14. Kapitel.

Doch unaufhaltsam weiter drangen unsere Pioniere; Platz war zwar noch im Überfluß an den alten Wohnsitzen vorhanden; aber der Forschungstrieb in Verbindung mit dem Zauber der Neuheit, der die ferner liegenden Landschaften umgab, lockte stets neue Scharen tieferund tiefer hinein in den „dunklen Erdteil“. Nachdem die Ufer des Ukerewe nichts Unbekanntes mehr boten, drangen unsere Pfadfinder in die Urwaldungen der Zwischenseegebirge gegen den Muta-Nzige und Albertsee. Hier stießen wir zum ersten Mal auf menschenfressende Stämme, deren Bändigung keine geringe Arbeit bot und auch keineswegs ganz ohne Blutvergießen abging. Am Albert-Njanza angelangt, dessen Ostufer meist kahl und unwirtlich sind, erblickte man von jenseits verführerisch die Mondberge, deren höchste, 4000 Meter überragende Gipfel in der kühlen Jahreszeit häufig eine Schneedecke zeigen und von deren malerisch gegen den See abfallenden Hängen zahlreiche Katarakte von ganz unglaublicher Fallhöhe und gewaltigem Wasserreichtum zur Tiefe stürzen, angenehme Rückschlüsse auf die Beschaffenheit ihrer Quellgebiete gestattend. Selbstverständlich blieben sie nicht lange unbesucht und der Ruf der neuen Wunder großartiger Naturpracht, die dort gefunden wurden, lenkte bald den Schritt vieler Hunderttausende dahin. Auch dort gab es Kämpfe mit anthropophagen Stämmen, die zum Teil heute noch ihren schlimmen Gewohnheiten im Geheimen fröhnen. Von hier aus wandten sich die Pioniere mehr südwärts, überall die Gebirgszüge als Heerstraße benutzend. Vor sechs Jahren langten unsere ersten Vorposten am Tanganika an, wo sie mit Vorliebe die sich im Westen erhebenden Höhenzüge wählten, welche stellenweise den 900 Meter über dem Meere gelegenen Seespiegel um 1500 Meter überragen; jetzt sitzen schon Hunderttausende in den lieblichen Uferlandschaften dieses wenn auch nur zweitgrößten, so doch weitaus längsten der Äquatorialseen. Der Tanganika hat nicht ganz den halben Flächeninhalt des Ukerewe, er ist nirgends so breit, daß ein gutes Auge nicht die jenseitigen Uferberge zu sehen vermöchte; seine Länge aber beträgt 580 Kilometer, also ziemlich genau drei Vierteile derjenigen des adriatischen Meeres, und der schnellste von den 286 Dampfern, die ihn derzeit für unsere Rechnung befahren, braucht nahezu 24 Stunden, um von seinem Nordende zum Südende zu gelangen.

Jetzt war aber auch die Zeit gekommen, wo wir mehr und mehr mit europäischen, resp. unter europäischem Einfluß stehenden Kolonien in unmittelbare Berührung gerieten. Im Süden und Osten stießen wir auf deutsche und englische Interessensphären, im Nordosten teils direkt, teils indirekt auf französische und italienische, im Norden auf ägyptische, im Westen an den mächtig aufstrebenden Kongostaat. Dabei waren die sich ergebenden Wechselbeziehungen zwar überall von den besten, entgegenkommendsten Absichten geleitet, es tauchte aber doch eine Menge von Fragen auf, die nachgerade dringend einer endgültigen Lösung bedurften. Für die benachbarten Kolonien stellte sich nämlich der Übelstand heraus, daß sie nirgend die unmittelbare Nähe freiländischer Ansiedelungen auf die Dauer zu ertragen vermochten; ihre Bevölkerungwurde von uns angezogen, wie Eisenfeilstäbchen durch einen Magnet; wo sich eine freiländische Association in der Nähe etablierte, blieb von fremden Kolonien binnen kürzester Frist nichts übrig, als die verödeten Wohnstätten, die verlassenen Plantagen; die Kolonisten waren zu uns übersiedelt und Freiländer geworden. Dagegen konnten die fremden Regierungen nichts thun, wollten es wohl auch nicht, da doch das Interesse ihrer Unterthanen dabei wahrlich nicht schlecht fuhr; aber mit Rücksicht auf die Machtstellung ihrer betreffenden Länder mußte ihnen diese Unmöglichkeit, sich in unserer Nähe zu behaupten, unbequem werden und sie zum Nachdenken anregen.

Doch auch wir mußten die Frage in Erwägung ziehen, was denn geschehen werde, wenn freiländische Ansiedler irgendwo fremdes, einem abendländischen Volke gehöriges Gebiet betreten sollten. Bisher hatten wir dies absichtlich vermieden; auf die Dauer war es jedoch unvermeidlich. Was würde dann geschehen? Sollten wir, im Besitze der stärkeren Civilisationsform, vor der zurückgebliebenen zurückweichen? Konnten wir es, selbst wenn wir wollten? Freiland ist kein Staat im gemeingebräuchlichen Sinne des Wortes; sein Wesen liegt nicht in der Herrschaft über ein bestimmtes Territorium, sondern in seinen socialen Einrichtungen; diese sind an sich mit fremden Regierungsformen ganz gut vereinbar, und wir mußten im Interesse friedlichen Zusammenlebens mit unseren Nachbarn bestrebt sein, diesen Einrichtungen gesetzliche Anerkennung — zunächst in den benachbarten Kolonialgebieten — zu verschaffen.

Und nicht bloß auf dem afrikanischen Kontinente, sondern auch in den anderen Weltteilen häuften sich die einer Erledigung dringend bedürftigen „Fragen“ zwischen uns und unterschiedlichen Regierungen. Wir mengten uns zwar grundsätzlich nicht in die politischen Angelegenheiten des Auslandes, aber für unser Recht und unsere Pflicht hielten wir es, aus der Fülle unseres Reichtums und unserer Macht unseren notleidenden Brüdern, in welchem Teile der bewohnten Erde immer, beizuspringen. Freiländisches Geld war überall zur Hand, wo es galt, irgend welche Not zu lindern, den Enterbten und Elenden in welchem Winkel der Erde immer gegen Ausbeutung Hülfe zu bringen. Unsere Anmeldebureaux und Schiffe standen jedermann zur unentgeltlichen Verfügung bereit, der sich aus dem Jammer der alten Weltordnung zu uns herüberretten wollte, und wir ließen es an Bemühungen nicht fehlen, die Segnungen unserer Einrichtungen unseren leidenden Mitbrüdern in stets ausgedehnterem Maße zugänglich zu machen. Das alles betrachteten wir, wie gesagt, als unsere Pflicht und unser Recht zugleich; wir waren daher nicht gesonnen, uns in der Ausübung dieser Mission durch den Einspruch ausländischer Machthaber beirren zu lassen. Damit aber gerieten wir — auf die Dauer ließ sich das unmöglichverkennen — mehr und mehr in Kollision mit den Anschauungen einzelner europäischer und asiatischer Regierungen. Zwar im demokratischen Westen Europas, in Amerika und Australien sprach die öffentliche Meinung zu mächtig zu unseren Gunsten, als daß von dorther irgendwelcher — und sei es auch bloß passiver — Widerstand unseren Bestrebungen gegenüber zu besorgen gewesen wäre; anders aber verhielt es sich in einzelnen Staaten des Ostens, und insbesondere seitdem unsere Mittel und mit diesen unsere propagandistische Thätigkeit die kolossalen Dimensionen der letzten Jahre erreicht hatten und eine stetige Zunahme voraussehen ließen, begann man sich hie und da ganz ernstlich mit der Frage zu beschäftigen, ob und durch Anwendung welcher Mittel es thunlich wäre, freiländischem Gelde und freiländischem Einflusse die Wege zu verlegen. Zwar scheuten einstweilen jene Regierungen noch den offenen Bruch mit uns, teils aus Rücksicht auf die auch bei ihnen sich geltend machende öffentliche Meinung, teils aus Respekt vor den gewaltigen finanziellen Hülfsmitteln, über welche wir verfügten. Man wollte uns nicht gerne zu erklärten Feinden haben, aber man wollte freiländische Geldsendungen und deren Zwecke kontrollieren und die Auswanderung nach Freiland einschränken.

Wir waren nun durchaus nicht gewillt, derartigen Bestrebungen mit verschränkten Armen zuzusehen; das Recht, unseren geknechteten Mitmenschen beizuspringen oder ihnen die Zuflucht nach Freiland offen zu halten, waren wir fest entschlossen, zu verteidigen, so weit unsere Kräfte reichten, und Niemand in Freiland zweifelte daran, daß wir stark genug seien, um die Absperrungsgelüste der fremden Machthaber im Notfalle gewaltsam niederzuschlagen. Nur war man in Freiland ebenso einig darüber, daß zuvor jedes erdenkliche friedliche Mittel versucht werden müsse, ehe man an die Waffen appellieren dürfe. Und die Schwierigkeit einer unblutigen Einigung lag eben darin, daß ersichtlich im Punkte der Anschauungen über die kriegerische Stärke Freilands ein Gegensatz zwischen unserer freiländischen und der außerfreiländischen öffentlichen Meinung bestand; während wir — wie gesagt — der Überzeugung waren, jedem Militärstaate der Welt, ja selbst mehreren zugleich durchaus gewachsen zu sein, hielten uns insbesondere jene Regierungen, mit denen wir diesfalls zu thun hatten, für militärisch durchaus ohnmächtig. Wir mußten also darauf gefaßt sein, daß eine eventuell drohende Sprache unserer Bevollmächtigten gar nicht ernst genommen werden dürfte und daß gerade deshalb jeder Versuch, unseren Standpunkt energisch zu vertreten, nur durch einen thatsächlichen Krieg den erforderlichen Nachdruck erlangen könnte. Und ein Krieg war es denn auch, der unseren Standpunkt allenthalben im Auslande zur Geltung bringen sollte, nur allerdings nicht ein Krieg mit einer europäischen oder asiatischen, sondern ein solcher mit einer afrikanischenGroßmacht, ein Krieg zudem, der mit den soeben erörterten Fragen höchstens indirekt etwas gemein hatte, trotzdem aber auch diese zur Entscheidung brachte.

Wie dies kam, darüber sollen die in den nachfolgenden Kapiteln mitgeteilten Briefe Aufschluß geben. Dieselben haben den Prinzen Carlo Falieri, einen jungen italienischen Diplomaten zum Verfasser, der nachmals nach Freiland übersiedelte, in jener Zeit jedoch, von welcher die Briefe handeln, im Auftrage seiner Regierung Edenthal aufsuchte. Zugleich werden diese Korrespondenzen ein lebhaftes Bild der freiländischen Zustände und der Lebensweise im fünfundzwanzigsten Jahre der Gründung bieten.

Edenthal, den 12. Juli ..

