[pg 355]Der Fuchs und die SibylleEs war Abend, als ich am Grundhof vorbeischlich und mich an der Reihe windbrüchiger Weiden, die am alten Waltersburger Weg stehen, hinab zum Hause der Sibylle schlängelte. Das kleine Anwesen sah schäbig und unordentlich aus. Die Tür stieß einen grämlichen Quieker aus, als ich eintrat. Der Hausflur war finster, aber in dem daranstoßenden Zimmer, dessen Fenster mit buntem Kattun verhängt waren, brannte eine kleine Lampe. Die „Sibylle“ erhob sich und kam mir entgegen. Mit krummem Rücken, auf einen Stock gestützt, hob sie ihr verrunzeltes Gesicht, das in dem trüben Lichte der kleinen Lampe ganz gespenstisch aussah, zu mir empor.„Wird er kommen?“ fragte sie.„Ich weiß es nicht. Aber ich hoffe es; denn ich habe es ihm kräftig eingeredet. Ich gehe einstweilen in die Nebenstube und passe auf. Halten Sie sich genau an unsere Abmachungen.“„Jawohl!“ nickte das Weib.Ich mußte eine Stunde lang warten und gab den Plan, den ich gefaßt hatte, beinahe auf. Noch zweimal[pg 356]hatte Stefenson heute von der Wahrsagerin angefangen, und ich hatte ihm einige sehr merkwürdige Fälle erzählt, in denen die Voraussagungen der Sibylle in verblüffender Weise eingetroffen waren. Nun kam er doch nicht. Schon wollte ich meinen Lauscherposten verlassen, da sah ich den alten Fuchs um die Wegkrümmung treten und vorsichtig umherspähen.„Er kommt!“ sagte ich zu der Sibylle durch die Tür. „Nun machen Sie Ihre Sache gut.“Fünf Minuten später hörte ich nebenan Stefenson eintreten.„Guten Abend“, sagte er etwas verlegen. „Ich komme mal zu Ihnen. Sie brauchen sich deswegen nicht etwa einzubilden, daß ich auf Ihren Quatsch etwas gebe; aber ich habe von Ihnen gehört, und da will ich mal einen Versuch machen – der Wissenschaft halber, verstehen Sie?“Die Sibylle rührte sich nicht. Sie sah greulich aus. Die Gestalt war in ein geflicktes Umschlagetuch gehüllt, vor Stirn und Augen hatte sie einen grünen Lichtschirm, über dem der graue Scheitel struppig herausragte. Das alte Weib betrachtete ihre ausgebreiteten schmutzigen Karten und sagte kein Wort.„Nun?“ mahnte Stefenson ungeduldig.Keine Antwort.„Ja, wollen Sie nun gefälligst mit mir sprechen?“ brauste der Amerikaner auf.„Scheren Sie sich hinaus!“ krächzte die Alte.„Wa–as?“[pg 357]„Hinausscheren sollen Sie sich!“ wiederholte der häßliche Rabe.„Das ist stark!“ sagte Stefenson verblüfft. „Nun bleibe ich natürlich hier!“Er schob sich den wackligen Stuhl, der an der Wand lehnte, zurecht und sah mit stoischer Ruhe zu, wie das alte Weib ihre Karten mischte und legte, ohne ihn auch nur im geringsten zu beachten. Ich vergnügte mich an meinem Guckloche königlich.Endlich stand Stefenson auf, legte auf die Tischkante eine Münze und sagte mit erzwungener Höflichkeit:„Madame, ich möchte gern durch Ihre Kunst meine Zukunft erfahren.“„Warten Sie!“ schnarrte der Rabe.Und Stefenson wartete. Sibylle betrachtete indes unverwandt ihre Karten. Endlich schien sie fertig zu sein. Sie warf einen Blick auf das Geldstück und sagte: „Auf zwanzig Mark kann ich nicht herausgeben. Es kostet fünfundzwanzig Pfennig.“„Behalten Sie nur das Goldstück“, erwiderte Stefenson. Da schnipste sie mit dem Finger die Münze vom Tische hinab auf den Fußboden und kreischte wütend:„Fünfundzwanzig Pfennig kostet es!“Stefenson kramte in einer Westentasche und legte fünfundzwanzig Pfennig auf den Tisch.„Stecken Sie das Goldstück ein!“ befahl die Alte. Stefenson leuchtete mit Streichhölzern gehorsam den Fußboden ab, bis er die Goldmünze fand, und steckte sie[pg 358]ein. Darauf mischte Sibylle die Karten, ließ Stefenson dreimal abheben und sagte:„Sie sind neunundvierzig Jahre alt!“Stefenson lachte ärgerlich.„Neununddreißig bin ich.“„So sehen Sie nicht aus!“Darauf wurden die Karten auf den Tisch gebreitet.„Richtig – erst neununddreißig“, sagte die Wahrsagerin.„Am 14. April geboren.“„Das stimmt!“ rief Stefenson verblüfft.„Es stimmt alles, was ich sage“, knurrte die Alte.„Sie haben weder Vater noch Mutter, Bruder noch Schwester. Sie sind nicht aus diesem Lande, Sie sind über das Wasser gekommen.“Stefenson setzte sich staunend auf den Stuhl.„Sie sind sehr reich“, fuhr die Alte fort, „und werden immer reicher werden; aber Sie haben Unglück in der Liebe.“„Ja“, murmelte Stefenson.„Ihre Braut heiratet einen anderen.“„Ist das wahr?“„Ja. Aber Sie sind selbst schuld; Sie haben Ihre Braut schlecht behandelt und sie betrogen.“Stefenson stöhnte leise. Die Alte fuhr fort:„Wenn Sie sich mit dem neuen Bräutigam Ihrer Braut duellieren, werden Sie ihn töten.“„A–ah!“[pg 359]„Ja, aber es wird Ihnen schlimm ergehen, weil er ein vornehmer Herr ist, und das Mädchen wird doch einen anderen nehmen.“„Wird sie glücklich werden?“ fragte Stefenson.„Sie wird mit jedem Manne glücklich werden, den sie nimmt. Nur mit Ihnen wäre sie unglücklich geworden.“„Das ist nicht wahr!“ rief Stefenson.„Das ist ebenso wahr, als daß Sie nach einem Jahre eine reiche Amerikanerin heiraten werden.“„Schwindel!“ rief Stefenson erbost. „Ich werde nie eine andere heiraten. Sie schwafeln da einen ungeheuren Blödsinn zusammen!“„Scheren Sie sich hinaus!“ kreischte der Rabe wütend und klappte die Karten zusammen.„Ich bitte, daß Sie weitersprechen“, beruhigte sich Stefenson gewaltsam.Die Alte aber erhob sich und humpelte der Nachbartür zu.„Bleiben Sie da“, rief Stefenson; „ich habe doch fünfundzwanzig Pfennig bezahlt.“Sie gab keine Antwort, verschwand hinter der Tür und schob den Riegel vor.In diesem Augenblick sprang ich im Nebenzimmer aus dem Fenster hinaus in den Garten, ging ums Haus herum und trat durch den Flur in die Vorderstube.Als Stefenson und ich uns sahen, prallten wir voreinander zurück.[pg 360]„Sie – Doktor?“„Sie – Stefenson?“Er lachte außerordentlich verlegen. Leise sagte er: „Aber wissen Sie – nur der Wissenschaft halber ...“„Ja – ich natürlich auch nur der Wissenschaft halber. Waren Sie schon dran?“„Ja. Und es hat merkwürdig gestimmt. Jetzt ist die Alte da hinein und hat sich abgeriegelt. Aber ich warte, bis sie herauskommt; ich will noch mehr erfahren.“„Wenn es Sie nicht stört, warte ich mit.“Ich sah, daß ihm mein Erscheinen gar nicht recht war, aber ich setzte mich auf den Tisch und ließ die Beine herabbaumeln. Eine halbe Stunde verging; es wurde langweilig. Ein paarmal hatte Stefenson an die Tür der anderen Stube geklopft, aber keine Antwort erhalten. Endlich hörten wir drin ein Gekrabbele.„Sind Sie noch da?“ krächzte die Sibylle.„Jawohl!“ antwortete Stefenson.Ein Scharren kam von nebenan, dann sagte die Alte:„Ich werde Ihnen für Ihre fünfundzwanzig Pfennig jetzt noch zeigen, wie Ihre künftige Frau aussieht, und dann scheren Sie sich endlich fort.“„Ich will nichts wissen von einer künftigen Frau, ich bleibe ledig!“ widersprach Stefenson. „Kommen Sie lieber heraus und geben Sie mir noch auf einige Fragen Auskunft.“„Nein!“ brummte der Rabe. „Sie werden nur noch Ihre künftige Frau sehen!“[pg 361]Die Tür sprang auf, und in ihrer Öffnung stand Eva Bunkert in ihrer ganzen strahlenden Schönheit. Stefenson faßte sich an den Kopf.„Eva!“„Ja, ich bin’s!“ sagte das Mädchen, blieb stehen und lachte.„Wie ist das möglich? Wie ist das nur möglich?“ Stefenson machte den Eindruck verdattertster Hilflosigkeit. Da sprang ich vom Tisch herunter, brach in Gelächter aus und schrie jubelnd:„Wir haben einen alten, sehr alten Fuchs gefangen. Horrido!“Eva hatte glührote Wangen. Sie trat auf den wie angewurzelt dastehenden, staunenden Stefenson zu, reichte ihm die Hand und sagte mit warmem Ton in der Stimme:„Mein Lieber, Sie werden mir wegen dieser Komödie nicht zürnen. Eine kleine Strafe wenigstens hatten Sie für Ihre Ignazmaskerade doch wohl verdient.“„Ich verstehe nichts – nichts von allem“, stammelte Stefenson. Da griff ich ein.„Also, lieber, alter Fuchs, ich will Ihnen alles kurz erklären, was jetzt Ihr in eine Wolfsgrube gefallener Verstand doch nicht von selber findet! Die Sibylle, die Sie befragt haben, war niemand anders als Fräulein Eva selbst.“„Oh – oh – und die wirkliche Sibylle?“„Sitzt in der Dachkammer und hat uns gegen Geld[pg 362]und gute Worte ihr Amtslokal mal vorübergehend überlassen. Ist das nicht gut?“Er sagte nicht, daß das „gut“ sei. Ganz förmlich wandte er sich an Eva.„Mein gnädiges Fräulein, es ist ja recht, recht liebenswürdig, daß Sie mit mir zu scherzen belieben; aber ich darf wohl einigermaßen erstaunt sein, da ich erst heute morgen in der Zeitung –“Ich griff wieder ein.„Die ‚Neustädter Umschau‘ war die zweite Wolfsgrube, in die Sie glitten, verehrter Fuchs, oder vielmehr die erste. Denn die Notiz habe ich geschrieben, habe sie in die ‚Umschau‘ lanciert, aber nicht etwa in die ganze Auflage, sondern nur in die beiden Exemplare, die bei Ihnen und bei mir abgegeben werden. Da ist eben für diese zwei Nummern im Satzspiegel eine kleine Änderung gemacht worden.“„So ist wohl alles gar nicht wahr?“„Nein, es ist nicht wahr“, sagte Eva und wurde in dem Maße röter, als Stefenson bleicher wurde. Ich fürchtete mit einem Male, der Scherz könne noch schief ausgehen, und sagte deshalb:„Nanu, Stefenson, spielen Sie bitte nicht etwa die gekränkte Unschuld. Da wären Sie gerade der Rechte dazu. Was haben Sie uns genarrt! Mit der Ignazgeschichte und mit Ihren Umschau-Artikeln, auch als Journalist Brown. Ihr Sündenregister ist in dieser Hinsicht so groß, daß unsere kleine List eine äußerst gelinde Strafe ist.“[pg 363]„Und – und der Graf Simmern – und der herzogliche Kammerherr?“„Himmel, Stefenson, sind Sie heute schwer von Begriffen, diese Simmerns existieren doch gar nicht.“„Ah – so ist das gewesen? Die Anzeige war gefälscht, und die Wahrsagerin waren Sie selbst. – Es – es ist ja sehr witzig! Gnädiges Fräulein, Sie haben die alte Sibylle ausgezeichnet gemimt. Ich glaube, Sie sind eine große Schauspielerin.“Es war mir, als ob in Evas Augen eine geheime Angst träte. Ich sagte:„Nun sehen Sie, ob ein Mister Stefenson in den Ferien vom Ich in die Tracht eines Bauernknechtes kriecht oder ob eine Opernsängerin mal in das Habit einer Wahrsagerin schlüpft, bleibt sich ganz gleich. Das ist doch selbstverständlich.“Seine Augen irrten umher.„Ich fürchte, die wirkliche Sibylle wird sich in der Bodenkammer erkälten. Man sollte sie jetzt herunterrufen.“Die Stimmung wurde frostig. Ich sah, daß Evas rote Wangen verblichen. In diesem Augenblick humpelte die wirkliche Sibylle ins Zimmer. Sie lachte albern und blinzelte verlangend mit den Augen.„Na, Sibylle“, sagte Stefenson, „Sie werden ja von den Herrschaften schon bezahlt sein; da haben Sie auch von mir noch ein Trinkgeld.“Er legte ein Fünfzigpfennigstück auf den Tisch. Die Alte fauchte unzufrieden; mir ging die Laune aus. „Gehen[pg 364]wir hinaus!“ sagte ich. Ich half Eva den Mantel umlegen und fühlte, wie das Mädchen erregt war. Schweigend stiegen wir den Berg hinauf. Ich hatte einen mächtigen Groll auf Stefenson. Er selber hänselte alle Welt, aber einen Scherz gegen seine eigene hohe Person vertrug er nicht. Da hatte mir nun in all den Wochen die schöne Eva brieflich ihren Liebeskummer geklagt, ich hatte ihr langsam den Zorn gegen Stefenson, den sie der Ignazmaskerade wegen hegte, ausgeredet, sie hatte endlich den Brief mit der Stelle von Jakob, der um Rahel dient, erhalten, war dadurch gerührt, heimlich in Waltersburg angekommen und hatte sich in der Wohnung ihres Vaters, unseres jetzigen Baurats, versteckt. Liebesselig und voller Sehnsucht. Ich, der das Mädchen selbst geliebt hatte, war mit mir fertig geworden, guter Laune zu sein und ihr zu einem unschuldigen Racheplan gegen den Geliebten zu helfen. Nun scheiterte alles am Hochmut dieses Hansnarren.Wir waren kurz vor dem Grundhof, da blieb Stefenson plötzlich stehen und fing unbändig an zu lachen. Es war schon gar kein Lachen mehr, es war ein Kollern.„Also“, sagte er, „nun haben sie den Fuchs gefangen, und da sie ihn in der Falle haben, machen sie beleidigte Gesichter, weil der Gefangene knurrt, was doch selbstverständlich ist. Lieber Doktor, Freund und Menschenkenner, bitte, gehen Sie mal freundlichst voran bis zur Lindenherberge und erwarten Sie uns im Poetenwinkel. Wir kommen langsam nach.“[pg 365]Ich ging voran, und als die beiden anderen im Poetenwinkel eintrafen, sah ich in ihnen ein glückliches Paar.Es war noch nicht spät, wir waren im Poetenwinkel allein, die Feriengäste noch alle beim Abendbrot. Als wir mit dem allerbesten Wein, den der Herbergsvater besaß, angestoßen hatten, sagte Stefenson so ganz nebenher zu mir:„Daß der Kerl von der ‚Umschau‘ zwei Mark für die Zeile der gefälschten Verlobungsnotiz von Ihnen genommen hat, war unverschämt. Eine Mark wäre auch genug gewesen.“„Woher wissen Sie den Preis?“„Na, ich war doch drüben in der Redaktion.“„In der Zeitung? Wann? Heute nachmittag?“„Ja, natürlich! Ich witterte etwas und wollte wissen, woher die ‚Umschau‘ die große Neuigkeit habe, und da kriegte ich mit Hilfe einiger Überredungskunst und einigen Papiergeldes den ganzen schönen Schwindel heraus.“„Das ist infam!“ rief ich.„Er hat alles gewußt“, sagte fassungslos die schöne Eva.„Jawohl, alles!“ schmunzelte Stefenson. „Dann, als ich von Neustadt zurückkam, ging ich gleich wieder zu unserem Herrn Doktor, und als mir der so ganz geschickt und ganz und gar unauffällig suggerierte, ich solle doch durchaus mal zu der alten Sibylle gehen, da sagte ich mir: Hm, da ist was dahinter! Da werden die Schlau[pg 366]berger mit dir wohl noch was vorhaben. Und ich ging zu der alten Sibylle.“„Er hat mich sofort erkannt“, klagte Eva. „So schlecht habe ich gespielt.“„Du hast herrlich gespielt!“ rief Stefenson. „Du bist eine große Künstlerin. Die Sprache – zum Fürchten; das Äußere – zum Schlechtwerden. Zum Beispiel diese borstigen Warzen an Kinn und Hals. Ich habe nie eine schrecklichere Theaterhexe gesehen.“„Es ist aus mit meiner Bühnenlaufbahn“, sagte Eva. „Das ist die furchtbarste Kritik, die ich bekommen konnte. Ich kann ihm nie, nie was vormachen!“„Nein“, sagte Stefenson mit großer Befriedigung, „und weil ich jetzt weiß, daß du mir nie etwas vormachen kannst, heirate ich dich. Ich heirate dich mit großer innerer Ruhe und mit sehr großem Vergnügen!“Daß uns aber auch diesmal der alte Fuchs übertölpelt hatte, ärgerte mich so, daß mir der gute Wein nicht mehr schmeckte.[pg 367]AdventEs ist nun still geworden bei uns. Stefenson ist nach Amerika hinüber, um in Eile seiner künftigen Frau ein Heim zu bereiten. Diesmal ist er wirklich abgereist; ein Vertrauensmann von mir hat ihn in Hamburg an Bord gehen sehen. Eva wohnt zwar bei ihrem Vater, hält sich aber allermeist im Forellenhof auf, der ihre zweite Heimat geworden ist. Der Bauer Barthel hat seit dem Abenteuer seiner Verhaftung an Reputation etwas eingebüßt und steht jetzt ganz unter dem Regiment der dicken Susanne; aber der alte Friede ist wiedergekehrt.Nur ein wenig still ist es. Methusalem und Emmerich, die lustigen Burschen, haben auch längst schweren Herzens von uns Abschied nehmen müssen, um in ihr bürgerliches Leben zurückzukehren, und Piesecke ist vom Forellenhof fortgezogen. Er wohnt jetzt in der Waldschölzerei. Er sagte mir, „er habe an Barthel und Susanne mit der Zeit ein Haar gefunden“ und wolle auch Eva aus dem Wege gehen. In Wirklichkeit hegt sein leichtbewegliches Herz bereits eine neue Sehnsucht, und diese Sehnsucht wohnt in der Waldschölzerei. Sie heißt Agathe.„Lieber Herr Doktor“, sagte er dieser Tage zu mir,[pg 368]„wenn mich die kleine Agathe will, dann möchte ich sie heiraten und mit ihr immer hier bei Ihnen im Heim bleiben. Vielleicht kann ich mich mit etwas Kapital beteiligen und eine kleine Stellung, so als Subdirektor oder ähnlich, bekommen. Ich möchte nicht wieder fort von hier; die große Welt hat allen Reiz für mich verloren.“„Wir wollen abwarten und überlegen, lieber Piesecke.“„Ich soll immer abwarten, nie handeln“, sagte er betrübt.„Sie haben eben in Ihrem früheren Leben etwas zu viel gehandelt, lieber Freund. Deshalb sind Sie ja jetzt in den Ferien.“Da fügte er sich. –Mit dem schweizerischen Namen „Heimwehfluh“ ist eines unserer kleinen Anwesen benannt, das in einer Waldecke so abseits vom Wege liegt wie die Genovevenklause. Auf der Heimwehfluh wohnt jetzt Käthe mit ihrem Kinde. Die Frau ist blaß und von zartester Gesundheit; aber ich habe nur mit Mühe durchsetzen können, daß sie eine Bedienerin annahm. Sie wollte mit Luise ganz allein sein.Das Mädchen ist viel ruhiger geworden. Wohl hindert es die Mutter nicht, zu anderen Kindern zum Spielen zu laufen, ja sie drängt es oft dazu, aber das Kind bleibt am liebsten daheim. Dort ist es in einem ewig sonnigen Paradies der Mutterliebe. Die Mutter dichtet Geschichten um Geschichten, die Mutter spielt so schön, wie niemand spielen kann, die Mutter macht selbst das Lernen zur Lust.[pg 369]Käthe und das Kind sind noch die einzigen Kameraden, die ich hier habe. Sie stören mich nicht. Ich weiß, daß sie im Frieden sind und daß sie mir, wenn ich frage, wie es ihnen geht, immer nur die eine Antwort geben werden: „Es geht uns gut!“ Es ist schön, Menschen zu begegnen, die sagen, daß es ihnen gut gehe; es ist wie ein herzstärkender Blick auf ein heiteres Gelände, der sich bei einer so lieben Antwort auftut.Im Forellenhof wird jetzt viel geschneidert, gestrickt, gebastelt. Eva schafft an ihrer Ausstattung, und alles Weibsvolk ist ganz närrisch, ihr dabei zu helfen. Es ist sehr heimlich in der großen Bauernstube. Der Wind zieht um die Giebel oder pfeift auf dem Schornstein wie auf einer großen Flöte, der Regen knistert am Fenster, das Feuer flackert im Herd, die alte Uhr geht freundlich ihren Weg hin und her mit ihrem Schlenkerbein. Manchmal erzählt eine der Frauen eine Geschichte, manchmal rattert eine Nähmaschine, manchmal spielt Vater Barthel auf der Ziehharmonika, oft kommt einer von den „Mannsvölkern“ in die Stube, schüttelt sich wie ein Pudel, wärmt sich am Ofen und sagt etwas Nettes oder etwas Dummes, über das gelacht werden kann. Was bei der Hausarbeit herauskommt, kann ich nicht beurteilen. Eva wird eine sehr reiche Frau sein, aber vielleicht sind ihr einmal diese mit recht verschiedenartigem Talent im Ferienheim gestickten Monogramme und Schneidereien lieb und wert ...Ich bekam eben einen Eilbrief von Methusalem aus München:[pg 370]„Lieber Doktor!Unser Freund Stefenson (wo hätte ich den Heimtücker in dem langen Ignaz vermutet!) hat mich von Amerika aus mit der ehrenvollen Aufgabe betraut, die äußeren Feierlichkeiten seines Hochzeitsfestes in Regie zu nehmen. Trotz meines hohen Alters will ich die Aufgabe übernehmen. (Notabene: Was sagen Sie als Mediziner dazu, daß ich mit neunhundertachtundneunzig und dreiviertel Jahren noch einen Weisheitszahn kriege?) Also übernehmen! Die bewilligten Mittel sind generös. Man könnte damit alle Einwohner eines deutschen Herzogtums drei Tage lang freihalten. Ich werde mit einem Bruchteil des Geldes auskommen, und das Fest wird dennoch glänzend sein. Mein Freund Emmerich, bekanntlich Gesanglehrer an einer Taubstummenanstalt und auch sonst ein berühmter Musiker, übernimmt den musikalischen Teil. Das Fest soll am ersten Weihnachtsfeiertag im Rahmen eines großen deutschen Weihnachts- und Weihespieles stattfinden. Es ist allerhöchste Zeit, mit den Vorbereitungen zu beginnen. Erwarten Sie mich also schon morgen; sagen Sie Frau Susanne, daß ich vor Sehnsucht nach ihr brenne, durch welch schöne Redewendung sie erinnert sein soll, mein Zimmer gut zu heizen, und bewegen Sie Freund Piesecke, in den intimeren Festausschuß einzutreten.Ihr getreuer Methusalem.Nachschrift! Ich habe heute aus Freude, so bald nach dem geliebten Waltersburg zurückkehren zu können,[pg 371]bereits fünf Purzelbäume in meinem Bett geschlagen. Ich finde das zwar unpatriarchalisch, aber es mußte sein!Methusalem.