Gräfin. Vorige.
Gräfin.Wo? — Ah! (umarmt die Marquise.) wie glücklich bin ich!
Marquise.Wissen sie, daß ich eine Stunde warte?
Gräfin.Mein Gott, ich stand auf Dornen. Die vielen Menschen — es endete gar nicht. — Denken sie, wir verlassen die Tafel — Daß ich sie doch näher sehe — Ihr Gesicht ist wirklich sehr interessant — ich bin hager geworden, nicht wahr? — Dupré! Gestatten sies, Liebe, daß ich meine Befehle gebe? — Dupré, sie wissen ihre Rolle —
Dupré.Der Chevalier tritt, wie gewöhnlich, in mein Cabinet, ich melde ihm, die gnädige Frau Nichte wird im Saal —
Gräfin.Vergessen sie das Geräusch nicht, daß wir sie hören. (zur Marquise.) Sie lachen, sind unterrichtet —
Marquise.Doch ihre Stimme! Der Liebhaber Ohr ist scharf.
Gräfin.Sie glauben nicht, welche Aehnlichkeit — auch werde ich den kindlichen Ton wohl nachahmen. Zudem sind noch Bretter hinter den Tapeten. Man muß etwas rufen. Das verstellt— nicht wahr, ein drolliger Schwank? Dupré, wie viel an der Uhr?
Dupré.Ein Viertel auf Zwölf. Um Mitternacht trifft der Chevalier ein.
Gräfin.Gut, verlassen sie uns! Welch Zeichen denken sie zu geben, wenn er kömmt?
Dupré.Ich huste.
Gräfin.O das hört man nicht. Sagten sie nicht selbst, ein Gespräch im natürlichen Ton, wäre an der Gegenseite nicht zu verstehn?
Dupré.Man vernimmt nur ein leises Murmeln, die Worte unterscheiden sich nicht. Aber ich huste gewiß kräftig —
Gräfin.Nein, nein! Stellen sie einen schweren, dichtgepolsterten, großen Armstuhl hinter die Thür, den sie beim Oeffnen umwerfen.
Dupré.Madame, ich habe in dem Kabinet nur einen kleinen geflochtenen Rohrsessel, ohne Lehne, er wird nicht viel schwerer wie eine Feder fallen, es reicht nicht an den Husten —
Marquise.Dies Husten liegt ihm sehr am Herzen.
Gräfin.Gemeinhin fällt er um diese Stunde in Unbeholfenheit.
Dupré.Freilich naht mir der Schlummer ein wenig, und unterdrückt die Geisteskraft. Aber wenn Madame, wie ich, um sechs Uhr aufständen —
Gräfin.Eilen sie sich aufzumuntern — einen Polsterstuhl aus meinem Zimmer gebracht — Eilen sie!
Dupré.(ab.)
Gräfin. Marquise.
Marquise.Aber was machten sie mit Sophien?
Gräfin.Stürme, Stürme regt ich auf in ihrem Busen. Nach der Tafel zählt sie auf ihr Stelldichein, doch wink ich nun, ziehe sie in mein Kabinet, sage: Sophie, sie vertreten mich diesen Abend, nehmen mein Spiel, eine dringendeAngelegenheit kann mich wohl bis zwei Uhr am Morgen entfernt halten. —
Marquise.Die arme Kleine! O die arme Kleine!
Gräfin.Von der Umwandlung ihrer Züge entwerfen sie umsonst ein Bild. Roth, bleich, Zittern, Wanken, unerhört! Ich schien gar nicht zu beobachten, nahm wieder das Wort: Vor zwei oder drei Stunden, empfing ich ein Billet, das mich bestimmte, in eine heimliche Unterredung zu willigen. Meine Zimmer sind angefüllt, ich fürchte die Neugier, und will dieandere Person in ihren kleinen Saal bestellen. Hier fiel die unglückliche Sophie in eine tödtliche Erstarrung, kaum athmete sie noch — ich, bescheidne Verlegenheit heuchelnd, fahre fort: Hören sie alles Sophie! Der, den ich erwarte, ist der Chevalier von Blancé. — Bei diesem Namen glaubte ich, sie würde ohnmächtig niederfallen, doch überwand sie den Schrecken, die Bewegung. Sie sitzt beim Wist —
Marquise.Harte Tirannin! — Arme Sophie!
Gräfin.Bedauern sie sie nur. Unten warten zwei Notare, die ihren Heirathsvertrag aufsetzen, ich lasse ihr verschreiben, was sie meinem Wunsche begegnend, empfangen hätte. Ich behalte die Beiden, sie mögen hier wohnen, meine Kinder sein: schelten sie doch die harte Tirannin!
Marquise.Nein, nein, sie sind gütig, duldend, hochherzig, die nahe rasche Entwicklung tilgt mein Mitleid, und wahr bleibt es, Sophie hätte ihnen entdecken sollen —
Gräfin.Ja wohl, doch ich entschuldige sie. Der Chevalier band ihr auf, ich fühle Liebe für ihn, nur die Zeit würde mich heilen, mir Kraft zum Aufopfern geben. Sophie fühlend, romanhaft, glaubte. Der Geliebte leitete sie, demungeachtet verbirgt ihre Unbefangenheit sich so wenig gewandt, daß es nur meinen Willen gegolten hätte, und das Geheimniß war mein. Der Vorwurf meiner Rache ister, mit seiner Falschheit, dem sträflichen unbedachtsamen, platten Leichtsinn. Ihm gilt es!
Marquise.Meinen sie aber, er könne mit dieser Denkart ihre Nichte beglücken?
Gräfin.Sie ist Wittwe, Herrin über sich, wählte allein; übrigens hat er freilich tausend Gebrechen, doch zum Erstenmale liebt er wahr, er betet Sophien ja an. Und er ist doch auch wacker, von achtbaren Eigenschaften, Name, Vermögen — billigt die gesunde Vernunft Sophiens Wahl nicht unbedingt, was kann sie viel einwenden?
Marquise.Welche Pein sie ihm bereiten; doch die Erscheinung der Notare gleicht alles aus.
