleugneten Kindes nicht bessern; denn einen unfähigeren Erzieher, als du bist, kann es nicht geben!“Joachim erhob sich.„Meinst du, daß ich mir diese Grobheiten gefallen lasse?“„Es sind nicht Grobheiten, es sind Wahrheiten, Joachim.“[pg 331]„Willst du jetzt dieses Zimmer und dieses Haus verlassen?“„Nein, ich werde warten, bis die Mutter kommt.“„So werde ich gehen; ich verschmähe es, weiter mit dir zusammen zu sein.“„Ganz in meinem Sinne. Ich verbiete dir aber, unser Ferienheim noch einmal zu betreten. Außerdem ist es nach deinem brutalen Verhalten selbstverständlich, daß du als Arzt von uns entlassen bist.“Er antwortete nicht mehr; er nahm Mantel und Hut und tappte die Treppe hinab. Ich konnte mir zunächst über das, was ich gesprochen hatte, keine klare Rechenschaft geben.Ich hatte nur ein Gefühl der Erleichterung, hatte mir einmal das Herz abräumen gekonnt.Jetzt fiel unten die Haustür zu. Ich sah Joachim vom Fenster aus, obwohl eine mondscheinlose Nacht und die Straßenbeleuchtung sehr kümmerlich war. Joachim ging auf den Johannisbrunnen zu. Mit einem Male löste sich dort ein Schatten los. Ich erschrak. Katharina! Sie hielt den Bruder jedenfalls für meine Person. Ich sah, wie die beiden aufeinander zugingen, aufeinander einsprachen, wie das Weib entsetzt die Arme hoch hielt, sich dann vor dem Bruder auf die Knie warf, wie er sie emporriß. Sie klammerte sich fest an seinen Arm; er versuchte sich loszulösen; sie rangen miteinander.Ich riß das Fenster auf.„Katharina“, rief ich hinunter, „sei vernünftig!“Sie hörte nicht, ließ nicht los, schließlich rang sie weiter[pg 332]mit ihm, und ich hörte sie um das Kind bitten. Sie standen dicht am Brunnenrand. Da gab Joachim dem Weibe einen gewaltigen Stoß, sie taumelte zurück und fiel über den niederen Brunnenrand ins Wasser.Joachim blieb still stehen, wohl im Schreck, zwei, drei Sekunden lang; dann beugte er sich über das Becken.Da sprang das Weib aus dem Wasser heraus und rannte davon.Ich hatte all diesen sich schnell abspielenden Vorgängen sprachlos zugesehen, dann war ich mit einigen Sätzen unten auf dem Markte. Joachim stand noch am alten Fleck.„Ah“, lachte er, „du hast zugesehen – da wirst du wohl jetzt behaupten, ich hätte das Weib ertränken wollen.“„Das werde ich nicht behaupten. Du hast sie nur zurückgestoßen, und sie ist unglücklich gefallen.“„Na also! Ich lasse mich auf der Straße nicht anfallen, verstehst du? Eure Komödien verfangen nicht bei mir!“„Joachim, wir müssen ihr nach, wir müssen sie suchen.“„Suchen? Ich denke nicht daran. Was geht sie mich an?“„Joachim, sie muß völlig durchnäßt sein, es ist eine kalte Nacht; sie ist halb irrsinnig vor Aufregung wegen des Kindes. Es kann ein Unglück passieren!“Er antwortete nicht, wandte sich um und ging nach Mutters Haus zurück. Ich sah ihm nach, hörte, wie er[pg 333]von innen den Haustürschlüssel umdrehte. Dann eilte ich die Straße hinunter, in der ich Katharina hatte verschwinden sehen.Ich rannte durch die ganze Stadt, auch teilweise hinaus auf die Landstraßen. Es verging wohl eine Stunde und mehr Zeit; ich fand nichts. Es hatte angefangen zu regnen, und es blies ein rauher Wind. Endlich sah ich ein, daß ich allein nichts ausrichten könne. Ich eilte hinauf nach unserem Heim, überzeugte mich, wie ich schon angenommen hatte, daß die Genovevenklause leer sei, weckte dann Stefenson, Barthel, Piesecke und noch einige andere verläßliche Leute, und wir gingen nach verschiedenen Richtungen auf die Suche.Morgens drei Uhr kehrte ich todmüde nach Hause zurück. Die anderen waren auch noch nicht lange da. Niemand hatte eine Spur von Katharina entdeckt ...Noch ehe aber der späte Morgen graute, wurde die unglückliche Frau gebracht. Ein Waltersburger Bauer, der zeitig nach Neustadt fahren wollte, hatte am Chausseerand ein bewußtloses Weib gefunden und an ihrer Kleidung erkannt, daß sie zu uns gehörte. Er hatte die völlig durchnäßte Frau auf das Stroh seines Wägelchens gebettet und sie mit einer Pferdedecke zugedeckt.Ich ließ die Bewußtlose nach einem unserer Krankenzimmer am „Stillen Weg“ schaffen und Dr. Michael rufen. Ihn verständigte ich über das Vorgefallene, und wir begannen sofort unsere ärztlichen Maßnahmen. Wir verhehlten uns beide nicht, daß wir vor einer sehr ernsten Aufgabe standen. Sämtliche Männer, die um das[pg 334]traurige Vorkommnis wußten, auch der Bauer, gelobten Stillschweigen.Ich blieb fast den ganzen Vormittag bei der Kranken. Gegen zehn Uhr schlug sie die Augen auf. Sie lächelte mich an, ohne daß sie bei klarer Besinnung war, und sagte:„Der heilige Johannes hat mich getauft; nun bin ich rein von Sünden!“Die Augen fielen wieder zu, öffneten sich aber bald aufs neue.„Ich habe Luise gefunden. Als ich ganz müde war und auf die Straße fiel, ist sie zu mir gekommen.“Dann wieder tiefe Bewußtlosigkeit.Gegen Mittag ließ sich meine Mutter bei mir melden. Sie war sehr blaß und rang die Händchen ineinander.„Um Gottes willen, wie konnte das geschehen?“Ich sah sie streng an.„Es konnte geschehen, weil ihr so unbarmherzig waret, dieser Frau ihr Kind zu entreißen. Sag mir das eine, Mutter, hast du darum gewußt, daß Joachim in die Klause eindringen wollte?“„Nein, ich habe ihm bloß gesagt, wo das Kind ist, und dann nichts erfahren, bis er Luise brachte.“„Das ist mir lieb. Und wo ist Luise jetzt?“„Ich – ich habe sie nach Neustadt gebracht zu einer Freundin von mir. Wir wollten keinen Skandal in Waltersburg oder bei dir hier oben. Joachim wollte auch bald am Morgen fort.“[pg 335]Ich dachte daran, wie sicher der mütterliche Instinkt die unglückliche Katharina geleitet hatte. Auf dem Wege nach Neustadt war sie zusammengebrochen.„Was wird nun werden?“ fragte die Mutter. „Wie steht es?“„Es steht sehr schlecht. Du kannst deinem Sohne Joachim sagen oder schreiben, daß sein sehnlichster Wunsch, diese Frau möge sterben, wahrscheinlich in Erfüllung gehen wird. Er mag sich einstweilen freuen.“Die Mutter weinte.„Fritz, du mußt nicht so von ihm denken. Er hat doch auch viel gelitten. Gestern hat er unrecht gehandelt. Er ist dann die ganze Nacht wach geblieben, und ich glaube, wenn die Frau jetzt stirbt, wird es sein Gewissen sehr bedrücken. Er ist ja deswegen auch noch nicht abgereist.“Ich lachte.„Hab keine Sorge, Mutter, Joachims Gewissen ist recht robust.“„Ihr werdet euch nie verstehen.“„Nein. Niemals! Mit solch einem Kerl niemals!“ Sie saß noch ein Weilchen da. Ich fand kein gutes Wort für Joachim, auch nicht für sie, fragte auch nicht, was die beiden wohl nun mit Luise vorhätten, und so ging sie ...Unsere Patientin war schwer krank, und eine heftig einsetzende Lungenentzündung nahm uns bei der schlechten Beschaffenheit des Herzens fast alle Hoffnung.Am zweiten Tage abends wurde von Waltersburg aus wieder nach Katharinas Befinden gefragt. Ich schrieb auf einem Zettel:[pg 336]„Joachim mag sich noch etwas gedulden; es ist bald aus.“Am selben Abend hörte ich draußen vor den Fenstern ein helles Kinderlachen. Da sah ich Luise draußen. Stefenson hatte das Mädel um den Hals gefaßt und führte sie die Straße herauf.Ich ging hinaus. Das Kind stürzte auf mich zu.„Onkel, lieber Onkel“, rief es selig; „denke dir, Pappa ist wieder da.“Stefenson strahlte über das ganze Gesicht. Er flüsterte mir zu:„Es ist nicht so gegangen, wie ich wollte. Ich hatte mir einen genialen Plan zurechtgelegt, dem Kerl das Mädel zu nehmen; da gab er es leider freiwillig her.“Das Kind klammerte sich an mich.„Onkel, lieber Onkel, laß doch nicht mehr den bösen Mann zu mir kommen. Ich hab so schreckliche Angst vor ihm!“Ich sagte ihr nicht, daß der „böse Mann“ ihr Vater sei. Es gibt Hunderttausende von Kindern, für die der eigene Vater der „böse Mann“ ist. Die männlichen Schweine fressen zuweilen den eigenen Nachwuchs auf; ich schätze menschliche Väter, die ihrer Kinder Jugendglück vergiften, noch um einige Grade niedriger ein als die selbstsüchtigen Borstentiere. Denn im Schweinekoben ist der Schmerz kurz, bei lieblosen Menschenerziehern dehnt er sich Jahr für Jahr.„Kommt der böse Mann wieder?“„Nein, Luise, er kommt nicht mehr!“[pg 337]„Dann mußt du der Magdalena sagen, daß wir nicht mehr in der Genovevenklause wohnen wollen; wir wollen lieber wieder in den Forellenhof ziehen.“„Hast du Magdalena lieb, Luise?“„Ja, ich will wieder zu ihr. Wo ist sie?“„Sie ist jetzt krank; aber vielleicht wird sie wieder gesund.“„Sie wird doch nicht sterben?“ fragte das Kind weinerlich.„Nein, Herzchen“, sagte ich mit unsicherer Stimme. Langsam gingen Stefenson und ich mit dem Kinde den „Stillen Weg“ entlang ...Keinem unter allen Sündern hat Christus so streng die Verdammnis angedroht wie den Unbarmherzigen. Was er für sie hat, ist die „ewige Finsternis, wo Heulen und Zähneknirschen ist“. Diese Höllenstrafe trifft die Unbarmherzigen schon auf dieser Welt. Denn Unbarmherzigkeit ist Finsternis, und Haß heult und knirscht mit den Zähnen und ist verbannt von allem Frieden und allem Glück.In diesem Lichte sah ich meinen Bruder. Und als ich wieder einmal bei der röchelnden, fiebernden Frau war, als ich ihre heißen Hände sich die Wand hinaufkrallen sah, ihren qualvollen Husten hörte, schickte ich auf neue Anfrage aus Waltersburg einen Zettel an Joachim:„Du bist als Amerikafahrer mit indianischen Gebräuchen vertraut. Freue dich, deine Frau hängt am Marterpfahl!“[pg 338]Daraufhin ließ er sich bei mir melden, aber ich empfing ihn nicht ...In ihren Fieberträumen schrie die Frau immer wieder:„Taufe mich, heiliger Johannes, taufe mich!“Und sie jammerte nach dem Kinde.Als sie das erstemal bei klarem Bewußtsein war, als sich der Fieberblick in Angst und Todestraurigkeit verlor, wußte sie nichts zu sagen als: „Luise ist fort!“Da sah ich sie lächelnd an.„Nein, liebe Käthe, Luise ist hier. Du bist nur jetzt noch krank; du bildest dir bloß ein, daß Luise fort ist.“„Ich – ich bilde es mir bloß ein?“Ein kleines, halb irres Lachen flog um ihren Mund.„Ich bilde es mir bloß ein!“„Ja, liebe Käthe – du denkst das bloß so ...“„Ich denke es bloß so? Wo ist denn Luise? Warum ist sie denn nicht bei mir?“„Sieh nur, Käthe, du bist krank; das Kind lärmt zu sehr. Du weißt doch, wie es lärmt.“„Es ist so schön, wenn es lärmt!“Und sie lächelte lieb und seltsam und schlief ein.Es ging auf die Krisis zu. Wie das so ist in solchen Fällen: das Befinden schwankte; einmal ging es der Kranken etwas besser, ein anderes Mal wieder war es ganz zum Verzweifeln. Immer der eine Satz: „Wenn das Herz aushält, dann ...“[pg 339]Ja, wenn!Am siebenten Tage ließen wir Luise zu der Kranken. Wir hatten Luise wohl vorbereitet.„Du darfst nicht schreien oder weinen oder lärmen. Du darfst nur ganz leise auf den Zehen ans Bett gehen, der Magdalena die Hand küssen und sagen: ‚Mamma, ich hab dich lieb!‘“So hat es das Mädchen getan. Die Kranke lag mit verklärtem Gesicht, und in ihren Augen war ein Strahlen, als ob ihr der Himmel offenstände.Als das Kind das Zimmer verlassen hatte, ging ein Frösteln über den Körper des Weibes:„Es ist alles nicht wahr gewesen – ich hab das Furchtbare nur geträumt – Luise ist wirklich da ...!“Am zehnten Tage wußten wir, daß Katharina am Leben bleiben würde. Freilich würde sie nie mehr ganz gesunden. Das Herz war schon vor der Erkrankung nicht in Ordnung gewesen und hatte nun schwer gelitten. Es würde ein sehr stilles Leben sein, was Katharina fortan führen müßte.Am hellen Mittag trat mir auf dem „Stillen Weg“ der Bruder entgegen. Er gesellte sich zu mir, ohne daß wir uns die Hände reichten.„Lebt sie noch? Ist die Krise vorbei?“ fragte er mit offener Furcht in den Augen.„Ja, es ist überwunden!“Da atmete er auf.[pg 340]„Ich habe schwere Tage und Nächte hinter mir“, sagte er etwas stockend; „deine Worte lagen mir immer in den Ohren, und du hast es mir auch durch deine Botschaften nicht leicht gemacht. Aber ich hatte es wohl verdient.“Ich antwortete nicht. Er fuhr fort:„Ich werde nun abreisen. Ich bitte dich, Käthe zu einer Zeit, wo du es für angemessen halten wirst, einen Brief von mir zu übergeben. Er ist offen; du sollst ihn vorher lesen. Der Brief enthält nichts als einen kurzen Abschied, und daß wir jetzt, durch Land und Meer für immer getrennt, ohne Feindschaft aneinander denken wollen.“Ich wandte den Kopf zur Seite.„Und Luise?“„Luise werde ich ihr lassen.“Wir gingen schweigend nebeneinander hin. Dann sagte er:„Daß ich von dem Kinde ohne Abschied fortgehen muß, fällt mir sehr schwer. Du wirst es nicht glauben; aber es ist wahr. Das Kind würde sich fürchten, wenn es mich wiedersähe. Ich bitte, daß du dich weiter des Mädchens annimmst. Mit einem Kapital werde ich es ausstatten. Willst du die Sache übernehmen?“„Ja.“„Ich danke dir!“Wieder gingen wir ein Stückchen wortlos weiter.„Ich könnte nun gehen, Fritz; aber das Schwerste habe ich noch zu sagen.“[pg 341]Ich sah ihn fragend an. Da brachte er heraus:„Die Mutter will mit mir nach Amerika.“Ich blieb stehen.„Du mußt nicht glauben, Fritz, daß ich Mutter dazu überredet habe. Sie hat es von selbst gewollt.“„Ja, ich kann es mir denken.“Etwas unendlich Bitteres quoll mir durch die Seele.„Wann wollt ihr denn fort?“„Morgen. Die Mutter läßt dich fragen, wann sie sich von dir verabschieden kann. Willst du am Nachmittag zu ihr hinunterkommen?“Ich mußte erst ein paarmal Atem holen, dann sagte ich:„Ja, ich werde kommen.“Joachim blieb stehen.„So habe ich dir alles gesagt, Fritz. Nun kann ich mich von dir verabschieden. Wenn du zu Mutter kommst, werde ich euch nicht stören, werde ich schon fort sein.“Es wurde ihm schwer.„Leb wohl, Fritz; hab keinen Groll mehr gegen mich. Ich danke dir für alles Gute – auch, daß du mich fünf Jahre lang gesucht hast – auch, daß du neulich so mit mir gesprochen hast.“Die Stimme stockte ihm, und auch ich brachte es kaum heraus, als ich sagte:„Behüte dich Gott, Joachim!“Als er sich schon abgewandt und die ersten Schritte gemacht hatte, erscholl jenseits eines kleinen Gebüsches das selige Kinderlachen Luises.[pg 342]Joachim wandte sich noch einmal um.„Ist sie das?“Ich nickte mit dem Kopf.Da legte er die Hand über die Augen und ging schwer und langsam den Berg hinab.Und noch einmal erscholl das Lachen des spielenden Kindes hinter ihm her.