Franz Hals.

Kopfstück zu S. 1Franz Hals.

Kopfstück zu S. 1

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Nachdem in dem langen Kampf der Niederlande gegen die spanische Herrschaft sich die Trennung der nördlichen Provinzen von den südlichen vollzogen hatte, trat die nordniederländische oder holländische Kunst in ganz andere Bahnen, als diejenigen waren, in denen die belgische Kunst sich weiter bewegte. Am augenfälligsten zeigt sich dies in der Malerei, die ja in den Niederlanden schon seit langer Zeit die meistbegünstigte und volkstümlichste Kunst war. Während in den südlichen Provinzen, die unter der Oberhoheit Spaniens und beim katholischen Glauben blieben, die überlieferte und von der italienischen Kunstweise beeinflußte Geschichts- und Heiligenmalerei in voller Geltung verblieb und durch die gewaltige Künstlerkraft eines Rubens zu ungewöhnlich glänzenden Erscheinungen geführt wurde, konnte in dem jungen protestantischen Freistaat, der den Bruch mit den staatlichen und kirchlichen Überlieferungen der Vergangenheit siegreich durchgeführt hatte, die Kunst kein Gefallen mehr finden an dem herkömmlichen, hier ganz unzeitgemäß gewordenen Stoffgebiet. Es war sozusagen eine naturgesetzliche Notwendigkeit, daß hier die Kunst ihre volle Kraft der Gegenwart zuwendete, bei einem gleichsam neu erstandenen Volke, das mit vollberechtigtem Selbstbewußtsein auf die glücklich erkämpfte und behauptete Freiheit und auf eine großartige, stetig wachsende Zunahme an Macht und Ansehen blickte. Für die holländischen Maler bildeten somit Erscheinungen des Lebens, das sie in Wirklichkeit umgab, das von selbst sich erschließende Stoffgebiet.

Wenn die Kunst es sich zur Aufgabe macht, dasjenige, was in der Wirklichkeit vorhanden ist, um seiner selbst willen darzustellen, so ist es nur ein folgerichtiger Schritt, daß sie dazu gelangt, das in der Wirklichkeit Vorhandene auch gerade so wiederzugeben, wie es sich in Wirklichkeit zeigt. Die Kunst wird also im eigentlichen Sinne „realistisch.“ Die Erscheinung des künstlerischen „Realismus“ konnte in der holländischen Malerei um so voller zur Geltung kommen, als schon seit dem ersten aufsehenerregenden Aufblühen der niederländischen Kunst ein ausgeprägter realistischer Zug in derselben lebte. Beruht doch die erhabene Größe der Brüder van Eyck zum großen Teil auf der liebevollen Treue, mit welcher sie die Erscheinungen der Wirklichkeit beobachtet und wiedergegeben haben. Auch während der Zeit, wo die Nachahmung der Italiener die Kunst beherrschte, gingdiese angestammte Neigung zu unbedingter Naturtreue nicht unter; vielmehr läßt sich ihr Vorhandensein beständig in mancherlei Werken wahrnehmen. Insbesondere behauptete sich die gewissenhafte künstlerische Wahrheitsliebe auf einem Gebiete, auf dem ihre vollste Berechtigung unanfechtbar ist: auf demjenigen der Bildnismalerei. Gerade die nordniederländischen Maler haben in der lebenswahren Darstellung von bestimmten Persönlichkeiten während des ganzen XVI. Jahrhunderts sehr bedeutende Erfolge erzielt. Der Gefahr, in Nüchternheit zu verfallen, wirkte dabei der den Niederländern gleichfalls von alters her eigene Sinn für die Poesie der Farbe, durch die sich jegliches Ding über die alltägliche Gewöhnlichkeit hinausheben läßt, entgegen. — So war der Weg vorbereitet, auf dem die holländische Malerei zu ihrer eigenartigen Größe gelangen sollte, als die Friedenszeit, welche dem Waffenstillstandsabschluß von 1609 folgte, ihr Gelegenheit zu freier und reicher Entfaltung gab.

Abb. 1.Franz Hals.Bildnis des Meisters im Rathaus-Museum zu Haarlem.(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)

Abb. 1.Franz Hals.Bildnis des Meisters im Rathaus-Museum zu Haarlem.(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)

Abb. 2.Festmahl der Offiziere von den St. Georgs-Schützen(1616). Im Rathaus-Museum zu Haarlem.(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)❏GRÖSSERES BILD

Abb. 2.Festmahl der Offiziere von den St. Georgs-Schützen(1616). Im Rathaus-Museum zu Haarlem.(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)

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Abb. 3.Lustige Gesellschaft.Alte Kopie eines jetzt in Nordamerika befindlichen Halsschen Gemäldes von 1616,im Königlichen Museum zu Berlin.(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)❏GRÖSSERES BILD

Abb. 3.Lustige Gesellschaft.Alte Kopie eines jetzt in Nordamerika befindlichen Halsschen Gemäldes von 1616,im Königlichen Museum zu Berlin.(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)

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Abb. 4.Bildnis eines vornehmen Herrn.In der Königlichen Galerie zu Kassel.(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)

Abb. 4.Bildnis eines vornehmen Herrn.In der Königlichen Galerie zu Kassel.(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)

Die Bildnisse von Zeitgenossen festzuhalten, wurde die erste und wichtigste Aufgabe der holländischen Malerei. DasBewußtsein, an der Schaffung des neuen Staatswesens mitgewirkt zu haben, verlieh sozusagen jedem Bürger desselben einen höheren Wert, und es ist begreiflich, daß gar viele darauf bedacht waren, ihr Bild den Nachkommen zu überliefern, sei es in einem Einzelporträt, sei es in einem Gruppenbild, als Mitglied eines Vereins, innerhalb dessen sie ihre Thätigkeit entfaltet hatten. Schon in früherer Zeit hatte man in den nördlichen Niederlanden eine Vorliebe für Gruppenbilder gehabt; namentlich die Schützengilden, aus denen sich die Bürgerwehr der Städte zusammensetzte, hatten die Ausbildung dieses besonderen Zweiges der Porträtmalerei gefördert. Jetzt trat diese Kunstgattung an die vornehmste Stelle; sie nahm in der holländischen Malerei denjenigen Rang ein, den anderswo die große Geschichtsmalerei behauptete. „Regentenstücke“ und „Dulenstücke“ sind die Namen, mit denen man Bilder solcher Art bezeichnete und auch jetzt noch zu bezeichnen pflegt; „Regenten“ wurden die Vorstandsmitglieder von Vereinen undGesellschaften jeglicher Art genannt, und „Doelen“ (ausgesprochen Dulen) hießen die Schützenhäuser.

