Erfüllt das Gebot, oder des Himmels neues Zeichen stürzt euch alle ins Grab.
Behend sprang hier Jeder auf, nach seinem Platze auf der Verschanzung zu eilen. Tata hattedoppelt sicher gehen wollen, und während der Zeit, wo der Wall von seinen Vertheidigern leer war, einen Sturm anbefohlen. An vielen Stellen hatte man den Graben bereits durchschwommen, und beträchtliche Haufen kletterten schon an dem Walle hinauf, doch nun stürzte die erschrockene, durch eine höhere Furcht, als die vor dem feindlichen Angriff, entflamme Menge hinzu, ein wüthend Gemetzel entstand, die Stürmer wurden in den Graben zurückgeworfen, und die Felsstücke, welche Alonzo an seinem Rande hinreihen ließ, auf sie niedergerollt, daß fast keiner zurück ins Lager kam.
Nach dem vorhin Angedeuteten begreift der Leser wohl, wie elektrische Vorrichtungen das hervorgebracht hatten, was Unkunde und Empfänglichkeit für Aberglauben, Wunder nennen mußten. Den ersten Schlag empfingen die Aufrührer durch das eiserne Thor selbst, den andern durch einen aus dem Keller emporgeleiteten Draht, womit Perotti einen in der Menge berührte.
Bald sahe Flore Abgesendete aus dem Volke, welche im Staube flehten, den tapferenKampf gegen Tatas Sturm, der Unbesonnenheit des verführten Volkes, zur Entschuldigung gelten zu lassen. Sie verzieh auf die Bedingung künftiger Unerschütterlichkeit.
Sie zeigte sich oft den Kriegern, sorgte reichlich für sie, munterte durch Belohnungen auf und gewann sich die Herzen aufs Neue.
Dem Tata schickte sie eine Botschaft hinaus, welche ihm sagen sollte: Ihr sey es nicht zu verargen, wenn sie sich gegen Schande und schmachvollen Tod zur Wehr setzte. Er mögte abziehn, damit kein Blut mehr flösse, und Kuku melden, was er gesehn hätte. Wenn Kuku aber selbst käme, dann wolle sie unbewaffnet ihm entgegen gehn, sein Herz würde sie dann hören.
Tata ließ aber den Darkullaner, welcher die Botschaft brachte, sogleich aufknüpfen, und erfuhr sogar nicht, was die Sultanin ihm wollte. Zu ergrimmt war er ohnehin über den Verlust beim Sturm und sein Mißlingen, und willigte auch bei andern Versuchen in keine Unterhandlung. Dagegen ließ er immer wieder des Großpriesters Bericht ablesen, und immer wurde hinzugesetzt:Darkullaner, eine höllische Gaukelei betrog euch, laßt euch die heilige Eselin zeigen, und ihr werdet sehn, welche Missethat die Cafferin verübte.
Das verfehlte denn doch nicht allen Eindruck, nachdem der erste Schrecken über die Elektrizität gewichen war. Wo ist der Großpriester? diese Frage wurde öfters gehört, man wünschte allgemeine Gebete um Waffenglück, wo die heilige Eselin in Prozession umhergeführt, und in die Mitte gestellt wurde.
Es erschien dieserhalb eine Bittschrift bei der Sultanin. Sie erwiederte: Wie schon Tag und Nacht im Tempel gebetet würde, und deshalb auch kein Priester ihn verlassen dürfe, (sie waren aber in Gewahrsam, denn sie hatten nun doch den Zustand des Thieres gesehn, und konnten dem Volke schlimme Dinge ins Ohr sagen) da aber die öffentliche Andacht gewünscht werde, so könnte sie in einigen Tagen statt haben.
Bald darauf mußten die Herolde ankündigen: Die Hälfte der Bewaffneten sollte sich einfinden, die andere auf dem Walle bleiben. Florehatte rund um den Eselstempel die nahen Gebäude wegreissen, und in der Entfernung von einigen hundert Schritten einen Verschlag anbringen lassen. Gegen Abend sammelte sich die Hälfte der Krieger, strömten alle Weiber und Kinder aus der Stadt zu. Ein langes stummes Gebet machte den Anfang der Feierlichkeit, dann trat Flore auf und hielt eine noch längere Rede, indem sie bald nach dieser, bald nach jener Seite der Schranken ging, überall ihre Worte zu wiederholen. Hauptsächlich trug sie vor: Darkullaner, die Würde der Religion Mahomeds hat eure Herzen gerührt, doch noch ruht des Propheten Zorn auf euch, da ihr das Joch alter Abgötterei noch nicht abzuwerfen vermögt. Zweierlei Andacht ist frevelhaft. Eine tadelt die Andere. Manche Noth, die seit kurzem dies reizende Land heimsuchte, mag eine Strafe der Untreue seyn, die immer einer Gottheit widerfahren muß. Weit entfernt sey es von mir, entscheiden zu wollen, welche die allein wahre ist, die ältere oder die neuere? Aber die Zeit ist gekommen, wo sich die allein wahre, durch ein Wunder der Allmacht offenbarenwill. Das sagte mir ein heiliger Traum. Wohlan, so vereint denn eure Gebete brünstig mit dem meinigen. Wie eure Sultanin, sinkt aufs Knie, und fleht, daß dies Wunder heute vor euren staunenden Blicken erscheinen möge. Seht, hier steht der Tempel der heiligen Eselin! Aus seinem Fenster glänzt der Opferlampe Schein durch die Nacht. Dort auf der andern Seite prangt die Moschee, stattlich aufgeführt, durch die Gefühle der Gläubigen geweiht, um dort den Gottesdienst zu feiern, den des Propheten Coran auferlegt. Fleht, daß an den Tempeln noch in dieser Nacht kund werde, welcher von ihnen dem Himmel der gefälligste ist!
Alles warf sich nieder. Die feierliche Erwartung, der Fanatismusaufs höchste gespannt. Leises Beten der Einzelnen, halblautes Seufzen, aber in der Vielheit in der nächtlichen andächtigen Stille, schon ein wesentliches Geräusch. Einige Zeit vergeht, dumpfe Pause folgt der auf den Lippen und von den Busen hörbaren Inbrunst, dann tönt Florens Stimme wieder, und die andern fallen neuerdings ein. Dicke Nacht umgiebt die Knieendenund der Himmel ist umwölkt. Selbst die Opferflamme im Tempel glimmt düster.
Plötzlich wird ein dumpfer unterirdischer Donner vernommen, und die Erde, worauf die Andacht sich niederschmiegte, bebt. Dieser Donner löst sich in ein hohles Knarren, ein gellendes Krachen, zuletzt in einen orkanhaften Knall auf, bei dem alles aus Schrecken aufs Antlitz sinkt. Ein helles Umleuchten. Ueberraschung mahnt aber in demselben Momente, alle Blicke, sich wieder emporzurichten. Halbgeblendet, staunen, starren sie nach dem Götzentempel hin, der in Trümmern zerschellt in einer hohen Feuersäule in die Wolken steigt. Dampf, Rauch und dicker Staub verschlingen bald wieder die Blitzeshelle, die zerrissenen Mauern sinken aber brennend und rauchend auf den Boden zurück, Erde fällt weit umhergeschleudert auf die Beter nieder.
Mahomed ist Gottes Prophet!tönt nun eine Stimme aus der Höhe, nach der Moschee richten sich alle Augen. Sie ist von lauter feurigen Lichtern umgeben, kleine Flammen, Sternen gleich, steigen aus den Minarets empor, undoben zeichnet Feuerschrift mit großen Charakteren den Namen des arabischen Religionsstifters. Die Empfindungen der Menge ergeben sich von selbst.
Daß eine Mine den Götzentempel in die Luft gesprengt hatte, sieht jedermann ein. Wo so leicht gebaut wird, wie in Darkulla, ließ sich in ihrer Nähe aushalten, bei dicken Steinmauern wären wohl manche der Beter zertrümmert worden.
Die Priester machten die Reise mit, obgleich Flore gewollt hatte, man sollte sie retten, und irgendwo verbergen. Perotti meinte: besser sey besser, und erklärte, als er Florens Vorwürfe hörte, er wolle alle die Priesterseelen auf sein Gewissen nehmen.
Auch die heilige Eselin ohne Ohren ward bei dieser Gelegenheit zerrissen, und man war der schlimmen Untersuchung überhoben. Alonzound Perotti tappten noch in der Nacht mit kleinen Blendlaternen umher, und brachten die Stücke der Körper zusammen, die etwa oben auf den Trümmern lagen, um sie zu verscharren. Der Glaube sollte meinen, alles Leben sei hier völlig vernichtet worden.