[pg 343]Freund StefensonNun war es vorbei. Ich stieg von Neustadt aus den Weihnachtsberg hinauf. Der Zug, der meine Mutter in die weite Welt davongeführt hatte, war längst nicht mehr zu sehen. Der Bruder war schon gestern bis zur Provinzialhauptstadt vorangereist; ich hatte ihn nicht mehr getroffen.Die Bitterkeit war aus meiner Seele gewichen und hatte einer stillen Trauer Platz gemacht. Die letzten Stunden, die ich mit meiner Mutter verlebt hatte, waren voll reinster Liebe gewesen, ohne Eifersucht, ohne Neid, ohne Groll auf den Bruder, um dessentwillen sie mich und die alte Heimat verließ. Joachim sollte nicht wieder einsam und verbittert durch die Welt irren; die Mutter wollte nicht wieder Tag für Tag sehnsüchtig am Fenster stehen und auf das schwermütige Plätschern des Johannesbrunnens lauschen.Mich wußte sie in Sicherheit, mit einer großen Aufgabe betraut, die mein Herz ausfüllen würde. So ging sie mit dem anderen, dem Einsamen.Es war weiblich, es war mütterlich; es konnte wohl nicht anders sein.Aber wie ich auf die andere Seite des Weihnachtsberges kam und mein altes Waltersburg liegen sah, den[pg 344]Marktplatz mit dem Brunnen und mein verlassenes Vaterhaus, da setzte ich mich todmüde an den Wegrand ins welke Gras. Ich barg das Gesicht in den Händen und saß lange so.Als ich endlich aufblickte, sah ich mir gegenüber auf dem anderen Wegrande Stefenson sitzen. Ich war unwillig, daß er sich so angeschlichen hatte, aber er kam mir mit teilnehmendem Gesicht, ganz ohne seine sonstige spöttische Art, entgegen, so daß mein Ärger verflog.Stefenson setzte sich neben mich und legte mir die Hand aufs Knie:„Sehen Sie, alter Junge, so was tut weh. Das begreife ich. Aber da müssen Sie auch begreifen, daß ich Sie nicht allein lassen kann, daß ich mich um Sie kümmern muß. Ich bitte Sie, daß Sie mir einige Minuten zuhören. Sie brauchen mir gar nicht zu sagen, was für Gefühle Sie bewegen, aber ich bitte Sie, mir zu erlauben, daß ich als Ihr Freund zu diesen Gefühlen Stellung nehme. Zunächst mal, ob Ihrer Mutter der Aufenthaltswechsel auch bekommen wird. Daran denken Sie ja wohl an erster Stelle. Nun, ich meine, sie ist von guter Natur; Rio ist ein ganz gesunder Wohnort; Ihr Bruder ist Arzt, der sie ständig überwachen kann; außerdem ist er in der Lage, ihr das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten, dann, Ihre Mutter sieht einmal die Welt. Nicht mehr mit der Aufnahmefähigkeit, der Spannkraft, dem Überschwang der Jugend, aber mit dem ganzen Hochgenuß, mit dem ein reifer, feiner Kopf die Schönheiten dieser alten Erde betrachten kann. Und gar Rio de[pg 345]Janeiro! Dort hören die Tauben die Vögel singen, dort sehen die Blinden die Blumen blühen; das wissen Sie ja selbst, Ihre Mutter wird leben wie im Paradies. Aber das wird freilich alles nicht hindern, daß sie das Heimweh bekommen wird – nach dem alten Nest da unten – nach dem Hause am Brunnen – auch nach Ihnen. Schütteln Sie nur nicht den Kopf, lieber Freund; eine Mutter liebt immer am meisten das ihrer Kinder, das nicht bei ihr ist. Und da denken Sie nur daran, daß sie eines schönen Tages wieder dasein wird. Inzwischen lassen Sie unten in dem Hause am Markt alles, wie es ist; lassen Sie alle Tage die Möbel wischen, alle sechs Wochen frische Gardinen aufstecken, im Winter die Stuben heizen, im Sommer die Polster einmotten, auch Kupfer und Zinn in der Küche putzen und den Kanari gut im Futter halten, damit Ihre Mutter alles in Ordnung findet, wenn sie wiederkommt.“„Stefenson“, sagte ich dankbar, „Sie sind ein seelenguter Mensch.“Das verdroß ihn. Er sagte zunächst gar nichts, spuckte dann mit großem Geschick bis zum gegenüberliegenden Wegrand und meinte endlich in gänzlich verändertem Tone:„Sie verstehen mich immer noch nicht. Das müssen Sie doch wissen, daß so ’n alter Fuchs wie ich immer seine Hintergedanken hat, wenn er mal ’nen Abstecher ins Gefühlsmäßige macht. Zum Beispiel jetzt habe ich gerade ein wichtiges Geschäft, bei dem Sie unbedingt mitwirken oder dem Sie wenigstens zustimmen müssen,[pg 346]und da ist es mir natürlich verdrießlich, wenn Sie in verkaterter Stimmung sind.“„Und deswegen suchten Sie mich zu trösten?“„Ja, nur deswegen!“Ich lächelte. Er sah es und wurde erbost.„Mensch, lachen Sie nicht! Was gehen mich denn Ihre Familienangelegenheiten an? Glauben Sie, daß ich mich bei meinen tausend Geschäftsfreunden darum kümmern kann, ob sie mal Krach mit einem Bruder haben, ob mal ihre Mutter verreist, ob die Motten in ihre Möbel kommen oder ihr Kanarienvogel verhungert? Hätt’ ich viel zu tun. Aber wenn zwei Feldherren miteinander in den Krieg ziehen und der eine von ihnen Zahnschmerzen hat, hat der andere dafür zu sorgen, daß der Zahn gezogen oder wenigstens plombiert wird. Sonst wird nichts aus ihrer Chose.“Ich lächelte nicht mehr, aber ich erwiderte auch nichts.Da sagte Stefenson fast niedergeschlagen:„Wenn Sie etwas Geschäftssinn hätten, hätten Sie mich längst gefragt, um was für ein Geschäft es sich handelt.“„So sagen Sie es mir – bitte!“Er war verstimmt.„Nun, ich kann ja den Weihnachtsberg auch ohne Sie von den Neustädtern zurückkaufen.“„Den Weihnachtsberg wollen Sie zurückkaufen?“„Ich sagte es Ihnen eben. Wir müssen unser Heim bis zum Gipfel des Berges ausdehnen, sonst spucken uns die Neustädter auf den Kopf.“[pg 347]„Sie werden den wichtigsten Aussichtspunkt nie hergeben.“„Trösten Sie sich. Wozu habe ich in der ‚Neustädter Umschau‘ seit drei Wochen Artikel gegen den Weihnachtsberg veröffentlicht? Zum Beispiel, daß sein Besuch von Neustadt aus außerordentlich zu wünschen übrig lasse, weil der viel bequemer zu erreichende Ochsenkopf eine viel bessere Aussicht bietet, daß die Rentabilität außerordentlich gering sei, die Pächter nichts zu leisten vermöchten und solchen Kram mehr. Die Neustädter sind bereits mürbe. Denn sie sind wieder mal im Dalles. Nun habe ich vorgestern einen Artikel gebracht, man solle den Weihnachtsberg, wenn sich eine gute Gelegenheit böte, an irgendeine neutrale Person je eher je besser verkaufen, damit er ja nicht mal in Waltersburger Hände fiele, was die Konkurrenz drüben stärkenwürde.“„Was bezwecken Sie damit?“„Daß mein Vertrauensmann, der sich als Privater um den Kauf der Weihnachtsbergkuppe bemüht, die Sache billig bekommt. In vierzehn Tagen, denke ich, können wir oben einziehen.“Wir waren inzwischen aufgestanden und stiegen langsam den Berg hinab. Stefenson sprach immerfort von seinen Plänen und brachte es wirklich zuwege, daß meine Bangigkeit nachließ und ich ihm wenigstens mit halber Aufmerksamkeit zuhörte. Er begleitete mich bis in mein Arbeitszimmer. Dort sagte Stefenson:„Nun gestehen Sie es sich mal selber, lieber Freund: die ganze Zeit, da unser Heim besteht, haben Sie, der[pg 348]die Lehre von den Ferien vom Ich erfunden und gepredigt hat, selbst mit Haut und Haaren mitten im dicksten Ichleben gesteckt. Hauptsächlich wegen Ihrer Familienangelegenheiten. Jetzt erst, wo sich alles in Frieden löst, werden Sie Ihrer Idee ganz und mit Freuden dienen können. Sie lehren selbst: in den Ferien vom Ich los von der Familie! Deshalb habe ich auch von Anfang an gemeint, wenigstens einer von uns beiden müsse ganz ohne Familie sein.“„Und welcher von uns beiden soll das sein?“„Sie!“Fast hätte ich über den alten Egoisten lachen müssen.„Sie wären aber doch viel geeigneter, Stefenson; denn Sie sind doch schon ohne Familie.“„Sie vergessen, daß ich eine Braut habe.“„Eva Bunkert? Ich meine, dieser Verlobtenstand ist einseitig.“Er lachte.„Bah – wegen der Auskneiferei – wegen dieser Marotte? Ich habe an Eva einen vernünftigen Brief geschrieben, habe ihr gesagt, ich würde ihr gern nachreisen, wenn es nicht zu dumm wäre, und wenn ich Zeit dazu hätte. Sie solle ja nicht annehmen, daß ich jetzt plötzlich an ihrem Theater als Coiffeur, Portier, Kulissenschieber oder dergleichen auftauchen würde, um sie weiter zu beobachten. Das würde abgeschmackt sein; denn ich mache keinen Witz zweimal. Im übrigen liebte ich sie unverändert weiter und überließe ihr, zu bestimmen, wann unsere Hochzeit sein solle. Diesen Brief habe ich vor acht[pg 349]Tagen geschrieben und noch keine Antwort. Das ist doch ein sehr günstiges Zeichen.“„Ich würde dieses Zeichen anders auslegen.“„Nein. Sie grämt sich. Sie kann gar nicht schreiben. Wäre ich ihr egal, hätte sie mir einen schnippischen, und wäre sie ein oberflächliches Weib, sofort einen freundlichen Verzeihungsbrief geschrieben. So ist sie ein braves Mädel, das mich liebt, und schreibt gar nicht.“„Es kann schon so sein“, sagte ich müde; „ich hoffe, daß es Eva gut geht!“„Nun, so ... so ... Vor fünf Tagen hat sie das erstemal auf der Oper gesungen. Zwei Kritiker haben sie bestehen lassen; einer hat sie etwas mitgenommen. Mit dem habe ich mich telephonisch verbinden lassen. Ich habe den Mann aufgeklärt, um was es sich handelt – so in großen Zügen natürlich –, und ihm gesagt, daß er mir einen Riesengefallen tun würde, wenn er Fräulein Eva Bunkert nach Strich und Faden verrisse und an der Oper unmöglich mache. Meine eventuelle Erkenntlichkeit für ihn habe ich dem Kritiker wirklich nur ganz diskret und delikat angedeutet. Trotzdem hat mir der Grobian gesagt, es sei schade, daß sich telephonisch keine Ohrfeigen austeilen ließen; im übrigen sei Fräulein Bunkert ein außerordentlich hoffnungsvolles Talent. Das habe ich davon. Nun wird sie auch dieser Kerl loben. Ach, du lieber Gott, die deutschen Zeitungsschreiber sind sehr verschiedener Art.“„Und Sie fürchten gar nicht, daß Eva Bunkert Ihnen verlorengehen könnte?“[pg 350]„Nicht eine Minute. Sie hat gebissen. Ich halte sie fest. Wenn sie noch ein wenig herumzappeln will, kann ich ihr den Spaß ja gönnen.“So purzelte Stefensons draufgängerische, frische Art durch den bangsten Tag meines Lebens. Und als ich am nächsten Morgen nach tiefem Schlaf erwachte, fühlte ich mich gesund und munter, stark genug, dem Leben ins Auge zu schauen und mit Lust und Freude an meinem schönen Werke weiter zu schaffen.Etwa drei Wochen später besuchte mich Stefenson wieder in meinem Arbeitszimmer. Auf dem Tische lag die neueste Nummer der „Neustädter Umschau“.„Ich habe diesmal nichts drin“, sagte Stefenson und wies auf die Zeitung. Trotzdem schlug er sie auf. Und mit einem Male riß er die Augen auf, trat ans Fenster.„Haben Sie schon – haben Sie schon gelesen?“ fragte er aufgeregt.„Was denn? Was steht denn wieder in dem Schundblatt? Ich habe noch gar nicht hineingeschaut.“„Da – da ...“Er wies auf eine kleine Notiz. Ich las:„Verlobung. Die Opernsängerin Eva Bunkert, Tochter unseres verflossenen Baurats August Bunkert, hat sich mit dem Grafen Hanns von Simmern, Sohn des herzoglichen Kammerherrn Grafen Eugen von Simmern, verlobt. – Eine rasche Künstlerkarriere!“„Da haben wir’s“, sagte ich. „Die Sache ist in der Tat sehr rasch gegangen.“[pg 351]„Rasch gegangen! Ist das alles, was Sie zu dieser Schandtat zu sagen wissen?“ brüllte Stefenson.„Ja, was soll ich in meiner Überraschung dazu sagen? Es tut mir natürlich leid um Sie!“„Leid! Ich brauche Ihnen nicht leid zu tun. Niemand brauche ich leid zu tun. Ich verbitte mir das! Denn ich kann froh sein, daß ich diese Gans los bin. Ich bin auch ganz kolossal froh. Nach kaum vier Wochen ist dieses flatterige Ding mit ihrer Lebenswahl fertig. Von einem zum andern. Immer zu, immer zu! Was verliere ich dabei? Weil er ein Graf ist, weil sie sich bei ihm in Taschentücher mit einer neunzackigen Krone die Nase schneuzen kann, deshalb gibt sie mich auf. Einen Mann wie mich, der diese bankerotte Bauratstochter gegen alle Vernunftgründe geliebt hat und sie heiraten wollte, gibt sie auf!“Er sank in einen Stuhl. Sein Schmerz war maßlos. Aber ich blieb kühl.„Lieber Freund“, sagte ich, „es ist sicher für unsere Gründung ganz gut, wenn Sie familienlos bleiben, wenn Sie Ihre Selbständigkeit, den ruhigen, klaren Blick ...“„Halten Sie den Mund! Kommen Sie mir nicht mit solchem Blödsinn. Satt hab ich’s, satt. Meinetwegen mag die ganze Geschichte hier zum Teufel gehen. Mir liegt an nichts mehr etwas, an gar nichts mehr!“Er wand sich in dem Lehnstuhl, in dem er saß, wie in Krämpfen. Ich stellte mich ans Fenster und zündete mir eine Zigarre an. Da knirschte er:„Sprechen Sie wenigstens; sagen Sie etwas zu mir. Das kann ich doch wohl verlangen.“[pg 352]„Sie lassen mich ja nicht zu Worte kommen, Stefenson. Und dann, ich weiß selbst nicht, was ich zu der Sache sagen soll.“„Jawohl, Sie machen sich eben nichts aus mir. Sonst könnten Sie sich jetzt nicht so pomadig eine Zigarre anzünden. Schöner Freund! Glauben Sie denn, daß sie mit dem Grafen, diesem neunmal gehörnten Kerl, glücklich sein wird?“„Das kann ich nicht beurteilen.“„Das müssen Sie beurteilen können! Sie müssen wissen, daß solche sogenannten Mesalliancen nie zum Glück führen, daß dieses Weib im Hause ihres gräflichen Gatten als Eindringling entweder gar nicht zugelassen odersubLuder behandelt werden wird, daß der Mann ihrer überdrüssig sein wird, wenn ihre Schönheit verblüht, daß sie dann im Elend sitzen wird.“„Das kann schon alles so kommen, es kann aber auch anders sein. Es kommt ganz auf den Mann an. Prophezeien kann niemand, höchstens unsere alte Wahrsagerin unten in Waltersburg.“„Wollen Sie mich verspotten? Sich über mich lustig machen? Ist das Ihre Freundschaft?“ Er war wütend.„Lieber Stefenson, Sie sind jetzt sehr aufgeregt. Was immer ich auch jetzt sagen möchte, würde Ihnen nicht gefallen. Warten wir also ab, bis Sie sich etwas beruhigt haben, und daß Sie dann ganz auf mich rechnen können, wissen Sie ja doch!“„Ich werde mich nie beruhigen“, sagte er. „Über das komme ich nicht weg!“[pg 353]Wohl zehn Minuten vergingen, während deren Stefenson im Zimmer auf und ab schritt. Manchmal blieb er stehen, sprach leise mit sich selbst oder fuchtelte mit seinen langen Armen durch die Luft. Endlich fragte er:„Was ist das mit der Wahrsagerin in Waltersburg, die Sie erwähnten?“„Ah, Stefenson, das war doch nur Scherz. Es wohnt da unten im alten Zollhaus, kaum dreihundert Meter unter unserem Grundhof am Waltersburger Weg, ein Weib, das schon uralt war, als ich noch in kurzen Hosen ging. Sie nennt sich nach ihrem Beruf Sibylle. Wie sie eigentlich heißt, wie alt sie ist, weiß kein Mensch. Für fünfundzwanzig Pfennig prophezeit sie den Bürgern, Bauern und Köchinnen die Zukunft.“„Und stimmt es, was sie sagt?“„Ja, das weiß ich nicht. Ich hab mich um das alte Fernrohr in die Zukunft nicht gekümmert. Als Jungen haben mal Joachim und ich fünfundzwanzig Pfennig zusammengeschossen und uns weissagen lassen. Da hat sie gesagt, wir würden bald eine mächtige Tracht Prügel bekommen. Und das ist auch eingetroffen. Es kam nämlich heraus, daß wir die fünfundzwanzig Pfennig zur Sibylle getragen hatten, und wir bekamen Prügel dafür.“Ich wußte, daß Stefenson abergläubisch war. Viele sonst sehr kluge Menschen sind es. Stefenson fing an einem Freitag kein Geschäft an, es beunruhigte ihn, wenn eine Katze über seinen Weg lief, und er hatte immer ein altes Hufeisen auf seinem Schreibtische liegen. Er[pg 354]stammte ja auch aus Amerika, wo der Aberglaube zu Hause ist. Jetzt fühlte er das Bedürfnis, sich ein wenig zu rechtfertigen, und sagte:„Es ist durchaus falsch, alle Hellseherei von vornherein als Unsinn zu erklären. Es können da Naturkräfte wirken, die wir nicht kennen.“„Gewiß – gewiß!“Er versank wieder in tiefe Traurigkeit.„Vor vier Tagen habe ich ihr einen Brief geschrieben, habe sie gebeten, sie möge doch von ihrem Groll ablassen. Wenn sie es schon nicht einsehen wolle, daß ein Mann, der sein ganzes Lebensschicksal an eine Frau ketten wolle, zu deren gründlichster Prüfung berechtigt sei, so solle sie halt denken, daß es mir doch auch Spaß gemacht habe, mal in den Ferien vom Ich eine unerkannte Rolle zu spielen, und daß ich doch eigentlich als Knecht Ignaz um sie gedient habe wie Jakob um die geliebte Rahel. Sehen Sie, von diesem Brief glaubte ich, er sei eigentlich zu deutsch, zu sentimental. Aber es war mir so ums Herz, und so schickte ich ihn ab. Der Brief wird gerade zu ihrer Verlobung zurechtgekommen sein.“Es schüttelte ihn vor Schmerz und Zorn.