In Regenten- und Dulenstücken hat auch der größte Meister der holländischen Bildnismalerei, Franz Hals, in den verschiedenen Abschnitten seines Lebens die Höhe seiner Kunst gezeigt.

Abb. 5.Bildnis einer vornehmen Frau.In der Königlichen Galerie zu Kassel.(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)

Abb. 5.Bildnis einer vornehmen Frau.In der Königlichen Galerie zu Kassel.(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)

Franz Hals war ausschließlich Bildnismaler. Es lag im Wesen einer auf sorgfältig getreue Wiedergabe der wirklichen Erscheinungen gerichteten Kunst begründet, daß sie sich im Laufe der Zeit mit mehr oder weniger scharfer Begrenzung in einzelne Fächer spaltete, je nachdem die einzelnen Künstler für diese oder jene Gattung der natürlichen Erscheinungen eine besondere Vorliebe besaßen. Die Porträtmalerei, das sogenannte Genre, die Landschaft, die Tiermalerei fingen an, sich voneinander zu scheiden. So hat auch Franz Hals sich nie auf einem anderen Kunstgebiet versucht, als auf demjenigen, welches die sprechend naturwahre Wiedergabe des besonderen Charakters und des ständigen oder flüchtigen Ausdrucks bestimmter Persönlichkeiten zum Gegenstand der künstlerischen Darstellung machte. Hierin aber hat er alle seine Vorgänger, seine Mitstrebenden und seine Nachfolger in Holland, welche das nämliche Gebiet betreten haben, übertroffen — den großen Rembrandt nicht ausgenommen, dessen hohe künstlerische Bedeutung anderswo lag und der ja überhaupt nicht zu den Realisten der Malerei gezählt werden kann, da er alles, was er malte, mit einem nicht in der Wirklichkeit vorhandenen, sondern nur von ihm selbst erschauten Lichtzauber dichterisch verklärte.

Abb. 6.Bildnis des Jacob Pieterß Olycan, von 1625.In der Königlichen Gemäldesammlung im Haag.❏GRÖSSERES BILD

Abb. 6.Bildnis des Jacob Pieterß Olycan, von 1625.In der Königlichen Gemäldesammlung im Haag.

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Abb. 7.Bildnis der Aletta Hanemans, Gemahlin von Jacob Pieterß Olycan, von 1625.In der Königlichen Gemäldesammlung im Haag.❏GRÖSSERES BILD

Abb. 7.Bildnis der Aletta Hanemans, Gemahlin von Jacob Pieterß Olycan, von 1625.In der Königlichen Gemäldesammlung im Haag.

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Franz Hals stammte aus einer alten angesehenen Haarlemer Familie. Seine Geburtsstadt aber ist Antwerpen, wohin sich seine Eltern im Jahre 1579 begeben hatten. Wann er geboren wurde, steht nicht fest; die Überlieferung nennt das Jahr 1584. Auch darüber fehlt die Kunde, wie lange der Aufenthalt der Familie in Antwerpen dauerte, und wann Franz Hals nach Haarlem kam, wo er während der ganzen Zeit seiner Thätigkeit verweilt hat. Überhaupt sind die urkundlichen Nachrichten über ihn dürftig, ungeachtet der emsigen Bemühung, mit welcher verdienstvolle holländische Kunstforscher in den letzten Jahrzehnten nach solchen gesucht haben. Es ist eine Aufzeichnung entdeckt worden von der Hand eines Malers Mathias Scheits aus Hamburg, welcher Franz Hals persönlich gekannt hat. Derselbe erzählt dessen Leben mit den wenigen Worten: „Der treffliche Bildnismaler Franz Hals von Haarlem hat gelernt bei Karl van Mander aus Meulenbecke. Er ist in seiner Jugend etwas lustig von Leben gewesen; als er alt war und mit seinem Malen (welches jetzt nicht mehr so war wie früher) nicht mehr die Kost verdienen konnte, hat er einige Jahre, bis daß er starb, von der hohen Obrigkeit von Haarlem ein gewisses Geld zu seinem Unterhalt gehabt, um der Tüchtigkeit seiner Kunst willen. Er ist um das Jahr 1665 oder 66 gestorben und nach meiner Schätzung wohl 90 Jahre oder nicht viel weniger alt geworden.“

Der als Lehrer des Franz Hals genannte Karl van Mander (geboren 1548) war ein Anhänger der italienischen Richtung. Er hatte in seiner Jugend in Rom studiert, hatte sich dann zuerst in Brügge und darauf in Haarlem niedergelassen und siedelte zuletzt nach Amsterdam über, wo er im Jahre 1606 starb. Sein Name ist der Nachwelt weniger durch seine Gemälde, als durch seine schriftstellerische Thätigkeit im Gedächtnis geblieben. Er hat nämlich ein „Schilderboek“ (Malerbuch) verfaßt, worin er Künstlergeschichte erzählt.

Da Karl van Mander Haarlem im Jahre 1602 verließ, so muß die Ausbildung des Franz Hals um diese Zeit vollendet gewesen sein. Aber die ersten sicheren Werke von seiner Hand, welche sich erhalten haben, stammen aus erheblich späterer Zeit.

