12. Kapitel.

Nachdem die Verfassung von der Konstituante angenommen worden war, löste sich diese auf und es wurden sofort die Wahlen für die zwölf Vertretungskörper vorgenommen. Pünktlich am 20. Oktober traten diese zusammen und der Ausschuß legte in deren Hände seine Gewalten nieder. Die alten Ausschußmitglieder wurden jedoch als Chefs der verschiedenen Verwaltungszweige wiedergewählt, mit Ausnahme von Vieren, welche erklärten, kein öffentliches Amt mehr anzunehmen und an deren Stelle neue Männer traten. Die Regierung von Freiland war endgiltig konstituiert.

Inzwischen waren die drei zur Feststellung der geeignetsten Trace für eine Eisenbahn an die Küste entsendeten Expeditionen zurückgekehrt. Die eine derselben, die auf der kürzesten Route, im Danathale an die Wituküste, operiert hatte, war zwar auf keine ungewöhnlichen Terrainschwierigkeiten gestoßen und die Voraussicht, daß diese weitaus kürzeste Strecke sich als die technisch empfehlenswerteste erweisen werde, hatte sich bewährt; auch im übrigen hatte sich bis zu einer Entfernung von 200 Kilometern vom Kenia keinerlei ernstliche Schwierigkeit ergeben; aber von da ab bis an die Küste setzten die jenes Gebiet bewohnenden Gallastämme der Expedition einen so hartnäckigen und bösartigen Widerstand entgegen, daß die Feindseligkeiten zwei Monate lang kein Ende nahmen, zahlreiche Gefechte bestanden werden mußten, in denen sich die Gallas zwar stets schwere Züchtigungen holten, die aber doch nicht bewirkenkonnten, daß die Expedition anders, als in stetem Kriegszustande ihre doch durchaus friedliche Mission zu erfüllen vermochte. Der Eisenbahnbau durch jenes Gebiet hätte durch einen förmlichen Feldzug zur Pacifizierung oder Vertreibung der Galla eingeleitet werden müssen und wäre auch dann nur unter dauernder Kriegsbereitschaft zu vollenden gewesen. Diese Linie mußte also — vorläufig zum mindesten — fallen gelassen werden.

Nicht minder gewichtige Gründe sprachen gegen die Linie über Ukumbani längs des Athiflusses. Die Trace durch das Flußthal wäre zwar ohne sonderliche technische Schwierigkeiten gewesen, aber sie durchzog, insbesondere in der zweiten Hälfte, ungesundes Sumpf- und Dschungelland, welches in nächster Zukunft nicht kulturfähig zu machen war. Entschied man sich dagegen für eine, das eigentliche Flußthal verlassende, die begleitenden Höhenzüge durchquerende Nebenvariante, so waren die technischen Verhältnisse nicht günstiger und die voraussichtlichen Baukosten nicht geringer, als bei der dritten Linie, der längs unserer alten Straße nach Mombas nämlich, die denn auch einhellig gewählt wurde. Zu ihren Gunsten sprach der gewichtige Umstand, daß sie befreundete Gebiete durchzog, die in nicht zu ferner Zukunft höchst wahrscheinlich von freiländischen Kolonisten zum Wohnplatze erkoren werden durften; daß sie die längste und kostspieligste von allen war, konnte daher, wenn der Kostenunterschied nicht allzusehr in die Wagschale fiel — was, wie sich zeigte, thatsächlich nicht der Fall war — nicht abhalten, ihr den Vorzug zu geben.

Der Bau wurde unverzüglich begonnen. Mächtige, neuartige Maschinen aller Art waren inzwischen in großer Zahl durch unsere freiländischen Maschinenfabriken konstruiert worden, und mit diesen ausgerüstet, griffen 5000 freiländische und 8000 Negerarbeiter das Werk an 18 Punkten zugleich an, wobei die 11 größeren und 32 kleineren Tunnels in einer Gesamtlänge von 38 Kilometern, die auf der Strecke vorkamen, und die jeder für sich ein eigenes Bauobjekt bildeten, gar nicht mitgezählt sind. Die Schienen — bestes Bessemermaterial — lieferten teils unsere eigenen Fabriken, teils — und zwar für die Strecke Mombas-Taweta — kamen sie aus Europa. Zwei Jahre nach Beginn des ersten Spatenstiches wurde die Teilstrecke Edenthal-Ngongo, drei Monate später die Strecke Mombas-Taweta und abermals ¾ Jahre später das Mittelstück Ngongo-Taweta dem Verkehr übergeben, so daß genau fünf Jahre, nachdem unsere Pioniere zum erstenmale den Boden von Freiland betreten hatten, die erste Lokomotive, die den Tag zuvor noch die Brandung des indischen Oceans an die Ufer von Mombas schlagen gesehen, die Gletscher des Kenia mit gellendem Pfiff begrüßte.

Daß dieses gewaltige Werk in so kurzer Frist und mit verhältnismäßigso geringem Arbeitsaufwande vollendet werden konnte, verdankten wir unseren Maschinen, auf deren Rechnung es auch zu stellen ist, daß der Kostenaufwand sich innerhalb verhältnismäßig billiger Grenzen hielt, trotzdem wir unseren Arbeitern — selbstverständlich — Löhne zahlen mußten, wie sie wohl noch bei keinem Eisenbahnbaue jemals vorgekommen. Unsere freiländischen Eisenbahnbauer — sie hatten sich natürlich sofort zu einer Anzahl von Associationen zusammengethan — bezogen im ersten Baujahre einen Tagesverdienst von je 22 Sh., im dritten einen solchen von 28 Sh. — und arbeiteten dabei bloß je 7 Stunden täglich. Trotzdem kosteten die gesamten 1082 Kilometer, meist ziemlich schwieriger Gebirgsbahn, bloß 9½ Millionen Pfd. Sterling, d. i. nicht ganz 9000 Pfd. Sterling per Kilometer. Unsere 13000 Arbeiter leisteten eben mit ihren großartigen kraftersparenden Maschinen mehr, als 100000 gewöhnliche Arbeiter mit Haue, Krampe und Karren auszurichten vermocht hätten: und die Verwendung dieses kolossalen, mehr als 4 Millionen Pfd. Sterling verschlingenden „Kapitals“ war „rentabel,“ gerade weil die Arbeit so hohen Lohn empfing.

Daß zugleich mit dieser — zweigeleisigen — Eisenbahn auch ein Telegraph zwischen Edenthal und Mombas gelegt wurde, ist selbstverständlich.

Während aber diese Arbeiten im Zuge waren, und die unaufhaltsam anwachsende Bevölkerung von Freiland in engere Berührung mit der alten Heimat trat, hatten sich in den Beziehungen zu unseren eingeborenen afrikanischen Nachbarn wichtige Veränderungen vollzogen, teils friedlicher, teils kriegerischer Natur, die von nicht minder bedeutsamem Einflusse auf den Entwickelungsgang unseres Gemeinwesens waren.

Zunächst hatten die Massai von Leikipia und aus dem Seengebiete zwischen Naiwascha und Baringo aus eigener Initiative und auf eigene Kosten, wenn auch unter Anleitung von ihnen erbetener freiländischer Ingenieure, eine gute, 380 Kilometer lange Fahrstraße durch ihr ganzes Gebiet vom Naiwaschasee erst nördlich und dann östlich durch Leikipia bis nach Edenthal gebaut. Sie erklärten, es gehe wider ihre Ehre und ihren Stolz, daß sie durch fremdes Gebiet von uns getrennt seien und wenn sie uns oder wir sie besuchen wollten, der einzige praktikable Weg über das Land der Wakikuja genommen werden müsse. So groß war der eifersüchtige Wunsch nach unmittelbarem Anschlusse an unser Gebiet, daß die Massai, als sie ein Teil der angeworbenen Wataweta-Straßenarbeiter irgend einer Mißhelligkeit halber während der besten Bauzeit plötzlich im Stiche ließ, selber zugriffen und abwechselnd in der Zahl von 3000 das Werk mit einer Energie förderten, die Niemand bei diesem noch vor kurzem so arbeitsscheuen Volke für möglich gehalten hätte. Wir beschlossen denn auch, diesen Beweis ungewöhnlicher Anhänglichkeit und Tüchtigkeit durch einen ebenso hervorragenden Akt der Anerkennungzu belohnen. Als die Massaistraße fertig war und eine aus den Ältesten und Führern aller Stämme bestehende Massaideputation auf derselben freude- und triumphstrahlend ihren Einzug in Edenthal hielt, wurde dieselbe mit großen Ehren empfangen, und mit Geschenken für das ganze Massaivolk bedacht, die dem Bauwerte der neuen Straße ungefähr gleichkamen.

Die damit bewerkstelligte innigere Verbindung mit den nördlichen und westlichen Massaistämmen brachte uns bald darauf in Berührung mit den am Ostufer des Ukerewe-Sees wohnenden Kawirondo. Diese, ein sehr zahlreicher und friedlich von Ackerbau und Viehzucht lebender Volksstamm, grenzten im Norden ihres Gebietes an Uganda, wo in den letzten Jahren mannigfache innere Kämpfe und Umwälzungen vor sich gegangen waren. Unähnlich den anderen Völkern, die wir bis dahin kennen gelernt und die sämtlich in unabhängigen, nur lose verbundenen kleinen Stämmen, meist unter freigewählten Häuptlingen mit geringem Einflusse lebten, waren die Wangwana (der Name für die Bewohner von Uganda) schon seit Jahrhunderten zu einem größeren, despotisch regierten Staate unter einem Kabaka oder Kaiser vereinigt. Ihr Reich, dessen Stammland sich längs des Nordufers des Ukerewe erstreckt, war von wechselndem Umfange, je nachdem die wilde Eroberungspolitik des jeweiligen Kabaka den umliegenden Völkerschaften gegenüber von größerem oder geringerem Erfolge begleitet war; stets aber blieb Uganda eine Geißel für alle Nachbarn, die unter den unaufhörlichen Beutezügen, Erpressungen und Grausamkeiten der Wangwana litten. Weite, fruchtbare Landstriche verödeten unter dieser Plage, und als vollends seit einer Reihe von Jahren der Kabaka es verstanden hatte, sich durch Vermittelung arabischer Händler in den Besitz einiger tausend — wenn auch recht miserabler — Gewehre und einiger Geschütze zu setzen, mit welch Letzteren er mangels geeigneter Munition allerdings wenig auszurichten vermochte, wuchs der Schrecken vor dem grausamen Raubstaate in riesigen Dimensionen. Gerade in die Zeit unserer Ankunft am Kenia war eine Epoche vorübergehender Ruhe gefallen, weil die Wangwana, durch innere Streitigkeiten allzusehr beschäftigt, ihren Nachbarn geringere Aufmerksamkeit schenken konnten. Nach des letzten Kabaka Tod machten sich dessen zahlreiche Söhne die Herrschaft in Kriegen streitig, die, mit bestialischer Wut geführt, das Land schrecklich verheerten, bis endlich einer der Prätendenten, der den Namen des durch seine unerhörte Grausamkeit wie durch sein Kriegsglück berühmten großen Ahnen Suna führte, sich im Vorjahre durch Verräterei der Mehrzahl seiner Brüder entledigte. Von da ab konzentrierte sich die Macht mehr und mehr in dieses Kabaka Händen und sofort begannen auch die Überfälle und Brandschatzungen der benachbarten Stämme. Insbesondere richtete sich Sunas Zorn gegen die Kawirondo, weil diese einen seiner Brüder, derzu ihnen geflüchtet, ihm nicht ausgeliefert, sondern hatten entwischen lassen. Wiederholt waren einige tausend Wangwana in Kawirondo eingefallen, hatten Menschen und Vieh geraubt, die Dörfer angezündet, die Bananen umgehauen, die Ernten verwüstet und sich dabei unmenschliche Grausamkeit zu schulden kommen lassen. Die Kawirondo wandten sich in ihrer Not an die nördlichen Massaistämme um Hülfe. Es war die Kunde zu ihnen gedrungen, daß wir den Massai Gewehre und Pferde geschenkt hätten, und sie baten nun diese, ihnen eine Schar europäisch ausgerüsteter Krieger zur Bewachung ihrer Grenze gegen Uganda zu senden; als Lohn versprachen sie jedem ihnen zu Hülfe ziehenden Massaikrieger neben vollständiger reichlicher Verpflegung einen Ochsen monatlich, den Reitern zwei.