Gräfin.So? Ah sie kennen ihn wenig. Das Lustige ist, er kömmt nicht mehr davon, muß den Heirathsvertrag zeichnen, diesen Abend, muß entzückt sein, vom Himmel, vom Göttlichen reden — und er fühlt dennoch nicht die mindeste Neigung zu einer so frühen Ehe.
Marquise.Ah —
Gräfin.Ein Herz ohne Tadel, doch ein Sinn für Freiheit — sie kennen das alles noch nicht. Wie er es jetzt treibt, trieb er es gern noch lange. Ihn entzückt das Umhergaukeln, wohl denkt er Sophien einmal zu heirathen, aber das drängt, das preßt ihn noch wenig. Erst nochRoman auf Roman. Bisher kannte er nur die Genugthuung, zu gefallen; die höhere, geliebt zu sein, beugte die üppige Eitelkeit noch keineswegs nieder, alle Frauen die ihm liebenswerth erscheinen, zu unterwerfen. Und das gelingt ihm besonders durch eine ungemeine Geschmeidigkeit der Phantasie, die ihn alle Eindrücke auf das lebendigste in sich aufnehmen läßt. Andere Männer ergreifen denSchein, er darf nicht heucheln, sein leichter Flug der Begeisterung giebt die Wahrheit selbst; er glaubt selbst an seine Eide; so betrügt er ohne zu hintergehn, ist ohne Treulosigkeit wankelmüthig.
Marquise.Sophie, ich beklage dich!
Gräfin.Immer wird er zu Sophien wiederkehren. Dies ist alles, was sie über ihre Nebenbuhlerinnen erhebt. Aber ist es wenig? Die Männer — wer von ihnen schlüge keine Nebenwege ein?
Marquise.Der Vicomte von Verteuil. Ihn nehmen sie aus. Innig glühte er für sie.
Gräfin.Hätte ich die Flamme genährt, lange wäre sie erloschen.
Marquise.O er fühlt noch —
Gräfin.Freundschaft!
Marquise.Sehn sie ihn?
Gräfin.Hin und wieder, und ich treibe dann den Scherz, Blancés Eifersucht zu wecken.
Marquise.Dieser zeigt ihnen also immer Liebe?
Gräfin.Meidet Sophie das Zimmer, allerdings! Glauben sie, seitdem mir sein Geheimniß offenbar wurde, treib ich viel Scherz —
Marquise.Aber zuvor meine Freundin — viel Ernst?
Gräfin.Sie glaubten —
Marquise.(lachend.) Nun —
Gräfin.Solche Schwäche von mir?
Marquise.Offen! Aus der Menge, die ihnen zu gefallen strebte — hatte der Chevalier vielleicht die gültigsten Ansprüche.
Gräfin.O mein Gott! Er hat Verstand, Grazie! — Zehn Jahre früher, dürft ich vielleicht — nein, nein, nein, den Staarkopf hätte ich geflohn— kalte Verständigkeit will ich, strengen Sinn —
Marquise.Die hat der Vicomte, dazu manche Anmuth.
Gräfin.Der Gestalt — ja er — las, fühlt richtig, doch werden sie eingestehn.
Marquise.Gestehen sie auch, daß die Starrköpfe oft desto anziehender sind.
Gräfin.Pst — mir deuchtet —
Marquise.Ja ja — man steigt die Treppe herauf.
Gräfin.Die Thür … Ah der Stuhl fällt. Das ist er, kein Zweifel. Gehn sie theure Freundin!
Marquise.O noch einen Augenblick lassen sie mich hier.
Gräfin.Still, still! — lassen sie uns hören. — Man redet. Duprés Stimme. (Sie horcht) Immer Dupré. (sehr laut) Sie sind doch allein? — (zur Marquise) Ja er ist allein. Nur eine Probe mit dem Lehnstuhl. (Sie horcht) Ja — aber verstehn sie mich auch? (zur Marquise) Nochlauter. — Guter Gott, wie stark muß man rufen —
Marquise.Diese Art der Unterhaltung strengt an.
Gräfin.Nun werd ich inne, warum Sophie seit sechs Wochen heiser ist.
Dupré. Vorige.
Dupré.Nun Madame, sie hörten den Fall?
Gräfin.Deutlich, und vernahmen sie genau, was ich sprach?
Dupré.O nein, reden sie ja lauter, den Mund an die Tapete. — Apropos! Ich sahe, Madame, ihre Nichte, da ich den Stuhl holte —
Gräfin.So, und ihre Miene?
Dupré.Die Trauer, die Melancholie! Sie wollte allerhand fragen, ich blieb stumm wie ein Fels. Sie hatte einen Augenblick die Gesellschaft verlassen, ich weiß nicht unter welchem Vorwand,da sie meine Stimme hörte. Nun rief man sie wieder zum Spiel. Seufzend gehorchte sie. —
Gräfin.Der Chevalier wird nicht länger säumen, gehen sie Dupré.
Dupré.Er sollte bald da sein, es wird spät — (geht und kömmt wieder.) Ei — vergaß ich nicht das Allerwesentlichste?
Gräfin.Nun?
Dupré.Es kann alles fehlschlagen.
Gräfin.Was fehlt denn, was?
Dupré.Ja wenn ich das wüßte?
Gräfin.Sie wissen es nicht?
Dupré.Schlimm eben. — Jeden Abend der Unterredung giebt mir, Madame, ihre Nichte etwas, das ich zum Chevalier trage —
Gräfin.Was denn etwa?
Dupré.Wie ich dem Chevalier die Thüre öffne, empfängt er es. Er kennt die Bedeutung, ich nicht.
Marquise.Ha ha ha!
Gräfin.Er schläft, schwatzt im Traum.
Dupré.Ein klein Geschenk, muß ich überreichen.
Gräfin.Worin aber besteht es gewöhnlich?
Dupré.Wahrhaftig Madam, ich entsinne mich nicht sogleich. Bald dies, bald jenes … ein Nichts, eine Kleinigkeit —
Gräfin.Gestern?
Dupré.Gestern? Erlauben sie — könnt ich mich doch nur erinnern, aber es war nicht der Rede werth, das weiß ich wohl noch. Gestern —
Gräfin.Welche Geduld muß ich verschwenden!
Dupré.Ah, mir fällt ein, was ich das Vorletztemal überbrachte; eine Rose, ich verwundete mich noch am Stiel.
