Von der Treppe fiel sie herunter; polternd kam sie angerutscht. Und man mußte den Arzt holen.
Vom Draht, der jetzt der Länge nach durch das Lokal gespannt war, fiel sie ein zweites Mal herunter, mitten auf einen mit Gästen besetzten Tisch, wo sie, zwischen Biergläsern, verdutzt und verschämt einen Augenblick lächelnd stehen blieb, eine bierschaumgeborene Venus.
Bösartig aber gebärdete sich Lydia.
Sie schimpfte aufs Essen, auf ihr kaltes Zimmer, auf die Männer, die samt und sonders Sklavenhalter und Ausbeuter, Tagediebe und Unterdrücker seien, die kein Geld herausrückten.
Sie lieh Jennys Petroleumofen aus und gab ihn, ausgebrannt, ruiniert und durchlöchert zurück.
Hin war der Respekt vor Flametti und seinen "Indianern".
Wenn sie Flametti sorgfältig sich schminken sah in der Garderobe, schminkte sie selbst sich in niedriger Farcerie ostentativ einen Körperteil, von dessen Ausbeutung für Theaterzwecke selbst die Wilden der Südsee sich nichts hätten träumen lassen.
"Wart' nur! Ich werd' es der Mama schon schreiben!" rief Raffaëla verletzt und entrüstet.
Aber dann brach die empfindsam Lydia in heftige Tränen aus:
"Nicht einmal Spaß darf man machen! Was hat man denn noch vom Leben?Aufhängen möchte man sich!"
Und als eines Tages sich Leporello die Freiheit nahm, mit Flametti zusammen einen Rennstall zu besichtigen, brach zwischen Lydia und Lepo ein solch abgründiger Haß aus, daß sich Herr Schnepfe genötigt sah, noch spät in der Nacht mit seinem prämierten Wolfshunde einzuschreiten.
"Judenverkäufer! Bandit! Unterdrücker! Schmierfink!" schrie Lydia, von Raffaëla gezaust und von Lepo zerdroschen, daß es weithin den Gang und das Haus durchgellte.
Sogar Jenny, die sich in Wahrheit aufopfernd benahm—sie lieh ihrenProtegés das halbe Boudoir aus, Brennschere, Seife, Nachttopf,Benzin—, wurde in Mitleidenschaft gezogen.
"Du, Jenny", sondierte Raffaëla, als sie an Jennys Namenstag traulichen Streuselkuchen zum Kaffee bekam, "Wie ist das denn mit der Traute geworden? Schreibt er ihr noch? Der schreibt ihr doch sicher noch! Meinst du nicht auch?"
"Nein, nein", meinte Jenny bedeutungsvoll, "der schreibt ihr nicht mehr. Dem ist die Lust vergangen. Das hat sich ausgeschrieben."
Und einige Tage später: "Du, Jenny, der hat was mit der Soubrette. Der Lepo auch. Gib mal acht, wenn sie singt! Ist dir denn das noch nicht aufgefallen?"
"Geh'", sagte Jenny, "du träumst!" Aber sie nahm sich vor, auf derHut zu sein.
Und Raffaëla in ihrer Strohwitwenschaft, leistete sich's, mitFlametti anzubändeln.
Sie hielt ihn nach alledem, was Jenny ihr anvertraut hatte, für einenNaivling.
Schon duzten sie sich, trotz Flamettis erklärter Antipathie, als eines Tags Jenny dahinterkam in der Garderobe.
"Was ist denn nun das?" schrie sie, hochrot und abgetrieben von dieser ewigen Hetzjagd hinter dem Gatten her, "mit einer verheirateten Frau fängst du auch noch an? Hast du noch nicht genug mit dem einen Prozeß? Willst du uns ganz ruinieren?"
"Und du, Raffaëla, schämst du dich nicht?"
"Prozeß? Prozeß?" staunten Lydia und die Soubrette zugleich.
Herr Meyer aber verfinsterte sich noch tiefer.
Während Herr Engel, sein Sekretär, Fortschritte machte in der druckfertigen Abschrift des langsam anschwellenden Apachenstücks, gönnte Herr Meyer seiner Inspiration nicht Ruhe noch Rast.
Tag und Nacht saß Herr Meyer, durchstreichend, was er geschrieben, neu ordnend, was sich nicht fügen wollte. Ja, es konnte passieren, daß die Inspiration ihn in Momenten heimsuchte, die in der rastlosen Hingabe an Fräulein Laura gipfelten; daß es ihn aus dem Schlaf auftrieb inmitten der Nacht. Dann schnellte er aus dem Bett mit gesträubten Haaren, und nicht ließ er locker, bis daß der Gedanke gefesselt war.
"Laura", sagte Flametti, als eines Tags Herr Meyer wieder mit völlig gelähmten Augenlidern bei Tisch erschien, "sagen sie doch dem Meyer, er soll sich nicht gar so quälen mit seinem Ensemble. Wissen Sie: "Die Apachen"—offen gestanden—gefällt mir nicht recht. Verstehen Sie wohl: gefällt mir schon. Aber es ist zu direkt. Das Publikum stößt sich dran. Man muß Rücksicht nehmen. Außerdem wird es nächstens bei uns entscheidende Veränderungen geben."
Fräulein Laura machte große Augen.
Sie hatte mit Engel bereits den "Apachentanz" einstudiert, der zwischen Messergefunkel und einem entrissenen Portemonnaie viel rüde Körpergymnastik und mancherlei Aneinanderpressen der Hüftbecken mit sich brachte.
"Veränderungen?"
"Ja, Veränderungen. Im Vertrauen gesagt: Mit den Zirkusleuten—das geht so nicht mehr. Leporello—allen Respekt. Aber die Weiber—unmöglich. Meine Frau hat sie engagiert. Wir brauchten Ersatz für die Häslis. Gut. Aber jetzt ist es so weit, daß sie selbst schon verrückt wird."
Und als Fräulein Laura erschrocken und sehr besorgt nach Worten suchte:
"Der ganze Kram ist mir über. Es gibt keine Achtung mehr, keinenRespekt in der Welt. Keine…."
"Grandezza", wollte er sagen. Er suchte das Wort, fand es nicht und ersetzte es durch eine Geste.
"Nur Gemeinheit. Auch meine Frau: sie meint es ja gut. Aber vom Höheren versteht sie halt nichts. Die Weiber haben das an sich: sie sind gemein. Niederträchtig alle. Das ist es. Sie sind aus Prinzip gegen das… das…"
Wieder blieb ihm das Wort aus.
"Sie sind aus Prinzip dagegen. Leer sind sie und dumm wie der Teufel. Alles ziehen sie in den Dreck.—Sie hat mir den Zirkus ins Haus gebracht. Wer weiß, warum. Vielleicht nur, weil sie's allein nicht schaffen konnte. Man kommt auf den Hund."
Laura versuchte zu lächeln.
"Ach was! Depressionen!" rief sie und schwenkte den Lockenkopf. "Geht vorüber. Sowie der Besuch sich hebt. Sowie der Erfolg einsetzt. Müssen es denn gerade die "Indianer" sein? Es gibt doch andere Nummern!"
Aber Flametti schüttelte den Kopf.
"Unverstand von der Jenny. Ah, diese ganze schäbige Wirklichkeit!—Schad', daß der Türke hoch ging. Es war eine Beruhigung, so einenMann in der Welt zu wissen; solch eine Quantität von Opium, Kokainund Haschisch."
Laura lächelte, gütig, bewundernd.
"Eine Freundin von mir, Russin, hat Kokain. Ich werde ihr schreiben.. ."
Und eine zarte Sympathie entstand zwischen beiden, Anlaß zu manchemVertrauen.
Eines Tags aber sah man Flametti ganz besonders niedergeschlagen.
Eine Vorladung war gekommen, vom Bezirksanwalt. "Mißbrauch und Mißhandlung von Dienstpersonal, Verführung Minderjähriger". Traute und Güssy hatten Anzeige erstattet.
"Was hast du gesagt?" bestürmte Jenny den Gatten, als er vomUntersuchungsrichter zurückkam.
"Was hab' ich gesagt?" brummte Flametti, "das kannst du dir denken.Es kommt zum Prozeß."
Herr Leporello hieß mit Vornamen Emil.
Er war schlank, lang, geschmeidig. Zwei mächtige Eckzähne, blitzendeAugen, ein heiserer Baß geben einen Begriff seiner Persönlichkeit.Besonderes Merkmal: steifer, schleifender Gang der Zirkusleute, diesich bei einer verwegenen Pièce einen Bruch geholt haben. Auch seineWeste war eine Weste, wie man sie nur beim Zirkus trägt: goldfarbig,Tapetenmuster mit allerhand Schnörkeln und Tressen.
Dieser Leporello Emil, Artist, geboren 17. März 1883, bekam seineKriegsbeorderung just an dem Tage, da seine Tante Geburtstag hatte.