Weniger dieses Lohnes halber, als um ihrer Abenteuerlust zu genügen, sagten die Massai zu. 2500 El-Moran machten sich nach Kawirondo auf und bezogen dort — es war das im März des vierten Jahres von Freiland, an der Grenze gegen Uganda eine Reihe von Kantonnements.

Anfangs ging auch alles vortrefflich; die Wangwanaräuber wurden, wo sie sich zeigten, mit blutigen Köpfen heimgeschickt, auch wenn sie mit bedeutender Übermacht auftraten und es schien nach einigen Monaten fast, als ob man in Uganda, durch die empfangenen herben Lektionen gewitzigt, Kawirondo künftighin in Frieden zu lassen gedenke, denn es verlautete geraume Zeit nichts mehr von neuen Einfällen. Da plötzlich, wir waren in Freiland eben mit Einbringung der Oktoberernte beschäftigt, traf uns die erschütternde Kunde von einer schrecklichen Katastrophe, die über unsere Massaifreunde in Kawirondo hereingebrochen. Der Kabaka Suna hatte nur Ruhe gehalten, um zu einem größeren, vernichtenden Schlage auszuholen. Während die bisherigen Einfälle nach Kawirondo immer nur mit wenigen tausend Mann versucht worden waren, vereinigte er diesmal 30000 Mann, darunter 5000 Flintenträger, und überfiel mit diesen persönlich die ahnungslosen Kawirondo und Massai. Es gelang ihm, die 900 Mann mit 300 Pferden zählende Massaibesatzung eines Grenzlagers beinahe im Schlafe zu überfallen und bevor sie sich noch zu ernstem Widerstande zu sammeln vermochte, niederzumetzeln. Dadurch waren die Massai nicht bloß um mehr als ein Drittel ihrer Stärke reduziert, sondern außerdem in zwei zusammenhanglose Teile getrennt, denn das überfallene Lager lag gerade im Centrum ihres Grenzkordons. Statt nun aber schleunigst den Rückzug anzutreten und bestenfalls erst nach vollzogener Vereinigung ihrer getrennten Streitkräfte die Offensive zu ergreifen, ließ sich einer der Massaiführer, kaum daß er 500 Mann zusammengerafft hatte, in der Wut über den Untergang so vieler seiner Kameraden zu einem tollkühnen Angriffe auf die ungeheuere Überzahl der Feinde verleiten, fieldabei in einen Hinterhalt und wurde, nachdem er seine Patronen nur zu rasch verschossen hatte, mitsamt den Seinen, von denen nur wenige Mann entkamen, nach heldenmütigem Widerstande gleichfalls niedergemetzelt. Nur 1100-1200 Massai vermochte unser nunmehr das Oberkommando übernehmende Freund Mdango auf dem andern Flügel zu vereinen und mit diesen gelang es ihm auch, einen ziemlich geordneten Rückzug ins Innere von Kawirondo anzutreten, wenig verfolgt von Suna, dessen Hauptaugenmerk auf die Bergung der kolossalen Beute gerichtet war.

Noch am nämlichen Tage, an welchem uns Massai- und Kawirondo-Eilboten diese Trauerkunde überbrachten, ging unser Ultimatum an Suna ab. Den Massai, die sich erboten hatten, ihre gesamten Krieger gegen Uganda zu senden, ließen wir sagen, 1000 Mann zu den noch in Kawirondo stehenden 1200 seien mehr als genug; diese 2200 Massai stellten wir unter freiländische Offiziere, nahmen aus unserer Mitte 900 Freiwillige, darunter 500 Reiter, dazu 12 Geschütze und 16 Raketen nebst 30 Elefanten, und schon am 24. Oktober brach Johnston, der Führer dieses Kriegszuges, unter Benutzung der Massaistraße nach Kawirondo auf.

Dort traf er rings um das — jetzt, wo es zu spät war, sehr vorsichtig verschanzte und bewachte — Lager der El-Moran ungezählte Tausende mit Speer und Bogen bewaffneter Kawirondo und Nangi, die er aber allesamt als unnützen Troß heimschickte. Am 10. November überschritt er die Ugandagrenze, sechs Tage später wurde Suna in einem kurzen Gefecht in der Nähe der Riponfälle total auf’s Haupt geschlagen, sein 110000 Mann zählendes Heer in alle Winde zerstreut und er selbst nebst einigen tausend Mann seiner von Küstenarabern geführten, mit Flinten bewaffneten Leibgarde gefangen genommen.

Schon am zweiten Tage nach der Schlacht besetzten die Unseren Rubaga, die Hauptstadt von Uganda. Dort stellten sich in rascher Folge die sämtlichen Häuptlinge des Landes ein, bedingungslose Unterwerfung gelobend und bereit, jede ihnen auferlegte Forderung zu erfüllen. Johnston aber bot ihnen an, sie in den großen Bund all der bisher mit uns in Berührung getretenen eingeborenen Völker aufzunehmen, worauf die Wangwana selbstverständlich mit größter Freude eingingen. Die ihnen auferlegten Bedingungen waren: Freigebung aller Sklaven, friedliche Aufnahme freiländischer Kolonisten und Instruktoren und Ersatz alles den Kawirondo und Massai zugefügten Schadens. In letzterer Beziehung war übrigens das Wangwanavolk gar nicht in Mitleidenschaft gezogen, denn die unermeßlichen Rinderherden ihres Kabaka, die uns als gute Beute in die Hände gefallen waren, genügten reichlich zu vollem Ersatz des in Kawirondo gemachten Raubes und als Buße für die getöteten Kawirondo- und Massaikrieger. Sunaselber wurde als Gefangener abgeführt und am Naiwaschasee interniert.

Der fernere Verlauf der Ereignisse war dann ein friedlicher, nur von einem vereinzelten Empörungsversuche im Lande verbliebener Araber unterbrochener, welchen Versuch aber die Wangwana selber energisch und prompt unterdrückten, ohne daß unsere Intervention notwendig gewesen wäre. Allerdings trug eine gute Heerstraße, welche die Kawirondo und Nangi vom Ukerewe bis zum Anschlusse an die Massaistraße am Baringosee ausbauten, und eine an der Grenze zwischen Kawirondo und Uganda angesiedelte Massaikolonie von 3000 El-Moran einigermaßen dazu bei, die Wangwana in gehörigem Respekt zu erhalten. Doch genügte der Hauptsache nach seit der Schlacht an den Riponfällen der bloße Klang unseres Namens, uns auch in diesem Teile des äquatorialen Innerafrika Ruhe und Frieden zu gewährleisten. Rings um den Ukerewe, dessen Ufer seit unvordenklicher Zeit der Schauplatz grimmigen, erbarmungslosen Krieges Aller gegen Alle gewesen, stellten sich allmählich Gesittung und Menschlichkeit ein, und verhältnismäßig rasch entwickelte sich in deren Gefolge, selbst unter den bis dahin wildesten der umwohnenden Stämme, nicht unerheblicher Wohlstand.

Der Ukerewe ist, auch abgesehen von seiner Größe, unter den Riesenseen des centralen Afrika der bedeutsamste. Sein Spiegel deckt eine Fläche von circa 50000 Quadratkilometern, er ist also, außer dem Kaspisee, dem Aralsee und der großen nordamerikanischen Seegruppe, das größte Binnenwasser der Erde. Diese ganze das Königreich Bayern an Umfang übertreffende Wassermasse, deren Tiefe in gutem Verhältnisse zu ihrer Flächenausdehnung steht, denn das Senkblei erreicht stellenweise erst bei 480 Metern den Grund, befindet sich in einer Höhe von 1350 Metern über dem Meeresniveau, d. i. 200 Meter über dem Gipfel des Brocken, des höchsten der Berge Mitteldeutschlands. Umrahmt aber wird dieser Hochsee meist von Gebirgszügen, die sich noch 500-1500 Meter über seinen Spiegel erheben, so daß das Klima seiner — ausnahmslos gesunden, von Sümpfen freien — Uferlandschaften überall gemildert, stellenweise geradezu arkadisch ist. Und dieser gewaltige, malerische, an vielen Stellen hochromantische See ist das Quellenbassin des heiligen Nil, der, ihn am äußersten Nordende über die Riponfälle verlassend, von hier aus dem 450 Meter tiefer gelegenen Albert Njanza zuströmt und von dort aus als weißer Nil seinen Lauf fortsetzt.