[pg 320]Vom Bruder und seiner FrauMit Eva Bunkert verließ uns auch die kleine Anneliese. Am Abschiedsabend hatte sie sich nicht beteiligt. Es hieß, „Bärbel“ sei nicht wohl und habe sich zeitig zur Ruhe gelegt. Wie mein Bruder mit dem Mädchen stand, wußte ich nicht. Joachim war verschlossener als je. Am Abend des Tages aber, da die Mädchen abgereist waren, kam er zu mir.Ganz unvermittelt sagte er: „Fritz, ich möchte fort. Morgen oder übermorgen.“„Fort? Wohin?“„Wieder hinüber.“„Nach Amerika?“„Ja.“Ich sah ihn schweigend an.Da sagte er:„Du hast wohl bemerkt, daß ich eine Neigung für Fräulein Anneliese hatte. Ich hoffte, es könnte mir ein neues Glück in der Heimat erblühen. Diese Hoffnung hat mich betrogen – wie alle anderen.“„Ist es aus zwischen euch?“„Ja. Das Mädchen hing an mir, und es war alles verabredet für baldige Hochzeit. Da hielt ich mich gestern[pg 321]für verpflichtet, ihr mein Leben zu schildern. Droben am Hange sind wir gewesen. Da habe ich ihr das Schwere gesagt. Sie hat sehr geweint und sich schwer von mir losgerissen; aber sie bleibt dabei, daß sie den geschiedenen Mann einer noch lebenden Frau nicht heiraten dürfe. Du weißt wohl warum?“„Ja. Ihre katholische Religion verbietet Anneliese solche Ehe.“Er fing an zu toben, an den Ketten zu zerren – ich ließ ihn reden und toben.Zuletzt sagte er:„Und ich weiß nicht einmal, ob dieses – dieses Weib noch lebt.“Ich blieb still.„Weißt du etwas von ihr? Weißt du, ob sie noch lebt?“„Sie lebt.“Er stöhnte. Ich merkte, wie sehnsüchtig er auf den Tod seiner Frau gehofft hatte.„Und – das Kind, wo ist es?“„Es ist bei seiner Mutter.“„Das habt ihr zugegeben? So gewissenlos seid ihr gewesen?“„Das Kind ist wohl aufgehoben bei ihr.“Er lachte rauh und ergoß eine Flut schwerster Schimpfworte über seine Frau. Wieder ließ ich ihn reden und toben. Zuletzt stieß er hervor:„Wo hält sich das Scheusal auf?“„Deine Frau? Das sage ich dir nicht.“„Dasmußtdu mir sagen!“[pg 322]„Nein, Joachim, ich sage es dir nicht!“Er ballte die Fäuste und trat mit dem Fuß auf. Dann ließ er die Arme schlaff hängen und sagte in feindseligem Ton:„Gut! Was ich wissen will, werde ich auch ohne dich erfahren.“Ohne Gruß verließ er mich. Ich trat ans Fenster und sah ihn unten über die Wiese gehen. Das war der Mann, dem ich fünf Jahre lang um die ganze Welt nachgereist war. Weil er der Sohn meiner Mutter war. Nun würde ich eine solche Familienaufgabe nicht mehr übernehmen. Ich öffnete nicht einmal das Fenster, um ihm nachzurufen.Ich setzte mich an den Schreibtisch und begann zu arbeiten. Es ging schwer. Ich war von der Aufregung der letzten Nacht und des Tages ganz benommen. Es fiel mir ein, Joachim werde nun wohl zur Mutter gehen. Aber die wußte ja auch nichts von Katharina, die bei uns Magdalena hieß, hatte keine Ahnung von ihrer Anwesenheit hier im Heim. Es wurde spät. Ich wollte nur noch meine letzte Zigarre ausrauchen, dann schlafen gehen. Wie gleichmütig mich der Abschied des Bruders ließ! Freilich, die Mutter würde wieder sehr mit mir zürnen. Aber ich konnte das nicht ändern. Ich war aller Familiensimpelei müde geworden.Wie ich noch so still dasaß, hörte ich auf einmal jemand den Korridor entlang eilen.Die Tür wurde aufgerissen.Magdalena stand vor mir.[pg 323]Mit wirrem Haar, in unordentlicher Kleidung. Entsetzt. Verstört.„Helfen Sie – helfen Sie – sie haben mir das Kind genommen.“„Was? Was sagst du, Käthe?“„Das Kind haben sie mir genommen – Luise – o Gott!“„Wer hat es genommen?“„Er – Joachim – er ist mit einem fremden Mann gekommen – sie haben das Kind fortgeschleppt – meine Luise – meine Luise!“Ich wollte die zitternde Frau auf einen Stuhl nötigen.„Nein, kommen Sie bald – sie haben mich ja in die Kammer eingeschlossen gehabt – eine Stunde ist es wohl schon her, daß sie mit dem Kinde fort sind – ich habe die Kammertür nicht aufgekriegt – kommen Sie schnell – schnell!“Die Frau schluchzte und zuckte in namenlosem Schmerz. Ich sah alles wie durch einen Schleier. Wie kam Joachim nach der Genovevenklause? Wer hatte ihm den Weg gewiesen?Plötzlich wurde mir alles klar. Ich war unvorsichtig gewesen, Joachim zu verraten, daß Luise bei ihrer Mutter sei, und da unsere Mutter wußte, wo das Kind war, fanden sie auch die Frau.Oh, ich Tor! Ich sah, daß Käthe am Halse rote Striemen hatte.„Hat er dir etwas getan, Käthe? Hat er dich etwa gar geschlagen?“[pg 324]„Ich weiß es nicht. Aber das Kind ist fort, das Kind ist fort!“Sie hatte wohl mit dem Manne gerungen, und er hatte sie mit irgendeinem Helfershelfer in die Kammer gesperrt und das Kind entführt. Der brutale Kerl! Ein wütender Haß gegen ihn schlug in mir auf.„Erbarmen Sie sich, Herr Doktor, helfen Sie mir!“„Nenn mich nicht Herr Doktor, Käthe, nenne mich Fritz! Wir sind Verwandte. Ich werde dir helfen, so gut ich irgend kann.“Demütig und furchtsam wie ein geprügelter Hund stand sie vor mir.Ich zog mir den Mantel an.„Ich bitte dich, Käthe, geh nach Hause. Du kannst nichts tun. Ich werde mich sofort auf die Suche machen.“„Ich kann nicht nach Hause gehen; ich muß Luise suchen –“Mit irrsinnig flimmernden Augen sah sie mich an.„Du kannst nichts tun, Käthe. Ich werde sofort hinab zu meiner Mutter gehen, dort werde ich wahrscheinlich Joachim treffen und mit ihm abrechnen.“„Ich will mit. Ich fürchte mich nicht, wenn sie mich auch schlagen.“„Du mußt mir jetzt gehorchen, Käthe! Sonst verdirbst du alles; sonst kann ich dir nicht helfen!“Da senkte sie stumm den Kopf.Wir eilten auf einem Nebenpfade gen Waltersburg hin. Als der Weg nach der Genovevenklause abbog, ge[pg 325]bot ich der Frau, nach Hause zu gehen und zu warten, bis ich ihr Nachricht brächte. Sie schlich davon. Aber als ich den Berg hinabeilte, merkte ich, daß mir von ferne ein Schatten folgte.Das Haus der Mutter war hell erleuchtet. Die Haustür stand offen. Ich eilte nach dem ersten Stock, nach dem Zimmer der Mutter, und trat ein, ohne anzuklopfen. Mitten in der Stube stand Joachim; er war allein. In offener Feindseligkeit blickten wir uns an.„Wo ist das Kind? Wo ist Luise?“„Nicht hier.“„Wo ist die Mutter?“„Auch nicht hier.“„Willst du mir sagen, wo beide sind?“„Nein! Aber ich will dir sagen, daß ich das Mädchen der Obhut des Frauenzimmers, dem du es übergeben, entrissen und in eigene Erziehung genommen habe. Morgen früh geht die Reise los. Ich nehme das Kind mit. Das ist mein Recht. Das Kind gehört mir.“Ich konnte vor Zorn kaum sprechen.„Ah – und es ist wohl auch dein Recht, in eines unserer Häuser einzubrechen und ein wehrloses Weib seiner Freiheit zu berauben?“„Das tat ich nur, um sie zu hindern, hinter uns herzuschreien und Skandal zu erregen. Um allen Skandal zu vermeiden, bringt Mutter das Kind schon jetzt nach auswärts.“„Oh, wie bist du rücksichtsvoll! Du willst keinen[pg 326]Skandal. Du vergissest nur das eine: daß es ein großer Skandal ist, wenn man sich benimmt wie ein Bandit!“„Hüte dich nur!“„Ich fürchte mich nicht vor deiner Brutalität. Ich kann dich – wenn es mir beliebt – wegen der Schandtat eines Einbruchs in eines unserer verschlossenen Häuser jeden Augenblick einsperren lassen. Ich werde es höchstwahrscheinlich auch tun und mich um keinerlei Skandal kümmern.“„Du nimmst in sehr merkwürdiger Weise Partei für jenes Weib.“„Ja, sie steht trotz ihres Fehltritts gerechtfertigter, ich will ruhig sagen, viel anständiger vor meinen Augen als du!“„Das bitte ich mir zu beweisen“, sagte er heiser vor Wut. Er setzte sich auf eine Tischkante; ich lehnte an einem Schrank ihm gegenüber.„Ich erinnere dich daran, Joachim, daß das schöne Mädchen, das Katharina hieß, damals zwar deine blinde, wahnsinnige Leidenschaft erregt, aber daß sie dich niemals geliebt hat, daß sie so ehrlich war, es dir zu sagen.“„Hör auf damit!“„Nein, da liegt die Wurzel zu allem Unheil, das kam. Als du von dem Mädchen abgewiesen warst, tatest du das, was du immer tatest, wenn du einen Wunsch durchaus durchsetzen wolltest, du hingst dich an die Kleiderrockfalten der Mutter.“Er sprang herunter vom Tisch und trat drohend vor mich.[pg 327]„Benimm dich immerhin auch in dieser Stunde noch mit einigem Anstand, Joachim! Du hast mir so viel von meinem Leben genommen, fünf volle blühende Jahre, daß ich ein Recht habe, dich als meinen Schuldner zu betrachten und endlich mit dir abzurechnen.“Er wich zurück, lachte verächtlich und trat ans Fenster.„Ich habe dich nicht aufgefordert, mir zu folgen.“„Nein, aber die Mutter hat es getan, die dich von Kind auf zu einem jämmerlichen Egoisten erzogen hat.“„Sag noch ein Wort gegen die Mutter, und ich halte mich nicht länger!“„Du sprichst wie ein Raufbold, Joachim, und ich schäme mich für dich. Wie ich innerlich zur Mutter stehe, geht daraus hervor, daß ich auf ihren stillen Wunsch hin, dich wiederzuhaben, meine Jugend opferte. Aber nicht davon wollte ich sprechen, sondern von deinem Verhältnis zu Katharina. Das Mädchen sagte dir damals, daß seine Liebe einem anderen gehöre, deinem Freunde ...“„Hör auf – ich ertrage das nicht!“„Ich weiß, trotz deiner Brutalität anderen gegenüber bist du, was die eigene werte Person anlangt, sehr feinfühlig; nicht einmal eine wahrheitsgemäße Aussprache erträgst du. Aber ich erspare sie dir nicht. Ich halte dir den Spiegel vor, damit du weißt, wenn du von hier fortziehst, daß es jemand auf der Welt gibt, der keine Spur von Mitleid, ja nicht einmal von Achtung mehr für dich hat, und das ist dein Bruder, der dich unter allen Menschen auf der Welt am besten kennt.“[pg 328]Er erwiderte nichts mehr; er starrte mich nur an. Ich setzte kaltblütig die Abrechnung fort.„Du wandtest dich damals an die Mutter, und die Mutter setzte bei den Eltern des Mädchens alle Hebel für dich ein. Die Leute hatten sechs Töchter. Eine von ihnen versorgt zu sehen, war ihr sehnlichster Wunsch. Du warst approbierter Arzt, der andere, dein Freund, ein vermögens- und aussichtsloser Kandidat. Da wurde dem Mädel Tag und Nacht zugesetzt, bis sie dich nahm. Das war in diesem Falle die Grundlage für die schwere Ja-Frage am Altar nach dem ‚freien, ungezwungenen, selbst ungenötigten Willen‘.“Joachim war in einen Sofawinkel gesunken. Mir war das Herz so kalt und leicht wie einem Staatsanwalt, der auf „schuldig“ plädiert.„Während du die Flitterwochen hieltest, ging dein Freund beinahe zugrunde. Nach einem Jahre hieß es, er habe sich beruhigt. Er kam zu euch. Die alte Sehnsucht trieb ihn. Und da geschah Katharinas Unglück. Du warst natürlich in deiner Ehre sehr tief verletzt. Ich sah das ein. Erst jetzt begreife ich, daß in jener Ehe deine Gattenehre nicht von Gottes, sondern von Mutters und Geldsacks Gnaden war. Das Weib hat gefehlt, ohne Zweifel. Zweimal. Nicht nur, als sie dir die Ehe brach, sondern schon, als sie die Ehe mit dir einging. Aber du und die Mutter – und wir alle, die wir schürend oder doch stillschweigend mitgewirkt haben, sind wir Gerechte? Leute, die Steine aufheben dürfen? Oder Pharisäer, die verdienen, die Geißel des Messias ins Gesicht zu bekommen?[pg 329]Katharina hat ihre Schuld gebüßt. Nicht durch deinen rohen Revolverschuß, nicht dadurch, wie sie dich vor Gericht reinwusch, indem sie aussagte, sie habe sich die Wunde selbst zugefügt. Nein, mit aber tausend Tränen. Erst jetzt weiß ich, wie ihr Mutterherz gehungert hat, wie sie durch all die Jahre nach dem Kinde gesucht hat. Dieses Weib hat vielleicht an einem Tag und in einer Nacht mehr gelitten und heißer zum Himmel gerufen als du in der ganzen Zeit. Jetzt auf einmal erscheinst du wieder in der ganzen Pracht und Herrlichkeit deines gesetzmäßigen Richtertums und beginnst deine Brutalitäten aufs neue. Und deshalb, sage ich, ist deine Frau ein hundertmal anständigerer Mensch, als du bist!“Er stand auf, zuckte ein wenig mit den Armen durch die Luft, als ob er reden wolle, setzte sich aber wieder. Ich behielt ihn scharf im Blick und fuhr fort:„Das ist die Abrechnung, die deine Frau betrifft. Da kommst du immer noch gut dabei weg, weil nicht nur dein eigenes, sondern auch das andere Konto belastet ist. Nun komme ich auf dein Verhältnis zu deinem Kinde zu sprechen. Und da – nichts für ungut, lieber Bruder – hast du dich glattweg benommen wie ein Lump. Das Tier bekümmert sich um sein Junges, trägt ihm die besten Bissen zu, sorgt für seine Sicherheit. Du hast für deine eigene Sicherheit gesorgt, die besten Bissen selbst gegessen, dem Kinde nicht einen Pfennig, nicht ein armseliges Spielzeug, nicht ein Wort oder einen Blick gegönnt. Der verkommenste Proletarier, der von zehn Mark, die er verdient, neun versäuft und eine Mark seiner Familie[pg 330]gibt, ist ein besserer Vater, als du bist, denn du hast auch die zehnte Mark für dich genommen.“„Die Mutter ...“, ächzte Joachim.„Ja, die Mutter hat die sogenannten Erziehungsgelder gezahlt. Nebenbei gesagt, nicht nur von deinem, auch von meinem Erbteil. Ich wundere mich, daß ich so etwas sagen kann; aber alle Sentimentalität ist mir wahrscheinlich abhanden gekommen. Wir alle haben gefehlt, auch ich! Ich hätte dir nicht nachlaufen, ich hätte mich lieber um das Kind kümmern sollen. Aber ich war ein unerfahrener, wehleidiger Geselle. Ich bin erst jetzt, da ich ein großes Werk angefangen habe, dazu gekommen, die Dinge, die um mich her sind, klar und leidenschaftslos zu sehen und zu beurteilen. Wenn ich nun, Joachim, alles zusammenfasse, so bist du weder deiner Frau noch deinem Kinde gegenüber im Recht. Du hast dich bis jetzt unbarmherzig zurückgehalten und bist plötzlich brutal hervorgetreten, als deine neue Liebe scheiterte, als dich das von dir herbeigeführte Band, das Priesterhand schlang, hinderte, nach deinem Wohlgefallen jetzt ein neues zu schlingen. Was dich jetzt leitet, ist nicht Moral, sondern ist Wut, ist enttäuschte Selbstsucht! Du kannst die Lage deines bis heute verleugneten Kindes nicht bessern; denn einen unfähigeren Erzieher, als du bist, kann es nicht geben!“Joachim erhob sich.„Meinst du, daß ich mir diese Grobheiten gefallen lasse?“„Es sind nicht Grobheiten, es sind Wahrheiten, Joachim.“[pg 331]„Willst du jetzt dieses Zimmer und dieses Haus verlassen?“„Nein, ich werde warten, bis die Mutter kommt.“„So werde ich gehen; ich verschmähe es, weiter mit dir zusammen zu sein.“„Ganz in meinem Sinne. Ich verbiete dir aber, unser Ferienheim noch einmal zu betreten. Außerdem ist es nach deinem brutalen Verhalten selbstverständlich, daß du als Arzt von uns entlassen bist.