"Emil!" wehklagte Lydia, "ach, Emil! Die Beorderung!"
Ihr Schmerz kannte keine Grenzen. Und obzwar dieser Schmerz keineswegs affektiert war, stand er doch in einem so auffallenden Gegensatz zu Lydias früherem Benehmen, ihrem Haß, ihrer Verachtung, wovon man in Basel gelegentlich der nächtlichen Szene mit Herrn Schnepfes prämiertem Wolfshund ein Beispiel gesehen hat, daß es Lydia selbst zu Bewußtsein kam.
"Ach, ich weiß gar nicht", seufzte sie und die Hände fielen ihr in den Schoß, "ich möchte gar nichts mehr hören und sehen, seit ich weiß, daß mein Emil in den Krieg muß. Ach Emil, wie wird das enden!"
Aber Emil war guten Mutes.
"Ho ho!" lachte er gedrückt, ohne die Eckzähne zu zeigen, "laß man jehen! Ick bin froh drum. Det Vaterland ruft. Da jibts keene Zicken."
Und dann nahm er sein Handköfferchen eines Tags und hatte den Paletot an und den Regenschirm in der Hand und verabschiedete sich.
Lydias Augen hingen an ihm wie leere Sonnenblumen im Herbst, auf die es geregnet hat.
"Ach, ihr lieben Leute! Mein guter, lieber Emil! jetzt geht er dahin und wer weiß, ob er wiederkommt."
Und sie streckte sich auf den Zehenspitzen, umarmte und küßte ihn, und stellte immer wieder ihr eigenes Handtäschchen dabei auf den Boden; denn sie begleitete ihn bis zur Grenze.
Aber Emil war guten Mutes und sagte:
"Herrjott nochmal! Man meent ja, es jeht in die Ewigkeit!"
Er hoffte, draußen schon Kameraden zu finden. Es gab dort gewiß lustige Brüder genug. Tarock spielen würde man sicher auch dort. Als Froschmensch wird es ihm leichter fallen, sich in der Kriegsgymnastik zurechtzufinden. Und es gab Bilder in den "Illustrierten", aus denen hervorging, daß auch da draußen nicht immer nur die Granaten platzten.
Und so reiste er ab.
Man spielte jetzt wieder im "Krokodil". Basel war doch nicht dasRichtige. Man war zur Fuchsweide zurückgekehrt. Warum auch nicht?Die Polizeibuße war bezahlt. In der Fuchsweide war man zu Hause.Und wo man zu Hause ist, da soll man sich nähren.
Freilich hatte sich hier in der Zwischenzeit vieles geändert. Es war nicht die alte Fuchsweide mehr. Ein neues Polizeiregiment war aufgekommen. Ein andrer Inspektor. Es wehte ein schärferer Wind.
Die Annehmlichkeiten des "Krokodilen" waren die alten. Das Klavier vorzüglich. Die Heizung brillant. Biermarken im überfluß.
Aber die Polizei hatte heftige Lücken gerissen ins Publikum. Hin warder mondäne Glanz. Hin war die Freude. Verschwunden die Habitués.Verschwunden der "Totenkopf" und seine Schwester. VerschwundenFräulein Amalie. Verschwunden Herr Pips. Verschwunden der HerrKrematoriumfritze, der all sein Geld verjuckt und mit der Dame inFeldgrau ein von der Polizei nicht gern gesehenes Verhältnis aufGegenseitigkeit unterhalten hatte.
Dagegen gab es nun in der Fuchsweide ein "Organ": "Die Zündschnur.Organ gegen die Übergriffe der Polizei und des Kapitalismus",redigiert von Herrn Dr. Asfalg, einem ehemaligen Freund undStudiengenossen des derzeitigen Polizeihauptmanns.
Herr Dr. Asfalg, ein Schwärmer und Utopist, ließ sich die Interessen der Fuchsweidenbewohner sehr angelegen sein.
Als der neue Polizeihauptmann, Herr Adalbert Schumm, eines Tages höchst persönlich im "Krokodil" erschien, um nach dem Rechten zu sehen, kam es zu ganz privaten Auseinandersetzungen und Ohrfeigen zwischen ihm und seinem ehemaligen Keilfuchs, und die Szene endete so, daß Herr Polizeihauptmann Schumm, der incognito da war, den Schauplatz mit Schimpf und Schande verlassen mußte, weil ihn anders das schwere Geschütz des Dr. Asfalg, eine Gruppe Schlachthausgehilfen, in Grund und Boden geschlagen hätte.
Und wenn auch Herr Dr. Asfalg den Kampf in der Folge mehr ins ideelle Gebiet hinüberspielte, so waren doch solche erregte Läufte den Musen nicht günstig.
Herr Polizeihauptmann Schumm dekretierte:
"In allen Konzert—und Vergnügungslokalen der Fuchsweide untersage ich hiermit ab 1. Dezember die Schaustellung wilder Tiere, dressierter Löwen, Bären, Affen; Bärenringkampf, singende Schakale, sogenannte Meerweibchen etc. Dergleichen untersage ich die Verwendung von Schlagzeug, große Trommel, Pauke, Tschinelle, Schrummbaß bis auf weiteres. Wer diesem Verbot zuwiderhandelt, wird mit Polizeibuße bestraft bis zu dreihundert Franken."
Und Herr Dr. Asfalg erwiderte in der "Zündschnur":
"Wir kennen die wilden Tiere, Tiger, Füchse und Affen der Polizei. Es bedarf keiner Hinweise. Wir werden uns bemühen, sie um die Ecke zu bringen.
Wir kennen auch den Schrummbaß der Polizei. Es ist ein Instrument, das rasselt, wenn man es auf den Boden stößt. Wir werden dahin wirken, daß auch dies Instrument verschwindet.
Wir stellen uns auf den Boden der nacktesten Wirklichkeit. Wir werden in Unterhosen die Nationalhymne singen. Wir werden in Schnurrbartbinden unsre Ensembles aufführen, statt uns Masken zu schminken. Wir werden uns Bäuche stopfen und Scheitel ziehen wie sie Herr Adalbert Schumm zur Schau trägt, und werden auf diese Weise hottentottischer wirken als, nach dem Urteil der Polizei, alle wilden Tiere und Pauken zusammengenommen." ("Zündschnur", Nummer 3, vom 18. Dezember).
Und ein andermal, (Nummer 4, Seite 3): "Man lasse dem Volk seine harmlosen Freuden. Wie sagt doch der Dichter: "Freude, schöner Götterfunke, Tochter aus Elysium!""
"Jene aber, Verräter an der Notdurft der Menschheit gehen darauf aus, dem Leben seinen holden Schimmer, seinen Flaum zu nehmen. gez. Dr. A."
Und als eine neue Razzia stattfand, konnte man in der "Zündschnur",Nummer 6, Jahrgang I, die Sätze lesen:
"Freunde! Mitbürger! Genossen!
Hört! Euer Bestes, euer Gemüt ist verdächtig. Vor Gericht ist alles Gemüt verdächtig. Gemüt kennzeichnet unseren Henkern Menschen, die auf suspekten Wegen gelitten haben und zermürbt sind. Gemüt ist für sie Opposition und Verschwörung. Gemüt ist das Merkmal von Menschen, die renitent sind, waren oder sein werden. Gemüt ist Eigendünkel und eine Gefahr für sie. Leute von Gemüt gehören in Untersuchungshaft. Man recherchiert mit Recht und Erfolg nach kriminellen Akten von ihnen. Legt euer Gemüt ab!"
Bei solchen Ergüssen war es erklärlich, daß das Geschäft litt, daß sich die Habitués verflogen.
Gerade der letztere Artikel wurde deshalb von direktorialer Seite sehr angefeindet. Sein ironischer Ton war leicht mißzuverstehen.
"Legt euer Gemüt ab!", das konnte auch heißen: Meidet dieVorstellungen! Gebt keine Gelegenheit, euch zu fassen!
Das mußte dem Publikum Angst einjagen, es abhalten, zu kommen.
Der Dr. Asfalg in seinem Fanatismus ging entschieden zu weit, begann der Sache zu schaden. Und erreichen, der Polizei gegenüber, konnte er doch nichts. Sie hatte die Macht. Sie hatte vom Staat die Befugnis, zu "säubern". Und wenn man Sauberkeit, Ordnung und Rechtlichkeit anerkannte, dann mußte man auch die Polizei anerkennen.
Nur den vereinten rhetorischen Anstrengungen der Direktionen gelang es, den Besuch ein wenig zu heben.
Neben herausgebügelten Bauernweibern, die in der Stadt ihre Einkäufe besorgten, saß ein französischer Invalide, dem beim Aufstehen die Krücken fielen. Neben dem Seifensieder, den die Reklameaufsätze der "Zündschnur" angelockt hatten, saß eine brotlose Köchin, voller Entschluß, unsittlich zu werden und sich im Varieté den entscheidenden Stoß zu holen.