Gräfin.Eine Rose?
Dupré.Eine Rose. Ah, mein Gedächtniß wird treu! Am Freitag ein Veilchen, am Sonnabend einen Strauß von kleinen Lilien —
Gräfin.Immer also Blumen?
Dupré.Ich glaube ja — Blumen.
Gräfin.(zur Marquise:) Was mag das bedeuten?
Marquise.Abgeredete Zeichenschrift.
Gräfin.Gewiß Sophiens romantischer Einfall.Das macht mich verlegen. — Dupré, früge der Chevalier danach —
Dupré.Unfehlbar.
Gräfin.Sagen sie, Sophie hätte ihnen nichts gegeben.
Dupré.Dann schmollt er.
Gräfin.Meine Sache. Wir wollen schon sehn —
Dupré.(Nach der Uhr sehend) Mitternacht! Er eilt grade nicht. Vielleicht schlummerte er ein. Ich thät es an seiner Stelle gewiß —
Gräfin.Fort, fort zur Thür!
Dupré.(ab.)
Gräfin. Marquise.
Marquise.Sophie ist so romanhaft?
Gräfin.Bis zur Uebertreibung. Und der Chevalier fertig, jeden Ton, jede Form zu umarmen, weiht sich dem ihrigen mit einem Anstand, einer Kunst — Ohne daß es ihnen kund ward, behorchteich einige ihrer Unterhaltungen, und auf meine Ehre, der Chevalier übertraf sich selbst, an zarten sublimen Wendungen, Flug der Phantasie —
Marquise.St — was gilts, da —
Gräfin.Er — er!
Marquise.Pocht ihr Herz nicht ein wenig? Fürchten sie nicht, erkannt zu werden?
Gräfin.Nichts weniger. Aber Freundin, sie weilen nicht mehr.
Marquise.Nur bis zu Anfang der Szene. — Das währt lange.
Gräfin.Seine Stimme. — Er klopft — ruft Dupré.
Marquise.Der ohne Zweifel einschlief.
Gräfin.Apropos! Wenn sie mich verlassen, treten sie in die Gesellschaft, nehmen Sophien bei Seite, und berichten ihr mein Vorhaben mit Blancé.
Marquise.Auch den Ausgang?
Gräfin.Ja wohl, und sie erscheinen Beide, wenn Dupré sie ruft.
Marquise.Nun treten sie hin — der Stuhl liegt am Boden.
Gräfin.Nun, nun — machen sie mich nicht lachen — ich sterbe vor Vergnügen — diesmal ist es Blancé — Ja, ich bin schon da … Wie?[9]… Bald eine Stunde. … Eine Stunde? Das Bouquet, welches sie mir diesen Morgen sandten? … O ja! … (gegen die Marquise) Ah, Dupré hatte es ihm zurückbringen sollen.
Marquise.Hören sie!
Gräfin.(sehr laut:) Ich verstand nicht. … Weil ich es gern länger tragen wollte. — (sehr laut) Wie? … Ich verstehe nicht … Meine Hand?
Marquise.Was sagt er?
Gräfin.(gegen die Marquise) Meine Hand will er durch die Tapete küssen.
Marquise.Das ist neu.
Gräfin.Welch ein Einfall! … Ich willigteein? … (gegen die Marquise) In der That, diese Gunst darf man ohne viel Bedenken gestatten.
Marquise.Wie huldigen Liebende der Thorheit!
Gräfin.(gegen die Marquise) Das ist doch wahrhaft sonderbar. (gegen die Wand) Wie zeige ich ihnen aber die Stelle an?
Marquise.Sagt er nicht: wie gestern?
Gräfin.Ja!
Marquise.So empfangen sie doch Unterricht.
Gräfin.Durch Schlagen. (gegen die Wand) Schlagen? … den Handschuh ablegen? … Legt ich ihn denn gestern ab? … (gegen die Marquise) Er sagt, endlich hätte ich mich entschieden.
Marquise.Ha ha ha ha.
Gräfin.Man muß noch einige Schwierigkeit machen. (gegen die Wand) Weil … Weil sie zu viel fordern. … (gegen die Marquise) Recht hübsch, was er da sagt. (gegen die Wand) Nun — nun — keinen Zorn! … Gewiß! … Zweifeln sie nicht länger! … Er ist abgelegt.
Marquise.Aber so ziehn sie ihn doch aus.
Gräfin.(gegen die Marquise) Ja ja, ganz aufrichtig. (gegen die Wand) Es geschah — hören sie — hier die Hand, hier hier … (gegen die Marquise) Mit welcher Extase er den Fleck drüben küßte. Bei dem allen glaub ich, Sophie hätte die Lippe auf der Hand gefühlt. Es giebt nureinLebensalter von so scharfer Empfindung.
Marquise.Ha ha ha ha!
Gräfin.Ich sagte nichts … Erröthet? ich bin erröthet? … (gegen die Marquise) Wie er an Kindlichkeit und Unschuld bei Sophien glaubt! Wie artig, diese Meinung zu äußern! Aber ist das nicht allerliebst? (gegen die Wand) Wahrhaftig, Chevalier, ich glaube, daß sie mich sehn.
Marquise.Sache des Herzens, nicht des Kopfes.
Gräfin.Ausdruck der Empfindung, und Ausdruck der Galanterie. O welch ein Unterschied! … Er hat eine andere Stimme bemerkt … (gegen die Wand) Ja, meine Kammerfrau. … Gewiß! … Sie kam, mir anzuzeigen,daß die Tante noch nicht schlafen gegangen sei. (gegen die Marquise) Gehn sie, meine Gute!
Marquise.Ich will der armen Sophie das Leben zurückgeben. Ungern meid ich dies Zimmer. Die Intrigue ist so unterhaltend. (geht ab.)
[9]Die Punkte zeigen ihr Schweigen an, während dessen sie horcht, was der Chevalier an der Gegenseite der Tapetenwand ihr sagt.
Gräfin. Dupré.
Gräfin.(allein.) Ja, sie ist hinaus. … Ich bin ganz allein. (vor sich) Was will doch Dupré? (gegen die Wand.) Es ist Dupré, der mir was zu sagen hat.