Schon zwei Monate nachdem wir uns in Kawirondo und Uganda festgesetzt, durchfurchte ein Schraubendampfer von 500 Tonnen die meeresgleichen Wogen des Ukerewe und vor Schluß des nächsten Jahres bestand unsere Seeflotille aus 5 Schiffen. Dieselben wurden überall an der Küste freundlich aufgenommen und der von ihnen entfachtelebhafte Handel erwies sich als eines der kräftigsten Beförderungsmittel rasch zunehmender Civilisation. Die Fruchtbarkeit der Uferlandschaften dieses herrlichen Sees ist geradezu grenzenlos; wenige hundert Quadratmeter gut bewässerten Bodens genügen, um alle Bedürfnisse einer noch so zahlreichen Familie zu decken, und als wir die Eingebornen erst einmal mit brauchbaren Geräten der Bodenkultur bekannt und vertraut gemacht hatten, war der überall erzeugte Überfluß der erlesensten Garten- und Feldfrüchte beispiellos. Merkwürdigerweise blieb das Wachstum der Bedürfnisse, insbesondere unter den am Westufer des Sees wohnenden Volksstämmen, lange Zeit hinter der Verbesserung der Produktionsmittel erheblich zurück. Diese einfachen Völkchen erzeugten beinahe ohne Arbeitsaufwand, oft aus bloßer Neugierde nach der Wirksamkeit der zu ihnen gebrachten verbesserten Werkzeuge, wesentlich mehr als sie gebrauchten und da sie den Begriff des Grundeigentums nicht kannten, der unverwendbare Überfluß also bei ihnen nicht wie sonst unfraglich geschehen wäre, Massenelend erzeugen konnte, so wurde hier Jahre hindurch das Märchen vom Schlaraffenlande zur Wahrheit. Der Eigentumsbegriff verlor beinahe seinen ganzen Inhalt, Lebensmittel wurden wertlos, jedermann konnte sich davon nehmen so viel er mochte; durchreisende Fremde fanden überall gedeckten Tisch, kurzum, das goldene Zeitalter schien seinen Einzug am Ukerewe halten zu wollen. Indessen erwies sich diese gänzliche Bedürfnislosigkeit ebenso auch als Hindernis vermehrten Fortschritts und wir gaben uns daher — wenn auch nicht ganz ohne Bedauern — ernstliche Mühe, diesen paradiesischen Zustand insofern zu stören, als wir den Leutchen Geschmack an vermehrten Bedürfnissen beizubringen suchten, was langsam zwar, aber schließlich doch gelang. Erst zugleich mit diesen schlugen dann höhere Gesittung und geistige Kultur in jenem Erdenwinkel tiefere Wurzeln.

Eine der Hauptaufgaben der freiländischen Verwaltung, zu deren Durchführung in der Regel die Ministerien für Kunst und Wissenschaft und für öffentliche Arbeiten einander die Hände reichten, war die gründliche Erforschung unserer neuen Heimat und zwar zunächst des engeren Keniagebietes, dann aber weiter ausgreifend auch aller benachbarten Landschaften, mit denen wir successive in stets engere Berührung traten. Das oro- und hydrographische System des ganzen Landes wurde festgestellt, Bodenbeschaffenheit und Klima genau untersucht und dabei sowohl der höhere wissenschaftliche, als der prosaische Nützlichkeitsstandpunkt gleichmäßig vor Augen gehalten. Ersteren anlangend kam zunächst eine genaue, wenn auch noch nicht alle Details umfassende Terrainkarte des ganzen Massai- und Kikujalandes zu stande; alle hervorragenden Berghöhen wurden genau vermessen und — der Keniagipfel nicht ausgenommen — erstiegen.

Der Ausblick vom Kenia ist großartig über alle Maßen, bietet aber — abgesehen vom Kenia und seinem Gletscher selber — wenig Abwechslung. Rings im Umkreise, so weit der Blick reichen mag, dehnt sich fruchtbarstes, üppigstes Land, durchzogen von zahllosen Flußläufen, die jedoch nirgend, mit Ausnahme einer etwa 5000 Quadratkilometer großen Bodenmulde im Nordwesten, zur Versumpfung des Bodens führen. Der hervorstechende Charakter des ganzen Gebietes ist der eines in zahlreichen Terrassen abfallenden, von mäßigen Bergrücken durchbrochenen Tafellandes. Erst von der obersten Terrasse ab beginnen die eigentlichen Vorberge des Kenia, die rings um das aus einem Gusse steil und unvermittelt aufsteigende eigentliche Keniamassiv einen Gebirgsgürtel von verschiedener Breiten- und Höhenentwickelung schließen. Dieses Massiv trägt in einer Höhe von 5000 bis 5500 Meterneine Reihe riesiger Gletscherfelder, aus deren Mitte dann steil der Gipfel des Berges emporsteigt, in einiger Entfernung flankiert von einem noch steileren, kleinen Horne.

Durchaus verschiedenen Charakter zeigt die zweitwichtigste der zum Gebiete von Freiland gehörigen Gebirgsbildungen, nämlich die 70 Kilometer westlich vom Kenia in einer Längenausdehnung von reichlich 100 Kilometern und in einer Breite von durchschnittlich 20 Kilometern von Norden nach Süden streichende Aberdarebergkette. Die höchsten Gipfel dieses Gebirgszuges erreichen 4500 Meter Seehöhe, und während der Kenia überall das Gepräge des Großartigen zeigt, ist bestrickende Lieblichkeit der hervorstechende Charakterzug der Aberdarelandschaften. Zwar fehlt es auch hier nicht an Bergkolossen von überwältigendem Eindrucke, aber das Charakteristische sind die in reizvollster Abwechslung sich aneinanderschließenden romantischen, sanftgeschwungenen Berge und weiten Thäler, teils von üppigen, aber durchschnittlich nicht allzu dichten Wäldern, teils von smaragdenen, blumigen Wiesen bestanden, überall bespült von zahllosen kristallklaren Bächen und Flüssen, Seen und Teichen. Einem einzigen, herrlichen Parke gleicht dieses 2000 Quadratkilometer bedeckende Gebirgsland, von dessen Höhen aus gen Osten überall das überwältigende Schneemeer des Kenia, gen Westen die Smaragd- und Saphirflächen der großen Massaiseen — Naiwascha, Elmeteita und Nakuro — sichtbar sind. Und diese wunderliebliche Landschaft, die in sich alle Reize der Schweiz und Indiens vereinigt, birgt zugleich im Schoße ihrer Berge überschwengliche mineralische Schätze. Hier und nicht am Kenia, das hatten unsere Geologen bald festgestellt, war der zukünftige Sitz der freiländischen Industrie, insbesondere der metallurgischen. Kohlenlager, die an Mächtigkeit und Güte den besten englischen mindestens ebenbürtig sind, Magneteisenstein mit einem Eisengehalte von 50 bis 70 Prozent, Kupfer, Blei, Wismut, Antimon, Schwefel in reichen Gängen, an der Westabdachung, gerade oberhalb des Salzsees von Nakuro, ein großes Steinsalzlager, und noch eine Menge anderer Schätze wurden in rascher Reihenfolge entdeckt und die bestgelegenen sofort in Ausbeutung genommen. Insbesondere die neueröffneten Kupferminen fanden unmittelbar bei Anlage des Telegraphen an die Küste umfassende Verwendung, die jedoch an Ausdehnung von derjenigen zu Zwecken elektrischer Kraftleitungen alsbald übertroffen wurde.

Denn am Kenia hatte sich inzwischen mancherlei verändert. Die Bevölkerung von Freiland war, da der Zuzug unaufhaltsam sich steigerte, schon gegen Schluß des vierten Jahres auf 780000 Seelen gestiegen. Ein großer Teil des Edenthals war zu einer einzigen, 102 Quadratkilometer bedeckenden und 58000 Wohnhäuser zählenden Villenstadt geworden, deren 270000 Einwohner dem Gartenbau, industriellenGewerben oder geistiger Beschäftigung oblagen. Aber auch die auf 140000 Seelen angewachsene Bevölkerung des Danaplateaus betrieb neben der Kultur des dort noch verfügbaren Ackerlandes zum weitaus überwiegenden Teil gleichfalls verschiedenartige Industrieen, während die Landwirtschaft der Hauptsache nach hinabgerückt war in die jenseits der umgrenzenden Waldzone um 200 Meter tiefer gelegene Hochebene, die — mit mannigfaltigen Unterbrechungen allerdings — rings um den ganzen Gebirgsstock sich erstreckend, auf ihrem 8000 Quadratkilometer umfassenden fruchtbaren Boden bis auf weiteres genügenden Raum zur Ausdehnung bot.

Hier wurden zunächst 96000 Hektaren (960 Quadratkilometer) unter den Pflug genommen, nachdem sie zuvor — gleich allem Kulturboden in ganz Freiland — durch einen tüchtigen Balkenzaun gegen die Besuche lästigen Wildes geschützt worden waren. Kleineres Wild, welches durch Einhegung von den Saaten nicht fernzuhalten war, hielten die Hunde in Respekt, die, in großer Menge gezüchtet, darauf dressiert waren, diese Feldeinzäunungen und ebenso die Hürden des Viehs fleißig zu umkreisen. Dieser Schutz erwies sich gegen alles den Saaten nachstellende Getier als vollkommen ausreichend, die Affen etwa ausgenommen, unter die zeitweise geschossen werden mußte, wenn sie sich auf ihren nächtlichen Raubzügen durch noch so wütendes Gekläffe der vierbeinigen Wächter nicht vollständig verscheuchen ließen.

Zum Betriebe der in dieser Landwirtschaft in Gebrauch stehenden Maschinen wurde zwar vorläufig noch Dampfkraft verwendet; es war aber die Herstellung einer großartigen elektrischen Kraftanlage im Werke, die künftighin die Dampfmotoren überflüssig machen sollte. Die Triebkraft für die elektrischen Dynamos lieferte der Danafluß, der, verstärkt durch zwei mächtige Gebirgsbäche, die sich unterhalb des großen Wasserfalls mit ihm vereinen, am unteren Ende des Tafellandes, welches wir seiner Bestimmung entsprechend, Kornland genannt hatten, in einer Reihe gewaltiger Stromschnellen und Katarakte dem Tieflande zueilt. Und zwar wurde zu Zwecken der Betriebe von Kornland nicht etwa der große Wasserfall von 90 Meter Fallhöhe am Ausgange des Danaplateaus benutzt, sondern eben jene Stromschnellen und kleineren, aber zahlreichen Katarakte, von denen soeben die Rede gewesen. Diese ergeben insgesamt eine Fallhöhe von 265 Metern, und da der Fluß hier bereits gewaltige Wassermassen führt, so war durch entsprechende Kombination von Turbinen und elektrischen Kraftmaschinen ein Gesamteffekt von 5 bis 600000 Pferdekräften zu erzielen, weit mehr, als zur Bewirtschaftung des gesamten Bodens von Kornland selbst bei intensivster Kultur erforderlich sein konnte. Die für das nächste Jahr veranschlagten Kraftanlagen waren auf 40,000 indizierte Pferdekräfte berechnet. Gut isolierte, starke Kupferstränge sollten dievon 20 riesigen Turbinen auf 200 Dynamomaschinen erzeugten elektrischen Ströme in die Wirtschaftsgebäude und über den zu bewirtschaftenden Boden leiten, wo die in diesen Strömen abgelagerte Kraft alle landwirtschaftlichen Arbeiten — vom Pflügen angefangen bis zum Dreschen, Reinigen und Transportieren des Getreides — zu vollbringen hatte. Denn auch ein Netz elektrischer Bahnen gehörte mit zum Systeme dieser landwirtschaftlichen Anlage.