Dabei reklamierte Herr Schnepfe von Basel aus zwei turmhoheRechnungen über gehabte Extraschnitzel, Hähnchen, Schnecken der DamenRaffaëla und Lydia, die unter Nichtbegleichung der Zeche Knall undFall abgereist waren.
Man trat im "Krokodil" jetzt auf in Jennys neuen Orangekostümen.
Es war eine Sensation.
Jenny in diesem Matrosenkostüm sah aus wie Suppenkaspar auf Reisen. Rosas gemäßigte Hammelbeine daneben standen mit durchgedrückten Waden wie gedrechselt aus einem Stück, ohne Gelenke und Knöchel. Die Spatzenbeine der Soubrette gaben der Linie der drei Chanteusen einen wenigstens in der Perspektive harmonischen Abschluß.
Interessanter wurde das Bild, wenn die drei Damen sich dann vomProfil her boten.
Mit einem gerissenen Haken schwenkte Herr Meyer auf dem Klavier:
"Da geh'n die Mädchen hin,Da sitzt der Jüngling drin,Da ist's, wohin sich alles zieht."
Das rechte Bein der Damen hob sich dreifach. Die hinterste Hosennaht der Matrosenkostüme, prall ausgefüllt mit Unterwäsche, schwankte, zuckte, zackte.
Losmarchierten die drei, mit zum Publikum geneigten Köpfen und gewinnender Eleganz.
Aber es war kein Erfolg. Und das hatte weniger ästhetische als moralische Gründe.
Es gelang den Damen Raffaëla und Lydia nach Leporellos Einberufung nicht länger, ihre Renommee aufrechtzuerhalten. Die Hochachtung schwand. Der Respekt der Apachenpartei erfuhr eine Ernüchterung. Man kam dahinter, daß die Vornehmheit der Zirkusartisten nur Getue gewesen war.
Es stellten sich allerhand ehrenrührige Fakta heraus. In früheren Zirkusengangements sollen sie schürzenvoll das Kleingeld weggeschleppt haben. Noch jetzt fand man unten am See, wo die Zirkusse standen, bei eifrigem Suchen und zufälligen Gängen Kupfer—und Silbermünzen, die beim Wegschleppen der Gelder zu Boden gefallen waren.
Es stellte sich auch heraus, daß Lydia und Raffaëla keineswegsArtisten von Kindesbeinen auf waren, Artisten, die gewissermaßenschon an der Mutterbrust in Spagat ausbrachen. Im Gegenteil: FrauScheideisen war Hebamme gewesen, eh' sie zum Zirkus ging und sichDonna Maria Josefa nannte.
Raffaëla und Lydia legten auch keineswegs Wert darauf, mühevollRenommee und Distanz zu wahren.
Raffaëla hatte die Hände voll Arbeit mit ihrem Kinde. Lydia ging auf in der Sehnsucht nach dem entschwundenen Gatten.
"Ach, mein Emil! ach, mein Emil!" jammerte sie und die Tränen standen ihr in den Augen.
Die Sehnsucht verstörte ihr kleines Gehirn. Die Augen flossen ihr aus.
"Ach, Emil! ach, Emil! wer hätte das denken können!"
Hinauf lief sie in ihr Zimmer und schleppte die Photographieständer herunter, während der Vorstellung, um sie den Gästen zu zeigen.
"So hat er ausgesehen. Das ist er. Ach, mein guter Emil! Sie haben ihn sicher schon totgeschossen!"
Und wenn sie dann die Photographien ansah—da stand Emil Leporello, freundlich lächelnd mit Augen eines Dompteurs, den Arm in die Seite gestützt, die Beine übereinander geschlagen—und sich vergegenwärtigte, wie er zerhackt und gevierteilt auf einer Rasenbank in Sibirien den Raben zum Fraß überlassen dalag und nach ihr rief: "Lydia, hierher, zu mir!" dann brach ihr das Herz. Herunter hing ihr der Unterkiefer, herunter hingen ihr die Augenlider, die Arme. Ein kleiner Tropfen bildete sich an der spitzen Nase. Ausbrach sie in lautes Heulen und war untröstlich.
Umsonst versicherte man ihr, er sei gewiß noch in der Kaserne, und wer weiß, ob er jemals, wenn er doch nur seine Eckzähne habe und nicht gut beißen könne, hinauskomme in den Schützengraben.
Kein vernünftiges Wort verfing. Kein Scherzwort genügte ihr. Sie hatte genug von der Welt. Dem Hauptmann wollte sie schreiben, hinreisen zu ihm, sich niederwerfen vor ihm, sich ihm anbieten zu jeder Schmach, wenn er ihr nur ihren Emil wiedergebe. Eine Deklassierung der Zirkusartisten fand statt, eine Nivellierung innerhalb des Ensembles.
Ja die Apachenpartei, die unter empfindsamen Regungen weniger litt, gewann langsam wieder die Oberhand.
Monsieur Henry, der Ausbrecherkönig, beherrschte jetzt völlig dieRolle der Zeugin Emilie Schmidt. Und Herr Piener, derSchlangenmensch, unter dem überragenden Druck der Begabung Leporellosnicht länger leidend, arbeitete sich unter täglichen Trainagen undFräulein Lauras geneigter Assistenz langsam wieder in den Vordergrund.
Einen wirklichen Knacks aber erlitt die moralische Situation des Ensembles, als man dahinterkam, Flametti habe einen Prozeß, und als man erfuhr, um was für einen Prozeß es sich handelte.
"Kinder!" rief Raffaëla, und ein Licht ging ihr auf, "habt ihr gehört, was der Alte für einen Prozeß hat? Verführung Minderjähriger, das Schwein. Soll man das glauben? Schabernackelt hat er mit der Güssy und mit der Traute!"
Sie setzte sich—es war im Zimmer des Pianisten und derSoubrette—und ließ die Hand auf die Tischkante fallen.
"Das ist nichts Neues", meinte Bobby, der für Laura Zigaretten besorgt hatte und den fadenscheinigen Wollschal, der ihm von der Schulter gerutscht war, über die Schulter zurückwarf. "Schon in Bern hat er mit denen was gehabt, bevor sie noch zu uns kamen."
"Ja, Kinder, das ist ja die Höhe!" rief Raffaëla in ihrer emphatischen Weise. "Die stecken ihn ja ins Zuchthaus! Was machen wir nur?"
"O jeh!" winkte die Soubrette ab und verkniff zynisch das linke Auge.Sie wußte noch ganz andere Dinge. Aber sie wollte nicht reden.
Auch Lydia kam jetzt ins Zimmer.
"Hm, so was!" sagte sie und nickte sorgenschwer. "Das ist doch einSkandal! Der alte Esel!"
Man wohnte jetzt im "Krokodil". Lydia, Raffaëla und Lottely, der Pianist und die Soubrette hatten je ein Zimmer im kleinen Hotel. Zu den Mahlzeiten ging man hinüber in Flamettis Wohnung.
Herr Meyer kam zurück von der Bibliothek. Er arbeitete noch immer an seinem Apachenstück.
"Vor allem eins", sagte er. "Ruhig Blut. Ich habe das lange kommen sehen. Schon in Basel. Es ist mir nichts Neues. Im schlimmsten Fall machen wir selbst ein Ensemble. Wir sind eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs Leute, die alle etwas können. Engel macht seine Ausbrechernummer. Bobby macht den Schlangenmenschen. Sie beide tanzen. Ich spiele Klavier. Es müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn wir keinen Erfolg hätten. Außerdem habe ich ein Apachenstück geschrieben, glänzend. Das führen wir auf. Aber: Diskretion!"
Damit waren alle einverstanden. Leise sprach man, denn die Wände im "Krokodil" waren dünn wie Papier. Lattenverschläge waren die Zimmer, mit Tapeten bezogen. Meterlange Risse klafften hinter den Betten. Und wenn ein Bekannter Flamettis, etwa der Hausknecht, zufällig horchte, war man verkauft und verraten.
Nur Engel hatte Bedenken. Ihm war die Karriere verleidet.
"Nein, nein", sagte er traurig und am Ende mit seiner Kraft, "ich hab's satt. Ich mache nicht mehr mit. Mich müßt ihr streichen."
Und sei es nun, daß er an Flametti nicht zum Verräter werden wollte, oder die Luft zu brenzlich fand, oder noch litt unter den Nachwehen der Proben zum "Friedhofsdieb": er lehnte ab, gab es auf, "verzichtete auf seine Mitwirkung".
Meyer war überrascht.
"Das ist unmöglich, Engel! Das tun Sie uns nicht an. Das geht nicht."