Dupré.(heimlich zur Gräfin, die sich von der Wand entfernt) Da hatt’ ich einen artigen Schrecken. Die Frau Nichte dachte sie zu überfallen.
Gräfin.Wie?
Dupré.Unter dem Vorwand, hier einen Mantel zu holen. … Hören sie! Er ruft sich den Katarrh. Antworten sie!
Gräfin.(laut gegen die Wand) Einen AugenblickGeduld! Ich höre nur Dupré an. Gleich! (zu Dupré) Nun?
Dupré.Jähling kam sie, bleich, verstört, ich hielt sie an, sie wollte hinein, wußte nicht was sie that, die Frau Marquise erschien, nahm sie unter den Arm, und verschwand mit ihr.
Gräfin.Die Marquise bringt freudige Ruhe über sie. Still, was fällt mir ein, der Chevalier mag eine Erzählung hören. (zur Wand) Helfen sie mir!
Dupré.Mit Vergnügen!
Gräfin.Chevalier … ich bebe …
Dupré.Gewiß, Herr Chevalier, wie ein Rohrhalm im Orkan!
Gräfin.Erschrecken sie aber nicht!
Dupré.O, er ist schon außer sich.
Gräfin.Die Tante wollte uns überfallen. Ohne Dupré —
Dupré.Ja, ich erwies ihnen einen großen Dienst. … O sie sind sehr gütig!
Gräfin.Wie würde sie mich apostrophirt haben! … Dupré hat sie überzeugt, ich schlief lange.
Dupré.Und sie glaubte mit einer edlen Einfalt! … O, man hintergeht sie leicht, glauben sie mir … (zur Gräfin) Wie er lacht!
Gräfin.(an der Wand) Ha ha ha ha!
Dupré.(lacht laut auf an der Wand) Ha ha ha ha! Wenn sie ahnte, welch ein Streich ihr gespielt ward.
Gräfin.Ha ha ha ha! … Gewiß! … Sie haben Recht … Einen Alltagskopf foppen, lohnt nicht; … aber eine so listige verschmitzte superfeine Frau … Ha ha ha ha! (zu Dupré) Hörst du sein Gelächter?
Dupré.Ha ha ha ha! Darüber weicht aller Schlummer vor mir. (gegen die Wand) Ja ja, die Thüren sind alle zu. Es ist nichts weiter von ihr zu fürchten.
Gräfin.(gegen die Wand) Nein ich versichre es, sorgen sie nicht. — Fort Dupré, die Rolle wurde gut gegeben.
Dupré.O Madame, lange nicht so vollkommen wie die ihrige. (geht ab)
Gräfin allein.
Ja! … Er ist fort. … Ein unglücklicher Abend. Immer Störung! … He? Ich verstand nicht. … Ein wenig lauter! … Ihr Billet von heute? … Ich fand es — artig, recht artig. … Unglücklich? … ob ich errathe, warum sie unglücklich sind? (vor sich) Das ist so leicht eben nicht. (gegen die Wand) O Chevalier! … (vor sich) Weil ich ihm abschlug, abschlug? Was denn? (gegen die Wand) Ob ich Grausame heute Erbarmen zeigen will? … (vor sich) Er würde keinen Gott beneiden? Ich muß wohl fortfahren, zu versagen. (gegen die Wand) Aber wie dürfen sie hoffen … Berühren sie diese Saite nicht mehr, Blancé! Ich bitte! … (vor sich) Ah ein Crochet von meinen, nein, von ihren Haaren. Und ich fiel nicht gleich darauf? Es lag ja am Tage. Ha ha ha! (gegen die Wand) Was? … Ich lache, daß sie einen so großen Werth daran binden. … Nun, wir werden sehn. … Nein, ich sage nichts zu. … Ueberrasche lieber.… Wie? … (vor sich) Jetzt will er meinen Anzug wissen. (gegen die Wand) Ein Musselinkleid von weisser Farbe. … Ein weisser Hut. … Der Gürtel hellblau. (vor sich) Drollige Neugier! (gegen die Wand) Die Schuh? … Nun blau und schwarz. (vor sich) Er will doch alles erfahren. (gegen die Wand) Und dies ihr Kleid? … Auch blau? (vor sich) Da haben wir die Sympathie! (gegen die Wand) O ja, ich bin frohgelaunt. … (vor sich) O das ist drollig, ich komme ihm heute pikanter vor wie gewöhnlich. Kann sein! (gegen die Wand) Vorwürfe? … Sie sind reitzbar … Ich versichere, daß sie mich nicht ganz kennen. … So bin ich nicht vollkommen von Coquetterie frei. … Nein! … Nein! … Sie ist aber weniger Zug des Gemüthes, wie Eigensinn. … Bei ihnen, mein Herr, im Gegentheil, ist sie lauter Gemüth! … Sie streiten? … Der Roman mit der Tante? … Ihre Empfindung für sie? … (vor sich) Welch ein platter Wahn! … (gegen die Wand) Ich glaube nicht daran. Nein! Eher mögt ich annehmen, daß sie den Vicomte liebt.… Sie nur, Sie? (vor sich) Ist da nicht eine Eigensucht! (gegen die Wand) Aber sie lieben meine Tante,liebtensie wenigstens? … Nicht? (vor sich) Schmeichelhaft! (gegen die Wand) Aber denken sie nur an den Sommer in Bercy. Wo sie die Nächte hindurch vor ihrer Terrasse weilten, die tönende Guitarre in der Hand. Jenen Abend, wo sie eine so poetische Erklärung begannen, die sie mit lauten Epigrammen unterbrach? … Wer mir das sagte? sie allein. … O das ist nicht wahr. Ich glaube der Tante mehr. … Warum? Weil sie mir theuer ist. … (vor sich) Ah, Sophie gedachte meiner immer vortheilhaft. Braves Mädchen! (gegen die Wand) Aber sie lieben doch unstreitig den Ton ihrer Stimme? … Warum? der Aehnlichkeit halber? … Sie meinen, das wolle nicht viel sagen, könne sie nimmer täuschen? (vor sich) Wir haben die Probe. (gegen die Wand) Sie finden also ganz und gar die bezaubernde Liebenswürdigkeit nicht, die der Vicomte ihr andichtet? (vor sich) Schmeichelhaft! (horcht gegen die Wand) Nun zeichnet er