“Er antwortete nicht mehr; er nahm Mantel und Hut und tappte die Treppe hinab. Ich konnte mir zunächst über das, was ich gesprochen hatte, keine klare Rechenschaft geben.Ich hatte nur ein Gefühl der Erleichterung, hatte mir einmal das Herz abräumen gekonnt.Jetzt fiel unten die Haustür zu. Ich sah Joachim vom Fenster aus, obwohl eine mondscheinlose Nacht und die Straßenbeleuchtung sehr kümmerlich war. Joachim ging auf den Johannisbrunnen zu. Mit einem Male löste sich dort ein Schatten los. Ich erschrak. Katharina! Sie hielt den Bruder jedenfalls für meine Person. Ich sah, wie die beiden aufeinander zugingen, aufeinander einsprachen, wie das Weib entsetzt die Arme hoch hielt, sich dann vor dem Bruder auf die Knie warf, wie er sie emporriß. Sie klammerte sich fest an seinen Arm; er versuchte sich loszulösen; sie rangen miteinander.Ich riß das Fenster auf.„Katharina“, rief ich hinunter, „sei vernünftig!“Sie hörte nicht, ließ nicht los, schließlich rang sie weiter[pg 332]mit ihm, und ich hörte sie um das Kind bitten. Sie standen dicht am Brunnenrand. Da gab Joachim dem Weibe einen gewaltigen Stoß, sie taumelte zurück und fiel über den niederen Brunnenrand ins Wasser.Joachim blieb still stehen, wohl im Schreck, zwei, drei Sekunden lang; dann beugte er sich über das Becken.Da sprang das Weib aus dem Wasser heraus und rannte davon.Ich hatte all diesen sich schnell abspielenden Vorgängen sprachlos zugesehen, dann war ich mit einigen Sätzen unten auf dem Markte. Joachim stand noch am alten Fleck.„Ah“, lachte er, „du hast zugesehen – da wirst du wohl jetzt behaupten, ich hätte das Weib ertränken wollen.“„Das werde ich nicht behaupten. Du hast sie nur zurückgestoßen, und sie ist unglücklich gefallen.“„Na also! Ich lasse mich auf der Straße nicht anfallen, verstehst du? Eure Komödien verfangen nicht bei mir!“„Joachim, wir müssen ihr nach, wir müssen sie suchen.“„Suchen? Ich denke nicht daran. Was geht sie mich an?“„Joachim, sie muß völlig durchnäßt sein, es ist eine kalte Nacht; sie ist halb irrsinnig vor Aufregung wegen des Kindes. Es kann ein Unglück passieren!“Er antwortete nicht, wandte sich um und ging nach Mutters Haus zurück. Ich sah ihm nach, hörte, wie er[pg 333]von innen den Haustürschlüssel umdrehte. Dann eilte ich die Straße hinunter, in der ich Katharina hatte verschwinden sehen.Ich rannte durch die ganze Stadt, auch teilweise hinaus auf die Landstraßen. Es verging wohl eine Stunde und mehr Zeit; ich fand nichts. Es hatte angefangen zu regnen, und es blies ein rauher Wind. Endlich sah ich ein, daß ich allein nichts ausrichten könne. Ich eilte hinauf nach unserem Heim, überzeugte mich, wie ich schon angenommen hatte, daß die Genovevenklause leer sei, weckte dann Stefenson, Barthel, Piesecke und noch einige andere verläßliche Leute, und wir gingen nach verschiedenen Richtungen auf die Suche.Morgens drei Uhr kehrte ich todmüde nach Hause zurück. Die anderen waren auch noch nicht lange da. Niemand hatte eine Spur von Katharina entdeckt ...Noch ehe aber der späte Morgen graute, wurde die unglückliche Frau gebracht. Ein Waltersburger Bauer, der zeitig nach Neustadt fahren wollte, hatte am Chausseerand ein bewußtloses Weib gefunden und an ihrer Kleidung erkannt, daß sie zu uns gehörte. Er hatte die völlig durchnäßte Frau auf das Stroh seines Wägelchens gebettet und sie mit einer Pferdedecke zugedeckt.Ich ließ die Bewußtlose nach einem unserer Krankenzimmer am „Stillen Weg“ schaffen und Dr. Michael rufen. Ihn verständigte ich über das Vorgefallene, und wir begannen sofort unsere ärztlichen Maßnahmen. Wir verhehlten uns beide nicht, daß wir vor einer sehr ernsten Aufgabe standen. Sämtliche Männer, die um das[pg 334]traurige Vorkommnis wußten, auch der Bauer, gelobten Stillschweigen.Ich blieb fast den ganzen Vormittag bei der Kranken. Gegen zehn Uhr schlug sie die Augen auf. Sie lächelte mich an, ohne daß sie bei klarer Besinnung war, und sagte:„Der heilige Johannes hat mich getauft; nun bin ich rein von Sünden!“Die Augen fielen wieder zu, öffneten sich aber bald aufs neue.„Ich habe Luise gefunden. Als ich ganz müde war und auf die Straße fiel, ist sie zu mir gekommen.“Dann wieder tiefe Bewußtlosigkeit.Gegen Mittag ließ sich meine Mutter bei mir melden. Sie war sehr blaß und rang die Händchen ineinander.„Um Gottes willen, wie konnte das geschehen?“Ich sah sie streng an.„Es konnte geschehen, weil ihr so unbarmherzig waret, dieser Frau ihr Kind zu entreißen. Sag mir das eine, Mutter, hast du darum gewußt, daß Joachim in die Klause eindringen wollte?“„Nein, ich habe ihm bloß gesagt, wo das Kind ist, und dann nichts erfahren, bis er Luise brachte.“„Das ist mir lieb. Und wo ist Luise jetzt?“„Ich – ich habe sie nach Neustadt gebracht zu einer Freundin von mir. Wir wollten keinen Skandal in Waltersburg oder bei dir hier oben. Joachim wollte auch bald am Morgen fort.“[pg 335]Ich dachte daran, wie sicher der mütterliche Instinkt die unglückliche Katharina geleitet hatte. Auf dem Wege nach Neustadt war sie zusammengebrochen.„Was wird nun werden?“ fragte die Mutter. „Wie steht es?“„Es steht sehr schlecht. Du kannst deinem Sohne Joachim sagen oder schreiben, daß sein sehnlichster Wunsch, diese Frau möge sterben, wahrscheinlich in Erfüllung gehen wird. Er mag sich einstweilen freuen.“Die Mutter weinte.„Fritz, du mußt nicht so von ihm denken. Er hat doch auch viel gelitten. Gestern hat er unrecht gehandelt. Er ist dann die ganze Nacht wach geblieben, und ich glaube, wenn die Frau jetzt stirbt, wird es sein Gewissen sehr bedrücken. Er ist ja deswegen auch noch nicht abgereist.“Ich lachte.„Hab keine Sorge, Mutter, Joachims Gewissen ist recht robust.“„Ihr werdet euch nie verstehen.“„Nein. Niemals! Mit solch einem Kerl niemals!“ Sie saß noch ein Weilchen da. Ich fand kein gutes Wort für Joachim, auch nicht für sie, fragte auch nicht, was die beiden wohl nun mit Luise vorhätten, und so ging sie ...Unsere Patientin war schwer krank, und eine heftig einsetzende Lungenentzündung nahm uns bei der schlechten Beschaffenheit des Herzens fast alle Hoffnung.Am zweiten Tage abends wurde von Waltersburg aus wieder nach Katharinas Befinden gefragt. Ich schrieb auf einem Zettel:[pg 336]„Joachim mag sich noch etwas gedulden; es ist bald aus.“Am selben Abend hörte ich draußen vor den Fenstern ein helles Kinderlachen. Da sah ich Luise draußen. Stefenson hatte das Mädel um den Hals gefaßt und führte sie die Straße herauf.Ich ging hinaus. Das Kind stürzte auf mich zu.„Onkel, lieber Onkel“, rief es selig; „denke dir, Pappa ist wieder da.“Stefenson strahlte über das ganze Gesicht. Er flüsterte mir zu:„Es ist nicht so gegangen, wie ich wollte. Ich hatte mir einen genialen Plan zurechtgelegt, dem Kerl das Mädel zu nehmen; da gab er es leider freiwillig her.“Das Kind klammerte sich an mich.„Onkel, lieber Onkel, laß doch nicht mehr den bösen Mann zu mir kommen. Ich hab so schreckliche Angst vor ihm!“Ich sagte ihr nicht, daß der „böse Mann“ ihr Vater sei. Es gibt Hunderttausende von Kindern, für die der eigene Vater der „böse Mann“ ist. Die männlichen Schweine fressen zuweilen den eigenen Nachwuchs auf; ich schätze menschliche Väter, die ihrer Kinder Jugendglück vergiften, noch um einige Grade niedriger ein als die selbstsüchtigen Borstentiere. Denn im Schweinekoben ist der Schmerz kurz, bei lieblosen Menschenerziehern dehnt er sich Jahr für Jahr.„Kommt der böse Mann wieder?“„Nein, Luise, er kommt nicht mehr!“[pg 337]„Dann mußt du der Magdalena sagen, daß wir nicht mehr in der Genovevenklause wohnen wollen; wir wollen lieber wieder in den Forellenhof ziehen.“„Hast du Magdalena lieb, Luise?“„Ja, ich will wieder zu ihr. Wo ist sie?“„Sie ist jetzt krank; aber vielleicht wird sie wieder gesund.“„Sie wird doch nicht sterben?“ fragte das Kind weinerlich.„Nein, Herzchen“, sagte ich mit unsicherer Stimme. Langsam gingen Stefenson und ich mit dem Kinde den „Stillen Weg“ entlang ...Keinem unter allen Sündern hat Christus so streng die Verdammnis angedroht wie den Unbarmherzigen. Was er für sie hat, ist die „ewige Finsternis, wo Heulen und Zähneknirschen ist“. Diese Höllenstrafe trifft die Unbarmherzigen schon auf dieser Welt. Denn Unbarmherzigkeit ist Finsternis, und Haß heult und knirscht mit den Zähnen und ist verbannt von allem Frieden und allem Glück.In diesem Lichte sah ich meinen Bruder. Und als ich wieder einmal bei der röchelnden, fiebernden Frau war, als ich ihre heißen Hände sich die Wand hinaufkrallen sah, ihren qualvollen Husten hörte, schickte ich auf neue Anfrage aus Waltersburg einen Zettel an Joachim:„Du bist als Amerikafahrer mit indianischen Gebräuchen vertraut. Freue dich, deine Frau hängt am Marterpfahl!“[pg 338]Daraufhin ließ er sich bei mir melden, aber ich empfing ihn nicht ...In ihren Fieberträumen schrie die Frau immer wieder:„Taufe mich, heiliger Johannes, taufe mich!“Und sie jammerte nach dem Kinde.Als sie das erstemal bei klarem Bewußtsein war, als sich der Fieberblick in Angst und Todestraurigkeit verlor, wußte sie nichts zu sagen als: „Luise ist fort!“Da sah ich sie lächelnd an.„Nein, liebe Käthe, Luise ist hier. Du bist nur jetzt noch krank; du bildest dir bloß ein, daß Luise fort ist.“„Ich – ich bilde es mir bloß ein?“Ein kleines, halb irres Lachen flog um ihren Mund.„Ich bilde es mir bloß ein!“„Ja, liebe Käthe – du denkst das bloß so ...“„Ich denke es bloß so? Wo ist denn Luise? Warum ist sie denn nicht bei mir?“„Sieh nur, Käthe, du bist krank; das Kind lärmt zu sehr. Du weißt doch, wie es lärmt.“„Es ist so schön, wenn es lärmt!“Und sie lächelte lieb und seltsam und schlief ein.Es ging auf die Krisis zu. Wie das so ist in solchen Fällen: das Befinden schwankte; einmal ging es der Kranken etwas besser, ein anderes Mal wieder war es ganz zum Verzweifeln. Immer der eine Satz: „Wenn das Herz aushält, dann ...“[pg 339]Ja, wenn!Am siebenten Tage ließen wir Luise zu der Kranken. Wir hatten Luise wohl vorbereitet.„Du darfst nicht schreien oder weinen oder lärmen. Du darfst nur ganz leise auf den Zehen ans Bett gehen, der Magdalena die Hand küssen und sagen: ‚Mamma, ich hab dich lieb!‘“So hat es das Mädchen getan. Die Kranke lag mit verklärtem Gesicht, und in ihren Augen war ein Strahlen, als ob ihr der Himmel offenstände.Als das Kind das Zimmer verlassen hatte, ging ein Frösteln über den Körper des Weibes:„Es ist alles nicht wahr gewesen – ich hab das Furchtbare nur geträumt – Luise ist wirklich da ...!“Am zehnten Tage wußten wir, daß Katharina am Leben bleiben würde. Freilich würde sie nie mehr ganz gesunden. Das Herz war schon vor der Erkrankung nicht in Ordnung gewesen und hatte nun schwer gelitten. Es würde ein sehr stilles Leben sein, was Katharina fortan führen müßte.Am hellen Mittag trat mir auf dem „Stillen Weg“ der Bruder entgegen. Er gesellte sich zu mir, ohne daß wir uns die Hände reichten.„Lebt sie noch? Ist die Krise vorbei?“ fragte er mit offener Furcht in den Augen.„Ja, es ist überwunden!“Da atmete er auf.[pg 340]„Ich habe schwere Tage und Nächte hinter mir“, sagte er etwas stockend; „deine Worte lagen mir immer in den Ohren, und du hast es mir auch durch deine Botschaften nicht leicht gemacht. Aber ich hatte es wohl verdient.“Ich antwortete nicht. Er fuhr fort:„Ich werde nun abreisen. Ich bitte dich, Käthe zu einer Zeit, wo du es für angemessen halten wirst, einen Brief von mir zu übergeben. Er ist offen; du sollst ihn vorher lesen. Der Brief enthält nichts als einen kurzen Abschied, und daß wir jetzt, durch Land und Meer für immer getrennt, ohne Feindschaft aneinander denken wollen.“Ich wandte den Kopf zur Seite.„Und Luise?“„Luise werde ich ihr lassen.“Wir gingen schweigend nebeneinander hin. Dann sagte er:„Daß ich von dem Kinde ohne Abschied fortgehen muß, fällt mir sehr schwer. Du wirst es nicht glauben; aber es ist wahr. Das Kind würde sich fürchten, wenn es mich wiedersähe. Ich bitte, daß du dich weiter des Mädchens annimmst. Mit einem Kapital werde ich es ausstatten. Willst du die Sache übernehmen?“„Ja.“„Ich danke dir!“Wieder gingen wir ein Stückchen wortlos weiter.„Ich könnte nun gehen, Fritz; aber das Schwerste habe ich noch zu sagen.“[pg 341]Ich sah ihn fragend an. Da brachte er heraus:„Die Mutter will mit mir nach Amerika.“Ich blieb stehen.„Du mußt nicht glauben, Fritz, daß ich Mutter dazu überredet habe. Sie hat es von selbst gewollt.“„Ja, ich kann es mir denken.“Etwas unendlich Bitteres quoll mir durch die Seele.„Wann wollt ihr denn fort?“„Morgen. Die Mutter läßt dich fragen, wann sie sich von dir verabschieden kann. Willst du am Nachmittag zu ihr hinunterkommen?“Ich mußte erst ein paarmal Atem holen, dann sagte ich:„Ja, ich werde kommen.“Joachim blieb stehen.„So habe ich dir alles gesagt, Fritz. Nun kann ich mich von dir verabschieden. Wenn du zu Mutter kommst, werde ich euch nicht stören, werde ich schon fort sein.“Es wurde ihm schwer.„Leb wohl, Fritz; hab keinen Groll mehr gegen mich. Ich danke dir für alles Gute – auch, daß du mich fünf Jahre lang gesucht hast – auch, daß du neulich so mit mir gesprochen hast.“Die Stimme stockte ihm, und auch ich brachte es kaum heraus, als ich sagte:„Behüte dich Gott, Joachim!“Als er sich schon abgewandt und die ersten Schritte gemacht hatte, erscholl jenseits eines kleinen Gebüsches das selige Kinderlachen Luises.[pg 342]Joachim wandte sich noch einmal um.„Ist sie das?“Ich nickte mit dem Kopf.Da legte er die Hand über die Augen und ging schwer und langsam den Berg hinab.Und noch einmal erscholl das Lachen des spielenden Kindes hinter ihm her.
Mit Eva Bunkert verließ uns auch die kleine Anneliese. Am Abschiedsabend hatte sie sich nicht beteiligt. Es hieß, „Bärbel“ sei nicht wohl und habe sich zeitig zur Ruhe gelegt. Wie mein Bruder mit dem Mädchen stand, wußte ich nicht. Joachim war verschlossener als je. Am Abend des Tages aber, da die Mädchen abgereist waren, kam er zu mir.
Ganz unvermittelt sagte er: „Fritz, ich möchte fort. Morgen oder übermorgen.“
„Fort? Wohin?“
„Wieder hinüber.“
„Nach Amerika?“
„Ja.“
Ich sah ihn schweigend an.
Da sagte er:
„Du hast wohl bemerkt, daß ich eine Neigung für Fräulein Anneliese hatte. Ich hoffte, es könnte mir ein neues Glück in der Heimat erblühen. Diese Hoffnung hat mich betrogen – wie alle anderen.“
„Ist es aus zwischen euch?“
„Ja. Das Mädchen hing an mir, und es war alles verabredet für baldige Hochzeit. Da hielt ich mich gestern[pg 321]für verpflichtet, ihr mein Leben zu schildern. Droben am Hange sind wir gewesen. Da habe ich ihr das Schwere gesagt. Sie hat sehr geweint und sich schwer von mir losgerissen; aber sie bleibt dabei, daß sie den geschiedenen Mann einer noch lebenden Frau nicht heiraten dürfe. Du weißt wohl warum?“
„Ja. Ihre katholische Religion verbietet Anneliese solche Ehe.“
Er fing an zu toben, an den Ketten zu zerren – ich ließ ihn reden und toben.