“Frau Susanne strahlte, als ich ihr Methusalems baldige Ankunft verkündigte, und rannte spornstreichs nach dem Kohlenkasten. Sie kann ihren ältesten Sohn nicht lieber haben als diesen Maler, der sie doch ständig ärgert und über den sie ständig schimpft.Mit Piesecke dagegen hatte ich Schwierigkeiten.„Ich lehne ab, dem Festausschuß beizutreten“, sagte er kalt, als ich ihm Methusalems Brief vorgelesen hatte. „Denn erstens, dieser Stefenson, der mich als Knecht Ignaz gemißhandelt hat, verdient von mir keine Gefälligkeit, und diese Eva auch nicht. Was aber Methusalem und Emmerich anbelangt, so habe ich mich einmal mit ihnen eingelassen und die traurigsten Erfahrungen mit ihnen gemacht.“„Lieber Piesecke“, sagte ich, „Sie werden sich das noch überlegen. Was Stefenson anlangt, so sind Sie eine viel zu große Natur, um nachträgerisch zu sein. Und mit Methusalem und Emmerich dürfen Sie sich ruhig verbinden. Ich gebe zu, daß sich die beiden in der Waltersburger Schlacht feig und schäbig benommen haben. Während Sie kämpften, hat der eine gezeichnet, der andere seine Hymne gesungen. In den Kampf eingegriffen haben sie beide nicht, obwohl es ihre Pflicht war. Sie sind eben keine Helden. Ein Fest aber ist keine Schlacht; da werden die zwei ihren Mann stellen. Im übrigen gebe ich Ihnen[pg 372]zu bedenken, daß, falls Sie sich fernhielten, Fräulein Agathe aus der Waldschölzerei den schweren Verdacht schöpfen könnte, Sie hätten Ihren Gram um die verlorene Eva immer noch nicht verwunden.“„Oh“, rief da Piesecke, „den hab ich gründlich verwunden. Aber Sie haben recht, der Verdacht läge nahe. Also mache ich mit!“Schon am nächsten Morgen kehrten unter ungeheurem Hallo Methusalem und Emmerich nach dem Ferienheim zurück. Eine Stunde später fand die erste „Geheime Sitzung des intimeren Festausschusses“, bestehend aus Methusalem, Emmerich und Piesecke, statt. Ich hatte bescheiden angefragt, ob ich eine beratende Stimme im Ausschuß haben dürfte, dieses war aber abgelehnt worden.Was hatten wir für einen schönen Heiligen Abend! Auch über die Festtage war unsere Anstalt mit Gästen gut besetzt, aber die Leute waren alle kurz vor dem Christabend etwas stiller geworden. Ich merkte, wie viele an Heimweh litten. Durch einen besonderen Anschlag war rechtzeitig bekanntgegeben worden, daß jeder Feriengast ein Paket nach Hause senden und ein solches von Hause erbitten solle. In den letzten Tagen trafen viele solche Liebesgaben bei uns ein. Sie wurden in der Direktion aufgestapelt. Wie nun der Abend kam am 24. Dezember, dieser heilig-süße Abend, an dem alle Herzen anders gehen als sonst, ritt auf schneeweißem Roß Knecht Ruprecht von Haus zu Haus. Hinter ihm fuhren in einem mit[pg 373]Silber, Gold und Tannengrün geschmückten Schlitten vier Engelein, von denen eines die kleine Luise war, dann kam ein Bläserchor, zuletzt stampften Zwerge und Waldgeister durch den Schnee, die schleppten alle Pakete auf den Schultern und taten, als ob sie schwer daran zu tragen hätten.Vor jedem Bauernhof wurde haltgemacht. In der großen Stube brannte der Christbaum; Knecht Ruprecht trat ins Zimmer und sagte seinen Weihnachtsgruß, die Engelchen sangen ein Lied, der Bläserchor blies vor dem Hause einen Choral, und die Zwerge und Waldgeister schleppten Pakete herbei – Grüße aus der Heimat.Da hat keinem von unseren Feriengästen die Weihnachtsstimmung gefehlt.Auch ich hatte meine Weihnachtsfreude. Am Nachmittag erhielt ich ein Kabeltelegramm von der Mutter aus Rio:„Sehne mich nach dir. Grüße von Joachim und mir an dich, Luise, Käthe und die Heimat. Eure Mutter.“Frieden auf Erden! Ich ging nach der Heimwehfluh. Käthe saß am Fenster, spähte nach dem Lichtschein der Fackeln, die den Schlitten begleiteten, darin ihr Kind saß, und hörte auf die alten Weihnachtslieder, die aus dem Tale klangen.Ich gab ihr das Telegramm. Sie las es und wurde zum ersten Male wieder ein wenig rot im Gesicht.„Schenke es mir zu Weihnachten“, bat sie.„Ich habe es dir ja gebracht.“[pg 374]Ich blieb bei ihr, wollte Luises Rückkehr abwarten.Da sagte sie im Laufe des Abends:„Ich weiß wohl, daß es nicht mehr allzu lange mit mir dauern kann. Aber sage mir, ob ich übers Jahr zu Weihnachten noch leben werde.“„Bestimmt, Käthe.“Da trat ein Lächeln auf ihre Züge.„Das ist noch eine lange Zeit zum Glücklichsein!“[pg 375]Hochzeit und EndeStefensons Hochzeit fand am späten Nachmittag des ersten Christfeiertages in aller Stille in der Waltersburger Kirche statt. Nur Evas Vater und ich waren als Trauzeugen gegenwärtig. Wir waren nicht über den Marktplatz, sondern auf einem Umweg nach der Kirche gefahren. So war das von Methusalem angeordnet worden. Auf demselben Wege, den wir gekommen, mußten wir auch wieder nach Hause fahren. Ich merkte, daß Stefenson verwundert war. Die heilige Handlung in der Kirche hatte ihn gerührt, und er hatte wohl erwartet, daß es von der Kirche direkt nach dem Marktplatz zu einer stimmungsvollen großen Weihnachts- und Hochzeitsapotheose gehen würde.Wir fuhren aber nach dem Heim zurück, und zwar nach dem „Rathaus“, und wurden dort im großen Saal von zahlreichen Feriengästen erwartet. Das Brautpaar wurde mit Heilrufen empfangen und zu seinen Ehrensitzen geleitet. Ein schönes Mädchen mit roten Rosen im Haar überreichte den zwei Glücklichen einen goldenen, mit Wein gefüllten Pokal, das Hochzeitsgeschenk des Heimes, und sprach dazu Verse, die ein im Heim anwesender Dichter geschaffen hatte:[pg 376]„Alles Wünschen geht zur Ruh:Du bist ich, und ich bin du!All dein Schmerz und Leid ist mein,All mein Gut und Glück sind dein!Wo dein Fuß geht, ist mein Ziel,Was zum Dienst dir, ist mein Spiel;Deine Blumen pflanze ich,Deine Tänze tanze ich;Ich will deinen Kummer klagen,Du sollst meine Kränze tragen;Ich kann nimmer müde sein,Ehe du nicht schlummerst ein;Ja, mein Gott grüßt mich von fern,Strahlt auf dich ein goldner Stern.“So sprach der Dichter in den Ferien vom Ich zu dem Brautpaar.Schöne Lieder wurden gesungen, die Musikmeister Emmerich eingeübt hatte. Ansprachen wurden gehalten von unserem Direktor, von je einem Vertreter der Kurgäste wie der Angestellten, schließlich sprach auch ich ein paar Freundesworte.Stefenson war bewegt, als er für die Liebe, die er erfuhr, dankte, als er sagte, er habe in diesem deutschen Tale den Frieden gefunden, den er drüben im Lande der rücksichtslosen Dollarjagd niemals gekannt hatte. Hier habe er nach einem Leben voll Aufregung, Überarbeit und gelegentlichen wilden Genüssen nicht nur Ferien, sondern Feierabend gemacht. Er wisse jetzt, da er die Frau[pg 377]seines Herzens gefunden habe, daß ein höheres Glück ihm Gott nicht mehr geben könne, und so wolle er drüben in Amerika seine Beziehungen klug und vorsichtig zu lösen suchen und dann ganz nach Deutschland ziehen, das ja doch seine wahre Heimat sei.*„Und nun“, kommandierte Methusalem, „großer Festkorso auf den Weihnachtsberg.“Draußen war es stockdunkel; die Straßenbeleuchtung war ausgeschaltet; aber Fackeln und Laternen leuchteten phantastisch, und der Schnee schimmerte. Wohl fünfzig Schlitten hielten da. Dem Zuge voran leuchtete eine riesige, ballonartige Laterne, die an hohen Stangen getragen wurde. Auf der einen Seite zeigte die Ballonhülle das liebliche Bild der „Hanne vom Forellenhof“, auf der anderen eine scheußlich anzusehende, aber genial gezeichnete Karikatur Stefensons. Ein Meisterstück Methusalems.Vom Berg herab kam uns viel Volk entgegen; die Leute trugen Laternen mit transparenten Bildern: Methusalem hatte sich selbst verewigt, als tausendjährigen Greis voller Güte und Abgeklärtheit, Emmerich war von einem Mückenschwarm fliegender Noten, Violinschlüssel, Kreuzen, Auflösungszeichen und Fermaten umgeben, die dicke Susanne strahlte in zinnoberrotem Licht und schimpfte fürchterlich, als sie ihr Konterfei sah, Barthel als gefesselter Verbrecher war zu sehen,Levisohnmit einer riesigen Reklametrompete, Piesecke als Gott[pg 378]Mars in furchtbarer Rüstung, schließlich auch mein etwas ins Sentimentale karikierter Kopf, den ein Kranz von heulenden, bellenden, hochnäsigen, sich Flöhe schabenden Dackeln lieblich umrahmte. Lauter Meisterwerke des liebenswürdigen Greises und Vergnügungsleiters Methusalem.Als wir der Weihnachtsburg näher kamen, erstrahlte sie in farbigen Lichtern, Böllerschüsse hallten über Berg und Tal, und ein Chor blies vom grauen Turme herab:„O du fröhliche, o du selige,Gnadenbringende Weihnachtszeit.“Gleich hinterher aber:„Wenn Weihnachten ist,Wenn Weihnachten ist,Dann kommt zu uns der heil’ge Christ;Bringt jedem eine Muh,Bringt jedem eine Mäh,Bringt jedem eine wunderschöne Schnätterättättä!“Unter den Klängen dieser großen Hymne der Fröhlichkeit zogen wir in die Weihnachtsburg ein.Der große mit Tannenreis ausgeschmückte Saal der Weihnachtsburg füllte sich mit Menschen; Bräutigam und Braut waren zunächst nicht zu sehen. Nach etwa einer halben Stunde aber erschienen beide auf einer kleinen Empore. Sie hatten ihre hochzeitlichen Kleider abgetan[pg 379]und waren in phantastischen Kostümen, er als Winterkönig, sie als Königin. Regie Methusalem!Mit donnerstimmigem Heilruf wurde das Brautpaar begrüßt. Holdselig lächelnd grüßte die Braut in den Saal; steif und ungelenk verneigte sich Stefenson. Er fühlte sich als Winterkönig sichtlich unbehaglich. Der Thron stand auf einer amphitheatralisch ansteigenden Bühne. Ich selbst war als „Kammerherr“ neben Stefenson plaziert.Scheinwerfer warfen auf uns wechselnde Lichter. Atemlos stand das schlichte Bergvolk. Alle Märchen- und Himmelsträume schienen vor ihm erfüllt. Feierliche Weisen erklangen, und dann sprach nicht der Winterkönig Stefenson, wie alle vermutet hatten, sondern Herr Methusalem sprach, der die Tracht eines mittelalterlichen Notarius angelegt hatte. Er entfaltete ein Pergament und verkündete: „Edles Gefolge des Königs und der Frau Königin! Ich als Kanzellarius Seiner Majestät König Stefensons des Ganzgroßen und Hochdero majestätischer Gemahlin Hanne der Einzigen verkünde, damit es männiglich erfahre, feierlich, öffentlich und unwiderruflich folgendes:Wir, Stefenson der Ganzgroße und Höchstmeine erlauchte Gemahlin Hanne, wollen, daß dieser glückliche Tag ein Andenken hinterlasse. Darum machen wir für Waltersburg eine Stiftung von hunderttausend Mark mit der Bestimmung, daß alljährlich ein Drittel der Stiftungszinsen alten bedürftigen Eheleuten, ein zweites Drittel den Waltersburger Schulkindern zugute komme;[pg 380]das dritte und letzte Drittel aber ist zu Hochzeitsgeschenken für die in jedem Jahr Heiratenden bestimmt, von welcher Stiftung sich keines, auch nicht das wohlhabendste Brautpaar ausschließen soll, auch wenn es nur ein Blumensträußchen annimmt; den ärmeren aber soll ein guter Happen für den Nestbau gegeben werden.“Eine brausende Welle des Beifalls donnerte durch den Saal.Ich sah verwundert auf Stefenson und flüsterte ihm zu:„Wissen Sie etwas von dieser Stiftung?“„Kein Wort! Der Kerl verschenkt mein Vermögen.“Mir wurde doch etwas schwül. Oh, dieser Methusalem – dieser Regisseur!Methusalem fuhr fort:„Stefenson fragt nicht nach Ehre und Ruhm, nicht nach Beifall und Dank. Nur Liebe und Vertrauen will er. Auf diesem goldenen Untergrunde will er mit euch leben und schaffen für das Gedeihen seiner Gründung, für den Ruhm Waltersburgs, für das Heil der Menschheit. Nun wißt ihr vielleicht alle, daß unter den vielen Geplagten, die in der harten Schule des Lebens müde und krank geworden, hier in dieses schöne Tal kommen, um Ferien zu machen, einer daherhumpelte, von langer, langer Reise, auf der er Arbeit und Mühe in erträglichem Maße, Verkennung und Not in Überfülle, echtes Glück und wahre Freude aber wenig fand. Dieses Mannes Leben war lang, er war Methusalem. Hier in Waltersburg aber fand Methusalem Freude und Friede. Methu[pg 381]salem ist der Leiter dieses Festes, Methusalem ist aller Weltweisheit und Welterfahrung voll, darum soll auch die Stiftung, die Stefenson heute macht, nicht Stefenson-Stiftung, sondern Methusalem-Stiftung heißen.“Das Volk staunte.„Auch das noch!“ sagte Stefenson neben mir.„Ja, es ist frech; außer den fünftausend Mark, die Methusalem neulich für Susannes Bild erhielt, hat er sicher nicht einen roten Heller. Und macht eine Methusalem-Stiftung von hunderttausend Mark!“Da erhob sich Stefenson zur Rede. Tiefe Stille.„Meine lieben Waltersburger, von allem, was Methusalem an meiner Statt hier gesagt hat, muß ich nur einem widersprechen, das betrifft die Stiftung.“Bestürzung. Schweigen.„Methusalem, mein bevollmächtigter Hochzeitskanzler, hat sich in einem Irrtum befunden, den ich berichtige. Die Stiftungssumme beträgt nämlich nicht einhunderttausend Mark, sondern dreihunderttausend Mark!“Erst Stille. Dann knallartig losbrechender, rasender Tumult. Die Braut stand auf, der Bräutigam sprach auf sie ein, während die Leute lärmten; die Augen der glückseligen Braut glänzten, sie schmiegte sich fest an den Arm des starken Mannes. Methusalem stand mit eigentümlichem, fast weinerlichem Lächeln daneben. Stefenson verschaffte sich wieder Gehör.„Bürger von Waltersburg! Nur die Stiftungssumme hatte ich zu berichtigen, alles andere bleibt, wie es der[pg 382]weise Methusalem angeordnet hat, die Verteilung der Zinsen wie auch der Name: Methusalem-Stiftung.“Da fing Methusalem, der durchtriebene Methusalem, der aussah, als sei er fünfunddreißig Jahre, und doch nach seiner eigenen Angabe neunhundertneunundneunzig war, an richtig zu heulen. Und zwar nicht so wie ein tausendjähriger Mummelgreis, sondern wie ein Mann der Dreißiger gelegentlich mal heult.Nach meiner Mutter Haus hatte Methusalem, der Leiter des Festes, die Koffer des Brautpaares schaffen lassen. Dort kleidete sich das Paar, als sich der Trubel verlaufen hatte, zur Reise an. Dann fahren sie noch heute mit dem Nachtzuge davon.Wir waren in der Wohnstube der Mutter. Ein paar nahestehende Freunde waren da.Zum Abschied sagte Stefenson zu mir:„Es gibt kein besseres Band, das Freundschaft bindet, als das gemeinsame Schaffen an einem erfolgreichen Werke. So werden wir zwei immer gute Freunde sein. Wir wollen ‚du‘ zueinander sagen wie Brüder!“Ich schlug in die dargereichte Hand.„Wann kommst du wieder?“„Ich weiß es noch nicht; ich weiß nicht, wie und wann ich drüben loskomme. Aber loskommen werde ich. Was ich dann tue, kann ich noch nicht sagen. Vielleicht tauchen eines Tages zwei Feriengäste bei euch auf, irgendein Herr Schulze mit Frau, und vielleicht kommen dir diese Gäste[pg 383]bekannt vor. Ich werde nie anders denn als Gast im Ferienheim einkehren; ich will diese meine Lieblingsschöpfung mir nicht zum Verwaltungsbezirke, nicht zum Arbeitsgebiete werden lassen, sondern hier soll mir eine Ferienzuflucht, eine glückliche Heimat für immer bewahrt sein.“Eva hörte ihm zu und war ihm dankbar für diese Worte. O ja, diese beiden paßten zu einer Ehe, der starke Mann und das schöne, fröhliche Weib.„Du freilich, lieber Freund, du hast hier keine Ferien; du hast hier deine Arbeitsstätte. Und wenn du einmal ausspannen willst, dann kommst du zu uns, dann fahren wir mit dir, der dann der Stille entronnen ist, dorthin, wo die Welt laut und bunt ist. Dort machst du dann Ferien von deinem stillen Ich, und wenn du nach Hause zurückkehrst, wird dir das alltägliche Leben wieder schmackhaft sein.“„Ja, so wollen wir es halten!“„Nun denn, so wären wir wohl für diesmal hier fertig.“Stefenson zog ein Notizbuch heraus und blätterte darin. Sein Gesicht bekam wieder die alte Geschäftsmiene.„Halt, da ist noch etwas zu erledigen. Ich habe mir mal als Knecht Ignaz von dem Schuhmacher Röhricht die Stiefel besohlen lassen. Er hat auf die Rechnung geschrieben: Sohlen und zwei Absätze zwei Mark und fünfundachtzig Pfennig, hat aber nur einen Absatz zu machen gehabt. Ich habe ihm daher fünfundzwanzig Pfennig ab[pg 384]ziehen wollen, und wir haben so lange gestritten, bis ich inzwischen verhaftet wurde und dann alles das andere kam. So steht der Posten noch offen. Ich bitte, erledige das, lieber Freund! Aber nicht zwei Mark und fünfundachtzig Pfennig, sondern nur zwei Mark und sechzig Pfennige, hörst du wohl? Ein Knecht kann nicht fünfundzwanzig Pfennig umsonst hergeben. Vergiß es nicht! Röhricht heißt der Mann, Hintermarkt 15, drei Stiegen.“Ein vergnügtes Lachen tönte aus der Ecke von meiner Mutter Sofa.„Was lachen Sie denn, Piesecke?“„Ja, Pardon, Herr Stefenson, aber erst dreihunderttausend Mark verschenken und dann wegen fünfundzwanzig Pfennig – so in der Abschiedsstunde – das – das ist – Pardon – merkwürdig!“„Gar nicht merkwürdig, lieber Piesecke. Weil ich immer die Rechnungen auf die Fünfundzwanzig-Pfennig-Bilanz geprüft habe, kann ich mal gelegentlich dreihunderttausend Mark verschenken.“„Sehr – sehr kaufmännisch! Sehr lehrreich!“„Jawohl! Aber nicht für Sie! Für Sie wäre das zu unfürstlich.“Wenig fehlte, so wären auch in letzter Stunde die alten Gegner, der rechnende Kaufmann und der leichtfertige Fürstensohn, noch aneinander geraten. Die dicke Susanne wälzte sich zwischen beide und löschte mit einer Flut von Abschiedstränen den entstehenden Brand.[pg 385]Sie sind alle fort. In tiefer Stille liegt der Marktplatz. Ich öffne das Fenster. Die Luft ist milder geworden. Am hocherhobenen Arm des heiligen Baptista hängt ein glitzernder schwerer Eiszapfen wie ein Schwert. Am Himmel stehen zwischen dem Gewölk ein paar freundliche Sterne. Im Schneemantel schaut der Heilige herüber zu mir. Suchen seine Augen die kleine, feine Frau, die sonst so oft zu ihm hinüberträumte?Sie ist in weiter Ferne, bei dem, den ihre Sehnsucht suchte in all den alten Tagen. Das Haus ist leer. Ich sehe mich in der großen Stube um, und es ist mir auf einmal bange zumute wie einem Kinde, das nach Hause gekommen ist, wenn Vater und Mutter nicht da sind. So schließe ich das Fenster. Unschlüssig bleibe ich noch ein Weilchen stehen, dann ziehe ich die Uhr auf, fühle noch einmal an den Ofen. Endlich lösche ich die Lampe aus und tappe die Treppe hinab ...Ich habe jetzt große Ferien vom Ich. Mutter und Bruder sind fort, der Freund mit der Frau fort, die ich geliebt habe, auch Methusalem und die anderen lustigen Käuze verschwinden bald wieder. Ich stehe ganz frei und ganz allein auf dem Marktplatz von Waltersburg. Schließlich ist der alte Baptista jetzt noch mein einziger, ständiger Freund hierzulande.Ob die anderen wiederkehren werden? Wer kann es wissen? Wie lange die stille Frau auf der Heimwehfluh sich noch ihres Kindes freuen wird, ein, zwei, drei Jahre ...? Ob dann, wenn sie Ferien macht für immer, die kleine Anneliese, die jetzt als Schullehrerin in einem[pg 386]verlassenen Gebirgsdorfe lebt, doch noch Joachims Frau werden und übers Meer zu ihm ziehen wird? Und ob dann die Mutter heimkehren wird in ihre schöne alte Stube? Lauter Fragen ohne Antwort. Das Leben bringt nichts so leichthin zum Abschluß wie ein Theaterstück oder ein Buch; es ist nie am Ende, es beginnt immer von neuem.So gehe ich von diesem Marktplatze hinweg, steige den Berg hinauf zu meinem Werk.Eine köstliche Siedlung ist da entstanden auf leeren Halden, im öden Walde. Hundert Fenster blitzen in goldigem Lampenlicht, Singen und Lachen kommt aus den Bauernhöfen. Alle Leute, die mir begegnen, grüßen mich oder rufen mir freundlich zu. Hier bin ich nicht allein. Bei meiner Arbeit bin ich zu Hause.In der Wüste sah ich einmal einen Mann mit gefüllten Wasserschläuchen am Brunnen der Oase stehen, als sich unsere halbverschmachtete Karawane fieberglühend auf sie zuschleppte. Da dachte ich, es müsse schön sein, mit gefüllten Wasserschläuchen Verdurstenden entgegenzusehen. Ich will so sein wie jener Mann. Alle, die zu mir kommen von der heißen Straße des Alltags, will ich laben aus dem kühlen Brunnen, den ich grub.Dann wird es mir so gut ergehen, daß ich nichts anderes vom Leben mehr verlangen will; denn es ist die größte Lust des Lebens, anderen die Last des Lebens zu erleichtern.