Die erste urkundliche Nachricht über Franz Hals ist von 1611. Dieselbe meldet, daß derselbe in diesem Jahre in Haarlem einen Sohn taufen ließ, welchen ihm seine Ehefrau Anna Hermanß geschenkt hatte. Die nächstfolgende Kunde besagt, daß Franz Hals im Februar 1616 vor die städtische Obrigkeit geladen wurde, um wegen Mißhandlungen seiner Ehefrau eine amtliche Rüge zu bekommen, und daß er bei dieser Gelegenheit geloben mußte, sich fernerhin der Trunkenheit und ähnlicher Ausschweifungen zu enthalten. Diese Nachricht berührt um so peinlicher, als manweiter erfährt, daß die arme Frau ganz kurze Zeit darauf starb. Ehe noch ein Jahr abgelaufen war, verheiratete er sich zum zweitenmal, mit Lisbeth Reyniers, die ihm schon in der zweiten Woche ihrer Ehe ein Kind gebar. Wenn wir hiernach keine gute Meinung von dem Menschen Franz Hals und von seinem „etwas lustigen“ Leben bekommen, so erhalten wir eine um so höhere Meinung von seiner Meisterschaft als Maler im Anblick seines ersten beglaubigten Gemäldes, das eben jenem Jahre 1616 angehört.

Abb. 8.Die singenden Knaben.In der Königlichen Galerie zu Kassel.(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)

Abb. 8.Die singenden Knaben.In der Königlichen Galerie zu Kassel.(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)

Abb. 9.Ein singender Knabe.Im Königlichen Museum zu Berlin.(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)

Abb. 9.Ein singender Knabe.Im Königlichen Museum zu Berlin.(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)

Dieses Gemälde ist ein großes Dulenstück; es zeigt uns die Offiziere der Schützengilde zum heiligen Georg (St. Jorisdoelen). Dasselbe befindet sich im Hauptsaal des städtischen Museums im Rathaus zu Haarlem, wo nicht weniger als acht Regenten- und Dulenstücke eine vollständige Übersicht über die künstlerische Art des Meisters bis in sein höchstes Greisenalter hinein gewähren. Ebendort befindet sich, wohl von der Hand eines Schülers gemalt, ein Bildnis des Franz Hals aus dessen reiferen Jahren (Abb. 1).

Gewiß ist das Porträt sehr ähnlich. Unverkennbar sprechen aus diesen gedunsenen Zügen die Wirkungen des Alkohols. Um so merkwürdiger ist der Gegensatz zwischen dem Gesicht des Meisters, wie es uns hier vorgeführt wird, und den Werken desselben. Aus den Werken spricht ein heller, mit großartiger Schärfe der Beobachtung begabter Geist, eine liebenswürdige muntere Laune, vereint mit einer ungewöhnlichen künstlerischen Kraft und einem hochentwickelten Geschmack; es offenbart sich uns eine geradezu verblüffende Sicherheit von Auge und Hand, die, außer bei dem großen Spanier Velazquez, in dieser Weise nicht ihresgleichen hat. — Das Bild von 1616 zeigt uns die Offiziere der St. Georgs-Schützen beim festlichen Mahl versammelt. Man ist in bester Unterhaltung begriffen, und eben schickt der Vorsitzende sich an, den Braten vorzulegen, als die drei Fähnriche, welche wohl einen Grund zur Verspätung haben müssen, eintreten. Auch von vorn, wo sich der Beschauer befindet, mag man sich jemand herantretend denken, so daß es sich erklärt, daß mehrere der Versammelten ihre Blicke hierhin wenden. So ist es dem Künstler gelungen, die von früheren Malern derartiger Gruppenbilder niemals vollständig gelöste Schwierigkeit der Aufgabe, das bildnismäßige Zeigen einer größeren Anzahl von Gesichtern mit einer zwanglosen, natürlichenGruppierung zu vereinigen, wenn auch nicht vollständig, so doch beinahe vollständig zu überwinden. Dabei hält ein wunderbarer Reiz der malerischen Hell- und Dunkelwirkung und der Farbenstimmung das Gemälde künstlerisch zusammen. Jeder einzelne Kopf aber ist für sich allein schon ein vollendetes Meisterwerk. Man sieht sie leben, man glaubt sie sprechen zu hören, diese tüchtigen Männer, die jetzt in fröhlicher Geselligkeit guter Dinge sind, die aber jeden Augenblick wieder bereit sein werden, mit Gut und Blut für das Vaterland einzustehen, wenn der Ablauf des Waffenstillstandes dasselbe von neuem in Gefahr bringen sollte. Nicht weniger wie jeder Kopf ist jede Hand ein Meisterwerk von Leben und Charakterdarstellung (Abb. 2).

Abb. 10.Ein lustiger Flötenspieler.In der Großherzoglichen Gemäldesammlung zu Schwerin.

Abb. 10.Ein lustiger Flötenspieler.In der Großherzoglichen Gemäldesammlung zu Schwerin.

Abb. 11.Der Schalksnarr.Im Reichsmuseum zu Amsterdam.(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)❏GRÖSSERES BILD

Abb. 11.Der Schalksnarr.Im Reichsmuseum zu Amsterdam.(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)

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Abb. 12.La bohémienne.Im Louvre zu Paris.(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)❏GRÖSSERES BILD

Abb. 12.La bohémienne.Im Louvre zu Paris.(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)