Zuletzt sagte er:
„Und ich weiß nicht einmal, ob dieses – dieses Weib noch lebt.“
Ich blieb still.
„Weißt du etwas von ihr? Weißt du, ob sie noch lebt?“
„Sie lebt.“
Er stöhnte. Ich merkte, wie sehnsüchtig er auf den Tod seiner Frau gehofft hatte.
„Und – das Kind, wo ist es?“
„Es ist bei seiner Mutter.“
„Das habt ihr zugegeben? So gewissenlos seid ihr gewesen?“
„Das Kind ist wohl aufgehoben bei ihr.“
Er lachte rauh und ergoß eine Flut schwerster Schimpfworte über seine Frau. Wieder ließ ich ihn reden und toben. Zuletzt stieß er hervor:
„Wo hält sich das Scheusal auf?“
„Deine Frau? Das sage ich dir nicht.“
„Dasmußtdu mir sagen!“
„Nein, Joachim, ich sage es dir nicht!“
Er ballte die Fäuste und trat mit dem Fuß auf. Dann ließ er die Arme schlaff hängen und sagte in feindseligem Ton:
„Gut! Was ich wissen will, werde ich auch ohne dich erfahren.“
Ohne Gruß verließ er mich. Ich trat ans Fenster und sah ihn unten über die Wiese gehen. Das war der Mann, dem ich fünf Jahre lang um die ganze Welt nachgereist war. Weil er der Sohn meiner Mutter war. Nun würde ich eine solche Familienaufgabe nicht mehr übernehmen. Ich öffnete nicht einmal das Fenster, um ihm nachzurufen.
Ich setzte mich an den Schreibtisch und begann zu arbeiten. Es ging schwer. Ich war von der Aufregung der letzten Nacht und des Tages ganz benommen. Es fiel mir ein, Joachim werde nun wohl zur Mutter gehen. Aber die wußte ja auch nichts von Katharina, die bei uns Magdalena hieß, hatte keine Ahnung von ihrer Anwesenheit hier im Heim. Es wurde spät. Ich wollte nur noch meine letzte Zigarre ausrauchen, dann schlafen gehen. Wie gleichmütig mich der Abschied des Bruders ließ! Freilich, die Mutter würde wieder sehr mit mir zürnen. Aber ich konnte das nicht ändern. Ich war aller Familiensimpelei müde geworden.
Wie ich noch so still dasaß, hörte ich auf einmal jemand den Korridor entlang eilen.
Die Tür wurde aufgerissen.
Magdalena stand vor mir.
Mit wirrem Haar, in unordentlicher Kleidung. Entsetzt. Verstört.
„Helfen Sie – helfen Sie – sie haben mir das Kind genommen.“
„Was? Was sagst du, Käthe?“
„Das Kind haben sie mir genommen – Luise – o Gott!“
„Wer hat es genommen?“
„Er – Joachim – er ist mit einem fremden Mann gekommen – sie haben das Kind fortgeschleppt – meine Luise – meine Luise!“
Ich wollte die zitternde Frau auf einen Stuhl nötigen.
„Nein, kommen Sie bald – sie haben mich ja in die Kammer eingeschlossen gehabt – eine Stunde ist es wohl schon her, daß sie mit dem Kinde fort sind – ich habe die Kammertür nicht aufgekriegt – kommen Sie schnell – schnell!“
Die Frau schluchzte und zuckte in namenlosem Schmerz. Ich sah alles wie durch einen Schleier. Wie kam Joachim nach der Genovevenklause? Wer hatte ihm den Weg gewiesen?
Plötzlich wurde mir alles klar. Ich war unvorsichtig gewesen, Joachim zu verraten, daß Luise bei ihrer Mutter sei, und da unsere Mutter wußte, wo das Kind war, fanden sie auch die Frau.
Oh, ich Tor! Ich sah, daß Käthe am Halse rote Striemen hatte.
„Hat er dir etwas getan, Käthe? Hat er dich etwa gar geschlagen?“
„Ich weiß es nicht. Aber das Kind ist fort, das Kind ist fort!“
Sie hatte wohl mit dem Manne gerungen, und er hatte sie mit irgendeinem Helfershelfer in die Kammer gesperrt und das Kind entführt. Der brutale Kerl! Ein wütender Haß gegen ihn schlug in mir auf.
„Erbarmen Sie sich, Herr Doktor, helfen Sie mir!“
„Nenn mich nicht Herr Doktor, Käthe, nenne mich Fritz! Wir sind Verwandte. Ich werde dir helfen, so gut ich irgend kann.“
Demütig und furchtsam wie ein geprügelter Hund stand sie vor mir.
Ich zog mir den Mantel an.
„Ich bitte dich, Käthe, geh nach Hause. Du kannst nichts tun. Ich werde mich sofort auf die Suche machen.“
„Ich kann nicht nach Hause gehen; ich muß Luise suchen –“
Mit irrsinnig flimmernden Augen sah sie mich an.
„Du kannst nichts tun, Käthe. Ich werde sofort hinab zu meiner Mutter gehen, dort werde ich wahrscheinlich Joachim treffen und mit ihm abrechnen.“
„Ich will mit. Ich fürchte mich nicht, wenn sie mich auch schlagen.“
„Du mußt mir jetzt gehorchen, Käthe! Sonst verdirbst du alles; sonst kann ich dir nicht helfen!“
Da senkte sie stumm den Kopf.
Wir eilten auf einem Nebenpfade gen Waltersburg hin. Als der Weg nach der Genovevenklause abbog, ge[pg 325]bot ich der Frau, nach Hause zu gehen und zu warten, bis ich ihr Nachricht brächte. Sie schlich davon. Aber als ich den Berg hinabeilte, merkte ich, daß mir von ferne ein Schatten folgte.
Das Haus der Mutter war hell erleuchtet. Die Haustür stand offen. Ich eilte nach dem ersten Stock, nach dem Zimmer der Mutter, und trat ein, ohne anzuklopfen. Mitten in der Stube stand Joachim; er war allein. In offener Feindseligkeit blickten wir uns an.
„Wo ist das Kind? Wo ist Luise?“
„Nicht hier.“
„Wo ist die Mutter?“
„Auch nicht hier.“
„Willst du mir sagen, wo beide sind?“
„Nein! Aber ich will dir sagen, daß ich das Mädchen der Obhut des Frauenzimmers, dem du es übergeben, entrissen und in eigene Erziehung genommen habe. Morgen früh geht die Reise los. Ich nehme das Kind mit. Das ist mein Recht. Das Kind gehört mir.“
Ich konnte vor Zorn kaum sprechen.
„Ah – und es ist wohl auch dein Recht, in eines unserer Häuser einzubrechen und ein wehrloses Weib seiner Freiheit zu berauben?“
„Das tat ich nur, um sie zu hindern, hinter uns herzuschreien und Skandal zu erregen. Um allen Skandal zu vermeiden, bringt Mutter das Kind schon jetzt nach auswärts.“
„Oh, wie bist du rücksichtsvoll! Du willst keinen[pg 326]Skandal. Du vergissest nur das eine: daß es ein großer Skandal ist, wenn man sich benimmt wie ein Bandit!“
„Hüte dich nur!“
„Ich fürchte mich nicht vor deiner Brutalität. Ich kann dich – wenn es mir beliebt – wegen der Schandtat eines Einbruchs in eines unserer verschlossenen Häuser jeden Augenblick einsperren lassen. Ich werde es höchstwahrscheinlich auch tun und mich um keinerlei Skandal kümmern.“
„Du nimmst in sehr merkwürdiger Weise Partei für jenes Weib.“
„Ja, sie steht trotz ihres Fehltritts gerechtfertigter, ich will ruhig sagen, viel anständiger vor meinen Augen als du!“
„Das bitte ich mir zu beweisen“, sagte er heiser vor Wut. Er setzte sich auf eine Tischkante; ich lehnte an einem Schrank ihm gegenüber.
„Ich erinnere dich daran, Joachim, daß das schöne Mädchen, das Katharina hieß, damals zwar deine blinde, wahnsinnige Leidenschaft erregt, aber daß sie dich niemals geliebt hat, daß sie so ehrlich war, es dir zu sagen.“
„Hör auf damit!“
„Nein, da liegt die Wurzel zu allem Unheil, das kam. Als du von dem Mädchen abgewiesen warst, tatest du das, was du immer tatest, wenn du einen Wunsch durchaus durchsetzen wolltest, du hingst dich an die Kleiderrockfalten der Mutter.“
Er sprang herunter vom Tisch und trat drohend vor mich.
„Benimm dich immerhin auch in dieser Stunde noch mit einigem Anstand, Joachim! Du hast mir so viel von meinem Leben genommen, fünf volle blühende Jahre, daß ich ein Recht habe, dich als meinen Schuldner zu betrachten und endlich mit dir abzurechnen.“
Er wich zurück, lachte verächtlich und trat ans Fenster.
„Ich habe dich nicht aufgefordert, mir zu folgen.“
„Nein, aber die Mutter hat es getan, die dich von Kind auf zu einem jämmerlichen Egoisten erzogen hat.“
„Sag noch ein Wort gegen die Mutter, und ich halte mich nicht länger!“
„Du sprichst wie ein Raufbold, Joachim, und ich schäme mich für dich. Wie ich innerlich zur Mutter stehe, geht daraus hervor, daß ich auf ihren stillen Wunsch hin, dich wiederzuhaben, meine Jugend opferte. Aber nicht davon wollte ich sprechen, sondern von deinem Verhältnis zu Katharina. Das Mädchen sagte dir damals, daß seine Liebe einem anderen gehöre, deinem Freunde ...“
„Hör auf – ich ertrage das nicht!“
„Ich weiß, trotz deiner Brutalität anderen gegenüber bist du, was die eigene werte Person anlangt, sehr feinfühlig; nicht einmal eine wahrheitsgemäße Aussprache erträgst du. Aber ich erspare sie dir nicht. Ich halte dir den Spiegel vor, damit du weißt, wenn du von hier fortziehst, daß es jemand auf der Welt gibt, der keine Spur von Mitleid, ja nicht einmal von Achtung mehr für dich hat, und das ist dein Bruder, der dich unter allen Menschen auf der Welt am besten kennt.“
Er erwiderte nichts mehr; er starrte mich nur an. Ich setzte kaltblütig die Abrechnung fort.
„Du wandtest dich damals an die Mutter, und die Mutter setzte bei den Eltern des Mädchens alle Hebel für dich ein. Die Leute hatten sechs Töchter. Eine von ihnen versorgt zu sehen, war ihr sehnlichster Wunsch. Du warst approbierter Arzt, der andere, dein Freund, ein vermögens- und aussichtsloser Kandidat. Da wurde dem Mädel Tag und Nacht zugesetzt, bis sie dich nahm. Das war in diesem Falle die Grundlage für die schwere Ja-Frage am Altar nach dem ‚freien, ungezwungenen, selbst ungenötigten Willen‘.“
Joachim war in einen Sofawinkel gesunken. Mir war das Herz so kalt und leicht wie einem Staatsanwalt, der auf „schuldig“ plädiert.
„Während du die Flitterwochen hieltest, ging dein Freund beinahe zugrunde. Nach einem Jahre hieß es, er habe sich beruhigt. Er kam zu euch. Die alte Sehnsucht trieb ihn. Und da geschah Katharinas Unglück. Du warst natürlich in deiner Ehre sehr tief verletzt. Ich sah das ein. Erst jetzt begreife ich, daß in jener Ehe deine Gattenehre nicht von Gottes, sondern von Mutters und Geldsacks Gnaden war. Das Weib hat gefehlt, ohne Zweifel. Zweimal. Nicht nur, als sie dir die Ehe brach, sondern schon, als sie die Ehe mit dir einging. Aber du und die Mutter – und wir alle, die wir schürend oder doch stillschweigend mitgewirkt haben, sind wir Gerechte? Leute, die Steine aufheben dürfen? Oder Pharisäer, die verdienen, die Geißel des Messias ins Gesicht zu bekommen?
Katharina hat ihre Schuld gebüßt. Nicht durch deinen rohen Revolverschuß, nicht dadurch, wie sie dich vor Gericht reinwusch, indem sie aussagte, sie habe sich die Wunde selbst zugefügt. Nein, mit aber tausend Tränen. Erst jetzt weiß ich, wie ihr Mutterherz gehungert hat, wie sie durch all die Jahre nach dem Kinde gesucht hat. Dieses Weib hat vielleicht an einem Tag und in einer Nacht mehr gelitten und heißer zum Himmel gerufen als du in der ganzen Zeit. Jetzt auf einmal erscheinst du wieder in der ganzen Pracht und Herrlichkeit deines gesetzmäßigen Richtertums und beginnst deine Brutalitäten aufs neue. Und deshalb, sage ich, ist deine Frau ein hundertmal anständigerer Mensch, als du bist!“
Er stand auf, zuckte ein wenig mit den Armen durch die Luft, als ob er reden wolle, setzte sich aber wieder. Ich behielt ihn scharf im Blick und fuhr fort:
„Das ist die Abrechnung, die deine Frau betrifft. Da kommst du immer noch gut dabei weg, weil nicht nur dein eigenes, sondern auch das andere Konto belastet ist. Nun komme ich auf dein Verhältnis zu deinem Kinde zu sprechen. Und da – nichts für ungut, lieber Bruder – hast du dich glattweg benommen wie ein Lump. Das Tier bekümmert sich um sein Junges, trägt ihm die besten Bissen zu, sorgt für seine Sicherheit. Du hast für deine eigene Sicherheit gesorgt, die besten Bissen selbst gegessen, dem Kinde nicht einen Pfennig, nicht ein armseliges Spielzeug, nicht ein Wort oder einen Blick gegönnt. Der verkommenste Proletarier, der von zehn Mark, die er verdient, neun versäuft und eine Mark seiner Familie[pg 330]gibt, ist ein besserer Vater, als du bist, denn du hast auch die zehnte Mark für dich genommen.“
„Die Mutter ...“, ächzte Joachim.
„Ja, die Mutter hat die sogenannten Erziehungsgelder gezahlt. Nebenbei gesagt, nicht nur von deinem, auch von meinem Erbteil. Ich wundere mich, daß ich so etwas sagen kann; aber alle Sentimentalität ist mir wahrscheinlich abhanden gekommen. Wir alle haben gefehlt, auch ich! Ich hätte dir nicht nachlaufen, ich hätte mich lieber um das Kind kümmern sollen. Aber ich war ein unerfahrener, wehleidiger Geselle. Ich bin erst jetzt, da ich ein großes Werk angefangen habe, dazu gekommen, die Dinge, die um mich her sind, klar und leidenschaftslos zu sehen und zu beurteilen. Wenn ich nun, Joachim, alles zusammenfasse, so bist du weder deiner Frau noch deinem Kinde gegenüber im Recht. Du hast dich bis jetzt unbarmherzig zurückgehalten und bist plötzlich brutal hervorgetreten, als deine neue Liebe scheiterte, als dich das von dir herbeigeführte Band, das Priesterhand schlang, hinderte, nach deinem Wohlgefallen jetzt ein neues zu schlingen. Was dich jetzt leitet, ist nicht Moral, sondern ist Wut, ist enttäuschte Selbstsucht! Du kannst die Lage deines bis heute verleugneten Kindes nicht bessern; denn einen unfähigeren Erzieher, als du bist, kann es nicht geben!“
Joachim erhob sich.
„Meinst du, daß ich mir diese Grobheiten gefallen lasse?“
„Es sind nicht Grobheiten, es sind Wahrheiten, Joachim.“
„Willst du jetzt dieses Zimmer und dieses Haus verlassen?“
„Nein, ich werde warten, bis die Mutter kommt.“
„So werde ich gehen; ich verschmähe es, weiter mit dir zusammen zu sein.“
„Ganz in meinem Sinne. Ich verbiete dir aber, unser Ferienheim noch einmal zu betreten. Außerdem ist es nach deinem brutalen Verhalten selbstverständlich, daß du als Arzt von uns entlassen bist.“
Er antwortete nicht mehr; er nahm Mantel und Hut und tappte die Treppe hinab. Ich konnte mir zunächst über das, was ich gesprochen hatte, keine klare Rechenschaft geben.
Ich hatte nur ein Gefühl der Erleichterung, hatte mir einmal das Herz abräumen gekonnt.
Jetzt fiel unten die Haustür zu. Ich sah Joachim vom Fenster aus, obwohl eine mondscheinlose Nacht und die Straßenbeleuchtung sehr kümmerlich war. Joachim ging auf den Johannisbrunnen zu. Mit einem Male löste sich dort ein Schatten los. Ich erschrak. Katharina! Sie hielt den Bruder jedenfalls für meine Person. Ich sah, wie die beiden aufeinander zugingen, aufeinander einsprachen, wie das Weib entsetzt die Arme hoch hielt, sich dann vor dem Bruder auf die Knie warf, wie er sie emporriß. Sie klammerte sich fest an seinen Arm; er versuchte sich loszulösen; sie rangen miteinander.
Ich riß das Fenster auf.
„Katharina“, rief ich hinunter, „sei vernünftig!“
Sie hörte nicht, ließ nicht los, schließlich rang sie weiter[pg 332]mit ihm, und ich hörte sie um das Kind bitten. Sie standen dicht am Brunnenrand. Da gab Joachim dem Weibe einen gewaltigen Stoß, sie taumelte zurück und fiel über den niederen Brunnenrand ins Wasser.
Joachim blieb still stehen, wohl im Schreck, zwei, drei Sekunden lang; dann beugte er sich über das Becken.
Da sprang das Weib aus dem Wasser heraus und rannte davon.
Ich hatte all diesen sich schnell abspielenden Vorgängen sprachlos zugesehen, dann war ich mit einigen Sätzen unten auf dem Markte. Joachim stand noch am alten Fleck.