mein Porträt! … Himmel! nachallem was er mir sagte, beschwur! … O Männer, Männer! So sind sie aber alle. Das ist bestrafter Vorwitz. (gegen die Wand zornig) Was? Unbeständig, voll Leichtsinn, ohne Tiefe der Empfindung? Und dennoch wähnen sie von ihr zum Sterben geliebt zu sein? So flach zeichnen sie ihr Gemüth, und behaupten eine Kraft der Leidenschaft — ei, so widersprechen sie sich doch nicht! … Wie? Wer ist bei ihnen? Dupré? Was will er? Immerhin Heimlichkeiten, ich erfahre sie dennoch. … Reden sie zu mir Dupré! … Nicht beide auf Einmal! Er will sie erinnern, daß die Stunde zu Ende ging? Gut, die Unterredung soll gleich abgebrochen sein. Nur weg! … O wie sie den Armen anließen? Gleich Aufwallung. … Ich verlasse sie nun, habe noch Briefe zu schreiben. … Nein nein, sie sind heute unerträglich. … Wie, ich wäre gestern weit liebenswürdiger gewesen? Ich wette nein! … Sanftmüthiger? Wäre möglich! … Den Maskenball am Sonntage hätte ich ihnen aufgeopfert? Sie flehten, und dennoch waren sie gegen ihr heiliges Versprechen dort. … Nureinen Augenblick? Das heißt, zwei oder drei Stunden. … Sie gaben einer grauen Nonne den Arm. Und küßten ihre Hand oft, ohne Handschuh, ohne Tapeten. (vor sich) Ah das verwirrt ihn. (gegen die Wand) Mit eignen Augen sah ich es ja, denn ich hielt mein Versprechen nach ihrem Muster. Ich folgte tief verlarvt,siezu enthüllen. Sie sind durchschaut. … (vor sich) Doch ein Triumph! Ich quäle ihn unerhört. (gegen die Wand) Nicht wahr, sie kannten mich noch nicht? … Sie meinen, in sechs Monaten erforsche sich das weibliche Herz? O wie unerfahren! … Nun nun, lachen wir darüber, klüger wie Harm. … Gegenseitige Duldung! … Sie finden das nicht romantisch? … Aber doch weise! … Nachsicht von beiden Theilen! … (vor sich) Ah, nun fällt er in den tragischen Ton! (gegen die Wand) Wenn dies System ihnen nicht gefällt, so — so — Hören sie: die Leidenschaft meiner Tante ist doch ein unübersteiglich Hinderniß. Sie ist meine Wohlthäterin. Darf ich ihre Ruhe untergraben? … (vor sich) Welche Bewegung! (gegen die Wand) Das Glückwill einmal unsrer Liebe nicht winken. Also standhafte Philosophie. Sprache der Lebensklugheit. Ich besitze kein Vermögen, sie eben nicht viel. … Hören sie mich doch ruhig an! Sie erklärte mir diesen Abend, ich müsse dem Baron meine Hand geben, oder lebenslang auf ihr Wohlwollen verzichten. Ich sagte aber nichts zu — aber — aber. … (vor sich) Nein diese Wuth! (gegen die Wand) Ob ich den Baron liebe? Nein, doch Achtung, viele Achtung — … Sie drohen? O deshalb wanke ich nicht. … Eine runde nette Erklärung? Wohlan: Ich fühle mich zu ihnen hingezogen, aber Chevalier, ihr Ungestüm, ihr herrischer eifersüchtiger Sinn — ich legte alles auf die Waage — ein Tag wandelt vieles um — Mein Herr, ich kann ihnen meine Pflichten nicht opfern, ihre Drohungen, ihr wilder Eifer, mahnen mich nur lauter an Trennung. Sie wissen Alles! … (vor sich) Nun ist er starr und stumm! — Bei alledem ein liebenswürdiger zorniger Unmuth! Eine edle Verzweiflung! (gegen die Wand) Leben sie wohl! … auf ewig — ewig! (entfernt sich von der Wand, springtaber wieder zurück) Wie, das Klirren eines Degens? Chevalier! (lauter) Chevalier! Chevalier! Sie werden doch nicht! Gott ich mögte zu Boden sinken!
Dupré. Gräfin.
Dupré.Welch Geschrei! Giebts hier Unheil?
Gräfin.Ah — kaum athme ich noch! (gegen die Wand) Es ist Dupré. … Welch Entsetzen! … Ruhe, Ruhe, ich beschwöre sie darum! (zu Dupré) Das drang tief ein —
Dupré.Wie — durch die Wand? Hören sie. …
Gräfin.Was sagt er da?
Dupré.Er fürchtet, sie werden in Ohnmacht sinken.
Gräfin.Ah! Das weckt mir einen ähnlichen Gedanken. Er entsetzte mich, ich entsetzeihn wieder. Mache ihm bange, recht bange. Sprich!
Dupré.(gegen die Wand) Mein Herr, mein Herr — Madame taumelt — das geht übel — übel — (zur Gräfin) Ach! — hören sie die Angst!
Gräfin.(entfernt ihren Stuhl von der Wand) Sage ihm, ich sei ohne Besinnung.
Dupré.Ach mein Herr! Madame ist bleich, wie eine Lilie. — Die Augen sind starr — der Anblick durchbohrte ihr Herz.
Gräfin.Trefflich! Nur weiter! Ich glaube er weint.
Dupré.Er weint, schluchzt, rauft das Haar. Hören sie es denn nicht? (gegen die Wand) Das nenne ich Krämpfe, Convulsionen! Ich brachte sie auf den Divan, und empfing furchtbare Stöße ihrer Hand. — Die Wangen sind hellgrün und dunkelgelb, die Lippen Indigoblau. … Ja ja, ich habeEau de colognehier —
Gräfin.Sag ihm, daß die Krämpfe zunehmen.
Dupré.O — o — o! (schlägt an die Wand) Hören sie es wohl, Herr Chevalier, sie machtden Lärmen — mit Hand, Fuß, und Stirn, ich halte sie nicht allein. — Mein Gott welcher Zustand. … Ja den Kopf halt ich zwischen den Händen, sie stieß sich nur einmal wider die Stirn, es bedeutet wenig. (zur Gräfin) Aber nun Madame, enden sie!