Aber Engel zuckte die Achseln:
"Ich hab' ja ein wenig Geld auf der Kasse. Ich brauche nur zuschreiben und fünfhundert Franken sind da. Ich kann mich beteiligen.Aber nein, nein. Ich hab' keine Lust mehr. Ich nehme eineVertretung an. Ich habe Beziehungen."
Und er zog eine Geschäftskarte aus der Tasche. Darauf stand: "Original—Ideal—Perplexund Simplex-Mühlen Schrot—und Mahlmühlen für Zerkleinerungen jeder Art Plupper & Co. Vertretung."
Und spuckte aus, die Zunge über den Zähnen, und ging mit vermiestem, völlig desillusioniertem Gesichtsausdruck, die Beine schlenkernd, durchs Zimmer.
"Da ist nichts zu machen", bedauerte Meyer.
Er legte Engel die Hand auf die Schulter, sah ihm tief in die Augen und sagte:
"Na schön, Engel, dann nicht. Aber bleiben Sie uns gut Freund."
"So weit es an mir liegt", versicherte der und reichte dem Meyer zitternd vor Ergriffenheit die Hand, "ein Mann, ein Wort."
Flamettis Prozeß war binnen kurzem stadtbekannt. Und wie es zu gehen pflegt, wenn eine solche Sache publik wird: man zog sich zurück von ihm, nahm Partei gegen ihn, fand ihn übertrieben naiv und reichlich ungeschickt. Man verurteilte ihn.
Im "Intelligenzblatt" erschien ein Brandartikel, "ModerneSklavenhalterei", worin Punkt für Punkt Flamettis unhaltbareGeschäfts—und Familienpraxis ans Licht gezerrt wurde.
"Ein Direktor, der zugestandenermaßen nichts von Gesang versteht", hieß es in jenem Artikel, dessen Verfasser keinen Anspruch erhob, als Autor genannt zu werden, "ein Direktor, der zugegebenermaßen nicht das leiseste Tonunterscheidungsvermögen besitzt, hält sich eine Anzahl Gesangselèven, denen er seine sauberen Künste beibringt; Gesangselèven, die er zugleich als Dienstboten benutzt; die er zwingt, ihm zu Willen zu sein, und denen er doch als Entgelt nur schlechte Behandlung verabfolgt.
"Ein Morast sittlicher Verkommenheit enthüllt sich, wenn man die Schlupfwinkel dieser modernen Sklavenhalterei, diese Brutstätten des Elends aufsucht. In Kellern und Hinterhäusern hausen die Kondottieri der Lasterquartiere und Dirnenviertel. Ein Absteigequartier dient als Schauplatz wilder Gelage, als Treff—und Versammlungspunkt, wo man die Beute verspielt. Mädchenhändler und Bauernfänger, Roués der hintersten Sorte geben sich hier ein Stelldichein. Und der Direktor preist seine Ware an. Wahrlich, es ist an der Zeit, daß die Polizei einschreitet und diese Schlupfwinkel säubert."
So stand es geschrieben und wenn auch Flamettis Name nicht genannt war, so wußte doch jeder, daß der Artikel auf ihn ging.
Beim großen Artistenfest in der "Weißen Kuh" reichte man sich den Artikel von Hand zu Hand, ein klebriges Heiligtum, mit verständnissinnigem Lächeln und unterdrücktem Gezwinker.
Da war besonders Herr Köppke, Baritonsolo und Offiziersdarsteller beiFerrero, der laut Partei nahm für die beiden Mädel und die Moralität.
"Schweinerei von dem Menschen", erklärte Herr Köppke mit der Resonanzeines Gemeindesängers, "Blamage für unseren ganzen Stand. DieKonzession werd' ich ihm entziehen lassen. Seinen Ausschluß aus demKlub werde ich beantragen. Das geht doch zu weit!"
Herr Köppke war Schriftführer der Artistenloge "Edelstein", derenLogenbruder auch Flametti war.
"Haben Sie schon gelesen?" sagte Herr Köppke und steckte Meyer das"Intelligenzblatt" zu. "Lesen Sie mal!"
Und Herr Meyer las, und Herr Köppke begab sich unauffällig an seinenPlatz zurück.
Eine Schlägerei fand statt zwischen Flametti und Herrn Köppke in der "Rabenschmiede", einige Tage später, daß zwei Tische und drei Stühle in Trümmer gingen, sowie zwei präparierte Hasenköpfe mit Glasaugen, die der Beizer der "Rabenschmiede" aus seinem Privatbesitz zur Ausschmückung des Lokals herangezogen hatte.
Das Renommee Flamettis ging flöten. Langsam, aber sicher.
Noch hatte er viele Freunde, und seine treueste Helferin war MutterDudlinger, die ihm, stets lächelnd, im Hintergrund heimlich dieStange hielt.
Noch hatte Flametti das Kapital hinter sich.
Noch konnte er auftrumpfen, sich sehen lassen, wenn das Geschäft auch täglich schlechter ging.
Als aber in der Silvesternacht die Polizei vier Mann hoch in Mutter Dudlingers Wohnung eindrang, wobei Herr Engel in knapper Not durch das Lokusfenster über die Dächer entkam, da schloß Mutter Dudlinger die offene Hand und versagte.
Lydia und Raffaëla rebellierten jetzt ganz offen.
Geschäft und Auftreten wurden ihnen täglich mehr Nebensache. In der Garderobe saßen sie herum, wenn das Klingelzeichen längst gegeben war. Sie beeilten sich gar nicht sonderlich, sich zu schminken, noch legten sie Wert darauf, pünktlich zur Vorstellung zu erscheinen. Herr Meyer war gezwungen, von Tag zu Tag längere Zwischenstücke zu spielen. Andere Nummern mußten eingeschoben werden, weil Raffaëla mit ihrer Frisur nicht fertig war für den Drahtseilakt, weil Lydia zum Cakeswalk erschien ohne das Zierstöckchen und ohne Knöpfe am Anzug, die ihr die Schwester in der Garderobe mutwillig abgetrennt hatte.
Sie aasten ganz offensichtlich, Flametti zum Trotz. Sie tanzten ihm auf der Nase.
Wenn Flametti mit einem Donnerwetter dreinfuhr und sich beklagte, nahmen sie wohl die Kassiermuschel und gingen sammeln. Doch sie vergaßen dann ganze Reihen zu kassieren, tauschten Späße mit den Gästen und schienen auf alles andere eher bedacht als auf gute Kassierung.
Sie hatten Interesse nur noch für die Mahlzeiten, die Flametti ihnen zu bieten hatte.
Pünktlich um zehn Uhr früh erschienen sie zum Kaffee. Flametti undJenny schliefen dann noch.
Sie drangen in die Küche, schoben die blöde Rosa beiseite und durchstöberten Kisten und Kasten nach Honig, Gelee und Butter. Was ihnen bei solcher Razzia in die Hände fiel, aßen sie auf.
Die kleine Lottely hatten sie mitgebracht. Die stopften sie vollBrot, Kaffee und Gelee, daß der Mund des Kindes aussah wie einKleistertopf.
Pünktlich um zwölf Uhr stellten sie sich zum Mittagbrot ein; rasch, unverschämt und gefräßig.
Besonders Lydia übertraf alle Begriffe von Gier. Kaum erschien diePlatte mit Fleisch oder Gemüse, so hatte sie schon die Gabel oder denLöffel zur Hand, und wer sich nicht seinerseits sehr beeilte, gingleer aus.
Sie aßen systematisch, überzeugt, mit Absicht. Sie aßen, als gelte es Vorrat zu essen ohne Rücksicht auf diesen geschwollnen Patron, der ihnen durch seinen ganzen Prozeß, durch sein ganzes schuldbewußtes Benehmen die Überzeugung eingab, es komme nun nicht mehr drauf an, Rücksicht walten zu lassen.
Während des Mittagessens aber machte Lottely einen Finger gegen Flametti und drohte klug: "Du, du!" schlug mit dem Suppenlöffel auf den Tisch, daß die Körner der Reissuppe spritzten; schnellte sich in unbewachten Momenten mit beiden schmutzigen Schuhchen auf dem gebürsteten Plüschsofa, hopsend und krähend; warf die große steinerne Vase mit dem imprägnierten Binsenstrauß um, hinter der Tür; heulte und quäkte.
Mutter und Tante aßen ruhig weiter, in wetteiferndem Tempo, unbekümmert, sachlich, eilig, wie Harpyen, deren Geschäft es ist, möglichst viel Fraß zu schlucken und zu verdauen.
Flametti versuchte die Lücken in seinem Ensemble auszufüllen und eineGeigerin kam ins Haus, eines Tags, um Probe zu spielen.
Leider: sie war nicht geschaffen fürs rauhe Leben. Von einergottergebenen Friedlichkeit war sie und Naivität. Hatte bis dato ihrBrot verdient durch Aufspielen von Kinderstücken in den Kneipen undSpelunken der Fuchsweide.