[pg 355]Der Fuchs und die SibylleEs war Abend, als ich am Grundhof vorbeischlich und mich an der Reihe windbrüchiger Weiden, die am alten Waltersburger Weg stehen, hinab zum Hause der Sibylle schlängelte. Das kleine Anwesen sah schäbig und unordentlich aus. Die Tür stieß einen grämlichen Quieker aus, als ich eintrat. Der Hausflur war finster, aber in dem daranstoßenden Zimmer, dessen Fenster mit buntem Kattun verhängt waren, brannte eine kleine Lampe. Die „Sibylle“ erhob sich und kam mir entgegen. Mit krummem Rücken, auf einen Stock gestützt, hob sie ihr verrunzeltes Gesicht, das in dem trüben Lichte der kleinen Lampe ganz gespenstisch aussah, zu mir empor.„Wird er kommen?“ fragte sie.„Ich weiß es nicht. Aber ich hoffe es; denn ich habe es ihm kräftig eingeredet. Ich gehe einstweilen in die Nebenstube und passe auf. Halten Sie sich genau an unsere Abmachungen.“„Jawohl!“ nickte das Weib.Ich mußte eine Stunde lang warten und gab den Plan, den ich gefaßt hatte, beinahe auf. Noch zweimal[pg 356]hatte Stefenson heute von der Wahrsagerin angefangen, und ich hatte ihm einige sehr merkwürdige Fälle erzählt, in denen die Voraussagungen der Sibylle in verblüffender Weise eingetroffen waren. Nun kam er doch nicht. Schon wollte ich meinen Lauscherposten verlassen, da sah ich den alten Fuchs um die Wegkrümmung treten und vorsichtig umherspähen.„Er kommt!“ sagte ich zu der Sibylle durch die Tür. „Nun machen Sie Ihre Sache gut.“Fünf Minuten später hörte ich nebenan Stefenson eintreten.„Guten Abend“, sagte er etwas verlegen. „Ich komme mal zu Ihnen. Sie brauchen sich deswegen nicht etwa einzubilden, daß ich auf Ihren Quatsch etwas gebe; aber ich habe von Ihnen gehört, und da will ich mal einen Versuch machen – der Wissenschaft halber, verstehen Sie?“Die Sibylle rührte sich nicht. Sie sah greulich aus. Die Gestalt war in ein geflicktes Umschlagetuch gehüllt, vor Stirn und Augen hatte sie einen grünen Lichtschirm, über dem der graue Scheitel struppig herausragte. Das alte Weib betrachtete ihre ausgebreiteten schmutzigen Karten und sagte kein Wort.„Nun?“ mahnte Stefenson ungeduldig.Keine Antwort.„Ja, wollen Sie nun gefälligst mit mir sprechen?“ brauste der Amerikaner auf.„Scheren Sie sich hinaus!“ krächzte die Alte.„Wa–as?“[pg 357]„Hinausscheren sollen Sie sich!“ wiederholte der häßliche Rabe.„Das ist stark!“ sagte Stefenson verblüfft. „Nun bleibe ich natürlich hier!“Er schob sich den wackligen Stuhl, der an der Wand lehnte, zurecht und sah mit stoischer Ruhe zu, wie das alte Weib ihre Karten mischte und legte, ohne ihn auch nur im geringsten zu beachten. Ich vergnügte mich an meinem Guckloche königlich.Endlich stand Stefenson auf, legte auf die Tischkante eine Münze und sagte mit erzwungener Höflichkeit:„Madame, ich möchte gern durch Ihre Kunst meine Zukunft erfahren.“„Warten Sie!“ schnarrte der Rabe.Und Stefenson wartete. Sibylle betrachtete indes unverwandt ihre Karten. Endlich schien sie fertig zu sein. Sie warf einen Blick auf das Geldstück und sagte: „Auf zwanzig Mark kann ich nicht herausgeben. Es kostet fünfundzwanzig Pfennig.“„Behalten Sie nur das Goldstück“, erwiderte Stefenson. Da schnipste sie mit dem Finger die Münze vom Tische hinab auf den Fußboden und kreischte wütend:„Fünfundzwanzig Pfennig kostet es!“Stefenson kramte in einer Westentasche und legte fünfundzwanzig Pfennig auf den Tisch.„Stecken Sie das Goldstück ein!“ befahl die Alte. Stefenson leuchtete mit Streichhölzern gehorsam den Fußboden ab, bis er die Goldmünze fand, und steckte sie[pg 358]ein. Darauf mischte Sibylle die Karten, ließ Stefenson dreimal abheben und sagte:„Sie sind neunundvierzig Jahre alt!“Stefenson lachte ärgerlich.„Neununddreißig bin ich.“„So sehen Sie nicht aus!“Darauf wurden die Karten auf den Tisch gebreitet.„Richtig – erst neununddreißig“, sagte die Wahrsagerin.„Am 14. April geboren.“„Das stimmt!“ rief Stefenson verblüfft.„Es stimmt alles, was ich sage“, knurrte die Alte.„Sie haben weder Vater noch Mutter, Bruder noch Schwester. Sie sind nicht aus diesem Lande, Sie sind über das Wasser gekommen.“Stefenson setzte sich staunend auf den Stuhl.„Sie sind sehr reich“, fuhr die Alte fort, „und werden immer reicher werden; aber Sie haben Unglück in der Liebe.“„Ja“, murmelte Stefenson.„Ihre Braut heiratet einen anderen.“„Ist das wahr?“„Ja. Aber Sie sind selbst schuld; Sie haben Ihre Braut schlecht behandelt und sie betrogen.“Stefenson stöhnte leise. Die Alte fuhr fort:„Wenn Sie sich mit dem neuen Bräutigam Ihrer Braut duellieren, werden Sie ihn töten.“„A–ah!“[pg 359]„Ja, aber es wird Ihnen schlimm ergehen, weil er ein vornehmer Herr ist, und das Mädchen wird doch einen anderen nehmen.“„Wird sie glücklich werden?“ fragte Stefenson.„Sie wird mit jedem Manne glücklich werden, den sie nimmt. Nur mit Ihnen wäre sie unglücklich geworden.“„Das ist nicht wahr!“ rief Stefenson.„Das ist ebenso wahr, als daß Sie nach einem Jahre eine reiche Amerikanerin heiraten werden.“„Schwindel!“ rief Stefenson erbost. „Ich werde nie eine andere heiraten. Sie schwafeln da einen ungeheuren Blödsinn zusammen!“„Scheren Sie sich hinaus!“ kreischte der Rabe wütend und klappte die Karten zusammen.„Ich bitte, daß Sie weitersprechen“, beruhigte sich Stefenson gewaltsam.Die Alte aber erhob sich und humpelte der Nachbartür zu.„Bleiben Sie da“, rief Stefenson; „ich habe doch fünfundzwanzig Pfennig bezahlt.“Sie gab keine Antwort, verschwand hinter der Tür und schob den Riegel vor.In diesem Augenblick sprang ich im Nebenzimmer aus dem Fenster hinaus in den Garten, ging ums Haus herum und trat durch den Flur in die Vorderstube.Als Stefenson und ich uns sahen, prallten wir voreinander zurück.[pg 360]„Sie – Doktor?“„Sie – Stefenson?“Er lachte außerordentlich verlegen. Leise sagte er: „Aber wissen Sie – nur der Wissenschaft halber ...“„Ja – ich natürlich auch nur der Wissenschaft halber. Waren Sie schon dran?“„Ja. Und es hat merkwürdig gestimmt. Jetzt ist die Alte da hinein und hat sich abgeriegelt. Aber ich warte, bis sie herauskommt; ich will noch mehr erfahren.“„Wenn es Sie nicht stört, warte ich mit.“Ich sah, daß ihm mein Erscheinen gar nicht recht war, aber ich setzte mich auf den Tisch und ließ die Beine herabbaumeln. Eine halbe Stunde verging; es wurde langweilig. Ein paarmal hatte Stefenson an die Tür der anderen Stube geklopft, aber keine Antwort erhalten. Endlich hörten wir drin ein Gekrabbele.„Sind Sie noch da?“ krächzte die Sibylle.„Jawohl!“ antwortete Stefenson.Ein Scharren kam von nebenan, dann sagte die Alte:„Ich werde Ihnen für Ihre fünfundzwanzig Pfennig jetzt noch zeigen, wie Ihre künftige Frau aussieht, und dann scheren Sie sich endlich fort.“„Ich will nichts wissen von einer künftigen Frau, ich bleibe ledig!“ widersprach Stefenson. „Kommen Sie lieber heraus und geben Sie mir noch auf einige Fragen Auskunft.“„Nein!“ brummte der Rabe. „Sie werden nur noch Ihre künftige Frau sehen!“[pg 361]Die Tür sprang auf, und in ihrer Öffnung stand Eva Bunkert in ihrer ganzen strahlenden Schönheit. Stefenson faßte sich an den Kopf.„Eva!“„Ja, ich bin’s!“ sagte das Mädchen, blieb stehen und lachte.„Wie ist das möglich? Wie ist das nur möglich?“ Stefenson machte den Eindruck verdattertster Hilflosigkeit. Da sprang ich vom Tisch herunter, brach in Gelächter aus und schrie jubelnd:„Wir haben einen alten, sehr alten Fuchs gefangen. Horrido!“Eva hatte glührote Wangen. Sie trat auf den wie angewurzelt dastehenden, staunenden Stefenson zu, reichte ihm die Hand und sagte mit warmem Ton in der Stimme:„Mein Lieber, Sie werden mir wegen dieser Komödie nicht zürnen. Eine kleine Strafe wenigstens hatten Sie für Ihre Ignazmaskerade doch wohl verdient.“„Ich verstehe nichts – nichts von allem“, stammelte Stefenson. Da griff ich ein.„Also, lieber, alter Fuchs, ich will Ihnen alles kurz erklären, was jetzt Ihr in eine Wolfsgrube gefallener Verstand doch nicht von selber findet! Die Sibylle, die Sie befragt haben, war niemand anders als Fräulein Eva selbst.“„Oh – oh – und die wirkliche Sibylle?“„Sitzt in der Dachkammer und hat uns gegen Geld[pg 362]und gute Worte ihr Amtslokal mal vorübergehend überlassen. Ist das nicht gut?“Er sagte nicht, daß das „gut“ sei. Ganz förmlich wandte er sich an Eva.„Mein gnädiges Fräulein, es ist ja recht, recht liebenswürdig, daß Sie mit mir zu scherzen belieben; aber ich darf wohl einigermaßen erstaunt sein, da ich erst heute morgen in der Zeitung –“Ich griff wieder ein.„Die ‚Neustädter Umschau‘ war die zweite Wolfsgrube, in die Sie glitten, verehrter Fuchs, oder vielmehr die erste. Denn die Notiz habe ich geschrieben, habe sie in die ‚Umschau‘ lanciert, aber nicht etwa in die ganze Auflage, sondern nur in die beiden Exemplare, die bei Ihnen und bei mir abgegeben werden. Da ist eben für diese zwei Nummern im Satzspiegel eine kleine Änderung gemacht worden.“„So ist wohl alles gar nicht wahr?“„Nein, es ist nicht wahr“, sagte Eva und wurde in dem Maße röter, als Stefenson bleicher wurde. Ich fürchtete mit einem Male, der Scherz könne noch schief ausgehen, und sagte deshalb:„Nanu, Stefenson, spielen Sie bitte nicht etwa die gekränkte Unschuld. Da wären Sie gerade der Rechte dazu. Was haben Sie uns genarrt! Mit der Ignazgeschichte und mit Ihren Umschau-Artikeln, auch als Journalist Brown. Ihr Sündenregister ist in dieser Hinsicht so groß, daß unsere kleine List eine äußerst gelinde Strafe ist.“[pg 363]„Und – und der Graf Simmern – und der herzogliche Kammerherr?“„Himmel, Stefenson, sind Sie heute schwer von Begriffen, diese Simmerns existieren doch gar nicht.“„Ah – so ist das gewesen? Die Anzeige war gefälscht, und die Wahrsagerin waren Sie selbst. – Es – es ist ja sehr witzig! Gnädiges Fräulein, Sie haben die alte Sibylle ausgezeichnet gemimt. Ich glaube, Sie sind eine große Schauspielerin.“Es war mir, als ob in Evas Augen eine geheime Angst träte. Ich sagte:„Nun sehen Sie, ob ein Mister Stefenson in den Ferien vom Ich in die Tracht eines Bauernknechtes kriecht oder ob eine Opernsängerin mal in das Habit einer Wahrsagerin schlüpft, bleibt sich ganz gleich. Das ist doch selbstverständlich.“Seine Augen irrten umher.„Ich fürchte, die wirkliche Sibylle wird sich in der Bodenkammer erkälten. Man sollte sie jetzt herunterrufen.“Die Stimmung wurde frostig. Ich sah, daß Evas rote Wangen verblichen. In diesem Augenblick humpelte die wirkliche Sibylle ins Zimmer. Sie lachte albern und blinzelte verlangend mit den Augen.„Na, Sibylle“, sagte Stefenson, „Sie werden ja von den Herrschaften schon bezahlt sein; da haben Sie auch von mir noch ein Trinkgeld.“Er legte ein Fünfzigpfennigstück auf den Tisch. Die Alte fauchte unzufrieden; mir ging die Laune aus. „Gehen[pg 364]wir hinaus!“ sagte ich. Ich half Eva den Mantel umlegen und fühlte, wie das Mädchen erregt war. Schweigend stiegen wir den Berg hinauf. Ich hatte einen mächtigen Groll auf Stefenson. Er selber hänselte alle Welt, aber einen Scherz gegen seine eigene hohe Person vertrug er nicht. Da hatte mir nun in all den Wochen die schöne Eva brieflich ihren Liebeskummer geklagt, ich hatte ihr langsam den Zorn gegen Stefenson, den sie der Ignazmaskerade wegen hegte, ausgeredet, sie hatte endlich den Brief mit der Stelle von Jakob, der um Rahel dient, erhalten, war dadurch gerührt, heimlich in Waltersburg angekommen und hatte sich in der Wohnung ihres Vaters, unseres jetzigen Baurats, versteckt. Liebesselig und voller Sehnsucht. Ich, der das Mädchen selbst geliebt hatte, war mit mir fertig geworden, guter Laune zu sein und ihr zu einem unschuldigen Racheplan gegen den Geliebten zu helfen. Nun scheiterte alles am Hochmut dieses Hansnarren.Wir waren kurz vor dem Grundhof, da blieb Stefenson plötzlich stehen und fing unbändig an zu lachen. Es war schon gar kein Lachen mehr, es war ein Kollern.„Also“, sagte er, „nun haben sie den Fuchs gefangen, und da sie ihn in der Falle haben, machen sie beleidigte Gesichter, weil der Gefangene knurrt, was doch selbstverständlich ist. Lieber Doktor, Freund und Menschenkenner, bitte, gehen Sie mal freundlichst voran bis zur Lindenherberge und erwarten Sie uns im Poetenwinkel. Wir kommen langsam nach.“[pg 365]Ich ging voran, und als die beiden anderen im Poetenwinkel eintrafen, sah ich in ihnen ein glückliches Paar.Es war noch nicht spät, wir waren im Poetenwinkel allein, die Feriengäste noch alle beim Abendbrot. Als wir mit dem allerbesten Wein, den der Herbergsvater besaß, angestoßen hatten, sagte Stefenson so ganz nebenher zu mir:„Daß der Kerl von der ‚Umschau‘ zwei Mark für die Zeile der gefälschten Verlobungsnotiz von Ihnen genommen hat, war unverschämt. Eine Mark wäre auch genug gewesen.“„Woher wissen Sie den Preis?“„Na, ich war doch drüben in der Redaktion.“„In der Zeitung? Wann? Heute nachmittag?“„Ja, natürlich! Ich witterte etwas und wollte wissen, woher die ‚Umschau‘ die große Neuigkeit habe, und da kriegte ich mit Hilfe einiger Überredungskunst und einigen Papiergeldes den ganzen schönen Schwindel heraus.“„Das ist infam!“ rief ich.„Er hat alles gewußt“, sagte fassungslos die schöne Eva.„Jawohl, alles!“ schmunzelte Stefenson. „Dann, als ich von Neustadt zurückkam, ging ich gleich wieder zu unserem Herrn Doktor, und als mir der so ganz geschickt und ganz und gar unauffällig suggerierte, ich solle doch durchaus mal zu der alten Sibylle gehen, da sagte ich mir: Hm, da ist was dahinter! Da werden die Schlau[pg 366]berger mit dir wohl noch was vorhaben. Und ich ging zu der alten Sibylle.“„Er hat mich sofort erkannt“, klagte Eva. „So schlecht habe ich gespielt.“„Du hast herrlich gespielt!“ rief Stefenson. „Du bist eine große Künstlerin. Die Sprache – zum Fürchten; das Äußere – zum Schlechtwerden. Zum Beispiel diese borstigen Warzen an Kinn und Hals. Ich habe nie eine schrecklichere Theaterhexe gesehen.“„Es ist aus mit meiner Bühnenlaufbahn“, sagte Eva. „Das ist die furchtbarste Kritik, die ich bekommen konnte. Ich kann ihm nie, nie was vormachen!“„Nein“, sagte Stefenson mit großer Befriedigung, „und weil ich jetzt weiß, daß du mir nie etwas vormachen kannst, heirate ich dich. Ich heirate dich mit großer innerer Ruhe und mit sehr großem Vergnügen!“Daß uns aber auch diesmal der alte Fuchs übertölpelt hatte, ärgerte mich so, daß mir der gute Wein nicht mehr schmeckte.[pg 367]AdventEs ist nun still geworden bei uns. Stefenson ist nach Amerika hinüber, um in Eile seiner künftigen Frau ein Heim zu bereiten. Diesmal ist er wirklich abgereist; ein Vertrauensmann von mir hat ihn in Hamburg an Bord gehen sehen. Eva wohnt zwar bei ihrem Vater, hält sich aber allermeist im Forellenhof auf, der ihre zweite Heimat geworden ist. Der Bauer Barthel hat seit dem Abenteuer seiner Verhaftung an Reputation etwas eingebüßt und steht jetzt ganz unter dem Regiment der dicken Susanne; aber der alte Friede ist wiedergekehrt.Nur ein wenig still ist es. Methusalem und Emmerich, die lustigen Burschen, haben auch längst schweren Herzens von uns Abschied nehmen müssen, um in ihr bürgerliches Leben zurückzukehren, und Piesecke ist vom Forellenhof fortgezogen. Er wohnt jetzt in der Waldschölzerei. Er sagte mir, „er habe an Barthel und Susanne mit der Zeit ein Haar gefunden“ und wolle auch Eva aus dem Wege gehen. In Wirklichkeit hegt sein leichtbewegliches Herz bereits eine neue Sehnsucht, und diese Sehnsucht wohnt in der Waldschölzerei. Sie heißt Agathe.„Lieber Herr Doktor“, sagte er dieser Tage zu mir,[pg 368]„wenn mich die kleine Agathe will, dann möchte ich sie heiraten und mit ihr immer hier bei Ihnen im Heim bleiben. Vielleicht kann ich mich mit etwas Kapital beteiligen und eine kleine Stellung, so als Subdirektor oder ähnlich, bekommen. Ich möchte nicht wieder fort von hier; die große Welt hat allen Reiz für mich verloren.“„Wir wollen abwarten und überlegen, lieber Piesecke.“„Ich soll immer abwarten, nie handeln“, sagte er betrübt.„Sie haben eben in Ihrem früheren Leben etwas zu viel gehandelt, lieber Freund. Deshalb sind Sie ja jetzt in den Ferien.“Da fügte er sich. –Mit dem schweizerischen Namen „Heimwehfluh“ ist eines unserer kleinen Anwesen benannt, das in einer Waldecke so abseits vom Wege liegt wie die Genovevenklause. Auf der Heimwehfluh wohnt jetzt Käthe mit ihrem Kinde. Die Frau ist blaß und von zartester Gesundheit; aber ich habe nur mit Mühe durchsetzen können, daß sie eine Bedienerin annahm. Sie wollte mit Luise ganz allein sein.Das Mädchen ist viel ruhiger geworden. Wohl hindert es die Mutter nicht, zu anderen Kindern zum Spielen zu laufen, ja sie drängt es oft dazu, aber das Kind bleibt am liebsten daheim. Dort ist es in einem ewig sonnigen Paradies der Mutterliebe. Die Mutter dichtet Geschichten um Geschichten, die Mutter spielt so schön, wie niemand spielen kann, die Mutter macht selbst das Lernen zur Lust.[pg 369]Käthe und das Kind sind noch die einzigen Kameraden, die ich hier habe. Sie stören mich nicht. Ich weiß, daß sie im Frieden sind und daß sie mir, wenn ich frage, wie es ihnen geht, immer nur die eine Antwort geben werden: „Es geht uns gut!“ Es ist schön, Menschen zu begegnen, die sagen, daß es ihnen gut gehe; es ist wie ein herzstärkender Blick auf ein heiteres Gelände, der sich bei einer so lieben Antwort auftut.Im Forellenhof wird jetzt viel geschneidert, gestrickt, gebastelt. Eva schafft an ihrer Ausstattung, und alles Weibsvolk ist ganz närrisch, ihr dabei zu helfen. Es ist sehr heimlich in der großen Bauernstube. Der Wind zieht um die Giebel oder pfeift auf dem Schornstein wie auf einer großen Flöte, der Regen knistert am Fenster, das Feuer flackert im Herd, die alte Uhr geht freundlich ihren Weg hin und her mit ihrem Schlenkerbein. Manchmal erzählt eine der Frauen eine Geschichte, manchmal rattert eine Nähmaschine, manchmal spielt Vater Barthel auf der Ziehharmonika, oft kommt einer von den „Mannsvölkern“ in die Stube, schüttelt sich wie ein Pudel, wärmt sich am Ofen und sagt etwas Nettes oder etwas Dummes, über das gelacht werden kann. Was bei der Hausarbeit herauskommt, kann ich nicht beurteilen. Eva wird eine sehr reiche Frau sein, aber vielleicht sind ihr einmal diese mit recht verschiedenartigem Talent im Ferienheim gestickten Monogramme und Schneidereien lieb und wert ...Ich bekam eben einen Eilbrief von Methusalem aus München:[pg 370]„Lieber Doktor!Unser Freund Stefenson (wo hätte ich den Heimtücker in dem langen Ignaz vermutet!) hat mich von Amerika aus mit der ehrenvollen Aufgabe betraut, die äußeren Feierlichkeiten seines Hochzeitsfestes in Regie zu nehmen. Trotz meines hohen Alters will ich die Aufgabe übernehmen. (Notabene: Was sagen Sie als Mediziner dazu, daß ich mit neunhundertachtundneunzig und dreiviertel Jahren noch einen Weisheitszahn kriege?) Also übernehmen! Die bewilligten Mittel sind generös. Man könnte damit alle Einwohner eines deutschen Herzogtums drei Tage lang freihalten. Ich werde mit einem Bruchteil des Geldes auskommen, und das Fest wird dennoch glänzend sein. Mein Freund Emmerich, bekanntlich Gesanglehrer an einer Taubstummenanstalt und auch sonst ein berühmter Musiker, übernimmt den musikalischen Teil. Das Fest soll am ersten Weihnachtsfeiertag im Rahmen eines großen deutschen Weihnachts- und Weihespieles stattfinden. Es ist allerhöchste Zeit, mit den Vorbereitungen zu beginnen. Erwarten Sie mich also schon morgen; sagen Sie Frau Susanne, daß ich vor Sehnsucht nach ihr brenne, durch welch schöne Redewendung sie erinnert sein soll, mein Zimmer gut zu heizen, und bewegen Sie Freund Piesecke, in den intimeren Festausschuß einzutreten.Ihr getreuer Methusalem.Nachschrift! Ich habe heute aus Freude, so bald nach dem geliebten Waltersburg zurückkehren zu können,[pg 371]bereits fünf Purzelbäume in meinem Bett geschlagen. Ich finde das zwar unpatriarchalisch, aber es mußte sein!Methusalem.