Gräfin.So laß mich zu mir kommen, aber nach und nach. (sie rückt den Stuhl wieder zur Wand hin.)
Dupré.Ah dem Himmel sei Dank, da fand ich doch ein wirksam Mittel. Ich wollte ihr ein wenig Wasser ins Gesicht sprengen, sie schlug mit dem Arm an die Carafine, und so strömte die ganze Flut über sie. — Aber es thut Effekt. — Sie träuft wie eine Nymphe im Bade. — Wäre nur das Wasser nicht so eiskalt. Doch mit einem Schnupfen kömmt sie davon. — Ja es hilft wunderbar. — Sie öffnet die Augen … (die Gräfin und Dupré klopfen wider die Wand) das ist sie immer noch. … Die Krisis des Uebels. Sie stampft — windet sich — die Nerven sind fürchterlich angegriffen. … Ah — nun kömmt Ruhe über sie — Erholung — die Mißfarbe schwindet — das Kolorit ist wieder da. … Die Lippen noch ein klein wenig blau, sonst alles wieder in voller Ordnung.
Gräfin.Sage, ich nenne seinen Namen.
Dupré.Mein Herr, sie stammelt etwas, kaum hörbar zwischen den Lippen. Ah — Blan — Blan — ihren Namen, mein Herr! … O glauben sie, daß ich wie ein Kind weine — (weint) Ihre Augen sind noch immer so stier — da quellen, glänzen, brechen Thränen hervor. … Antworten sie ihm doch.
Gräfin.(gegen die Wand mitweinendem Ausdruck.) Ich wollte sie bergen — meine Fühlbarkeit — vielmehr meine Schwäche —
Dupré.Wie zärtlich er nun ist.
Gräfin.Geh, ich mögte nur lachen!
Dupré.(ab.)
Gräfin.
(allein) Oder weinen! (gegen die Wand) Hören sie mich? … Die Verstellung gelingt mir nicht. … Ich wollte sie strafen. Erinnern sie sich, was sie mir sagten. … Ja ja, wenn die Tante will. … Sie muß zugezogen werden. … Vereinen wir unser Flehn, wir werden sie rühren. … Gewiß. … Sie verkennen die Großmuth derTante. … Nun, hören sie einen Vorschlag an, der sie ein wenig befremden wird. Ich berge ihnen noch eine wichtige Entdeckung, muß ihnen ein Papier vorzeigen — genug, niemanden anders kann ich mich vertrauen, bin also bereit, sie hier zu empfangen. … Ja, ohne Tapetenwand, in dieser Stunde. … (vor sich) Bei allem Sturm der Liebe, zaudert er hier doch. Viel Zartsinn. Viel innige Achtung für Sophiens Ruf. Ja, er verdient Gegenliebe! … (gegen die Wand) Gehörte ihnen Sophiens Herz noch nicht, diese Gesinnungen würden es ihnen unterwerfen. Kommen sie ohne Furcht, ich muß sie sehn. … (vor sich) Er sinkt aufs Knie. — wie er zu bewegen versteht. (gegen die Wand) Vielleicht wird ihnen hier Verzeihung — oder sie fühlen sich desto schuldiger. Stehn sie doch auf! Ich rufe Dupré, daß er sie abholet. — Dupré!
Gräfin. Dupré.
Gräfin.Bald löst sich der Knoten. Holen sie den Chevalier!
Dupré.Hieher?
Gräfin.Ja. Geschwind!
Dupré.In dieser Stunde? — Madame, Madame! Zu viel Frohsinn!
Gräfin.Er glaube immer noch, Sophie erwarte ihn. Was ist die Uhr?
Dupré.Zwanzig Minuten auf Zwei!
Gräfin.In einer guten Stunde wird die Marquise mit Sophien gerufen.
Dupré.Das heißt, wenn Madame eine Stunde mit dem Chevalier schwatzten.
Gräfin.Ja!
Dupré.Eine gute Stunde! — Aber wenn er sie sieht, wirds mit dem Schmälen zu Ende sein.
Gräfin.Fort, fort!
Dupré.Eine gute Stunde ist zu viel —
Gräfin.Aber Dupré —
Dupré.Madame — ich kenne das — Sie sind in Wallung — haben wieder zu viel Frohsinn — Madame! auf ihrer Hut! (ab.)
Gräfin (allein).
Auf ihrer Hut!So übel nicht! Daß mich der Chevalier empfindlich traf, darf ich es mirverhehlen? — Hm — was könnte interessanter sein, als wenn er, bei all der endlosen Leidenschaft für Sophien, in der Stunde, wo ich ihre Hand in die seinige legen werde — wenn er noch da — da — da gestraft, ich gerächt würde. — Sie wäre möglich diese Rache, bei ihm — o bei allen Männern. Darf man auf Einen bauen? — Ich Glückliche, daß ich die wiedererlangte Freiheit bewahrte! Ich Glückliche, daß er nichtsomich liebte, wie Sophien! — Ah — Da wird er sein. — Thörigt genug, aber ich bin voll peinlicher Unruhe. (setzt sich) Wie wird er staunen! —
Gräfin. Der Chevalier.
Chevalier.(im Hintergrunde) Wie bin ich erschöpft! — Da ist sie — O Sophie!
Gräfin.(erhebt sich und wendet sich) Mein Herr?
Chevalier.(bei Seite) Himmel! Die Gräfin!
Gräfin.So angewurzelt — versteinert?Doch was fürchten sie; sagt ich ihnen nicht Verzeihung zu? Verzeihung in diesem Saal?
Chevalier.Was hör’ ich! Wie, Madame —
Gräfin.Suchen sie Sophien etwa? Sie mied, seit der Abendtafel, nicht mein Zimmer.
Chevalier.Träum ich aber? — Madame — sie — sie hätten durch die Tapetenwand —
Gräfin.Mich mit ihnen unterhalten. Ich meine, die Stimme könnte Sie nicht hintergehn. Sophiens Sprachorgan ist viel melodischer und harmonischer. Nannten sie es nicht so?
Chevalier.Madame — sie — sie! Wenn ich also Sophien anklagte, umgab mich Täuschung, warfen Irrthümer mich hin; Sophie ist unschuldig, nichts konnte sie umwandeln.