Erst war sie mit dem Zitherkasten gegangen, allabendlich. Dann hatte sie das Violinspielen gelernt.
Bleichsüchtig und hager, von einer rührenden Gottseligkeit war sie.Sie säen nicht, sie ernten nicht, und doch ernähret sie der Herr.
Manch einer hatte sie mitgenommen aus Mitleid und ihr ein warmesNachtlager gegeben, wenn sie noch spät nach der Polizeistunde auf derStraße irrte.
Engbrüstig und schmal war sie von Gestalt, ein Lehrerinnentyp.
Einen Kneifer trug sie und strich mit dem Fiedelbogen so ausdruckslos freundlich und doch akkurat und energisch ihr Instrument, daß man ihr wirklich nicht böse sein konnte.
"Soll ich mal was spielen?" fragte sie harmlos.
"Ja, fiedel mal los!" sagte Raffaëla.
Aber die Geigen-Marie genierte sich.
"Draußen in der Küche", sagte sie forsch.
Und sie ging hinaus in die Küche, öffnete den Schalter, damit man auch drinnen etwas hören könne, und dann spielte sie los. "Stille Nacht, heilige Nacht", oder "Behüt' dich Gott, es wär' so schön gewesen", oder "Die Rasenbank am Elterngrab".
Kam dann wieder herein und lächelte jeden einzeln der Reihe nach an, als wolle sie fragen:
"Na, wie war's? Schön, nicht wahr?"
Aber Lydia meinte:
"Komm' mal her! Was hast du denn da für ein Fähnchen?" und zog ihr ein kleines Metallfähnchen aus dem Brustlatz.
Lydia war neugierig wie ein Tier; beschnupperte sie, federte sie ab.
Den Brustlatz knöpften sie ihr auf. Ihre Strumpfbänder sahen sie nach, den Stoff ihrer blauen Glockenhosen rieben sie zwischen den Fingern.
"Ja", meinte Raffaëla bedenklich, "wenn du zu uns ins Ensemble willst, da mußt du vor allem gerade Beine haben und einen schönen Körper. Zeig' mal her!"
Und die Geigerin, immer freundlich lächelnd, ein Sonntagskind, zog sich aus und zeigte ihre Beine.
Raffaëla krähte vor Vergnügen.
"Ja, das ist ganz gut", sagte sie, "bißchen mager, aber es geht schon.Kannst du auch tanzen?"
Nein, tanzen konnte sie nicht.
"Mußt du noch lernen. Eine Tänzerin brauchen wir. Fiedeln kannst du nebenbei."
Marie war argwöhnisch geworden.
"Ihr macht Spaß mit mir!" sagte sie ein wenig rauh und erkältet.
"Nein, nein", versicherte Raffaëla, "das ist bei uns anders als bei der Heilsarmee. Bei uns gibt es Kavaliere, Lebewelt. Da muß man herzeigen, was man zu bieten hat."
Flametti fühlte sehr wohl, daß die Frivolität dieser Szene nur gegen ihn gerichtet war; daß man sich lustig machte.
Auf dem Sofa saß er, dunkel vor Wut und Scham, und biß sich dieLippen.
"Zieh' dich an!" sagte er zu der Geigerin. "Du spielst sehr gut.Mancher wär froh, wenn er so spielen könnte. Kannst heut' abend indie Vorstellung kommen und dir mal ansehen, was wir machen. Wenn duLust hast, kannst du den Herrn Meyer begleiten zum Klavier."
"Das ist wohl zu schwer", meinte Marie.
"Ja, dann ist nichts zu machen", bedauerte Flametti, "dann kann ich nicht helfen."
"Tut nichts", lächelte die Geigerin, "dann geh' ich wieder in dieWirtschaften und spiel' auf."
Und sie packte sorgfältig ihre Geige ein.
Einige Tage später, als Flametti die Gagen auszahlen wollte, entdeckte er zu seinem Schreck, daß Quittungen über à conti, die er an Raffaëla, Lydia und Bobby ausgezahlt zu haben genau sich erinnerte, aus seinem Quittungsblock verschwunden waren.
Herausgerissen waren drei Formulare mit einer Dreistigkeit und Gewalt, daß an der Perforiernaht die Fetzen noch hingen.
"Das ist doch die Höhe!" rief Jenny, ganz in Raffaëlas Weise, "das ist doch die Höhe! Max, du zahlst ihnen nichts aus, bis sie die Quittungen wieder beigeschafft haben. Du zeigst sie an. Das ist Einbruch. Sie haben die Tischschublade aufgebrochen. Sie wollen den Verdacht auf den kleinen Bobby lenken. Sie haben einen Dietrich gehabt. Das sind Verbrecher. Das läßt du dir nicht bieten!"
Aber Flametti lächelte, bitter und verlegen: "Wer kann's ihnen beweisen? Die Quittungen sind fort. Ein Eßtisch ist kein Kassenschrank. Vielleicht hatte ich nicht abgeschlossen. Vielleicht hab' ich selbst die Blätter in der Aufregung herausgerissen. Laß nur! Die paar Franken tun's auch nicht!"
Und er zahlte die vollen Beträge aus.
Am Abend aber, in der Garderobe, als er sich Maske schminkte und mit der Soubrette allein war, drängte es ihn doch, sich auszusprechen.
"Wissen Sie, Laura, es liegt mir ja nichts an den paar Franken. Aber das hätte ich doch nicht geglaubt von den Weibern."
Fräulein Laura saß vor dem langen Schminktisch, auf dem dieSchminkschatullen der Damen standen und tupfte sich mit derPuderquaste die Nase.
Flametti, stehend, Laura den Rücken zugekehrt, zog sich, ein wenig unbeholfen, Indianerfalten zwischen Nasenflügel und Oberlippe.
Von unten hörte man Herrn Meyer das Zwischenstück, den Missouri-Step, spielen.
Flametti kam auf seinen Prozeß zu sprechen.
"Wissen Sie", meinte er seitwärts durch die gelüpfte Oberlippe, "das ist ja ganz anders, als die alle glauben. Das weiß ja meine Alte selbst nicht."
Fräulein Laura malte sich mit dem Augenstift japanische Monde.
"Mit der Traute, das stimmt. Aber mit der Güssy—schon in Bern—das war ein Gewaltsakt. Wenn man dahinterkommt, geht's mir nicht gut."
Für einen Moment verstummte unten im Saal Herrn Meyers Missouri-Step.
Laura sprang auf und horchte über das Treppengeländer hinunter.
"Haben noch Zeit!" meinte Flametti.
Und Herr Meyer legte auch sofort mit der Wiederholung los. FräuleinLaura eilte zurück zur Schminkschatulle.
Flametti warf seinen Häuptlingsrock über den Kopf.
"Jenny versucht ja alles. Sie schafft Geld und sie hat sich ihreAussage so zurechtgelegt, das man den beiden nicht glauben wird…Wenn der Schwindel glückt….!"
Er selbst schien nur halb dran zu glauben. Trotzdem konnte er sich nicht verkneifen, ein wenig zu renommieren. Im Indianerkostüm ging's wohl nicht anders.
"Man kennt mich zu gut! Weiß, daß ich ein Gewaltsmensch bin; wen man vor sich hat, und daß es nicht so glatt abgeht, wenn man mir an den Kragen will!"
Er stellte sich, in Unterhosen, den Speer zurecht.
"Achtzehn war ich alt,—in Bern, mit ein paar Kollegen—, einen ganzen Schlag haben wir in die Aare geschaufelt bei Nachtzeit, das Fundament weggegraben. Die ganze Bescherung mitsamt den Weibern fiel in die Aare…."
Er sah sich vorsichtig um, ob es auch keinen Zeugen gäbe, und lachte belustigt.
"Das war ein Gezeter! Das hätten Sie hören sollen!"
Schlüpfte in die Fransenhosen und schlenkerte das Bein.
Die Soubrette wandte aufhorchend den Kopf. Als die Erzählung aber nicht weiter ging, komplizenhaft und verkniffen:
"Diese Mädel, natürlich! Unschuldig sind die auch nicht!"
"Ob die unschuldig sind!" blies Flametti durch die Nüstern und langte sich den Kitt für die Nase. "Ich soll die Weiber nicht kennen! Mir muß man's sagen!"
"Na also!" meinte die Soubrette und beeilte sich, fertig zu werden."Wenn sich ein Mann in den besten Jahren ein Mädel greift…"
Und ordnete ihre Turnüre.
Drunten im Lokal wiederholte Herr Meyer zum zweiten Male denMittelsatz des Missouri-Step.
Flametti setzte den Kopfputz auf, strich sich mit beiden Händen über den Perückenansatz.
"Das ist es ja nicht!" zwinkerte er, "sie hat geschrien. Sie hat sich gewehrt. Und gerade das hat mich gereizt, verstehen Sie?"
Er drückte sich den Indianerkitt auf die Nasenkante.