Der große Danakatarakt aber mit seiner, auf 124000 indizierte Pferdekräfte berechneten Wasserkraft diente zunächst elektrischen Beleuchtungszwecken in Edenthal und in den am Danaplateau gelegenen Städten. Einstweilen genügten zu öffentlichen Beleuchtungszwecken 5000, auf 35 Meter hohen Masten angebrachte Kontaktlampen von je 2000 Kerzen Lichtstärke, die insgesamt 12000 Pferdekräfte erforderten; zur Beleuchtung der Wohnhäuser und einzelner, auch bei Nacht in Betrieb stehender Fabriketablissements standen 420000 Glühlampen in Verwendung, die 40000 Pferdekräfte beanspruchten, so daß insgesamt 52000 Pferdekräfte von den elektrischen Kraftmaschinen am großen Katarakte erzeugt werden mußten, die jedoch tagsüber auch zum Betriebe eines Eisenbahnnetzes von insgesamt 340 Kilometer Ausdehnung Verwendung fanden, welches die Hauptverkehrsadern und belebteren Straßenzüge im Danaplateau und in Edenthal durchzog. Bloß abends und nachts, wenn die Beleuchtung funktionierte, mußte der Eisenbahnbetrieb aus besonderen, einige tausend Pferdekraft abgebenden Dynamos gespeist werden. Im ganzen waren solcherart nahezu zwei Fünfteile der verfügbaren Gesamtkraft bis zum Schlusse des fünften Jahres von Freiland zur Ausnutzung gelangt; die noch erübrigenden drei Fünfteile blieben vorläufig noch unverwendet und bildeten die Reserve für zukünftige Verwendungsarten der gleichen Kraftquelle.

Ebenfalls in das vierte und fünfte Jahr Freilands fiel der Ausbau eines Kanalnetzes und mehrerer Wasserleitungen, für Edenthal sowohl als für das Danaplateau. Ersteres diente bloß zur Abfuhr der Meteorwässer in den Dana, während das Spülwasser und der Unrat durch ein System pneumatischer Aufsaugung vermittelst mächtiger Saugwerke in gußeisernen Röhren abgeleitet, dann desinfiziert und als Dünger verwertet wurden. Die Wasserleitungen wurden unter Benutzung der besten Hochgebirgsquellen mit einer Leistungsfähigkeit von vorläufig 1 Million Hektoliter täglich angelegt und sowohl zur Speisung zahlreicher öffentlicher Brunnen, als auch zur Einleitung in sämtliche Privathäuser benutzt. Durch Einbeziehung neuer Quellen war die Ergiebigkeit dieser Leitung in kurzer Frist zu verdoppeln und zu verdreifachen. Gleichzeitig waren alle Straßen makadamisiert worden, so daß nach jeder Richtung für die Reinlichkeit und Gesundheit der jungen Städte bestens vorgesorgt war.

Die Unterrichtsverwaltung hatte inzwischen nicht minder gewaltige Anstrengungen gemacht. Es hatte sich eine dahingehende öffentliche Meinung entwickelt, daß die Jugend von Freiland ohne Unterschied des Geschlechts und späteren Berufs einen Unterricht zu genießen habe, der mit Ausnahme der lateinischen und griechischen Sprachstudien demjenigen ungefähr entsprechen solle, der beispielsweise in den sechs ersten Gymnasialklassen Deutschlands erteilt wird. Zu diesem Behufe sollten Knaben wie Mädchen vom 6. bis 16. Jahre die Schule besuchen, wo sie nach Erledigung der Elementarkenntnisse in Sprachlehre, Litteraturgeschichte, Geschichte, Kulturgeschichte, Physik, Naturgeschichte, Geometrie und Algebra unterwiesen wurden.

Nicht minderes Gewicht als auf die geistige und moralische wurde auf die körperliche Ausbildung gelegt, ja es war Grundsatz in Freiland, daß letztere vorauszugehen habe, indem ein gesunder harmonisch entwickelter Körper die Voraussetzung eines gesunden, harmonisch entwickelten Geistes sei. Und auch bei der geistigen Ausbildung wurde weniger auf die Ansammlung von Kenntnissen, als auf die Anregung des jungen Geistes zu selbständigem Denken gesehen, daher nichts ängstlicher und sorgfältiger gemieden ward, als Überbürdung mit geistiger Arbeit. Kein Kind sollte — die häuslichen Repetitionen mit eingerechnet — länger als höchstens 6 Stunden täglich geistig beschäftigt sein; die Unterrichtsstunden für alle geistigen Lehrfächer waren daher auf 3 Stunden täglich beschränkt, während 2 andere Schulstunden täglich körperlichen Übungen — dem Turnen, Laufen, Tanzen, Schwimmen, Reiten, bei Knaben außerdem dem Fechten, Ringen und Schießen — gewidmet wurden. Ein fernerer Grundsatz des freiländischen Unterrichtswesens war, daß auch die Kinder so wenig wie die Erwachsenen zur Thätigkeit gezwungen werden sollten; einer zielbewußten, konsequenten und in ihren Mitteln nicht beschränkten Pädagogik — so meinten wir — könne es unmöglich schwer fallen, das lenkbare Kindergemüt zu freiwilliger und freudiger Erfüllung vernünftig bemessener Pflichten zu bringen. Und auch darin gab uns die Erfahrung Recht. Unsere Unterrichtsleitung mußte es sich zwar in hohem Grade angelegen sein lassen, den Unterricht anregend zu gestalten; nachdem ihr dies aber einmal gelungen war, lernten unsere Jungen und Mädchen in der halben Zeit doppelt so viel und gründlich, als ihre physisch und geistig mißhandelten europäischen Altersgenossen. Der Unterricht wurde — abermals aus Rücksichten der Gesundheit — so weit nur immer möglich im Freien erteilt. Die Schulhäuser waren daher sämtlich entweder inmitten großer Gärten oder am Waldessaum errichtet, und die naturwissenschaftlichen Disziplinen wurden regelmäßig, andere häufig, mit Ausflügen in die Umgebung in Verbindung gebracht. Dafür bot aber auch unsere Schuljugend ein anderes Bild, als wir es in der alten Heimat und insbesondere in deren Großstädten zu sehen gewohntwaren. Rosige, von Gesundheit, Kraft und Lebensfreude strotzende Gesichter und Gestalten, Selbstvertrauen und sichere Intelligenz aus jeder Miene, aus jeder Geberde hervorleuchtend — so traten unsere Kinder in den Ernst des Lebens ein.

Natürlich erforderte eine derartige Organisation des Unterrichts ein sehr zahlreiches und tüchtiges Lehrpersonal. In der That kam in Freiland durchschnittlich schon auf je 15 Schulkinder je eine Lehrkraft, und um die Auswahl unter den besten Intelligenzen des Landes zu haben, mußten hohe Gehalte gezahlt werden. Für die vier ersten Klassen — in denen überwiegend Mädchen oder junge Witwen unterrichteten — betrug der Jahresgehalt zwischen 1400 bis 1800, für die sechs anderen Klassen — in denen hinwieder die männlichen Lehrkräfte überwogen — 1800 bis 2400 Stundenäquivalente; im fünften Jahre der Gründung waren das, in Geld umgerechnet, Gehalte zwischen 350 und 600 Pfd. Sterling.

Aber auch mit seinem sehr umfangreichen Bedarfe an höheren Intelligenzen wollte Freiland auf eigenen Füßen stehen. Es wurde daher schon im dritten Jahre eine Hochschule errichtet, an welcher sämtliche Wissenszweige, die in Europa an Universitäten, Akademien und technischen Lehranstalten gelehrt werden, gesammelt vertreten waren. Alle Lehrfächer waren mit einer Freigebigkeit ausgestattet, von welcher man außerhalb Freilands kaum eine Vorstellung besitzt. Unsere Sternwarte, unsere Laboratorien und Sammlungen verfügten über geradezu unbegrenzte Mittel und kein Gehalt war zu hoch, um eine glänzende Lehrkraft heranzuziehen und festzuhalten. Das nämliche gilt von den technischen und nicht minder von den landwirtschaftlichen und merkantilistischen Lehrkanzeln und Lehrmitteln unserer Hochschule. Der Unterricht an dieser war in allen Fächern durchaus frei und, gleich demjenigen in den unteren Schulen, unentgeltlich. Im fünften Jahre der Gründung Freilands besuchten 7500 Hörer die Hochschule; die Zahl ihrer Lehrkanzeln war 215, ihr Jahresbudget hatte die Höhe von 2½ Millionen Pfd. Sterling erreicht und war andauernd in rapidem Wachstum begriffen.

Die Mittel zu all diesen gewaltigen Ausgaben lieferte überreichlich die vom Gesamteinkommen aller Produzenten erhobene prozentuelle Abgabe, denn dieses Gesamteinkommen wuchs unter dem verdoppelten Einflusse der Bevölkerungszunahme und der steigenden Arbeitsergiebigkeit in riesigem Maße. Als die Eisenbahn zur Küste fertig war und ihre Wirkung sich fühlbar zu machen begann, stieg der Wert des durchschnittlichen Ertrags einer Arbeitsstunde rasch auf 6 Sh., und da um diese Zeit — zu Ende des fünften Jahres von Freiland — 280000 Arbeiter im Tagesdurchschnitt während 6 Stunden, d. i. 1800 Stunden im Jahre produktiv beschäftigt waren, so bezifferte sich in jenem Jahreder Gesamtwert des Arbeitsertrages von Freiland auf 280000 × 1800 × 6 Sh., d. i. auf rund 150 Millionen Pfd. Sterling. Davon reservierte sich nun das Gemeinwesen eine Abgabe in der Höhe von 35 Prozent, d. i. in runder Summe 52½ Millionen Pfd. Sterling und dieses war die Quelle, aus welcher nach Abzug der zur Deckung der Versorgungsansprüche erforderlichen, allerdings die größere Hälfte beanspruchenden Beträge, die als wünschenswert erkannten Ausgaben bestritten wurden.

Ja, das Wachstum der Einnahmen war ein so gesichertes und hatte so bedeutenden Umfang erreicht, daß die Verwaltung von Freiland sich am Ende dieses fünften Jahres entschloß, den Vertretungskörpern, die zu diesem Behufe zu einer gemeinsamen Sitzung einberufen wurden, zwei Maßregeln von entscheidender Bedeutung vorzuschlagen: erstlich, die den Associationen einzuräumenden Kredite hinfort von der Zustimmung der Zentralbehörde unabhängig zu machen; und zum zweiten die sämtlichen, bis dahin von neueintretenden Mitgliedern freiwillig gezahlten Beiträge zurückzuerstatten und künftighin derlei Beiträge nicht mehr entgegenzunehmen.

Aus den im 8. Kapitel dargelegten Gründen waren bisher Umfang und Reihenfolge der Produktivkredite von der Entscheidung der Zentralverwaltung abhängig gewesen; jetzt, da die Ausrüstung mit kapitalistischen Arbeitsbehelfen und damit die Leistungsfähigkeit des Gemeinwesens eine genügend hohe Stufe erreicht hatte, wurde auch diese Schranke des freien Selbstbestimmungsrechtes für unnötig erachtet; die Associationen mochten fordern, was ihnen nützlich dünkte, die Kapitalkraft des Landes schien auch den umfangreichsten, irgend zu erwartenden Kreditansprüchen gewachsen. Und in der That erwies sich diese Zuversicht als wohlbegründet. In den diesem Beschlusse unmittelbar folgenden Jahren ereignete es sich zwar zu zwei verschiedenen Malen, daß infolge unvermittelt eintretender großartiger Kapitalbedürfnisse der zur Deckung derselben bestimmte Teil der öffentlichen Abgaben um einige Prozente über das normale Maß gesteigert werden mußte; das wurde jedoch angesichts des stetigen Wachstums aller Produktionserträge ohne die geringste Beschwerde ertragen und späterhin genügten die vom Gemeinwesen angelegten Reserven, um selbst dieses Element der Schwankung aus dem Verhältnisse zwischen Kapitalbedarf und öffentlichem Einkommen zu beseitigen.