Die Moschee erleuchtete ein Feuerwerk, von dem alle verrätherische Ueberbleibsel auch weggenommen wurden, und damit das alles destomehr ohne Beobachtung geschehen konnte, ließ Flore beim Sonnenaufgang, diesen Tag dem Fasten und Gebeten widmen, denen, mit Ausnahme der Krieger auf der Verschanzung, Jedermann daheim im Hause obliegen sollte.
Vielleicht wundert man sich, wie es Alonzo und Perotti möglich wurde, so mancherlei Geheimes ins Werk zu richten, und die Arbeiter in der Werkstatt zu bewachen. Aber es ist auch oben erinnert worden, wie letztere dabei mit Leben und Wohlfahrt interessirt waren. Bei dem allen hatte Perotti von den entlassenen stummen Kammerherrn gehört, meinte, hier ständen sie an ihrem Platz, und berief sie ein. Sie mußten Aufsichtüber die Künstler führen, Neugierige abhalten, und wo es sonst nöthig wurde, Hülfe leisten.
Zum Unglück aber konnte einer von ihnen schreiben, sogar etwas denken. Er sah von den Arbeiten ab, was ihm möglich war, und überlegte, daß er dem Bruder des Sultans mit Nachrichten über diese Gegenstände, willkommen sein dürfte. Wenigstens lächelte er ihn an, und versicherte ihn seiner Gnade, ein Genuß, welcher ihn, so lange er vom Hofe entfernt war, nicht gelabt hatte.
In Tatas Lager sah man den Aufflug der Mine und die Verklärung des islamitischen Tempels gar wohl, und die Krieger fanden sich wunderbar durch die Erscheinungen bewegt. Ein Wispern und Flistern durchlief die Reihen: man führe schlimmen Krieg, Gott stände dem Feinde bei. Tata erschrack darüber nicht wenig, und wußte doch nicht, wie er den bösen Eindruck bei seinen, und den guten bei Nenes Kriegern, den diese unerhörte Dinge ins Leben gerufen hatten, tilgen sollte.
Da kam in der Nacht jener stumme Höfling,dem es gelungen war, aus der Stadt zu schleichen. Die widerrechtlich eingeschlummerten Schildwachen mußten dazu einen Todtenschlaf gehabt haben, da der Parfüm des Vorüberschleichenden sie nicht weckte. Genug der Höfling war da.
Man reichte ihm einige Palmblätter, darauf niederzuschreiben, was er anzubringen hatte. Einige wurden mit Artigkeiten angefüllt, dann ging es zur Sache über, wo dem Fürsten Tata versichert wurde, wenn es ihm Vergnügen mache, werde er, der Ankömmling, die Ehre haben, auch feurige Erscheinungen und entsetzliche Donnerwetter hervorzubringen.
Ich dachte es, rief Tata, ich dachte es, Gaukelei liege zum Grunde, oft habe ich gehört, daß die Caffern im Ländchen Europa mit ihrem schwarzen Staub, Blitz und Donner machten; den Feuerschlund, welchen unsere Krieger einst eroberten, würden wir auch laden und losbrennen können, wenn uns der Staub nicht fehlte.
Jener klopfte der weisen Rede mit seinen Händen Beifall, und schrieb wieder: er habe das Geheimniß abgemerkt.
Sogleich wurden ihm Handlanger in Menge zugesellt, die Gegend war an Salpeter und Schwefel reich, man half sich mit den Kohlen so gut es gehn wollte, und nach einigen Wochen besaß Tata einen großen Vorrath an Schießpulver. Stand es gleich um die Mischung und Körnung desselben fehlerhaft, war es immer geeignet, Staunen und Schreckniß unter die Darkullaner zu verbreiten, und Florens Triumph zu stören.
In der Stadt vermuthete man gar wohl, daß den Belagerern eine solche Kunde zugekommen sei. Denn es wurde der Flüchtling vermißt und Tata ließ auch vor den Wällen ausrufen: er werde nächstens auch solche feurige Erscheinungen hervorbringen, wie die Gauklerin Nene, welche die Darkullaner schändlich betröge, und sich frevelhaft rühme, der Gottheit Wunder erfleht zu haben. Das machte allerdings, daß die erste Stimmung nach jener Nacht, die Floren vollkommen günstig gewesen wäre, wie eine neue Religionsstifterin in Darkulla aufzutreten, in eine gewisse Kälte, eine mißtrauische Bedenklichkeit, undeine gespannte Erwartung, was im Lager vorgehn werde, überging.
Das Kleeblatt, Flore, Alonzo, und Perotti, berathete also, wie, wenn auch Tata Explosionen mit Schießpulver zu Stande brächte, doch Vorliebe, Bewunderung und Ehrfurcht auf dieser Seite zu erhalten, und noch siegender als zuvor dahin zu lenken wären.
Tata ließ unterdessen einen ungeheuren Esel anfertigen. Es geschah in einem Verschlag, daß die Ansicht der zunehmenden Arbeit nicht dem Eindruck der Vollendung schaden sollte. Daneben war der Plan sehr klug, einen Theil des Walles zu untergraben, und in die Luft zu sprengen. Das sollte in der Nacht geschehen und dann der Esel mit Feuerwerksmaterie behende auf Rollen durch die Bresche in die Stadt geschoben werden.
Alonzo, der gern etwas Genaueres wissen wollte, redete mit jenem Darkullaner, der zuerst die treue Nachricht überbracht hatte, und bewog ihn, im Finstern durch den Graben zu schwimmen und sich einen Tag im Lager aufzuhalten, woman, ihn für einen Krieger Tatas haltend, keinen Verdacht schöpfen würde. Dann sollte er alles erspähn, und zurückkehren.
Der Neger, fest in seiner Anhänglichkeit, richtete den Auftrag zur Zufriedenheit seiner Sender aus, und diese erfuhren Tatas Absicht vollkommen, waren mithin auch im Stande, Gegenmittel vorzukehren.
Die Stelle des Walles, an welcher die Kluft ausgehöhlt ward, (eine Arbeit, welche die Belagerer immer in der Nacht vollzogen, nachdem die Arbeiter über den Graben geschwommen waren) blieb nun nicht unbekannt, und es wäre ein leichtes gewesen, die Höhlung wieder auszufüllen, und keinen Gräber mehr hereinzulassen. Das wollte man aber nicht, der Triumph wäre nicht glänzend genug gewesen. Es wurde vielmehr hinter jener Stelle ein neuer Abschnitt von einem Wall und Graben gemacht, weit genug, daß die Kraft des im Hauptwalle entzündeten Pulvers ihn nicht treffen konnte. Dazu legte man in der Mitte dieses Abschnittes noch eine kleine Mine an. Zu welchem Behuf, werden wir hören.
Jetzt gedieh auch die chemische Beschäftigung mit dem Vitriol, und dem kleingehackten Eisen mehr, und es wurde so viel brennbares Gas gewonnen, als zu den vorgesetzten Zwecken erforderlich war.
Aus feinem gewächsten Seidenzeuge fertigten die Männer eine Hülle, die aufgebläht die Gestalt eines Engels mit ausgebreiteten Fittigen nachahmte. Das brennbare Gas füllte diesen seidenen Körper, und wohlverschlossen wurde er in der Nacht an einem sehr langen dünnen seidenen Strange in die Luft gelassen. Das Ende des Stranges war in einem Zimmer angeknüpft, dem kein Ungeweihter nahen durfte.
Am Tage sahe niemand den Strang, weil er zu dünn war, und in einer beträchtlichen Höhe aus dem Pallaste stieg; der Cherub hatte sich vollends allen Augen entzogen, und schwebte hoch im Aether.
Nun kündigte die Sultanin abermals eine öffentliche Gebetfeier an, die aber diesmal auf den frühen Morgen bestimmt war. Wie neulich mußte sich das Volk versammeln, aber Florezeigte sich nur von einer Zinne des Pallastes, auf welcher sie frei stand. Hier wurde das Volk wieder ernst aufgerufen. Die Rednerin sprach über die Tücke und Ruchlosigkeit der Feinde, welche sie verderben wollten, wie sichtbar auch der Schutz höherer Mächte sei; wie sie sich bemühten, sogar den Glauben wankend zu machen, ja wie die Sultanin in Erfahrung gebracht, daß sie Teufelskünste bereiteten, um die hohe Erscheinung verspottend nachzuahmen. So fleht denn alle, setzte sie hinzu, daß der Herrscherin Geist von Oben erleuchtet werde, daß sie stark und weise genug sei, des Gegners Bosheit zu vereiteln.