„Ah“, lachte er, „du hast zugesehen – da wirst du wohl jetzt behaupten, ich hätte das Weib ertränken wollen.“
„Das werde ich nicht behaupten. Du hast sie nur zurückgestoßen, und sie ist unglücklich gefallen.“
„Na also! Ich lasse mich auf der Straße nicht anfallen, verstehst du? Eure Komödien verfangen nicht bei mir!“
„Joachim, wir müssen ihr nach, wir müssen sie suchen.“
„Suchen? Ich denke nicht daran. Was geht sie mich an?“
„Joachim, sie muß völlig durchnäßt sein, es ist eine kalte Nacht; sie ist halb irrsinnig vor Aufregung wegen des Kindes. Es kann ein Unglück passieren!“
Er antwortete nicht, wandte sich um und ging nach Mutters Haus zurück. Ich sah ihm nach, hörte, wie er[pg 333]von innen den Haustürschlüssel umdrehte. Dann eilte ich die Straße hinunter, in der ich Katharina hatte verschwinden sehen.
Ich rannte durch die ganze Stadt, auch teilweise hinaus auf die Landstraßen. Es verging wohl eine Stunde und mehr Zeit; ich fand nichts. Es hatte angefangen zu regnen, und es blies ein rauher Wind. Endlich sah ich ein, daß ich allein nichts ausrichten könne. Ich eilte hinauf nach unserem Heim, überzeugte mich, wie ich schon angenommen hatte, daß die Genovevenklause leer sei, weckte dann Stefenson, Barthel, Piesecke und noch einige andere verläßliche Leute, und wir gingen nach verschiedenen Richtungen auf die Suche.
Morgens drei Uhr kehrte ich todmüde nach Hause zurück. Die anderen waren auch noch nicht lange da. Niemand hatte eine Spur von Katharina entdeckt ...
Noch ehe aber der späte Morgen graute, wurde die unglückliche Frau gebracht. Ein Waltersburger Bauer, der zeitig nach Neustadt fahren wollte, hatte am Chausseerand ein bewußtloses Weib gefunden und an ihrer Kleidung erkannt, daß sie zu uns gehörte. Er hatte die völlig durchnäßte Frau auf das Stroh seines Wägelchens gebettet und sie mit einer Pferdedecke zugedeckt.
Ich ließ die Bewußtlose nach einem unserer Krankenzimmer am „Stillen Weg“ schaffen und Dr. Michael rufen. Ihn verständigte ich über das Vorgefallene, und wir begannen sofort unsere ärztlichen Maßnahmen. Wir verhehlten uns beide nicht, daß wir vor einer sehr ernsten Aufgabe standen. Sämtliche Männer, die um das[pg 334]traurige Vorkommnis wußten, auch der Bauer, gelobten Stillschweigen.
Ich blieb fast den ganzen Vormittag bei der Kranken. Gegen zehn Uhr schlug sie die Augen auf. Sie lächelte mich an, ohne daß sie bei klarer Besinnung war, und sagte:
„Der heilige Johannes hat mich getauft; nun bin ich rein von Sünden!“
Die Augen fielen wieder zu, öffneten sich aber bald aufs neue.
„Ich habe Luise gefunden. Als ich ganz müde war und auf die Straße fiel, ist sie zu mir gekommen.“
Dann wieder tiefe Bewußtlosigkeit.
Gegen Mittag ließ sich meine Mutter bei mir melden. Sie war sehr blaß und rang die Händchen ineinander.
„Um Gottes willen, wie konnte das geschehen?“
Ich sah sie streng an.
„Es konnte geschehen, weil ihr so unbarmherzig waret, dieser Frau ihr Kind zu entreißen. Sag mir das eine, Mutter, hast du darum gewußt, daß Joachim in die Klause eindringen wollte?“
„Nein, ich habe ihm bloß gesagt, wo das Kind ist, und dann nichts erfahren, bis er Luise brachte.“
„Das ist mir lieb. Und wo ist Luise jetzt?“
„Ich – ich habe sie nach Neustadt gebracht zu einer Freundin von mir. Wir wollten keinen Skandal in Waltersburg oder bei dir hier oben. Joachim wollte auch bald am Morgen fort.“
Ich dachte daran, wie sicher der mütterliche Instinkt die unglückliche Katharina geleitet hatte. Auf dem Wege nach Neustadt war sie zusammengebrochen.
„Was wird nun werden?“ fragte die Mutter. „Wie steht es?“
„Es steht sehr schlecht. Du kannst deinem Sohne Joachim sagen oder schreiben, daß sein sehnlichster Wunsch, diese Frau möge sterben, wahrscheinlich in Erfüllung gehen wird. Er mag sich einstweilen freuen.“
Die Mutter weinte.
„Fritz, du mußt nicht so von ihm denken. Er hat doch auch viel gelitten. Gestern hat er unrecht gehandelt. Er ist dann die ganze Nacht wach geblieben, und ich glaube, wenn die Frau jetzt stirbt, wird es sein Gewissen sehr bedrücken. Er ist ja deswegen auch noch nicht abgereist.“
Ich lachte.
„Hab keine Sorge, Mutter, Joachims Gewissen ist recht robust.“
„Ihr werdet euch nie verstehen.“
„Nein. Niemals! Mit solch einem Kerl niemals!“ Sie saß noch ein Weilchen da. Ich fand kein gutes Wort für Joachim, auch nicht für sie, fragte auch nicht, was die beiden wohl nun mit Luise vorhätten, und so ging sie ...
Unsere Patientin war schwer krank, und eine heftig einsetzende Lungenentzündung nahm uns bei der schlechten Beschaffenheit des Herzens fast alle Hoffnung.
Am zweiten Tage abends wurde von Waltersburg aus wieder nach Katharinas Befinden gefragt. Ich schrieb auf einem Zettel:
„Joachim mag sich noch etwas gedulden; es ist bald aus.“
Am selben Abend hörte ich draußen vor den Fenstern ein helles Kinderlachen. Da sah ich Luise draußen. Stefenson hatte das Mädel um den Hals gefaßt und führte sie die Straße herauf.
Ich ging hinaus. Das Kind stürzte auf mich zu.
„Onkel, lieber Onkel“, rief es selig; „denke dir, Pappa ist wieder da.“
Stefenson strahlte über das ganze Gesicht. Er flüsterte mir zu:
„Es ist nicht so gegangen, wie ich wollte. Ich hatte mir einen genialen Plan zurechtgelegt, dem Kerl das Mädel zu nehmen; da gab er es leider freiwillig her.“
Das Kind klammerte sich an mich.
„Onkel, lieber Onkel, laß doch nicht mehr den bösen Mann zu mir kommen. Ich hab so schreckliche Angst vor ihm!“
Ich sagte ihr nicht, daß der „böse Mann“ ihr Vater sei. Es gibt Hunderttausende von Kindern, für die der eigene Vater der „böse Mann“ ist. Die männlichen Schweine fressen zuweilen den eigenen Nachwuchs auf; ich schätze menschliche Väter, die ihrer Kinder Jugendglück vergiften, noch um einige Grade niedriger ein als die selbstsüchtigen Borstentiere. Denn im Schweinekoben ist der Schmerz kurz, bei lieblosen Menschenerziehern dehnt er sich Jahr für Jahr.
„Kommt der böse Mann wieder?“
„Nein, Luise, er kommt nicht mehr!“
„Dann mußt du der Magdalena sagen, daß wir nicht mehr in der Genovevenklause wohnen wollen; wir wollen lieber wieder in den Forellenhof ziehen.“
„Hast du Magdalena lieb, Luise?“
„Ja, ich will wieder zu ihr. Wo ist sie?“
„Sie ist jetzt krank; aber vielleicht wird sie wieder gesund.“
„Sie wird doch nicht sterben?“ fragte das Kind weinerlich.
„Nein, Herzchen“, sagte ich mit unsicherer Stimme. Langsam gingen Stefenson und ich mit dem Kinde den „Stillen Weg“ entlang ...
Keinem unter allen Sündern hat Christus so streng die Verdammnis angedroht wie den Unbarmherzigen. Was er für sie hat, ist die „ewige Finsternis, wo Heulen und Zähneknirschen ist“. Diese Höllenstrafe trifft die Unbarmherzigen schon auf dieser Welt. Denn Unbarmherzigkeit ist Finsternis, und Haß heult und knirscht mit den Zähnen und ist verbannt von allem Frieden und allem Glück.
In diesem Lichte sah ich meinen Bruder. Und als ich wieder einmal bei der röchelnden, fiebernden Frau war, als ich ihre heißen Hände sich die Wand hinaufkrallen sah, ihren qualvollen Husten hörte, schickte ich auf neue Anfrage aus Waltersburg einen Zettel an Joachim:
„Du bist als Amerikafahrer mit indianischen Gebräuchen vertraut. Freue dich, deine Frau hängt am Marterpfahl!“
Daraufhin ließ er sich bei mir melden, aber ich empfing ihn nicht ...
In ihren Fieberträumen schrie die Frau immer wieder:
„Taufe mich, heiliger Johannes, taufe mich!“
Und sie jammerte nach dem Kinde.
Als sie das erstemal bei klarem Bewußtsein war, als sich der Fieberblick in Angst und Todestraurigkeit verlor, wußte sie nichts zu sagen als: „Luise ist fort!“
Da sah ich sie lächelnd an.
„Nein, liebe Käthe, Luise ist hier. Du bist nur jetzt noch krank; du bildest dir bloß ein, daß Luise fort ist.“
„Ich – ich bilde es mir bloß ein?“
Ein kleines, halb irres Lachen flog um ihren Mund.
„Ich bilde es mir bloß ein!“
„Ja, liebe Käthe – du denkst das bloß so ...“
„Ich denke es bloß so? Wo ist denn Luise? Warum ist sie denn nicht bei mir?“
„Sieh nur, Käthe, du bist krank; das Kind lärmt zu sehr. Du weißt doch, wie es lärmt.“
„Es ist so schön, wenn es lärmt!“
Und sie lächelte lieb und seltsam und schlief ein.
Es ging auf die Krisis zu. Wie das so ist in solchen Fällen: das Befinden schwankte; einmal ging es der Kranken etwas besser, ein anderes Mal wieder war es ganz zum Verzweifeln. Immer der eine Satz: „Wenn das Herz aushält, dann ...“
Ja, wenn!
Am siebenten Tage ließen wir Luise zu der Kranken. Wir hatten Luise wohl vorbereitet.
„Du darfst nicht schreien oder weinen oder lärmen. Du darfst nur ganz leise auf den Zehen ans Bett gehen, der Magdalena die Hand küssen und sagen: ‚Mamma, ich hab dich lieb!‘“
So hat es das Mädchen getan. Die Kranke lag mit verklärtem Gesicht, und in ihren Augen war ein Strahlen, als ob ihr der Himmel offenstände.
Als das Kind das Zimmer verlassen hatte, ging ein Frösteln über den Körper des Weibes:
„Es ist alles nicht wahr gewesen – ich hab das Furchtbare nur geträumt – Luise ist wirklich da ...!“
Am zehnten Tage wußten wir, daß Katharina am Leben bleiben würde. Freilich würde sie nie mehr ganz gesunden. Das Herz war schon vor der Erkrankung nicht in Ordnung gewesen und hatte nun schwer gelitten. Es würde ein sehr stilles Leben sein, was Katharina fortan führen müßte.
Am hellen Mittag trat mir auf dem „Stillen Weg“ der Bruder entgegen. Er gesellte sich zu mir, ohne daß wir uns die Hände reichten.
„Lebt sie noch? Ist die Krise vorbei?“ fragte er mit offener Furcht in den Augen.
„Ja, es ist überwunden!“
Da atmete er auf.
„Ich habe schwere Tage und Nächte hinter mir“, sagte er etwas stockend; „deine Worte lagen mir immer in den Ohren, und du hast es mir auch durch deine Botschaften nicht leicht gemacht. Aber ich hatte es wohl verdient.“
Ich antwortete nicht. Er fuhr fort:
„Ich werde nun abreisen. Ich bitte dich, Käthe zu einer Zeit, wo du es für angemessen halten wirst, einen Brief von mir zu übergeben. Er ist offen; du sollst ihn vorher lesen. Der Brief enthält nichts als einen kurzen Abschied, und daß wir jetzt, durch Land und Meer für immer getrennt, ohne Feindschaft aneinander denken wollen.“
Ich wandte den Kopf zur Seite.
„Und Luise?“
„Luise werde ich ihr lassen.“
Wir gingen schweigend nebeneinander hin. Dann sagte er:
„Daß ich von dem Kinde ohne Abschied fortgehen muß, fällt mir sehr schwer. Du wirst es nicht glauben; aber es ist wahr. Das Kind würde sich fürchten, wenn es mich wiedersähe. Ich bitte, daß du dich weiter des Mädchens annimmst. Mit einem Kapital werde ich es ausstatten. Willst du die Sache übernehmen?“
„Ja.“
„Ich danke dir!“
Wieder gingen wir ein Stückchen wortlos weiter.
„Ich könnte nun gehen, Fritz; aber das Schwerste habe ich noch zu sagen.“
Ich sah ihn fragend an. Da brachte er heraus:
„Die Mutter will mit mir nach Amerika.“
Ich blieb stehen.
„Du mußt nicht glauben, Fritz, daß ich Mutter dazu überredet habe. Sie hat es von selbst gewollt.“
„Ja, ich kann es mir denken.“
Etwas unendlich Bitteres quoll mir durch die Seele.
„Wann wollt ihr denn fort?“
„Morgen. Die Mutter läßt dich fragen, wann sie sich von dir verabschieden kann. Willst du am Nachmittag zu ihr hinunterkommen?“
Ich mußte erst ein paarmal Atem holen, dann sagte ich:
„Ja, ich werde kommen.“
Joachim blieb stehen.
„So habe ich dir alles gesagt, Fritz. Nun kann ich mich von dir verabschieden. Wenn du zu Mutter kommst, werde ich euch nicht stören, werde ich schon fort sein.“
Es wurde ihm schwer.
„Leb wohl, Fritz; hab keinen Groll mehr gegen mich. Ich danke dir für alles Gute – auch, daß du mich fünf Jahre lang gesucht hast – auch, daß du neulich so mit mir gesprochen hast.“
Die Stimme stockte ihm, und auch ich brachte es kaum heraus, als ich sagte:
„Behüte dich Gott, Joachim!“
Als er sich schon abgewandt und die ersten Schritte gemacht hatte, erscholl jenseits eines kleinen Gebüsches das selige Kinderlachen Luises.
Joachim wandte sich noch einmal um.
„Ist sie das?“
Ich nickte mit dem Kopf.
Da legte er die Hand über die Augen und ging schwer und langsam den Berg hinab.
Und noch einmal erscholl das Lachen des spielenden Kindes hinter ihm her.