“Frau Susanne strahlte, als ich ihr Methusalems baldige Ankunft verkündigte, und rannte spornstreichs nach dem Kohlenkasten. Sie kann ihren ältesten Sohn nicht lieber haben als diesen Maler, der sie doch ständig ärgert und über den sie ständig schimpft.Mit Piesecke dagegen hatte ich Schwierigkeiten.„Ich lehne ab, dem Festausschuß beizutreten“, sagte er kalt, als ich ihm Methusalems Brief vorgelesen hatte. „Denn erstens, dieser Stefenson, der mich als Knecht Ignaz gemißhandelt hat, verdient von mir keine Gefälligkeit, und diese Eva auch nicht. Was aber Methusalem und Emmerich anbelangt, so habe ich mich einmal mit ihnen eingelassen und die traurigsten Erfahrungen mit ihnen gemacht.“„Lieber Piesecke“, sagte ich, „Sie werden sich das noch überlegen. Was Stefenson anlangt, so sind Sie eine viel zu große Natur, um nachträgerisch zu sein. Und mit Methusalem und Emmerich dürfen Sie sich ruhig verbinden. Ich gebe zu, daß sich die beiden in der Waltersburger Schlacht feig und schäbig benommen haben. Während Sie kämpften, hat der eine gezeichnet, der andere seine Hymne gesungen. In den Kampf eingegriffen haben sie beide nicht, obwohl es ihre Pflicht war. Sie sind eben keine Helden. Ein Fest aber ist keine Schlacht; da werden die zwei ihren Mann stellen. Im übrigen gebe ich Ihnen[pg 372]zu bedenken, daß, falls Sie sich fernhielten, Fräulein Agathe aus der Waldschölzerei den schweren Verdacht schöpfen könnte, Sie hätten Ihren Gram um die verlorene Eva immer noch nicht verwunden.“„Oh“, rief da Piesecke, „den hab ich gründlich verwunden. Aber Sie haben recht, der Verdacht läge nahe. Also mache ich mit!“Schon am nächsten Morgen kehrten unter ungeheurem Hallo Methusalem und Emmerich nach dem Ferienheim zurück. Eine Stunde später fand die erste „Geheime Sitzung des intimeren Festausschusses“, bestehend aus Methusalem, Emmerich und Piesecke, statt. Ich hatte bescheiden angefragt, ob ich eine beratende Stimme im Ausschuß haben dürfte, dieses war aber abgelehnt worden.Was hatten wir für einen schönen Heiligen Abend! Auch über die Festtage war unsere Anstalt mit Gästen gut besetzt, aber die Leute waren alle kurz vor dem Christabend etwas stiller geworden. Ich merkte, wie viele an Heimweh litten. Durch einen besonderen Anschlag war rechtzeitig bekanntgegeben worden, daß jeder Feriengast ein Paket nach Hause senden und ein solches von Hause erbitten solle. In den letzten Tagen trafen viele solche Liebesgaben bei uns ein. Sie wurden in der Direktion aufgestapelt. Wie nun der Abend kam am 24. Dezember, dieser heilig-süße Abend, an dem alle Herzen anders gehen als sonst, ritt auf schneeweißem Roß Knecht Ruprecht von Haus zu Haus. Hinter ihm fuhren in einem mit[pg 373]Silber, Gold und Tannengrün geschmückten Schlitten vier Engelein, von denen eines die kleine Luise war, dann kam ein Bläserchor, zuletzt stampften Zwerge und Waldgeister durch den Schnee, die schleppten alle Pakete auf den Schultern und taten, als ob sie schwer daran zu tragen hätten.Vor jedem Bauernhof wurde haltgemacht. In der großen Stube brannte der Christbaum; Knecht Ruprecht trat ins Zimmer und sagte seinen Weihnachtsgruß, die Engelchen sangen ein Lied, der Bläserchor blies vor dem Hause einen Choral, und die Zwerge und Waldgeister schleppten Pakete herbei – Grüße aus der Heimat.Da hat keinem von unseren Feriengästen die Weihnachtsstimmung gefehlt.Auch ich hatte meine Weihnachtsfreude. Am Nachmittag erhielt ich ein Kabeltelegramm von der Mutter aus Rio:„Sehne mich nach dir. Grüße von Joachim und mir an dich, Luise, Käthe und die Heimat. Eure Mutter.“Frieden auf Erden! Ich ging nach der Heimwehfluh. Käthe saß am Fenster, spähte nach dem Lichtschein der Fackeln, die den Schlitten begleiteten, darin ihr Kind saß, und hörte auf die alten Weihnachtslieder, die aus dem Tale klangen.Ich gab ihr das Telegramm. Sie las es und wurde zum ersten Male wieder ein wenig rot im Gesicht.„Schenke es mir zu Weihnachten“, bat sie.„Ich habe es dir ja gebracht.“[pg 374]Ich blieb bei ihr, wollte Luises Rückkehr abwarten.Da sagte sie im Laufe des Abends:„Ich weiß wohl, daß es nicht mehr allzu lange mit mir dauern kann. Aber sage mir, ob ich übers Jahr zu Weihnachten noch leben werde.“„Bestimmt, Käthe.“Da trat ein Lächeln auf ihre Züge.„Das ist noch eine lange Zeit zum Glücklichsein!“[pg 375]Hochzeit und EndeStefensons Hochzeit fand am späten Nachmittag des ersten Christfeiertages in aller Stille in der Waltersburger Kirche statt. Nur Evas Vater und ich waren als Trauzeugen gegenwärtig. Wir waren nicht über den Marktplatz, sondern auf einem Umweg nach der Kirche gefahren. So war das von Methusalem angeordnet worden. Auf demselben Wege, den wir gekommen, mußten wir auch wieder nach Hause fahren. Ich merkte, daß Stefenson verwundert war. Die heilige Handlung in der Kirche hatte ihn gerührt, und er hatte wohl erwartet, daß es von der Kirche direkt nach dem Marktplatz zu einer stimmungsvollen großen Weihnachts- und Hochzeitsapotheose gehen würde.Wir fuhren aber nach dem Heim zurück, und zwar nach dem „Rathaus“, und wurden dort im großen Saal von zahlreichen Feriengästen erwartet. Das Brautpaar wurde mit Heilrufen empfangen und zu seinen Ehrensitzen geleitet. Ein schönes Mädchen mit roten Rosen im Haar überreichte den zwei Glücklichen einen goldenen, mit Wein gefüllten Pokal, das Hochzeitsgeschenk des Heimes, und sprach dazu Verse, die ein im Heim anwesender Dichter geschaffen hatte:[pg 376]„Alles Wünschen geht zur Ruh:Du bist ich, und ich bin du!All dein Schmerz und Leid ist mein,All mein Gut und Glück sind dein!Wo dein Fuß geht, ist mein Ziel,Was zum Dienst dir, ist mein Spiel;Deine Blumen pflanze ich,Deine Tänze tanze ich;Ich will deinen Kummer klagen,Du sollst meine Kränze tragen;Ich kann nimmer müde sein,Ehe du nicht schlummerst ein;Ja, mein Gott grüßt mich von fern,Strahlt auf dich ein goldner Stern.“So sprach der Dichter in den Ferien vom Ich zu dem Brautpaar.Schöne Lieder wurden gesungen, die Musikmeister Emmerich eingeübt hatte. Ansprachen wurden gehalten von unserem Direktor, von je einem Vertreter der Kurgäste wie der Angestellten, schließlich sprach auch ich ein paar Freundesworte.Stefenson war bewegt, als er für die Liebe, die er erfuhr, dankte, als er sagte, er habe in diesem deutschen Tale den Frieden gefunden, den er drüben im Lande der rücksichtslosen Dollarjagd niemals gekannt hatte. Hier habe er nach einem Leben voll Aufregung, Überarbeit und gelegentlichen wilden Genüssen nicht nur Ferien, sondern Feierabend gemacht. Er wisse jetzt, da er die Frau[pg 377]seines Herzens gefunden habe, daß ein höheres Glück ihm Gott nicht mehr geben könne, und so wolle er drüben in Amerika seine Beziehungen klug und vorsichtig zu lösen suchen und dann ganz nach Deutschland ziehen, das ja doch seine wahre Heimat sei.*„Und nun“, kommandierte Methusalem, „großer Festkorso auf den Weihnachtsberg.“Draußen war es stockdunkel; die Straßenbeleuchtung war ausgeschaltet; aber Fackeln und Laternen leuchteten phantastisch, und der Schnee schimmerte. Wohl fünfzig Schlitten hielten da. Dem Zuge voran leuchtete eine riesige, ballonartige Laterne, die an hohen Stangen getragen wurde. Auf der einen Seite zeigte die Ballonhülle das liebliche Bild der „Hanne vom Forellenhof“, auf der anderen eine scheußlich anzusehende, aber genial gezeichnete Karikatur Stefensons. Ein Meisterstück Methusalems.Vom Berg herab kam uns viel Volk entgegen; die Leute trugen Laternen mit transparenten Bildern: Methusalem hatte sich selbst verewigt, als tausendjährigen Greis voller Güte und Abgeklärtheit, Emmerich war von einem Mückenschwarm fliegender Noten, Violinschlüssel, Kreuzen, Auflösungszeichen und Fermaten umgeben, die dicke Susanne strahlte in zinnoberrotem Licht und schimpfte fürchterlich, als sie ihr Konterfei sah, Barthel als gefesselter Verbrecher war zu sehen,Levisohnmit einer riesigen Reklametrompete, Piesecke als Gott[pg 378]Mars in furchtbarer Rüstung, schließlich auch mein etwas ins Sentimentale karikierter Kopf, den ein Kranz von heulenden, bellenden, hochnäsigen, sich Flöhe schabenden Dackeln lieblich umrahmte. Lauter Meisterwerke des liebenswürdigen Greises und Vergnügungsleiters Methusalem.Als wir der Weihnachtsburg näher kamen, erstrahlte sie in farbigen Lichtern, Böllerschüsse hallten über Berg und Tal, und ein Chor blies vom grauen Turme herab:„O du fröhliche, o du selige,Gnadenbringende Weihnachtszeit.“Gleich hinterher aber:„Wenn Weihnachten ist,Wenn Weihnachten ist,Dann kommt zu uns der heil’ge Christ;Bringt jedem eine Muh,Bringt jedem eine Mäh,Bringt jedem eine wunderschöne Schnätterättättä!“Unter den Klängen dieser großen Hymne der Fröhlichkeit zogen wir in die Weihnachtsburg ein.Der große mit Tannenreis ausgeschmückte Saal der Weihnachtsburg füllte sich mit Menschen; Bräutigam und Braut waren zunächst nicht zu sehen. Nach etwa einer halben Stunde aber erschienen beide auf einer kleinen Empore. Sie hatten ihre hochzeitlichen Kleider abgetan[pg 379]und waren in phantastischen Kostümen, er als Winterkönig, sie als Königin. Regie Methusalem!Mit donnerstimmigem Heilruf wurde das Brautpaar begrüßt. Holdselig lächelnd grüßte die Braut in den Saal; steif und ungelenk verneigte sich Stefenson. Er fühlte sich als Winterkönig sichtlich unbehaglich. Der Thron stand auf einer amphitheatralisch ansteigenden Bühne. Ich selbst war als „Kammerherr“ neben Stefenson plaziert.Scheinwerfer warfen auf uns wechselnde Lichter. Atemlos stand das schlichte Bergvolk. Alle Märchen- und Himmelsträume schienen vor ihm erfüllt. Feierliche Weisen erklangen, und dann sprach nicht der Winterkönig Stefenson, wie alle vermutet hatten, sondern Herr Methusalem sprach, der die Tracht eines mittelalterlichen Notarius angelegt hatte. Er entfaltete ein Pergament und verkündete: „Edles Gefolge des Königs und der Frau Königin! Ich als Kanzellarius Seiner Majestät König Stefensons des Ganzgroßen und Hochdero majestätischer Gemahlin Hanne der Einzigen verkünde, damit es männiglich erfahre, feierlich, öffentlich und unwiderruflich folgendes:Wir, Stefenson der Ganzgroße und Höchstmeine erlauchte Gemahlin Hanne, wollen, daß dieser glückliche Tag ein Andenken hinterlasse. Darum machen wir für Waltersburg eine Stiftung von hunderttausend Mark mit der Bestimmung, daß alljährlich ein Drittel der Stiftungszinsen alten bedürftigen Eheleuten, ein zweites Drittel den Waltersburger Schulkindern zugute komme;[pg 380]das dritte und letzte Drittel aber ist zu Hochzeitsgeschenken für die in jedem Jahr Heiratenden bestimmt, von welcher Stiftung sich keines, auch nicht das wohlhabendste Brautpaar ausschließen soll, auch wenn es nur ein Blumensträußchen annimmt; den ärmeren aber soll ein guter Happen für den Nestbau gegeben werden.“Eine brausende Welle des Beifalls donnerte durch den Saal.Ich sah verwundert auf Stefenson und flüsterte ihm zu:„Wissen Sie etwas von dieser Stiftung?“„Kein Wort! Der Kerl verschenkt mein Vermögen.“Mir wurde doch etwas schwül. Oh, dieser Methusalem – dieser Regisseur!Methusalem fuhr fort:„Stefenson fragt nicht nach Ehre und Ruhm, nicht nach Beifall und Dank. Nur Liebe und Vertrauen will er. Auf diesem goldenen Untergrunde will er mit euch leben und schaffen für das Gedeihen seiner Gründung, für den Ruhm Waltersburgs, für das Heil der Menschheit. Nun wißt ihr vielleicht alle, daß unter den vielen Geplagten, die in der harten Schule des Lebens müde und krank geworden, hier in dieses schöne Tal kommen, um Ferien zu machen, einer daherhumpelte, von langer, langer Reise, auf der er Arbeit und Mühe in erträglichem Maße, Verkennung und Not in Überfülle, echtes Glück und wahre Freude aber wenig fand. Dieses Mannes Leben war lang, er war Methusalem. Hier in Waltersburg aber fand Methusalem Freude und Friede. Methu[pg 381]salem ist der Leiter dieses Festes, Methusalem ist aller Weltweisheit und Welterfahrung voll, darum soll auch die Stiftung, die Stefenson heute macht, nicht Stefenson-Stiftung, sondern Methusalem-Stiftung heißen.“Das Volk staunte.„Auch das noch!“ sagte Stefenson neben mir.„Ja, es ist frech; außer den fünftausend Mark, die Methusalem neulich für Susannes Bild erhielt, hat er sicher nicht einen roten Heller. Und macht eine Methusalem-Stiftung von hunderttausend Mark!“Da erhob sich Stefenson zur Rede. Tiefe Stille.„Meine lieben Waltersburger, von allem, was Methusalem an meiner Statt hier gesagt hat, muß ich nur einem widersprechen, das betrifft die Stiftung.“Bestürzung. Schweigen.„Methusalem, mein bevollmächtigter Hochzeitskanzler, hat sich in einem Irrtum befunden, den ich berichtige. Die Stiftungssumme beträgt nämlich nicht einhunderttausend Mark, sondern dreihunderttausend Mark!“Erst Stille. Dann knallartig losbrechender, rasender Tumult. Die Braut stand auf, der Bräutigam sprach auf sie ein, während die Leute lärmten; die Augen der glückseligen Braut glänzten, sie schmiegte sich fest an den Arm des starken Mannes. Methusalem stand mit eigentümlichem, fast weinerlichem Lächeln daneben. Stefenson verschaffte sich wieder Gehör.„Bürger von Waltersburg! Nur die Stiftungssumme hatte ich zu berichtigen, alles andere bleibt, wie es der[pg 382]weise Methusalem angeordnet hat, die Verteilung der Zinsen wie auch der Name: Methusalem-Stiftung.“Da fing Methusalem, der durchtriebene Methusalem, der aussah, als sei er fünfunddreißig Jahre, und doch nach seiner eigenen Angabe neunhundertneunundneunzig war, an richtig zu heulen. Und zwar nicht so wie ein tausendjähriger Mummelgreis, sondern wie ein Mann der Dreißiger gelegentlich mal heult.Nach meiner Mutter Haus hatte Methusalem, der Leiter des Festes, die Koffer des Brautpaares schaffen lassen. Dort kleidete sich das Paar, als sich der Trubel verlaufen hatte, zur Reise an. Dann fahren sie noch heute mit dem Nachtzuge davon.Wir waren in der Wohnstube der Mutter. Ein paar nahestehende Freunde waren da.Zum Abschied sagte Stefenson zu mir:„Es gibt kein besseres Band, das Freundschaft bindet, als das gemeinsame Schaffen an einem erfolgreichen Werke. So werden wir zwei immer gute Freunde sein. Wir wollen ‚du‘ zueinander sagen wie Brüder!“Ich schlug in die dargereichte Hand.„Wann kommst du wieder?“„Ich weiß es noch nicht; ich weiß nicht, wie und wann ich drüben loskomme. Aber loskommen werde ich. Was ich dann tue, kann ich noch nicht sagen. Vielleicht tauchen eines Tages zwei Feriengäste bei euch auf, irgendein Herr Schulze mit Frau, und vielleicht kommen dir diese Gäste[pg 383]bekannt vor. Ich werde nie anders denn als Gast im Ferienheim einkehren; ich will diese meine Lieblingsschöpfung mir nicht zum Verwaltungsbezirke, nicht zum Arbeitsgebiete werden lassen, sondern hier soll mir eine Ferienzuflucht, eine glückliche Heimat für immer bewahrt sein.“Eva hörte ihm zu und war ihm dankbar für diese Worte. O ja, diese beiden paßten zu einer Ehe, der starke Mann und das schöne, fröhliche Weib.„Du freilich, lieber Freund, du hast hier keine Ferien; du hast hier deine Arbeitsstätte. Und wenn du einmal ausspannen willst, dann kommst du zu uns, dann fahren wir mit dir, der dann der Stille entronnen ist, dorthin, wo die Welt laut und bunt ist. Dort machst du dann Ferien von deinem stillen Ich, und wenn du nach Hause zurückkehrst, wird dir das alltägliche Leben wieder schmackhaft sein.“„Ja, so wollen wir es halten!“„Nun denn, so wären wir wohl für diesmal hier fertig.“Stefenson zog ein Notizbuch heraus und blätterte darin. Sein Gesicht bekam wieder die alte Geschäftsmiene.„Halt, da ist noch etwas zu erledigen. Ich habe mir mal als Knecht Ignaz von dem Schuhmacher Röhricht die Stiefel besohlen lassen. Er hat auf die Rechnung geschrieben: Sohlen und zwei Absätze zwei Mark und fünfundachtzig Pfennig, hat aber nur einen Absatz zu machen gehabt. Ich habe ihm daher fünfundzwanzig Pfennig ab[pg 384]ziehen wollen, und wir haben so lange gestritten, bis ich inzwischen verhaftet wurde und dann alles das andere kam. So steht der Posten noch offen. Ich bitte, erledige das, lieber Freund! Aber nicht zwei Mark und fünfundachtzig Pfennig, sondern nur zwei Mark und sechzig Pfennige, hörst du wohl? Ein Knecht kann nicht fünfundzwanzig Pfennig umsonst hergeben. Vergiß es nicht! Röhricht heißt der Mann, Hintermarkt 15, drei Stiegen.“Ein vergnügtes Lachen tönte aus der Ecke von meiner Mutter Sofa.„Was lachen Sie denn, Piesecke?“„Ja, Pardon, Herr Stefenson, aber erst dreihunderttausend Mark verschenken und dann wegen fünfundzwanzig Pfennig – so in der Abschiedsstunde – das – das ist – Pardon – merkwürdig!“„Gar nicht merkwürdig, lieber Piesecke. Weil ich immer die Rechnungen auf die Fünfundzwanzig-Pfennig-Bilanz geprüft habe, kann ich mal gelegentlich dreihunderttausend Mark verschenken.“„Sehr – sehr kaufmännisch! Sehr lehrreich!“„Jawohl! Aber nicht für Sie! Für Sie wäre das zu unfürstlich.“Wenig fehlte, so wären auch in letzter Stunde die alten Gegner, der rechnende Kaufmann und der leichtfertige Fürstensohn, noch aneinander geraten. Die dicke Susanne wälzte sich zwischen beide und löschte mit einer Flut von Abschiedstränen den entstehenden Brand.[pg 385]Sie sind alle fort. In tiefer Stille liegt der Marktplatz. Ich öffne das Fenster. Die Luft ist milder geworden. Am hocherhobenen Arm des heiligen Baptista hängt ein glitzernder schwerer Eiszapfen wie ein Schwert. Am Himmel stehen zwischen dem Gewölk ein paar freundliche Sterne. Im Schneemantel schaut der Heilige herüber zu mir. Suchen seine Augen die kleine, feine Frau, die sonst so oft zu ihm hinüberträumte?Sie ist in weiter Ferne, bei dem, den ihre Sehnsucht suchte in all den alten Tagen. Das Haus ist leer. Ich sehe mich in der großen Stube um, und es ist mir auf einmal bange zumute wie einem Kinde, das nach Hause gekommen ist, wenn Vater und Mutter nicht da sind. So schließe ich das Fenster. Unschlüssig bleibe ich noch ein Weilchen stehen, dann ziehe ich die Uhr auf, fühle noch einmal an den Ofen. Endlich lösche ich die Lampe aus und tappe die Treppe hinab ...Ich habe jetzt große Ferien vom Ich. Mutter und Bruder sind fort, der Freund mit der Frau fort, die ich geliebt habe, auch Methusalem und die anderen lustigen Käuze verschwinden bald wieder. Ich stehe ganz frei und ganz allein auf dem Marktplatz von Waltersburg. Schließlich ist der alte Baptista jetzt noch mein einziger, ständiger Freund hierzulande.Ob die anderen wiederkehren werden? Wer kann es wissen? Wie lange die stille Frau auf der Heimwehfluh sich noch ihres Kindes freuen wird, ein, zwei, drei Jahre ...? Ob dann, wenn sie Ferien macht für immer, die kleine Anneliese, die jetzt als Schullehrerin in einem[pg 386]verlassenen Gebirgsdorfe lebt, doch noch Joachims Frau werden und übers Meer zu ihm ziehen wird? Und ob dann die Mutter heimkehren wird in ihre schöne alte Stube? Lauter Fragen ohne Antwort. Das Leben bringt nichts so leichthin zum Abschluß wie ein Theaterstück oder ein Buch; es ist nie am Ende, es beginnt immer von neuem.So gehe ich von diesem Marktplatze hinweg, steige den Berg hinauf zu meinem Werk.Eine köstliche Siedlung ist da entstanden auf leeren Halden, im öden Walde. Hundert Fenster blitzen in goldigem Lampenlicht, Singen und Lachen kommt aus den Bauernhöfen. Alle Leute, die mir begegnen, grüßen mich oder rufen mir freundlich zu. Hier bin ich nicht allein. Bei meiner Arbeit bin ich zu Hause.In der Wüste sah ich einmal einen Mann mit gefüllten Wasserschläuchen am Brunnen der Oase stehen, als sich unsere halbverschmachtete Karawane fieberglühend auf sie zuschleppte. Da dachte ich, es müsse schön sein, mit gefüllten Wasserschläuchen Verdurstenden entgegenzusehen. Ich will so sein wie jener Mann. Alle, die zu mir kommen von der heißen Straße des Alltags, will ich laben aus dem kühlen Brunnen, den ich grub.Dann wird es mir so gut ergehen, daß ich nichts anderes vom Leben mehr verlangen will; denn es ist die größte Lust des Lebens, anderen die Last des Lebens zu erleichtern.