Ich schreibe Dir diese Zeilen nach mehrmonatlichem Stillschweigen aus der Hauptstadt von Freiland, die mich und meinen Vater seit einigen Tagen beherbergt. Was uns ins Land der socialen Freiheit gebracht hat? Du weißt, oder weißt vielleicht auch nicht, daß meine Chefs auf Monte Citorio sich in letzter Zeit gegen den braunen Napoleon an der Ostküste Afrikas, den Negus Johannes V. von Abyssinien, keinen Rat mehr wissen, und da ihnen solcher von unseren guten Freunden in London und Paris, wo man sich in gleichen Nöten befindet, auch nicht erteilt werden kann, so einigten sich die drei westmächtlichen Kabinette schließlich dahin, gegen die gemeinsame afrikanische Krankheit ein afrikanisches Heilmittel zu suchen; diesem nachzuspüren sind wir nun hier, von seiten Englands die Herren Lord Elgin und Sir Bartelet, von seiten Frankreichs Mrs. Charles Delpart und Henri de Pons, von seiten unseres Italien Principe Falieri und dessen Sohn, meine Wenigkeit nämlich. Beauftragt sind wir insgesamt, den Freiländern nahezulegen, daß es in ihrem wie in unserem gemeinsamen Besten gelegen wäre, wenn sie ihr Land zum Kriegsschauplatze gegen Abyssinien hergeben wollten.

Der Negus nämlich, der uns Europäern, die wir Besitzungen an den afrikanischen Küsten des Roten Meeres und südlich der Straße von Bab-el-Mandeb unser eigen nennen, auch bisher schon viel zu schaffen machte und gelegentlich des letzten Krieges die verbündeten englisch-französisch-italienischen Armeen in Schach hielt, ja ohne die Intervention unserer Flotten denselben um ein kleines das Schicksal jenes ägyptischen Heeres bereitet hätte, welches nach biblischen Berichten vor 3300 Jahren im Roten Meere ertränkt wurde, der Negus, sageich, hat den fünfjährigen, für uns nicht gerade rühmlichen Frieden — offenbar mit Hülfe gewisser guter Freunde in Europa — dazu benützt, um seine auch vorher schon Achtung gebietende Armee vollkommen nach abendländischem Muster zu organisieren. Er besitzt jetzt 300000 Mann, durchweg mit Waffen bester, modernster Konstruktion versehen, eine vorzügliche Kavallerie von mindestens 40000 Köpfen, und eine Artillerie von 106 Batterien, die es, unseren Militärbevollmächtigten zufolge, mit jeder europäischen an Tüchtigkeit aufnehmen soll. Die Absichten aber, die Johannes mit diesen für das arme Abyssinien geradezu ungeheuerlichen Rüstungen verfolgt, können — insbesondere nach den Erfahrungen des vergangenen Lustrums — nicht zweifelhaft sein. Er will uns und den Engländern die Küstenplätze am Roten Meere, den Franzosen ihr Gebiet südlich von Bab-el-Mandeb abnehmen. Unsere Küstenfestungen und Flotten werden dies auf die Dauer nicht verhindern, falls es uns nicht gelingt, die Abyssinier in offener Feldschlacht zu schlagen. Wie aber Armeen, die der reorganisierten abyssinischen gewachsen wären, an jenen unwirtlichen Küsten erhalten, wie einen Feldzug mit dem Meere als einziger Rückzugslinie gegen einen Feind wagen, dessen furchtbare Offensivkraft wir auch bisher schon sattsam kennen gelernt haben? Und doch muß dem Negus begegnet werden, koste es, was es wolle, da mit dem Preisgeben der Küstenorte die Verbindung mit Ostasien und dem seit den letzten zwei Dezennien in die erste Linie des Welthandels gerückten Ostafrika für alle europäischen Mächte verloren wäre. Ist uns doch nur zu wohl bekannt, daß Johannes V. sich diesbezüglich mit den weitestgehenden Plänen trägt. Heute schon werben seine Agenten in Griechenland, Dalmatien und selbst in Nordamerika Matrosen zu Tausenden, die offenbar bestimmt sind, eine Kriegsflotte zu bemannen, sowie der Besitz der Küstenpunkte es den Abyssiniern ermöglicht, eine solche zu halten. Ob er diese Flotte im Auslande kaufen, oder selber bauen will, ist annoch ein Rätsel. Wäre ersteres der Fall, so könnte es den Nachforschungen der von dieser Zukunftsflotte bedrohten Mächte unmöglich entgehen; aber keine der bekannten Schiffswerften der Welt hat derzeit Kriegsfahrzeuge unbekannter Bestimmung in Bau. Soll die abyssinische Flotte aber am Roten Meere gebaut werden, erst nachdem dessen Küsten in abyssinische Gewalt geraten sind, wozu braucht der Negus jetzt schon die vielen Matrosen? Keineswegs ist dieses Geheimnis geeignet, über die Endabsichten Abyssiniens zu beruhigen — kurzum, man hat in London, Paris und Rom beschlossen, den Stier an den Hörnern zu fassen und gegen den ostafrikanischen Eroberer offensiv vorzugehen. Die drei Kabinette wollen gemeinsam ein Expeditionskorps von mindestens 300000 Mann ausrüsten, und mit diesem sofort nach Ablauf des fünfjährigen Friedens — das wäre also Ende Septemberdieses Jahres — gegen Abyssinien vorgehen. Als Operationsbasis aber sind diesmal nicht unsere eigenen Küstenorte — sondern Freiland ausersehen. Dieses würde den verbündeten Armeen eine gesicherte Verpflegungs- und Rückzugslinie gewähren, und Aufgabe von uns Diplomaten ist es nun, die freiländische Verwaltung für dieses Projekt zu gewinnen. Wir verlangen nichts, als passive Mitwirkung, d. h. freien Durchzug für unsere Truppen. Ob unsere Instruktionen dahin gehen, diese passive Assistenz im Notfalle zu erzwingen, weiß ich nicht, denn nicht ich, bloß mein Vater ist eingeweiht in die letzten Hintergedanken der Leiter unserer auswärtigen Politik, und wenn meine bekannte Schwärmerei für dies Land der Socialisten unsere Regierung auch nicht hinderte, mich meinem Vater beizugeben, so vermute ich doch, daß mir die intimeren Geheimnisse unserer Diplomatie vorenthalten werden.

Du weißt also jetzt, Freund meiner Seele,warumwir nach Freiland reisten. Bist Du zu erfahren begierig,wiewir die Reise bewerkstelligten, so diene Dir, daß wir dazu von Brindisi bis Alexandrien den „Uranus“, eines der Riesenschiffe benützten, die Freiland zum Zwecke des Post- und Passagierdienstes auf allen Meeren laufen läßt. Zugleich mit uns machten 2300 Einwanderer nach Freiland die Seereise, und wenn diesen die neue Heimat nur einen Teil dessen hält, was sie sich von ihr versprechen, so muß sie ein wahres Paradies sein. Mein Vater, der anfangs einige Bedenken hegte, sich einem freiländischen Dampfer anzuvertrauen, auf welchem keinerlei Überfahrtgebühr angenommen, dafür aber auch, wie männiglich bekannt ist, keinerlei Unterschiede in der Behandlung der Passagiere gemacht werden, gestand mir schon am zweiten Tage der Fahrt, daß er nicht bereue, meinem Drängen nachgegeben zu haben. Die Kabine, die wir erhielten, war nicht zu klein, komfortabel und von peinlichster Sauberkeit, Küche und Verpflegung ließen nichts zu wünschen übrig und — was uns am meisten wunderte — der Umgang mit den buntzusammengewürfelten Auswanderern erwies sich als keineswegs unangenehm. Zwar waren unter unseren 2300 Reisegenossen alle Stände und Berufsklassen, vom Gelehrten bis zum Handarbeiter, vertreten; allein auch die letzteren erwiesen sich von dem Bewußtsein, einer neuen Heimat entgegenzueilen, in welcher unbedingte Gleichberechtigung aller Menschen herrschen sollte, dermaßen gehoben, daß während der ganzen Fahrt keinerlei Roheit oder gemeine Ausschreitung vorkam.

In Alexandrien benützten wir den nächsten nach dem Sudan abgehenden Kurierzug, der jedoch bis Assuan, so lange nämlich ägyptische Kondukteure und Maschinisten ihn führten, von einem solchen wenig mehr als den Namen hatte. In Assuan nahm uns ein freiländischer Eisenbahnzug auf, und nunmehr ging es mit einer Accuratesse und Raschheitvorwärts, wie man sie sonst nur in England oder Amerika antrifft. Mit raffiniertester Bequemlichkeit eingerichtete Schlaf-, Speise- und Konversationswagen führten uns in rasendem Fluge den Nil aufwärts, den Riesenstrom bis Dongola zweimal übersetzend. Charakteristisch ist, daß von Assuan ab keinerlei Fahrtaxe berechnet wurde. Die im Speisewagen oder auf den Stationen verzehrten Speisen und Getränke mußten zwar bezahlt werden — auf der Urania waren auch die Mahlzeiten unentgeltlich gewesen — die Beförderung aber besorgte das freiländische Gemeinwesen unentgeltlich zu Land wie zu Wasser.

Die Schilderung von Land und Leuten in Ägypten und dessen Dependenzen wirst Du mir erlassen; es hat sich zwar diesbezüglich im letzten Decennium, und insbesondere seit Vollendung der freiländischen Nilbahn einiges zum Besseren geändert; aber im großen Ganzen fand ich das Elend der Fellachen noch sehr arg und nur dem Grade, nicht dem Wesen nach verschieden von jenen Schilderungen, die den zahlreichen älteren Reiseberichten über diese Gegenden zu entnehmen sind. Ein durchaus anderes Bild bot sich dem Auge, sowie wir uns dem Albert-Njanza näherten und freiländisches Gebiet erreichten. Ich traute meinen Sinnen kaum, als ich am Morgen des fünften Tages der Eisenbahnreise erwachend, zum Waggonfenster hinausblickte und statt der bisherigen Landschaft von üppigen Gärten und lachenden Hainen anmutig unterbrochene endlose Fruchtfelder erblickte, aus deren Mitte elegante Villen, teils zerstreut, teils zu größeren Ortschaften vereinigt, hervorleuchteten. Als der Zug bald darauf in einer Station — sie hieß, ein freundliches Omen für uns Italiener, Garibaldi — hielt, sahen wir auch zum erstenmale Freiländer in ihrer eigentümlichen und, wie ich auf den ersten Blick erkannte, überaus zweckmäßig den Anforderungen des Klimas angepaßten, ebenso einfachen als kleidsamen Tracht.