Sie kniete oben, unten sank die Menge nieder. Ein langes stummes inbrünstiges Gebet, bald von einzelnen Seufzern unterbrochen, dann ein gemeinsamer lauter Chorus, der aus tiefen Herzen die Bitte tönen ließ.
Plötzlich vernahm man einige liebliche Akkorde, die aus den himmlischen Gefilden herabzusteigen schienen. Alles ward still, kein Athem mehr hörbar, denn jedes Ohr wollte die wundersüßen fremden Wohllaute trinken. Die Blickestaunten empor in die Region des Liedes, wußten aber nicht, wie es ins Leben gerufen wurde. Doch ein Pünktlein ward bald darauf in der Höhe sichtbar. Ein Gestirn im reinen Blau des Morgenschimmers, wenn schon die Sonne hoch über dem Horizonte prangt — dies hatte noch keines Darkullaners Auge gesehn. Doch der Punkt ward heller, größer, schien sich herzuneigen aus den stillen Lüften. Die andächtigste Erwartung, frommes wollüstiges Beben in jeder glühenden Brust. Doch bald kein Punkt, kein Stern, kein Mond mehr. Ein glänzender schöner Knabe, vom Schimmer der Verklärung umflossen, getragen durch ein leichtes Goldgefieder, eine Harfe in der Hand. Daher tönten also die entzückenden Melodien. Auf den Rücken warf sich alles, die Hände zur Anbetung emporgestreckt. Keinen Augenblick wollte man im Anschauen des himmlischen Boten versäumen.
Endlich senkt sich die Engelsgestalt auf die Zinne des Pallastes nieder, wo Flore kniete. Sie berührt den Boden nicht, umschwebt nur der Sultanin Haupt, und scheint ihr himmlischeKunde zu vertrauen. Bald darauf erhebt sie sich wieder, unter der alten Göttermusik, verkleinert sich, und dann bleibt nichts mehr den Sinnen wahrzunehmen, als ein süßer Duft, der, seitdem die Gestalt näher kam, die Athemzüge mit balsamischem magischen Hauche labte.
Der Leser weiß, wie die ästhetischen Gaukler verfuhren. Ein Aufrollen des Fadens, und das Abrollen nachher, bewirkten das ganze Wunder, nachdem die ärostatische Figur einmal in die Höhe gelassen war. Eine Aeolsharfe, die die Gestalt trug, und einige andre auf der Zinne angebracht, sangen mit Zephirs Beistand die wonnigen Harmonien, und eine, aus den erwähltesten Blumen gezogene Essenz wurde reichlich verschwendet, um mehr als einen Sinn zu bezaubern.
In der folgenden Nacht mußte aber der Engel herunter, und ward sehr sorgsam versteckt, denn ein besonders scharfes Auge, das immer auf die Zinne geblickt hätte, könnte doch wohl den Faden entdeckt haben. Undscharfsinnigsind die Neger, wobei man das Wort nicht in dem Verstandezu nehmen braucht, welchen ihm eine verschobene Sprachmanier unter uns gab.
Wir schweigen davon, was Flore nun den Kriegern in der Stadt war, und wie es ein Spiel wurde, sie überall nach ihrem Willen zu lenken.
In Tatas Lager hatte man übrigens auch die Lichterscheinung wahrgenommen, und sie dem Heerführer angezeigt. Dieser tritt aus seinem Zelte, und erblickt im Luftraum den ungewöhnlichen strahlenden Gegenstand. Begreifen konnte er nicht, was er sah, doch ermangelte ihm die Fassung nicht, den Schluß zu ziehn: Wer einmal Blendwerkskünste treibt, ist geneigt, öfter dazu seine Zuflucht zu nehmen, und was man bei ihm Nicht Erklärbares findet, berechtigt immer, auf neuen Trug der Art zu schließen. Sogleich ließ er den Befehl rund um die Linie ergehn:es sollte sich alles platt aufs Gesicht niederwerfen, und nicht wieder erheben, bis die Trommel ein gewisses Zeichen gäbe. Klüglich wollte er hierdurch ausweichen, daß seine Leute der Anblick irre machte.
Sein Ueberläufer konnte keine Auskunft geben; nur die Bereitung des Pulvers, nicht das chemische Laboratorium hatte er gesehn. Doch wurde gleich beschlossen, er sollte in die Stadt zurückschleichen, um auch die unbegreifliche Kunst abzusehn, woran er freilich nicht gern wollte.
Doch war auch für die folgende Nacht etwas Anderes vorbereitet, und Tata hoffte um so mehr davon, als es seit einigen Wochen seine ganze Anstrengung aufgeboten hatte. Die Höhlung im Walle war fertig, und schon mit Pulver geladen.
Nun brachte man den mit Feuerwerksmaterien behangenen und entzündeten Esel aus dem Verschlage. Unter dem Ruf: Mahomed ist der wahre Prophet, aber auch der Väter Götter thronen im Himmel! ward er gegen den Wall geschafft. Auf ein vom Feldherrn gegebenes Zeichenward die Mine angebrannt, und ein Stück Wall flog krachend zur Höhe, deckte auch, wie man erwartet hatte mit der niedersinkenden Erde einen Theil des Grabens. Noch etwas Strauchwerk zur Aushöhung, und der Esel konnte hinüber, und hielt einen Einzug, dem des Rosses von Ilion ähnlich, wenn schon mit minderem Glück. Zugleich mußte ein dicker Haufe mit vordringen, um den Sturm auf die Stadt zu bestehn, während der Esel schon psychologisch alles überwunden hätte. So hohe Aussichten eröffnete sich die Erwartung von dem Thierlein, das freilich oft mehr gilt, wie man glauben sollte. Darf man Kleines mit Großem vergleichen, so ist hier die Anekdote in Erinnerung zu bringen, wie einst ein berühmter deutscher General sagte: Meine Regimentsmusikanten taugten nicht, ich ließ sie aber fleißig auf einem Esel reiten, und nun blasen sie vortrefflich. Ein anwesender witziger Prinz bemerkte:Was doch ein Esel vermag!
Gleichwohl ging es dem Esel Tatas, wie seinen Kriegern überaus schlimm. Diese fanden im Vordringen einen neuen Graben. Neger durchschwimmenden wohl bald, aber ein neuer Wall mit spitzen Pfählen ausgesteckt, täuschte die Hoffnung, weiter zu kommen, grausam. Der Raum füllte sich um so schneller, als laut dem entworfenen Plan, die Krieger hinten dichte aufrückten. Da nun der Raum angefüllt war, gab Alonzo das Zeichen,seineMine zu sprengen, und es flogen Esel und Mannschaft in die Luft, wogegen die Belagerten, die zeitig den neuen Wall mieden, nicht einen Krieger verloren.
Der Morgen enthüllte einen Anblick voll Grausen. Mehr als Tausend von Tatas Leuten waren dahin, zerrissenes Gebein überall herumverstreut. Der Abschnitt spottete eines abermaligen Angriffes.
Tata beweinte die Verlornen, doch sein Muth wuchs mit dem Widerstande. Der Ueberläufer sollte und mußte in die Stadt. Allein die Unfälle folgen sich gern. Er wurde ergriffen und gehängt, aber an einen Galgen von Mahagoniholz und einem parfumirten Strick. Man war auch so artig, auf einer mit einem Pfeil hinübergeschossenenVisitencharte das traurige Ableben zu melden.
Wohlan, rief Tata, seine Truppen anredend, an loser Kunst ist uns die rebellische Cafferin überlegen. Laßt uns aber sehn, ob sie auch Mittel finden wird, samt ihren treubrüchigen Soldaten, dem Hunger zu entgehn. Wir sind zahlreich genug, jeden Eingang zu bewachen. Auch kein Reiskorn darf in die Mauern der Stadt. Daß der Mangel bereits wüthet, ist mir bekannt. Laßt uns hier liegen, entweder die Noth reibt sie auf, oder sie müssen sich uns ergeben.
Freilich sahen sowohl Flore, wie ihre Räthe, die ängstliche Lage ein, worin sie die Entbehrung aller Zufuhr brachte.