[pg 355]Der Fuchs und die SibylleEs war Abend, als ich am Grundhof vorbeischlich und mich an der Reihe windbrüchiger Weiden, die am alten Waltersburger Weg stehen, hinab zum Hause der Sibylle schlängelte. Das kleine Anwesen sah schäbig und unordentlich aus. Die Tür stieß einen grämlichen Quieker aus, als ich eintrat. Der Hausflur war finster, aber in dem daranstoßenden Zimmer, dessen Fenster mit buntem Kattun verhängt waren, brannte eine kleine Lampe. Die „Sibylle“ erhob sich und kam mir entgegen. Mit krummem Rücken, auf einen Stock gestützt, hob sie ihr verrunzeltes Gesicht, das in dem trüben Lichte der kleinen Lampe ganz gespenstisch aussah, zu mir empor.„Wird er kommen?“ fragte sie.„Ich weiß es nicht. Aber ich hoffe es; denn ich habe es ihm kräftig eingeredet. Ich gehe einstweilen in die Nebenstube und passe auf. Halten Sie sich genau an unsere Abmachungen.“„Jawohl!“ nickte das Weib.Ich mußte eine Stunde lang warten und gab den Plan, den ich gefaßt hatte, beinahe auf. Noch zweimal[pg 356]hatte Stefenson heute von der Wahrsagerin angefangen, und ich hatte ihm einige sehr merkwürdige Fälle erzählt, in denen die Voraussagungen der Sibylle in verblüffender Weise eingetroffen waren. Nun kam er doch nicht. Schon wollte ich meinen Lauscherposten verlassen, da sah ich den alten Fuchs um die Wegkrümmung treten und vorsichtig umherspähen.„Er kommt!“ sagte ich zu der Sibylle durch die Tür. „Nun machen Sie Ihre Sache gut.“Fünf Minuten später hörte ich nebenan Stefenson eintreten.„Guten Abend“, sagte er etwas verlegen. „Ich komme mal zu Ihnen. Sie brauchen sich deswegen nicht etwa einzubilden, daß ich auf Ihren Quatsch etwas gebe; aber ich habe von Ihnen gehört, und da will ich mal einen Versuch machen – der Wissenschaft halber, verstehen Sie?“Die Sibylle rührte sich nicht. Sie sah greulich aus. Die Gestalt war in ein geflicktes Umschlagetuch gehüllt, vor Stirn und Augen hatte sie einen grünen Lichtschirm, über dem der graue Scheitel struppig herausragte. Das alte Weib betrachtete ihre ausgebreiteten schmutzigen Karten und sagte kein Wort.„Nun?“ mahnte Stefenson ungeduldig.Keine Antwort.„Ja, wollen Sie nun gefälligst mit mir sprechen?“ brauste der Amerikaner auf.„Scheren Sie sich hinaus!“ krächzte die Alte.„Wa–as?“[pg 357]„Hinausscheren sollen Sie sich!“ wiederholte der häßliche Rabe.„Das ist stark!“ sagte Stefenson verblüfft. „Nun bleibe ich natürlich hier!“Er schob sich den wackligen Stuhl, der an der Wand lehnte, zurecht und sah mit stoischer Ruhe zu, wie das alte Weib ihre Karten mischte und legte, ohne ihn auch nur im geringsten zu beachten. Ich vergnügte mich an meinem Guckloche königlich.Endlich stand Stefenson auf, legte auf die Tischkante eine Münze und sagte mit erzwungener Höflichkeit:„Madame, ich möchte gern durch Ihre Kunst meine Zukunft erfahren.“„Warten Sie!“ schnarrte der Rabe.Und Stefenson wartete. Sibylle betrachtete indes unverwandt ihre Karten. Endlich schien sie fertig zu sein. Sie warf einen Blick auf das Geldstück und sagte: „Auf zwanzig Mark kann ich nicht herausgeben. Es kostet fünfundzwanzig Pfennig.“„Behalten Sie nur das Goldstück“, erwiderte Stefenson. Da schnipste sie mit dem Finger die Münze vom Tische hinab auf den Fußboden und kreischte wütend:„Fünfundzwanzig Pfennig kostet es!“Stefenson kramte in einer Westentasche und legte fünfundzwanzig Pfennig auf den Tisch.„Stecken Sie das Goldstück ein!“ befahl die Alte. Stefenson leuchtete mit Streichhölzern gehorsam den Fußboden ab, bis er die Goldmünze fand, und steckte sie[pg 358]ein. Darauf mischte Sibylle die Karten, ließ Stefenson dreimal abheben und sagte:„Sie sind neunundvierzig Jahre alt!“Stefenson lachte ärgerlich.„Neununddreißig bin ich.“„So sehen Sie nicht aus!“Darauf wurden die Karten auf den Tisch gebreitet.„Richtig – erst neununddreißig“, sagte die Wahrsagerin.„Am 14. April geboren.“„Das stimmt!“ rief Stefenson verblüfft.„Es stimmt alles, was ich sage“, knurrte die Alte.„Sie haben weder Vater noch Mutter, Bruder noch Schwester. Sie sind nicht aus diesem Lande, Sie sind über das Wasser gekommen.“Stefenson setzte sich staunend auf den Stuhl.„Sie sind sehr reich“, fuhr die Alte fort, „und werden immer reicher werden; aber Sie haben Unglück in der Liebe.“„Ja“, murmelte Stefenson.„Ihre Braut heiratet einen anderen.“„Ist das wahr?“„Ja. Aber Sie sind selbst schuld; Sie haben Ihre Braut schlecht behandelt und sie betrogen.“Stefenson stöhnte leise. Die Alte fuhr fort:„Wenn Sie sich mit dem neuen Bräutigam Ihrer Braut duellieren, werden Sie ihn töten.“„A–ah!“[pg 359]„Ja, aber es wird Ihnen schlimm ergehen, weil er ein vornehmer Herr ist, und das Mädchen wird doch einen anderen nehmen.“„Wird sie glücklich werden?“ fragte Stefenson.„Sie wird mit jedem Manne glücklich werden, den sie nimmt. Nur mit Ihnen wäre sie unglücklich geworden.“„Das ist nicht wahr!“ rief Stefenson.„Das ist ebenso wahr, als daß Sie nach einem Jahre eine reiche Amerikanerin heiraten werden.“„Schwindel!“ rief Stefenson erbost. „Ich werde nie eine andere heiraten. Sie schwafeln da einen ungeheuren Blödsinn zusammen!“„Scheren Sie sich hinaus!“ kreischte der Rabe wütend und klappte die Karten zusammen.„Ich bitte, daß Sie weitersprechen“, beruhigte sich Stefenson gewaltsam.Die Alte aber erhob sich und humpelte der Nachbartür zu.„Bleiben Sie da“, rief Stefenson; „ich habe doch fünfundzwanzig Pfennig bezahlt.“Sie gab keine Antwort, verschwand hinter der Tür und schob den Riegel vor.In diesem Augenblick sprang ich im Nebenzimmer aus dem Fenster hinaus in den Garten, ging ums Haus herum und trat durch den Flur in die Vorderstube.Als Stefenson und ich uns sahen, prallten wir voreinander zurück.[pg 360]„Sie – Doktor?“„Sie – Stefenson?“Er lachte außerordentlich verlegen. Leise sagte er: „Aber wissen Sie – nur der Wissenschaft halber ...“„Ja – ich natürlich auch nur der Wissenschaft halber. Waren Sie schon dran?“„Ja. Und es hat merkwürdig gestimmt. Jetzt ist die Alte da hinein und hat sich abgeriegelt. Aber ich warte, bis sie herauskommt; ich will noch mehr erfahren.“„Wenn es Sie nicht stört, warte ich mit.“Ich sah, daß ihm mein Erscheinen gar nicht recht war, aber ich setzte mich auf den Tisch und ließ die Beine herabbaumeln. Eine halbe Stunde verging; es wurde langweilig. Ein paarmal hatte Stefenson an die Tür der anderen Stube geklopft, aber keine Antwort erhalten. Endlich hörten wir drin ein Gekrabbele.„Sind Sie noch da?“ krächzte die Sibylle.„Jawohl!“ antwortete Stefenson.Ein Scharren kam von nebenan, dann sagte die Alte:„Ich werde Ihnen für Ihre fünfundzwanzig Pfennig jetzt noch zeigen, wie Ihre künftige Frau aussieht, und dann scheren Sie sich endlich fort.“„Ich will nichts wissen von einer künftigen Frau, ich bleibe ledig!“ widersprach Stefenson. „Kommen Sie lieber heraus und geben Sie mir noch auf einige Fragen Auskunft.“„Nein!“ brummte der Rabe. „Sie werden nur noch Ihre künftige Frau sehen!“[pg 361]Die Tür sprang auf, und in ihrer Öffnung stand Eva Bunkert in ihrer ganzen strahlenden Schönheit. Stefenson faßte sich an den Kopf.„Eva!“„Ja, ich bin’s!“ sagte das Mädchen, blieb stehen und lachte.„Wie ist das möglich? Wie ist das nur möglich?“ Stefenson machte den Eindruck verdattertster Hilflosigkeit. Da sprang ich vom Tisch herunter, brach in Gelächter aus und schrie jubelnd:„Wir haben einen alten, sehr alten Fuchs gefangen. Horrido!“Eva hatte glührote Wangen. Sie trat auf den wie angewurzelt dastehenden, staunenden Stefenson zu, reichte ihm die Hand und sagte mit warmem Ton in der Stimme:„Mein Lieber, Sie werden mir wegen dieser Komödie nicht zürnen. Eine kleine Strafe wenigstens hatten Sie für Ihre Ignazmaskerade doch wohl verdient.“„Ich verstehe nichts – nichts von allem“, stammelte Stefenson. Da griff ich ein.„Also, lieber, alter Fuchs, ich will Ihnen alles kurz erklären, was jetzt Ihr in eine Wolfsgrube gefallener Verstand doch nicht von selber findet! Die Sibylle, die Sie befragt haben, war niemand anders als Fräulein Eva selbst.“„Oh – oh – und die wirkliche Sibylle?“„Sitzt in der Dachkammer und hat uns gegen Geld[pg 362]und gute Worte ihr Amtslokal mal vorübergehend überlassen. Ist das nicht gut?“Er sagte nicht, daß das „gut“ sei. Ganz förmlich wandte er sich an Eva.„Mein gnädiges Fräulein, es ist ja recht, recht liebenswürdig, daß Sie mit mir zu scherzen belieben; aber ich darf wohl einigermaßen erstaunt sein, da ich erst heute morgen in der Zeitung –“Ich griff wieder ein.„Die ‚Neustädter Umschau‘ war die zweite Wolfsgrube, in die Sie glitten, verehrter Fuchs, oder vielmehr die erste. Denn die Notiz habe ich geschrieben, habe sie in die ‚Umschau‘ lanciert, aber nicht etwa in die ganze Auflage, sondern nur in die beiden Exemplare, die bei Ihnen und bei mir abgegeben werden. Da ist eben für diese zwei Nummern im Satzspiegel eine kleine Änderung gemacht worden.“„So ist wohl alles gar nicht wahr?“„Nein, es ist nicht wahr“, sagte Eva und wurde in dem Maße röter, als Stefenson bleicher wurde. Ich fürchtete mit einem Male, der Scherz könne noch schief ausgehen, und sagte deshalb:„Nanu, Stefenson, spielen Sie bitte nicht etwa die gekränkte Unschuld. Da wären Sie gerade der Rechte dazu. Was haben Sie uns genarrt! Mit der Ignazgeschichte und mit Ihren Umschau-Artikeln, auch als Journalist Brown. Ihr Sündenregister ist in dieser Hinsicht so groß, daß unsere kleine List eine äußerst gelinde Strafe ist.“[pg 363]„Und – und der Graf Simmern – und der herzogliche Kammerherr?“„Himmel, Stefenson, sind Sie heute schwer von Begriffen, diese Simmerns existieren doch gar nicht.“„Ah – so ist das gewesen? Die Anzeige war gefälscht, und die Wahrsagerin waren Sie selbst. – Es – es ist ja sehr witzig! Gnädiges Fräulein, Sie haben die alte Sibylle ausgezeichnet gemimt. Ich glaube, Sie sind eine große Schauspielerin.“Es war mir, als ob in Evas Augen eine geheime Angst träte. Ich sagte:„Nun sehen Sie, ob ein Mister Stefenson in den Ferien vom Ich in die Tracht eines Bauernknechtes kriecht oder ob eine Opernsängerin mal in das Habit einer Wahrsagerin schlüpft, bleibt sich ganz gleich. Das ist doch selbstverständlich.“Seine Augen irrten umher.„Ich fürchte, die wirkliche Sibylle wird sich in der Bodenkammer erkälten. Man sollte sie jetzt herunterrufen.“Die Stimmung wurde frostig. Ich sah, daß Evas rote Wangen verblichen. In diesem Augenblick humpelte die wirkliche Sibylle ins Zimmer. Sie lachte albern und blinzelte verlangend mit den Augen.„Na, Sibylle“, sagte Stefenson, „Sie werden ja von den Herrschaften schon bezahlt sein; da haben Sie auch von mir noch ein Trinkgeld.“Er legte ein Fünfzigpfennigstück auf den Tisch. Die Alte fauchte unzufrieden; mir ging die Laune aus. „Gehen[pg 364]wir hinaus!“ sagte ich. Ich half Eva den Mantel umlegen und fühlte, wie das Mädchen erregt war. Schweigend stiegen wir den Berg hinauf. Ich hatte einen mächtigen Groll auf Stefenson. Er selber hänselte alle Welt, aber einen Scherz gegen seine eigene hohe Person vertrug er nicht. Da hatte mir nun in all den Wochen die schöne Eva brieflich ihren Liebeskummer geklagt, ich hatte ihr langsam den Zorn gegen Stefenson, den sie der Ignazmaskerade wegen hegte, ausgeredet, sie hatte endlich den Brief mit der Stelle von Jakob, der um Rahel dient, erhalten, war dadurch gerührt, heimlich in Waltersburg angekommen und hatte sich in der Wohnung ihres Vaters, unseres jetzigen Baurats, versteckt. Liebesselig und voller Sehnsucht. Ich, der das Mädchen selbst geliebt hatte, war mit mir fertig geworden, guter Laune zu sein und ihr zu einem unschuldigen Racheplan gegen den Geliebten zu helfen. Nun scheiterte alles am Hochmut dieses Hansnarren.Wir waren kurz vor dem Grundhof, da blieb Stefenson plötzlich stehen und fing unbändig an zu lachen. Es war schon gar kein Lachen mehr, es war ein Kollern.„Also“, sagte er, „nun haben sie den Fuchs gefangen, und da sie ihn in der Falle haben, machen sie beleidigte Gesichter, weil der Gefangene knurrt, was doch selbstverständlich ist. Lieber Doktor, Freund und Menschenkenner, bitte, gehen Sie mal freundlichst voran bis zur Lindenherberge und erwarten Sie uns im Poetenwinkel. Wir kommen langsam nach.“[pg 365]Ich ging voran, und als die beiden anderen im Poetenwinkel eintrafen, sah ich in ihnen ein glückliches Paar.Es war noch nicht spät, wir waren im Poetenwinkel allein, die Feriengäste noch alle beim Abendbrot. Als wir mit dem allerbesten Wein, den der Herbergsvater besaß, angestoßen hatten, sagte Stefenson so ganz nebenher zu mir:„Daß der Kerl von der ‚Umschau‘ zwei Mark für die Zeile der gefälschten Verlobungsnotiz von Ihnen genommen hat, war unverschämt. Eine Mark wäre auch genug gewesen.“„Woher wissen Sie den Preis?“„Na, ich war doch drüben in der Redaktion.“„In der Zeitung? Wann? Heute nachmittag?“„Ja, natürlich! Ich witterte etwas und wollte wissen, woher die ‚Umschau‘ die große Neuigkeit habe, und da kriegte ich mit Hilfe einiger Überredungskunst und einigen Papiergeldes den ganzen schönen Schwindel heraus.“„Das ist infam!“ rief ich.„Er hat alles gewußt“, sagte fassungslos die schöne Eva.„Jawohl, alles!“ schmunzelte Stefenson. „Dann, als ich von Neustadt zurückkam, ging ich gleich wieder zu unserem Herrn Doktor, und als mir der so ganz geschickt und ganz und gar unauffällig suggerierte, ich solle doch durchaus mal zu der alten Sibylle gehen, da sagte ich mir: Hm, da ist was dahinter! Da werden die Schlau[pg 366]berger mit dir wohl noch was vorhaben. Und ich ging zu der alten Sibylle.“„Er hat mich sofort erkannt“, klagte Eva. „So schlecht habe ich gespielt.“„Du hast herrlich gespielt!“ rief Stefenson. „Du bist eine große Künstlerin. Die Sprache – zum Fürchten; das Äußere – zum Schlechtwerden. Zum Beispiel diese borstigen Warzen an Kinn und Hals. Ich habe nie eine schrecklichere Theaterhexe gesehen.“„Es ist aus mit meiner Bühnenlaufbahn“, sagte Eva. „Das ist die furchtbarste Kritik, die ich bekommen konnte. Ich kann ihm nie, nie was vormachen!“„Nein“, sagte Stefenson mit großer Befriedigung, „und weil ich jetzt weiß, daß du mir nie etwas vormachen kannst, heirate ich dich. Ich heirate dich mit großer innerer Ruhe und mit sehr großem Vergnügen!“Daß uns aber auch diesmal der alte Fuchs übertölpelt hatte, ärgerte mich so, daß mir der gute Wein nicht mehr schmeckte.
Es war Abend, als ich am Grundhof vorbeischlich und mich an der Reihe windbrüchiger Weiden, die am alten Waltersburger Weg stehen, hinab zum Hause der Sibylle schlängelte. Das kleine Anwesen sah schäbig und unordentlich aus. Die Tür stieß einen grämlichen Quieker aus, als ich eintrat. Der Hausflur war finster, aber in dem daranstoßenden Zimmer, dessen Fenster mit buntem Kattun verhängt waren, brannte eine kleine Lampe. Die „Sibylle“ erhob sich und kam mir entgegen. Mit krummem Rücken, auf einen Stock gestützt, hob sie ihr verrunzeltes Gesicht, das in dem trüben Lichte der kleinen Lampe ganz gespenstisch aussah, zu mir empor.
„Wird er kommen?“ fragte sie.
„Ich weiß es nicht. Aber ich hoffe es; denn ich habe es ihm kräftig eingeredet. Ich gehe einstweilen in die Nebenstube und passe auf. Halten Sie sich genau an unsere Abmachungen.“
„Jawohl!“ nickte das Weib.
Ich mußte eine Stunde lang warten und gab den Plan, den ich gefaßt hatte, beinahe auf. Noch zweimal[pg 356]hatte Stefenson heute von der Wahrsagerin angefangen, und ich hatte ihm einige sehr merkwürdige Fälle erzählt, in denen die Voraussagungen der Sibylle in verblüffender Weise eingetroffen waren. Nun kam er doch nicht. Schon wollte ich meinen Lauscherposten verlassen, da sah ich den alten Fuchs um die Wegkrümmung treten und vorsichtig umherspähen.
„Er kommt!“ sagte ich zu der Sibylle durch die Tür. „Nun machen Sie Ihre Sache gut.“
Fünf Minuten später hörte ich nebenan Stefenson eintreten.
„Guten Abend“, sagte er etwas verlegen. „Ich komme mal zu Ihnen. Sie brauchen sich deswegen nicht etwa einzubilden, daß ich auf Ihren Quatsch etwas gebe; aber ich habe von Ihnen gehört, und da will ich mal einen Versuch machen – der Wissenschaft halber, verstehen Sie?“
Die Sibylle rührte sich nicht. Sie sah greulich aus. Die Gestalt war in ein geflicktes Umschlagetuch gehüllt, vor Stirn und Augen hatte sie einen grünen Lichtschirm, über dem der graue Scheitel struppig herausragte. Das alte Weib betrachtete ihre ausgebreiteten schmutzigen Karten und sagte kein Wort.
„Nun?“ mahnte Stefenson ungeduldig.
Keine Antwort.
„Ja, wollen Sie nun gefälligst mit mir sprechen?“ brauste der Amerikaner auf.
„Scheren Sie sich hinaus!“ krächzte die Alte.
„Wa–as?“
„Hinausscheren sollen Sie sich!“ wiederholte der häßliche Rabe.
„Das ist stark!“ sagte Stefenson verblüfft. „Nun bleibe ich natürlich hier!“
Er schob sich den wackligen Stuhl, der an der Wand lehnte, zurecht und sah mit stoischer Ruhe zu, wie das alte Weib ihre Karten mischte und legte, ohne ihn auch nur im geringsten zu beachten. Ich vergnügte mich an meinem Guckloche königlich.
Endlich stand Stefenson auf, legte auf die Tischkante eine Münze und sagte mit erzwungener Höflichkeit:
„Madame, ich möchte gern durch Ihre Kunst meine Zukunft erfahren.“
„Warten Sie!“ schnarrte der Rabe.
Und Stefenson wartete. Sibylle betrachtete indes unverwandt ihre Karten. Endlich schien sie fertig zu sein. Sie warf einen Blick auf das Geldstück und sagte: „Auf zwanzig Mark kann ich nicht herausgeben. Es kostet fünfundzwanzig Pfennig.“
„Behalten Sie nur das Goldstück“, erwiderte Stefenson. Da schnipste sie mit dem Finger die Münze vom Tische hinab auf den Fußboden und kreischte wütend:
„Fünfundzwanzig Pfennig kostet es!“
Stefenson kramte in einer Westentasche und legte fünfundzwanzig Pfennig auf den Tisch.
„Stecken Sie das Goldstück ein!“ befahl die Alte. Stefenson leuchtete mit Streichhölzern gehorsam den Fußboden ab, bis er die Goldmünze fand, und steckte sie[pg 358]ein. Darauf mischte Sibylle die Karten, ließ Stefenson dreimal abheben und sagte:
„Sie sind neunundvierzig Jahre alt!“
Stefenson lachte ärgerlich.
„Neununddreißig bin ich.“
„So sehen Sie nicht aus!“
Darauf wurden die Karten auf den Tisch gebreitet.
„Richtig – erst neununddreißig“, sagte die Wahrsagerin.
„Am 14. April geboren.“
„Das stimmt!“ rief Stefenson verblüfft.
„Es stimmt alles, was ich sage“, knurrte die Alte.
„Sie haben weder Vater noch Mutter, Bruder noch Schwester. Sie sind nicht aus diesem Lande, Sie sind über das Wasser gekommen.“
Stefenson setzte sich staunend auf den Stuhl.
„Sie sind sehr reich“, fuhr die Alte fort, „und werden immer reicher werden; aber Sie haben Unglück in der Liebe.“
„Ja“, murmelte Stefenson.
„Ihre Braut heiratet einen anderen.“
„Ist das wahr?“
„Ja. Aber Sie sind selbst schuld; Sie haben Ihre Braut schlecht behandelt und sie betrogen.“
Stefenson stöhnte leise. Die Alte fuhr fort:
„Wenn Sie sich mit dem neuen Bräutigam Ihrer Braut duellieren, werden Sie ihn töten.“
„A–ah!“
„Ja, aber es wird Ihnen schlimm ergehen, weil er ein vornehmer Herr ist, und das Mädchen wird doch einen anderen nehmen.“
„Wird sie glücklich werden?“ fragte Stefenson.
„Sie wird mit jedem Manne glücklich werden, den sie nimmt. Nur mit Ihnen wäre sie unglücklich geworden.“
„Das ist nicht wahr!“ rief Stefenson.
„Das ist ebenso wahr, als daß Sie nach einem Jahre eine reiche Amerikanerin heiraten werden.“
„Schwindel!“ rief Stefenson erbost. „Ich werde nie eine andere heiraten. Sie schwafeln da einen ungeheuren Blödsinn zusammen!“
„Scheren Sie sich hinaus!“ kreischte der Rabe wütend und klappte die Karten zusammen.
„Ich bitte, daß Sie weitersprechen“, beruhigte sich Stefenson gewaltsam.
Die Alte aber erhob sich und humpelte der Nachbartür zu.
„Bleiben Sie da“, rief Stefenson; „ich habe doch fünfundzwanzig Pfennig bezahlt.“
Sie gab keine Antwort, verschwand hinter der Tür und schob den Riegel vor.
In diesem Augenblick sprang ich im Nebenzimmer aus dem Fenster hinaus in den Garten, ging ums Haus herum und trat durch den Flur in die Vorderstube.
Als Stefenson und ich uns sahen, prallten wir voreinander zurück.
„Sie – Doktor?“
„Sie – Stefenson?“
Er lachte außerordentlich verlegen. Leise sagte er: „Aber wissen Sie – nur der Wissenschaft halber ...“
„Ja – ich natürlich auch nur der Wissenschaft halber. Waren Sie schon dran?“
„Ja. Und es hat merkwürdig gestimmt. Jetzt ist die Alte da hinein und hat sich abgeriegelt. Aber ich warte, bis sie herauskommt; ich will noch mehr erfahren.“
„Wenn es Sie nicht stört, warte ich mit.“
Ich sah, daß ihm mein Erscheinen gar nicht recht war, aber ich setzte mich auf den Tisch und ließ die Beine herabbaumeln. Eine halbe Stunde verging; es wurde langweilig. Ein paarmal hatte Stefenson an die Tür der anderen Stube geklopft, aber keine Antwort erhalten. Endlich hörten wir drin ein Gekrabbele.
„Sind Sie noch da?“ krächzte die Sibylle.
„Jawohl!“ antwortete Stefenson.
Ein Scharren kam von nebenan, dann sagte die Alte:
„Ich werde Ihnen für Ihre fünfundzwanzig Pfennig jetzt noch zeigen, wie Ihre künftige Frau aussieht, und dann scheren Sie sich endlich fort.“
„Ich will nichts wissen von einer künftigen Frau, ich bleibe ledig!“ widersprach Stefenson. „Kommen Sie lieber heraus und geben Sie mir noch auf einige Fragen Auskunft.“
„Nein!“ brummte der Rabe. „Sie werden nur noch Ihre künftige Frau sehen!“
Die Tür sprang auf, und in ihrer Öffnung stand Eva Bunkert in ihrer ganzen strahlenden Schönheit. Stefenson faßte sich an den Kopf.
„Eva!“
„Ja, ich bin’s!“ sagte das Mädchen, blieb stehen und lachte.