Dagegen gab dieser Beschluß den Anstoß zu einem ganz merkwürdigen Versuche, die damit eingeräumte vollkommene Freiheit der Kreditgewährung zu einer großartigen gegen das Gemeinwesen gerichteten Schwindelei zu mißbrauchen. In Amerika hatte sich ein Konsortium unternehmender „Geschäftsleute“ gebildet, eigens zu dem Zwecke, die Vertrauensseligkeit von uns „dummen Freiländern“ gehörig auszubeuten,und zwar in der Weise, daß unserer Zentralbank unter der Maske einer zu solchem Behufe zu gründenden beliebigen Association, eine möglichst große Summe entlockt werden sollte. 46 der geriebensten und skrupellosesten Yankees vereinigten sich zu diesem Feldzuge gegen unsere Taschen; wie sie es anstellten und was sie dabei erreichten, entnehmen wir am einfachsten der nachträglich zum Besten gegebenen Erzählung ihres damaligen Anführers, gegenwärtig ehrsamen Werkmeisters in der großen Salzsiederei am Nakuro-See:

„Wir waren also in Edenthal angelangt und beschlossen fürs erste, das Terrain genau zu sondieren, ehe wir an die Ausführung unseres Geschäftes schritten. Dabei bemerkten wir sofort zu unserer großen Genugthuung, daß Mißtrauen der Freiländer uns wenig zu schaffen machen werde. Das Gasthaus, in welchem wir abgestiegen, gab Alles auf Kredit, ohne daß man uns auch nur fragte, wer wir seien. Als ich dem Wirt gegenüber in väterlichem Tone bemerkte, solch unterschiedsloser Pump für jeden Hergelaufenen sei doch großer Leichtsinn, lachte mir der Wirt, will sagen der Direktor der Edenthaler Hotel-Association, ins Gesicht und meinte zuversichtlich, hier brenne Niemand durch, wer da sei, denke nicht daran, Freiland wieder zu verlassen. „Schon gut“, dachte ich mir; fragte aber weiter, was die Hotel-Gesellschaft mache, wenn ein Gast nicht zahlenkönne? „Unsinn“, sagte der Direktor, „hier kann jeder zahlen, sowie er zu arbeiten anfängt“. „Und wenn er nicht arbeiten kann?“ „Dann erhält er Unterstützung vom Gemeinwesen.“ „Und wenn er nicht arbeiten will?“ Da klopfte mir der Mann lächelnd auf die Schulter und meinte: „Nichtwollen hält bei uns nicht lange vor, verlaßt Euch darauf. Übrigens, wenn Einer durchaus mit gesunden Gliedern faullenzen will — Bett und gedeckten Tisch findet er bei uns trotzdem allezeit. Macht Euch also wegen Berichtigung der Zeche in keinem Fall Sorge; Ihr werdet zahlen wann Ihr könnt und wollt.“

„Machte auf uns einen ganz curiosen Eindruck, dieser Direktor; wir sagten aber nichts, sondern beschlossen, den Freiländern weiter auf den Zahn zu fühlen. Wir kamen in die große Warenhalle und versuchten Kleider, Wäsche u. dgl. auf Borg zu nehmen. Es ging vortrefflich. Die Verkäufer — es waren, wie sich herausstellte, Kommis der Anstalt — verlangten zwar eine Zahlungsanweisung an die Centralbank, als wir jedoch entgegneten, daß wir dort noch kein Konto besäßen, meinten sie, das thäte auch nichts; sie begnügten sich einstweilen mit schriftlicher Bestätigung der Kaufsumme, welche die Bank ihnen seinerzeit, wenn wir unser Konto hätten, schon gutschreiben werde. So ging’s überall. Mackay oder Gould kann in New-York nicht bereitwilliger Kredit finden, als wir in Edenthal fanden.

„Nach einigen Tagen schon schritten wir an unsere „Gründung“.Mißtrauen war, wie gesagt, fürs erste nicht zu besorgen, unangenehm blieb aber trotzdem, daß die freiländischen Einrichtungen die Öffentlichkeit aller auf Geschäfte bezüglichen Akte, Daten und Umstände verlangen. Wir wußten zwar, daß von Polizei oder Gerichten nichts zu befürchten sei; was aber wollten wir thun, wenn das freiländische Publikum der vorgeschützten Gründung Geschmack abgewinnt und unserer Association beizutreten wünscht? Wir konnten natürlich Kompagnons nicht brauchen, sondern mußten hübsch unter uns bleiben, sonst war unser ganzer Plan ins Wasser gefallen. Wir forschten überall, ob es kein Mittel gäbe, die Zahl der Teilnehmer zu begrenzen, hatten über diesen Gegenstand eingehende Besprechungen mit gutunterrichteten Freiländern, beklagten uns über das himmelschreiende Unrecht, daß wir gezwungen sein sollten, den Nutzen der ausgezeichneten „Idee“, die wir gefaßt, hier mit aller Welt zu teilen, unsere Geschäftsgeheimnisse preiszugeben u. s. w.; es half aber alles nichts. Die Freiländer blieben in diesem Punkte verstockt und meinten, Niemand zwinge uns, unsere Geheimnisse preiszugeben, wenn wir selbe aus eigenen Kräften fruktifizieren wollten; wenn wir aber hierzu freiländischen Boden und freiländisches Kapital brauchten, so müsse selbstverständlich ganz Freiland wissen, worum es sich handelt. „Und wenn unser Geschäft nur eine kleine Anzahl von Arbeitern brauchen kann, wenn z. B. die Ware, die wir fabrizieren wollen, zwar großen Gewinn abwirft, aber doch nur beschränkten Absatz hat, müssen wir auch dann alle Welt beitreten lassen? „In diesem Fall“ — so war die Antwort — werden freiländische Arbeiter nicht so dumm sein, sich Euch massenhaft aufzudrängen.“ „Schön!“ rief ich mit verbissenem Zorn, „wenn aber doch mehr beitreten, als wir gerade brauchen können?“ Doch auch darauf wußten die Leute eine Antwort; dann, so meinten sie, würden die zuviel Beigetretenen eben nachträglich austreten, oder wenn sie partout dabei blieben, so müßten wir alle die Arbeitszeit etwas einschränken, etwa einen Turnus einführen, oder dergleichen; an Gelegenheit, unsere dadurch frei werdende Zeit nützlich anderweitig zu verwerten, fehle es in Freiland nirgend.

„Was ließ sich da machen? Wir mußten unser Plänchen so einkleiden, daß den freiländischen Arbeitern ganz von selbst die Lust verginge, sich zu beteiligen. Aber auch allzu plump durfte anderseits die Sache nicht gemacht werden, sonst witterten die Leute am Ende doch Unrat, oder beteiligten sich vielleicht gar aus purer Menschenliebe, um unserer Thorheit mit gutem Rat zu Hilfe zu kommen. Schließlich einigten wir uns dahin, eine Nähnadelfabrik zu errichten; eine solche war nach der ganzen Geschäftslage offenbar unrentabel, der Plan klang aber doch nicht allzu abenteuerlich, um uns Neugierige an den Hals zu ziehen. Wir konstituierten uns also und hatten in der That die Genugthuung, vorläufig außer zwei Dummköpfen, welche die Nähnadelfabrikationaus irgend einem Grunde für ein gutes Geschäft halten mochten, und mit denen fertig zu werden, nicht allzu schwer fallen konnte, keine Genossen zu erhalten. Jetzt handelte es sich um die Festsetzung des Gründungskapitals, will sagen um die Höhe des bei der Centralbank zu fordernden Kredits. Natürlich hätten wir am liebsten gleich eine Million Pfd. Sterling verlangt; das ging aber nicht, da wir, wie gesagt, angeben mußten, wozu wir das Geld brauchten und eine Nähnadelfabrik für 48 Arbeiter doch unmöglich so viel verschlingen durfte, ohne uns sofort eine ganze Legion von Untersuchungsrichtern in Gestalt beitretender Arbeiter auf den Nacken zu setzen. Wir beschränkten uns also notgedrungen auf 130000 Pfd. Sterling, was zwar auch einiges Aufsehen erregte, von uns aber damit motiviert wurde, daß die neuartigen Maschinen, die wir anzuwenden gedächten, sehr teuer wären.

„Jetzt kam aber die Hauptsorge; wie sollten diese 130000 Pfd. Sterling oder doch der größte Teil derselben in unsere Taschen geleitet werden? Mich hatten unsere Jungens zum Direktor der „ersten Edenthaler Nähnadel-Fabriks-Association“ gewählt und als solcher begab ich mich anderntags zu der Bank, um uns dort unser Konto eröffnen zu lassen und gleichzeitig alle erforderlichen Informationen einzuholen. Der Kassierer versicherte mir zwar auf Befragen, daß alle von mir angewiesenen Auszahlungen ohne weiteres durchgeführt werden sollten, als ich aber daraufhin um ein „kleines Akonto“ von einigen tausend Pfunden bat, fragte er mich verwundert, was es damit solle. „Je nun, wir müssen doch gewisse kleine Zahlungen leisten.“ — „Unnötig“, war die Antwort, „alle Zahlungen werden hier bei der Bank ausgeglichen.“ — „Ja, aber wovon soll denn ich mit meinen Leuten inzwischen, bis die Nähnadelfabrik zu arbeiten anfängt, leben?“ fragte ich gereizt. „Nun, von Ihrer Arbeit bei anderen Unternehmungen, oder von Ihren Ersparnissen, wenn sie welche haben. Auch an Kredit wird es Ihnen nirgend fehlen — wir aber, die Centralbank — geben bloß Produktivkredite; was Sie verzehren, können wir Ihnen nicht vorstrecken.“

„Da standen wir nun mit unserem Kredite von 130000 Pfd. Sterling und fingen an zu begreifen, daß derselbe doch nicht so leicht davonzutragen sei. Allerdings konnten wir bauen lassen und bestellen, so viel und was wir wollten. Was hatten wir aber davon, Geld auf unnütze Dinge auszugeben?

„Das ärgerlichste war, daß wir ehrlich zu arbeiten beginnen mußten, wollten wir das allgemeine Mißtrauen nicht doch schließlich gegen uns erwecken, und so traten wir denn verschiedenen Unternehmungen bei. Überwunden aber wollten wir uns noch immer nicht geben und nach reiflichem Nachdenken fiel mir folgendes als die allein mögliche Methode des von uns geplanten Schwindels ein. Die Centralbank vermitteltzwar alle Käufe und Verkäufe, hindert aber, wie ich bald herausbekam, den Käufer oder Besteller nicht im geringsten in der Wahl der ihm passend erscheinenden Güter. Wir hatten also das Recht, für unsere Nähnadelfabrik Maschinen in Europa oder Amerika bei beliebigen Fabrikanten zu bestellen, für welche dann die Centralbank Zahlung leisten würde. Wir mußten also bloß mit einer geeigneten europäischen oder amerikanischen Schwindelfirma in Verbindung treten und den zu erzielenden Nutzen mit dieser teilen, um schließlich doch eine recht ansehnliche Beute wegtragen zu können.

„Aber zugleich mit diesem Auskunftsmittel fiel mir auch ein, wie grenzenlos dumm es wäre, von demselben Gebrauch zu machen. Sehr viel, das leuchtete mir ein, war mit demselben nicht zu gewinnen; aber selbst wenn es möglich gewesen wäre, für jeden Einzelnen von uns ein Vermögen herauszuschwindeln, hatte ich doch die Lust verloren, Freiland wieder zu verlassen. Die Rechnung stand für alle Fälle zu ungleich. Ich war in ehrlicher Arbeit ein Neuling und sonderliche Anstrengungen sagten meinem damaligen Geschmack nicht zu; trotzdem hatte ich es auf einen Tagesverdienst von 12 Shillingen gebracht, das sind 180 Pfd. Sterling im Jahr, mit denen sich hier mindestens so gut leben ließ, wie mit dem Doppelten in Amerika oder England; selbst wenn ich in der bisherigen Weise, gleichsam bloß, um mir die Langeweile zu kürzen, fortarbeitete, mußte sich dieses Einkommen sehr bald steigern, ich konnte hier schlimmstenfalls ein Leben führen, wie da draußen im Besitze einer Jahresrente von 400-500 Pfd. Sterling; auch nur annähernd so viel zu stehlen, war nun nicht die geringste Aussicht vorhanden. Doch wenn auch! Ich wäre doch nicht weggegangen. Erstlich weil es mir hier zu gut gefiel; der Umgang gleich und gleich mit anständigen Menschen hat etwas Lockendes selbst für Spitzbuben, wie ich damals einer war. Und dann — es kam mir damals komisch vor — begann ich mich meines Gaunertums zu schämen. Auch die Spitzbuben haben ihre Ehre. Da draußen, woJederdem Nebenmanne das Fell über die Ohren zieht, wenn er nur kann, erachtete ich mich im Wesen nicht schlechter, als die sog. ehrlichen Leute; ich hielt mich nicht so genau an das Gesetz, als diese, das war aber auch der ganze Unterschied. Auf der Jagd nach dem lieben Nebenmenschen befinden sie sich da draußen Alle; daß ich ohne Jagdkarte zu jagen mir erlaubte, beschwerte mir das Gewissen nicht sonderlich, umsoweniger, da ich doch nur die Wahl hatte, zu jagen, oder gejagt zu werden. Hier aber jagte Niemand dem Nebenmenschen das Seine ab, hier mußte sich jeder Gauner selber gestehen, daß er schlechter sei, als die Anderen alle, und zwar ein schlechter Kerl ohne Not, aus purer Freude am Schlechten. Und wenn man dabei noch den Reiz der Gefahr gehabt hätte, der da draußen die Jagd mit einer gewissen Poesie umgiebt!aber auch davon keine Spur! Nicht einmal verfolgt hätten uns die Freiländer, wenn wir uns mit der erschwindelten Beute aus dem Staube gemacht hätten; sie hätten uns laufen lassen wie räudige Hunde. Nein, hier wollte und konnte ich kein Spitzbube sein. Ich rief die Genossen zusammen, um ihnen anzuzeigen, daß ich meine Würde als ihr Anführer niederlege, mich überhaupt von der Kompagnie lossage und es hier mit anständiger Arbeit versuchen wolle. Nicht einer war, der mir nicht zugestimmt hätte. Zwar mit der Arbeitslust sah es bei einigen noch windig aus, aber hier bleiben wollten sie Alle. Ein besonders zäher Kerl warf zwar die Frage auf, ob es, da wir doch einmal so hübsch beisammen seien, wie später wohl nicht wieder, nicht vielleicht doch ganz nett wäre, ein paar Tausend Pfund herauszuschwindeln und dann erst ehrliche Leute zu werden; aber schon bedurfte es des Hinweises auf die Haftpflicht der Associationsmitglieder für die von ihnen kontrahierten Kredite nicht, um den Vorschlag dieses Nachzüglers unserer ehemaligen Gaunerei zu beseitigen. Nicht bloß hier bleiben, sondern ehrlich werden wollten sie, diese hartgesottenen Schelme, die wenige Wochen früher ehrlich und dumm als gleichbedeutende Worte zu gebrauchen pflegten. So kam’s, daß das feine Plänchen, an welchem die „smartesten fellows“ von Neu-England ihren Witz erschöpft hatten, klanglos fallen gelassen wurde und wenn ich gut berichtet bin, so hat nachher keiner von uns 46 je zu ernstlicher Klage Anlaß gegeben.“

Der zweite, vor die Gesamtvertretung von Freiland gebrachte Antrag — die Rückzahlung der bis dahin von den meisten Mitgliedern bei Gelegenheit ihres Eintrittes in die Gesellschaft geleisteten größeren oder geringeren Beiträge betreffend, bedeutete die Aufbringung einer Gesamtsumme von nicht weniger als 43 Millionen Pfd. Sterling. Nun hatte man allerdings den Mitgliedern jederzeit gesagt, daß die Beiträge nicht rückzahlbar, sondern ein den gesellschaftlichen Zwecken gebrachtes Opfer seien; nichtsdestoweniger erachtete es die Verwaltung von Freiland der Billigkeit entsprechend, daß nunmehr, wo das neue Gemeinwesen eines solchen Opfers nicht mehr bedurfte, auf dasselbe für die Zukunft sowohl als für die Vergangenheit verzichtet werde. Die großmütigen Spender hatten zwar niemals aus ihrer den ärmeren Mitgliedern so reichlich geleisteten Hülfe irgendwelchen Rechtstitel auf besondere Anerkennung oder höhere Ehre abgeleitet, ja die meisten hatten es sich sogar verbeten, namentlich als Schenker angeführt zu werden; auch widersprach diese Hülfeleistung keineswegs den Prinzipien, auf denen das neue Gemeinwesen begründet war, ja im Sinne derselben durfte das Eintreten der Bemittelten für die Hülflosen gerad zu als eine Forderung des gesunden, vernünftigen Eigennutzes angesehen werden. Aber mit dem Momente, wo gerade infolge dieses so ausgiebig bethätigten vernünftigen Egoismus das Gemeinwesen kräftig genug wurde,um außergewöhnliche Hülfeleistungen entbehren und die vordem dargebrachten zurückerstatten zu können, erschien es uns wieder billig, daß dies auch sofort geschehe.

Auch dieser Antrag wurde debattelos einstimmig angenommen und sofort zur Ausführung gebracht. Den sämtlichen Beitragleistenden wurden die eingezahlten Beträge zurückerstattet, resp. in den Büchern der Centralbank gutgeschrieben, wo sie nach Gefallen über dieselben verfügen mochten.

Damit aber kann auch die zweite Epoche der Geschichte von Freiland als abgeschlossen betrachtet werden. Die Gründung des Gemeinwesens — die erste Epoche ausfüllend — vollzog sich gänzlich durch freiwillige Opfer einzelner seiner Mitglieder; in der zweiten Periode war diese Hülfeleistung, wenn auch nicht mehr durchaus notwendig, doch ein nützliches und wirksames Beförderungsmittel des raschen Wachstums gewesen; von jetzt ab wies die zu einem Riesen erstarkte freie Gemeinschaft jeden wie immer gearteten, nicht aus ihren regelmäßigen Hülfsquellen geschöpften Beistand ab, und die einst empfangene Unterstützung tausendfach vergeltend, war nun sie es, auf deren stets unerschöpflicher fließende Mittel Not und Elend, sie mochten sich in welchem Teile der bewohnten Erde immer zeigen, mit Sicherheit zählen durften.

Abermals sind zwanzig Jahre verflossen, fünfundzwanzig Jahre, seitdem unsere Pfadfinder den Kenia erreichten. Die Prinzipien, nach denen sich Freiland regiert und verwaltet, sind die gleichen geblieben und auch der Erfolg hat nicht gewechselt, nur daß das Wachstum von geistiger und materieller Kultur, von Einwohnerzahl und Reichtum sich in unablässig steigender Progression bewegte. Die Einwanderung, vermittelt durch 54 der größten Ozeandampfer von zusammen 495000 Registertonnen, hatte im letzten Jahre die Ziffer von 1152000 Köpfen erreicht. Um diesen, aus allen Weltteilen anlangenden Zuzug an den afrikanischen Küsten aufzunehmen und mit möglichster Beschleunigung in das Herz des Kontinents zu befördern, war das Eisenbahnnetz von Freiland an vier verschiedenen Punkten bis an den Ozean, resp. bis an die zum Ozean führenden fremden Anschlußbahnen vorgedrungen. Der eine dieser Schienenstränge ist der noch in der vorigen Epoche vollendete von Edenthal nach Mombas; diesem folgte vier Jahre später, nachdem die Pacifizierung der Gallasstämme gelungen war, die Eisenbahn im Danathale an die Wituküste; nach neun ferneren Jahren war ein — gleich allen freiländischen Hauptbahnen zweigeleisiger — Schienenstrang längs des ganzen Nilthales, vom Ukerewe und Albert-Njanza über die ägyptischen Äquatorialprovinzen, Dongola, den Sudan und Nubien bis zum Anschlusse an das ägyptische Bahnnetz fertig und solcherart die Verbindung der Mittelmeerküste mit Freiland bewerkstelligt; im Vorjahre endlich war der letzte Spatenstich der großen äquatorialen „Transversalbahn“ gemacht worden, die von Uganda am Ukerewe ausgehend und den Nil bei dessen Austritt aus dem Albert-Njanza überbrückend, von hier den Aruwhimi und Kongo entlang den atlantischen Ozean erreichte. Wir besaßen also zwei direkte Schienenverbindungen mit demindischen und je eine mit dem mittelländischen und atlantischen Meere. Die Mombaslinie war durch die weitaus kürzere Danabahn selbstverständlich in den Hintergrund gedrängt; die 580 Kilometer der letzteren durchflogen unsere Passagierzüge in 9 Stunden, während die Mombasstrecke, trotz ihrer inzwischen erfolgten Abkürzung durch die Athizweigbahn, nahezu die doppelte Zeit erforderte. Auf der Nilbahn waren von Alexandrien bis Edenthal 6452 Kilometer zu durchmessen, deren Betrieb von Assuan — der Grenze Oberägyptens — ab in unseren Händen war; die Reise beanspruchte hier — wegen des langsameren Betriebes auf der ägyptischen Linie — 6½ Tage; trotzdem war diese Route die meistbenutzte, da sie allen über das Mittelmeer gehenden Einwanderern, also allen europäischen und den meisten amerikanischen, die Reise nahezu um zwei Wochen verkürzte. Die im Einvernehmen mit dem Kongostaate, jedoch beinahe ausschließlich auf unsere Kosten ausgebaute und durchweg in freiländischem Betrieb stehende äquatoriale Transversalbahn endlich hatte eine Länge von 4874 Kilometern und auf ihr konnte man in nicht ganz 4 Tagen von der Kongomündung in Edenthal anlangen.