Die Niedergeschlagenheit wegen dieses traurigenUmstandes verminderte die Freude über die letzten Siege gar sehr.
Man hatte zwar schöne Gärten, die neben den trefflichsten anderen Obstarten, Brotbäume, Sagopalmen, Oelpalmen, Ananas und Pisangpflanzen trugen; auf den Teichen schwammen der Albatros, der Anhinga, der Papagoientaucher und Pelikan; aus ihren klaren Wogen fischte man den Zitteraal, den Paru, den Chätodon, Cephalus, den Cobitis, Polynemus, und andre leckre Wasserthiere, wie auch die Ufer dieser Teiche, so artig gestaltete, als fein nahrhafte Schildkröten, Muscheln und Schnecken lieferten; aber wie mäßig auch verfahren wurde, wie enthaltsam der Mensch im heissen Erdgürtel an sich ist, die Zahl derer, welche Anspruch auf die Lebensvorräthe machten, stand mit diesen in keinem Verhältnisse. Gärten und Teiche zeigten bereits merkliche Abnahme, und es wurde sogar beschlossen, die Menagerie des Pallastes anzugreifen, die ohnehin aus Futtermangel nicht mehr zu unterhalten war, aber freilich auch für einige Zeit noch aushelfenkonnte, denn es fanden sich ganze Ställe voll Giraffen und Heerden von Straußen da.
Der treue Darkullaner aber sagte zur Sultanin: Wie ich zu dir kam, berichtete ich dir, daß ein Haufe von dir ergebenen Knechten sich im großen Dattelwalde gesammelt habe.
Alonzo fiel ein: daß ihnen ein Anführer mangele. Der hat sich gefunden.
O fuhr jener fort, dann sind sie auch wohl schon stark genug, etwas im offenen Felde wider Tata zu unternehmen. Laß mich noch einmal entschleichen, Sultanin, ich suche die Männer auf, melde die Bedrängniß, und können sie Tata nicht ganz überwältigen, so wird doch während eines nächtlichen Kampfes, der von der Stadt unterstützt werden muß, es möglich werden, Hundert beladene Kameele in ein Thor zu treiben.
Flore rief aus: Ich verdanke der Erfindung Perottis in jenem Aufruhr das Leben; Alonzos kühne Einfälle haben mich in der Gunst des Volkes befestigt, und Tatas Angriffe bis jetzt vereitelt; wer nun noch Mittel erdenkt, dieseSchaaren dem Hungertode zu entziehn, hat einen gleichen Anspruch auf meinen Dank.
Alonzo sprach: So viel der Europäer sonst möglich machen kann, hier will mir nichts beifallen. Und die Hoffnung, welche der Neger hegt, scheint sehr unsicher, es wäre denn, der Haufe von Getreuen hätte sich über die Erwartung beträchtlich gemehrt. Dann steh ich für den Anführer ein.
Aber wer ist denn dieser Anführer? Davon weiß ich ja noch nichts, sagte Flore.
Alonzo erwiederte lächelnd: Einer unserer Caffern, der viel Talent zum Kriege offenbarte.
Perotti kratzte den Kopf, und nahm das Wort: Ich habe schon an so vielerlei gedacht. Wären nur Tauben abzurichten, die in ganzen Schaaren zu unsern Freunden flögen, und denen diese kleine Fläschchen mit Wein, oder Ananas an den Hals hingen, oder wenn unsre Anhänger eine Batterie von großen Mörsern zu errichten wüßten, und uns daraus Melonen, Pfauenschinken und Korbflaschen mit Maraskinoliqueuren zuwürfen.
Ein kühner Ausfall, nahm Alonzo wieder das Wort, muß uns Proviant erkämpfen. Wir bemächtigen uns der Vorräthe, welche der Feind häufte, mit Gewalt.
Flore war in Traurigkeit versunken. Und wohin führte es am Ende, fragte sie, wenn auch das noch gelänge?
Sei getrost, sprach der Darkullaner. Dieser Mehemed sprach von Tauben. Es war eine Art Ahnung. Wisse, daß ich schon seit einigen Wochen mit unsern Freunden durch Tauben Briefe wechsle. Was ich vorhin sagte, geschah, dich nach und nach auf eine höchst freudige Botschaft vorzubereiten. Ich brauche nicht von dannen zu schleichen, denn in dieser Nacht kömmt Hülfe.
Alle schrien froh auf.
Zum Heer ist das Häuflein im Dattelwalde herangewachsen. Alle Caffern vom Lande und begnadigte Beduinen schlugen sich zu ihm. Besser wurde es schon eingeübt, wie Tatas Krieger. Auch sie haben sich den schwarzen Staub bereitet, der im Kampfe so furchtbar ist. Doch fertigten sie auch Röhre ausGiraffengebeinen mit seidnen Strängen, Leder undEisenwerk überzogen, an, und schleudern geglättete Steine. Genug, die Rettung ist nahe. Wir müssen uns nur bereit halten, einen kräftigen Ausfall durch das Thor zu thun, während Tatas Krieger von rückwärts angegriffen werden, und alles wird gut gehn. Sind wir Ueberwinder, fällt auch Tatas Anhang der Sultanin zu. Alle die noch zaudern, und um der Sicherheit willen, partheilos gelten wollen, schließen sich dann an unsere Sache, Nene ist Meisterin des inneren Darkulla und indem sie den Eingang versperrt, wird Kuku auf immer von der Herrschaft ausgeschlossen.
„Das würde nimmer geschehn, wie mir auch das Waffenglück lächelte. Dem Sultan darf ich sein Land nicht vorenthalten, nur muß er sich mit mir verständigen, und einen guten Frieden eingehn, dessen Hauptpunkt mein Abzug zu den Meinen ist.“
So Flore. Alonzo und Perotti dagegen meinten: wenn die Herrschaft befestigt wäre, müsse es sich doch ganz artig in Darkulla leben lassen.
Der Neger hatte keine Unwahrheit gesagt. Gegen die Tiefe der Nacht erhob sich in Tatas Lager jähling ein wildes Geschrei: Zu den Waffen! Wir sind verrathen! In demselben Augenblicke vernahm man auch Artillerieschüsse, Sausen der Wurflanzen, Schwirren der Pfeile, Säbelklang, Wehklage der Sterbenden und Verwundeten, und was der Ripienstimmen noch mehr sind, welche ein Schlachtkonzert zusammensetzen, und die nachzuahmen, doch keinem andern Tondichter gelingen will.
In der Stadt waren Tausend Mann schon am Abend bereit gestellt worden, um in diesem Fall durch ein Thor auszubrechen, Alonzo bat sich nun die Ehre aus, sie anführen zu dürfen, und lud Perotti ein, die Rolle seines Lieutenants dabei zu übernehmen.
Gern, recht gern, rief dieser, und nahm einen langen Spieß in die Hand. AberCospetto di baco!brach er mit einemmale aus, können wirauch den Ausfall wohl sicher wagen? Kann Tata nicht den Darkullaner gewonnen haben, all das Getöse Kriegslist seyn, und man nur eine Falle legen?
Der Darkullaner überlieferte sich sogleich der Leibwache Florens, und bedeutete sie, ihm den ärgsten Martertod zu geben, falls er gelogen hätte.
Bei dem allen, meinte Perotti, sei es doch besser, er bliebe innerhalb, im schlimmen Fall dem Spanier einen gesicherten Rückzug zu bereiten.
Dieser lächelte. Ich merke, Signor Perotti, ihr seid ein besserer Meister in List, wie in Tapferkeit.
Kann sein, war die Antwort, verschieden theilte die Natur ihre Gaben aus.
Nun wurden die Balken, womit man die Thore verrammelt hatte, von einem derselben weggeschafft, mit einem Flosse der Weg über den Graben gebahnt, und Alonzos Trupp, durchglüht von Kampfgier und Verwegenheit, trat den Marsch an.
Tatas Krieger waren schon in die übelste Verlegenheit gerathen. Nicht in den Rücken erwarteten sie einen Angriff, die Wachen standen alle gegen die Stadt, hinterwärts Zelte, Hütten, Vieh, die Behältnisse der Vorräthe. Um nun gleich etwas entgegen werfen zu können, mußten die Wachen, durchs Lager nach hinten eilen. Da Alonzo aber eintraf, fand er keinen offnen Widerstand, und drang gleich bis ins Lager, wo die aus dem Schlaf erwachten Krieger erst gestellt wurden, und von der Stadt aus keinen Anfall ahnend, den Rücken dahin wendeten. Leicht ward es so, im Gemetzel Herr zu werden, und die Feinde zu Schaaren hinzustrecken.