Die Soubrette verstand. Und nickte bedenklich.
"Haben Sie einen Anwalt?"
"Selbstverständlich!" lächelte Flametti in aller Seelenruhe aus derKniebeuge; er mußte sich bücken, um in den Spiegel sehen zu können.
"Na also!" griff die Soubrette rasch noch einmal zum Spiegel, "was kann da geschehen?"
Von unten ertönte das Klingelzeichen.
Die "Indianer" zogen nicht mehr. Das Publikum war wie verändert. Was ihm früher als ein Exzess von Libertinage erschienen war, hielt es jetzt für Zynismus.
Wie doch? Dieser Flametti, der allen Grund hatte, sich zu ducken, der solche Sachen auf dem Kerbholz hatte, setzte sich über die einfachsten Anstandsregeln hinweg? Spielte die "Indianer" und machte sich lustig? Was für eine sittliche Verrohung in dem Menschen! Was für eine unerhörte Mißachtung der Rücksichten auf die Gesellschaft! Soviel Taktgefühl mußte man haben, einzusehen, daß die Aufführung dieser "Indianer" unter sotanen Umständen kompromittabel war für die ganze moralische Tradition der Fuchsweide! Nein, nein, das ist Freibeuterei, das ist Lästerung. So sind wir nicht. Da tun wir nicht mit. Man verschone uns!
Flametti fühlte wohl, daß man sich zurückzog von ihm, daß er umsonst sein Talent ausspielte. Es verfing nicht mehr. Die russischen Freunde Fräulein Lauras waren die einzigen Gäste, die noch immer klatschten, wenn er mit Augen, blutunterlaufen vor ästhetischer Anstrengung, auf der Bühne lächelnd seine Feuer—und Fakirnummer absolvierte; die ihn einluden, Platz zu nehmen, wenn die Nummer vorbei war und er, an ihrem Tisch stehend, mit souverän-salopper Indifferenz von seinem speckigen Gehrockkragen die verirrten Spritzer des Petroleums wischte, das er in langen, brausenden Flammen, einem Höllenfürsten vergleichbar, ausgespuckt hatte.
Seine Feuernummer liebte Flametti abgöttisch. Ein Pyromane und Sadist war er von Natur. Und wenn er, ein wenig angetrunken, oder berauscht von Opium, darauf verzichtete, das Petroleum, das ihm vom Mund tropfte, abzuwischen, dann schimmerten seine wulstigen Lippen in jenem bläulichen Fäulnisschein, der gemischt mit Trauer und Melancholie, jenen Sendboten der Hölle eignet, die in Wahrheit Zeloten des Edelsinns und Verdammte der himmlischen Bourgeoisie sind.
Der Polizeihauptmann Schumm schickte seine Kommissare immer häufiger um Auskünfte, Recherchen und Feststellungen.
Flametti, an unbehelligte Freiheit gewöhnt, riß die Geduld.
Er empfand die Besuche als Verletzungen seines Hausrechts, Eingriffe in seine Familienehre. Das Mißtrauen der Polizei kränkte ihn.
"Sie kujonieren mich! Sie kuranzen mich!" schrie er im Jähzorn."Ich schlag sie tot, diese Hunde! Das ist mir zu viel!"
Und er beschloß, ihnen aufzulauern, im Hausflur, und den ersten besten, der seine Schwelle übertreten würde, zu erschlagen.
Mit einem kopfgroßen Pflasterstein bewaffnete sich Flametti, um dem ersten besten, der sich blicken ließe, den Schädel zu zertrümmern.
Und als man ihm sagte: "Flametti, die Polizei kommt!" eilte er in die Küche, trotz Jennys Geschrei, packte den Stein und lief die Treppe hinunter.
Jenny stand oben am Treppengeländer, entsetzt, einer Ohnmacht nahe, und hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu. Mutter Dudlinger schnaubte und bebte.
Aber es war nur ein Gast Mutter Dudlingers, den Flametti, am Kragen gepackt, in den Hausflur schleppte. Ein Mißverständnis, ein Irrtum. Die Verwechslung klärte sich auf.
Mutter Dudlinger stand lächelnd, mit brennender Kerze. Jenny atmete auf: "Ach, Max, hast du mir einen Schreck eingejagt!"
Mutter Dudlinger spendierte zwei Flaschen Asti und man saß oben inFlamettis Stube, zu vieren, und feierte Bruderschaft.
Ein alter, eidgenössischer Burschenschaftler war jener Gast, gemütlich, breit, keine Spur von Spitzel oder Detektiv; das Gegenteil davon: ein weinseliger Zecher mit Riesenbizeps und Goliathstirn.
Auf streifte er seinen Hemdärmel, ballte die Faust, eine Seele vonMensch, und ließ den Muskel schwellen.
Flametti tat das gleiche. So saß man sich gegenüber auf dem Kanapee und sah sich voll trunkener Sympathie tief in die Augen.
Anstieß jener, daß der Wein überschwappte und rief mit völkischerUrwüchsigkeit:
"Prosit Flametti!"
Mutter Dudlinger aber, die ihn liebte in ihrer Seele, setzte sich auf seinen Schoß, brünstigen Gemütes, und umhalste ihn. Und ihr Speck hing über seine breiten Schenkel in vollen Schwaden.
"Wer nicht liebt Wein, Weib, Gesang,Der bleibt ein Tropf sein Leben lang."
Jenny war keineswegs gewillt, die Dinge gehen zu lassen, wie sie gingen.
Sie beschloß, strengere Saiten aufzuziehen dem Ensemble gegenüber und auch zu Hause; Contenance zu bewahren. Ihre Maßnahmen richteten sich zunächst gegen Fräulein Theres.
Fräulein Theres mit ihren gichtbrüchigen Händen und erfrorenen Füßen litt unter der Kälte furchtbar.
Schon als die Herrschaft in Basel war, saß Fräulein Theres in stillenStunden weinend in der leeren Wohnung, für deren Heizung man ihr keinGeld schickte, und gedachte trauernd der Maienzeiten, da sie mitLöckchen und Stöckelschuhen noch ging auf der Neuhauserstraße zuMünchen und selig verliebte Blicke den jungen Herren zuwarf.
Vierzig Jahre waren seither mit grauen Schleppen ins Land gegangen.Fräulein Theresens Gesicht war lang geworden, ihre Nase spitz, ihreAugen grell. Die Jahre, die so himmelblau und sommerlich begonnen,hatten sich verschwärzt.
Ein verschwärztes Mädchen, saß Fräulein Theres in der verlassenenStube, wenn ihre Herrschaft zum Konzert gegangen war.
Eine Halbe Bier stand vor ihr auf dem Tisch und Fräulein Theres rauchte Stumpen, den Arm auf den Tisch gestützt, die müden Glieder nur mit Seufzen hebend, wenn das Gas heruntergebrannt war und man ein neues Zwanzigcentimes-Stück in den Automaten werfen mußte.
Alle vierzig grauen Schleppen der vergangenen vierzig grauen Jahre schleppte Fräulein Theres mit in ihren Röcken. Und jetzt gönnte man ihr sogar das Bier nicht mehr und die Stumpen.
Eine Erbitterung überkam Fräulein Theres und sie beschloß, selbst wenn sie täglich "geschumpfen" würde, ihren Gliedern eine strengere Leistung nicht mehr zuzumuten.
Was konnte geschehen? Mochte man sie wegschicken! Irgendeine Lebensfreude muß der Mensch haben. Die Zigaretten ihrer Jugend hatte sie sich abgewöhnt. Auf die Stumpen ihres Alters würde sie nicht verzichten. Nie und nimmer. Zuletzt blieb immer noch eine Freistelle im Spital oder in einem Siechenheim. Sie verdiente das. Sie hatte sich redlich geschunden.
Und wenn Jenny ihr dann vorhielt:
"Theres, wir müssen früher aufstehen! Theres, ich kann keine Bierschulden mehr für Sie zahlen!" dann gab Fräulein Theres gleichgültig brummend und grob zur Antwort:
"Ja, dann müssen wir Kohlen haben, damit ich einheizen kann! Ja, dann kann ich's nicht mehr schaffen, ich bin krank!" und die roten Tränen rannen ihr über das alte, lange Gesicht.
"Max", sagte Jenny, "das geht so nicht mehr. Die Haushaltung verschlampt mir."
Der Prozeß war Jennys geringste Sorge. Das würde sich schon arrangieren lassen. Sie war der begründeten Meinung, daß in der Fuchsweide viel ärgere Sünder ungeschoren ihr Wesen trieben.
"Mach' dir keine Sorge!" sagte sie zu Max, "der Ferrero hat ganz andere Sachen hinter sich. Und der Pfäffer—was der für eine Wirtschaft hatte! Ich weiß doch! Ich war doch Soubrette bei ihm! Die reine Haremsagentur nach Konstantinopel. Das sind ja Falschspieler alle durch die Bank! Seine Lehrmädels müssen mit den Metzgerburschen anbändeln, damit er das Fleisch gratis hat. Das sag' ich dir: wenn wir reinfallen: die ganze Fuchsweide lasse ich hochgehen!"