[pg 343]Freund StefensonNun war es vorbei. Ich stieg von Neustadt aus den Weihnachtsberg hinauf. Der Zug, der meine Mutter in die weite Welt davongeführt hatte, war längst nicht mehr zu sehen. Der Bruder war schon gestern bis zur Provinzialhauptstadt vorangereist; ich hatte ihn nicht mehr getroffen.Die Bitterkeit war aus meiner Seele gewichen und hatte einer stillen Trauer Platz gemacht. Die letzten Stunden, die ich mit meiner Mutter verlebt hatte, waren voll reinster Liebe gewesen, ohne Eifersucht, ohne Neid, ohne Groll auf den Bruder, um dessentwillen sie mich und die alte Heimat verließ. Joachim sollte nicht wieder einsam und verbittert durch die Welt irren; die Mutter wollte nicht wieder Tag für Tag sehnsüchtig am Fenster stehen und auf das schwermütige Plätschern des Johannesbrunnens lauschen.Mich wußte sie in Sicherheit, mit einer großen Aufgabe betraut, die mein Herz ausfüllen würde. So ging sie mit dem anderen, dem Einsamen.Es war weiblich, es war mütterlich; es konnte wohl nicht anders sein.Aber wie ich auf die andere Seite des Weihnachtsberges kam und mein altes Waltersburg liegen sah, den[pg 344]Marktplatz mit dem Brunnen und mein verlassenes Vaterhaus, da setzte ich mich todmüde an den Wegrand ins welke Gras. Ich barg das Gesicht in den Händen und saß lange so.Als ich endlich aufblickte, sah ich mir gegenüber auf dem anderen Wegrande Stefenson sitzen. Ich war unwillig, daß er sich so angeschlichen hatte, aber er kam mir mit teilnehmendem Gesicht, ganz ohne seine sonstige spöttische Art, entgegen, so daß mein Ärger verflog.Stefenson setzte sich neben mich und legte mir die Hand aufs Knie:„Sehen Sie, alter Junge, so was tut weh. Das begreife ich. Aber da müssen Sie auch begreifen, daß ich Sie nicht allein lassen kann, daß ich mich um Sie kümmern muß. Ich bitte Sie, daß Sie mir einige Minuten zuhören. Sie brauchen mir gar nicht zu sagen, was für Gefühle Sie bewegen, aber ich bitte Sie, mir zu erlauben, daß ich als Ihr Freund zu diesen Gefühlen Stellung nehme. Zunächst mal, ob Ihrer Mutter der Aufenthaltswechsel auch bekommen wird. Daran denken Sie ja wohl an erster Stelle. Nun, ich meine, sie ist von guter Natur; Rio ist ein ganz gesunder Wohnort; Ihr Bruder ist Arzt, der sie ständig überwachen kann; außerdem ist er in der Lage, ihr das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten, dann, Ihre Mutter sieht einmal die Welt. Nicht mehr mit der Aufnahmefähigkeit, der Spannkraft, dem Überschwang der Jugend, aber mit dem ganzen Hochgenuß, mit dem ein reifer, feiner Kopf die Schönheiten dieser alten Erde betrachten kann. Und gar Rio de[pg 345]Janeiro! Dort hören die Tauben die Vögel singen, dort sehen die Blinden die Blumen blühen; das wissen Sie ja selbst, Ihre Mutter wird leben wie im Paradies. Aber das wird freilich alles nicht hindern, daß sie das Heimweh bekommen wird – nach dem alten Nest da unten – nach dem Hause am Brunnen – auch nach Ihnen. Schütteln Sie nur nicht den Kopf, lieber Freund; eine Mutter liebt immer am meisten das ihrer Kinder, das nicht bei ihr ist. Und da denken Sie nur daran, daß sie eines schönen Tages wieder dasein wird. Inzwischen lassen Sie unten in dem Hause am Markt alles, wie es ist; lassen Sie alle Tage die Möbel wischen, alle sechs Wochen frische Gardinen aufstecken, im Winter die Stuben heizen, im Sommer die Polster einmotten, auch Kupfer und Zinn in der Küche putzen und den Kanari gut im Futter halten, damit Ihre Mutter alles in Ordnung findet, wenn sie wiederkommt.“„Stefenson“, sagte ich dankbar, „Sie sind ein seelenguter Mensch.“Das verdroß ihn. Er sagte zunächst gar nichts, spuckte dann mit großem Geschick bis zum gegenüberliegenden Wegrand und meinte endlich in gänzlich verändertem Tone:„Sie verstehen mich immer noch nicht. Das müssen Sie doch wissen, daß so ’n alter Fuchs wie ich immer seine Hintergedanken hat, wenn er mal ’nen Abstecher ins Gefühlsmäßige macht. Zum Beispiel jetzt habe ich gerade ein wichtiges Geschäft, bei dem Sie unbedingt mitwirken oder dem Sie wenigstens zustimmen müssen,[pg 346]und da ist es mir natürlich verdrießlich, wenn Sie in verkaterter Stimmung sind.“„Und deswegen suchten Sie mich zu trösten?“„Ja, nur deswegen!“Ich lächelte. Er sah es und wurde erbost.„Mensch, lachen Sie nicht! Was gehen mich denn Ihre Familienangelegenheiten an? Glauben Sie, daß ich mich bei meinen tausend Geschäftsfreunden darum kümmern kann, ob sie mal Krach mit einem Bruder haben, ob mal ihre Mutter verreist, ob die Motten in ihre Möbel kommen oder ihr Kanarienvogel verhungert? Hätt’ ich viel zu tun. Aber wenn zwei Feldherren miteinander in den Krieg ziehen und der eine von ihnen Zahnschmerzen hat, hat der andere dafür zu sorgen, daß der Zahn gezogen oder wenigstens plombiert wird. Sonst wird nichts aus ihrer Chose.“Ich lächelte nicht mehr, aber ich erwiderte auch nichts.Da sagte Stefenson fast niedergeschlagen:„Wenn Sie etwas Geschäftssinn hätten, hätten Sie mich längst gefragt, um was für ein Geschäft es sich handelt.“„So sagen Sie es mir – bitte!“Er war verstimmt.„Nun, ich kann ja den Weihnachtsberg auch ohne Sie von den Neustädtern zurückkaufen.“„Den Weihnachtsberg wollen Sie zurückkaufen?“„Ich sagte es Ihnen eben. Wir müssen unser Heim bis zum Gipfel des Berges ausdehnen, sonst spucken uns die Neustädter auf den Kopf.“[pg 347]„Sie werden den wichtigsten Aussichtspunkt nie hergeben.“„Trösten Sie sich. Wozu habe ich in der ‚Neustädter Umschau‘ seit drei Wochen Artikel gegen den Weihnachtsberg veröffentlicht? Zum Beispiel, daß sein Besuch von Neustadt aus außerordentlich zu wünschen übrig lasse, weil der viel bequemer zu erreichende Ochsenkopf eine viel bessere Aussicht bietet, daß die Rentabilität außerordentlich gering sei, die Pächter nichts zu leisten vermöchten und solchen Kram mehr. Die Neustädter sind bereits mürbe. Denn sie sind wieder mal im Dalles. Nun habe ich vorgestern einen Artikel gebracht, man solle den Weihnachtsberg, wenn sich eine gute Gelegenheit böte, an irgendeine neutrale Person je eher je besser verkaufen, damit er ja nicht mal in Waltersburger Hände fiele, was die Konkurrenz drüben stärkenwürde.“„Was bezwecken Sie damit?“„Daß mein Vertrauensmann, der sich als Privater um den Kauf der Weihnachtsbergkuppe bemüht, die Sache billig bekommt. In vierzehn Tagen, denke ich, können wir oben einziehen.“Wir waren inzwischen aufgestanden und stiegen langsam den Berg hinab. Stefenson sprach immerfort von seinen Plänen und brachte es wirklich zuwege, daß meine Bangigkeit nachließ und ich ihm wenigstens mit halber Aufmerksamkeit zuhörte. Er begleitete mich bis in mein Arbeitszimmer. Dort sagte Stefenson:„Nun gestehen Sie es sich mal selber, lieber Freund: die ganze Zeit, da unser Heim besteht, haben Sie, der[pg 348]die Lehre von den Ferien vom Ich erfunden und gepredigt hat, selbst mit Haut und Haaren mitten im dicksten Ichleben gesteckt. Hauptsächlich wegen Ihrer Familienangelegenheiten. Jetzt erst, wo sich alles in Frieden löst, werden Sie Ihrer Idee ganz und mit Freuden dienen können. Sie lehren selbst: in den Ferien vom Ich los von der Familie! Deshalb habe ich auch von Anfang an gemeint, wenigstens einer von uns beiden müsse ganz ohne Familie sein.“„Und welcher von uns beiden soll das sein?“„Sie!“Fast hätte ich über den alten Egoisten lachen müssen.„Sie wären aber doch viel geeigneter, Stefenson; denn Sie sind doch schon ohne Familie.“„Sie vergessen, daß ich eine Braut habe.“„Eva Bunkert? Ich meine, dieser Verlobtenstand ist einseitig.“Er lachte.„Bah – wegen der Auskneiferei – wegen dieser Marotte? Ich habe an Eva einen vernünftigen Brief geschrieben, habe ihr gesagt, ich würde ihr gern nachreisen, wenn es nicht zu dumm wäre, und wenn ich Zeit dazu hätte. Sie solle ja nicht annehmen, daß ich jetzt plötzlich an ihrem Theater als Coiffeur, Portier, Kulissenschieber oder dergleichen auftauchen würde, um sie weiter zu beobachten. Das würde abgeschmackt sein; denn ich mache keinen Witz zweimal. Im übrigen liebte ich sie unverändert weiter und überließe ihr, zu bestimmen, wann unsere Hochzeit sein solle. Diesen Brief habe ich vor acht[pg 349]Tagen geschrieben und noch keine Antwort. Das ist doch ein sehr günstiges Zeichen.“„Ich würde dieses Zeichen anders auslegen.“„Nein. Sie grämt sich. Sie kann gar nicht schreiben. Wäre ich ihr egal, hätte sie mir einen schnippischen, und wäre sie ein oberflächliches Weib, sofort einen freundlichen Verzeihungsbrief geschrieben. So ist sie ein braves Mädel, das mich liebt, und schreibt gar nicht.“„Es kann schon so sein“, sagte ich müde; „ich hoffe, daß es Eva gut geht!“„Nun, so ... so ... Vor fünf Tagen hat sie das erstemal auf der Oper gesungen. Zwei Kritiker haben sie bestehen lassen; einer hat sie etwas mitgenommen. Mit dem habe ich mich telephonisch verbinden lassen. Ich habe den Mann aufgeklärt, um was es sich handelt – so in großen Zügen natürlich –, und ihm gesagt, daß er mir einen Riesengefallen tun würde, wenn er Fräulein Eva Bunkert nach Strich und Faden verrisse und an der Oper unmöglich mache. Meine eventuelle Erkenntlichkeit für ihn habe ich dem Kritiker wirklich nur ganz diskret und delikat angedeutet. Trotzdem hat mir der Grobian gesagt, es sei schade, daß sich telephonisch keine Ohrfeigen austeilen ließen; im übrigen sei Fräulein Bunkert ein außerordentlich hoffnungsvolles Talent. Das habe ich davon. Nun wird sie auch dieser Kerl loben. Ach, du lieber Gott, die deutschen Zeitungsschreiber sind sehr verschiedener Art.“„Und Sie fürchten gar nicht, daß Eva Bunkert Ihnen verlorengehen könnte?“[pg 350]„Nicht eine Minute. Sie hat gebissen. Ich halte sie fest. Wenn sie noch ein wenig herumzappeln will, kann ich ihr den Spaß ja gönnen.“So purzelte Stefensons draufgängerische, frische Art durch den bangsten Tag meines Lebens. Und als ich am nächsten Morgen nach tiefem Schlaf erwachte, fühlte ich mich gesund und munter, stark genug, dem Leben ins Auge zu schauen und mit Lust und Freude an meinem schönen Werke weiter zu schaffen.Etwa drei Wochen später besuchte mich Stefenson wieder in meinem Arbeitszimmer. Auf dem Tische lag die neueste Nummer der „Neustädter Umschau“.„Ich habe diesmal nichts drin“, sagte Stefenson und wies auf die Zeitung. Trotzdem schlug er sie auf. Und mit einem Male riß er die Augen auf, trat ans Fenster.„Haben Sie schon – haben Sie schon gelesen?“ fragte er aufgeregt.„Was denn? Was steht denn wieder in dem Schundblatt? Ich habe noch gar nicht hineingeschaut.“„Da – da ...“Er wies auf eine kleine Notiz. Ich las:„Verlobung. Die Opernsängerin Eva Bunkert, Tochter unseres verflossenen Baurats August Bunkert, hat sich mit dem Grafen Hanns von Simmern, Sohn des herzoglichen Kammerherrn Grafen Eugen von Simmern, verlobt. – Eine rasche Künstlerkarriere!“„Da haben wir’s“, sagte ich. „Die Sache ist in der Tat sehr rasch gegangen.“[pg 351]„Rasch gegangen! Ist das alles, was Sie zu dieser Schandtat zu sagen wissen?“ brüllte Stefenson.„Ja, was soll ich in meiner Überraschung dazu sagen? Es tut mir natürlich leid um Sie!“„Leid! Ich brauche Ihnen nicht leid zu tun. Niemand brauche ich leid zu tun. Ich verbitte mir das! Denn ich kann froh sein, daß ich diese Gans los bin. Ich bin auch ganz kolossal froh. Nach kaum vier Wochen ist dieses flatterige Ding mit ihrer Lebenswahl fertig. Von einem zum andern. Immer zu, immer zu! Was verliere ich dabei? Weil er ein Graf ist, weil sie sich bei ihm in Taschentücher mit einer neunzackigen Krone die Nase schneuzen kann, deshalb gibt sie mich auf. Einen Mann wie mich, der diese bankerotte Bauratstochter gegen alle Vernunftgründe geliebt hat und sie heiraten wollte, gibt sie auf!“Er sank in einen Stuhl. Sein Schmerz war maßlos. Aber ich blieb kühl.„Lieber Freund“, sagte ich, „es ist sicher für unsere Gründung ganz gut, wenn Sie familienlos bleiben, wenn Sie Ihre Selbständigkeit, den ruhigen, klaren Blick ...“„Halten Sie den Mund! Kommen Sie mir nicht mit solchem Blödsinn. Satt hab ich’s, satt. Meinetwegen mag die ganze Geschichte hier zum Teufel gehen. Mir liegt an nichts mehr etwas, an gar nichts mehr!“Er wand sich in dem Lehnstuhl, in dem er saß, wie in Krämpfen. Ich stellte mich ans Fenster und zündete mir eine Zigarre an. Da knirschte er:„Sprechen Sie wenigstens; sagen Sie etwas zu mir. Das kann ich doch wohl verlangen.“[pg 352]„Sie lassen mich ja nicht zu Worte kommen, Stefenson. Und dann, ich weiß selbst nicht, was ich zu der Sache sagen soll.“„Jawohl, Sie machen sich eben nichts aus mir. Sonst könnten Sie sich jetzt nicht so pomadig eine Zigarre anzünden. Schöner Freund! Glauben Sie denn, daß sie mit dem Grafen, diesem neunmal gehörnten Kerl, glücklich sein wird?“„Das kann ich nicht beurteilen.“„Das müssen Sie beurteilen können! Sie müssen wissen, daß solche sogenannten Mesalliancen nie zum Glück führen, daß dieses Weib im Hause ihres gräflichen Gatten als Eindringling entweder gar nicht zugelassen odersubLuder behandelt werden wird, daß der Mann ihrer überdrüssig sein wird, wenn ihre Schönheit verblüht, daß sie dann im Elend sitzen wird.“„Das kann schon alles so kommen, es kann aber auch anders sein. Es kommt ganz auf den Mann an. Prophezeien kann niemand, höchstens unsere alte Wahrsagerin unten in Waltersburg.“„Wollen Sie mich verspotten? Sich über mich lustig machen? Ist das Ihre Freundschaft?“ Er war wütend.„Lieber Stefenson, Sie sind jetzt sehr aufgeregt. Was immer ich auch jetzt sagen möchte, würde Ihnen nicht gefallen. Warten wir also ab, bis Sie sich etwas beruhigt haben, und daß Sie dann ganz auf mich rechnen können, wissen Sie ja doch!“„Ich werde mich nie beruhigen“, sagte er. „Über das komme ich nicht weg!“[pg 353]Wohl zehn Minuten vergingen, während deren Stefenson im Zimmer auf und ab schritt. Manchmal blieb er stehen, sprach leise mit sich selbst oder fuchtelte mit seinen langen Armen durch die Luft. Endlich fragte er:„Was ist das mit der Wahrsagerin in Waltersburg, die Sie erwähnten?“„Ah, Stefenson, das war doch nur Scherz. Es wohnt da unten im alten Zollhaus, kaum dreihundert Meter unter unserem Grundhof am Waltersburger Weg, ein Weib, das schon uralt war, als ich noch in kurzen Hosen ging. Sie nennt sich nach ihrem Beruf Sibylle. Wie sie eigentlich heißt, wie alt sie ist, weiß kein Mensch. Für fünfundzwanzig Pfennig prophezeit sie den Bürgern, Bauern und Köchinnen die Zukunft.“„Und stimmt es, was sie sagt?“„Ja, das weiß ich nicht. Ich hab mich um das alte Fernrohr in die Zukunft nicht gekümmert. Als Jungen haben mal Joachim und ich fünfundzwanzig Pfennig zusammengeschossen und uns weissagen lassen. Da hat sie gesagt, wir würden bald eine mächtige Tracht Prügel bekommen. Und das ist auch eingetroffen. Es kam nämlich heraus, daß wir die fünfundzwanzig Pfennig zur Sibylle getragen hatten, und wir bekamen Prügel dafür.“Ich wußte, daß Stefenson abergläubisch war. Viele sonst sehr kluge Menschen sind es. Stefenson fing an einem Freitag kein Geschäft an, es beunruhigte ihn, wenn eine Katze über seinen Weg lief, und er hatte immer ein altes Hufeisen auf seinem Schreibtische liegen. Er[pg 354]stammte ja auch aus Amerika, wo der Aberglaube zu Hause ist. Jetzt fühlte er das Bedürfnis, sich ein wenig zu rechtfertigen, und sagte:„Es ist durchaus falsch, alle Hellseherei von vornherein als Unsinn zu erklären. Es können da Naturkräfte wirken, die wir nicht kennen.“„Gewiß – gewiß!“Er versank wieder in tiefe Traurigkeit.„Vor vier Tagen habe ich ihr einen Brief geschrieben, habe sie gebeten, sie möge doch von ihrem Groll ablassen. Wenn sie es schon nicht einsehen wolle, daß ein Mann, der sein ganzes Lebensschicksal an eine Frau ketten wolle, zu deren gründlichster Prüfung berechtigt sei, so solle sie halt denken, daß es mir doch auch Spaß gemacht habe, mal in den Ferien vom Ich eine unerkannte Rolle zu spielen, und daß ich doch eigentlich als Knecht Ignaz um sie gedient habe wie Jakob um die geliebte Rahel. Sehen Sie, von diesem Brief glaubte ich, er sei eigentlich zu deutsch, zu sentimental. Aber es war mir so ums Herz, und so schickte ich ihn ab. Der Brief wird gerade zu ihrer Verlobung zurechtgekommen sein.“Es schüttelte ihn vor Schmerz und Zorn.
Nun war es vorbei. Ich stieg von Neustadt aus den Weihnachtsberg hinauf. Der Zug, der meine Mutter in die weite Welt davongeführt hatte, war längst nicht mehr zu sehen. Der Bruder war schon gestern bis zur Provinzialhauptstadt vorangereist; ich hatte ihn nicht mehr getroffen.
Die Bitterkeit war aus meiner Seele gewichen und hatte einer stillen Trauer Platz gemacht. Die letzten Stunden, die ich mit meiner Mutter verlebt hatte, waren voll reinster Liebe gewesen, ohne Eifersucht, ohne Neid, ohne Groll auf den Bruder, um dessentwillen sie mich und die alte Heimat verließ. Joachim sollte nicht wieder einsam und verbittert durch die Welt irren; die Mutter wollte nicht wieder Tag für Tag sehnsüchtig am Fenster stehen und auf das schwermütige Plätschern des Johannesbrunnens lauschen.
Mich wußte sie in Sicherheit, mit einer großen Aufgabe betraut, die mein Herz ausfüllen würde. So ging sie mit dem anderen, dem Einsamen.
Es war weiblich, es war mütterlich; es konnte wohl nicht anders sein.
Aber wie ich auf die andere Seite des Weihnachtsberges kam und mein altes Waltersburg liegen sah, den[pg 344]Marktplatz mit dem Brunnen und mein verlassenes Vaterhaus, da setzte ich mich todmüde an den Wegrand ins welke Gras. Ich barg das Gesicht in den Händen und saß lange so.