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Aus dem nämlichen Jahre 1616 sind die ältesten erhaltenen und bekannten unter den kleineren Bildern von Franz Hals, in denen er mit sprudelnder Laune seinem Übermut die Zügel schießen läßt. Wenn man klassifizieren wollte, würde man diese Gattung Halsscher Bilder zum größten Teil mehr unter die Genredarstellungen als unter die Porträts rechnen müssen; denn es kommt in denselben weniger auf die abgemalten Persönlichkeiten als auf die Schilderung eines Augenblicks aus deren Thun und Leben an. Immer aber blicken wir in die Gesichter von Menschen, die keine Erzeugnisse künstlerischer Vorstellungskraft sind, sondern die wirklich gelebt haben und gerade so ausgesehen haben, wie Franz Hals sie gemalt hat. Bisweilen sind diese Sittenschilderungen — wenn man sie so nennen will — von einer Derbheit, die den heutigen empfindsameren Beschauer verletzen könnte, wenn nicht der unvergleichliche Humor, der in ihnen lebt, alles sich unterordnete und auch den Beschauer überwältigte. Zudem war in jener Zeit im allgemeinen, und in Holland vielleicht mehr als anderswo, eine unbefangene Derbheit, die uns heute kaum begreiflich erscheint, selbst in den besten Ständen ganz gewöhnlich und kaum anstößig. In der Gesellschaft, in welcher Franz Hals seine Erholung von der Arbeit suchte, herrschte wohl ein besonders kräftiger Ton, der dann wiederklang in den aus eben dieser Gesellschaft geschöpften Bildern. Es sind des genußfrohen Meisters Zechgenossen, die da mit ihren lustigen Freundinnen so ausgelassen in das Leben hineinlachen. Das älteste bezeichnete Bild dieser Gattung, eben von 1616, ist in den Besitz eines amerikanischen Kunstliebhabers gelangt.Doch besitzt das Berliner Museum von demselben eine alte, annähernd gleichzeitige Kopie, die uns von dem Gemälde eine gute Vorstellung gewährt, wenn sie auch den unnachahmlichen Strich der Meisterhand nicht vollkommen wiedergeben mag (Abb. 3). Da sitzt ein älterer Herr mit dunkelrotglühend erhitztem Gesicht, das Barett schief über den kahlen Scheitel geschoben, und hält ein pfauenhaft aufgeputztes Mädchen auf dem Schoß. Hinter den beiden steht eine dritte Person — im Original soll es ein dunkelhaariger Bursche sein, in der Kopie ist es ein jüngeres Mädchen — und schwingt mit Ausgelassenheit und mit einem frechen Lächeln nach der Freundin herüber eine zusammengeschlungene Wurst in die Höhe. Die geputzte Schöne lächelt verschämt zu den Einflüsterungen des Liebhabers; aber die Kunst des Malers läßt uns keinen Zweifel darüber, daß die Verschämtheit dieses Lächelns nicht echt ist.

Abb. 13.Der lustige Zecher.In der Königlichen Galerie zu Kassel.(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)

Abb. 13.Der lustige Zecher.In der Königlichen Galerie zu Kassel.(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)

Abb. 14.Ein vergnügter Zecher.Im Reichs-Museum zu Amsterdam.(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)

Abb. 14.Ein vergnügter Zecher.Im Reichs-Museum zu Amsterdam.(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)

Die Wiedergabe des Lachens in allen Abstufungen, vom leisen Schmunzeln an bis zum hellen Gelächter ist das Wunderbarste in der Kunst des Franz Hals. Bei anderen Malern hat es fast immer etwas Unangenehmes, wenn eine so flüchtige Bewegung der Gesichtsmuskeln in der Unbeweglichkeit des Bildes festgehalten wird. Franz Hals aber malt gleichsam die Flüchtigkeit selbst mit. Er hat eine nur ihm eigentümliche, auf einer ganz einzig dastehenden Begabung beruhende Art, das Sprechende in der Bewegung der Gesichtszüge mit unvermittelt hingeworfenen, unfehlbar sicheren Pinselstrichen wiederzugeben; es sieht aus, als ob die ganze Malerei mit blitzartiger Schnelligkeit entstanden wäre, und so ist sie eine vollkommen entsprechende Ausdrucksform für schnellbewegliche Erscheinungen. In dieser Hinsicht üben derartige Halssche Bilder eine überzeugendere Wirkung aus, als selbst die heutigen Augenblicksphotographien; denn die letzteren stehen dadurch, daß sie in ihrer gleichmäßigen Verdeutlichung jeder Einzelform dem Auge mehr zeigen, als dasselbe in der Wirklichkeit zu erfassen im stande ist, mit dem von der Wirklichkeit ausgehenden Eindruck im Widerspruch. Franz Hals’ lachende Gesichter scheinen sich wirklich zu bewegen.

Abb. 15.Selbstbildnis des Künstlers mit seiner zweiten Frau, Lisbeth Reyniers.Im Reichs-Museum zu Amsterdam.

Abb. 15.Selbstbildnis des Künstlers mit seiner zweiten Frau, Lisbeth Reyniers.Im Reichs-Museum zu Amsterdam.

Gelegentlich übertrug der Meister die Lustigkeit der Auffassung und die Blitzartigkeit der Malweise auch auf ein wirklich als solches geltendes Bildnis; so hat er einen Patrizier, der seinen Reichtum wohl seiner Heringsflotte verdankte, abgemalt, wie derselbe eigenhändig einen Korb voll der eben angekommenen Fische aufgenommen hat und mit lautem Ruf das Lob der frischen Ware verkündet.

Abb. 16.Festmahl der Offiziere der St. Georgs-Schützen(1627). Im Rathaus-Museum zu Haarlem.(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)❏GRÖSSERES BILD

Abb. 16.Festmahl der Offiziere der St. Georgs-Schützen(1627). Im Rathaus-Museum zu Haarlem.(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)

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Abb. 17.Festmahl der Offiziere der St. Adrians-Schützen. Im Rathaus-Museum zu Haarlem.(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)❏GRÖSSERES BILD

Abb. 17.Festmahl der Offiziere der St. Adrians-Schützen. Im Rathaus-Museum zu Haarlem.(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)