Diese ist der antik griechischen sehr ähnlich, selbst die Sandalen an Stelle der Schuhe fehlten nicht, nur daß dieselben nicht auf bloßem Fuße, sondern über Strümpfe getragen werden. Die Kleider der Freiländerinnen sind zumeist farbenprächtiger, als jene der Männer, die jedoch auch keineswegs jene düsteren monotonen Tinten zur Schau tragen, wie die abendländische Männertracht. Insbesondere die freiländischen Jünglinge lieben heitere, helle Farben, die jüngeren Damen bevorzugen Weiß mit farbigen Ornamenten. Der Eindruck, den die Freiländer auf mich machten, war ein geradezu blendender. Strotzend von Kraft und Gesundheit, bewegten sie sich in heiterer Anmut unter den schattigen Bäumen des Bahnhofgartens, mit einer vornehmen Sicherheit des Benehmens, die mich anfangs glauben ließ, daß sich hier die Spitzen der ortsansässigen Gesellschaft Stelldichein gegeben hätten. Diese Meinung wurde noch verstärkt, als späterhin einige Freiländer den Zug bestiegen und ich aus den Gesprächen während der Weiterfahrt entnahm,daß deren Bildungsgrad durchaus dem äußeren Eindrucke entsprach; und doch waren es gewöhnliche Landleute, Ackerbauer und Gärtner mit ihren Frauen, Söhnen und Töchtern, mit denen wir es zu thun hatten.

Nicht minder überraschend war das Behagen der unter den Weißen zerstreut auftretenden und mit diesen unbefangen verkehrenden Neger. Deren Kleidung war zwar noch leichter und luftiger als die der Weißen — meist Baumwollzeuge an Stelle der von diesen ausschließlich benützten Schafwolle; im übrigen aber machten diese Eingeborenen den Eindruck durchaus civilisierter Menschen, und wie ich mich aus dem Gespräche mit einem der den Zug gleichfalls zur Weiterfahrt benützenden Neger überzeugen konnte, stand ihre Bildung auf einer ziemlich hohen Stufe, jedenfalls auf einer weit höheren, als die der Landbevölkerung in den meisten Gegenden Europas. Der Schwarze, mit dem ich mich unterhielt, sprach ein fließendes, korrektes Englisch, hielt eine freiländische Zeitung, in welcher er während der Fahrt eifrig las und erwies sich nicht nur in den Angelegenheiten des eigenen Landes, sondern auch über europäische Verhältnisse sehr gut unterrichtet.

Gegen Mittag erreichten wir mit der Station Baker den Albert-See, genau an jener Stelle, wo ihm der weiße Nil entströmt. Hier erwartete mich eine sehr angenehme Überraschung. Du wirst Dich noch David Neys, jenes jungen freiländischen Bildhauers erinnern, mit welchem wir während des letzten Herbstes in Rom zusammentrafen, und an welchen insbesondere ich mich damals so innig anschloß, weil der herrliche Jüngling es mir durch den Adel seiner äußeren Erscheinung sowohl, als seiner Gesinnung angethan hatte. Was Du wahrscheinlich nicht weißt, ist, daß wir, nachdem David nach Abschluß seiner Kunststudien Rom und Europa verlassen hatte, wiederholt Briefe wechselten, so daß er von meiner bevorstehenden Ankunft genau unterrichtet war. Mein Freund hatte nun die dreißigstündige Reise von Edenthal, wo er bei seinen Eltern — sein Vater ist, wie Du weißt, einer der Regenten Freilands — wohnt, an den Albert-Njanza nicht gescheut, war mir bis Baker entgegen geeilt, und das erste, was ich, in die Station eingefahren, bemerkte, war sein liebes, mir freudig zulächelndes Antlitz. Er brachte meinem Vater und mir eine Einladung der Seinen, während unseres Aufenthaltes in Edenthal ihre Gäste zu sein. „Wenn Sie, Herr Herzog — sagte er — mit der Wohnung und Bewirtung, die Ihnen ein Bürger von Freiland zu bieten vermag, zufrieden sein wollen, würden Sie uns alle, insbesondere aber mich, dem damit das Glück ungestörten Beisammenseins mit Ihrem Sohne zu teil würde, zu höchstem Danke verpflichten. Den Glanz und die Pracht, an welche Sie daheim gewöhnt sind, werden Sie allerdings in unserem Hause vermissen, welches sich nur wenig von denen der einfachsten Arbeiter unseres Landes unterscheidet;aber diese Entbehrung wäre Ihnen überall in Freiland auferlegt, und ich glaube Ihnen versprechen zu können, daß Ihnen auch bei uns keinerlei wirkliche Bequemlichkeit fehlen wird.“ Zu meiner großen Genugthuung acceptierte mein Vater nach kurzem Besinnen dieses herzliche Anerbieten mit lebhaftem Danke.

Über das während der eineinhalbtägigen Fahrt vom Albert-See nach Edenthal Gesehene will ich mich für heute kurz fassen, da ja noch Gelegenheit sein wird, ausführlich darauf zurückzukommen, und schon dieser erste meiner freiländischen Reisebriefe ohnehin zu ungebührlichem Umfange anschwellen wird, wenn ich Dir über das mich zunächst Interessierende, die Lebensweise der Freiländer nämlich, auch nur oberflächlich Bericht abstatten will. Unser Kurierzug durchflog in rasender Eile die von Saatfeldern und Plantagen bedeckten Ebenen Unjoros und Hügellandschaften Ugandas, lief hierauf einige Stunden längs der Ufer des mächtig brandenden Ukerewe durch liebliches, einem einzigen Garten gleichendes Hügel- und Bergland; bei den Riponfällen den See verlassend, wandten wir uns in das wildromantische Gebirgsland des Elgon mit seinen zahllosen Herden und reichen Fabrikstädten, umkreisten den gärtenumsäumten Baringo-See und drangen durch Leikipia in die Alpenlandschaften des Kenia ein. Gegen 9 Uhr Abend des sechsten Tages der Eisenbahnreise erreichten wir endlich Edenthal.

Es war eine herrliche Mondnacht, als wir, den Bahnhof verlassend, die Stadt betraten; überdies glänzte diese im Scheine zahlloser mächtiger elektrischer Bogenlampen, so daß dem neugierig forschenden Blicke nichts entging. Selbst wenn ich es jetzt schon wollte, ich könnte Dir den Eindruck, den diese erste freiländische Stadt, deren Inneres wir betraten, auf mich machte, nicht im einzelnen schildern. Denke Dir einen etwa hundert Quadratkilometer bedeckenden Feengarten, erfüllt von zehntausenden reizender, geschmackvoller Häuschen und hunderten märchenhaft prächtiger Paläste; dazu den berauschenden Duft aller erdenklichen Blumenarten und den Gesang zahlloser Nachtigallen — dieselben wurden in den ersten Jahren der Gründung des Gemeinwesens aus Europa und Asien importiert, haben sich aber seither unglaublich vermehrt — und fasse all’ das in den Rahmen einer Landschaft, wie sie großartiger und pittoresker kein Teil der Erde aufweist — so kannst Du Dir, wenn Deine Phantasie lebendig ist, eine matte Vorstellung des Entzückens machen, mit welchem mich diese Wunderstadt erfüllte, und je länger ich sie kennen lerne, mehr und mehr erfüllt. Die Straßen und Plätze, durch die wir kamen, waren ziemlich menschenleer, doch versicherte uns David, daß rings um den Edensee allabendlich bis Mitternacht reges Leben flute. Und auch in zahlreichen Häusern, an denen wir vorbeifuhren, herrschte geräuschvolles, heiteres Treiben. Auf breiten, luftigen Terrassen und in den Gärten rings um dieselbensaßen und lustwandelten die Bewohner, zu kleineren oder größeren Gesellschaften vereint; Becherklang, Musik, silberhelles Lachen schlugen an unser Ohr, kurzum, alles deutete darauf hin, daß hier die Abende fröhlichster Geselligkeit geweiht seien.

Nach ungefähr halbstündiger rascher Fahrt langten wir bei der so ziemlich im Centrum der Stadt, nicht weit vom Edensee gelegenen Behausung unserer Gastfreunde an. Die Familie Ney empfing uns in der herzlichsten, liebenswürdigsten Weise, trotzdem aber imponierte die sichere Würde ihres Benehmens selbst meinem stolzen Vater aufs Gründlichste. Insbesondere die Damen des Hauses glichen so sehr verkleideten Prinzessinnen, daß mein Vater sich sofort in den galanten Paladin von unerreichter Ritterlichkeit verwandelte, als welchen Du ihn von den Hoffesten in Rom, London und Wien her kennst. Vater Ney verrät auf den ersten Blick den tiefen, an ernste Arbeit gewöhnten Denker, dem jedoch heitere Sicherheit des Benehmens keineswegs fehlt. Er dürfte, nach seiner sechsundzwanzigjährigen Thätigkeit im Dienste des freiländischen Gemeinwesens zu schließen, mindestens 50 Jahre zählen, seinem Äußeren nach aber würdest Du ihm keine 40 geben. Der jüngere der Söhne, Emanuel, Techniker von Beruf, ist Davids vollkommenes Ebenbild, nur etwas dunkler und kräftiger noch als dieser, der, wie Du wissen wirst, auch gerade kein Schwächling ist. Die Hausfrau, Ellen genannt, eine geborene Amerikanerin, die mir, Dank offenbar den Berichten meines David, sofort mit wahrhaft mütterlichem Wohlwollen begegnete, muß nach dem Alter ihrer Kinder zu schließen, etwa 45 Jahre zählen, macht indessen vermöge ihrer Jugendfrische mehr den Eindruck einer Schwester, als einer Mutter ihrer Kinder. Sie ist von blendender Schönheit, bezaubert aber insbesondere durch die Güte und Geisteshoheit, die ihren Zügen aufgeprägt sind. Als ihre Töchter stellte sie uns drei junge Damen im Alter zwischen 18 und 20 Jahren vor, von denen jedoch nur eine, Bertha genannt, ihr und den Söhnen ähnlich ist. Diese, das verjüngte Ebenbild ihrer Mutter, verwirrte mich geradezu durch den unsäglichen Reiz ihrer Erscheinung, glich aber so wenig den beiden anderen, Leonore und Klementine, daß ich mich einer Bemerkung hierüber vor David nicht enthalten konnte. „Diese zwei sind auch nicht blutsverwandt mit uns, sondern die Ziehtöchter meiner Mutter; was das zu bedeuten hat, erzähle ich Dir später“, lautete die Antwort.

Da wir — wie Du begreiflich finden wirst — von der sechstägigen Eisenbahnreise trotz allen Comforts freiländischer Waggons ziemlich erschöpft waren, baten wir, nach kurzem Geplauder mit unseren herrlichen Wirten, um die Erlaubnis, uns in die uns bestimmten Gemächer zurückziehen zu dürfen. David machte unseren Führer. Nachdem wir von der geräumigen Gartenterrasse aus, auf welcher wir bis dahin geweilt hatten, einen mit einfachem, aber gediegenem Geschmack eingerichtetenGesellschaftsraum und einen stattlichen Speisesaal durchschritten hatten, an welchen sich, wie ich bemerkte, rechts ein großer als Bibliothek dienender Saal und links zwei kleinere Gemächer anschlossen, die, wie mir David auf Befragen mitteilte, seinen Eltern als Arbeitsstuben dienten; betraten wir eine zierliche Vorhalle, von welcher aus eine Treppe in das obere Stockwerk mit den Schlafräumen führte. Hier wies uns unser Führer zwei Schlafzimmer mit gemeinsamem Empfangzimmer an.