Bald war eine große Lücke durchbrochen, und die Bündner, durch ein Loosungswort einander kenntlich, das in des Darkullaners Briefwechsel verabredet war, stießen zusammen. Alles vom Feinde Uebrige wurde in die Seite genommen, und das ist bekanntlich die Schaam des Kriegers, die ja bedeckt gehalten werden muß. Man rollte rund um die Stadt auf. Gnade nahm keiner der Belagerer an, obgleich das zur Wehr stellen,ganz zwecklos war, da gegen die überaus schmale Vertheidigung eine so breite Säule herandrang. Der aufdämmernde Morgen zeigte den Siegern den freudigen Gräuelanblick erst ganz, die Stadt war gleichsam mit einem Gürtel von schwarzen Leichnamen umgeben. Tata war gleich anfangs getödtet worden.
Wie der Seefahrer, den die ganze gewitterschwere Nacht hindurch, die Furcht vor Klippen und Sandbänken ängstete, am Morgen froh aufathmet, wenn Titans erste Strahlen die Einfahrt des freundlichen Hafens beleuchten, so fühlte Nene den Busen erleichtert, da, nachdem die Finsterniß geendet hatte, ein Bote auf den andern mit Siegesnachrichten erschien. Endlich kam Alonzo selbst und legte Tatas Schwert vor ihr nieder. Er war verwundet, doch nicht schwer. Flore umarmte den kühnen Greis dankbar.
Nun traf ein Caffer ein. Ihm folgten Hundert Kameele mit Lebensvorräthen, zudem alle dem Feinde abgenommene Waffen und Kostbarkeiten, welche andere Lastthiere trugen. Der Cafferfragte: wohin die Sultanin beföhle, daß alles das gebracht würde?
Flore überließ es Alonzo, Sorge zu tragen, riß ihre Diamanten vom Halse, sie dem Caffer zu schenken, und rief: Aber wo ist der Anführer des Heeres, dem wir Rettung verdanken? Warum seh ich den Helden nicht, ihm in meinen Freudenthränen die Fülle der Erkenntlichkeit zu weinen? Jener antwortete: Schon zieht er mit den Truppen ab, die hier nicht mehr nöthig sind, da nicht einer von deinen Feinden noch lebt. Er wird den Felsenpaß besetzen, damit kein neuer Widersacher eindringe.
Und ich soll ihn nicht sehn? Nimmermehr, eile ihn zurückzurufen!
Er wird sich nur zeigen, Sultanin, wenn dein Streit mit Kuku endete.
Nun, fiel Alonzo lächelnd ein, da müssen ihn doch wichtige Gründe bestimmen. Wärs auch nur die zarte Bescheidenheit, die keinen Dank ärndten will, gebührt es sich, sie zu ehren.
O, rief Flore in Feuer, hier ist nicht bloß von meinem Dank die Rede. Die Sultanin mußihm die Stirn mit einem Lorbeer schmücken. Und den hat ja, wie ich hörte, Cäsar getragen, und er soll doch auch bescheiden gewesen seyn.
Cäsar, gab der Spanier zur Antwort, hatte ein kahles Haupt; dies Gebrechen zu verbergen, diente ihm die Zweigkrone. Laß deinen Helden ziehn, nöthig ist es, den Felsenpaß zu besetzen.
Flore mußte es sich gefallen lassen, so gern sie auch dem Anführer der entsetzenden Truppen Dank und Lohn ertheilt hätte. In der Stadt dagegen ordnete man glänzende Feierlichkeiten an, alle Herzen neigten sich wärmer zu Nene hin; bald kamen zahlreiche Sendungen vom Lande, die ihr im Namen des ganzen Volkes den Wunsch darbrachten, ihr allein als Herrscherin von Darkulla huldigen zu dürfen.
Sie hielt da, wie es sich von selbst versteht, Reden, und wie es sich gar nicht von selbst versteht, sie machte sie selbst.
Machten ihr aber die Triumphe Freude, so schauderte sie bei dem Gedanken an das vergeudete Blut. Denn nicht nur bei der Hauptstadt, auch in der Provinz hatte des Krieges Flamme während dessen gelodert, aber ihre Parthei nach und nach allenthalben die Oberhand behalten. Aber der Erbitterung wegen, mit welcher afrikanische Krieger fechten, war die Summe der in all den Gefechten Erschlagenen groß, ja sie hatte einen gar merklichen Theil der Bevölkerung verschlungen. Sie floh deshalb den Anblick der Menschen und sann im einsamen Gemach nach, was hier weiter zu thun sei.
Bald darauf ließ sie Musa zu sich rufen. Er hatte sich immer noch in der Stadt aufgehalten, und ob Perotti ihm schon übel wollte, und ihn gern verdächtig gemacht hätte, so gab Flore nichts darauf. Höre, Dschelab, sagte sie zu ihm, hast du Lust eine Sendung zu übernehmen? Ich verspreche dir Gewinn.
Musa.Und warum nicht, erhabene Sultanin?
Flore.An Sultan Kuku?
Musa.Hm — wenn er des Bruders Tod erfährt, wird er übel zu sprechen sein, und der Kopf des Gesandten die böse Laune erfahren.
Flore.Ich hoffe, der Sendung Inhalt soll ihn versöhnen.
Musa.Der wäre?
Flore.Du magst ihm entbieten: Sultan Kuku! Du gabst Verläumdungen Gehör, und begehrtest der treuen Nene Leben. Wohl der Wurm erwehrt sich des Todesstreiches, so auch Nene. Oft ließ sie Tata Unterhandlung anbieten, er lieh ihr kein Ohr. Endlich fiel er durch das Schwert der Tapfern, welche unaufgefordert der Stadt zu Hülfe eilten, und Nene konnte nichts mehr als ihn beweinen, und ihm ein ehrenvolles Grab erhöhn.
Nene ist jetzt Herrin des innern Darkulla, und mit Mühe wird ein fremdes Schwert das Land ihr streitig machen. Wohl aber gedenkt sie, wie deine erste Liebe, dein erstes Vertrauen ihrdie Macht in die Hände gaben. Um dieser schönen Zeit, will sie die traurige Verirrung aus dem Gedächtnisse tilgen, wo deine Grausamkeit sie zwang, sich kriegend gegen dich zu vertheidigen. Bereit ist sie, dir dein Land mit allen Reichthümern zurückzugeben, so du schwörst, sie mit sicherem Geleit nach Egypten ziehn, und dem Volk, das für sie stritt, alle Rache zu erlassen.
Musa.Ein freundlich Anerbieten. Ich richte die Sendung aus.
Flore.Und was meinst du, daß der Sultan beschließen werde?
Musa.Aufrichtig, daß er dich ziehn läßt, glaube ich nicht. Seine Liebe —
Flore.O die haben Zeit und Abwesenheit getilgt, wie hätte er sonst meinen Kopf fordern lassen.
Musa.Aber kann man denn nicht demungeachtet heiß, recht heiß lieben?
Flore.Eine ächt afrikanische Frage! Freilich ließ er seine vorigen Weiber einst morden. Gigi sollte auch die heisse Liebe empfinden, lehnte aber die Ehre ab. Es heißt: der Kriegwider Gigi nähme jetzt glücklichere Wendungen. Ich wollte, Gigi würde Kukus Gefangene, er versöhnte sich mit ihr, und entbehrte desto lieber mich. Doch was rede ich. Nicht Liebe, Haß wirst du bekämpfen müssen! Und ich denke, das schöne Land soll alles gleich machen. Biete alle Kunst der Ueberredung auf! —
Musa sahe noch das prachtvolle Leichenbegängniß, das Flore dem Bruder des Sultans hielt, und die Errichtung seines kostbaren Denkmals im Pallasthofe. Dann reiste er auf der Stelle ab.
Daheim traf Flore nun viele Veränderungen. Der Senat wurde in den Ruhestand versetzt. Eben so die älteren Minister. Dagegen errichtete sie drei hohe Rathsstellen, und theilte sie dem treuen Darkullaner, Alonzo und Perotti zu. Gleichviel verdanke ich euch Dreien, sagte sie, billig, daß euch mit demselben Danke gelohnt werde.