Behaupten mußte man sich, Respekt und Vertrauen einflößen. Zu Hause und im Ensemble. Dann würde man vor Gericht schon sehen!
Und Jenny legte sich einen Bluff zurecht, der zunächst das Vertrauen der Zirkusartisten wieder gewinnen sollte, und der auch seine Wirkung nicht verfehlte.
"Kinder!" verkündigte sie eines Tags in der Garderobe, "nächstens gibt's eine Gans! Mein Alter spendiert eine Gans!"
Das wirkte wie eine Brandbombe.
"Eine Gans?" fuhren Lydia und Raffaëla zugleich auf ihren Stühlen herum, als hätten sie nicht recht gehört.
"Ja, eine Gans!" versetzte Jenny mit Zier und äußerster Delikatesse, "eine Gans!" und sie unterstrich den in Aussicht stehenden Braten, indem sie mit beiden emporgehobenen Händen durch Zusammenründen von Daumen und Zeigefinger Engelsflügel in der Luft bildete. "Piekfeine Sache! Oh, das Gänsefett! Das Kastanienfüllsel! Oh, die knusprigen Schlegel, und die Brust und die Gänseleberpastete!"
Jenny wußte die Vorzüge der vorläufig noch in ihrem Heimatsort weidenden Gans so jesuitisch ins Licht zu setzen, daß Lydia, die gerade die tränenbenetzte Photographie ihres Emil am rechten Schenkel der übereinander geschlagenen Beine abgewischt hatte, den Arm sinken ließ und träumerisch verzückt an Jennys Augen hing.
"Nein, Jenny, sag' wirklich, gibt's eine Gans?"
"Werdet schon sehen!" tat Jenny geheimnisvoll.
Da konnte man denn so recht sehen, wie solche Bravourstücke einer auf's Ganze gerichteten Erfindungsgabe niemals ihre gute Wirkung verfehlen.
Gebändigt waren Lydia und Raffaëla mit einem Schlage. Um den Finger konnte man sie wickeln. Pünktlich wurden sie wie Normaluhren. Zahm wie Tauben.
Ja, der Ruf von Flamettis Solvenz verbreitete sich im Handumdrehn.
"Wie sind Sie eigentlich zufrieden mit Ihrem Engagement?"
"Oh, danke, sehr gut! Verpflegung vorzüglich. Alle drei TageGeflügel. Das Geschäft geht famos. Heute ausnahmsweise schlechtesHaus. Aber sonst: glänzend!"
So und ähnlich sprach man im "Krokodil" und in der Umgebung desKünstlertischs.
Ja, Donna Maria Josefa, alias Frau Scheideisen, und Herr Farolyi erfuhren von der Gans.
"Na, steht's doch nicht schlecht mit dem armen Flametti!" meinte HerrFarolyi, "wenn er sich noch Geflügel leisten kann. Kinder, der hatgewiß Geld auf der Kasse. War ja ein Bombengeschäft damals, die"Indianer"!"
Und eines Tags kam sie denn auch wirklich, die Gans; aus Rapperswyl.Weiß, ohne Kopf, Klauen und Federn, lag sie auf einer Schüssel.
"Sehen Sie mal, Laura: schöne Gans, was?—Aber die kriegen nichts davon", deutete Jenny gegen die Treppe, über die Lydia und Raffaëla kommen mußten. "Die sollen sich mal trompieren!"
Und die schöne Gans, die fette Gans, die Riesengans wurde gebraten und lag nun hübsch gebräunt und knusperig, förmlich zerblätternd vor Knusprigkeit, auf derselben Schüssel, verschlossen im Büfett.
"Laura", sagte Jenny abermals, "glauben Sie, die kriegen was davon?"Und zeigte wiederum zur Treppe. "Nicht das Schwarze unterm Nagel!Geben Sie acht, was die für Gesichter machen werden! Das wird einFez! Jawohl: Gans! Husten werd' ich ihnen was!"
Als aber Raffaëla und Lydia kamen, öffnete Jenny das Büfett wie man das Triptychon eines Altars öffnet.
"Seht her", sagte sie, "die herrliche Gans!" Und sie nahm die Schüssel aus dem Schrank und hob sie hoch, wie Salome die Schüssel mit dem Haupt des Jochanaan hochhob, und Raffaëla schrie auf:
"Aehhh, die Gans!"
Fanatisiert und rabiat warf sie die beiden Arme hoch, auf dieSchüssel zustürzend und sie umtanzend.
Lydia aber überkam es wie Verklärung. In den nächsten besten Stuhl sank sie.
"Die schöne Gans!" hauchte sie, ganz versunken und verträumt, mit gefalteten Händen und gottergebenen Augen.
"Wann wird sie gegessen?" Und ihr Unterkiefer bebberte gierig und erregt, wie einer Katze das Maul zittert, wenn sie den Kanarienvogel sieht.
Jenny weidete sich an der Qual der Opfer.
Mit der einen freien Hand hielt sie sich Raffaëla vom Leib, die alleAnstalten machte, in den Besitz der Gans zukommen.
"Wann wird sie gegessen? Wann wird sie verzehrt? Wann wird sie verspeist?" rief nun auch Raffaëla.
Lydia saß noch immer mit funkelnd hingegebenen Augen.
Und Jenny, amüsiert, grausam, pervers:
"Vielleicht morgen. Vielleicht übermorgen. Vielleicht schon heute nacht. Je nachdem!"
"Wieso heute nacht?" dehnte Raffaëla betroffen.
"Nun", sagte Jenny, ganz grande dame, "vielleicht kommen ein paarFreunde von mir und meinem Mann, und wir feiern einen kleinenAbschied."
"Aehhh!" rief Raffaëla, "wir kommen auch! Wir kommen auch!"
Aber Lydia war schon wieder sentimental geworden. Emils gedachte sie beim Anblick der Gans, dieses Wahrzeichens von Kultur und Wohlstand, dieses Inbegriffs aller heimischen Geborgenheit und ehelichen Einfalt. Ihres fernen Emils gedachte sie und glücklicherer, vergangener Zeiten. Salzige Tränen rannen ihr über die schlaff geweinten Wangen.. .
Gelang es Jenny auf diese Weise, den am Verfall sich mästenden Zynismus der beiden Scheideisen zu knebeln, so sah sie doch ein, daß damit nur die Hälfte der Arbeit geleistet war.
Gefährlicher drohten die stilleren Elemente des Ensembles: Herr Meyer,dieser Idealist, dem es nicht paßte, daß Flamettis Flagge aufHalbmast wehte; der sich ganz persönlich betroffen fühlte vonFlamettis Fehltritt und seinem Verzicht auf ein erstklassiges Renomee.
Fräulein Laura, die gewiß an dem Meyer schürte, weil es sie jückte, selbst die Direktorin zu spielen, an der Kasse zu sitzen und das Geld einzuheimsen, statt mit der Kassiermuschel durch das Lokal zu tippeln.
Jenny entging nicht die heimliche Verschwörung, die man im"Krokodilen" geschmiedet hatte.
Freilich mußte der Meyer sich einbilden, er könne so gut wie Flametti ein Varieté aufmachen. Was war leichter als das?
Freilich glaubte diese Laura, sie kenne den verstohlensten Geschäftskniff, weil es ihr gelungen war, Jenny den Seidel & Sohn auszuspannen.
Aber sie sollten sich verrechnet haben.
"Bis hierher und nicht weiter", sagte sich Jenny. "Wenn sie weggehen, sind wir pleite."
Max, dieser gutmütige Taps, merkte ja nichts! Wenn sie, Jenny, nur ein Wort gegen diesen Meyer sagte, fuhr er sie an wie ein böses Tier. Auf den Meyer ließ er nichts kommen.
Sorgfältig ging Jenny zu Werk.
Zunächst kaufte, sie sich den Engel.
Nachdem sie ihm verschiedentlich Zigaretten und Biermarken zugesteckt hatte, fragte sie ihn eines Abends geradezu:
"Du, Engel, sag' mal, was ist das eigentlich mit dem Ensemble, das der Meyer vorhat? Brauchst dich nicht zu genieren. Kannst es frei heraussagen."
Engel wurde sehr verlegen.
"Was weiß ich von einem Ensemble!" stotterte er. "Da weiß ich nichts von." Und harmlos: "Das Apachenstück haben wir zusammen geschrieben, Herr Meyer und ich…"
"Mach' mir nichts vor!" unterbrach Jenny ihn streng. "Das haben wir nicht verdient um dich, daß du uns jetzt so kommst. Du wirst dich wohl erinnern, was du uns alles verdankst. Immer ist man dagewesen für dich. Nichts hat man auf dich kommen lassen. Du wirst dich wohl erinnern, wie du zu uns kamst, abgerissen und ausgehungert. Du wirst wohl wissen, daß Max dich in der Hand hat. Brauchst bloß an die Annie zu denken. Na, davon spricht man nicht."
Engel wurde noch verlegener. Die Szene war peinlich. Er rückte den Stuhl hin und her, den er oben an der Lehne gefaßt hielt, ließ ihn tanzen auf dem einen Hinterbein.
"Jenny", sagte er mit dem ratlosen Achselzucken eines gealterten Barons, den die leidenschaftlichen Regungen einer früheren Geliebten bis in die Retirade seines Landschlößchens verfolgen, "Jenny, ich kann nicht…., ich weiß nicht….. ich hab' dir nichts zu sagen…. ich weiß nicht, was ich dir sagen soll…." Doch sich erinnernd: "Ja, gewiß: es war wohl die Rede davon…"
Er räusperte sich. "Ja, ganz richtig! Aber du weißt doch Bescheid!Du kennst doch den Meyer! Bißchen litti titti!"
Als aber Jenny kurz abschnitt: "Na, schon gut! Laß nur!", da nahm er das für ein Zeichen ihrer gekränkten Mädchenwürde, und bemühte sich, zart abzuschließen:
"Mir könnt' es ja gleich sein! Was hab' ich davon? Ich hab' ja abgedankt! Mir ist alles gleich!"
"Gut, gut!" sagte Jenny, "streng' dich nicht an! Ich weiß schonBescheid!"
"Lena", sagte Jenny zu der früheren Pianistin, als die einmal wieder zu Besuch kam, "du kommst gerade recht. Jeden Moment kann die Soubrette kommen. Die wollen doch weg von uns. Der Meyer will eine eigene Truppe machen. Du sollst mal sehen, wie ich die ins Gebet nehme!"
"Wollte dir nur sagen", dienerte Lena, "daß ich die zwei Unterschriften mitgebracht habe. Schon besorgt. Hier ist die eine, von meinem Mann; hier die andere, von dem Leinvogel."
Sie entfaltete zwei Papiere, breitete sie auf den Tisch, plättete sie mit der Hand, und sah Jenny aus fallsüchtigen Fanatikeraugen abwartend an.
"Laß mal sehen!" sagte Jenny. Sie las. "Gut, gut. Hast du gut gemacht. Sollst du nicht umsonst getan haben. Komm', trink 'ne Tasse Kaffee!" Und sie goß Kaffee ein.
Es klopfte. Herein trat die Soubrette.
"Tag, Laura!" sagte Jenny.
"Tag, Fräulein!" sagte Lena versteckt.
Laura trug eine schwarze Bolerojacke aus Samt, Geschenk ihrer russischen Freundin, und eine grüne Strickmütze, von der ihr kurzgeschnittenes, struppiges Blondhaar vorteilhaft abstach.
Sie wollte Einkäufe machen, Meyer treffen, und für Jenny verschiedenes mitbesorgen.
Die beiden Weiber musterten sie nicht ohne Schadenfreude und Neid.
"Setzen Sie sich, Laura! Trinken Sie doch 'ne Tasse Kaffee mit!"
Fräulein Laura wurde ein wenig ängstlich.
"Eigentlich habe ich Eile", meinte sie.
"Na, setzen Sie sich nur!" sprach Jenny ihr zu, "behalten Sie IhrJackett nur an!"
Fräulein Laura setzte sich und Jenny beeilte sich einzugießen.
"Wir sprachen gerade von unsrem Prozeß", begann Jenny. Sie wußte, daß es zunächst darauf ankam, der Soubrette das Heikle der Situation Flamettis auszureden.
"Ja, wir haben gerade vom Prozeß gesprochen. Jetzt ist es aus mit der Güssy, aus mit der Traute. Jetzt können sie einpacken, die beiden. Sehen sie her: da haben Sie's schwarz auf weiß!" Und sie zeigte Fräulein Laura die beiden Papiere, die Lena mitgebracht hatte.
Lena lächelte.
Die Soubrette nahm einen Schluck Kaffee, schob ihre Mütze ein wenig zurück und las.
Aber dann lächelte auch sie, nicht unhöflich, nur etwas ironisch und gab die Papiere zurück.
"Glauben Sie, daß das etwas nützen wird?" fragte sie maliziös. Die Wahrheit der hier verbrieften Aussagen ging ihr nicht ohne weiteres ein. Auch schien sie Zweifel zu leiden am notariellen Kredit der unterschriebnen Persönlichkeiten. Lenas Gemahl war eben aus dem Gefängnis entlassen, wo er für einen Wellblechdiebstahl zwei Monate Aufenthalt hatte. Der andere Herr, Herr Leinvogel war Laura nicht bekannt, aber eben deshalb wohl eine noch zweifelhaftere Notabilität.
Die beiden Herren versicherten an Eidesstatt, die Liebe der beiden Lehrmädchen Güssy und Traute zu der und der Zeit zu mehreren Malen besessen und käuflich erworben zu haben.
Jenny riß der Soubrette die beiden Papiere aus der Hand, faltete sie zusammen und lächelte:
"Ob das wirken wird! Ob das nützt! Da hat man's ja schwarz auf weiß, was das für Dämchen waren! Und außerdem: fechte ich ihre Glaubwürdigkeit an."
Der Soubrette gab's einen Ruck. Doch sie besann sich und parierte mit einem mitleidigen Achselzucken.
Lena war sichtlich überrascht.
"Was heißt anfechten?" nahm die Soubrette jetzt offen die Partei ihrer Kolleginnen.
"So?" schrie Jenny, aufgebracht durch die offensichtliche Renitenz."Ich habe die Beweise!"
Und mit ausgestrecktem Arm in eine vage Richtung zeigend: "Die eine hat einen Meineid geleistet. Kann ich beweisen. In meiner eigenen Stube. Die andre hat eine ganze Wachtstube von Schutzleuten, denen sie Rippchen brachte—damals war sie noch Kellnerin—ins Krankenhaus gebracht und drei Jahre Arbeitshaus dafür abgesessen…!"
Und da sie merkte, das seien unwahrscheinliche Dinge, so fügte sie bei: "Von Rechts wegen hätte sie gar nicht auftreten dürfen. Aber was tut man nicht!"
Sie machte eine Pause, um Luft zu schnappen und die Wirkung abzuwarten.
Lena lächelte, ein Lachen, das etwa besagte: Siehst du wohl! Nimm dich in acht!
"Die sollen mir nur kommen!" fuhr Jenny gefährlich fort, "die sollen was erleben! Die haben's nötig, zur Polizei zu laufen! Von wegen Unbescholtenheit! Von wegen Mißhandlung!"
Sie war wütend. All ihr Bemühen, alle ihre plausiblen Gründeverfingen nicht. Ein neuer Beweis, daß Komplotte geschmiedet waren.Der Soubrette schien es durchaus gleichgültig, ob Flametti seinenProzeß verlor oder gewann. Ja, sie schien bei Jennys heftigenArgumenten nur noch entschiedener abzurücken. Unerhört!
Und als Fräulein Laura jetzt mit einem energischen Ruck ihren Kaffee austrank und sich zu gehen anschickte, da fühlte Jenny nicht nur, daß der Anschlag mißglückt war, sondern daß jetzt alles auf dem Spiele stand.
Sie hatte dieser Person in fünf Minuten das ganze System ihrer Verteidigung aufgedeckt. Da es ihr nicht gelungen war, sie zu gewinnen, so konnte die Sache gefährlich werden. Der stärkste Trumpf mußte heran. Nichts durfte unversucht bleiben, die neue Truppe zu verhindern. Der offne Verrat an Flametti mußte die letzten Freunde noch gegen ihn bringen, alle Außenstehenden überzeugen. Das war gleichbedeutend mit dem Ruin.
"Wissen Sie, Laura", begann Jenny von neuem, "—bleiben Sie doch noch 'nen Moment!—wissen Sie: schließlich ist's ja egal, ob wir den Prozeß gewinnen oder verlieren. Da bleiben noch allerhand Möglichkeiten. Wir brauchten uns nur zum Beispiel Pässe zu verschaffen nach Deutschland und die "Indianer" für großes Varieté zu bearbeiten. Es ist ja borniert von uns, hier zu sitzen mit einem solchen Schlager! Deutschland wär' wie geschaffen dafür! Säcke voll Geld könnten wir machen. Aber das will mein Mann nicht. Im schlimmsten Fall und wenn alle Stricke reißen, wird er ein paar Tage eingesperrt. Aber dann sollen Sie mich mal kennen lernen!" Und sie tippte so erregt mit dem Zeigefinger auf den Tisch, daß die Tassen wackelten. "Dann sollen Sie mal sehen, wer ich bin!"