Gräfin.In der That, diese Aufwallung gewann mich. Nur aus der tiefsten, wahrhaft gerührten Seele kann sie hervorgehn. Ein anderer zeigte Bestürzung, Schaam, Verlegenheit, sie phantasiren nur mit Sophiens Herz. So, so liebt man wahr!
Chevalier.Erwach ich denn gar nicht von diesem Traume? — Rufe ich mir aber zurück, was sie sagten, begreif ich nicht, daß ich einen Augenblick hintergangen werden konnte. Welche Anderekonnte mich mit einer so zauberischen Gewalt der Worte, so treffendem, geistvollem Ausdruck, so viel Grazie der Urtheile hinreissen.
Gräfin.Denken sie daran, was sie vorhin von mir sagten, und fühlen sie, wie jetzt ihr Lob in mein Ohr tönt.
Chevalier.Wer eine Rivalin wie sie bekämpfen will, muß sich in die Arme der Unwahrheit werfen.
Gräfin.Und diese Leidenschaft, die sie mir andichten —
Chevalier.Glaubt ich an den frohen Wahn, ließ ich mir eine Gerechtigkeit widerfahren, die mich mit Selbstvertrauen waffnen sollte. Theilt ich ihn Sophien mit, sollt er mir in ihren Augen mehr Werth geben. O der Mann, den sie lieben, entflammt jedes Frauenherz.
Gräfin.Sie peinigt also keine Reue, keine Verlegenheit.
Chevalier.Ich würde betroffen sein, wären sie nicht über die Gewöhnlichkeit erhaben, fühlt ich mehr Eigenliebe als Bewunderung für sie — denn die Schmach, die sie auf mich zu häufen strebten, war hart — Doch welche Fülle der Beruhigung in ihren Triumphen!
Gräfin.Artige Triumphe, sie zwei Minuten gefoppt zu haben.
Chevalier.Sie fühlten ihren Stolz nicht! Nein, die Bescheidenheit wäre zu groß.
Gräfin.Ei — Doch Apropos — Ein wenig umgewandt. Im Frack? Ohne Degen? Vortrefflich! — Schon glaubt ich an Selbstmord, wähnte in grauenvoller Ahnung die Klinge zücken zu hören.
Chevalier.Die Ohnmacht, die schauderhaften Zuckungen, die mir das Haar emporsträubten.
Gräfin.Repressalien.
Chevalier.Nein Madame, in dem Talent zu hintergehn, wie in der Gewalt, in Ketten der Liebe zu werfen, erkenn ich ihre Obermacht. — O diese Thränen, die gleich den meinigen geboten — Gräfin, wenn ich sie würdigte, nahm ich einen kühnen Flug, doch um einen ganzen Himmel höher liegt der Gipfel, auf den sie heute meine Bewunderung tragen.
Gräfin.Ein Lob ohne Poesie, eine Erkenntlichkeit ohne Ausschweifung will ich um sie verdienen. Was ich beschloß für Sophien zu thun, wenn sie den Baron heirathete, geschehe auch jetzt. Sie verdienen sie, so nehmen sie denn Sophiens Hand!
Chevalier.(gerührt) Ah Madame! Blicktensie in mein Herz — Neben so holder Schönheit, ein so reiner wahrer Edelsinn, so emporhebende Reize, so niederwerfende beschämende Großmuth — ich trag es nicht —
Gräfin.Das Glück meines Lebens bedingt ihre Freundschaft!
Chevalier.Nur meine Freundschaft? Arme Forderung! Nicht mein Leben? Nicht —
Gräfin.Ich verlange, was sie gewähren können —
Chevalier.Hätten sie — o ich Unglücklicher!
Gräfin.Nehmen wir Platz. (setzen sich) Ich fahre fort, ihnen mein Herz vollkommen zu offenbaren.
Chevalier. (vor sich) Wüßt ich nur recht, was in dem meinigen vorginge.
Gräfin.Jetzt — da wir gegen einander alle Gefallsucht verbannen, können wir uns zutraulich nahen.
Chevalier.Gefallsucht! — Ja ja, das ist das rechte Wort. Verzeihen sie, Gräfin, nur diese eitel prunkende Hülle stellten sie mir dar, es gelang mir nie, sieherzlichzu sehn.
Gräfin.Aber nein! Inmirwohnte die Gefallsucht nicht, sonst würde die Szene der Tapetenwandmich ja entrüstet haben, sie sehen meinen Gleichmuth.
Chevalier.Entrüstet? Warum, warum? Sie dürfen überall den Rang fordern; Schönheit, Geist —
Gräfin.Weg nun mit aller Galanterie! Bei der Geliebten ist sie ein Simbol, nichts bedeutet sie der Freundin, der Tante —
Chevalier.(ergreift ihre Hand, um sie zu küssen.) O gefährliche, gefährliche Freundin! — — (leicht) doch warum ziehn sie die Hand zurück, das Simbol ist aufgehoben. — (wieder in Feuer) Neinniesah ich sie! ZumErstenmaleerblicke ich dieseneue, neueAnmuth —
Gräfin.Keine Unterbrechung! Ich habe ihnen zu eröffnen —
Chevalier.Zueröffnen?
Gräfin.Daß ich endlich mich überzeugte: nur eine gewisseSentimentalitätbanne Lebensfreuden; daß ich dem Scherz mit der Liebe ja meiner Freiheit entsage.
Chevalier.Wie? Gewiß? Versteh ich sie —
Gräfin.Sie sehn mich zu einer andern Heirath entschlossen —
Chevalier.Gräfin!
Gräfin.Sie kennen die Leidenschaft des Vicomte —
Chevalier.Des Vicomte — Gräfin! Wo denken sie hin! Nein sie wollen mich nur quälen —
Gräfin.Da ich noch an ihreLiebeglaubte, konnten sie an den Plan einer solchen Qual glauben, nun —
Chevalier.Wie, sieliebtenden Vicomte?
Gräfin.Eine Andre sagte unter den Umständen wohl —Ja, ich aberNein! Ihm mangelt die Bildung, welche mich gewinnen könnte, doch würdige ich sein Herz, und hoffe von der Zeit Neigung.
Chevalier.Hat er ihr Wort?