Als ich endlich aufblickte, sah ich mir gegenüber auf dem anderen Wegrande Stefenson sitzen. Ich war unwillig, daß er sich so angeschlichen hatte, aber er kam mir mit teilnehmendem Gesicht, ganz ohne seine sonstige spöttische Art, entgegen, so daß mein Ärger verflog.
Stefenson setzte sich neben mich und legte mir die Hand aufs Knie:
„Sehen Sie, alter Junge, so was tut weh. Das begreife ich. Aber da müssen Sie auch begreifen, daß ich Sie nicht allein lassen kann, daß ich mich um Sie kümmern muß. Ich bitte Sie, daß Sie mir einige Minuten zuhören. Sie brauchen mir gar nicht zu sagen, was für Gefühle Sie bewegen, aber ich bitte Sie, mir zu erlauben, daß ich als Ihr Freund zu diesen Gefühlen Stellung nehme. Zunächst mal, ob Ihrer Mutter der Aufenthaltswechsel auch bekommen wird. Daran denken Sie ja wohl an erster Stelle. Nun, ich meine, sie ist von guter Natur; Rio ist ein ganz gesunder Wohnort; Ihr Bruder ist Arzt, der sie ständig überwachen kann; außerdem ist er in der Lage, ihr das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten, dann, Ihre Mutter sieht einmal die Welt. Nicht mehr mit der Aufnahmefähigkeit, der Spannkraft, dem Überschwang der Jugend, aber mit dem ganzen Hochgenuß, mit dem ein reifer, feiner Kopf die Schönheiten dieser alten Erde betrachten kann. Und gar Rio de[pg 345]Janeiro! Dort hören die Tauben die Vögel singen, dort sehen die Blinden die Blumen blühen; das wissen Sie ja selbst, Ihre Mutter wird leben wie im Paradies. Aber das wird freilich alles nicht hindern, daß sie das Heimweh bekommen wird – nach dem alten Nest da unten – nach dem Hause am Brunnen – auch nach Ihnen. Schütteln Sie nur nicht den Kopf, lieber Freund; eine Mutter liebt immer am meisten das ihrer Kinder, das nicht bei ihr ist. Und da denken Sie nur daran, daß sie eines schönen Tages wieder dasein wird. Inzwischen lassen Sie unten in dem Hause am Markt alles, wie es ist; lassen Sie alle Tage die Möbel wischen, alle sechs Wochen frische Gardinen aufstecken, im Winter die Stuben heizen, im Sommer die Polster einmotten, auch Kupfer und Zinn in der Küche putzen und den Kanari gut im Futter halten, damit Ihre Mutter alles in Ordnung findet, wenn sie wiederkommt.“
„Stefenson“, sagte ich dankbar, „Sie sind ein seelenguter Mensch.“
Das verdroß ihn. Er sagte zunächst gar nichts, spuckte dann mit großem Geschick bis zum gegenüberliegenden Wegrand und meinte endlich in gänzlich verändertem Tone:
„Sie verstehen mich immer noch nicht. Das müssen Sie doch wissen, daß so ’n alter Fuchs wie ich immer seine Hintergedanken hat, wenn er mal ’nen Abstecher ins Gefühlsmäßige macht. Zum Beispiel jetzt habe ich gerade ein wichtiges Geschäft, bei dem Sie unbedingt mitwirken oder dem Sie wenigstens zustimmen müssen,[pg 346]und da ist es mir natürlich verdrießlich, wenn Sie in verkaterter Stimmung sind.“
„Und deswegen suchten Sie mich zu trösten?“
„Ja, nur deswegen!“
Ich lächelte. Er sah es und wurde erbost.
„Mensch, lachen Sie nicht! Was gehen mich denn Ihre Familienangelegenheiten an? Glauben Sie, daß ich mich bei meinen tausend Geschäftsfreunden darum kümmern kann, ob sie mal Krach mit einem Bruder haben, ob mal ihre Mutter verreist, ob die Motten in ihre Möbel kommen oder ihr Kanarienvogel verhungert? Hätt’ ich viel zu tun. Aber wenn zwei Feldherren miteinander in den Krieg ziehen und der eine von ihnen Zahnschmerzen hat, hat der andere dafür zu sorgen, daß der Zahn gezogen oder wenigstens plombiert wird. Sonst wird nichts aus ihrer Chose.“
Ich lächelte nicht mehr, aber ich erwiderte auch nichts.
Da sagte Stefenson fast niedergeschlagen:
„Wenn Sie etwas Geschäftssinn hätten, hätten Sie mich längst gefragt, um was für ein Geschäft es sich handelt.“
„So sagen Sie es mir – bitte!“
Er war verstimmt.
„Nun, ich kann ja den Weihnachtsberg auch ohne Sie von den Neustädtern zurückkaufen.“
„Den Weihnachtsberg wollen Sie zurückkaufen?“
„Ich sagte es Ihnen eben. Wir müssen unser Heim bis zum Gipfel des Berges ausdehnen, sonst spucken uns die Neustädter auf den Kopf.“
„Sie werden den wichtigsten Aussichtspunkt nie hergeben.“
„Trösten Sie sich. Wozu habe ich in der ‚Neustädter Umschau‘ seit drei Wochen Artikel gegen den Weihnachtsberg veröffentlicht? Zum Beispiel, daß sein Besuch von Neustadt aus außerordentlich zu wünschen übrig lasse, weil der viel bequemer zu erreichende Ochsenkopf eine viel bessere Aussicht bietet, daß die Rentabilität außerordentlich gering sei, die Pächter nichts zu leisten vermöchten und solchen Kram mehr. Die Neustädter sind bereits mürbe. Denn sie sind wieder mal im Dalles. Nun habe ich vorgestern einen Artikel gebracht, man solle den Weihnachtsberg, wenn sich eine gute Gelegenheit böte, an irgendeine neutrale Person je eher je besser verkaufen, damit er ja nicht mal in Waltersburger Hände fiele, was die Konkurrenz drüben stärkenwürde.“
„Was bezwecken Sie damit?“
„Daß mein Vertrauensmann, der sich als Privater um den Kauf der Weihnachtsbergkuppe bemüht, die Sache billig bekommt. In vierzehn Tagen, denke ich, können wir oben einziehen.“
Wir waren inzwischen aufgestanden und stiegen langsam den Berg hinab. Stefenson sprach immerfort von seinen Plänen und brachte es wirklich zuwege, daß meine Bangigkeit nachließ und ich ihm wenigstens mit halber Aufmerksamkeit zuhörte. Er begleitete mich bis in mein Arbeitszimmer. Dort sagte Stefenson:
„Nun gestehen Sie es sich mal selber, lieber Freund: die ganze Zeit, da unser Heim besteht, haben Sie, der[pg 348]die Lehre von den Ferien vom Ich erfunden und gepredigt hat, selbst mit Haut und Haaren mitten im dicksten Ichleben gesteckt. Hauptsächlich wegen Ihrer Familienangelegenheiten. Jetzt erst, wo sich alles in Frieden löst, werden Sie Ihrer Idee ganz und mit Freuden dienen können. Sie lehren selbst: in den Ferien vom Ich los von der Familie! Deshalb habe ich auch von Anfang an gemeint, wenigstens einer von uns beiden müsse ganz ohne Familie sein.“
„Und welcher von uns beiden soll das sein?“
„Sie!“
Fast hätte ich über den alten Egoisten lachen müssen.
„Sie wären aber doch viel geeigneter, Stefenson; denn Sie sind doch schon ohne Familie.“
„Sie vergessen, daß ich eine Braut habe.“
„Eva Bunkert? Ich meine, dieser Verlobtenstand ist einseitig.“
Er lachte.
„Bah – wegen der Auskneiferei – wegen dieser Marotte? Ich habe an Eva einen vernünftigen Brief geschrieben, habe ihr gesagt, ich würde ihr gern nachreisen, wenn es nicht zu dumm wäre, und wenn ich Zeit dazu hätte. Sie solle ja nicht annehmen, daß ich jetzt plötzlich an ihrem Theater als Coiffeur, Portier, Kulissenschieber oder dergleichen auftauchen würde, um sie weiter zu beobachten. Das würde abgeschmackt sein; denn ich mache keinen Witz zweimal. Im übrigen liebte ich sie unverändert weiter und überließe ihr, zu bestimmen, wann unsere Hochzeit sein solle. Diesen Brief habe ich vor acht[pg 349]Tagen geschrieben und noch keine Antwort. Das ist doch ein sehr günstiges Zeichen.“
„Ich würde dieses Zeichen anders auslegen.“
„Nein. Sie grämt sich. Sie kann gar nicht schreiben. Wäre ich ihr egal, hätte sie mir einen schnippischen, und wäre sie ein oberflächliches Weib, sofort einen freundlichen Verzeihungsbrief geschrieben. So ist sie ein braves Mädel, das mich liebt, und schreibt gar nicht.“
„Es kann schon so sein“, sagte ich müde; „ich hoffe, daß es Eva gut geht!“
„Nun, so ... so ... Vor fünf Tagen hat sie das erstemal auf der Oper gesungen. Zwei Kritiker haben sie bestehen lassen; einer hat sie etwas mitgenommen. Mit dem habe ich mich telephonisch verbinden lassen. Ich habe den Mann aufgeklärt, um was es sich handelt – so in großen Zügen natürlich –, und ihm gesagt, daß er mir einen Riesengefallen tun würde, wenn er Fräulein Eva Bunkert nach Strich und Faden verrisse und an der Oper unmöglich mache. Meine eventuelle Erkenntlichkeit für ihn habe ich dem Kritiker wirklich nur ganz diskret und delikat angedeutet. Trotzdem hat mir der Grobian gesagt, es sei schade, daß sich telephonisch keine Ohrfeigen austeilen ließen; im übrigen sei Fräulein Bunkert ein außerordentlich hoffnungsvolles Talent. Das habe ich davon. Nun wird sie auch dieser Kerl loben. Ach, du lieber Gott, die deutschen Zeitungsschreiber sind sehr verschiedener Art.“
„Und Sie fürchten gar nicht, daß Eva Bunkert Ihnen verlorengehen könnte?“
„Nicht eine Minute. Sie hat gebissen. Ich halte sie fest. Wenn sie noch ein wenig herumzappeln will, kann ich ihr den Spaß ja gönnen.“
So purzelte Stefensons draufgängerische, frische Art durch den bangsten Tag meines Lebens. Und als ich am nächsten Morgen nach tiefem Schlaf erwachte, fühlte ich mich gesund und munter, stark genug, dem Leben ins Auge zu schauen und mit Lust und Freude an meinem schönen Werke weiter zu schaffen.
Etwa drei Wochen später besuchte mich Stefenson wieder in meinem Arbeitszimmer. Auf dem Tische lag die neueste Nummer der „Neustädter Umschau“.
„Ich habe diesmal nichts drin“, sagte Stefenson und wies auf die Zeitung. Trotzdem schlug er sie auf. Und mit einem Male riß er die Augen auf, trat ans Fenster.
„Haben Sie schon – haben Sie schon gelesen?“ fragte er aufgeregt.
„Was denn? Was steht denn wieder in dem Schundblatt? Ich habe noch gar nicht hineingeschaut.“
„Da – da ...“
Er wies auf eine kleine Notiz. Ich las:
„Verlobung. Die Opernsängerin Eva Bunkert, Tochter unseres verflossenen Baurats August Bunkert, hat sich mit dem Grafen Hanns von Simmern, Sohn des herzoglichen Kammerherrn Grafen Eugen von Simmern, verlobt. – Eine rasche Künstlerkarriere!“
„Da haben wir’s“, sagte ich. „Die Sache ist in der Tat sehr rasch gegangen.“
„Rasch gegangen! Ist das alles, was Sie zu dieser Schandtat zu sagen wissen?“ brüllte Stefenson.
„Ja, was soll ich in meiner Überraschung dazu sagen? Es tut mir natürlich leid um Sie!“
„Leid! Ich brauche Ihnen nicht leid zu tun. Niemand brauche ich leid zu tun. Ich verbitte mir das! Denn ich kann froh sein, daß ich diese Gans los bin. Ich bin auch ganz kolossal froh. Nach kaum vier Wochen ist dieses flatterige Ding mit ihrer Lebenswahl fertig. Von einem zum andern. Immer zu, immer zu! Was verliere ich dabei? Weil er ein Graf ist, weil sie sich bei ihm in Taschentücher mit einer neunzackigen Krone die Nase schneuzen kann, deshalb gibt sie mich auf. Einen Mann wie mich, der diese bankerotte Bauratstochter gegen alle Vernunftgründe geliebt hat und sie heiraten wollte, gibt sie auf!“
Er sank in einen Stuhl. Sein Schmerz war maßlos. Aber ich blieb kühl.
„Lieber Freund“, sagte ich, „es ist sicher für unsere Gründung ganz gut, wenn Sie familienlos bleiben, wenn Sie Ihre Selbständigkeit, den ruhigen, klaren Blick ...“
„Halten Sie den Mund! Kommen Sie mir nicht mit solchem Blödsinn. Satt hab ich’s, satt. Meinetwegen mag die ganze Geschichte hier zum Teufel gehen. Mir liegt an nichts mehr etwas, an gar nichts mehr!“
Er wand sich in dem Lehnstuhl, in dem er saß, wie in Krämpfen. Ich stellte mich ans Fenster und zündete mir eine Zigarre an. Da knirschte er:
„Sprechen Sie wenigstens; sagen Sie etwas zu mir. Das kann ich doch wohl verlangen.“
„Sie lassen mich ja nicht zu Worte kommen, Stefenson. Und dann, ich weiß selbst nicht, was ich zu der Sache sagen soll.“
„Jawohl, Sie machen sich eben nichts aus mir. Sonst könnten Sie sich jetzt nicht so pomadig eine Zigarre anzünden. Schöner Freund! Glauben Sie denn, daß sie mit dem Grafen, diesem neunmal gehörnten Kerl, glücklich sein wird?“
„Das kann ich nicht beurteilen.“
„Das müssen Sie beurteilen können! Sie müssen wissen, daß solche sogenannten Mesalliancen nie zum Glück führen, daß dieses Weib im Hause ihres gräflichen Gatten als Eindringling entweder gar nicht zugelassen odersubLuder behandelt werden wird, daß der Mann ihrer überdrüssig sein wird, wenn ihre Schönheit verblüht, daß sie dann im Elend sitzen wird.“
„Das kann schon alles so kommen, es kann aber auch anders sein. Es kommt ganz auf den Mann an. Prophezeien kann niemand, höchstens unsere alte Wahrsagerin unten in Waltersburg.“
„Wollen Sie mich verspotten? Sich über mich lustig machen? Ist das Ihre Freundschaft?“ Er war wütend.
„Lieber Stefenson, Sie sind jetzt sehr aufgeregt. Was immer ich auch jetzt sagen möchte, würde Ihnen nicht gefallen. Warten wir also ab, bis Sie sich etwas beruhigt haben, und daß Sie dann ganz auf mich rechnen können, wissen Sie ja doch!“
„Ich werde mich nie beruhigen“, sagte er. „Über das komme ich nicht weg!“
Wohl zehn Minuten vergingen, während deren Stefenson im Zimmer auf und ab schritt. Manchmal blieb er stehen, sprach leise mit sich selbst oder fuchtelte mit seinen langen Armen durch die Luft. Endlich fragte er:
„Was ist das mit der Wahrsagerin in Waltersburg, die Sie erwähnten?“
„Ah, Stefenson, das war doch nur Scherz. Es wohnt da unten im alten Zollhaus, kaum dreihundert Meter unter unserem Grundhof am Waltersburger Weg, ein Weib, das schon uralt war, als ich noch in kurzen Hosen ging. Sie nennt sich nach ihrem Beruf Sibylle. Wie sie eigentlich heißt, wie alt sie ist, weiß kein Mensch. Für fünfundzwanzig Pfennig prophezeit sie den Bürgern, Bauern und Köchinnen die Zukunft.“
„Und stimmt es, was sie sagt?“
„Ja, das weiß ich nicht. Ich hab mich um das alte Fernrohr in die Zukunft nicht gekümmert. Als Jungen haben mal Joachim und ich fünfundzwanzig Pfennig zusammengeschossen und uns weissagen lassen. Da hat sie gesagt, wir würden bald eine mächtige Tracht Prügel bekommen. Und das ist auch eingetroffen. Es kam nämlich heraus, daß wir die fünfundzwanzig Pfennig zur Sibylle getragen hatten, und wir bekamen Prügel dafür.“
Ich wußte, daß Stefenson abergläubisch war. Viele sonst sehr kluge Menschen sind es. Stefenson fing an einem Freitag kein Geschäft an, es beunruhigte ihn, wenn eine Katze über seinen Weg lief, und er hatte immer ein altes Hufeisen auf seinem Schreibtische liegen. Er[pg 354]stammte ja auch aus Amerika, wo der Aberglaube zu Hause ist. Jetzt fühlte er das Bedürfnis, sich ein wenig zu rechtfertigen, und sagte:
„Es ist durchaus falsch, alle Hellseherei von vornherein als Unsinn zu erklären. Es können da Naturkräfte wirken, die wir nicht kennen.“
„Gewiß – gewiß!“
Er versank wieder in tiefe Traurigkeit.
„Vor vier Tagen habe ich ihr einen Brief geschrieben, habe sie gebeten, sie möge doch von ihrem Groll ablassen. Wenn sie es schon nicht einsehen wolle, daß ein Mann, der sein ganzes Lebensschicksal an eine Frau ketten wolle, zu deren gründlichster Prüfung berechtigt sei, so solle sie halt denken, daß es mir doch auch Spaß gemacht habe, mal in den Ferien vom Ich eine unerkannte Rolle zu spielen, und daß ich doch eigentlich als Knecht Ignaz um sie gedient habe wie Jakob um die geliebte Rahel. Sehen Sie, von diesem Brief glaubte ich, er sei eigentlich zu deutsch, zu sentimental. Aber es war mir so ums Herz, und so schickte ich ihn ab. Der Brief wird gerade zu ihrer Verlobung zurechtgekommen sein.“
Es schüttelte ihn vor Schmerz und Zorn.