Jeder bekam einen Zweig in der Landesverwaltung, den er pflegen sollte. Es ging aber dabei so erwünscht nicht, wie die Sultanin hoffte. Der Spanier, im Drange der Noth einst sothätig, war jetzt abgespannt, und überließ sich seinem alten Gram um Isabellen wieder. Was zu seiner Erheiterung geschah, war fruchtlos.
Der Darkullaner, so treu, wie er sich immer schon bewiesen hatte, war aber unfähig, Geschäften vorzustehn. Leidenschaften mußten bei ihm die Stelle der Vernunft einnehmen. Dazu ward er sehr stolz, und prunkte unmäßig.
Perotti hingegen, nahm nicht nur seiner zugetheilten Arbeit wahr, sondern riß auch die fremde an sich, daß Flore über seine Thätigkeit staunte. Immer wußte er ihr etwas Angenehmes zu berichten. Allein sie wurde meistens getäuscht. Der Schein, nicht die That. Perotti ladete die Arbeit Unterbeamten auf, und verfuhr selbst mit Oberflächlichkeit, und einer Kürze, welche eigentlich den Zeitgeitz zum Grunde hatte, den Zeitgeitz, der den Vergnügungen keine Frist rauben will. Bestechen ließ er sich unerhört, doch mußte es mit Dekoration geschehn. Da aber die Unterdiener denn doch hinter die Koulissen blickten, so machten sie es ihrerseits kein Haar besser, und der Italiener sah ihnen großmuthsvoll nach, ausgenommenes hatte einer es zu arg gemacht. Dann mußte er die Kunst verstehn, die Hälfte des Raubes der Exzellenz zuzuwenden, wenn er nicht verfolgt seyn wollte. Die Forderung erfüllte ein solcher getrost, denn um so offner und sicherer waren nun die Wege, die geopferte Hälfte doppelt zu gewinnen. Genug, Perotti hätte wohl in andern Ländern Minister seyn können, als in Darkulla.
Die drei Minister fingen auch bald an, gegen einander zu kabaliren. Jeder wollte die vorzüglichste Aufmerksamkeit der Monarchin für sich, jeder erinnerte an das, was er geleistet hatte, mit dem erheblichsten Anspruch.
Alonzo, der trotz seiner düstern Stimmung doch den Stolz nicht aufgegeben hatte, gab zu verstehen: Nur Volksgunst erhielt die Sultanin. Und wer hat diese durch erhabene, ja poetische Politik, wieder geweckt, höher entflammt, mächtig erhalten?
Der Darkullaner äußerte unverhohlen: Ohne ihn würde die Parthei in der Provinz nicht so angewachsen, Hunger endlich eine alles zu Bodenwerfende Empörung aufgereitzt haben, wenn er nicht durch seine Verbindungen es dahin gebracht hätte, daß das Heer zum Entsatz herangenaht sei.
Perotti hingegen spielte oft, als geschähe es aus aufgeklärtem Spott über das Alterthum, auf Eselsohren an, im Grunde aber wollte er immer mahnen:Meindamaliger Einfall rettete im Aufruhr Nenes Leben.
Sie sagte ihnen bisweilen: Ihr Herren, ich verdanke euch alles, aber ihr mir doch auch. Und wieder eben so viel bin ich dem Manne schuldig, der Tata schlug, und der bescheidener als wir Viere sich gar nicht einmal zeigt.
Ende des fünften Buches.
Beliebte altrussische Legende.
Boguslav, Fürst von Novogrod, starb im achtzigsten Jahre. Sechzig davon waren unter seiner glücklichen Regierung verstrichen. Sein einziger Sohn, ein Jüngling, kaum dem Knabenalter entflohn, fürchtete nun keine Vaterstrenge mehr. Die Vormundschaft einer zärtlichen Mutter hielt ihn nicht ab, seinem wilden Ungestüm Raum zu geben, und die Stadt erfuhr davon viel Unheil. Bewundernswerth konnte man die Leibeskraft des jungen Prinzen nennen. Tage lang ergötzte er sich in den Straßen mit Jung und Alt bei gymnastischen Spielen. Wehe aber den Theilnehmern. Wen Prinz Basil an der Handergriff, der war um die Hand, wessen Kopf er packte, der war um den Kopf.
Den Bewohnern Novogrods mißbehagte der Fürstensohn, mit seiner seltsamen Knabenlust. DiePosadniks(Herren vom Rath) versammelten sich, beriethen. Dann erschienen sie vor des Prinzen Mutter, und redeten also:Amelpha, Timophejewna!Edle Fürstin! Wir flehen um strengere Obhut über dein geliebtes Kind, Basil, Sohn des Boguslav. Untersage ihm die wilde Kurzweil, denn unsere große Stadt ermangelt der Bevölkerung.
Die gute Dame ward gerührt, sagte den Posadniks die Gewährung ihrer Bitte zu, verneigte sich dann, und entließ sie freundlich. Gleich ließ sie den Prinzen rufen, und ermahnte ihn mütterlich: „Um Gottes Willen, mein lieber Sohn, treib es nicht mehr mit Alt und Jung auf den Gassen von Novogrod. Dir ward die Kraft eines Ritters, aber nicht guten Brauch weißt du davon zu machen, denn der, dem du die Hand angreifest, ist um seine Hand, der, dessen Kopf du erpackest, ist um seinen Kopf. Das Volk murrt, und die Posadnikskamen zu mir, Klage zu führen. Empörten sie sich wider uns, was vermögten wir doch? Du hast keinen Vater mehr, ich bin eine schwache Wittwe. Würde deine Leibeskraft es mit Tausenden wagen? Wer zählte die Bürger in Novogrod? Darum mein lieber Sohn, empfange treuen Rath, und gehorche der liebenden Mutter!“
Basil, Sohn des Boguslav, horchte unterwürfig, und da Amelpha Timophejewna geendet hatte, beugte er sich tief und antwortete bescheidentlich: „Meine gute Mutter! Wenig kümmern mich die Posadniks, wenig die Bürger von Novogrod, aber viel deine wackre Ermahnung, und dein mütterlicher Rath. Ich verheisse dir, nimmer in den Straßen Kurzweil zu pflegen; wie aber üb’ ich künftig meinen starken Arm? Hast du mich geboren, daß ich nur am Ofen mich wärme? Wozu empfing ich diese ritterliche Mannhaftigkeit? O die Zeit wird kommen, wo die Posadniks erbeben, das ganze Land der Reussen mir das Knie beugen soll. Doch jetzt leiste ich dir noch Gehorsam. Vergönne nur, daß ich mir einigeKameraden auswähle, mit denen ich mich herumtummeln, und Ritterspiel üben mag. Gieb mir Hypokras[2]und Bier, daß ich die Stärksten und Kräftigsten lade, und Kampfgenossen finde, die meiner werth sind.“
Die Bitte fand Gehör. Amelpha Timophejewna ließ vor die Burgpforte Tonnen mit Hypokras und Bier stellen. Humpen aus gediegnem Gold, befanden sich daneben, und Herolde riefen durch Novogrod: „So jemand in Lust und Ueberfluß zu leben gedenkt, und sich schmücken mag mit reichen Kleidern, der zeige sich vor dem Pallaste Basils, Sohn des Boguslav. Doch zuvor prüfe er der Gebeine festen Bau, denn nur die Kühnen und Markigten liebt Basil, Sohn des Boguslav.“ So riefen die Herolde vom Morgen zum Abend, doch niemand erschien. Auch blickte der Prinz neugierig durch sein Gitterfenster nach Ankömmlingen aus, aber Niemand wagte die Tonnen zu berühren.
Endlich gegen die Nacht ließFomuschka der Langesich an der Pforte sehn. Er nahte einem der eichenen Gefäße, ergriff einen gewaltigen goldenen Humpen, füllte ihn mit Hipokras bis zum Rand und schlürfte ihn in einem Athemzuge. Wie Basil dies gewahrte, stieg er eilig in den Hof nieder, woFomuschka der Langesich befand, und versetzte ihm mit seiner schweren Keule einen tölpischen Schlag hinter das rechte Ohr. Fomuschka bemerkte den Schlag wenig, kaum wich die struppigte Locke seines schwarzen stieren Haares der Keule. Da hüpfte dem jungen Prinzen das Herz freudig. Er nahm Fomuschka bei der Hand, zog ihn die Treppe hinauf, brachte ihn in sein vergoldet Gemach. Hier umhalsete er ihn, und beide schwuren sich den Rittereid, als Brüder und Waffengefährten treu an einander zu halten, zusammen zu leben und zu sterben, zu trinken aus einem Humpen, zu speisen von einem Gericht. Endlich mußte sich Fomuschka an die eichene Tafel setzen, Zuckerwerk und Wein wurden aufgetragen, und man ließ sichs wohl seyn, in Jubel und Lust.