„Wie ist das möglich? Wie ist das nur möglich?“ Stefenson machte den Eindruck verdattertster Hilflosigkeit. Da sprang ich vom Tisch herunter, brach in Gelächter aus und schrie jubelnd:
„Wir haben einen alten, sehr alten Fuchs gefangen. Horrido!“
Eva hatte glührote Wangen. Sie trat auf den wie angewurzelt dastehenden, staunenden Stefenson zu, reichte ihm die Hand und sagte mit warmem Ton in der Stimme:
„Mein Lieber, Sie werden mir wegen dieser Komödie nicht zürnen. Eine kleine Strafe wenigstens hatten Sie für Ihre Ignazmaskerade doch wohl verdient.“
„Ich verstehe nichts – nichts von allem“, stammelte Stefenson. Da griff ich ein.
„Also, lieber, alter Fuchs, ich will Ihnen alles kurz erklären, was jetzt Ihr in eine Wolfsgrube gefallener Verstand doch nicht von selber findet! Die Sibylle, die Sie befragt haben, war niemand anders als Fräulein Eva selbst.“
„Oh – oh – und die wirkliche Sibylle?“
„Sitzt in der Dachkammer und hat uns gegen Geld[pg 362]und gute Worte ihr Amtslokal mal vorübergehend überlassen. Ist das nicht gut?“
Er sagte nicht, daß das „gut“ sei. Ganz förmlich wandte er sich an Eva.
„Mein gnädiges Fräulein, es ist ja recht, recht liebenswürdig, daß Sie mit mir zu scherzen belieben; aber ich darf wohl einigermaßen erstaunt sein, da ich erst heute morgen in der Zeitung –“
Ich griff wieder ein.
„Die ‚Neustädter Umschau‘ war die zweite Wolfsgrube, in die Sie glitten, verehrter Fuchs, oder vielmehr die erste. Denn die Notiz habe ich geschrieben, habe sie in die ‚Umschau‘ lanciert, aber nicht etwa in die ganze Auflage, sondern nur in die beiden Exemplare, die bei Ihnen und bei mir abgegeben werden. Da ist eben für diese zwei Nummern im Satzspiegel eine kleine Änderung gemacht worden.“
„So ist wohl alles gar nicht wahr?“
„Nein, es ist nicht wahr“, sagte Eva und wurde in dem Maße röter, als Stefenson bleicher wurde. Ich fürchtete mit einem Male, der Scherz könne noch schief ausgehen, und sagte deshalb:
„Nanu, Stefenson, spielen Sie bitte nicht etwa die gekränkte Unschuld. Da wären Sie gerade der Rechte dazu. Was haben Sie uns genarrt! Mit der Ignazgeschichte und mit Ihren Umschau-Artikeln, auch als Journalist Brown. Ihr Sündenregister ist in dieser Hinsicht so groß, daß unsere kleine List eine äußerst gelinde Strafe ist.“
„Und – und der Graf Simmern – und der herzogliche Kammerherr?“
„Himmel, Stefenson, sind Sie heute schwer von Begriffen, diese Simmerns existieren doch gar nicht.“
„Ah – so ist das gewesen? Die Anzeige war gefälscht, und die Wahrsagerin waren Sie selbst. – Es – es ist ja sehr witzig! Gnädiges Fräulein, Sie haben die alte Sibylle ausgezeichnet gemimt. Ich glaube, Sie sind eine große Schauspielerin.“
Es war mir, als ob in Evas Augen eine geheime Angst träte. Ich sagte:
„Nun sehen Sie, ob ein Mister Stefenson in den Ferien vom Ich in die Tracht eines Bauernknechtes kriecht oder ob eine Opernsängerin mal in das Habit einer Wahrsagerin schlüpft, bleibt sich ganz gleich. Das ist doch selbstverständlich.“
Seine Augen irrten umher.
„Ich fürchte, die wirkliche Sibylle wird sich in der Bodenkammer erkälten. Man sollte sie jetzt herunterrufen.“
Die Stimmung wurde frostig. Ich sah, daß Evas rote Wangen verblichen. In diesem Augenblick humpelte die wirkliche Sibylle ins Zimmer. Sie lachte albern und blinzelte verlangend mit den Augen.
„Na, Sibylle“, sagte Stefenson, „Sie werden ja von den Herrschaften schon bezahlt sein; da haben Sie auch von mir noch ein Trinkgeld.“
Er legte ein Fünfzigpfennigstück auf den Tisch. Die Alte fauchte unzufrieden; mir ging die Laune aus. „Gehen[pg 364]wir hinaus!“ sagte ich. Ich half Eva den Mantel umlegen und fühlte, wie das Mädchen erregt war. Schweigend stiegen wir den Berg hinauf. Ich hatte einen mächtigen Groll auf Stefenson. Er selber hänselte alle Welt, aber einen Scherz gegen seine eigene hohe Person vertrug er nicht. Da hatte mir nun in all den Wochen die schöne Eva brieflich ihren Liebeskummer geklagt, ich hatte ihr langsam den Zorn gegen Stefenson, den sie der Ignazmaskerade wegen hegte, ausgeredet, sie hatte endlich den Brief mit der Stelle von Jakob, der um Rahel dient, erhalten, war dadurch gerührt, heimlich in Waltersburg angekommen und hatte sich in der Wohnung ihres Vaters, unseres jetzigen Baurats, versteckt. Liebesselig und voller Sehnsucht. Ich, der das Mädchen selbst geliebt hatte, war mit mir fertig geworden, guter Laune zu sein und ihr zu einem unschuldigen Racheplan gegen den Geliebten zu helfen. Nun scheiterte alles am Hochmut dieses Hansnarren.
Wir waren kurz vor dem Grundhof, da blieb Stefenson plötzlich stehen und fing unbändig an zu lachen. Es war schon gar kein Lachen mehr, es war ein Kollern.
„Also“, sagte er, „nun haben sie den Fuchs gefangen, und da sie ihn in der Falle haben, machen sie beleidigte Gesichter, weil der Gefangene knurrt, was doch selbstverständlich ist. Lieber Doktor, Freund und Menschenkenner, bitte, gehen Sie mal freundlichst voran bis zur Lindenherberge und erwarten Sie uns im Poetenwinkel. Wir kommen langsam nach.“
Ich ging voran, und als die beiden anderen im Poetenwinkel eintrafen, sah ich in ihnen ein glückliches Paar.
Es war noch nicht spät, wir waren im Poetenwinkel allein, die Feriengäste noch alle beim Abendbrot. Als wir mit dem allerbesten Wein, den der Herbergsvater besaß, angestoßen hatten, sagte Stefenson so ganz nebenher zu mir:
„Daß der Kerl von der ‚Umschau‘ zwei Mark für die Zeile der gefälschten Verlobungsnotiz von Ihnen genommen hat, war unverschämt. Eine Mark wäre auch genug gewesen.“
„Woher wissen Sie den Preis?“
„Na, ich war doch drüben in der Redaktion.“
„In der Zeitung? Wann? Heute nachmittag?“
„Ja, natürlich! Ich witterte etwas und wollte wissen, woher die ‚Umschau‘ die große Neuigkeit habe, und da kriegte ich mit Hilfe einiger Überredungskunst und einigen Papiergeldes den ganzen schönen Schwindel heraus.“
„Das ist infam!“ rief ich.
„Er hat alles gewußt“, sagte fassungslos die schöne Eva.
„Jawohl, alles!“ schmunzelte Stefenson. „Dann, als ich von Neustadt zurückkam, ging ich gleich wieder zu unserem Herrn Doktor, und als mir der so ganz geschickt und ganz und gar unauffällig suggerierte, ich solle doch durchaus mal zu der alten Sibylle gehen, da sagte ich mir: Hm, da ist was dahinter! Da werden die Schlau[pg 366]berger mit dir wohl noch was vorhaben. Und ich ging zu der alten Sibylle.“
„Er hat mich sofort erkannt“, klagte Eva. „So schlecht habe ich gespielt.“
„Du hast herrlich gespielt!“ rief Stefenson. „Du bist eine große Künstlerin. Die Sprache – zum Fürchten; das Äußere – zum Schlechtwerden. Zum Beispiel diese borstigen Warzen an Kinn und Hals. Ich habe nie eine schrecklichere Theaterhexe gesehen.“
„Es ist aus mit meiner Bühnenlaufbahn“, sagte Eva. „Das ist die furchtbarste Kritik, die ich bekommen konnte. Ich kann ihm nie, nie was vormachen!“
„Nein“, sagte Stefenson mit großer Befriedigung, „und weil ich jetzt weiß, daß du mir nie etwas vormachen kannst, heirate ich dich. Ich heirate dich mit großer innerer Ruhe und mit sehr großem Vergnügen!“
Daß uns aber auch diesmal der alte Fuchs übertölpelt hatte, ärgerte mich so, daß mir der gute Wein nicht mehr schmeckte.
[pg 367]AdventEs ist nun still geworden bei uns. Stefenson ist nach Amerika hinüber, um in Eile seiner künftigen Frau ein Heim zu bereiten. Diesmal ist er wirklich abgereist; ein Vertrauensmann von mir hat ihn in Hamburg an Bord gehen sehen. Eva wohnt zwar bei ihrem Vater, hält sich aber allermeist im Forellenhof auf, der ihre zweite Heimat geworden ist. Der Bauer Barthel hat seit dem Abenteuer seiner Verhaftung an Reputation etwas eingebüßt und steht jetzt ganz unter dem Regiment der dicken Susanne; aber der alte Friede ist wiedergekehrt.Nur ein wenig still ist es. Methusalem und Emmerich, die lustigen Burschen, haben auch längst schweren Herzens von uns Abschied nehmen müssen, um in ihr bürgerliches Leben zurückzukehren, und Piesecke ist vom Forellenhof fortgezogen. Er wohnt jetzt in der Waldschölzerei. Er sagte mir, „er habe an Barthel und Susanne mit der Zeit ein Haar gefunden“ und wolle auch Eva aus dem Wege gehen. In Wirklichkeit hegt sein leichtbewegliches Herz bereits eine neue Sehnsucht, und diese Sehnsucht wohnt in der Waldschölzerei. Sie heißt Agathe.„Lieber Herr Doktor“, sagte er dieser Tage zu mir,[pg 368]„wenn mich die kleine Agathe will, dann möchte ich sie heiraten und mit ihr immer hier bei Ihnen im Heim bleiben. Vielleicht kann ich mich mit etwas Kapital beteiligen und eine kleine Stellung, so als Subdirektor oder ähnlich, bekommen. Ich möchte nicht wieder fort von hier; die große Welt hat allen Reiz für mich verloren.“„Wir wollen abwarten und überlegen, lieber Piesecke.“„Ich soll immer abwarten, nie handeln“, sagte er betrübt.„Sie haben eben in Ihrem früheren Leben etwas zu viel gehandelt, lieber Freund. Deshalb sind Sie ja jetzt in den Ferien.“Da fügte er sich. –Mit dem schweizerischen Namen „Heimwehfluh“ ist eines unserer kleinen Anwesen benannt, das in einer Waldecke so abseits vom Wege liegt wie die Genovevenklause. Auf der Heimwehfluh wohnt jetzt Käthe mit ihrem Kinde. Die Frau ist blaß und von zartester Gesundheit; aber ich habe nur mit Mühe durchsetzen können, daß sie eine Bedienerin annahm. Sie wollte mit Luise ganz allein sein.Das Mädchen ist viel ruhiger geworden. Wohl hindert es die Mutter nicht, zu anderen Kindern zum Spielen zu laufen, ja sie drängt es oft dazu, aber das Kind bleibt am liebsten daheim. Dort ist es in einem ewig sonnigen Paradies der Mutterliebe. Die Mutter dichtet Geschichten um Geschichten, die Mutter spielt so schön, wie niemand spielen kann, die Mutter macht selbst das Lernen zur Lust.[pg 369]Käthe und das Kind sind noch die einzigen Kameraden, die ich hier habe. Sie stören mich nicht. Ich weiß, daß sie im Frieden sind und daß sie mir, wenn ich frage, wie es ihnen geht, immer nur die eine Antwort geben werden: „Es geht uns gut!“ Es ist schön, Menschen zu begegnen, die sagen, daß es ihnen gut gehe; es ist wie ein herzstärkender Blick auf ein heiteres Gelände, der sich bei einer so lieben Antwort auftut.Im Forellenhof wird jetzt viel geschneidert, gestrickt, gebastelt. Eva schafft an ihrer Ausstattung, und alles Weibsvolk ist ganz närrisch, ihr dabei zu helfen. Es ist sehr heimlich in der großen Bauernstube. Der Wind zieht um die Giebel oder pfeift auf dem Schornstein wie auf einer großen Flöte, der Regen knistert am Fenster, das Feuer flackert im Herd, die alte Uhr geht freundlich ihren Weg hin und her mit ihrem Schlenkerbein. Manchmal erzählt eine der Frauen eine Geschichte, manchmal rattert eine Nähmaschine, manchmal spielt Vater Barthel auf der Ziehharmonika, oft kommt einer von den „Mannsvölkern“ in die Stube, schüttelt sich wie ein Pudel, wärmt sich am Ofen und sagt etwas Nettes oder etwas Dummes, über das gelacht werden kann. Was bei der Hausarbeit herauskommt, kann ich nicht beurteilen. Eva wird eine sehr reiche Frau sein, aber vielleicht sind ihr einmal diese mit recht verschiedenartigem Talent im Ferienheim gestickten Monogramme und Schneidereien lieb und wert ...Ich bekam eben einen Eilbrief von Methusalem aus München:[pg 370]„Lieber Doktor!Unser Freund Stefenson (wo hätte ich den Heimtücker in dem langen Ignaz vermutet!) hat mich von Amerika aus mit der ehrenvollen Aufgabe betraut, die äußeren Feierlichkeiten seines Hochzeitsfestes in Regie zu nehmen. Trotz meines hohen Alters will ich die Aufgabe übernehmen. (Notabene: Was sagen Sie als Mediziner dazu, daß ich mit neunhundertachtundneunzig und dreiviertel Jahren noch einen Weisheitszahn kriege?) Also übernehmen! Die bewilligten Mittel sind generös. Man könnte damit alle Einwohner eines deutschen Herzogtums drei Tage lang freihalten. Ich werde mit einem Bruchteil des Geldes auskommen, und das Fest wird dennoch glänzend sein. Mein Freund Emmerich, bekanntlich Gesanglehrer an einer Taubstummenanstalt und auch sonst ein berühmter Musiker, übernimmt den musikalischen Teil. Das Fest soll am ersten Weihnachtsfeiertag im Rahmen eines großen deutschen Weihnachts- und Weihespieles stattfinden. Es ist allerhöchste Zeit, mit den Vorbereitungen zu beginnen. Erwarten Sie mich also schon morgen; sagen Sie Frau Susanne, daß ich vor Sehnsucht nach ihr brenne, durch welch schöne Redewendung sie erinnert sein soll, mein Zimmer gut zu heizen, und bewegen Sie Freund Piesecke, in den intimeren Festausschuß einzutreten.Ihr getreuer Methusalem.Nachschrift! Ich habe heute aus Freude, so bald nach dem geliebten Waltersburg zurückkehren zu können,[pg 371]bereits fünf Purzelbäume in meinem Bett geschlagen. Ich finde das zwar unpatriarchalisch, aber es mußte sein!Methusalem.“Frau Susanne strahlte, als ich ihr Methusalems baldige Ankunft verkündigte, und rannte spornstreichs nach dem Kohlenkasten. Sie kann ihren ältesten Sohn nicht lieber haben als diesen Maler, der sie doch ständig ärgert und über den sie ständig schimpft.Mit Piesecke dagegen hatte ich Schwierigkeiten.„Ich lehne ab, dem Festausschuß beizutreten“, sagte er kalt, als ich ihm Methusalems Brief vorgelesen hatte. „Denn erstens, dieser Stefenson, der mich als Knecht Ignaz gemißhandelt hat, verdient von mir keine Gefälligkeit, und diese Eva auch nicht. Was aber Methusalem und Emmerich anbelangt, so habe ich mich einmal mit ihnen eingelassen und die traurigsten Erfahrungen mit ihnen gemacht.“„Lieber Piesecke“, sagte ich, „Sie werden sich das noch überlegen. Was Stefenson anlangt, so sind Sie eine viel zu große Natur, um nachträgerisch zu sein. Und mit Methusalem und Emmerich dürfen Sie sich ruhig verbinden. Ich gebe zu, daß sich die beiden in der Waltersburger Schlacht feig und schäbig benommen haben. Während Sie kämpften, hat der eine gezeichnet, der andere seine Hymne gesungen. In den Kampf eingegriffen haben sie beide nicht, obwohl es ihre Pflicht war. Sie sind eben keine Helden. Ein Fest aber ist keine Schlacht; da werden die zwei ihren Mann stellen. Im übrigen gebe ich Ihnen[pg 372]zu bedenken, daß, falls Sie sich fernhielten, Fräulein Agathe aus der Waldschölzerei den schweren Verdacht schöpfen könnte, Sie hätten Ihren Gram um die verlorene Eva immer noch nicht verwunden.“„Oh“, rief da Piesecke, „den hab ich gründlich verwunden. Aber Sie haben recht, der Verdacht läge nahe. Also mache ich mit!“Schon am nächsten Morgen kehrten unter ungeheurem Hallo Methusalem und Emmerich nach dem Ferienheim zurück. Eine Stunde später fand die erste „Geheime Sitzung des intimeren Festausschusses“, bestehend aus Methusalem, Emmerich und Piesecke, statt. Ich hatte bescheiden angefragt, ob ich eine beratende Stimme im Ausschuß haben dürfte, dieses war aber abgelehnt worden.Was hatten wir für einen schönen Heiligen Abend! Auch über die Festtage war unsere Anstalt mit Gästen gut besetzt, aber die Leute waren alle kurz vor dem Christabend etwas stiller geworden. Ich merkte, wie viele an Heimweh litten. Durch einen besonderen Anschlag war rechtzeitig bekanntgegeben worden, daß jeder Feriengast ein Paket nach Hause senden und ein solches von Hause erbitten solle. In den letzten Tagen trafen viele solche Liebesgaben bei uns ein. Sie wurden in der Direktion aufgestapelt. Wie nun der Abend kam am 24. Dezember, dieser heilig-süße Abend, an dem alle Herzen anders gehen als sonst, ritt auf schneeweißem Roß Knecht Ruprecht von Haus zu Haus. Hinter ihm fuhren in einem mit[pg 373]Silber, Gold und Tannengrün geschmückten Schlitten vier Engelein, von denen eines die kleine Luise war, dann kam ein Bläserchor, zuletzt stampften Zwerge und Waldgeister durch den Schnee, die schleppten alle Pakete auf den Schultern und taten, als ob sie schwer daran zu tragen hätten.Vor jedem Bauernhof wurde haltgemacht. In der großen Stube brannte der Christbaum; Knecht Ruprecht trat ins Zimmer und sagte seinen Weihnachtsgruß, die Engelchen sangen ein Lied, der Bläserchor blies vor dem Hause einen Choral, und die Zwerge und Waldgeister schleppten Pakete herbei – Grüße aus der Heimat.Da hat keinem von unseren Feriengästen die Weihnachtsstimmung gefehlt.Auch ich hatte meine Weihnachtsfreude. Am Nachmittag erhielt ich ein Kabeltelegramm von der Mutter aus Rio:„Sehne mich nach dir. Grüße von Joachim und mir an dich, Luise, Käthe und die Heimat. Eure Mutter.“Frieden auf Erden! Ich ging nach der Heimwehfluh. Käthe saß am Fenster, spähte nach dem Lichtschein der Fackeln, die den Schlitten begleiteten, darin ihr Kind saß, und hörte auf die alten Weihnachtslieder, die aus dem Tale klangen.Ich gab ihr das Telegramm. Sie las es und wurde zum ersten Male wieder ein wenig rot im Gesicht.„Schenke es mir zu Weihnachten“, bat sie.„Ich habe es dir ja gebracht.“[pg 374]Ich blieb bei ihr, wollte Luises Rückkehr abwarten.Da sagte sie im Laufe des Abends:„Ich weiß wohl, daß es nicht mehr allzu lange mit mir dauern kann. Aber sage mir, ob ich übers Jahr zu Weihnachten noch leben werde.“„Bestimmt, Käthe.“Da trat ein Lächeln auf ihre Züge.„Das ist noch eine lange Zeit zum Glücklichsein!“
Es ist nun still geworden bei uns. Stefenson ist nach Amerika hinüber, um in Eile seiner künftigen Frau ein Heim zu bereiten. Diesmal ist er wirklich abgereist; ein Vertrauensmann von mir hat ihn in Hamburg an Bord gehen sehen. Eva wohnt zwar bei ihrem Vater, hält sich aber allermeist im Forellenhof auf, der ihre zweite Heimat geworden ist. Der Bauer Barthel hat seit dem Abenteuer seiner Verhaftung an Reputation etwas eingebüßt und steht jetzt ganz unter dem Regiment der dicken Susanne; aber der alte Friede ist wiedergekehrt.
Nur ein wenig still ist es. Methusalem und Emmerich, die lustigen Burschen, haben auch längst schweren Herzens von uns Abschied nehmen müssen, um in ihr bürgerliches Leben zurückzukehren, und Piesecke ist vom Forellenhof fortgezogen. Er wohnt jetzt in der Waldschölzerei. Er sagte mir, „er habe an Barthel und Susanne mit der Zeit ein Haar gefunden“ und wolle auch Eva aus dem Wege gehen. In Wirklichkeit hegt sein leichtbewegliches Herz bereits eine neue Sehnsucht, und diese Sehnsucht wohnt in der Waldschölzerei. Sie heißt Agathe.
„Lieber Herr Doktor“, sagte er dieser Tage zu mir,[pg 368]„wenn mich die kleine Agathe will, dann möchte ich sie heiraten und mit ihr immer hier bei Ihnen im Heim bleiben. Vielleicht kann ich mich mit etwas Kapital beteiligen und eine kleine Stellung, so als Subdirektor oder ähnlich, bekommen. Ich möchte nicht wieder fort von hier; die große Welt hat allen Reiz für mich verloren.“
„Wir wollen abwarten und überlegen, lieber Piesecke.“
„Ich soll immer abwarten, nie handeln“, sagte er betrübt.
„Sie haben eben in Ihrem früheren Leben etwas zu viel gehandelt, lieber Freund. Deshalb sind Sie ja jetzt in den Ferien.“
Da fügte er sich. –
Mit dem schweizerischen Namen „Heimwehfluh“ ist eines unserer kleinen Anwesen benannt, das in einer Waldecke so abseits vom Wege liegt wie die Genovevenklause. Auf der Heimwehfluh wohnt jetzt Käthe mit ihrem Kinde. Die Frau ist blaß und von zartester Gesundheit; aber ich habe nur mit Mühe durchsetzen können, daß sie eine Bedienerin annahm. Sie wollte mit Luise ganz allein sein.
Das Mädchen ist viel ruhiger geworden. Wohl hindert es die Mutter nicht, zu anderen Kindern zum Spielen zu laufen, ja sie drängt es oft dazu, aber das Kind bleibt am liebsten daheim. Dort ist es in einem ewig sonnigen Paradies der Mutterliebe. Die Mutter dichtet Geschichten um Geschichten, die Mutter spielt so schön, wie niemand spielen kann, die Mutter macht selbst das Lernen zur Lust.
Käthe und das Kind sind noch die einzigen Kameraden, die ich hier habe. Sie stören mich nicht. Ich weiß, daß sie im Frieden sind und daß sie mir, wenn ich frage, wie es ihnen geht, immer nur die eine Antwort geben werden: „Es geht uns gut!“ Es ist schön, Menschen zu begegnen, die sagen, daß es ihnen gut gehe; es ist wie ein herzstärkender Blick auf ein heiteres Gelände, der sich bei einer so lieben Antwort auftut.
Im Forellenhof wird jetzt viel geschneidert, gestrickt, gebastelt. Eva schafft an ihrer Ausstattung, und alles Weibsvolk ist ganz närrisch, ihr dabei zu helfen. Es ist sehr heimlich in der großen Bauernstube. Der Wind zieht um die Giebel oder pfeift auf dem Schornstein wie auf einer großen Flöte, der Regen knistert am Fenster, das Feuer flackert im Herd, die alte Uhr geht freundlich ihren Weg hin und her mit ihrem Schlenkerbein. Manchmal erzählt eine der Frauen eine Geschichte, manchmal rattert eine Nähmaschine, manchmal spielt Vater Barthel auf der Ziehharmonika, oft kommt einer von den „Mannsvölkern“ in die Stube, schüttelt sich wie ein Pudel, wärmt sich am Ofen und sagt etwas Nettes oder etwas Dummes, über das gelacht werden kann. Was bei der Hausarbeit herauskommt, kann ich nicht beurteilen. Eva wird eine sehr reiche Frau sein, aber vielleicht sind ihr einmal diese mit recht verschiedenartigem Talent im Ferienheim gestickten Monogramme und Schneidereien lieb und wert ...
Ich bekam eben einen Eilbrief von Methusalem aus München:
„Lieber Doktor!Unser Freund Stefenson (wo hätte ich den Heimtücker in dem langen Ignaz vermutet!) hat mich von Amerika aus mit der ehrenvollen Aufgabe betraut, die äußeren Feierlichkeiten seines Hochzeitsfestes in Regie zu nehmen. Trotz meines hohen Alters will ich die Aufgabe übernehmen. (Notabene: Was sagen Sie als Mediziner dazu, daß ich mit neunhundertachtundneunzig und dreiviertel Jahren noch einen Weisheitszahn kriege?) Also übernehmen! Die bewilligten Mittel sind generös. Man könnte damit alle Einwohner eines deutschen Herzogtums drei Tage lang freihalten. Ich werde mit einem Bruchteil des Geldes auskommen, und das Fest wird dennoch glänzend sein. Mein Freund Emmerich, bekanntlich Gesanglehrer an einer Taubstummenanstalt und auch sonst ein berühmter Musiker, übernimmt den musikalischen Teil. Das Fest soll am ersten Weihnachtsfeiertag im Rahmen eines großen deutschen Weihnachts- und Weihespieles stattfinden. Es ist allerhöchste Zeit, mit den Vorbereitungen zu beginnen. Erwarten Sie mich also schon morgen; sagen Sie Frau Susanne, daß ich vor Sehnsucht nach ihr brenne, durch welch schöne Redewendung sie erinnert sein soll, mein Zimmer gut zu heizen, und bewegen Sie Freund Piesecke, in den intimeren Festausschuß einzutreten.Ihr getreuer Methusalem.Nachschrift! Ich habe heute aus Freude, so bald nach dem geliebten Waltersburg zurückkehren zu können,[pg 371]bereits fünf Purzelbäume in meinem Bett geschlagen. Ich finde das zwar unpatriarchalisch, aber es mußte sein!Methusalem.“
„Lieber Doktor!Unser Freund Stefenson (wo hätte ich den Heimtücker in dem langen Ignaz vermutet!) hat mich von Amerika aus mit der ehrenvollen Aufgabe betraut, die äußeren Feierlichkeiten seines Hochzeitsfestes in Regie zu nehmen. Trotz meines hohen Alters will ich die Aufgabe übernehmen. (Notabene: Was sagen Sie als Mediziner dazu, daß ich mit neunhundertachtundneunzig und dreiviertel Jahren noch einen Weisheitszahn kriege?) Also übernehmen! Die bewilligten Mittel sind generös. Man könnte damit alle Einwohner eines deutschen Herzogtums drei Tage lang freihalten. Ich werde mit einem Bruchteil des Geldes auskommen, und das Fest wird dennoch glänzend sein. Mein Freund Emmerich, bekanntlich Gesanglehrer an einer Taubstummenanstalt und auch sonst ein berühmter Musiker, übernimmt den musikalischen Teil. Das Fest soll am ersten Weihnachtsfeiertag im Rahmen eines großen deutschen Weihnachts- und Weihespieles stattfinden. Es ist allerhöchste Zeit, mit den Vorbereitungen zu beginnen. Erwarten Sie mich also schon morgen; sagen Sie Frau Susanne, daß ich vor Sehnsucht nach ihr brenne, durch welch schöne Redewendung sie erinnert sein soll, mein Zimmer gut zu heizen, und bewegen Sie Freund Piesecke, in den intimeren Festausschuß einzutreten.Ihr getreuer Methusalem.Nachschrift! Ich habe heute aus Freude, so bald nach dem geliebten Waltersburg zurückkehren zu können,[pg 371]bereits fünf Purzelbäume in meinem Bett geschlagen. Ich finde das zwar unpatriarchalisch, aber es mußte sein!Methusalem.“
„Lieber Doktor!
Unser Freund Stefenson (wo hätte ich den Heimtücker in dem langen Ignaz vermutet!) hat mich von Amerika aus mit der ehrenvollen Aufgabe betraut, die äußeren Feierlichkeiten seines Hochzeitsfestes in Regie zu nehmen. Trotz meines hohen Alters will ich die Aufgabe übernehmen. (Notabene: Was sagen Sie als Mediziner dazu, daß ich mit neunhundertachtundneunzig und dreiviertel Jahren noch einen Weisheitszahn kriege?) Also übernehmen! Die bewilligten Mittel sind generös. Man könnte damit alle Einwohner eines deutschen Herzogtums drei Tage lang freihalten. Ich werde mit einem Bruchteil des Geldes auskommen, und das Fest wird dennoch glänzend sein. Mein Freund Emmerich, bekanntlich Gesanglehrer an einer Taubstummenanstalt und auch sonst ein berühmter Musiker, übernimmt den musikalischen Teil. Das Fest soll am ersten Weihnachtsfeiertag im Rahmen eines großen deutschen Weihnachts- und Weihespieles stattfinden. Es ist allerhöchste Zeit, mit den Vorbereitungen zu beginnen. Erwarten Sie mich also schon morgen; sagen Sie Frau Susanne, daß ich vor Sehnsucht nach ihr brenne, durch welch schöne Redewendung sie erinnert sein soll, mein Zimmer gut zu heizen, und bewegen Sie Freund Piesecke, in den intimeren Festausschuß einzutreten.
Ihr getreuer Methusalem.
Nachschrift! Ich habe heute aus Freude, so bald nach dem geliebten Waltersburg zurückkehren zu können,[pg 371]bereits fünf Purzelbäume in meinem Bett geschlagen. Ich finde das zwar unpatriarchalisch, aber es mußte sein!
Methusalem.“
Frau Susanne strahlte, als ich ihr Methusalems baldige Ankunft verkündigte, und rannte spornstreichs nach dem Kohlenkasten. Sie kann ihren ältesten Sohn nicht lieber haben als diesen Maler, der sie doch ständig ärgert und über den sie ständig schimpft.
Mit Piesecke dagegen hatte ich Schwierigkeiten.
„Ich lehne ab, dem Festausschuß beizutreten“, sagte er kalt, als ich ihm Methusalems Brief vorgelesen hatte. „Denn erstens, dieser Stefenson, der mich als Knecht Ignaz gemißhandelt hat, verdient von mir keine Gefälligkeit, und diese Eva auch nicht. Was aber Methusalem und Emmerich anbelangt, so habe ich mich einmal mit ihnen eingelassen und die traurigsten Erfahrungen mit ihnen gemacht.“
„Lieber Piesecke“, sagte ich, „Sie werden sich das noch überlegen. Was Stefenson anlangt, so sind Sie eine viel zu große Natur, um nachträgerisch zu sein. Und mit Methusalem und Emmerich dürfen Sie sich ruhig verbinden. Ich gebe zu, daß sich die beiden in der Waltersburger Schlacht feig und schäbig benommen haben. Während Sie kämpften, hat der eine gezeichnet, der andere seine Hymne gesungen. In den Kampf eingegriffen haben sie beide nicht, obwohl es ihre Pflicht war. Sie sind eben keine Helden. Ein Fest aber ist keine Schlacht; da werden die zwei ihren Mann stellen. Im übrigen gebe ich Ihnen[pg 372]zu bedenken, daß, falls Sie sich fernhielten, Fräulein Agathe aus der Waldschölzerei den schweren Verdacht schöpfen könnte, Sie hätten Ihren Gram um die verlorene Eva immer noch nicht verwunden.“
„Oh“, rief da Piesecke, „den hab ich gründlich verwunden. Aber Sie haben recht, der Verdacht läge nahe. Also mache ich mit!“
Schon am nächsten Morgen kehrten unter ungeheurem Hallo Methusalem und Emmerich nach dem Ferienheim zurück. Eine Stunde später fand die erste „Geheime Sitzung des intimeren Festausschusses“, bestehend aus Methusalem, Emmerich und Piesecke, statt. Ich hatte bescheiden angefragt, ob ich eine beratende Stimme im Ausschuß haben dürfte, dieses war aber abgelehnt worden.
Was hatten wir für einen schönen Heiligen Abend! Auch über die Festtage war unsere Anstalt mit Gästen gut besetzt, aber die Leute waren alle kurz vor dem Christabend etwas stiller geworden. Ich merkte, wie viele an Heimweh litten. Durch einen besonderen Anschlag war rechtzeitig bekanntgegeben worden, daß jeder Feriengast ein Paket nach Hause senden und ein solches von Hause erbitten solle. In den letzten Tagen trafen viele solche Liebesgaben bei uns ein. Sie wurden in der Direktion aufgestapelt. Wie nun der Abend kam am 24. Dezember, dieser heilig-süße Abend, an dem alle Herzen anders gehen als sonst, ritt auf schneeweißem Roß Knecht Ruprecht von Haus zu Haus. Hinter ihm fuhren in einem mit[pg 373]Silber, Gold und Tannengrün geschmückten Schlitten vier Engelein, von denen eines die kleine Luise war, dann kam ein Bläserchor, zuletzt stampften Zwerge und Waldgeister durch den Schnee, die schleppten alle Pakete auf den Schultern und taten, als ob sie schwer daran zu tragen hätten.
Vor jedem Bauernhof wurde haltgemacht. In der großen Stube brannte der Christbaum; Knecht Ruprecht trat ins Zimmer und sagte seinen Weihnachtsgruß, die Engelchen sangen ein Lied, der Bläserchor blies vor dem Hause einen Choral, und die Zwerge und Waldgeister schleppten Pakete herbei – Grüße aus der Heimat.
Da hat keinem von unseren Feriengästen die Weihnachtsstimmung gefehlt.
Auch ich hatte meine Weihnachtsfreude. Am Nachmittag erhielt ich ein Kabeltelegramm von der Mutter aus Rio:
„Sehne mich nach dir. Grüße von Joachim und mir an dich, Luise, Käthe und die Heimat. Eure Mutter.“
Frieden auf Erden! Ich ging nach der Heimwehfluh. Käthe saß am Fenster, spähte nach dem Lichtschein der Fackeln, die den Schlitten begleiteten, darin ihr Kind saß, und hörte auf die alten Weihnachtslieder, die aus dem Tale klangen.
Ich gab ihr das Telegramm. Sie las es und wurde zum ersten Male wieder ein wenig rot im Gesicht.
„Schenke es mir zu Weihnachten“, bat sie.
„Ich habe es dir ja gebracht.“
Ich blieb bei ihr, wollte Luises Rückkehr abwarten.
Da sagte sie im Laufe des Abends:
„Ich weiß wohl, daß es nicht mehr allzu lange mit mir dauern kann. Aber sage mir, ob ich übers Jahr zu Weihnachten noch leben werde.“
„Bestimmt, Käthe.“
Da trat ein Lächeln auf ihre Züge.
„Das ist noch eine lange Zeit zum Glücklichsein!“
[pg 375]Hochzeit und EndeStefensons Hochzeit fand am späten Nachmittag des ersten Christfeiertages in aller Stille in der Waltersburger Kirche statt. Nur Evas Vater und ich waren als Trauzeugen gegenwärtig. Wir waren nicht über den Marktplatz, sondern auf einem Umweg nach der Kirche gefahren. So war das von Methusalem angeordnet worden. Auf demselben Wege, den wir gekommen, mußten wir auch wieder nach Hause fahren. Ich merkte, daß Stefenson verwundert war. Die heilige Handlung in der Kirche hatte ihn gerührt, und er hatte wohl erwartet, daß es von der Kirche direkt nach dem Marktplatz zu einer stimmungsvollen großen Weihnachts- und Hochzeitsapotheose gehen würde.Wir fuhren aber nach dem Heim zurück, und zwar nach dem „Rathaus“, und wurden dort im großen Saal von zahlreichen Feriengästen erwartet. Das Brautpaar wurde mit Heilrufen empfangen und zu seinen Ehrensitzen geleitet. Ein schönes Mädchen mit roten Rosen im Haar überreichte den zwei Glücklichen einen goldenen, mit Wein gefüllten Pokal, das Hochzeitsgeschenk des Heimes, und sprach dazu Verse, die ein im Heim anwesender Dichter geschaffen hatte:[pg 376]„Alles Wünschen geht zur Ruh:Du bist ich, und ich bin du!All dein Schmerz und Leid ist mein,All mein Gut und Glück sind dein!Wo dein Fuß geht, ist mein Ziel,Was zum Dienst dir, ist mein Spiel;Deine Blumen pflanze ich,Deine Tänze tanze ich;Ich will deinen Kummer klagen,Du sollst meine Kränze tragen;Ich kann nimmer müde sein,Ehe du nicht schlummerst ein;Ja, mein Gott grüßt mich von fern,Strahlt auf dich ein goldner Stern.“So sprach der Dichter in den Ferien vom Ich zu dem Brautpaar.Schöne Lieder wurden gesungen, die Musikmeister Emmerich eingeübt hatte. Ansprachen wurden gehalten von unserem Direktor, von je einem Vertreter der Kurgäste wie der Angestellten, schließlich sprach auch ich ein paar Freundesworte.Stefenson war bewegt, als er für die Liebe, die er erfuhr, dankte, als er sagte, er habe in diesem deutschen Tale den Frieden gefunden, den er drüben im Lande der rücksichtslosen Dollarjagd niemals gekannt hatte. Hier habe er nach einem Leben voll Aufregung, Überarbeit und gelegentlichen wilden Genüssen nicht nur Ferien, sondern Feierabend gemacht. Er wisse jetzt, da er die Frau[pg 377]seines Herzens gefunden habe, daß ein höheres Glück ihm Gott nicht mehr geben könne, und so wolle er drüben in Amerika seine Beziehungen klug und vorsichtig zu lösen suchen und dann ganz nach Deutschland ziehen, das ja doch seine wahre Heimat sei.*„Und nun“, kommandierte Methusalem, „großer Festkorso auf den Weihnachtsberg.“Draußen war es stockdunkel; die Straßenbeleuchtung war ausgeschaltet; aber Fackeln und Laternen leuchteten phantastisch, und der Schnee schimmerte. Wohl fünfzig Schlitten hielten da. Dem Zuge voran leuchtete eine riesige, ballonartige Laterne, die an hohen Stangen getragen wurde. Auf der einen Seite zeigte die Ballonhülle das liebliche Bild der „Hanne vom Forellenhof“, auf der anderen eine scheußlich anzusehende, aber genial gezeichnete Karikatur Stefensons. Ein Meisterstück Methusalems.Vom Berg herab kam uns viel Volk entgegen; die Leute trugen Laternen mit transparenten Bildern: Methusalem hatte sich selbst verewigt, als tausendjährigen Greis voller Güte und Abgeklärtheit, Emmerich war von einem Mückenschwarm fliegender Noten, Violinschlüssel, Kreuzen, Auflösungszeichen und Fermaten umgeben, die dicke Susanne strahlte in zinnoberrotem Licht und schimpfte fürchterlich, als sie ihr Konterfei sah, Barthel als gefesselter Verbrecher war zu sehen,Levisohnmit einer riesigen Reklametrompete, Piesecke als Gott[pg 378]Mars in furchtbarer Rüstung, schließlich auch mein etwas ins Sentimentale karikierter Kopf, den ein Kranz von heulenden, bellenden, hochnäsigen, sich Flöhe schabenden Dackeln lieblich umrahmte. Lauter Meisterwerke des liebenswürdigen Greises und Vergnügungsleiters Methusalem.Als wir der Weihnachtsburg näher kamen, erstrahlte sie in farbigen Lichtern, Böllerschüsse hallten über Berg und Tal, und ein Chor blies vom grauen Turme herab:„O du fröhliche, o du selige,Gnadenbringende Weihnachtszeit.“Gleich hinterher aber:„Wenn Weihnachten ist,Wenn Weihnachten ist,Dann kommt zu uns der heil’ge Christ;Bringt jedem eine Muh,Bringt jedem eine Mäh,Bringt jedem eine wunderschöne Schnätterättättä!“Unter den Klängen dieser großen Hymne der Fröhlichkeit zogen wir in die Weihnachtsburg ein.Der große mit Tannenreis ausgeschmückte Saal der Weihnachtsburg füllte sich mit Menschen; Bräutigam und Braut waren zunächst nicht zu sehen. Nach etwa einer halben Stunde aber erschienen beide auf einer kleinen Empore. Sie hatten ihre hochzeitlichen Kleider abgetan[pg 379]und waren in phantastischen Kostümen, er als Winterkönig, sie als Königin. Regie Methusalem!Mit donnerstimmigem Heilruf wurde das Brautpaar begrüßt. Holdselig lächelnd grüßte die Braut in den Saal; steif und ungelenk verneigte sich Stefenson. Er fühlte sich als Winterkönig sichtlich unbehaglich. Der Thron stand auf einer amphitheatralisch ansteigenden Bühne. Ich selbst war als „Kammerherr“ neben Stefenson plaziert.Scheinwerfer warfen auf uns wechselnde Lichter. Atemlos stand das schlichte Bergvolk. Alle Märchen- und Himmelsträume schienen vor ihm erfüllt. Feierliche Weisen erklangen, und dann sprach nicht der Winterkönig Stefenson, wie alle vermutet hatten, sondern Herr Methusalem sprach, der die Tracht eines mittelalterlichen Notarius angelegt hatte. Er entfaltete ein Pergament und verkündete: „Edles Gefolge des Königs und der Frau Königin! Ich als Kanzellarius Seiner Majestät König Stefensons des Ganzgroßen und Hochdero majestätischer Gemahlin Hanne der Einzigen verkünde, damit es männiglich erfahre, feierlich, öffentlich und unwiderruflich folgendes:Wir, Stefenson der Ganzgroße und Höchstmeine erlauchte Gemahlin Hanne, wollen, daß dieser glückliche Tag ein Andenken hinterlasse. Darum machen wir für Waltersburg eine Stiftung von hunderttausend Mark mit der Bestimmung, daß alljährlich ein Drittel der Stiftungszinsen alten bedürftigen Eheleuten, ein zweites Drittel den Waltersburger Schulkindern zugute komme;[pg 380]das dritte und letzte Drittel aber ist zu Hochzeitsgeschenken für die in jedem Jahr Heiratenden bestimmt, von welcher Stiftung sich keines, auch nicht das wohlhabendste Brautpaar ausschließen soll, auch wenn es nur ein Blumensträußchen annimmt; den ärmeren aber soll ein guter Happen für den Nestbau gegeben werden.“Eine brausende Welle des Beifalls donnerte durch den Saal.Ich sah verwundert auf Stefenson und flüsterte ihm zu:„Wissen Sie etwas von dieser Stiftung?“„Kein Wort! Der Kerl verschenkt mein Vermögen.“Mir wurde doch etwas schwül. Oh, dieser Methusalem – dieser Regisseur!Methusalem fuhr fort:„Stefenson fragt nicht nach Ehre und Ruhm, nicht nach Beifall und Dank. Nur Liebe und Vertrauen will er. Auf diesem goldenen Untergrunde will er mit euch leben und schaffen für das Gedeihen seiner Gründung, für den Ruhm Waltersburgs, für das Heil der Menschheit. Nun wißt ihr vielleicht alle, daß unter den vielen Geplagten, die in der harten Schule des Lebens müde und krank geworden, hier in dieses schöne Tal kommen, um Ferien zu machen, einer daherhumpelte, von langer, langer Reise, auf der er Arbeit und Mühe in erträglichem Maße, Verkennung und Not in Überfülle, echtes Glück und wahre Freude aber wenig fand. Dieses Mannes Leben war lang, er war Methusalem. Hier in Waltersburg aber fand Methusalem Freude und Friede. Methu[pg 381]salem ist der Leiter dieses Festes, Methusalem ist aller Weltweisheit und Welterfahrung voll, darum soll auch die Stiftung, die Stefenson heute macht, nicht Stefenson-Stiftung, sondern Methusalem-Stiftung heißen.“Das Volk staunte.„Auch das noch!“ sagte Stefenson neben mir.„Ja, es ist frech; außer den fünftausend Mark, die Methusalem neulich für Susannes Bild erhielt, hat er sicher nicht einen roten Heller. Und macht eine Methusalem-Stiftung von hunderttausend Mark!“Da erhob sich Stefenson zur Rede. Tiefe Stille.„Meine lieben Waltersburger, von allem, was Methusalem an meiner Statt hier gesagt hat, muß ich nur einem widersprechen, das betrifft die Stiftung.“Bestürzung. Schweigen.„Methusalem, mein bevollmächtigter Hochzeitskanzler, hat sich in einem Irrtum befunden, den ich berichtige. Die Stiftungssumme beträgt nämlich nicht einhunderttausend Mark, sondern dreihunderttausend Mark!“Erst Stille. Dann knallartig losbrechender, rasender Tumult. Die Braut stand auf, der Bräutigam sprach auf sie ein, während die Leute lärmten; die Augen der glückseligen Braut glänzten, sie schmiegte sich fest an den Arm des starken Mannes. Methusalem stand mit eigentümlichem, fast weinerlichem Lächeln daneben. Stefenson verschaffte sich wieder Gehör.„Bürger von Waltersburg! Nur die Stiftungssumme hatte ich zu berichtigen, alles andere bleibt, wie es der[pg 382]weise Methusalem angeordnet hat, die Verteilung der Zinsen wie auch der Name: Methusalem-Stiftung.“Da fing Methusalem, der durchtriebene Methusalem, der aussah, als sei er fünfunddreißig Jahre, und doch nach seiner eigenen Angabe neunhundertneunundneunzig war, an richtig zu heulen. Und zwar nicht so wie ein tausendjähriger Mummelgreis, sondern wie ein Mann der Dreißiger gelegentlich mal heult.Nach meiner Mutter Haus hatte Methusalem, der Leiter des Festes, die Koffer des Brautpaares schaffen lassen. Dort kleidete sich das Paar, als sich der Trubel verlaufen hatte, zur Reise an. Dann fahren sie noch heute mit dem Nachtzuge davon.Wir waren in der Wohnstube der Mutter. Ein paar nahestehende Freunde waren da.Zum Abschied sagte Stefenson zu mir:„Es gibt kein besseres Band, das Freundschaft bindet, als das gemeinsame Schaffen an einem erfolgreichen Werke. So werden wir zwei immer gute Freunde sein. Wir wollen ‚du‘ zueinander sagen wie Brüder!“Ich schlug in die dargereichte Hand.„Wann kommst du wieder?“„Ich weiß es noch nicht; ich weiß nicht, wie und wann ich drüben loskomme. Aber loskommen werde ich. Was ich dann tue, kann ich noch nicht sagen. Vielleicht tauchen eines Tages zwei Feriengäste bei euch auf, irgendein Herr Schulze mit Frau, und vielleicht kommen dir diese Gäste[pg 383]bekannt vor. Ich werde nie anders denn als Gast im Ferienheim einkehren; ich will diese meine Lieblingsschöpfung mir nicht zum Verwaltungsbezirke, nicht zum Arbeitsgebiete werden lassen, sondern hier soll mir eine Ferienzuflucht, eine glückliche Heimat für immer bewahrt sein.“Eva hörte ihm zu und war ihm dankbar für diese Worte. O ja, diese beiden paßten zu einer Ehe, der starke Mann und das schöne, fröhliche Weib.„Du freilich, lieber Freund, du hast hier keine Ferien; du hast hier deine Arbeitsstätte. Und wenn du einmal ausspannen willst, dann kommst du zu uns, dann fahren wir mit dir, der dann der Stille entronnen ist, dorthin, wo die Welt laut und bunt ist. Dort machst du dann Ferien von deinem stillen Ich, und wenn du nach Hause zurückkehrst, wird dir das alltägliche Leben wieder schmackhaft sein.“„Ja, so wollen wir es halten!“„Nun denn, so wären wir wohl für diesmal hier fertig.“Stefenson zog ein Notizbuch heraus und blätterte darin. Sein Gesicht bekam wieder die alte Geschäftsmiene.„Halt, da ist noch etwas zu erledigen. Ich habe mir mal als Knecht Ignaz von dem Schuhmacher Röhricht die Stiefel besohlen lassen. Er hat auf die Rechnung geschrieben: Sohlen und zwei Absätze zwei Mark und fünfundachtzig Pfennig, hat aber nur einen Absatz zu machen gehabt. Ich habe ihm daher fünfundzwanzig Pfennig ab[pg 384]ziehen wollen, und wir haben so lange gestritten, bis ich inzwischen verhaftet wurde und dann alles das andere kam. So steht der Posten noch offen. Ich bitte, erledige das, lieber Freund! Aber nicht zwei Mark und fünfundachtzig Pfennig, sondern nur zwei Mark und sechzig Pfennige, hörst du wohl? Ein Knecht kann nicht fünfundzwanzig Pfennig umsonst hergeben. Vergiß es nicht! Röhricht heißt der Mann, Hintermarkt 15, drei Stiegen.“Ein vergnügtes Lachen tönte aus der Ecke von meiner Mutter Sofa.„Was lachen Sie denn, Piesecke?“„Ja, Pardon, Herr Stefenson, aber erst dreihunderttausend Mark verschenken und dann wegen fünfundzwanzig Pfennig – so in der Abschiedsstunde – das – das ist – Pardon – merkwürdig!“„Gar nicht merkwürdig, lieber Piesecke. Weil ich immer die Rechnungen auf die Fünfundzwanzig-Pfennig-Bilanz geprüft habe, kann ich mal gelegentlich dreihunderttausend Mark verschenken.“„Sehr – sehr kaufmännisch! Sehr lehrreich!“„Jawohl! Aber nicht für Sie! Für Sie wäre das zu unfürstlich.“Wenig fehlte, so wären auch in letzter Stunde die alten Gegner, der rechnende Kaufmann und der leichtfertige Fürstensohn, noch aneinander geraten. Die dicke Susanne wälzte sich zwischen beide und löschte mit einer Flut von Abschiedstränen den entstehenden Brand.[pg 385]Sie sind alle fort. In tiefer Stille liegt der Marktplatz. Ich öffne das Fenster. Die Luft ist milder geworden. Am hocherhobenen Arm des heiligen Baptista hängt ein glitzernder schwerer Eiszapfen wie ein Schwert. Am Himmel stehen zwischen dem Gewölk ein paar freundliche Sterne. Im Schneemantel schaut der Heilige herüber zu mir. Suchen seine Augen die kleine, feine Frau, die sonst so oft zu ihm hinüberträumte?Sie ist in weiter Ferne, bei dem, den ihre Sehnsucht suchte in all den alten Tagen. Das Haus ist leer. Ich sehe mich in der großen Stube um, und es ist mir auf einmal bange zumute wie einem Kinde, das nach Hause gekommen ist, wenn Vater und Mutter nicht da sind. So schließe ich das Fenster. Unschlüssig bleibe ich noch ein Weilchen stehen, dann ziehe ich die Uhr auf, fühle noch einmal an den Ofen. Endlich lösche ich die Lampe aus und tappe die Treppe hinab ...Ich habe jetzt große Ferien vom Ich. Mutter und Bruder sind fort, der Freund mit der Frau fort, die ich geliebt habe, auch Methusalem und die anderen lustigen Käuze verschwinden bald wieder. Ich stehe ganz frei und ganz allein auf dem Marktplatz von Waltersburg. Schließlich ist der alte Baptista jetzt noch mein einziger, ständiger Freund hierzulande.Ob die anderen wiederkehren werden? Wer kann es wissen? Wie lange die stille Frau auf der Heimwehfluh sich noch ihres Kindes freuen wird, ein, zwei, drei Jahre ...? Ob dann, wenn sie Ferien macht für immer, die kleine Anneliese, die jetzt als Schullehrerin in einem[pg 386]verlassenen Gebirgsdorfe lebt, doch noch Joachims Frau werden und übers Meer zu ihm ziehen wird? Und ob dann die Mutter heimkehren wird in ihre schöne alte Stube? Lauter Fragen ohne Antwort. Das Leben bringt nichts so leichthin zum Abschluß wie ein Theaterstück oder ein Buch; es ist nie am Ende, es beginnt immer von neuem.So gehe ich von diesem Marktplatze hinweg, steige den Berg hinauf zu meinem Werk.Eine köstliche Siedlung ist da entstanden auf leeren Halden, im öden Walde. Hundert Fenster blitzen in goldigem Lampenlicht, Singen und Lachen kommt aus den Bauernhöfen. Alle Leute, die mir begegnen, grüßen mich oder rufen mir freundlich zu. Hier bin ich nicht allein. Bei meiner Arbeit bin ich zu Hause.In der Wüste sah ich einmal einen Mann mit gefüllten Wasserschläuchen am Brunnen der Oase stehen, als sich unsere halbverschmachtete Karawane fieberglühend auf sie zuschleppte. Da dachte ich, es müsse schön sein, mit gefüllten Wasserschläuchen Verdurstenden entgegenzusehen. Ich will so sein wie jener Mann. Alle, die zu mir kommen von der heißen Straße des Alltags, will ich laben aus dem kühlen Brunnen, den ich grub.Dann wird es mir so gut ergehen, daß ich nichts anderes vom Leben mehr verlangen will; denn es ist die größte Lust des Lebens, anderen die Last des Lebens zu erleichtern.
Stefensons Hochzeit fand am späten Nachmittag des ersten Christfeiertages in aller Stille in der Waltersburger Kirche statt. Nur Evas Vater und ich waren als Trauzeugen gegenwärtig. Wir waren nicht über den Marktplatz, sondern auf einem Umweg nach der Kirche gefahren. So war das von Methusalem angeordnet worden. Auf demselben Wege, den wir gekommen, mußten wir auch wieder nach Hause fahren. Ich merkte, daß Stefenson verwundert war. Die heilige Handlung in der Kirche hatte ihn gerührt, und er hatte wohl erwartet, daß es von der Kirche direkt nach dem Marktplatz zu einer stimmungsvollen großen Weihnachts- und Hochzeitsapotheose gehen würde.
Wir fuhren aber nach dem Heim zurück, und zwar nach dem „Rathaus“, und wurden dort im großen Saal von zahlreichen Feriengästen erwartet. Das Brautpaar wurde mit Heilrufen empfangen und zu seinen Ehrensitzen geleitet. Ein schönes Mädchen mit roten Rosen im Haar überreichte den zwei Glücklichen einen goldenen, mit Wein gefüllten Pokal, das Hochzeitsgeschenk des Heimes, und sprach dazu Verse, die ein im Heim anwesender Dichter geschaffen hatte:
„Alles Wünschen geht zur Ruh:Du bist ich, und ich bin du!All dein Schmerz und Leid ist mein,All mein Gut und Glück sind dein!Wo dein Fuß geht, ist mein Ziel,Was zum Dienst dir, ist mein Spiel;Deine Blumen pflanze ich,Deine Tänze tanze ich;Ich will deinen Kummer klagen,Du sollst meine Kränze tragen;Ich kann nimmer müde sein,Ehe du nicht schlummerst ein;Ja, mein Gott grüßt mich von fern,Strahlt auf dich ein goldner Stern.“
„Alles Wünschen geht zur Ruh:
Du bist ich, und ich bin du!
All dein Schmerz und Leid ist mein,
All mein Gut und Glück sind dein!
Wo dein Fuß geht, ist mein Ziel,
Was zum Dienst dir, ist mein Spiel;
Deine Blumen pflanze ich,
Deine Tänze tanze ich;
Ich will deinen Kummer klagen,
Du sollst meine Kränze tragen;
Ich kann nimmer müde sein,
Ehe du nicht schlummerst ein;
Ja, mein Gott grüßt mich von fern,
Strahlt auf dich ein goldner Stern.“
So sprach der Dichter in den Ferien vom Ich zu dem Brautpaar.
Schöne Lieder wurden gesungen, die Musikmeister Emmerich eingeübt hatte. Ansprachen wurden gehalten von unserem Direktor, von je einem Vertreter der Kurgäste wie der Angestellten, schließlich sprach auch ich ein paar Freundesworte.
Stefenson war bewegt, als er für die Liebe, die er erfuhr, dankte, als er sagte, er habe in diesem deutschen Tale den Frieden gefunden, den er drüben im Lande der rücksichtslosen Dollarjagd niemals gekannt hatte. Hier habe er nach einem Leben voll Aufregung, Überarbeit und gelegentlichen wilden Genüssen nicht nur Ferien, sondern Feierabend gemacht. Er wisse jetzt, da er die Frau[pg 377]seines Herzens gefunden habe, daß ein höheres Glück ihm Gott nicht mehr geben könne, und so wolle er drüben in Amerika seine Beziehungen klug und vorsichtig zu lösen suchen und dann ganz nach Deutschland ziehen, das ja doch seine wahre Heimat sei.
*
„Und nun“, kommandierte Methusalem, „großer Festkorso auf den Weihnachtsberg.“
Draußen war es stockdunkel; die Straßenbeleuchtung war ausgeschaltet; aber Fackeln und Laternen leuchteten phantastisch, und der Schnee schimmerte. Wohl fünfzig Schlitten hielten da. Dem Zuge voran leuchtete eine riesige, ballonartige Laterne, die an hohen Stangen getragen wurde. Auf der einen Seite zeigte die Ballonhülle das liebliche Bild der „Hanne vom Forellenhof“, auf der anderen eine scheußlich anzusehende, aber genial gezeichnete Karikatur Stefensons. Ein Meisterstück Methusalems.
Vom Berg herab kam uns viel Volk entgegen; die Leute trugen Laternen mit transparenten Bildern: Methusalem hatte sich selbst verewigt, als tausendjährigen Greis voller Güte und Abgeklärtheit, Emmerich war von einem Mückenschwarm fliegender Noten, Violinschlüssel, Kreuzen, Auflösungszeichen und Fermaten umgeben, die dicke Susanne strahlte in zinnoberrotem Licht und schimpfte fürchterlich, als sie ihr Konterfei sah, Barthel als gefesselter Verbrecher war zu sehen,Levisohnmit einer riesigen Reklametrompete, Piesecke als Gott[pg 378]Mars in furchtbarer Rüstung, schließlich auch mein etwas ins Sentimentale karikierter Kopf, den ein Kranz von heulenden, bellenden, hochnäsigen, sich Flöhe schabenden Dackeln lieblich umrahmte. Lauter Meisterwerke des liebenswürdigen Greises und Vergnügungsleiters Methusalem.
Als wir der Weihnachtsburg näher kamen, erstrahlte sie in farbigen Lichtern, Böllerschüsse hallten über Berg und Tal, und ein Chor blies vom grauen Turme herab:
„O du fröhliche, o du selige,Gnadenbringende Weihnachtszeit.“
„O du fröhliche, o du selige,
Gnadenbringende Weihnachtszeit.“
Gleich hinterher aber:
„Wenn Weihnachten ist,Wenn Weihnachten ist,Dann kommt zu uns der heil’ge Christ;Bringt jedem eine Muh,Bringt jedem eine Mäh,Bringt jedem eine wunderschöne Schnätterättättä!“
„Wenn Weihnachten ist,
Wenn Weihnachten ist,
Dann kommt zu uns der heil’ge Christ;
Bringt jedem eine Muh,
Bringt jedem eine Mäh,
Bringt jedem eine wunderschöne Schnätterättättä!“
Unter den Klängen dieser großen Hymne der Fröhlichkeit zogen wir in die Weihnachtsburg ein.
Der große mit Tannenreis ausgeschmückte Saal der Weihnachtsburg füllte sich mit Menschen; Bräutigam und Braut waren zunächst nicht zu sehen. Nach etwa einer halben Stunde aber erschienen beide auf einer kleinen Empore. Sie hatten ihre hochzeitlichen Kleider abgetan[pg 379]und waren in phantastischen Kostümen, er als Winterkönig, sie als Königin. Regie Methusalem!
Mit donnerstimmigem Heilruf wurde das Brautpaar begrüßt. Holdselig lächelnd grüßte die Braut in den Saal; steif und ungelenk verneigte sich Stefenson. Er fühlte sich als Winterkönig sichtlich unbehaglich. Der Thron stand auf einer amphitheatralisch ansteigenden Bühne. Ich selbst war als „Kammerherr“ neben Stefenson plaziert.
Scheinwerfer warfen auf uns wechselnde Lichter. Atemlos stand das schlichte Bergvolk. Alle Märchen- und Himmelsträume schienen vor ihm erfüllt. Feierliche Weisen erklangen, und dann sprach nicht der Winterkönig Stefenson, wie alle vermutet hatten, sondern Herr Methusalem sprach, der die Tracht eines mittelalterlichen Notarius angelegt hatte. Er entfaltete ein Pergament und verkündete: „Edles Gefolge des Königs und der Frau Königin! Ich als Kanzellarius Seiner Majestät König Stefensons des Ganzgroßen und Hochdero majestätischer Gemahlin Hanne der Einzigen verkünde, damit es männiglich erfahre, feierlich, öffentlich und unwiderruflich folgendes:
Wir, Stefenson der Ganzgroße und Höchstmeine erlauchte Gemahlin Hanne, wollen, daß dieser glückliche Tag ein Andenken hinterlasse. Darum machen wir für Waltersburg eine Stiftung von hunderttausend Mark mit der Bestimmung, daß alljährlich ein Drittel der Stiftungszinsen alten bedürftigen Eheleuten, ein zweites Drittel den Waltersburger Schulkindern zugute komme;[pg 380]das dritte und letzte Drittel aber ist zu Hochzeitsgeschenken für die in jedem Jahr Heiratenden bestimmt, von welcher Stiftung sich keines, auch nicht das wohlhabendste Brautpaar ausschließen soll, auch wenn es nur ein Blumensträußchen annimmt; den ärmeren aber soll ein guter Happen für den Nestbau gegeben werden.“
Eine brausende Welle des Beifalls donnerte durch den Saal.
Ich sah verwundert auf Stefenson und flüsterte ihm zu:
„Wissen Sie etwas von dieser Stiftung?“
„Kein Wort! Der Kerl verschenkt mein Vermögen.“
Mir wurde doch etwas schwül. Oh, dieser Methusalem – dieser Regisseur!
Methusalem fuhr fort:
„Stefenson fragt nicht nach Ehre und Ruhm, nicht nach Beifall und Dank. Nur Liebe und Vertrauen will er. Auf diesem goldenen Untergrunde will er mit euch leben und schaffen für das Gedeihen seiner Gründung, für den Ruhm Waltersburgs, für das Heil der Menschheit. Nun wißt ihr vielleicht alle, daß unter den vielen Geplagten, die in der harten Schule des Lebens müde und krank geworden, hier in dieses schöne Tal kommen, um Ferien zu machen, einer daherhumpelte, von langer, langer Reise, auf der er Arbeit und Mühe in erträglichem Maße, Verkennung und Not in Überfülle, echtes Glück und wahre Freude aber wenig fand. Dieses Mannes Leben war lang, er war Methusalem. Hier in Waltersburg aber fand Methusalem Freude und Friede. Methu[pg 381]salem ist der Leiter dieses Festes, Methusalem ist aller Weltweisheit und Welterfahrung voll, darum soll auch die Stiftung, die Stefenson heute macht, nicht Stefenson-Stiftung, sondern Methusalem-Stiftung heißen.“
Das Volk staunte.
„Auch das noch!“ sagte Stefenson neben mir.
„Ja, es ist frech; außer den fünftausend Mark, die Methusalem neulich für Susannes Bild erhielt, hat er sicher nicht einen roten Heller. Und macht eine Methusalem-Stiftung von hunderttausend Mark!“
Da erhob sich Stefenson zur Rede. Tiefe Stille.
„Meine lieben Waltersburger, von allem, was Methusalem an meiner Statt hier gesagt hat, muß ich nur einem widersprechen, das betrifft die Stiftung.“
Bestürzung. Schweigen.
„Methusalem, mein bevollmächtigter Hochzeitskanzler, hat sich in einem Irrtum befunden, den ich berichtige. Die Stiftungssumme beträgt nämlich nicht einhunderttausend Mark, sondern dreihunderttausend Mark!“
Erst Stille. Dann knallartig losbrechender, rasender Tumult. Die Braut stand auf, der Bräutigam sprach auf sie ein, während die Leute lärmten; die Augen der glückseligen Braut glänzten, sie schmiegte sich fest an den Arm des starken Mannes. Methusalem stand mit eigentümlichem, fast weinerlichem Lächeln daneben. Stefenson verschaffte sich wieder Gehör.
„Bürger von Waltersburg! Nur die Stiftungssumme hatte ich zu berichtigen, alles andere bleibt, wie es der[pg 382]weise Methusalem angeordnet hat, die Verteilung der Zinsen wie auch der Name: Methusalem-Stiftung.“
Da fing Methusalem, der durchtriebene Methusalem, der aussah, als sei er fünfunddreißig Jahre, und doch nach seiner eigenen Angabe neunhundertneunundneunzig war, an richtig zu heulen. Und zwar nicht so wie ein tausendjähriger Mummelgreis, sondern wie ein Mann der Dreißiger gelegentlich mal heult.
Nach meiner Mutter Haus hatte Methusalem, der Leiter des Festes, die Koffer des Brautpaares schaffen lassen. Dort kleidete sich das Paar, als sich der Trubel verlaufen hatte, zur Reise an. Dann fahren sie noch heute mit dem Nachtzuge davon.
Wir waren in der Wohnstube der Mutter. Ein paar nahestehende Freunde waren da.
Zum Abschied sagte Stefenson zu mir:
„Es gibt kein besseres Band, das Freundschaft bindet, als das gemeinsame Schaffen an einem erfolgreichen Werke. So werden wir zwei immer gute Freunde sein. Wir wollen ‚du‘ zueinander sagen wie Brüder!“
Ich schlug in die dargereichte Hand.
„Wann kommst du wieder?“
„Ich weiß es noch nicht; ich weiß nicht, wie und wann ich drüben loskomme. Aber loskommen werde ich. Was ich dann tue, kann ich noch nicht sagen. Vielleicht tauchen eines Tages zwei Feriengäste bei euch auf, irgendein Herr Schulze mit Frau, und vielleicht kommen dir diese Gäste[pg 383]bekannt vor. Ich werde nie anders denn als Gast im Ferienheim einkehren; ich will diese meine Lieblingsschöpfung mir nicht zum Verwaltungsbezirke, nicht zum Arbeitsgebiete werden lassen, sondern hier soll mir eine Ferienzuflucht, eine glückliche Heimat für immer bewahrt sein.“
Eva hörte ihm zu und war ihm dankbar für diese Worte. O ja, diese beiden paßten zu einer Ehe, der starke Mann und das schöne, fröhliche Weib.
„Du freilich, lieber Freund, du hast hier keine Ferien; du hast hier deine Arbeitsstätte. Und wenn du einmal ausspannen willst, dann kommst du zu uns, dann fahren wir mit dir, der dann der Stille entronnen ist, dorthin, wo die Welt laut und bunt ist. Dort machst du dann Ferien von deinem stillen Ich, und wenn du nach Hause zurückkehrst, wird dir das alltägliche Leben wieder schmackhaft sein.“
„Ja, so wollen wir es halten!“
„Nun denn, so wären wir wohl für diesmal hier fertig.“
Stefenson zog ein Notizbuch heraus und blätterte darin. Sein Gesicht bekam wieder die alte Geschäftsmiene.
„Halt, da ist noch etwas zu erledigen. Ich habe mir mal als Knecht Ignaz von dem Schuhmacher Röhricht die Stiefel besohlen lassen. Er hat auf die Rechnung geschrieben: Sohlen und zwei Absätze zwei Mark und fünfundachtzig Pfennig, hat aber nur einen Absatz zu machen gehabt. Ich habe ihm daher fünfundzwanzig Pfennig ab[pg 384]ziehen wollen, und wir haben so lange gestritten, bis ich inzwischen verhaftet wurde und dann alles das andere kam. So steht der Posten noch offen. Ich bitte, erledige das, lieber Freund! Aber nicht zwei Mark und fünfundachtzig Pfennig, sondern nur zwei Mark und sechzig Pfennige, hörst du wohl? Ein Knecht kann nicht fünfundzwanzig Pfennig umsonst hergeben. Vergiß es nicht! Röhricht heißt der Mann, Hintermarkt 15, drei Stiegen.“
Ein vergnügtes Lachen tönte aus der Ecke von meiner Mutter Sofa.
„Was lachen Sie denn, Piesecke?“
„Ja, Pardon, Herr Stefenson, aber erst dreihunderttausend Mark verschenken und dann wegen fünfundzwanzig Pfennig – so in der Abschiedsstunde – das – das ist – Pardon – merkwürdig!“
„Gar nicht merkwürdig, lieber Piesecke. Weil ich immer die Rechnungen auf die Fünfundzwanzig-Pfennig-Bilanz geprüft habe, kann ich mal gelegentlich dreihunderttausend Mark verschenken.“
„Sehr – sehr kaufmännisch! Sehr lehrreich!“
„Jawohl! Aber nicht für Sie! Für Sie wäre das zu unfürstlich.“
Wenig fehlte, so wären auch in letzter Stunde die alten Gegner, der rechnende Kaufmann und der leichtfertige Fürstensohn, noch aneinander geraten. Die dicke Susanne wälzte sich zwischen beide und löschte mit einer Flut von Abschiedstränen den entstehenden Brand.
Sie sind alle fort. In tiefer Stille liegt der Marktplatz. Ich öffne das Fenster. Die Luft ist milder geworden. Am hocherhobenen Arm des heiligen Baptista hängt ein glitzernder schwerer Eiszapfen wie ein Schwert. Am Himmel stehen zwischen dem Gewölk ein paar freundliche Sterne. Im Schneemantel schaut der Heilige herüber zu mir. Suchen seine Augen die kleine, feine Frau, die sonst so oft zu ihm hinüberträumte?
Sie ist in weiter Ferne, bei dem, den ihre Sehnsucht suchte in all den alten Tagen. Das Haus ist leer. Ich sehe mich in der großen Stube um, und es ist mir auf einmal bange zumute wie einem Kinde, das nach Hause gekommen ist, wenn Vater und Mutter nicht da sind. So schließe ich das Fenster. Unschlüssig bleibe ich noch ein Weilchen stehen, dann ziehe ich die Uhr auf, fühle noch einmal an den Ofen. Endlich lösche ich die Lampe aus und tappe die Treppe hinab ...
Ich habe jetzt große Ferien vom Ich. Mutter und Bruder sind fort, der Freund mit der Frau fort, die ich geliebt habe, auch Methusalem und die anderen lustigen Käuze verschwinden bald wieder. Ich stehe ganz frei und ganz allein auf dem Marktplatz von Waltersburg. Schließlich ist der alte Baptista jetzt noch mein einziger, ständiger Freund hierzulande.
Ob die anderen wiederkehren werden? Wer kann es wissen? Wie lange die stille Frau auf der Heimwehfluh sich noch ihres Kindes freuen wird, ein, zwei, drei Jahre ...? Ob dann, wenn sie Ferien macht für immer, die kleine Anneliese, die jetzt als Schullehrerin in einem[pg 386]verlassenen Gebirgsdorfe lebt, doch noch Joachims Frau werden und übers Meer zu ihm ziehen wird? Und ob dann die Mutter heimkehren wird in ihre schöne alte Stube? Lauter Fragen ohne Antwort. Das Leben bringt nichts so leichthin zum Abschluß wie ein Theaterstück oder ein Buch; es ist nie am Ende, es beginnt immer von neuem.
So gehe ich von diesem Marktplatze hinweg, steige den Berg hinauf zu meinem Werk.
Eine köstliche Siedlung ist da entstanden auf leeren Halden, im öden Walde. Hundert Fenster blitzen in goldigem Lampenlicht, Singen und Lachen kommt aus den Bauernhöfen. Alle Leute, die mir begegnen, grüßen mich oder rufen mir freundlich zu. Hier bin ich nicht allein. Bei meiner Arbeit bin ich zu Hause.
In der Wüste sah ich einmal einen Mann mit gefüllten Wasserschläuchen am Brunnen der Oase stehen, als sich unsere halbverschmachtete Karawane fieberglühend auf sie zuschleppte. Da dachte ich, es müsse schön sein, mit gefüllten Wasserschläuchen Verdurstenden entgegenzusehen. Ich will so sein wie jener Mann. Alle, die zu mir kommen von der heißen Straße des Alltags, will ich laben aus dem kühlen Brunnen, den ich grub.
Dann wird es mir so gut ergehen, daß ich nichts anderes vom Leben mehr verlangen will; denn es ist die größte Lust des Lebens, anderen die Last des Lebens zu erleichtern.