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Wenn es auch begreiflicherweise nur selten geschah, daß der Besteller eines Bildnisses gerade solch einem übermütigem Einfall des Malers mit gleicher Laune entgegenkam, so fand Franz Hals doch häufig Gelegenheit, Bildnisse in einer Weise aufzufassen, welcher seine Augenblicksmalerei — wenn dieser nach dem Ähnlichkeitsbeispiel der Momentphotographie gebildete Ausdruck statthaft ist — als die geeignetste Art der Ausführung entsprach. Er erreichte dadurch eine unvergleichliche Lebendigkeit. In anderen Fällen bildete er die Porträts mit dem äußersten Maß von liebevoller Sorgfalt durch. Sind schon auf dem Schützenbild von 1616 die Köpfe durch eine bewunderungswürdige Sorgfältigkeit der Ausführung ausgezeichnet, so ging der Meister hierin bei Einzelbildnissen bisweilen noch weiter. Da konnte er einen so hingebenden Fleiß entfalten, daß er hierdurch den Beschauer fast ebenso sehr fesselt wie andere Male durch seine Keckheit. Betrachten wir zum Beispiel die Bildnisse eines vornehmen Ehepaares, welche sich in der Gemäldegalerie zu Kassel befinden. Dieselben sind, wie man aus der Tracht mit Sicherheit schließen kann — denn im XVII. Jahrhundert wechselten die Kleidermoden schnell und schroff — in der ersten Hälfte der zwanziger Jahre entstanden (Abb. 4und5). Mit welcher staunenswürdigen Feinheit sind da die Gesichter bis in die letzten Einzelheiten der Formen ausgeführt, ohne daß durch die Sauberkeit der Malerei die Frische der Auffassung und die überzeugende Lebenswahrheit der Persönlichkeiten irgendwie Schaden gelitten hätten. Und mit was für einer fleißigen Genauigkeit sind der feine Batist der großen Halskrausen, die kostbaren Spitzen der Haube und der Manschetten, das künstlich gearbeitete lilafarbene Seidenkleid der Frau und deren mit schwarzem Federpelz besetzter Überrock aus schwarzem Damast, sowie die schwarze Atlaskleidung des Mannes gemalt, ohne daß diese Durchbildung des Einzelnen den malerischen Reiz des Ganzen und die feine Einheitlichkeit der Farbenstimmung auch nur im Geringsten beeinträchtigte. — Von verwandter Art sind die mit der Jahreszahl 1625 bezeichneten Bildnisse des Ehepaares Olycan in der königlichen Gemäldesammlung im Haag (Abb. 6und7). Es ist lohnend, die beiden Bildnispaare, dieses und das Kasseler, daraufhin miteinander zu vergleichen, wie bei aller Ähnlichkeit der Stellungen, die recht und schlecht diejenigen des Dastehens zum Abgemaltwerden sind, doch die Verschiedenartigkeit der Charaktere auch in den Körperhaltungen zum Ausdruck gebracht ist.

Schon der Umstand, daß der Meister von so vornehmen Persönlichkeiten dazu ausersehen wurde, ihr Bild zu malen, würde hinreichen, um zu beweisen, daß man ihm sein leichtes Leben um seiner Kunst willen, und vielleicht auch um seiner guten Herkunft willen, gern verzieh. Daß er ungeachtet der unerquicklichen Vorkommnisse von 1616 sich eines guten Ansehens erfreute, geht auch aus mancherlei anderweitigen Zeugnissen hervor, so zum Beispiel daraus, daß er von einem der Pflege der Litteratur gewidmeten, sogenannten Rhetoriker-Verein zum Ehrenmitglied ernannt wurde; auch der Umstand spricht dafür, daß er Mitglied der Bürgerwehr von Haarlem war und daß er später sogar in den Vorstand seiner Gilde gewählt wurde.

Abb. 18.Bildnis eines jungen Mannes.Im Königlichen Museum zu Berlin.(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)

Abb. 18.Bildnis eines jungen Mannes.Im Königlichen Museum zu Berlin.(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)

Abb. 19.Bildnis einer jungen Frau.Im Königlichen Museum zu Berlin.(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)

Abb. 19.Bildnis einer jungen Frau.Im Königlichen Museum zu Berlin.(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)

Zwischen dem Malen von ernsten Bildnissen, welche großen Aufwand von Zeit und Mühe erforderten, mochte es dem Meister eine rechte Erholung sein, sich mit dem Schaffen jener leicht und schnell hingemalten genreartigen Darstellungen zu vergnügen. Diese bald aus einem einzelnen Brustbild, bald aus einer Zusammenstellung von zwei oder mehreren Halbfiguren bestehenden, meist in lebensgroßem Maßstab ausgeführten Gemälde bildeten ihm zugleich eine Quelle des Erwerbs, indem dieselben gern gekauft wurden, wenn auch nur zu niedrigen Preisen. Was für liebenswürdige Werke Franz Hals in dieser Gattung von Malerei entstehen lassen konnte, zeigen die singenden Knaben der Kasseler Galerie (Abb. 8). Man kann sich nicht satt sehen an diesem frischen blonden Jungen, der im Verein mit einem Genossen so ganz aufgeht in dem Einüben des Liedes, das er zur Laute vortragen will. Mit unfehlbaren Pinselstrichen ist das Spiel der Gesichtsmuskeln beim Singen wiedergegeben — eine Thätigkeit, die für andere ebenso spröde gegen das Festhalten im Bilde zu sein pflegt, wie das Lachen. — Ähnliche Darstellungen singender und musizierender Knaben von der Hand des Meisters befinden sich in verschiedenen Sammlungen; so, um noch einige in Deutschland befindliche zu nennen, der muntere Junge, dem die neue Weise für sein Flötenspiel, welche er singend probiert, so gut gefällt, im Berliner Museum (Abb. 9), und der kecke Bursche in der großherzoglichen Galerie zu Schwerin, der, die Flöte absetzend, den Beschauer anlacht, als ob er ihn fragen wollte: „War das nicht lustig?“ (Abb. 10). — Ganz besonderen Beifall erzielte, wie die mehrfach vorhandenen Wiederholungen bekunden, ein figurenreicheres Bild, welches einen „Rommelpotspieler“ darstellt, einen verkommenen alten Kerl, der durch die komischen Töne seines brummenden und schnurrenden Instrumentes die Straßenjugend in Entzücken versetzt. — Auch wenn Franz Hals seine Gestalten aus dem fragwürdigen Volk herausgreift, welches Wirtshäuser niedrigster Klasse belebte, weiß er denselben durch den Zauber seiner Kunst und durch die ungekünstelte Frische seines Humors alles Abstoßende zu nehmen: im Gegenteil fesseln auch diese Gestalten den Beschauer ganz unwiderstehlich mit einem nicht zu beschreibenden Reiz. Der Schalksnarr gibt den Ton an in diesem Kreis von Darstellungen. Wie wirbt der Spaßmacher so lockend, in seine Gesellschaft herabzukommen, in dem Amsterdamer Gemälde (Abb. 11), wo er mit einem erfolgsgewissen Blick sich umschaut, während er die Weise eines Schelmenliedes auf der Laute anschlägt! Wer empfände, wenn er der übermütigen lachenden Dirne, der sogenanntenbohémienne, im Louvre (Abb. 12) entgegentritt, in ihrem Anblick nicht einen wirklichen, herzlichen Kunstgenuß? Oder wer könnte ohne Vergnügen den lustigen Zecher in der Galerie zu Kassel (Abb. 13) ansehen, einen Mulatten in verschossener roter, gelb ausgeputzter Kleidung, der den Deckel des Weinkrugs aufklappt und mit vom Rausche klein gewordenen Augen, von denen das eine in Feuchtigkeit schwimmt, während das andere funkelt, und mit schwerer, naßglänzender Unterlippe, in einer so unbeschreiblichen Mischung von Glückseligkeit und Stumpfsinn den Beschauer anlacht? Nicht weniger glücklich fühlt sich der vornehmere Zecher, der aus einem Bilde im Reichs-Museum zu Amsterdam uns mit gleichfalls schon glänzendem Gesicht und schwer werdenden Augenlidern entgegenblickt, redselig bemüht, uns von den vorzüglichen Eigenschaften des goldenen Weins in dem Glase, das er vor sich hin hält, zu überzeugen (Abb. 14).