Zur andern Frühe, da Basil wieder durch das Gitterfenster spähte, ob niemand käme, an seinen Tonnen zu trinken, erschienBogdanuschka der Kleine. Dieser trat an das Bier, warf den goldnen Humpen zur Erde, hob eine große Tonne an den Mund, und leerte sie, ohne daß er einhielt, bis zum letzten Tröpflein. Basil rief den Gefährten. Sie nahmen zwei starke eiserne Lanzen der Rüstkammer, eilten hinab, und schlugen mit Leibeskraft auf des kleinen Trinkers Schädel. Doch Sieheda! in tausend Splittern brachen die Spieße, Bogdanuschka ward es kaum gewahr. Diese Probe entzückte Jene, sie nahmen ihn in die Mitte, geleiteten ihn durch den weiten Hof, über die schöne Treppe hinauf in das vergoldete Gemach. Hier Umarmung und Schwur der Treue und Bruderschaft bis zum Tod.
Bald verkündete ein Gerücht: Basil, Sohn des Boguslav wählte die riesenstärksten Jünglinge zu Gefährten, und schloß mit ihnen brüderlichen Verein. Die Posadniks schöpften Besorgniß, und beratheten wieder. Nachdem jeder seinenPlatz eingenommen, tratTschoudinder erfahrne Greis, in des Saales Mitte, neigte sich nach allen vier Seiten, zog wiederholt den weißen langen Bart durch die Hand, und sprach also: „Höret mich, Posadniks von Novogrod, und ihr alle, Männer des Volkes der Slaven die hier versammelt sind, höret mich! Bekannt ist es euch, wie unser Reich des Herrschers ermangelt, denn minderjährig ist der Sohn des Boguslav, und bis er das Mannesalter wird erreichen, sind wir Herren von Novogrod, und von den Landen im Umkreis.
Doch der fürstliche Jüngling, bestimmt, einst über uns zu gebieten, verheisset keine freundliche Hoffnung. Kaum den Knabenspielen entflohn, zeiget er bösartigen hochfahrenden Sinn, Grausamkeit ist seine Kurzweil. Waisen und Wittwen rufen schon in großer Zahl Wehe über seine Ergötzungen. Nun treibt er es mit den wildartigsten Burschen des Landes. Und warum? In guter Absicht? Dies lasset uns erforschen. Geben wir ein festlich Mahl, den jungen Prinzen zu laden. Hier mag sich enthüllen, welche Gesinnungenfür das Oeffentliche seine Brust verschließt. Einen großen Humpen starken Weines wollen wir ihm darreichen. Schlägt er ihn aus, sehn wir ein übel Zeichen, Bedenkliches führt dann der Sohn des Boguslav im Schilde. Trinkt er, wird die Verstellung aus dem muthwilligen Geiste weichen, wir entdecken, was er in Herzens Tiefen birgt, dennWahrheit ist im Wein! Gewahren wir nun tückisches Vorhaben, schlagen wir ihm ohne Zaudern sein Haupt ab, denn wohl leben andre Fürsten in Rußland, unter denen die Auswahl zu treffen ist, und gäbe es deren nicht, nun so könnten wir ihrer auch entrathen.“
Hier erhuben sich allePosadniks, und machten dem weisen Tschoudin ihre Verbeugung; dann rief es rund umher, wie von einer Stimme: „Ehre deiner Weisheit! Es geschehe was du willst!“
Schon mit dem Anbruch des folgenden Tages begannen die Vorbereitungen zum Feste. Im großen Saale des Rathhauses wurden lange Tafeln von Eichenholz hingereiht, bedeckt mit weißen Tüchern. Reichlich trug man Backwerk undConfekt auf, sauber geordnet in den Schüsseln. An den Wänden entlang prangten stattliche Tonnen mit Wein und Bier, über ihnen hing köstliches Trinkgeschirr aus Gold, Silber und theurem Holz. Da alles bereit stand, wurden etliche Posadniks nach der Burg entsendet, die Fürstin zu laden, und den Sohn. Nachdem sie ihren Auftrag ehrerbietig vollendet hatten, gab die gute Amelpha Timophejewna ihnen diesen Bescheid: „Spiele und Tänze sind für mich dahin, die Tage der Freude vorüber. Wie meines Lebens Sonnenstrahl noch glänzte, da mir der Gemahl, euer Gebieter, noch zur Seite stand, hab auch ich des Frohsinns Wonne gekostet, aber nun, da meines Lebens Sonnenstrahl entfloh, weil’ ich traurig im einsamen Gemache. Geht indessen zu meinem Sohne Basil, vielleicht schmückt seine Jugend eure Feier, so ihr ihn bittend begrüßt.“ Nach diesen Worten eilten die Posadniks, den jungen Prinzen zu sehn, und baten unterwürfig: zu schmücken ihr Fest durch seine Jugend. Basil verhieß zu erscheinen, wenn anders Amelpha Timophejewna einwilligte, und begab sich zu ihr.Darf ich dem Mahle der Bürger von Novogrod beiwohnen? fragte er. Die gute Mutter war es zufrieden, und ertheilte dem Sohne manchen belehrenden Wink, über das Betragen, welches er unter den heuchelnden Posadniks anzunehmen hätte, die sie gar wohl kannte. Trinke, mein Sohn, warnte sie, aber trinke nicht zu viel, listig sind die Posadniks, durchblicken wollen sie dich. Sei wacker auf deiner Hut, und so sie prahlen mit ihrer Kraft, ihrer Weisheit, ihren Reichthümern, so mögen sie prahlen. Schweige, und prahle nicht. Vor allen Dingen sei artig und herablassend, kränke Niemand durch unhöfliche Manier! — Nach dieser Rede schloß sie den Prinzen in ihre Arme, und dieser begab sich in den festlichen Kreis.
Die Posadniks empfingen ihn an den untersten Stufen der Treppe, und geleiteten den Prinzen in den Festsaal. Sie wiesen ihm gebückt den Ehrenplatz an, doch Basil verbat ihn, und ließ sich am Ende der Tafel nieder. Nun faßten sie ihn artig unter den Arm, führten ihn oben hin und sprachen: „Hier gebührt es dir, dich zusetzen, Sohn des Boguslav, dies ist dein Platz! Oft hat ihn der Fürst, dein Vater, eingenommen.“ Hierauf reichten sie ihm einen Humpen süßen Weins, und Basil trank, aß auch von dem Backwerk und Confekt, womit er bewirthet wurde. Doch trinkend und speisend saß er da, wie eine züchtige Jungfrau, und kein Wort entfloh seiner Lippe.
Indessen begannen die Posadniks zu scherzen und zu plaudern, bald ließ sich auch eitle Prahlsucht vernehmen. Einer rühmte sich dies, der andre das. Der lobte sein schönes Pferd, jener seine junge Frau. Hier wurde mit Reichthum, dort mit Leibesstärke groß gethan. Wieder einer prunkte mit Klugheit. Sie schrien alle auf Einmal. Doch Basil, Sohn des Boguslav, ließ sich durch solch Beispiel nicht anlocken. Er brach sein Schweigen nicht, mogten sie prahlen nach Herzenslust. Endlich redeten der weise Tschoudin, und der reiche Satka ihn also an: „Warum bleibst du allein stumm, fürstlicher Jüngling? Wohl könntest du deine Vorzüge rühmen!“ Und der junge Prinz gab bescheidentlich zur Antwort: „Posadniks, ihr seid Männer hoher Achtungwerth. Euch ziemt es frei und kühn zu reden. Wie aber sollte ich mich vor euch preisen, ich ein Jüngling noch, und verwaist? Wohl besitze ich einiges Gold, Silber, Edelgestein, doch bin ich es nicht, der die Schätze zu erwerben wußte. Auch ich werde einst zur Reife gedeihen, und dann sei es mir auch vergönnt, mich den andern gleich zu stellen.“ Die Posadniks waren verwundert, ob der bescheidnen und verständigen Rede, flüsterten einander zu, und pflogen ferneren heimlichen Rath. Da ihr Entschluß genommen war, füllte Tschoudin einen großen Humpen mit starkem Wein, und brachte ihn dem Prinzen mit den Worten: „Wer liebt der Slaven Lande, und das große Novogrod, leeret den Humpen!“ Nun konnte Basil sich nicht weigern, er faßte das Geschirr, und trank bis zum letzten Tropfen. Aber da nun die Posadniks in der vorigen Weise fortfuhren, erhitzte der Geist des Trankes des jungen Prinzen Gehirn, und nicht weiter vermogte er an sich zu halten.