Gräfin.Nicht eben entscheidend.
Chevalier.Hoffnung?
Gräfin.Ja — wersoliebt, schöpft sie leicht.
Chevalier.Seit wenn?
Gräfin.Seit ich entdeckte, von ihnen betrogen zu werden — Aber mein Gott! Was sagt ich!
Chevalier.Gräfin! — In welche — ichbetrogsie nicht! Nein! Hätt ich geahnt, daßsie sogar meinen Geschmack für Sentimentalität theilen —
Gräfin.Chevalier —
Chevalier.Sie hätten mich geliebt? Kein Wahn — undso, sogeliebt —
Gräfin.Weg mit der Vergangenheit!
Chevalier.Sie werden den Vicomtenielieben, können es nicht.
Gräfin.Er hat freilich wenig Grazie des Umgangs, ihm mangelt der heitre gesellige Ton, der das Leben so mit Blumen bestreut, ihm fehlt das leicht ansprechende scharfe Gefühl, dem die gleichgestimmte Saite mit so viel Wonne entgegen tönt, und — und — doch wenn ihnen auch an dem Allen ein Reichthum wurde, lieben sie nicht eine Frau, die ihn entbehrt? — Sophie zieht durch Anmuth, einfachen Sinn, freundlichen Willen an, doch — was manpiquantnennt, das ist sie nicht. — Sie sehn, daß man auch die ungleiche Natur zu lieben vermag.
Chevalier.Vermag man das wirklich? Oder ist es eine gefährliche Täuschung, die aus dunklem Hintergrunde mit Reue droht! — Gleiche Natur — o gleiche Natur, köstliche ewige Fessel des Gottes der — — sie sagten Vertrauen zu, eine Frage,eine, aber lösen sie sie wahr —
Gräfin.O — Unwahrheit gelingt mir ohne Tapetenwand nicht, (auf ihre Augen deutend) diese Verrätherinnen plaudern mich aus —
Chevalier.O dann muß ich diese redlichen Schönheiten um Antwort anflehn —
Gräfin.Nun — (beide sehn sich stillschweigend an)
Chevalier.Ach —
Gräfin.Fragen sie mitWorten!
Chevalier.Wissen sie aber, daß die Entscheidung mir ein neues Loos werfen, unwiderruflich werfen kann? —
Gräfin.O, o —!
Chevalier.Galt ich ihnen einst mehr? Betrog mein Wahn mich nicht völlig? Sie senken den Blick — schweigen — Gräfin —
Gräfin.Weg mit der Vergangenheit! (ergreift ein Portefeuille und nimmt einige Briefe heraus) Weg jede Erinnrung aus ihr. Nothwendigkeit bedingt das harte Opfer. Nehmen sie diese Briefe zurück, die mich — ach zu grausam betrogen —
Chevalier.Ich heilige jeden Eid, den sie schwuren. (wirft sich vor ihr hin) Hier ist mein Altar. Hier nur darf ich anbeten!
Gräfin.So sind die Männer,so so—
Chevalier.O Gräfin —
Marquise. Sophie. Vorige.
Sophie.(Indem sie den Chevalier aufstehen sieht) O meine gute Tante, auch mir gebührt es, mich zu ihren Füßen zu werfen.
Gräfin.Du hast den Chevalier errathen. Er dankte eben für meine Einwilligung —
Sophie.Blancé, ihr lebendiger Eifer rührt mich!
Chevalier.(bei Seite) Aber der Teufel —
Gräfin.(zu Sophien) Wie bewegt — wie hingerissen in Liebesflug — irrend in höheren Welten. Sieh ihn an!
Chevalier.Madame —
Marquise.Die Notare warten. —
Chevalier.(etwas auffahrend) Notare?
Marquise.(bei Seite) Bei aller Liebe entfärbt ihn dies Wort.
Gräfin.Das wichtige Papier ist der Heirathsvertrag, der auf ihre Unterschrift wartet —
Chevalier.Sogleich? — Was verdanke ich ihnen nicht alles.
Gräfin.Sophie, triumphiren sie über ihre Wahl! Hier ist redliche, feste, über jeden Wankelmuth erhabene Liebe. Wohl giebt es Männer, von einer so kraftlosen Eitelkeit beherrscht, daßsie gleich vergessen und hinopfern, wie nur ihrer thörigten Eigenliebe verschlagen gehuldigt wird —
Chevalier.Nein Gräfin, sie klagen zu hart an.
Sophie.Und warum vertheidigen sie ungleiche Naturen? (ihn an der Hand fassend)Diesreine Gemüth begreift das Strafbare nicht.
Chevalier.(von der Gräfin an der andern Hand ergriffen) Schonung!
Gräfin.Dem Verdienste Gerechtigkeit! (winkt der Marquise, Sophien abzuführen) Wir folgen!
Gräfin. Chevalier.
Chevalier.Endlich! —
Gräfin.Lust und Rache sind gebüßt. Umarmen sie nun ihr Glück!
Chevalier.Mein Glück? Sie warfen es zu Boden, ich finde es nicht mehr, mich umgiebt Verwirrung, soll ich siehassenoderanbeten? Sie bewundern, oder wie eine Eumenide fliehen? Bin ich ein Narr, ein Beklagenswerther, ein Glücklicher —
Gräfin.EinGlücklicher! Sie lieben Sophien.
Chevalier.Ja!
Gräfin.Mich auch? Nicht wahr?
Chevalier.Ja, ja — wer mag es erklären — Gleich getheilt —
Gräfin.Getheilt, doch nichtgleich. IhrHerzgehört Sophien, ihr Flattersinn, geleitet von glanzsüchtiger Eigenliebe, floh mir zu. Ich erwartete es, alles war Prüfung; ich erfand den Roman mit dem Vicomte —
Chevalier.Sie heirathen ihn nicht, Gräfin? Ein Fels weicht von meiner Brust —
Gräfin.Diese Freude ist ein Verbrechen an Sophien. An sie tragen sie meine Schuld ab. Entsagen sie Ansprüchen, die ihnen nur das Lob der Thoren, und den Tadel der Guten bringen. Bisher war die Jugend ihre Führerin, nun sei es —
Chevalier.Die Freundschaft!
Ende des Lustspiels.