Edenthal, wie überhaupt das Keniagebiet, hatten schon seit langer Zeit aufgehört, den ganzen Zuzug der Einwanderer in sich aufzunehmen. Zwar die dichteste Menge der freiländischen Bevölkerung war noch immer in den Hochgebirgslandschaften zwischen dem Ukerewe und dem indischen Ozean zu suchen, der Sitz der obersten Verwaltung war nach wie vor in Edenthal, Freiland aber hatte seither seine Grenzen nach allen Seiten, insbesondere nach Westen zu mächtig ausgedehnt. Über ganz Massailand, Kawirondo und Uganda, rings um die Ufer des Ukerewe, Mwutan-Nzige und Albert-Njanza hatten sich freiländische Ansiedler ausgebreitet, so weit gesunde, hohe Lage und fruchtbarer Boden zu finden war. Im Südosten bilden die paradiesischen Gebirgslandschaften von Teita, im Norden die Höhenzüge zwischen dem Baringo und Ukerewe und den Gallaländern, im Westen die äußersten Ausläufer der am Albertsee beginnenden Mondberge, im Süden endlich die bis zum Tanganikasee streichenden Gebirgszüge die vorläufigen Grenzen unserer Ausbreitung, ein Gesamtareal von 1½ Millionen Quadratkilometern umfassend, welches jedoch nicht überall von kompakten Massen freiländischer Bevölkerung besiedelt ist, vielmehr unsere Kolonisten an vielen Stellen zerstreut unter den Eingeborenen sitzen, dieselben überall zu höherer, freier Kultur erziehend. Die Gesamtbevölkerung des derzeit unter freiländischem Einflusse stehenden Gebietes beträgt 42 Millionen Seelen, davon 26 Millionen Weiße und 16 Millionen schwarze oder braune Eingeborene. Von ersteren wohnen 12½ Millionen im Stammlande am Kenia und Aberdaregebirge; 1½ Millionen sind im übrigen Massailand, am Nordabhange des Kilima-Ndscharound in Teita zerstreut; die Berge westlich und nördlich vom Baringosee haben eine weiße Bevölkerung von 2 Millionen; rings um den Ukerewe sitzen 3½ Millionen, in den Bergen zwischen diesem und dem Mwutan-Nzige und Albertsee 1½ Millionen, in den Mondgebirgen westlich vom Albert-Njanza 3 Millionen und endlich südlich von diesen beiden Seen bis zum Tanganika zerstreut 2 Millionen.

Die freiländische Produktion hat sich auf nahezu alle Bedarfsartikel des Kulturmenschen ausgedehnt, der hauptsächlichste Produktionszweig aber ist die Maschinenindustrie geblieben. Sie erzeugt vornehmlich für den inländischen Gebrauch, trotzdem ihre Leistungsfähigkeit schon seit Jahren die aller Maschinenfabriken der ganzen übrigen Welt zusammengenommen sehr wesentlich übertrifft; Freiland hat eben für mehr Maschinen Verwendung, als die ganze übrige Welt zusammengenommen, denn die Arbeit seiner Maschinen ersetzt ihm die Sklaven- oder Knechtesarbeit der Anderen und da unser — die civilisierten Neger gar nicht gerechnet — 26 Millionen „Arbeitgeber“ sind, so brauchen wir sehr viel stählerne und eiserne Knechte, um unseren mit jedem Fortschritte unserer Kunstfertigkeit stetig Schritt haltenden Bedürfnissen zu genügen. Von unseren Maschinen also geht — mit Ausnahme einiger Specialitäten — verhältnismäßig wenig über unsere Grenzen; dafür arbeitet die Landwirtschaft überwiegend für den Export, ja es kann füglich behauptet werden, daß die Gesamtproduktion des freiländischen Körnerbaues für den Export verfügbar ist, da die zur Deckung des eigenen Bedarfs erforderlichen Mengen im Durchschnitt kaum so groß sind, als die auf unsere Märkte gelangenden Überschüsse der Negerproduktion. Im letzten Jahre waren 9 Millionen Hektaren Ackerland bestellt gewesen, die in zwei Ernten einen Ertrag von 2100 Millionen Zentner Körner- und sonstiger Feldfrüchte im Werte von rund 600 Millionen Pfd. Sterling ergaben. Zu diesem Getreidequantum kamen nun noch für 550 Millionen anderweitige Ausfuhrgüter, so daß der Gesamtexport 1150 Millionen Pfd. Sterling betrug. Unter den Importartikeln dagegen nimmt weitaus die erste Stelle der Posten: „Bücher und andere Drucksachen“ ein, diesen zunächst folgen Kunst- und Luxusgegenstände. Von den, anderwärts als sogenannte Massenartikel des Außenhandels anzutreffenden Waren, zeigen die freiländischen Importlisten bloß Baumwollwaren, die im Lande selbst fast gar nicht erzeugt, im Gesamtbetrage von 57 Millionen Pfd. Sterling zur Einfuhr gelangten. Der Bücherimport — Zeitungen eingeschlossen — betrug im letzten Jahre 138 Millionen Pfd. Sterling — nicht unwesentlich mehr, als im gleichen Jahre die ganze übrige Welt für Bücher ausgegeben hatte. Und dabei darf man nicht etwa glauben, daß Freiland seinen Bücherbedarf gänzlich oder auch nur zum größeren Teile vomAuslande her gedeckt hätte; mehr als zweimal so viel, als an ausländische Verleger hatten im selben Jahre die freiländischen Leser an ihre einheimischen zu bezahlen; sie lesen eben zur Zeit, bei welcher wir angelangt sind, mehr als dreimal so viel, als das ganze Lesepublikum außerhalb Freilands.

Diese Ziffern schon lassen auf die Höhe des Reichtums schließen, zu welchem Freiland gediehen. In der That, der Gesamtwert der von 7½ Millionen Produzenten im letzten Jahre hervorgebrachten Erzeugnisse hatte den Betrag von nahezu 7 Milliarden Pfd. Sterling erreicht, wovon nach Abzug von 2½ Milliarden zur Deckung der Ausgaben des Gemeinwesens, 4½ Milliarden als Gewinn der Produzenten verblieben, aus welchem im Durchschnitt 600 Pfd. Sterling auf den einzelnen Arbeiter entfielen. Und dabei hatten wir im Mittel bloß 5 Stunden täglich oder 1500 Stunden im Jahre zu arbeiten gebraucht, so daß der durchschnittliche Nettowert der Arbeitsstunde 8 Schilling erreichte, kaum weniger, als in gar manchen Teilen Europas der durchschnittliche Wochenlohn gewöhnlicher Handarbeiter.

Die Preise fast aller Bedarfsartikel in ganz Freiland sind dabei immer noch wesentlich billiger, als sonst in einem Teile der civilisierten Welt. Ein Zentner Weizen kostet durchschnittlich 6 Schilling, ein Kilogramm Rindfleisch nicht ganz ½ Schilling, ein Hektoliter Lagerbier oder leichten Weines 10 Schilling, ein kompletter Anzug aus gutem Schafwollstoff 20-30 Schilling, ein Pferd vorzüglicher arabischer Vollblutzucht 15 Pfd. Sterling, eine gute Milchkuh 2 Pfd. Sterling u. s. w. Teuer sind bloß einige vom Ausland bezogene Luxusartikel, z. B. einige Weine und alle nur durch Handarbeit produzierbaren Dinge, deren es aber äußerst wenig giebt. Letztere werden sämtlich aus dem Auslande importiert, mit welchem in Handarbeit zu konkurrieren, einem Freiländer natürlich nicht in den Sinn kommen kann. Denn obwohl die harmonisch ausgebildeten, vollkräftigen und intelligenten Arbeiter unseres Landes auch an Kraft und Geschicklichkeit ihrer Muskeln den entnervten, ausgemergelten Knechten des Abendlandes sicherlich mindestens zwei- und dreifach überlegen sind, so vermögen sie doch nicht zu konkurrieren mit einer Arbeitskraft, die fünfzig- und hundertfach wohlfeiler ist, als die ihrige. Ihre Überlegenheit beginnt erst, wo sie den ausländischen Knechten aus Menschenfleisch und Bein ihre stählernen entgegenstellen können; mit diesen arbeiten sie dann billiger noch, als jene, denn diese von Dampf, Elektrizität und Wasser in Bewegung erhaltenen Sklaven sind noch genügsamer, als die Lohnarbeiter des „freien“ Europa. Verlangen diese doch immerhin Kartoffeln zur Füllung ihres Magens und einige Lumpen zur Verhüllung ihrer Blöße, während Kohle oder ein Wasserstrahl den Hunger jener stillt und ein wenig Schmieröl hinreicht, um ihre Glieder geschmeidig zu erhalten.

Im übrigen bestätigt diese Überlegenheit Freilands im Maschinenwesen und die des Auslandes in Handarbeit bloß einen alten Erfahrungssatz, der deshalb nicht minder richtig ist, weil er der Erkenntnis der sogenannten „Kulturnationen“ noch immer entgeht. Daß nur die verhältnismäßig reichen Nationen, d. h. jene, deren Massen verhältnismäßig am besten gestellt sind, zugleich eine unter starker Verwendung von Maschinenkraft betriebene Produktion besitzen, konnte selbst dem blödesten Auge auf die Dauer unmöglich entgehen, nur erklärte man sich dieses unleugbare Phänomen umgekehrt; man glaubte, daß das englische oder amerikanische Volk deshalb menschenwürdiger existiere, als z. B. das chinesische oder russische, weil es reicher sei und daß aus dem gleichen Grunde, weil nämlich die erforderlichen Kapitalien reichlicher vorhanden seien, dort mit Maschinenkraft, hier mit menschlicher Muskelkraft gearbeitet werde. Das läßt allerdings die Hauptfrage, nämlich woher denn eigentlich diese Unterschiede des Reichtums rühren, unerledigt und schlägt anderseits den Thatsachen ganz ungeniert ins Antlitz, denn dem Chinesen oder Russen nützt alles ihm noch so freigebig und billig angebotene Kapital nichts; die Maschinenarbeit bleibt bei ihm unrentabel, so lange sich seine Lohnarbeiter mit einer Handvoll Reis oder mit halbverfaulten Kartoffeln und etwas Schnaps begnügen — aber es gehört einmal ins Kredo der orthodoxen Nationalökonomie und wird deshalb unbesehen geglaubt. Wer jedoch seine Augen nicht bloß dazu hat, um sie den Thatsachen gegenüber zu verschließen, seinen Verstand nicht bloß dazu, um einmal angenommene Vorurteile hartnäckig festzuhalten, der muß endlich begreifen, daß der Reichtum der Nationen nichts anderes ist, als ihr Besitz an Produktionsmitteln, daß dieser Reichtum groß oder gering ist, je nachdem zahlreiche und mächtige, oder wenige und kleinliche Produktionsmittel vorhanden sind und daß man viele oder geringfügige Produktionsmittel braucht, nach Maßgabe des großen oder geringen Verbrauches jener Dinge, die mittels dieser Produktionsmittel erzeugt werden sollen — also ausschließlich nach Maßgabe des großen oder geringen Konsums. Wo man wenig gebraucht, kann man wenig erzeugen, kann also auch wenig Instrumente der Erzeugung besitzen,mußalso arm bleiben.