Abb. 20.Bildnis eines Kindes mit Amme.Im Königlichen Museum zu Berlin.(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)❏GRÖSSERES BILD

Abb. 20.Bildnis eines Kindes mit Amme.Im Königlichen Museum zu Berlin.(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)

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Abb. 21.Die Familie van Beresteyn.Im Louvre-Museum zu Paris.❏GRÖSSERES BILD

Abb. 21.Die Familie van Beresteyn.Im Louvre-Museum zu Paris.

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Abb. 22.Albert van Nierop. Doktor der Rechte, Mitglied des Justizhofes von Holland.Von 1631. Im Rathaus zu Haarlem.(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)

Abb. 22.Albert van Nierop. Doktor der Rechte, Mitglied des Justizhofes von Holland.Von 1631. Im Rathaus zu Haarlem.(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)

Sich selbst und seine Gattin Lisbeth hat Franz Hals in einem köstlichen Bilde, welches sich im Reichs-Museum zu Amsterdam befindet, gemalt, und zwar in ganzen Figuren, in landschaftlicher Umgebung. Das Ehepaar sitzt in einem parkartigen Garten unter einer Baumgruppe auf der Rasenbank. Er lehnt sich behaglich zurück und zeigt dem Beschauer die Miene eines lachenden Philosophen. Sie hat den Arm auf seine Schulter gelegt und blickt uns mit einem halbverlegenen Lächeln von der Seite an. Man sieht, daß beide das Leben nicht von der tragischen Seite zu nehmen pflegen (Abb. 15).

Abb. 23.Cornelia van der Meer, Gemahlin des Albert van Nierop.Von 1631. Im Rathaus zu Haarlem.(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)

Abb. 23.Cornelia van der Meer, Gemahlin des Albert van Nierop.Von 1631. Im Rathaus zu Haarlem.(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)

Der Entstehungszeit nach liegt dieses Bild zwei Dulenstücken im Haarlemer Rathaus nahe, welche beide die Jahreszahl 1627 tragen und von denen das eine die Offiziere der St. Georgs-Schützen, das andere diejenigen der St. Adrians-Schützen darstellt. Vergleicht man diese beiden großen Porträtgruppen mit dem um elf Jahre älteren Bilde der nämlichen Gattung, so gewahrt man neben der volleren Farbenpracht ein großes Fortschreiten des Meisters hinsichtlichder dort schon so glücklich angestrebten Zwanglosigkeit der Gruppierung. Auch in der gesamten Auffassung besteht ein bemerkenswerter Unterschied zwischen dem Dulenstück von 1616 und den beiden von 1627. Dort zeigte sich gemessener Ernst mit der Heiterkeit des Festmahls gepaart. Hier herrscht eine ungebundene Fröhlichkeit auf den meisten Gesichtern. Man ist nicht mehr beim ersten Glas, man trinkt, lacht und plaudert, alles ist in Bewegung. Die sprühende Lustigkeit, die in anderweitigen Werken des Meisters lebt und die gerade um diese Zeit ihren Höhepunkt erreicht, hat sich auch der wackeren Vaterlandsverteidiger, soweit wie deren Würde das zuläßt, bemächtigt (Abb. 16und17).

Eine völlig andere Auffassung zeigt das der Zeit nach folgende Dulenstück: die Offiziere der St. Adrians-Schützen im Jahre 1633 (Abb. 24). Hier spiegelt sich die ernster gewordene Zeit; immer mehr wurde ja der niederländische Freistaat in die Wirrnisse des dreißigjährigen Krieges hineingezogen. Wir sehen die Bürgerwehr-Offiziere nicht in fröhlicher Tafelrunde vereinigt, sondern dieselben haben sich mit ernsten Mienen im Garten des Schützenhauses versammelt. Eine Anzahl von Hauptleuten, Lieutenants, Fähnrichen und Sergeanten umgiebt stehend den Oberst, der in gemessener Würde dasitzt, die Rechte auf seinen Stock gestützt. Andere sind miteinander in einem leise geführten Gespräch begriffen, ein Buch wird aufgeschlagen, das wohl Auskunft geben soll über eine aufgeworfene Frage. Doch tritt das Genremäßige, die Darstellung eines Vorgangs, der die Figuren zu einander in Beziehungen setzt, hier in den Hintergrund; die Mehrzahl der Abgebildeten wendet sich in ruhiger Haltung dem Beschauer zu. Aber auch diese unthätigen Personen sind mit außerordentlichem Geschmack zusammengruppiert. Die bewegten und die unbewegten Gestalten vereinigen sich zu einem Bilde von höchstem Reiz der malerischen Gesamterscheinung. Mit der künstlerischen Wirkung von hell und dunkel geht die prächtige Farbenwirkung Hand in Hand, bei welcher der landschaftliche Hintergrund — tiefschattige Bäume, die Gebäude des Schützenhauses mit roten Ziegeldächern, ein Stückchen Abendhimmel — bedeutsam mitspricht. Unübertrefflich ist bei diesem Bilde auch die Sorgfalt der Ausführung, die namentlich bei den Köpfen mit der größten Liebe auf die feinsten Einzelheiten eingeht. Mit Recht gilt das Dulenstück von 1633 als das vorzüglichste Meisterwerk von Franz Hals.

Abb. 24.Die Offiziere der St. Adrians-Schützen(1633). Im Rathaus-Museum zu Haarlem.(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)❏GRÖSSERES BILD

Abb. 24.Die Offiziere der St. Adrians-Schützen(1633). Im Rathaus-Museum zu Haarlem.(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und Paris.)

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Abb. 25.Bildnis eines unbekannten Herrn.Von 1638.Im Städelschen Institut zu Frankfurt am Main.❏GRÖSSERES BILD

Abb. 25.Bildnis eines unbekannten Herrn.Von 1638.Im Städelschen Institut zu Frankfurt am Main.

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Abb. 26.Bildnis einer unbekannten Dame.Von 1638.Im Städelschen Institut zu Frankfurt am Main.

Abb. 26.Bildnis einer unbekannten Dame.Von 1638.Im Städelschen Institut zu Frankfurt am Main.

Um diese Zeit stand überhaupt der nicht mehr junge Meister auf der Höhe seiner Schaffenskraft. Zahlreiche Bestellungen von Einzelbildnissen, namentlich von seiten der höheren Stande, nicht bloß Haarlems, sondern auch anderer holländischer Städte, hielten ihn in beständiger Thätigkeit. Wohl die Mehrzahl der vielen trefflichen Bildnisse, die von seiner Hand auf uns gekommen sind, gehören dem Ende des dritten und dem vierten Jahrzehnt des XVII. Jahrhunderts an. Das Berliner Museum enthält mehrere vorzügliche Beispiele. Da sind zwei mit der Jahreszahl 1627 bezeichnete, als Gegenstücke gemalte Bildnisse, die ebenso wie das köstlich ausdrucksvolle Bildchen eines verwachsenen jungen Herrn von 1629 in kleinem Maßstabe ausgeführt sind und die in ihrer Nebeneinanderstellung ganz besonders dadurch fesseln, daß man sieht, wie in ihnen nicht die Auffassung allein, sondern selbst die malerische Behandlung den verschiedenartigen Charakteren der dargestellten Persönlichkeiten — hier eines trocken docierenden alten, dort eines wortreich redenden jungen Gelehrten — angepaßt ist. Dann aus derselben Zeit die so prächtig lebensfrisch aufgefaßten und in breiter, lustiger Behandlung gemalten Brustbilder eines Ehepaares (Abb. 18und19). Ferner ein etwa der Mitte der dreißiger Jahre angehöriges ganz hervorragendes Meisterwerk, das aus dem Schlosse Ilpenstein in Nordholland stammt. Es ist das Bild eines kleinen Kindes, das, nach der Mode der Zeit in steifen Putz wie eine große Dame gekleidet, auf dem Arm seiner Wärterin sitzt; aus Spitzen und Goldbrokat blickt das feine, frische Gesichtchen mit bezauberndem frohem Kindeslächeln hervor, und die bäuerische Amme scheint ganz glückselig darüber zu sein, einen so schönen Pflegling dem Beschauer zeigen zu können (Abb. 20). — Im Louvre befinden sich jetzt die Bildnisse aus der Familie van Beresteyn, welche bis vor einigen Jahren in dem Hause einer wohlthätigen Stiftung dieser Familie zu Haarlem aufbewahrt wurden. Wenn man vor die mit der Jahreszahl 1629 bezeichneten Kniestücke des Nikolas van Beresteynund seiner Gattin hintritt, so wird man überrascht durch die Kraft der Farbenwirkung, die viel weniger, als es sonst bei Hals der Fall zu sein pflegt, die Eigenfarben der Dinge dem Gesamtton unterordnet. Namentlich fällt dies auf bei dem Mann mit seiner tiefschwarzen Kleidung und schneeweißen Krause. Aber der malerische Reiz ist darum keineswegs geringer als bei den tonigen Bildern. Auch das mutmaßlich etwas später entstandene große Familiengemälde, das uns einen Herrn und eine Frau van Beresteyn mit sechs Kindern und zwei Wärterinnen im Garten zeigt, ist sehr kräftig gehalten und dabei infolge der Buntheit der Kleidungen der Kinder und Dienerinnen sehr farbenreich. Es ist dem Meister hier noch vollkommener als bei den Schützenstücken dieser Zeit gelungen, in der gedrängten Zusammenstellung der Figuren den Schein des Zufälligen, Natürlichen zu wahren. In Form und Farbe fügt sich das Ganze wunderbar als Bild zusammen. Und es ist eine entzückende Schilderung von Familienglück. Welch frohes Behagen erfüllt das Elternpaar, welches köstliche Leben sprühtin jedem einzelnen Wesen der lieblichen Kinderschar! Auch die Kinderfrauen, von denen die eine zwei ihrer Pfleglinge liebevoll in den Armen hält, während die andere mit den Fingern schnalzt, um einen besonders lebhaften Jungen zu unterhalten und an die Stelle zu fesseln, nehmen teil an dem sonnigen Glück der Familie (Abb. 21). — Von ähnlicher Art wie die Beresteynschen Kniestücke sind die im Jahre 1631 gemalten Bildnisse des Ehepaars Nierop in Haarlem (Abb. 22und23). — Eines der ausgezeichnetsten Halsschen Porträts, aus dieser nämlichen Zeit, enthält die fürstlich Liechtensteinsche Gemäldesammlung in Wien in dem ebenfalls sehr farbigen, in ganzer Figur lebensgroß ausgeführten, vornehmen Bildnis eines Herrn van Heythuysen, eines Haarlemer Bürgers, der sich in ähnlicher Weise wie die Beresteyn um seine Vaterstadt verdient gemacht hatte. Solche Bildnisse aus der Blütezeit des Franz Hals stehen in ihrer wunderbaren Lebensfülle und dem Zauber ihrer Farbenharmonie völlig ebenbürtig neben den schönsten Werken der höchstgefeierten Bildnismaler. — Mit der Jahreszahl 1638 sind die prächtigen Porträts, Halbfiguren, eines Ehepaars bezeichnet, welche das Städelsche Institut zu Frankfurt am Main besitzt (Abb. 25und26). Von 1639 ist das wunderbar vollendete Kniestück einer alten Dame im Museum vander Hoop zu Amsterdam (Abb. 27). Um die nämliche Zeit müssen die kleinen Brustbilder von zwei vornehmen Herren entstanden sein, die sich in der Dresdener Galerie befinden, und von denen namentlich das eine uns wieder mit so sprudelnder Lebenskraft die Erscheinung eines selbstbewußten und etwas eitlen Junkers vor Augen führt (Abb. 28). Ein Juwel von des Meisters Augenblicksmalerei ist aus dieser Zeit das im Brüsseler Museum befindliche kleine Bildnis in ganzer Figur von jenem schon genannten Wilhelm van Heythuysen. Im Gegensatz zu dem stattlichen, zu würdevoller Geltendmachung bestimmten großen Gemälde in Wien, ist dieser Herr hier so aufgefaßt, wie er gerade einmal im Gespräch dem Maler gegenübergesessen hat: in Mantel und Reitstiefeln, in bequemer Stellung auf dem Stuhl sich schaukelnd und mit der Reitgerte spielend (Abb. 29).

Abb. 27.Bildnis einer Dame aus der Familie van der Meer.Von 1639. Im Museum van der Hoop in Amsterdam.(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)

Abb. 27.Bildnis einer Dame aus der Familie van der Meer.Von 1639. Im Museum van der Hoop in Amsterdam.(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)

Abb. 28.Bildnis eines unbekannten Herrn.In der Königlichen Gemälde-Galerie zu Dresden.(Nach einer Aufnahme von F. & O. Brockmann’s Nachf. [R. Tamme] in Dresden.)

Abb. 28.Bildnis eines unbekannten Herrn.In der Königlichen Gemälde-Galerie zu Dresden.(Nach einer Aufnahme von F. & O. Brockmann’s Nachf. [R. Tamme] in Dresden.)

Abb. 29.Wilhelm van Heythuysen.Im Königlichen Museum zu Brüssel.

Abb. 29.Wilhelm van Heythuysen.Im Königlichen Museum zu Brüssel.

Wie der Ruhm von Franz Hals sich über Haarlem hinaus verbreitete, das wird am sprechendsten durch den Umstand bekundet, daß auch eine Amsterdamer Schützengilde ihn auserwählte zur Anfertigung eines Gruppenbildes ihrer Offiziere, obgleich es doch damals in der aufblühenden Hauptstadt der vereinigten Provinzen nicht an tüchtigen Bildnismalern fehlte. Das betreffende Dulenstück, welches im Stadthaus zu Amsterdam aufbewahrt wird, wurde im Jahre 1637 ausgeführt. Es zeigt die Bürgerwehr-Offiziere, dreizehn an der Zahl, in einer Art von Aufmarsch, aber in zwanglosen Haltungen dastehend. Fast alle sind in Schwarz gekleidet; denn das Schwarz fing damals an, für die vornehmste Kleiderfarbe zu gelten, und verdrängte allmählich die frühere heitere Buntheit aus der Modetracht der besseren Stände. Dieser Umstand hat aber den Maler nicht verhindert, in diesem trefflich ausgeführten Gemälde wieder ein Meisterwerk der Farbenwirkung zu schaffen.

Zwei Jahre später trat an Franz Hals zum drittenmal die Aufgabe heran, die Offiziere der Haarlemer St. Georgs-Schützen, denen er selbst angehörte, zu malen. Auch in diesem Bilde, welches sein figurenreichstes ist — die Zahl der Abgebildeten beträgt neunzehn —, wählte der Meister die Anordnung eines Aufmarsches (Abb. 30). Ober- und Unteroffiziere sind in zwei Gliedern angetreten; eine dritte Reihe kommt von einer mit Bäumen bepflanzten Anhöhe herab, um sich erst zu ordnen und ihre Plätze einzunehmen. Im ersten Gliede steht im Gespräch mit dem stattlichen Fähnrich, welcher rechter Flügelmann ist, der Oberst Johann van Los, mit zweifacher Schärpe umgürtet, die beiden Hände vor sich auf den Knopf seines Stockes gelegt. Ihm zur Linken wendet der Schatzmeister Michel de Waal sich nach dem nächsten der drei mit Partisanen bewehrten Hauptleute um, welche weiterhin im ersten Gliede sich anreihen. Ruhig und schweigend stehen im zweiten Gliede mehrere Lieutenants, welche Partisanen wie die Hauptleute tragen, zwischen den an ihren Hellebarden kenntlichen Sergeanten. In beiden Gliedern bilden Fähnriche den linken Flügel. In dem noch ungeordneten dritten Gliede erblicken wir zwischen dem Fahnenträger und einem ganz oben in der Ecke erscheinenden Sergeanten den Kopf des Malers selbst. Auch Franz Hals blickt hier ganz ernst, wie alle übrigen Personen dieses prächtigen Bildes.

Eine heitere Stimmung würde jetzt ganz unangemessen gewesen sein in einem zu öffentlicher Aufstellung bestimmten Bilde holländischer Wehrleute. Das Jahr 1639 war ein ernstes Kriegsjahr, aber ein sehr ruhmreiches für die freien Niederlande. Zweimal nacheinander schlug der Admiral Tromp eine stolze spanische Flotte, und ganz Europa mußte die junge holländische Seemacht als die erste der Welt anerkennen.


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