Dann ging es an eine kurze Erklärung der mannigfachen, zur Bequemlichkeit der Bewohner dienenden Einrichtungen. „Ein Druck auf diesen Knopf hier, rechter Hand neben dem Thürstock — demonstrierte David — bringt den elekrischen Lustre zum Brennen, ein gleicher dort neben dem Nachttischchen den Wandkandelaber oberhalb des Bettes. Hier das Telephon No. 1 ist ausschließlich dem Verkehr im Hause selbst und mit der benachbarten Wachtstube der „Association für persönliche Dienstleistungen“ bestimmt; bloßes Klingeln — so, in diesem Rhythmus — bedeutet, daß sich Jemand aus der Wachtstube herbemühen möge; alle diese Knöpfe — sie sind durch die eigentümliche Kerbung kenntlich — hier und dort an den Wänden, da am Schreibtische und dort neben den Betten, stehen mit dieser Telephonklingel in Verbindung; Sie brauchen sich also aus dem Lehnstuhl, den Sie jetzt inne haben, nachts oder morgens aus dem Bette, in dem Sie ruhen, gar nicht zu erheben, wenn Sie ein Mitglied dieser allezeit dienstbereiten Gesellschaft zu sich citieren wollen. Jedes Telephon und jedes Läutewerk hat seine Nummer in der Wachtstube sowohl, als an einer Tafel im Vestibul, das wir soeben verlassen haben; längstens zwei Minuten, nachdem Sie geklingelt haben, steht der auf dem Flügelrad herbeigeeilte Abgesandte der Gesellschaft zu Ihren Diensten.“

„Das ist eine wunderbare Einrichtung“, bemerkte ich, „die Euch die Annehmlichkeit eines jeden Winkes gewärtigen Kammerdieners gewährt, ohne daß Ihr den Ärger mit in den Kauf nehmen müßtet, den uns Abendländern unsere Kammerdiener bereiten; nur dürfte dieser Luxus ziemlich kostspielig und deshalb nicht allgemein üblich sein.“

„Die Kosten sind sehr bescheiden, gerade weil hier alle Welt Gebrauch von diesen öffentlichen Dienstleistungen macht“, antwortete mein Freund. „Für je 600 bis 800 Häuser ist je eine derartige Wachtstube mit je drei Wachthabenden errichtet; es wird nun jede geforderte Dienstleistung nach der Zeit bezahlt, richtiger gesagt, angerechnet, und zwar, wie dies nun einmal bei uns üblich ist, nach Maßgabe des von unserer Centralbank am Schlusse jedes Bilanzjahres veröffentlichten Durchschnittswertes der Arbeitsstunde. Im abgelaufenen Jahre, wo der Stundenwert 8 Shilling betrug, mußten wir für je 3 Minuten — denn das ist die Einheit, nach welcher diese Gesellschaft rechnet — 40 Pfennige bezahlen;wer nun häufig klingelt und die Association stark in Atem erhält, auf den entfällt am Jahresschluß ein stärkerer, wer dies seltener thut, ein geringerer Beitrag: für alle Fälle aber muß die Association auf ihre Kosten, d. h. auf ihre Ausgaben kommen und auf den Verdienst für ihre 9 wachthabenden Mitglieder — denn die drei Wächter wechseln morgens, mittags und abends. Diese für je eine Wachtstube erforderliche Summe berechnete sich im Vorjahre mit rund 6000 Pfd. Sterling, und da beispielsweise die Zeitrechnungen der sämtlichen 720 Familien unseres Rayons nicht ganz zwei Dritteile dieser Summe ergeben hatten, so wurden die restlichen 2000 Pfd. Sterling nach Maßgabe des von jeder Familie gemachten Gebrauches nachgetragen. Unsere Familie hat verhältnismäßig geringen Bedarf nach den guten Diensten dieser Wachtstuben; wir zahlten z. B. im Vorjahre alles in allem 6 Pfd. Sterling, nämlich 4 Pfd. Sterling direkte Zeittaxen und 2 Pfd. Sterling nachträglichen Zuschlag, denn wir hatten binnen Jahresfrist bloß zweihundertmal 3 Minuten der fraglichen Dienste bedurft.“

„Warum“ — so fragte mein Vater — „wird in Ihrem Hause verhältnismäßig weniger geklingelt, als anderwärts?“

„Weil unser Haushalt beständig zwei oder drei junge Damen beherbergt, die es sich zur angenehmen Pflicht machen, meinen Eltern all’ jene persönlichen Dienste zu leisten, die sich mit der Würde wohlerzogener, gebildeter Frauenzimmer vertragen. Diese — seit einem Jahre auch von meiner Schwester unterstützten — Mädchen sind junge Freiländerinnen, wie man sie in jeder freiländischen Familie findet, wo die Hausfrau im Rufe besonderer Intelligenz und feiner Sitte steht — Sie entschuldigen, daß ich meine Mutter so ohne weiteres zu diesen Auserwählten zähle. Jedes junge Mädchen Freilands rechnet es sich zur besonderen Ehre und zu großem Vorteile an, in einem solchen Hause mindestens für ein Jahr Aufnahme zu erlangen, weil allgemein die Ansicht besteht, daß nichts den Geist und die Sitte heranwachsender weiblicher Geschöpfe mehr veredle, als möglichst intimer Umgang mit hervorragenden Frauen. Selbstverständlich ist, daß derartige junge Damen durchaus wie Kinder vom Hause angesehen und behandelt werden; aber sie leisten ihren Adoptiveltern auch durchweg die nämlichen Dienste, wie aufmerksame, liebevolle Töchter. Vater und Mutter können einen Wunsch kaum im Gedanken fassen, so ist er schon erraten und erfüllt.“

„Ei, das ist ja ganz das Institut unserer königlichen Ehrenfräulein“, meinte lächelnd mein Vater.

„Allerdings; und ich zweifle sehr, ob Ihr Königspaar so gut, und insbesondere ob es so zärtlich betraut ist, wie mein Elternpaar jederzeit von diesen Ziehtöchtern der Mutter, deren seit 18 Jahren — denn so alt ist diese Einrichtung in Freiland — nicht weniger als 24 durch unser Haus gegangen sind, die aber sämtlich heute noch in durchaus kindlichemVerhältnisse zu meinen Eltern und in geschwisterlichem zu uns stehen. Unsere gegenwärtigen Ziehschwestern Leonore und Klementine haben Sie soeben kennen gelernt.“

„Sie sagten vorhin“, nahm wieder mein Vater das Wort, „daß Ihr gesamtes Haus — also vier Damen und drei Herren — während eines ganzen Jahres bloß zweihundertmal 3 Minuten hindurch die durch diese Klingel citierten dienstbaren Geister in Anspruch genommen hätte; außerdem erwähnten Sie die Dienste der reizenden Ehrenfräulein — wer aber verrichtet jene gröberen Hantierungen, welche binnen 600 Minuten oder zehn Stunden jährlich kaum der Geist aus Aladins Lampe in einem Hause wie dieses hier zu vollbringen vermöchte. Sie haben, wie mir scheint, etwa zehn bis zwölf Wohnräume; das Estrich ist zwar aus Marmor — aber sie müssen doch gefegt werden. Ich sehe überall schwere Teppiche, wer reinigt diese? Mit einem Worte, wer verrichtet die gröbere Arbeit in diesem, wie der oberflächlichste Augenschein zeigt, mit peinlichster Sorgsamkeit instand gehaltenen, komfortabel eingerichteten Hause?“

Die nämliche Association, mit deren Wachtstube ich Sie soeben bekannt gemacht habe; nur brauchen wir nicht zu klingeln, um diese, zum regelmäßigen Bedarfe gehörigen Verrichtungen besorgen zu lassen, vielmehr geschieht dieses auf Grund eines vereinbarten Tarifs, ohne daß man sich fernerhin darum zu kümmern hätte, mit einer Pünktlichkeit, die nichts zu wünschen übrig läßt. Die Association besitzt Haus- und Stubenschlüssel der mit ihr in Akkord stehenden Häuser. Zeitlich morgens, wir schlafen meist noch alle, erscheinen geräuschlos ihre Sendlinge, nehmen die zu reinigenden Kleider — richtiger die zu wechselnden, denn wir Freiländer tragen niemals ein Kleidungsstück an zwei aufeinander folgenden Tagen — von den Orten, wo sie des Abends hinterlegt wurden, thun die gereinigten an die dazu bestimmte Stelle, bereiten die Bäder — denn in den meisten freiländischen Häusern hat jedes Familienglied sein besonderes Bad, das täglich genommen wird, es sei denn, daß man ein See- oder Flußbad vorzöge — reinigen die Vorräume und einen Teil der Stuben, entfernen die Teppiche und sind verschwunden, ohne daß man zumeist auch nur eine Ahnung ihrer Anwesenheit besitzt. Und zu all dem genügen wenige Minuten. Es wird nämlich fast durchweg mit Maschinen gearbeitet. Sehen Sie jenen kleinen Apparat dort hinten im Korridor? Das ist eine Wasserkraftmaschine, in Gang gebracht durch das Öffnen jenes Hahnes dort, der sie mit der großen, von den Keniakaskaden gespeisten Hochdruckleitung in Verbindung setzt. (In anderen Städten, wo Wasserdruck bis zu 35 Atmosphären nicht so leicht zu beschaffen ist, thun elektrische oder atmosphärische Kraftleitungen den nämlichen Dienst.) Hier die stählerne Welle in der mit dem zierlichen Gitter verdeckten Höhlung am Boden, und dort obenam Plafond die broncene, die dem Gestänge zum Aufhängen der Spiegel und Bilder zum Verwechseln ähnlich sieht — es sind alles Transmissionen, welche die Bewegung der Wassermaschine in jeden Raum des ganzen Hauses, von den Kellern angefangen bis zu den Gelassen unter dem Dache, übertragen. Und dort in jener Kammer findet sich eine Anzahl von Maschinen, deren Bedeutung ich Ihnen schwer erklären kann, wenn Sie sie nicht in Funktion sehen. Eine Reihe anderer Geräte führen die 3-4 Leute der Association bei ihren Besuchen mit sich, und wenn diese Maschinen mit dem Gestänge da oben oder da unten in Verbindung gebracht sind und der Hahn des Wassermotors geöffnet wird, so ist solch ein Raum im Handumdrehen gefegt, gewaschen, die schwerste Last an ihren Ort gebracht, kurz alles mit Zauberschnelle geräuschlos verrichtet, was Menschenhände nur langsam und meist mit unangenehmem Gepolter zuwege brächten.

„Einige Zeit später erscheinen die Arbeiter der Association neuerlich, um die noch übrigen Stuben zu reinigen, die früher entfernten Teppiche an ihren Ort zu geben, in Küche und Frühstückszimmer alles zum Frühstück Erforderliche herzurichten. Und so kommen und gehen diese Leute tagsüber mehrmals, so oft es eben vereinbart ist, um nach dem Rechten zu sehen. Alles geschieht unaufgefordert, unhörbar, mit Blitzesschnelle. Unser Haus gehört zu den größeren, unsere Einrichtung zu den besseren in Edenthal; die Association hat also in wenigen Häusern mehr zu thun, als bei uns; trotzdem rechnete sie uns für all’ diese Dienste im Vorjahre nicht mehr als 180 Stunden an, für welche wir nach dem bereits erwähnten Tarife jenes Jahres 72 Pfd. Sterling zu zahlen hatten. Ich bezweifle, daß irgend ein Haus gleich dem unsrigen in Europa oder Amerika um das Doppelte und Dreifache dieses Betrages in gleich gutem Stande erhalten werden könnte. Und dabei haben wir statt mit den leidigen „Domestiken“, mit intelligenten, höflichen, diensteifrigen Geschäftsleuten zu thun, die schon durch die Konkurrenz — denn wir haben in Edenthal sechs solche Associationen — genötigt sind, ihr Äußerstes zur Befriedigung der sie beschäftigenden Familien zu thun. Die Mitglieder dieser Associationen sind Gentleman, mit denen man füglich an der gleichen Tafel Platz nehmen kann, die sie soeben selber hergerichtet, und weder unsere zwei „Ehrenfräulein“, noch meine Schwester, würden den geringsten Anstand nehmen, bei Tische mit anderen Gästen auch Mitgliedern der Association für persönliche Dienstleistungen aufzuwarten.

„Sie werden übrigens die Herren der Association heute noch kennen lernen, denn die unser Haus versorgenden Mitglieder werden sofort eintreffen, um sich mit peinlicher Genauigkeit über jeden Ihrer speziellen Wünsche zu unterrichten. Sie dürfen nicht ungeduldig werden, wennSiedabei einem etwas umständlichen Verhöre unterzogen werden; esgeschieht zu Ihrem Besten und nur dies eine Mal. Haben Sie einmal den keine Kleinigkeit übersehenden Fragen der Association Stand gehalten, so wird es Ihnen, so lange Sie in Freiland sind, gewiß nicht widerfahren, des morgens ein anderes als das gewünschte Kleid an der bezeichneten Stelle, Ihr Bad um einige Grade zu kalt oder zu warm, Ihr Bett nicht in der gewohnten Weise bereitet zu finden, oder was dergleichen kleine Ungehörigkeiten mehr sind, aus deren Vermeidung zu nicht geringem Teile das häusliche Behagen besteht.

„Mit der Association für persönliche Dienstleistungen wären wir fertig. Ich kann also mit der Erklärung unserer häuslichen Einrichtungen fortfahren. Hier dieses andere Telephon hat die auch in Europa gebräuchliche Bestimmung, mit dem Unterschiede allerdings, daß hierzulande Jedermann sein Telephon besitzt. Jene Schraube dort hat den Zweck die Kaltluftleitung zu öffnen, welche künstlich gekühlte und zugleich ein wenig ozonisierte Luft in jeden Raum leitet, falls die Hitze unangenehm werden sollte; da dieses ausnahmsweise — wenn nämlich in den heißen Monaten ein nächtliches Gewitter am Horizonte heraufzieht — auch des Nachts vorzukommen pflegt, so ist die Schraube vorsichtshalber in der Nähe des Bettes angebracht.“

Ich teile Dir all’ diese Details mit, weil ich glaube, daß sie Dich als Beweise dafür interessieren werden, wie wunderbar es diese Freiländer verstanden haben, unsere abendländischen Haussklaven durch ihre „eisernen Sklaven“ zu ersetzen. Bemerken will ich nur noch, daß die „Association für persönliche Dienstleistungen“ selbst meines Vaters weitgehenden Ansprüchen durchaus zu genügen vermochte; er versichert, im Hotel Bristol zu Paris keine bessere Bedienung gefunden zu haben.

Um Dich nicht zu ermüden, erlasse ich Dir die Schilderung des ersten und zweiten Frühstücks am nächsten Tage, und will Dir nur nach der Hauptmahlzeit, die um 6 Uhr genommen wird, den Mund wässern machen.

David gestand mir auf Befragen, daß man uns zu Ehren den sonst gebräuchlichen vier Gängen einen fünften zugelegt habe; aber nicht in der Mannigfaltigkeit, sondern in der Vorzüglichkeit der Gerichte, wie nicht minder in der Abwesenheit nicht zur Gesellschaft gehöriger und deshalb störender Dienerschaft bestand der Reiz des Mahles. Ohne Übertreibung kann ich versichern, selten so vorzügliche Bereitung, niemals zuvor aber so erlesenes Material vereinigt gesehen zu haben. Das Fleisch der auf den würzigen Hochalpen gemästeten jungen Ochsen und zahmen Antilopen hat nirgend anderwärts seines Gleichen; die Gemüse stellen die seltensten Schaustücke einer Pariser Ausstellung in den Schatten; insbesondere aber ist die Pracht und Mannigfaltigkeit seiner Frucht- und Obstsorten der Stolz Freilands. Und nun die mysteriöse Art des Servierens! Ein in der Wand des Speisegemachs angebrachter Schrank entwickelte ausseinem Innern eine scheinbar unerschöpfliche Reihe von Eßwaren. Zunächst entnahm Fräulein Bertha diesem Schrank eine Terrine, welche sie vorsichtig an den elfenbeinenen Henkeln anfassen mußte — als der Deckel gehoben wurde, präsentierte sich eine köstlich dampfende Suppe. Dann gab ein anderes Fach des gleichen Schrankes einen Fisch heraus — derselbe war kalt, als ob er frisch vom Eise gekommen wäre. Nun folgte — wieder aus einem anderen Fache — ein warmes Ragout, diesem ein ditto Braten mit mannigfaltigen Gemüsen und Salat — dann kam Eis mit Backwerk, Obst, Käse. Den Schluß bildete ein schwarzer Kaffee, der aber vor den Augen der Gäste bereitet wurde, nebst erlesenen Cigarren — alles gleich dem Biere und den Weinen freiländisches Gewächs und Fabrikat. Dienerschaft war während der ganzen Mahlzeit nicht sichtbar; die drei reizenden Mädchen holten alles aus dem geheimnisvollen Schranke oder von einem in dessen Nachbarschaft befindlichen Serviertische.

Frau Ney machte jetzt den Cicerone. „Dieser Wandschrank“ — erklärte sie — „ist zur einen Hälfte Eiskeller, d. h. von gekälteter Luft durchströmt, zur anderen Hälfte Herd, d. h. mit elektrischen Heizvorkehrungen ausgestattet; in der Mitte zwischen diesen beiden Extremen befindet sich — durch schlechtleitende Wände von beiden getrennt — eine neutrale Abteilung von gewöhnlicher Zimmertemperatur. Außerdem hat dieser Schrank die Eigenheit, sich nach zwei Seiten zu öffnen, hier herein in den Speisesaal, und hinaus in den Korridor. Während wir nun tafelten, brachte die „Speiseassociation“ in rascher Reihenfolge die bei ihr bestellten Gerichte, teils vollkommen bereitet, teils, wie z. B. den Braten und einige Gemüse, fertig adjustiert, aber noch roh. Die fertigen Speisen wurden vom Korridor aus in die verschiedenen Fächer des Schrankes eingeschoben; Braten und Gemüse kochte ein Mitglied der Association in der rückwärts befindlichen Küche mit gleichfalls elektrischem Herde gar. Das ist übrigens nicht die gewöhnliche Ordnung; wenn wir allein sind, wird in der Regel auch das Geschäft des Garkochens hier am Schranke besorgt und zwar von meinen Töchtern; das nimmt bloß kurze Zeit in Anspruch und Küchendünste sind dabei niemals zu spüren, denn dieser Speiseschrank, der Herd- und Eiskeller zugleich ist, vereinigt damit auch noch die Eigenschaften eines guten Ventilators. Das Reinigen der Geräte ist Sache der Association, die übrigens, wenn es gewünscht wird, auch das Geschäft des Servierens bei Tisch übernimmt.

Der Kaffee wurde im Freien auf einer der Terrassen genommen; dann sangen die Damen zur Harfe und zum Klavier einige Lieder. Inzwischen machte uns Herr Ney mit den Familienverhältnissen der beiden Ziehtöchter seiner Frau bekannt. Die eine derselben — Leonore — ist eines Ackerbauers Kind aus Leikipia, die andere — Klementine —die Tochter eines seiner Departementschefs. Letzteres befremdete uns. „Warum“ — so fragte ich — „verläßt diese zweite Dame das elterliche Haus, das doch auch ein vornehmes, hochgebildetes sein muß?“ Herr Ney erklärte nun, daß die Ziehtöchter nicht sowohl das vornehme gebildete „Haus“, sondern ausschließlich die gebildete, geistreicheFraudes Hauses suchen. Der Mann mag noch so berühmt und gelehrt sein, wenn die Hausfrau ein gewöhnliches Geschöpf ist, betritt niemals eine Ziehtochter ihre Schwelle. Diese Institution hat eben bloß den Zweck, den betreffenden Jungfrauen den Vorteil eines höheren Beispiels, eines veredelnden weiblichen Umganges, nicht aber den Glanz günstiger äußerer Verhältnisse zu gewähren, was, nebenbei bemerkt, angesichts der hier herrschenden Zustände auch keinen rechten Sinn hätte, da im großen Ganzen jede freiländische Familie dem Wesen nach auf gleichem Fuße lebt. Die Mutter Klementinens nun ist eine herzensgute brave Dame, aber schließlich doch nur eine tüchtige Hausfrau; „deshalb bat sie meine Ellen, die“, so fügte er leuchtenden Auges hinzu, „den edelsten Frauen unseres an herrlichen Weibern so reichen Landes zugezählt wird, um die Gunst, sich ihrer Klementine für zwei Jahre anzunehmen.“

Ich muß für heute schließen, denn Müdigkeit überwältigt mich, trotzdem ich Dir noch vielerlei über meine Erfahrungen sowohl innerhalb als außerhalb des Ney’schen Hauses zu erzählen hätte ....

Edenthal, den 18. Juli.

Erst heute komme ich dazu, den vor Wochenfrist unterbrochenen Bericht über unsere hiesigen Erlebnisse wieder aufzunehmen. Begreiflich wirst Du finden, daß wir beide, mein Vater und ich, vor Begierde brannten, die Stadt zu besichtigen, welchen Wunsch erratend, uns Herr Ney schon am Morgen des ersten Tages einlud, unter seiner und seines Sohnes Führung eine Rundfahrt durch Edenthal zu unternehmen. Der Wagen warte schon.

Es war das ein leicht und elegant gebautes Gefährte auf stählernen, denen eines Velocipeds ähnlichen Rädern, mit zwei bequemen, für je zwei Personen ausreichenden Sitzen. Da wir beide Davids zum Einsteigen auffordernde Handbewegung mit betretenen Mienen aufnahmen und keine Anstalt machten, der Einladung Folge zu leisten, bemerkte dieser erst, daß wir die — Pferde vermißten. Er sah sich also bemüßigt, uns zu erklären, daß man hierzulande aus mancherlei Gründen im Wagenverkehr, insbesondere im städtischen, die animalische Zugkraft durch mechanische ersetzt habe. Das sei sicherer, reinlicher und nebenbei auch billiger. Der Lenker dieser Gefährte, einer Art Draisinen, dessen Platz rechts auf dem vorderen Sitze ist und dessen Amt keinerlei Kraftaufwand oder besondere Kunstfertigkeit erfordert, setzt durch einen leichten Druck nach abwärts auf eine zur rechten Hand angebrachte kleine Hebelstange den Wagen in Bewegung, und zwar in desto raschere, je stärker gedrückt wird; ein Druck nach aufwärts verlangsamt den Gang oder bringt das Gefährte zum Stillstand; das Ausweichen oder Umlenken nach rechts oder links wird durch entsprechende Drehbewegungen desselben Hebels hervorgebracht. Die Kraft, welche die Räder in Bewegung setzt, ist weder Dampf noch Elektricität, sondern die Elasticität einer Spiralfeder,die jedoch nicht fix mit dem Wagen verbunden, sondern nach Bedarf einzuschalten oder zu entfernen ist.

„Die oberhalb der vorderen Achse angebrachte, etwa ½ Meter lange und 20 Centimeter tiefe cylindrische Kapsel hier“, so demonstrierte mein Freund — „ist zur Aufnahme der Spiralfeder bestimmt. Vor dem Gebrauche wird die Feder „aufgezogen“, d. h. in Spannung gebracht und zwar in sehr hochgradige, ein Geschäft, welches Dampfmaschinen in den Ateliers der „Association für Transportwesen“ besorgen, und solcherart einen entsprechenden Teil ihrer in Form von Dampfspannung vorhandenen Arbeitsenergie in die Form von Federnspannung umwandeln. Dieses in den Spiralen niedergelegte Quantum lebendiger Kraft genügt, um — durch einen sehr einfachen Mechanismus auf die Achse des Rades übertragen — ein solches Rad zehntausend Umdrehungen machen zu lassen, auch wenn der Wagen ziemlich schwer beladen ist, und da der Radumfang 2 Meter beträgt, so reicht der Kraftvorrat der Spirale zur Durchmessung eines Weges von 20 Kilometern hin. Die Schnelligkeit der Fortbewegung hängt einerseits von der Belastung des Wagens, anderseits von der mehr oder minder vollständigen Auslösung der Hemmvorrichtung — reguliert durch den Druck des oben erwähnten Hebels — ab; das zu erreichende Maximum bei mäßiger Belastung und gutem Wege beträgt bei diesen gewöhnlichen Draisinen 2½ Radumdrehungen, d. i. eine Fortbewegung um 5 Meter in der Sekunde oder 18 Kilometer in der Stunde: doch besitzen wir auch sogenannte Rennwagen, mit denen nahezu die doppelte Geschwindigkeit erreicht werden kann. Die Kraft der Spirale ist erschöpft, sowie das Rad seine 10000 Umdrehungen gemacht hat, was auch bei langsamerem Fahren binnen 1¼-1½ Stunden eintritt; es muß daher bei länger dauernden oder rascheren Fahrten für angemessene Reserven gesorgt werden, was in mannigfaltiger Weise geschieht. Zunächst kann man eine oder mehrere aufgezogene Spiralen — denn wenn die Hemmung geschlossen bleibt, bewahren dieselben Monate und Jahre lang ihre Spannung — für welche hinten im Wagen eigene Reservebehälter angebracht sind, auf die Fahrt mitnehmen. Da jedoch jede Spirale mindestens 35 Kilogramm wiegt, so hat auch diese Art Kraftverlängerung ihre Grenzen; außerdem ist das Auswechseln der Spiralen immerhin keine angenehme Arbeit; man zieht daher in der Regel die zweite Methode der Kraftverlängerung vor, die darin besteht, daß man nach Verlauf einer gewissen Zeit bei einer der zahlreichen, auch anderen Zwecken dienenden Stationshäuschen der Transportassociation, die sich auf allen belebteren Straßen finden und durch weithin sichtbare Flaggen kenntlich sind, Halt macht und die Spirale wechseln läßt. Jede Station besitzt jederzeit einen genügenden Vorrat gespannter Spiralen und so kann man jede beliebige Zeit hindurch umherkutschieren, ohne stecken zu bleiben, zumal wenn man dieVorsicht gebraucht, für den Fall des Übersehens einer notwendig gewordenen Auswechslung eine Reservespirale mit sich zu führen. Solche Auswechslungsstationen aber giebt es nicht bloß in und um Edenthal, sondern in und um alle Städte Freilands und außerdem auf allen belebteren Landstraßen, und da die unterschiedlichen Associationen des gleichen Geschäftszweiges im ganzen Lande so klug waren, überall Spiralen von genau den gleichen Maßen einzuführen, so kann man das ganze Land bereisen und mit einiger Bestimmtheit darauf rechnen, überall entsprechende Relais zu finden. Will man jedoch völlig sicher gehen, so kann man sich durch seine Association die Relaisspiralen für eine vorher angegebene Route eigens bestellen, in welch letzterem Falle auch nichts hindert, die großen Straßen zu verlassen und minder frequentierte Nebenwege einzuschlagen, sofern dieselben nur nicht allzuschlecht und steil sind, was aber angesichts der hohen Vollendung des freiländischen Straßennetzes nur bei ganz entlegenen Gebirgswegen zu besorgen ist. Unsere Familie hat solcherart vor zwei Jahren das ganze Aberdare- und Baringo-Gebiet bereist, dabei 1700 Kilometer zurückgelegt und zu der ganzen Reise in aller Bequemlichkeit bloß 14 Tage gebraucht.“

Wir entschlossen uns endlich kopfschüttelnd, den automatischen Wagen zu besteigen. Mein Vater mit Herrn Ney nahm den ersten, ich mit David den zweiten Sitz ein; ein Druck Ney’s auf den Leithebel, und geräuschlos setzte sich die Maschine in Bewegung, unserem ersten Ziele, dem Edensee zu. Dessen Ufer sind mit Ausnahme der Nordwestseite, wo in einer Ausdehnung von 5 Kilometern die Quais für den Waarenverkehr sich erstrecken, sämtlich von vierfachen Palmenreihen umsäumt und bestehen teils aus breiten, bis zum Wasserspiegel hinabreichenden Marmorstufen, teils aus in den See vorspringenden Molen, bedeckt von säulengetragenen Wandelbahnen. An letzteren landen die zahlreichen, den See nach allen Richtungen durchfurchenden Passagierdampfer, die jedoch, um die balsamische Luft nicht zu verderben, mit vollkommen funktionierenden Rauchverzehrern versehen sein müssen. Auch das mißtönige Pfeifen der Dampfventile ist in Edenthal verpönt. Denn der Edensee ist nur nebenbei Verkehrsstraße; seine hauptsächliche Bestimmung ist die eines gewaltigen Zier- und Lustteiches. Ein großer Teil der Ufer wird von den luxuriös ausgestatteten Badeanstalten eingenommen, die weit in den See hineinreichen und zu jeder Tageszeit von tausenden Badender benützt werden. Neben diesen, zumeist von schattigen Lusthainen umgebenen Bädern haben sich auch die sämtlichen Theater-, Opern- und Konzerthäuser Edenthals, im Ganzen 16 an der Zahl, angesiedelt, die wir jedoch einstweilen nur von außen in Augenschein nahmen. Unsere Gastfreunde machten uns darauf aufmerksam, daß der Edensee seine Hauptreize erst bei Monden- oder Elektrodenschein entfalte, und daher an einem der nächsten Abende von uns aufgesucht werden solle.

Wir wendeten den Wagen und bogen in eine der Radialstraßen, die vom See zu den halbkreisförmig das Edenthal umgrenzenden Höhen führen. Hier leuchtete uns sofort, wenn auch noch reichlich 3 Kilometer entfernt, ein Riesenbau entgegen, der selbst den dieses Anblicks Gewohnten stets aufs neue mit staunender Bewunderung erfüllen muß, uns Fremden aber geradezu die Sinne verwirrte. Er ist ebenso unerreicht an Größe, wie unvergleichlich an Ebenmaß und harmonischer Vollendung all seiner Bestandteile. Er macht gleichzeitig den Eindruck des überwältigend Majestätischen und des märchenhaft Lieblichen. Dieses, vor 5 Jahren vollendete Wunderwerk ist der Volkspalast von Freiland, der Sitz der zwölf obersten Verwaltungsbehörden und der zwölf Vertretungskörper. Er ist durchwegs aus weißem und gelbem Marmor gebaut, übertrifft an Flächenausdehnung den Vatikan, seine luftigen Kuppeln sind höher als der Petersdom; daß er mit einem Kostenaufwande von 9½ Millionen Pfd. Sterling hergestellt werden konnte, erklärt sich bloß dadurch, daß alle Baugewerke wie nicht minder die hervorragendsten Künstler des Landes sich dazu drängten, bei dem Baue irgendwie verwendet zu werden. Und — so belehrte mich David — das geschah nicht etwa aus patriotischer, sondern aus rein künstlerischer Begeisterung. Freiland ist reich genug, um sein Volkshaus wie hoch immer zu bezahlen; um den Bau billiger zu gestalten, hätte sich also Niemand in Aufregung versetzt; aber die aus dem Entwurfe hervorleuchtende eigenartige, überwältigende Schönheit des Werkes hatte es allen Künstlern angethan. Er erinnere sich noch der fieberhaften Erregung, mit der schon die Mitglieder jener Prüfungskommission, welche über die vorgelegten Bauentwürfe zu entscheiden hatte, allenthalben erzählten, es sei ein Plan eingelaufen, von einem bis dahin unbekannten jungen Architekten, der Unsagbares biete; eine neue Ära der Baukunst sei angebrochen, ein neuer Baustil erfunden, der an Adel der Form die besten griechischen, an Großartigkeit die gewaltigsten ägyptischen Denkmale erreiche. Und diese Begeisterung teilte sich allen mit, die den Entwurf sahen; die Konkurrenten — es waren deren nicht weniger als 84, denn in Edenthal wurde damals schon viel und schön gebaut — zogen ausnahmslos ihre Entwürfe zurück, und huldigten freiwillig dem neuaufgegangenen Stern am Kunsthimmel.

Wir waren sobald nicht dazu zu bewegen, uns der Besichtigung anderer Bauwerke zuzuwenden. Endlich, nachdem wir dreimal die Runde um den Volkspalast gemacht, willigten wir ein, demselben den Rücken zu kehren. Mit der Aufzählung der zahllosen Prachtbauten, an denen wir flüchtig vorbeirollten, will ich Dich verschonen; nur soviel lasse Dir sagen, daß die Mannigfaltigkeit und Großartigkeit der den unterschiedlichen wissenschaftlichen und künstlerischen Zwecken dienenden öffentlichen Anstalten auf mich durchaus verblüffend wirkte. Die Akademien, Museen,Laboratorien, Versuchsanstalten u. dergl. wollten gar kein Ende nehmen und allen sah man es auf den ersten Blick an, daß sie mit verschwenderischer Munifizenz ausgestattet seien.

Nachdem wir schon an zahllosen öffentlichen Gebäuden vorbeigefahren waren, deren Bestimmung mir zum Teil nur schwer begreiflich gemacht werden konnte, da unser „civilisiertes“ Europa nichts ihnen Ähnliches besitzt — ich nenne Dir beispielsweise bloß das Institut für „animalische Zuchtversuche“, welches den Zweck hat, durch Experiment und Beobachtung festzustellen, welchen Einfluß Erblichkeit, Lebensweise, Nahrung auf die Entwickelung des menschlichen Organismus äußern — fiel es mir auf, daß wir noch an keinem Spital vorbeigekommen. Da ich nun begierig war zu sehen, wie die weltberühmte freiländische Humanität, die seit Jahren mindestens die Hälfte aller Spitäler der Welt mit reichen Mitteln ausstattet, daheim im eigenen Lande sich der armen Kranken annehme, bat ich David, uns doch in ein solches zu führen. „Ich kann Dir ebensowenig ein Spital, als einen Kerker oder eine Kaserne in Edenthal zeigen, aus dem sehr einfachen Grunde, weil wir deren in ganz Freiland keines besitzen“, war dessen Antwort.

„„Den Mangel von Kerker und Kaserne lasse ich gelten; man weiß ja, daß Ihr Freiländer Euch ohne Kriminal- und Militärwesen behelft; aber — so meinte ich — Krankheiten muß es doch auch hier geben, diese haben doch mit Euren socialen Einrichtungen nichts zu thun!““

„Letzteres kann ich zwar nicht so unbedingt zugeben“, mengte sich hier Herr Ney ins Gespräch; „auch die Krankheiten haben unter dem Einflusse unserer socialen Institutionen abgenommen; aber verschwunden sind sie allerdings nicht; wir haben Kranke auch in Freiland — aber keinearmenKranken, weil wir eben keine Armen haben, weder kranke, noch gesunde. Wir besitzen daher auch nicht jene Sammelstellen des Massensiechtums, die man da draußen mit dem Namen „Spital“ bezeichnet. Anstalten, in denen sich Kranke unter besonderer Aufsicht gegen gute Bezahlung verpflegen lassen können, haben wir allerdings und sie werden insbesondere in Fällen schwierigerer chirurgischer Operationen häufig aufgesucht; aber das sind Privatanstalten und sie gleichen in ihrer Einrichtung wie in ihrem Gebaren durchwegs Ihren feinsten Sanatorien für „distinguierte Patienten“.“

Wir waren inzwischen des Fahrens müde geworden, was nach nahezu vierstündiger Rundfahrt trotz des sanften Ganges und der bequemen Einrichtung der Wagen erklärlich erscheint. Neys machten daher den Vorschlag, den automatischen Wagen heimzuschicken und den Rückweg zu Fuße anzutreten, was von uns gern angenommen wurde. Wir hielten vor einem der Stationshäuschen der Transportassociation, ließen dort das Gefährte zurück und durchschritten die schattigen Alleen, von denen jede Edenthaler Straße eingesäumt ist. Jetzt hatten wir Muße, die zierlichenPrivathäuser näher zu betrachten, die zwar alle den eigentümlichen, halb an den maurischen, halb an den griechischen erinnernden Edenthaler Baustil zeigen, im übrigen aber weder an Größe noch an Ausstattung gleich sind. Den vornehmsten Reiz dieser Villen bilden deren wunderliebliche Gärten mit ihren erlesenen Bäumen, ihrer unglaublichen Blumenpracht, den weißen Marmorstatuen, Fontänen und den mannigfaltigen zahmen Tieren — insbesondere Äffchen, Papageien, Prachtfinken und allerlei Singvögeln — die sich in ihnen neben jauchzenden Kindern tummeln. Des weiteren überraschte uns die außerordentliche Reinlichkeit der Straßen, als deren Hauptgrund uns angegeben wurde, daß seit Erfindung der automatischen Wagen keinerlei Zugtiere in den Straßen freiländischer Städte Staub aufwühlen und Unrat hinterlassen.

„Giebt es also keinerlei Pferde hier?“ fragte ich, worauf mir die Erklärung ward, daß deren allerdings und zwar in bedeutender Anzahl und von edelster Zucht vorhanden seien; dieselben würden jedoch nur außerhalb des eigentlichen Weichbildes der Stadt zu Promenaderitten durch die benachbarten Wiesen, Haine und Wälder benützt. „Das muß aber hierzulande ein sehr teurer Luxus sein“, meinte ich. „Das Pferd selber und was es frißt, mag billig sein; aber da Menschenkraft in Freiland das teuerste von allen Dingen ist, so kann ich nicht begreifen, wie ein freiländischer Haushalt die Kosten eines Pferdewärters zu erschwingen vermag. Oder erhält diese Klasse Bediensteter hierzulande ausnahmsweise geringeren Lohn?“

„Letzteres wäre bei uns wohl kaum möglich“, — antwortete lächelnd Herr Ney — „denn wer würde dann in Freiland Pferdewärter sein wollen? Wir müssen auch dem Stallpersonal denselben Durchschnittsverdienst gewähren, wie anderen Arbeitern, und wenn ich für die sieben Reitpferde, die ich zum Gebrauche meiner Familie in den Ställen der Transport-Association halte, ein Wartepersonal nach abendländischem Zuschnitt bezahlen wollte, so würden die Kosten mein gesamtes Einkommen überschreiten. Aber das Rätsel löst sich sehr einfach dadurch, daß auch die Arbeit im Pferdestall mit Hülfe von Maschinen verrichtet wird, derart, daß durchschnittlich ein Mann für je 50 Tiere vollkommen genügt. Sie schütteln ungläubig den Kopf? Wenn Sie gesehen haben werden, binnen wie wenigen Minuten unsere durch mechanische Kraft in Rotation versetzten riesigen cylinderförmigen Bürsten ein Pferd spiegelblank putzen; binnen welch kurzer Zeit unsere Kehrmaschinen und Wasserleitungen den größten Stall von Mist und jeglicher Unreinlichkeit säubern; wie das Futter den Tieren automatisch zugeteilt wird: so dürfte Ihnen nicht bloß das, sondern ebenso die Thatsache einleuchten, daß in Freiland auch die „Stallknechte“ gebildete Gentlemen sind, Geschäftsleute so ehrenwert und geachtet, wie alle anderen“.

Unter solchen Gesprächen waren wir daheim angelangt, wo ein ausgiebiger Imbiß genommen ward und einige Geschäfte Erledigungfanden. Nach dem bereits letzthin geschilderten Diner fuhren wir mit unseren Gastfreunden abermals zum Edensee und besuchten zunächst die große Oper, wo an diesem Tage das Werk eines freiländischen Kompositeurs gegeben wurde. Dasselbe war uns nicht neu, da es eines jener zahlreichen freiländischen Tonwerke ist, die auch im Auslande großen Anklang finden und häufig aufgeführt werden. Dagegen überraschte uns die eigenartige — allen freiländischen Theatern gemeinsame — Anordnung des Zuschauerraums. Die Sitzreihen bauen sich amphitheatralisch bis zu bedeutender Höhe auf; das Dach ruht auf Säulen, durch welche die äußere Luft frei hereinstreichen kann. Bis zu 10000 Personen finden solcherart in den größeren dieser Theater bequem Platz, ohne daß jemals Hitze oder verdorbene Luft sich in denselben ansammeln könnte.

Die Darstellung war eine vorzügliche, die Ausstattung in jeder Beziehung glänzend; trotzdem waren die Preise der — durch keinerlei Rangordnung unterschiedenen — Plätze nach abendländischen Begriffen lächerlich mäßig. Der Sitz kostete einen halben Schilling — doch wohlverstanden bloß hier, in der großen Oper; die anderen Theater sind alle noch wesentlich wohlfeiler. Unternehmer sind überall die städtischen Kommunen, als deren Angestellte die ausübenden Künstler sowohl als das Regiepersonal fungieren; als ökonomischer Grundsatz gilt dabei allgemein, daß die Kosten des Baues und Unterhalts der Gebäude vom allgemeinen Kommunalbudget zu tragen seien, und daß die Eintrittspreise bloß die Gehalte und Tantiemen des angestellten Personals und die Ausstattung zu decken haben.

Von David erfuhr ich, daß Edenthal außer der großen Oper noch eine Spieloper und vier Schauspielhäuser besitze, ferner drei Konzerthäuser, in denen allabendlich Orchester-, Kammermusik und Chöre sich hören ließen. Als freiländische Specialität aber nannte er mir fünf verschiedene „Lehrtheater“, in denen astronomische, archäologische, geologische, paläontologische, physikalische, geschichtliche, geographische, naturgeschichtliche, kurz alle erdenklichen wissenschaftlichen Vorträge mit dem umfassendsten Aufwande plastischer Darstellungskunst den Hörern vorgeführt werden. Die Vorträge sind von den geistreichsten Gelehrten verfaßt, von den gewandtesten Rednern vorgetragen, von den tüchtigsten Ingenieuren und Dekorateuren in Scene gesetzt. Diese Art Theater seien die besuchtesten; in der Regel genügen die vorhandenen Plätze nicht, so daß die Kommune kürzlich zwei neue derartige Darstellungshäuser bauen ließ, die binnen wenigen Monaten eröffnet werden dürften. Die Großartigkeit dieser Vorführungen, die ich an den nächsten Abenden kennen lernte, ist in der That staunenerregend und wenn auch die Jugend bei den meisten derselben den größeren Teil des Auditoriums stellt, so werden dieselben doch von Erwachsenen sehr fleißig besucht.

Nach dem Theater mieteten Neys am Ufer eine der zahllosen dort von einer Association bereit gehaltenen Gondeln mit mechanischer Triebkraft (von elastischen Federn getriebene Propellerschrauben) und wir steuerten in den See hinaus. Derselbe war von gewaltigen, rings am Ufer in beträchtlicher Höhe angebrachten elektrischen Reflektoren taghell erleuchtet und es stand uns heute ein ganz besonderer Genuß bevor, denn Walter, der berühmteste Liederkomponist Freilands, ließ an diesem Abend eine neue Kantate durch die Mitglieder des Edenthaler Choralvereins zur ersten Aufführung bringen. Dieser Verein, welcher zu seinen allwöchentlichen Vorträgen in der Regel den Edensee als Schauplatz wählt, verfügt zu solchen Zwecken über mehrere der großartigsten Prachtbarken, deren bisweilen geradezu märchenhafte Ausstattung durch freiwillige Beiträge seiner zahlreichen Mitglieder und Verehrer gedeckt wird.

War es die Wirkung der ganz eigenartigen Scenerie, war es die Schönheit des Tonstückes an sich — der Effekt, den die Kantate auf mich machte, war ein überwältigender. Als wir uns auf den Heimweg machten, gestand ich David, daß mir niemals zuvor die gleichsam transcendentale Gewalt der Töne so deutlich geworden, wie während dieser Vorstellung am See; ich hatte durchaus den Eindruck, als ob der Weltgeist in diesen Klängen zu meiner Seele spräche und als ob diese auch ganz genau seine Sprache verstünde und nur unvermögend sei, dieselbe in gewöhnliches Italienisch oder Englisch zu übersetzen. Zugleich aber äußerte ich mein Erstaunen darüber, daß ein so junges Gemeinwesen, wie das freiländische, in allen Kunstarten Anerkennenswertes, in zweien aber, in Architektur und Tonkunst, den besten Vorbildern aller Zeiten Ebenbürtiges leiste.

Frau Ney gab hierüber ihre Meinung dahin ab, daß dies die schlechthin notwendige Konsequenz der Gesamtrichtung des freiländischen Geistes sei. Wo fröhlicher Lebensgenuß mit ruhiger Muße sich paarten, dort müßten die Künste gedeihen, die ja in Wahrheit nichts anderes seien, als Produkte des Reichtums und edler Muße. Und daß gerade Architektur und Musik den Anfang der Kunstblüte machten, lasse sich ganz ungezwungen erklären. Erstere mußte durch die, dem neuartigen großartigen Gemeinwesen entsprungenen Bedürfnisse in erster Reihe mächtig angeregt werden; auch der Einfluß der gewaltigen und doch lieblichen Natur des Landes sei hier unverkennbar. Die Musik dagegen sei die unmittelbarste aller Kunstformen, diejenige, deren sich der Genius der Menschheit stets in erster Reihe bediene, wenn eine neue Ära künstlerischen Schaffens durch neue Arten des Fühlens und Denkens eingeleitet worden sei.

„Bei dem so überaus regen Sinne Ihres Volkes für das Schöne“ — so wandte sich mein Vater an Frau Ney — „nimmt es mich nurWunder, daß zum Schmucke der schönsten Zierde Freilands, seiner königlich gearteten Frauen nämlich, so wenig aufgewendet wird. Zwar die Tracht ist kleidsam, und nirgend bisher habe ich noch so erlesenen Geschmack in der Wahl der geeignetsten Formen und Farben getroffen; aber eigentliches Geschmeide sieht man nicht. Hie und da Goldreifen im Haar, da und dort goldene oder silberne Spangen an den Kleidern, das ist alles; Edelsteine und Perlen scheinen bei den hiesigen Damen verpönt zu sein. Woran liegt das?“

„Der Grund liegt darin“ — so antwortete Frau Ney — „daß uns Freiländern jene ausschließliche Triebfeder fehlt, die den anderen Völkern die Geschmeide eigentlich begehrenswert macht. Eitelkeit ist auch hierzulande heimisch, unter Männern sowohl als Frauen; aber sie findet in der Schaustellung von sogenannten „Kostbarkeiten“, deren alleiniger Vorzug vor ähnlichen Dingen lediglich darin besteht, daß sie teuer sind, kein Genüge. Glauben Sie wirklich, daß es dieSchönheitder Diamanten ist, was gar manche unserer bedauernswerten Schwestern da draußen Glück und Ehre in die Schanze schlagen läßt, um in den Besitz solch glitzernder Steinchen zu gelangen? Warum stieße dann dasselbe Weib, welches sich um echter Steine willen verkaufte, unechte, die es in Wahrheit von jenen gar nicht zu unterscheiden vermag, achtlos beiseite? Und zweifeln Sie daran, daß auch der echte Diamant sofort zum unbeachteten Kiesel würde, den keine „Dame von Geschmack“ fernerhin eines Blickes würdigte, sowie dieser Stein aus irgend einem Grunde seinen hohen Preis verlöre? Die Geschmeide gefallen also nicht, weil sie schön, sondern weil sie kostbar sind. Sie schmeicheln der Eitelkeit nicht durch ihren Glanz, sondern durch das Bewußtsein, welches sie in ihrem Eigner erwecken, in diesen unscheinbaren Dingerchen den Extrakt so und so vieler Menschenleben zu besitzen. „„Seht her, hier an meinem Halse trage ich einen Talisman, um den Hunderte von Knechten Jahre lang ihr bestes Mark vergeuden mußten und dessen Gewalt auch Euch, die Ihr die netten Dingerchen ehrfurchtsvoll anstaunt, mir als Sklaven zu Füßen legen, allen meinen Launen dienstbar machen könnte! Seht her, ich bin mehr als Ihr, ich bin die Herrin, die auf nichtigen Tand vergeuden kann, wonach Ihr vergeblich giert um Euren Hunger zu stillen!““ Das etwa ist’s, was das Diamantenkollier aller Welt verkündet, unddarumhat seine Besitzerin vielleicht sich und andere verraten, elend gemacht, um es als ihr Eigen um den Nacken schlingen zu können. Denn beachten Sie wohl, das Geschmeide schmückt nur, wenn es Eigentum des Trägers ist; entliehenes Geschmeide zu tragen ist ignobel, gilt als unanständig, und mit Recht, denn entliehenes Geschmeide lügt, es ist eine Krone, die ihrem Träger den Schein einer Macht verleihen soll, die er in Wahrheit nicht besitzt.

„Die Macht nun, deren legitimen Anspruch das Geschmeide zur Schau tragen soll, die Macht über fremdes Leben und fremde Leiber existiert in Freiland nicht. Zwar wer einen Diamanten von beispielsweise 600 Pfund Wert besäße, der hätte damit auch hierzulande das Verfügungsrecht über einjährigen Ertrag menschlicher Arbeit; aber wer ihn deshalb erwürbe und zur Schau trüge, würde sich damit — angesichts unserer Institutionen — doch nur lächerlich machen; dennseine eigene Arbeitwäre es, deren Ertrag er solcherart festlegte, gleich gegen gleich müßte er mit Jedem, dessen Arbeit er sich um den Stein dienstbar machen wollte, tauschen und statt ehrfurchtsvollen Staunens könnte er bloß bedauerndes Mitleid erwecken, Mitleid darüber, daß er sich bessere Genüsse versagt, oder nutzlose Anstrengungen auferlegt, um den albernen Kiesel zu erwerben. Es wäre das gleichsam, als ob der Besitzer des Diamanten aller Welt verkünden wollte; „„Seht her, während Ihr genosset oder ruhtet, habe ich gedarbt und gearbeitet, um den Tand zu gewinnen““! Nicht der Mächtigere, der Thörichtere wäre er in Jedermanns Augen — der Stein, dessen fascinierende Kraft an die Vorstellung geknüpft ist, daß sein Besitzer zu den Herren der Erde gehöre, die über fremde Arbeit verfügen unddeshalbsich den Scherz erlauben dürfen, das Produkt so großen Schweißes in nutzlosen Sächelchen anzulegen — der Stein kann für ihn keinen Reiz mehr haben. Wer ihn in Freiland kauft, der gliche Jenem, der sein Leben an den Besitz einer Krone setzt, die aufgehört hat, das Symbol der Herrschaft zu sein.“

„Sie sprechen also dem Geschmeide alle wirklich schmückende Kraft ab? Sie leugnen, daß Perlen oder Diamanten geeignet sind, die Reize eines schönen Körpers noch wesentlich hervorzuheben?“ entgegnete mein Vater.

„Das thue ich allerdings“, war die Antwort. „Nicht daß ich die dekorative Wirkung an sich überall bestreiten wollte; nur leugne ich, daß sich nicht genau der nämliche, ja in der Regel ein weit besserer Effekt durch andere Mittel auch erreichen läßt. Im allgemeinen aber schmückt der, seiner ganzen Beschaffenheit nach gar nicht zum menschlichen Körper passende Tand durchaus nicht, entstellt vielmehr in neunundneunzig unter hundert Fällen den stolzen Besitzer. Daß ein diamantengeschmücktes Weib Euch Herren da draußen besser gefällt, als ein blumengeschmücktes, hat genau den nämlichen Grund, aus welchem Euch — Ihr mögt noch so starre Republikaner sein — eine Königin schöner erscheinen wird, als ihre vor dem Richterstuhle unbefangener Ästhetik vielleicht schöneren Rivalinnen. Ein gewisses Etwas, ein eigentümlicher Zauber umschwebt sie — der Zauber — Sie entschuldigen das harte Wort — des Knechtsinnes; dieser, nicht Euer ästhetisches Urteil ist es, was Euch weismacht, das Diadem verleihe höheren Reiz, als der Kranzvon Rosen; lasset die Rose zum Symbol der Herrschaft werden, dessen sich nur Königinnen bedienen dürfen, und Ihr werdet jetzt ohne Zweifel finden, daß die Rosen es sind, die wahre Majestät zur Geltung bringen.“

„Eitel sind wir Freiländerinnen deshalb doch. Wir wollen nicht bloß schön sein, sondern auch schön erscheinen und die Männer bestärken uns nach Kräften in diesem Bestreben; nur bitte ich wohl im Auge zu behalten: wir wollen nicht prunken, sondern gefallen. Deshalb sind Kleid und Zierat einer Freiländerin nie Selbstzweck, sondern Mittel zum Zwecke. Eine richtige Modedame in Europa entstellt sich oft in der greulichsten Weise, weil es ihr weniger auf den Effekt ihrer Person, als auf den ihrer Kleider, ihres Putzes ankommt; sie wählt nicht das Gewand, welches ihre persönlichen Reize am günstigsten hervorhebt, sondern das kostbarste, welches ihre Mittel ihr gestatten. Wir halten es anders; schon unsere eigenen ästhetischen Anschauungen bewahren uns vor der Thorheit, einem Kleiderkünstler zu Liebe andere Gewänder anzulegen, als jene, von welchen wir vermuten oder wissen, daß sie unsere Gestalt am vorteilhaftesten zur Geltung bringen. Außerdem aber steht uns diesbezüglich jederzeit der Rat künstlerisch gebildeter Männer zur Seite. Kein hervorragender Maler verschmäht es, jungen Damen Aufschluß über die passendste Wahl ihrer Toilette zu gewähren, ja es werden besondere Vorträge über diesen wichtigen Punkt gehalten. Natürlich kann es eine strenge Mode bei uns nicht geben, da Zusammenstellung, Faltenwurf und Farbe der Kleidung durchweg der Individualität der Trägerin angepaßt sind; daß Hagere und Wohlbeleibte, Große und Kleine, Blonde und Brünette, Imposante und Niedliche, sich nach der gleichen Schablone tragen sollten, gälte hier zu Lande als Gipfel der Abgeschmacktheit. Ebenso lächerlich aber fände es eine Freiländerin, die gefallen will, mutete man ihr zu, ein Kleid, eine Haartracht, die sie als für sich passend einmal erprobt, zu wechseln, bloß aus dem Grunde, weil man sie in dieser Tracht schon zu oft gesehen. Wir begreifen es nicht, daß man, um zu gefallen, am besten thue, sich möglichst mannigfaltig zu entstellen; insbesondere aber halten wir, darin abermals unterstützt von unseren Männern, zähe fest an dem Glauben, daß die menschliche Gestalt durch das Kleid zwar bedeckt und verhüllt, aber nicht verzerrt werden dürfe.“


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