Auch der Außenhandel vermag daran nichts zu ändern; denn für die Dinge, die man ausführt, muß man doch irgend etwas — sei es nun ein Genußmittel, ein Arbeitsinstrument, bares Geld oder sonst ein Gut — wieder einführen, und für dieses eingeführte Etwas muß man Verwendung haben, was jedoch, wenn der Konsum fehlt, unmöglich ist, da in diesem Falle auch importierte so wenig als im Inlande erzeugte Dinge Verwendung finden können. Allenfalls könnte man noch jene Güter, die man erzeugt, ohne weder sie selber noch etwas anderes an ihrer Statt gebrauchen zu können, dem Auslandeleihweise überlassen; aber das hängt wieder davon ab, ob das Ausland Verwendung für solche im Inlande unverwendbare Überschüsse hat, und da dies natürlich in der Regel ebenso wenig der Fall ist, so bleibt es ein für allemal dabei: Jedes Volk vermag nur so viel zu erzeugen, für wie viel es Verwendung hat und die Höhe seines Reichtums ist daher bedingt durch die Höhe seiner Bedürfnisse.

Natürlich ist hier nur von jenen Völkern die Rede, deren Kultur so weit vorgeschritten ist, daß der Verwendung hochentwickelter Arbeitsinstrumente nicht ihre Unwissenheit, sondern lediglich ihre socialpolitische Hülflosigkeit im Wege steht. Für diese aber gilt ihrem vollen Umfange noch die Wahrheit, daß sie arm sind lediglich aus dem Grunde, weil sie sich nicht satt essendürfenund daß die Zunahme ihres Reichtums durch nichts anderes bedingt ist, als durch das Ausmaß der Energie, mit welcher die arbeitenden Klassen sich gegen ihr Elend aufbäumen. Die Engländer und AmerikanerwollenFleisch essen, sie lassen ihren Arbeitslohn nicht so weit herabdrücken; das ist der einzige Grund, warum England und Amerika mehr Maschinen verwenden, als China und Rußland, wo sich das Volk mit Reis oder Kartoffeln begnügt; wir in Freiland aber haben es zuwege gebracht, unseren arbeitenden Klassen den Genuß des ganzen Ertrages ihrer Arbeit zu sichern, dieser Ertrag mag noch so hoch wachsen — was ist selbstverständlicher, als daß wir so viel Maschinen verwenden, als unsere Techniker nur immer zu ersinnen vermögen.

Nichts kann auf die Dauer der Wirksamkeit dieses obersten Gesetzes der Volkswirtschaft widerstehen. Die Produktion ist einzig um des Konsums Willen da und muß daher — das hätte man sich längst sagen sollen — in ihrem Maße sowohl als in der Art ihres Betriebes vom Ausmaße des Konsums abhängen. Und wenn morgen ein mutwilliger Kobold all unseren Reichtum, all unsere Maschinen über Nacht nach irgend einem europäischen Lande versetzte, dabei aber diesem Lande unsere socialen Institutionen nicht mit als Angebinde brächte, so wäre dieses Land damit so gewiß nicht um eines Hellers Wert reicher als zuvor, als es gewiß ist, daß China nicht reicher würde, wenn man die Reichtümer Englands und Amerikas dahin versetzte, ohne den chinesischen Arbeitern mehr als abgebrühten Reis zur Nahrung und mehr als ein Lendentuch zur Kleidung zu gewähren. Gleichwie in diesem Falle die englischen und amerikanischen Maschinen in China sofort zu nutzlosem alten Eisen würden, ebenso erginge es in jenem Falle unseren Maschinen in Europa oder Amerika. Und gleichwie umgekehrt die Engländer und Amerikaner das ihnen durch Koboldstücke nach China verzauberte Maschinenkapital — beharrten ihre arbeitenden Klassen nur bei ihren derzeitigen Lebensgewohnheiten — sehr rasch wieder ersetzen und damit die frühere Stufe ihres Reichtums wieder erklommen haben würden, sokönnte es auch uns nicht schwer fallen, zu wiederholen, was wir einmal vollbracht, nämlich uns neuerlich in den Besitz all jener Reichtümer zu setzen, dieunserenLebensgewohnheiten entsprechen. Denn diese letzteren, die socialen Einrichtungen Freilands, sind die wahre und einzige Quelle unseres Reichtums: daß wir siegebrauchenkönnen, ist der Seinsgrund unserer ganzen Maschinenkraft.

Diese Kraft aber, wir fassen hier überall unter dem Sammelbegriff Maschine alles zusammen, was einerseits kein freies Geschenk der Natur, sondern Erzeugnis menschlichen Fleißes, und anderseits dazu bestimmt ist, die Ergiebigkeit menschlicher Arbeit zu steigern — diese Kraft ist in Freiland zu kollosalen Dimensionen erwachsen. Unser Eisenbahnnetz — die oben genannten Linien umfassen bloß die vier großen, dem Außenhandel dienenden Bahnen — hat eine Gesamtausdehnung von 575000 Kilometer erreicht, wovon allerdings bloß 180000 Kilometer Hauptbahnen, während nahezu 400000 Kilometer landwirtschaftliche und industrielle Schienenanlagen sind. Unser Kanalsystem dient hauptsächlich Be- und Entwässerungszwecken und die Ausdehnung seines in unzähligen tausenden von Adern und Äderchen sich verzweigenden Netzes entzieht sich jeder Berechnung; schiffbar aber sind diese Kanäle in einer Länge von 57000 Kilometern. Außer den bereits erwähnten Passagierschiffen schwimmen auf allen Meeren nahezu 3000 unserer Frachtendampfer mit einem Laderaume von 15 Millionen Registertonnen; auf den Seen und Flüssen Afrikas besitzen wir 17800 größere und kleinere Dampfer von insgesamt 5½ Millionen Tonnen. Die motorische Kraft aber, die all diese Verkehrsmittel und die zahllosen Maschinen unserer Landwirtschaft und unserer Fabriken, unserer öffentlichen und privaten Anlagen, in Bewegung erhält, beträgt nicht weniger als 245 Millionen indizierter Pferdekräfte, d. i. reichlich das Doppelte der mechanischen Kraft, über welche derzeit die ganze übrige Welt verfügt. Es kommen sohin in Freiland nahezu 9½ Pferdekraft mechanischer Arbeitsenergie auf den Kopf der Bevölkerung, und da eine indizierte Pferdekraft die Leistungsfähigkeit von 12 bis 13 Männern entwickelt, so ist der Arbeitseffekt der nämliche, als ob jeder Freiländer Kopf für Kopf ungefähr 120 Sklaven zu seiner Verfügung hätte. Was Wunder, daß wir ein Herrendasein zu führen vermögen, trotzdem es in Freiland keine menschlichen Knechte gibt.

Der Wert jener ungeheuren Investitionen aller Art läßt sich angesichts der wunderbaren Durchsichtigkeit unseres ganzen wirtschaftlichen Getriebes auf Heller und Pfennig berechnen. Das freiländische Gemeinwesen als solches hat in den 25 Jahren seines Bestandes in runder Summe 11 Milliarden zu Investitionszwecken ausgegeben; der Aufwand durch Vermittlung der Associationen und einzelnerIndividuen (letztere allerdings bloß mit relativ verschwindenden Ziffern vertreten) hatte 23 Milliarden — alles Pfund Sterling — betragen, so daß die Gesamtinvestitionen einen Reichtum von 34 Milliarden repräsentieren, durchweg vorzüglich rentierendes Kapital, trotzdem, oder richtiger gerade weil es keinen bestimmten Herrn hat, denn eben diese Herrenlosigkeit der gesamten Produktionskapitalien ist die Ursache, daß jede Arbeitskraft sich jener Betriebsmittel bedienen kann, durch deren Anwendung sie jeweilig die höchsten Erträge zu erzielen vermag. Jeder Freiländer ist Mitbesitzer dieses ganzen ungeheueren Reichtums, von welchem — den unschätzbaren Wert des Kulturbodens gar nicht gerechnet — auf den Kopf der Gesamtbevölkerung rund 1300 Pfd. Sterl., auf die Familie rund 6000 Pfd. Sterl. entfallen. Wir sind also in diesen 25 Jahren allesamt gewissermaßen ganz behäbige „Kapitalisten“ geworden; „Zinsen“ trägt uns dieses Kapital allerdings nicht, dafür aber verdanken wir ihm den Arbeitsertrag von 7 Milliarden, der, umgerechnet auf die 26 Millionen Seelen Freilands, rund 270 Pfd. Sterl. per Kopf ergibt.

Ehe wir jedoch einer Schilderung des auf Grundlage dieser Fülle von Reichtum und Kraft sich entwickelnden Lebens Freilands Raum geben, wird es notwendig sein, in kurzen Zügen einen Abriß der freiländischen Geschichte während der letzten 20 Jahre zu bieten.

Wir sind im vorigen Abschnitte bis zur Eröffnung der ersten Schienenverbindung mit dem indischen Ozean auf der einen Seite und bis zu dem Feldzuge gegen Uganda und der damit beginnenden Besiedelung der Uferlandschaften des Ukerewe anderseits gelangt. Die Aufmerksamkeit unserer Forscher war von da ab zunächst auf das hochinteressante Gebirgsland nördlich und nordwestlich vom Baringosee gerichtet, wo insbesondere das Gebiet des nahezu 4300 Meter hohen, an der Grenze Ugandas gelegenen Elgon ihren Eifer nach mehr als einer Richtung herausforderte. Hier war ersichtlich ein großes, den Kenia- und Aberdarebergen an Fruchtbarkeit, klimatischen Vorzügen und landschaftlicher Schönheit ebenbürtiges Feld zukünftiger Besiedelung vorhanden. Die Aussicht vom Gipfel des Elgon übertraf sogar, was Mannigfaltigkeit der gebotenen Eindrücke anlangt, alles bisher Gesehene; im Südosten reichte der Blick bis zu der meerartig sich in unabsehbarer Ferne verlierenden Fläche des Ukerewe; im Norden ragten, 65 Kilometer entfernt, die mit ewigem Schnee bedeckten Gipfel des Lekakisera gen Himmel; im Osten streifte das Auge über mächtige Waldgebirge, während im Westen sich endlos das lachende Hügelland von Uganda erstreckte.


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