„Ihr Gecken, rief er aus, wisset wer Basil ist, der Sohn des Boguslav, und schweigt! Basilist Herr über Reussen, alle Lande der Slaven sind ihm unterthan. Novogrod soll ihm Tribut zahlen, und diePosadniks in seiner Gegenwart knien.“
Bei diesen Worten fuhren die Posadniks zornig auf. Sie erhoben sich von den Sitzen und schrien allzumal: „Nein, nicht gebieten wirst du über der Slaven Lande, nicht beugen wollen wir uns vor dir. Tirannensinn brütet dein bösartig wildes Gemüth, und es thut uns kein Herrscher Noth. Darum räume unsere Stadt, das Reich, und das morgen wie der Tag beginnt. Und wirst du nicht im Guten dich fügen, soll Gewalt dich zwingen.“
„Ich fürchte weder euch noch jemand auf Erden,“ antwortete der Prinz. „Waffnet ganz Novogrod gegen mich, ich werde euch die Spitze bieten, und fragen, wer mich zwingen will, mein Reich zu meiden? Denn Novogrod gehört mir, ihr alle seid meine Unterthanen.“ Hier stand er auf, schritt durch den erboßten Haufen, der ihm Platz öffnete, und verließ den Festsaal und das Rathhaus.
Da er entfernt war, lachten die Posadniks seiner Drohungen. Was will dies Kind, riefen sie, denn so hieß man den Prinzen in der Versammlung. Demungeachtet beschloß man zur Stelle alle Truppen von Novogrod unter die Waffen zu sammeln, daß man den Prinzen zur Entfernung zwänge.
„Sein junges Gebein, rief Satka, soll auf der Haide bleichen, blos dem Regen und Schnee, denn wie leistet der Knabe uns Widerstand?“
Von allen Thürmen brüllte die Sturmglocke, wer das Schwert führen konnte, traf eilig auf dem Sammelplatze ein. Wie die gute Dame Amelpha Timophejewna es vernahm, forschte sie nach der Ursache, und da sie erfuhr, des Sohnes verwegene Rede habe der Posadniks Wuth entflammt, eilte sie in sein Gemach, ihn ernst zu schelten. Da ihr aber sein Zustand sichtbar ward, nahm sie ihn bei der Hand und führte ihn in ein Kellergewölbe, wo er weilen sollte, bis die Dünste der Trunkenheit durch den Schlaf zerstreut wären.
Hierauf begab sich Amelpha Timophejewnain die Kammern, welche ihre Schätze bewahrten. Sie ersah einen goldenen Kelch, den sie mit mancherlei edlen Steinen füllte, mit Rubinen, Smaragden, und Diamanten. Nun erschien sie, von ihren Frauen begleitet, im Rathhause, wo die Posadniks anwesend waren. Indem sie den Saal betrat, neigte sie sich tief, dann wurde der reiche Kelch auf die Tafel gestellt, und süße Worte schmeichelten den Männern. „Verzeihet seinem Leichtsinn, flehte sie, verzeiht der unbesonnenen Drohung in der Lust des Weins entflohn. Gedenkt seiner Jugend, und wollt ihr das nicht, vergesset aus Liebe für den verstorbenen FürstenBoguslav, der sich verdient machte, um euch und Novogrod die große!“
Doch Bitte und Herablassung vermehrten nur der Posadniks Stolz, und frech antworteten sie ihrer Fürstin: „Hinweg von hier, betagte Frau! Nichts haben wir mit dir zu schaffen, und nicht thun uns Noth deine Steine und dein Gold. Wir wollen nur den Kopf deines verwegenen Kindes.“ So schrien sie allzumal.
Bittre Thränen vergießend, kehrte die guteDame nach ihrer Burg zurück. Sie befahl alle Pforten zu schließen, und harrte ungeduldig auf den Ausgang der widrigen Begebenheit.
Am andern Tage, mit dem Erwachen der Sonne, griffen die Posadniks mit der ganzen Macht von Novogrod die Burg an. Die Pforten wurden erstürmt, und in den weiten Hof stürzten Soldaten, den Wogen gleich auf dem Bette des empörten Stroms.
Vom Waffenlärm, vom Geschrei der Menge auf den Gassen von Novogrod, erwachte in seinem Gewölbe, Basil, Sohn des Boguslav. Leicht raffte er sich auf, eilte nach der Thür, sprengte das feste Schloß mit einem Handschlag, und stand nach zwei Sprüngen mitten im Hofe. Die von Novogrod warfen sich auf ihn. Doch er gewahrte zu seinen Füßen einen Balken aus Eichenholz, den die Axt der Zimmerer noch nicht beschält hatte. Diesen packt er eilig, und wirft ihn nun wieder auf die von Novogrod. Bald nehmen diese Reißaus, Basil treibt sie vom Hofe weg, folgt ihnen auf der Ferse, und erlegt sie hundertweis. Die entsetzliche Waffe in der Faust, läßt er siebald rechts bald links niederprasseln, und macht die dicken Haufen der Flüchtigen licht. Umsonst schreien sie Erbarmung,umsonst verheißen sie Gehorsam, Treue. Das junge Blut des Prinzen siedet, sein Grimm ist nicht zu erweichen, er treibt die Empörer der ungestümen Wolchova zu.
Nun meiden die Posadniks die Wahlstatt, rennen zum Rathhause, füllen einen großen Goldpokal mit Juwelen, und bringen ihn angstvoll der guten Dame Amelpha Timophejewna. Vor ihre Fenster, auf der Gasse stellen sie sich hin, denn sie wagten sich nimmer in den Hof, und ihre stolzen Schädel an den Boden drückend, wimmern sie kläglich: „Ach Fürstin! Ach Mutter! Dein Mitleid wende sich nicht von uns! Wir erzürnten deinen Sohn, unsern Herrn, Basil, Sohn des Boguslav, und sein Grimm macht eine Wüste aus Novogrod. Verlasse unser Schrecken nicht, lege dich ein für die Bangen, daß sein gewaltiger Zorn ende!“ Wohl vernahm die gute Dame das Geschrei, doch zeigte sie sich nicht, sondern ließ durch eine Dienerin herabsagen:„Ihr begannt, ihr mögt enden. Was gehn die betagte Frau eure Händel an?“
Mit gesenktem Ohr schlichen die Posadniks zurück, unterwarfen in einer Urkunde, sich, Novogrod und das Land dem jungen Fürsten, und boten ihm unbeschränkte Gewalt über Leben und Tod, Gut und Blut, in ganz Rußland. Mit dieser Schrift nahten sie demüthigFomuschka dem Langen, undBogdanuschka dem Kleinen. „Wir sind sein, hier unsre Unterwerfung“ sprachen sie.
Die Ritter wurden erweicht, und warfen die zum kräftigen Beistand des Waffenbruders erhobenen gewaltigen Keulen nieder, hielten das Blatt empor, und riefen: „Heil Basil, Sohn des Boguslav! Morde nicht länger den Unterthan, denn alles ward dir gegeben. Heil dir Fürst von Novogrod und Rußland!“ Hier warfen sie sich mit den Posadniks nieder, die Menge folgte.
Nun hielt der junge kräftige Prinz ein, empfing Urkunde und Huldigung, und vergaß, was geschehen war. Froh kehrte alles zur Burg. Glücklich herrschte Basil, Sohn des Boguslav.Kein innrer Zwiespalt, kein Krieg von außen, störten seine Regierung, denn alle Welt fürchtete Basil, Sohn des Boguslav, Fomuschka den Langen, undBogdanuschka den Kleinen.
DieArchives litteraires de l’Europeerheben diese Legende, wegen mancher Züge von Einfalt, doch giebt sie auch einen Maasstab, wie rohe Einbildungskraft Monarchenwerth in Anschlag bringt. Unserm Roman wurde sie als Beilage verliehn, um den Leser zu der Betrachtung aufzufordern: Es ist im Nord und Süd sich manches ähnlich, Bös und Gut überall gleich gemengt, Demokrit und Heraklit vermissen nirgend ihren Stoff, und nach Belieben, oder Lebensalter und Gemüthsstimmung ist Schillers Wort anzuwenden: