16. Kapitel.

Wir erklärten galant, diese Toiletteprinzipien durchaus zu billigen. Die Wahrheit ist, daß der an die Excentricitäten abendländischer Moden gewohnte Fremde in Freiland angelangt, die nach künstlerischen Grundsätzen zusammengestellte hiesige Frauentracht anfangs etwas zu einfach, dann aber die Rückkehr zu den abendländischen Zerrbildern schlechterdings unerträglich findet. Du wirst Dich erinnern, daß David uns in Rom versicherte, die europäischen Moden machten ihmgenau den nämlichen Eindruck, wie die der afrikanischen Wilden; nach kaum einwöchentlichem Aufenthalte hier beginne ich diese Auffassung zu teilen.

Doch ich sehe, daß ich abermals schließen muß, ohne meinen Bericht erschöpft zu haben. Mit dem Versprechen, das Versäumte nachzuholen

Dein ..........

Edenthal, den 28. Juli.

Ich konnte mein Versprechen, Dir bald zu schreiben, nicht halten, weil die vergangene Woche einer Reihe kürzerer oder längerer Ausflüge gewidmet war, die ich mit David teils zu Pferde oder mittels automatischer Draisinen in die unmittelbare Umgebung Edenthals und der benachbarten Danastadt, teils mit der Eisenbahn bis an die Ufer des Ukerewe unternahm. Ich lernte solcherart eine ziemliche Anzahl freiländischer Städte und ebenso mehrere zerstreute Industrie- und Ackerbaukolonien kennen. Ich sah die lieblichen, in schattigen Wäldern eingebetteten Orte des Aberdaregebirges mit ihrer gewaltigen Metallindustrie; Naiwaschacity, das Emporium der Lederindustrieen und des Fleischexports, dessen Villenreihen den ganzen Naiwaschasee in einer Längenausdehnung von 64 Kilometern umrahmen; die Ansiedelungen in den Bergen nördlich vom Baringosee mit ihren zahllosen Herden edler Pferde, Rinder, Schweine, Schafe, zahmer Elefanten, Büffel, Zebras, mit ihren Gold- und Silberbergwerken, und Ripon, das Centrum der Mühlenindustrie und des Ukerwehandels. In allen Städten fand ich dem Wesen nach die nämlichen Einrichtungen wie in Edenthal; elektrische Eisenbahnen in den Hauptstraßen, elektrische Beleuchtung und Beheizung, Bibliotheken, Theater u. s. w. Was mich jedoch zumeist überraschte, war, daß auch die ländlichen Ansiedelungen mit sehr geringen Ausnahmen eines hochentwickelten städtischen Comforts nicht entbehrten. Elektrische Bahnen zogen auch an ihnen vorüber und setzten sie mit den Hauptverkehrslinien in Verbindung; wo nur 5-6 Villen — denn der Villenstil herrscht ausnahmslos durch ganz Freiland — nebeneinander standen, fanden sich elektrische Beleuchtung und Beheizung; Telegraph und Telephon fehlten selbst dem entlegenstenGebirgsthale nicht, ebenso keinem Hause das Bad; und wo einige hundert Villen in nicht gar zu großer Entfernung zerstreut lagen, war sicherlich ein Theater für sie gebaut, in welchem abwechselnd Schauspiele, Concerte, Vorträge abgehalten wurden. An Schulen gab es allenthalben Überfluß, und wo irgend ein Ansiedler sich allzu einsam angebaut hatte, als daß die Kinder eine in der Nähe gelegene Schule hätten besuchen können, dort waren diese bei befreundeten Familien untergebracht, denn der Jugendunterricht darf in Freiland unter keinen Umständen leiden.

Daß ich die Gelegenheit nicht versäumte, mir das freiländische Volk an seiner Arbeit — auf dem Felde und in der Fabrik — zu betrachten, ist selbstverständlich. Hier wurde mir die Größe Freilands erst offenbar. Ungeheuer, überwältigend war, was ich allenthalben sah. Von der Großartigkeit der maschinellen Einrichtungen, von der unermeßlichen Kraftfülle, welche die gebändigten Elemente hier dem Menschen zur Verfügung stellen, kann sich der Abendländer ebensowenig eine Vorstellung machen, als von dem raffinierten, ich möchte fast sagen aristokratischen Komfort, mit welchem die Arbeit überall umgeben ist. Keine schmutzige, aufreibende Handlangung verrichtet der Mensch; die sinnreichsten Apparate entheben ihn jedes wirklich unangenehmen Geschäftes; er hat der Hauptsache nach bloß seine unermüdlichen eisernen Sklaven zu überwachen. Und nicht einmal durch ihr Klappern, Stöhnen und Rasseln dürfen diese überall geschäftigen Diener das Ohr ihrer Herren beleidigen. Ich bewegte mich in den Stampfwerken von Leikipia, die den mineralischen Dünger für die dortige Bodenassociation bereiten, zwischen Steinzermalmern von tausenden Centnern Stoßkraft, und kein lästiges Geräusch war zu hören, kein Atom Staub zu sehen. Ich durchschritt Eisenwerke, in denen Stahlhämmer bis zu 3000 Tonnen Fallgewicht verwendet werden; die gleiche Ruhe herrschte in den lichten freundlichen Fabriksälen, kein Ruß auf Händen oder Gesichtern der Arbeiter störte den Eindruck, daß man es mit Gentlemen zu thun habe, die sich dazu herbeilassen, die Schmiedearbeit der Elemente zu überwachen. Ich sah auf den Feldern ackern und säen — wieder dieselbe Erscheinung des Herrn der Schöpfung, der durch den Druck eines Fingers die Riesen „Dampf“ oder „Elektricität“ nach seinem Willen lenkt, wohin und wozu es ihm nützlich dünkt. Ich warunterder Erde in den Kohlengruben und in den Eisenminen; auch dort fand ich es nicht anders: keinen Schmutz, keine aufreibende Plage für den Menschen, der in vornehmer Ruhe zusieht, wie seine gehorsamen Geschöpfe aus Stahl und Eisen für ihn schaffen ohne zu ermüden und zu murren, von ihm nichts anderes verlangend, als daß er sie lenke.

Während der nämlichen Ausflüge lernte ich auch eine Reihe besonderer in Freiland üblicher Vergnügungen näher kennen; ich besuchtemit David die mannigfaltigen entzückenden Aussichtspunkte des Kenia und der Aberdareberge, auf denen es allsonntäglich Gesang und Tanz der jungen Leute gibt, gewürzt in der Regel durch eine Überraschung, welche die Vergnügungskomitees — eine ständige Institution in jedem freiländischen Orte — zur Feier eines beliebigen Anlasses veranstalten. Mir waren die Eisfeste auf dem großen Eislaufteiche am Keniagletscher das Überraschendste. Dort hatten vor fünf Jahren die vereinigten Vergnügungskomitees von Edenthal, Danastadt und Oberleikipia ein 2400 Hektaren messendes, 4250 Meter über dem Meeresspiegel gelegenes Plateau in einen Teich verwandeln lassen, der von den Wässern der unmittelbar daran grenzenden großen Eisfelder gespeist wird. Von Ende Mai bis Mitte August gibt es nun in dieser Höhe stets sehr empfindliche Nachtfröste, die das ohnehin dem Gefrierpunkte nahe Gletscherwasser des Teiches sehr rasch in eine solide Eisbahn verwandeln. Nachdem hierauf dieser großartige Eislaufplatz seinem ganzen Umfange nach mit luxuriösen heizbaren Warte-, Toilette und Speise-Sälen umgeben, des ferneren mittels einer leistungsfähigen Zahnradbahn mit dem Fuße des Berges in Verbindung gebracht worden war, übergaben die vereinigten Komitees ihr Werk der Öffentlichkeit zur unentgeltlichen Benutzung. Die, wie sich denken läßt, sehr beträchtlichen Anlagekosten waren mit Leichtigkeit im Wege freiwilliger Subskriptionen aufgebracht worden, und ebenso decken sich die Erfordernisse der Instandhaltung überreichlich durch freiwillige Beiträge der zahlreichen Besucher. Denn die ganze kühle Jahreszeit hindurch ist die Riesenfläche des Eisteiches von Schlittschuhläufern und insbesondere von Schlittschuhläuferinnen nicht bloß aus der Umgebung des Kenia auf hundert Kilometer in der Runde, sondern aus allen Teilen Freilands bedeckt. Selbst von den Gestaden des indischen Ozeans und der großen Seen kommen Freunde und Freundinnen dieses gesunden Sports hierher, um an den zeitweilig veranstalteten glänzenden Eisfesten teilzunehmen. Gegenwärtig beschäftigt man sich mit dem Plane, unmittelbar am Eislaufplatze ein großartiges Hotel zu errichten, das besonders ausdauernden Verehrern dieser ebenso graziösen als gesunden Leibesübung Gelegenheit geben soll, in 4200 Meter Seehöhe zu übernachten. Des ferneren hat die große Beliebtheit des Kenia-Eisteiches den Anlaß gegeben, auch am Kilima-Ndscharo, und zwar dort in einer noch um 500 Meter höheren Lage ein ähnliches Unternehmen ins Werk zu setzen, welches gegenwärtig seiner Vollendung nahe ist; ein drittes, in den Mondbergen am Albertsee, hat einstweilen das Versuchsstadium nicht überschritten, da dem dortigen Komitee die Auffindung eines zu solchem Zwecke genügend hoch gelegenen und dabei ausreichend großen Platzes bisher nicht recht gelungen sein soll.

Mehr als all’ diese Vergnügungseinrichtungen aber erregte die ungetrübte,im besten Sinne des Wortes kindliche Lust und Fröhlichkeit meine Bewunderung, mit denen nicht bloß diese Veranstaltungen, sondern das ganze Leben in Freiland genossen werden. Man gewinnt durchaus den Eindruck, als ob die Sorge hierzulande unbekannt wäre. Jene unbefangene Heiterkeit, die bei uns in Europa der beneidenswerte Vorzug bloß der ersten Jugendjahre ist, thront hier auf jeder Stirne, strahlt aus Jedermanns Auge. Durchwandere welches civilisierte Land der Welt immer, Du wirst selten, ja ich möchte fast behaupten niemals, einen Erwachsenen finden, auf dessen Antlitz behagliches Glück, ungetrübter Lebensgenuß zu lesen wäre; mit sorgenschweren, meist sogar kummervollen Mienen hasten oder schleichen bei uns daheim die Menschen aneinander vorüber, und zeigt sich irgendwo wirkliche, nicht bloß erkünstelte Fröhlichkeit, so ist es beinahe ausnahmslos die der Gedankenlosigkeit. Glücklich sind bei uns höchstens die „Armen an Geist“; die Reflexion scheint uns nur gegeben, um über des Lebens Not und Qual nachzudenken. Hier zum erstenmale finde ich Menschengesichter, die den Stempel bewußten Denkens und unbefangenen Glückes zugleich zur Schau tragen. Und dieses Schauspiel allgemein glücklicher Zufriedenheit ist für mich erhebender als alles, was wir hier zu sehen bekamen; freier und wohliger atmet die Brust; es ist, als ob ich zum erstenmale aus der beängstigenden Atmosphäre eines mit erstickenden Dünsten geschwängerten Kerkers hinausgelangt wäre in die freie Natur, wo balsamische reine Lüfte mich umfächeln. „Woher kommt Euch allen, allen dieser Abglanz sonniger Heiterkeit?“ fragte ich David.

„Sie ist das naturgemäße Ergebnis der heiteren Sorglosigkeit, in der wir alle leben“, war seine Antwort. „Denn es scheint nicht bloß, es ist wirklich an dem, daß die Sorge hierzulande unbekannt ist, zum mindesten jene häßlichste, erniedrigendste aller Sorgen, die um das tägliche Brot. Nicht daß wir reicher sind, und auch nicht, daß wir es alle sind, ist diesbezüglich das Entscheidende, sondern daß wir, und zwar wohlverstanden jeder Einzelne unter uns, die absolute Sicherheit besitzen, es stets zu bleiben. Hierkannniemand verarmen, denn unveräußerlich ist ihm sein Anteil am unermeßlichen Vermögen der Gesamtheit. Heiter und lachend liegt das „Morgen“ vor uns; es kann uns nichts Schlimmes bringen, denn Gewähr und Sicherheit für das Wohlergehen auch des Letzten unter uns ist eine Macht, so stark und dauerhaft, wie der Bestand unserer Rasse auf diesem Planeten, die Macht des menschlichen Fortschritts. Wir gleichen in diesem Punkte wirklich den Kindern, denen Schirm und Hort des elterlichen Hauses jede materielle Sorge fernhält.“

„Und befürchtet Ihr nicht“ — so warf ich ein — „daß diese Sorglosigkeit schließlich gerade dem ein Ende bereiten wird, worauf sie sich stützt, dem Fortschritte nämlich? Bisher zum mindesten waren nochstets Not und Sorge die besten Triebfedern menschlicher Betriebsamkeit; erlahmen diese beiden, hat die quälende Angst um das Morgen ihr Ende, so wird auch der Fortschritt erlahmen, Stillstand, dann Rückschritt werden ihm folgen und zugleich mit der dadurch notwendigerweise eintretenden Verarmung werden auch Not und Sorge wieder ihren Einzug halten. Daß bisher unter Euch nichts von alledem zu bemerken ist, muß ich zugeben; aber es kann mich dies nicht beruhigen. Denn einstweilen genießt Ihr in Freiland noch die Früchte des Fortschritts Anderer. Was unter Not und Qual ungezählter Jahrtausende ersonnen und erfunden wurde, unter Not und Qual ungezählter Millionen außerhalb der Grenzen Eures Landes auch heute noch ersonnen und erfunden wird, das ist’s, was Euer Glück einstweilen ermöglicht. Wie aber dann, wenn dereinst — was Ihr ja offenbar anstrebt — dieganzeMenschheit sich zu Euren Prinzipien bekehrt? Glaubt Ihr, daß die Not gänzlich von der Erdoberfläche verschwinden kann, ohne den Fortschritt mit sich zu nehmen?“

„Das glauben wir nicht bloß“ — war seine Antwort — „wir wissen es, und jedermann, der unbeirrt durch überkommene Vorurteile die Thatsachen prüft, muß unsere Erkenntnis teilen. Kampf ums Dasein ist das unerbittliche Gebot, an welches die Natur den Fortschritt, ja die Existenz jeglichen lebenden Wesens geknüpft hat — das begreifen wir besser, als irgend jemand da draußen. Aber daß dieser Kampf gerade durch den Hunger gestachelt werden muß, leugnen wir, und ebenso, daß er notwendigerweise als ein gegenseitiger Kampf der Individuen der nämlichen Art aufzufassen ist. Auch wir kämpfen den Kampf ums Dasein, denn mühe- und arbeitslos fällt auch uns der Genuß nicht in den Schoß. Aber nichtgegeneinander, sondernmiteinanderstehen wir in unserem Streben, und gerade deshalb ist uns der Erfolg desselben niemals zweifelhaft. Wir könnten uns, wenn auf das Beispiel des in der Tierwelt herrschenden Kampfes verwiesen wird, darauf berufen, daß der Mensch, dem andere Kampfmittel zu Gebote stehen, als seinen niedriger stehenden animalischen Vettern, den Entwickelungskampf auch in anderer Weise auszutragen vermöchte, als diese; aber das wäre eine ebenso schlechte, als überflüssige Ausflucht. Denn in Wahrheit verhält sich die Sache umgekehrt; Not und materielle Sorge sind — von höchst vereinzelten Ausnahmen abgesehen — keine natürlichen Kampfmittel im Mitbewerbe ums Dasein; die weitaus überwiegende Mehrzahl aller Tiere leidet niemals Mangel, sorgt niemals und in keinerlei wie immer gearteter Form um das Morgen, und ist trotzdem von Uranfang aller Dinge dem großen ausnahmslosen Gesetze des Fortschritts unterworfen gewesen. Am allerwenigsten aber ist im Tierreiche gegenseitiger Kampf der Angehörigen der nämlichen Art die Regel; die Individuen der gleichen Art leben friedlich und der Hauptsachenach kampflos untereinander, ihre Waffen sind nach außen gekehrt, gegen andersgeartete Feinde. Gegen den Löwen und den Panther ficht die Gazelle den Daseinskampf durch Wachsamkeit und Schnelligkeit, nicht gegen ihresgleichen; gegen die Gazelle und den Büffel, Löwe und Panther den ihrigen durch List und Stärke, nicht aber gegen Mit-Löwen und Mit-Panther. Der Kampf unter uns und gegen uns selber war und ist unser, der menschlichen Rasse, Privilegium gewesen. Entsprungen aber ist dies traurige Privilegium allerdings einer Kulturnotwendigkeit; um uns zu dem zu entwickeln, was wir geworden sind, mußten wir von der Natur mehr verlangen, als sie freiwillig zu bieten in der Lage ist; um es zu erlangen, blieb lange Jahrtausende hindurch kein anderer Ausweg, als das zur Befriedigung unserer höheren Bedürfnisse Erforderliche uns gegenseitig abzujagen und abzupressen. Und dadurch erst gestaltete sich die Not zu einem Kampfmittel im menschlichen Daseinskampfe. Also wohlgemerkt, daß der Mensch gegen den Menschen kämpfte, und daß in diesem Kampfe die materielle Sorge den empfindlichsten Stachel bildete, war und ist nicht die einfache Übertragung eines in der ganzen belebten Natur geltenden Gesetzes auf die menschliche Gesellschaft, sondern eine ausnahmsweise Verzerrung dieses großen Naturgesetzes unter dem Einflusse einer menschlichen Entwickelungsphase. Wir litten Not, nicht weil die Natur es durchaus so verlangt, sondern weil wir uns gegenseitig beraubten, und wir beraubten uns gegenseitig, weil mit der beginnenden Kultur ein Mißverhältnis unserer Bedürfnisse und unserer natürlichen Mittel zur Befriedigung derselben entstand. Jetzt aber hat die bis zur Herrschaft über die Naturkräfte gediehene Kultur dieses Mißverhältnis wieder ausgeglichen; um Überfluß und Muße zu genießen, müssen wir uns fürderhin nicht mehr gegenseitig ausbeuten, und wenn nunmehr der Kampf des Menschen gegen den Menschen, und damit zugleich die materielle Not ihr Ende finden, so bedeutet das nicht die Abwendung von den natürlichen Formen des Daseinskampfes, sondern in Wahrheit Rückkehr zu denselben. Nicht der Kampf ist damit zu Ende, sondern bloß die unnatürliche Form desselben. In ihrem Ringen, sich über die rein tierische Natur zu erheben, geriet die Menschheit in einen Jahrtausende währenden Widerstreit mit der Natur selber, und dieser Widerstreit war die Quelle all der unsäglichen Marter und Pein, der Verbrechen und Scheußlichkeiten, deren ununterbrochene Kette die Geschichte unserer ganzen Rasse ist, von den ersten Anfängen ihrer beginnenden Kultur bis zur Gegenwart. Jetzt aber ist der schreckliche Widerstreit durch den glorreichsten Sieg beendet, wir sind geworden, was wir Jahrtausende hindurch erstrebten, ein Geschlecht, das der Natur Überfluß und Muße für alle seine Angehörigen abzugewinnen vermag und gerade durch diese wiedererlangte Harmonie unserer Bedürfnisse und Bedürfnisbefriedigungsmittelhaben wir den Einklang mit der Natur wieder hergestellt. Unterworfen bleiben wir ihrem unwandelbaren Gesetze des Kampfes ums Dasein, aber wir werden diesen Kampf hinfort in der nämlichen Weise führen, wie alle anderen Naturwesen, nach außen, nicht nach innen gegen die Genossen der eigenen Art, und entledigt des Stachels materieller Not.“

„Was aber“ — so fragte ich — „soll hinfort den Menschen zu ferneren Kämpfen im Dienste des Fortschritts anspornen, wenn die Not ihren Stachel verloren hat?“

„Sonderbare Frage! Sie zeigt so recht deutlich, wie schwer es ist, Dinge zu sehen, die jenen Anschauungen widersprechen, die wir mit der Muttermilch eingesogen haben und die wir als Grundpfeiler der Ordnung und Gesittung anzusehen uns gewöhnt haben, auch wenn diese Anschauungen den offenbarsten Thatsachen aufs augenscheinlichste widersprechen. Als ob jemals Not die ausschließliche, oder auch nur die vornehmste Triebfeder menschlichen Fortschrittes gewesen wäre! Der Widerstreit zur Natur, in welchen das Mißverhältnis zwischen Kulturbedürfnissen und Kulturkräften die Menschheit in den Jahrtausenden des Übergangs von Barbarei zu wirklich menschenwürdiger Kultur brachte, hatte zwar zur Folge, daß der Kampf ums Dasein neben seinen natürlichen auch widernatürliche, der tiefinnersten Eigenart der meisten Naturwesen Hohn sprechende Formen annahm; doch zur Alleinherrschaft gelangten diese niemals, ja die Natur erwies sich in der Regel doch mächtiger, als die ihr widerstrebenden Menschensatzungen, und alle Epochen der Kulturgeschichte hindurch haben wir die besten Errungenschaften des menschlichen Geistes nicht der Not, sondern jenen anderen Impulsen zu verdanken, die unserer Rasse eigentümlich sind und bleiben werden, so lange sie als herrschende die Erde bevölkert. Dreimal blind, wer dies nicht sehen will! Die großen Denker, Erfinder und Entdecker aller Zeiten und aller Nationen, sie wurden nicht durch Hunger angespornt, ja man kann in der Mehrzahl der Fälle behaupten, daß sie sannen und dachten, forschten und fanden, nichtweil, sonderntrotzdemsie hungerten. „Doch“ — so könnte man einwenden — „das waren eben die wenigen Erlesenen unseres Geschlechts; die große Masse der Alltagsmenschen aber kann nur durch gemeinen, prosaischen Hunger angespornt werden, nach besten Kräften zu gebrauchen, was jene fanden und ersannen.“ Wer so urteilt, geht abermals von einem höchst merkwürdigen Übersehen aus. Welche Voreingenommenheit gehört dazu, sich der Thatsache zu verschließen, daß es gerade die Besitzenden sind, die Nichthungernden, die am emsigsten vorwärts streben. Der Hunger ist zwar ein Stachel zur Arbeit, aber ein entnervender, verderblicher, und wer triumphierend auf jene Elenden weist, die thatsächlich nur durch bitterste Not zur Thätigkeit angespornt werden können undsofort wieder in träge Apathie versinken, sowie der nagendste Hunger gestillt ist, der vergißt, daß es eben das Elend ist, was Schuld an dieser Entartung trägt. Der Kulturmensch, der höhere Bedürfnisse einmal kennen gelernt, wird desto emsiger deren Befriedigung anstreben, je weniger ihm entwürdigende Not die Spannkraft des Geistes und Körpers gebrochen hat und je zweifelloser der Erfolg seines Strebens ist. Denn nicht in der hoffnungslosen Not, sondern im vernünftigen, auf ein sicheres Ziel fröhlich zusteuernden Eigennutze muß jeder Unbefangene den wirksamsten Sporn der Betriebsamkeit erkennen. Diesen Eigennutz aber hatunseresociale Ordnung — weit entfernt, ihn abzustumpfen — in Wahrheit erst zu voller Entfaltung gebracht. Du kannst also vollkommen beruhigt darüber sein: was Du bisher bei uns wahrzunehmen Gelegenheit hattest, daß wir nämlich an Erfindungskraft und geistiger Regsamkeit den anderen Nationen voranschreiten, es ist kein zufälliges Ergebnis irgendwelcher vorübergehender Einflüsse, sondern die notwendige Konsequenz unserer Institutionen, und jedes Volk, welches diese letztere nachahmt, wird die gleichen Konsequenzen verspüren. So wenig als wir der quälenden Not bedürfen, um Erfindungen und Verbesserungen zu ersinnen, welche die Menge und Mannigfaltigkeit unserer materiellen wie geistigen Genüsse zu vermehren geeignet sind, ebensowenig wird bei irgend einem anderen Volke der Fortschritt aus dem Grunde erlahmen, weil dieses Volk gleich uns in die glückliche Lage gerät, die Früchte des Fortschritts zu genießen.“

Ich konnte mich nicht enthalten dem gleich einem begeisterten Seher sprechenden Freunde um den Hals zu fallen. „Wenn ich es bei Lichte betrachte“ — erklärte ich — „so läuft die gegenteilige Auffassung darauf hinaus, als ob der Fortschritt nur dort gedeihen könne, wo er der Hauptsache nach nutzlos ist. Denn der fundamentale Unterschied zwischen Euch Freiländern und uns anderen liegt doch darin, daß Ihr die Früchte jeden Fortschritts genießet, während wir mit demselben eigentlich bloß in das Danaidenfaß der Überproduktion schöpfen. Niemand bezweifelt, daß Stuart Mill Recht hatte, als er beklagte, daß alle Entdeckungen und Erfindungen bisher nicht vermochten, die Plage und Not auch nureinesarbeitenden Menschen zu lindern; welch schrecklicher Wahnsinn jedoch, zu glauben, daß geradedasnotwendig sei, damit fernerhin entdeckt und erfunden werde!“

„Doch, um wieder auf unseren Ausgangspunkt zurückzukommen“, fuhr ich fort, „so ist mir mit alledem die geradezu wunderbare, herzerquickende Heiterkeit, die alles hier in diesem Lande der Glücklichen atmet, noch immer nicht ganz erklärlich. Not und materielle Sorge sind hier unbekannt, zugegeben. Aber es gibt ja auch außerhalb Freilands Hunderttausende und Millionen, die jeder drückenden Sorge enthoben sind; warum fehlt diesen die wirkliche Heiterkeit? Vergleiche docheinmal unsere beiderseitigen Väter. Der meinige ist unstreitig der reichere, und doch, welch’ tiefe Furchen hat die Sorge in seine Stirn gegraben, welch’ herben Zug schmerzlicher Reflexion um seine Mundwinkel; und welch’ froher Glanz ewiger Jugend leuchtet aus jedem Zuge Deines Vaters. Ich möchte beinahe vermuten, daß die Luft, die man in diesem Lande atmet, sehr wesentlich mit im Spiele ist; denn die Falten und Furchen in Vaters Zügen, von denen ich soeben sprach, haben sich schon in den zwei Wochen unseres Aufenthaltes hier merklich geglättet, und ich selber fühle mich heiterer, glücklicher als jemals zuvor.“

„Du hast“, entgegnete mir David, „das Wichtigste vergessen, den Einfluß des Gesamtgefühls auf das Gefühl des Einzelnen. Der Mensch ist ein geselliges Wesen, das seine Gedanken und Empfindungen nur zum Teile dem eigenen Kopfe und dem eigenen Herzen entnimmt, während ein anderer, nicht minder wichtiger Teil, ich möchte sagen die Grundstimmung, die den individuellen Geistes- und Gemütsregungen Farbe und Inhalt verleiht, in der jeweilig existierenden Gesamtgesellschaft ihren Ursprung hat. Jeder Einzelne steht mit seinen Mitlebenden nicht bloß äußerlich, sondern ebenso auch innerlich in unlöslicher Berührung; er glaubt zu denken, zu fühlen und zu handeln, bloß wie seine Individualität es erheischt, fühlt, denkt und handelt aber der Hauptsache nach unter dem unentrinnbaren Banne einer alle Köpfe, Herzen und Handlungen umschlingenden Zeitströmung. Der aufgeklärte, humane Freidenker der Gegenwart hätte — wäre er drei Jahrhunderte früher geboren worden, um der kleinlichsten, ihm heute lächerlich erscheinenden Glaubensdifferenzen willen Andersdenkende mit demselben grimmigen Hasse verfolgt, wie dazumal alle anderen Lebenden auch; und hätte er noch um einige Jahrhunderte früher, etwa unter den heidnischen Sachsen zur Zeit Karls des Großen das Sonnenlicht gesehen, so wären ihm Menschenopfer so wenig ein Greuel gewesen, als den andern Verehrern der Göttin Hertha. Derselbe Mann aber, welcher als heidnischer Sachse in den Wäldern der Weser und Elbe aufgewachsen, Ruhm und Preis darin gefunden hätte, das Blut geschlachteter Gefangener vom Herthastein gen Himmel dampfen zu lassen, wäre dazumal schon von unüberwindlichem Grauen vor solchem Thun geschüttelt worden, wenn ihn — begabt mit genau den nämlichen individuellen Anlagen — der Zufall im kaiserlichen Byzanz, statt unter germanischen Barbaren hätte geboren werden lassen; hier dagegen hätte er skrupellos Lug und Verrat geübt, während er — im übrigen vom Wirbel bis zur Zehe derselbe Mann — umgeben von den trotzigen Germanenhelden, solch weichlicher Laster ganz und gar unfähig geblieben wäre. Da dem aber so ist, da die Tugenden und Laster, die Gedanken und Gefühle jener unserer Zeitgenossen, in deren Mitte wir geboren und erzogen worden,die Grundstimmung unseres eigenen Wesens bilden, so ist es schlechterdings unmöglich, daß der Angehörige einer von wahnsinnigster Angst vor dem Hunger bis ins innerste Mark gerüttelten Gesellschaft, jemals in ungetrübter Sorglosigkeit seines Lebens sich freue. Wo die ungeheure Mehrzahl der Zeitgenossen niemals weiß, was der morgige Tag bringen mag, ob eine fernere Fristung des jammervollen Daseins oder den völligen wirtschaftlichen Untergang, unter dem Obwalten einer socialen Ordnung, die den eigenen Erfolg im Daseinskampfe davon abhängig macht, daß es uns gelinge, dem gierig nach unserem Brote lechzenden, gleich uns von fiebernder Angst gerüttelten Konkurrenten sein Brot aus den Zähnen zu reißen; in einer Gesellschaft, wo jedermann jedermanns Feind ist, von wirklich heiterem Lebensgenusse zu sprechen, ist der Gipfel des Unsinns. Kein individueller Reichtum gewährt Schutz gegen den zermalmenden Jammer der Gesamtheit aller Mitlebenden. Dem hundertfachen Millionär, der nicht den hundertsten Teil der Zinsen seiner Zinsen in Wirklichkeit verzehren kann, ihm greift das schreckliche Hungergespenst mit ebenso scharfen Krallen ins Gemüt, wie dem elendesten der Elenden, der obdachlos, frierend und hungernd durch die Straßen Eurer Großstädte irrt. Der Unterschied zwischen beiden liegt nicht im Hirn und im Herzen, sondern lediglich in den Magennerven; der zweite empfindet auch physisch, was der erste bloß seelisch und geistig empfindet. Die seelischen und geistigen Leiden aber sind die dauernden und deshalb wirksameren. Betrachtet ihn doch, Eueren vom wahnwitzigen Hungerfieber besessenen Krösus, wie er atemlos nach immer neuem und neuem Erwerbe hastet, wie er sich und der Seinen Glück und Ehre, Genuß und Frieden dem Götzen schlachtet, von welchem er sich Hilfe in der allgemeinen Not erwartet, dem Götzen des Mammons. Denn nicht besitzt er seinen Reichtum, er ist von ihm besessen. Besitz auf Besitz will er häufen, vermeinend, daß er hoch oben auf dem schwindelnden Gipfel zahlloser Millionen Sicherheit erlangen könnte gegen das Meer von Elend, das ihn grauenerregend rings umbrandet; ja, so verblendet ist der Thor, daß er nicht einmal bemerkt, wie nur dieser Ozean des allgemeinen Elends es ist, was ihm Grauen einjagt, vielmehr des traurigen Wahnes lebt, seine Angst werde sich mindern, wenn nur der Abgrund da unten noch tiefer und schauerlicher sich abhebt von seinem schwindelnden Sitze da oben. Und man glaube nicht etwa, daß unter dieser abergläubischen Angst vor dem Hunger bloß die Thorheit Einzelner gemeint sei. Das ganze Zeitalter ist davon besessen, und gerade die besten Naturen am meisten. Denn je empfänglicher Kopf und Herz sind, zu desto schrankenloserer Vorherrschaft gelangt das Gemeingefühl der allgemeinen Not dem vorübergehenden individuellen Behagen gegenüber; bloß vollkommen kaltherzige Egoisten oder vollendete Idioten machen hie und da eine Ausnahme; bloß sie können sich, unbeirrtdurch das Hungergespenst, welches die Millionen ihrer Brüder würgt, mit wirklichem Behagen ihres Reichtums freuen.

„Das ist’s, o mein Karlo, was Euch allen den hippokratischen Leidenszug ins Antlitz prägt; Ihr könnt Euch unbefangenem Lebensgenusse nimmermehr hingeben, so lange Ihr inmitten einer Atmosphäre des Elends, des Jammers und der Angst atmet. Und das ist’s auch, dieses Gemeingefühl, welches jeden Menschen mit seiner Umgebung verbindet, was Euch hier, kaum angelangt inmitten einer Gesellschaft, der dieses Elend, dieser Jammer, diese Angst gänzlich unbekannt sind, zu jener Heiterkeit des Denkens und Empfindens erwachen läßt, die jedem gesunden Naturwesen ureigentümlich ist. Und vollends wir, die wir seit einem Menschenalter uns inmitten dieser, des Elends sowohl als der Furcht vor dem Elend entledigten Gesellschaft bewegen, wir haben die düstere Auffassung des Menschenschicksals, von welcher auch wir befangen waren, solange die alte Welt mit ihrem selbstauferlegten Martyrium uns umfing, beinahe vollständig überwunden. Ich gebrauche das einschränkende „beinahe“ für diejenigen unter uns, die erst im Mannesalter Freiländer geworden sind. Wir jüngeren, die wir hier im Lande geboren und aufgewachsen sind, ohne das Elend jemals gesehen zu haben, unterscheiden uns in diesem Punkte nicht unerheblich von den älteren, die in ihrer Jugend das Medusenhaupt der Knechtschaft von Angesicht zu Angesicht geschaut. Fünfundzwanzig Jahre sind es her, daß mein Vater und meine Mutter, die beide unter den ersten hier am Kenia anlangten, der Stickluft des Massenelends, der Entwürdigung des Menschen durch den Menschen entrückt sind; aber die Erinnerung des Entsetzlichen, das sie vorher miterlebt, dessen Teilnehmer sie gewesen, ohne es hindern zu können, sie wird bis zu ihrem Ende nicht gänzlich aus ihrem Gemüte schwinden und nimmermehr kann jene göttergleiche Ruhe und Heiterkeit völlig von ihrem Herzen Besitz ergreifen, die das selbstverständliche Erbteil ihrer Kinder ist, an deren Händen niemals Schweiß und Mark geknechteter Menschen haftete, die um zu genießen, niemals die Früchte fremder Arbeit sich aneigneten, niemals vor der grausamen Alternative standen, Hammer oder Ambos im Daseinskampfe zu sein.“

Damit schloß David für diesmal seine Belehrungen und ich will es ihm nachthun.

Edenthal, 2. August.

Längst schon hatte mich die Frage der hiesigen Jugenderziehung in hohem Maße interessiert; der vorgestrige Tag nun war dem Studium dieses Gegenstandes gewidmet. Zunächst besuchte ich in Davids Gesellschaft einen der zahlreichen Kindergärten, die in Edenthal ziemlich gleichmäßig über die Stadt verteilt sind. In einer teils aus sonnigen Grasmatten, teils aus schattigen Baumpflanzungen gebildeten Anlage tummelten sich hier unter der Leitung zweier Mädchen im Alter von 18-20 Jahren und einer jungen Witwe etwa 50 Bübchen und Mädchen im Alter zwischen 4 und 6 Jahren. Es wurde gesungen, getanzt, allerlei Possen getrieben, dazwischen Bilderbücher besehen und erklärt, Märchen abwechselnd mit belehrenden Geschichten erzählt, Spiele gespielt, die gleicherweise teils bloßer Unterhaltung, teils der Belehrung dienten. Unter dem kleinen Volke, das sich königlich amüsierte, war ein ziemlich starkes Kommen und Gehen; die eine Mutter brachte ihre Sprößlinge herbei, eine andere holte die ihrigen ab. Im allgemeinen ziehen es nämlich die freiländischen Mütter vor, ihre Kinder um sich zu haben; nur wenn sie das Haus verlassen, um einen Besuch zu machen oder etwas zu besorgen, werden die Kleinen dem nächsten Kindergarten übergeben und bei der Heimkehr wieder abgeholt — es sei denn, daß das junge Volk selber darum bettelt, dortgelassen resp. dahin gebracht zu werden, und die Mutter den Bitten zu willfahren geneigt ist. Doch das sind wie gesagt Ausnahmefälle; in der Regel tummeln sich die Kinder daheim unter den Augen der Eltern, und die Leitung der ersten Erziehung ist insbesondere Sache der Mutter. Belehrung darüber, wie diese am besten anzustellen sei, braucht eine freiländische Frau selten; im Bedarfsfalle ist übrigens derbenachbarte Kindergarten, später das Pädagogium zur Hand, wo guter Rat jederzeit geholt werden kann. Als Thatsache wurde mir mitgeteilt, daß jedes in Freiland aufgewachsene sechsjährige Kind des Lesens, Kopfrechnens und einer ganz artigen Summe nützlichen Wissens kundig sei, ohne bis dahin ein anderes als ein Bilderbuch gesehen zu haben.

Nach dem Kindergarten kam die Elementarschule an die Reihe. Auch diese Schulen sind möglichst gleichförmig über Edenthal zerstreut und liegen gleicherweise in größeren Gärten. Sie sind vierklassig, und der Unterricht wird Mädchen und Knaben gemeinsam erteilt. Das Lehramt liegt durchweg in Händen junger Mädchen und Frauen; nur Turnen und Schwimmen der Knaben leiten männliche Lehrer. Die beiden letzteren Übungen beanspruchen bei Knaben und Mädchen täglich je eine Stunde; mindestens dreimal wöchentlich werden unter Leitung je einer Lehrerin von jeder Klasse mehrstündige Ausflüge in die benachbarten Wälder und Berge unternommen, bei denen allerlei Anschauungsunterricht getrieben wird. Ich beobachtete die Zöglinge beim Buche und am Turnplatz, in der Schwimmschule und auf den Bergen und hatte dabei Gelegenheit, mich zu überzeugen, daß die Kinder mindestens so viel und so systematisches Wissen besaßen, als europäische Altersgenossen, dabei sich aber auf Reck und Barren, Kletterstange und Hängeseil bewegten wie die Eichhörnchen, im Wasser schwammen wie die Fische, und nach dreistündigem Marsche über Berg und Thal so munter umhersprangen wie die Rehe.

Hierauf besuchten wir die Mittelschulen, in denen Knaben und Mädchen gesondert vom 10. bis 16. Jahre unterrichtet wurden, erstere durch männliche, letztere teilweise durch weibliche Lehrkräfte. Hier war den Leibesübungen mannigfaltigster Art noch weit größere Beachtung geschenkt, und um den hierfür erforderlichen Raum zu gewinnen, befanden sich diese Schulen im Umkreise der Stadt, in der Nachbarschaft der diese umgebenden Wälder. Ich hatte Gelegenheit, die Ausdauer, Kraft und Grazie der Knaben und Mädchen im Turnen, Laufen, Springen, Tanzen und Reiten zu bewundern, die ersteren überdies bei ihren Ring-, Fecht- und Schießübungen zu sehen. Einige Gänge auf Stoßdegen und Säbel mit verschiedenen der jungen Leute belehrten mich zu meinem Erstaunen, daß dieselben mir nicht bloß ebenbürtig, sondern in manchen Punkten überlegen seien, obwohl Dir bekannt ist, daß ich zu den besseren Fechtern unseres in dieser Kunst so vielgepriesenen Italien gehöre. Die beim Ringen und Turnen hervortretende Muskulatur der halbwüchsigen Recken erregte in nicht minderem Grade meine Bewunderung, als die spielende Leichtigkeit, mit welcher dieselben ein Pferd im vollen Galopp einholten und sich auf dessen Rücken schwangen. Besonders überrascht aber war ich von der Sicherheit, mit welcher die Knaben ihre Schußwaffen handhabten.Auf 500 Meter Distanz wurde die kaum tellergroße Scheibe selten verfehlt, und nicht wenige der jungen Schützen sandten Kugel auf Kugel ins Schwarze. Alles in allem machten insbesondere die obersten Klassen dieser Mittelschulen dem Äußeren der Zöglinge nach zu urteilen den Eindruck einer Schar erlesener junger Athleten; dabei erwiesen sich jedoch diese Athleten auch in allen Wissenszweigen wohlbewandert, die an den besten europäischen Mittelschulen getrieben werden.

Bis dahin ist, wie ich erfuhr, der Unterricht für alle Kinder Freilands der gleiche, mit dem alleinigen Unterschiede, daß bei den Mädchen etwas geringerer Nachdruck auf die Leibesübungen, dafür desto größerer auf musikalische Ausbildung gelegt wird. Von da ab jedoch trennen sich die Berufe. Die jungen Mädchen bleiben entweder im elterlichen Hause, um sich dort in jenen Künsten und Wissenszweigen, zu denen sie bis dahin den Grundstein gelegt, weiter auszubilden, oder sie ziehen als Ziehtöchter zu gleichem Zwecke in das Haus irgend einer als hochgebildet und geistreich bekannten Frau. Ein anderer Teil bezieht die pädagogischen Lehranstalten, um sich für das Lehramt auszubilden, hört einen Kursus über Krankenpflege oder über Ästhetik, Kunstgeschichte u. dergl.

Die Knaben dagegen zerstreuen sich insgesamt in die verschiedenen höheren Lehranstalten. Die Mehrzahl besucht die gewerblichen und geschäftlichen Fachschulen, in denen ein oder zwei Jahre hindurch wissenschaftliche und praktische Anleitung zu den verschiedenartigsten Geschäfts- und Produktionsarten erteilt wird. Durch eine dieser Fachschulen geht jeder freiländische Arbeiter, er mag späterhin als Landbauer, als Spinner, als Bergmann oder in welcher Eigenschaft immer seinen Verdienst suchen. Dabei wird ein doppelter Zweck verfolgt: erstens der, jeden Arbeiter ohne Unterschied in den Zusammenhang des ganzen Getriebes seiner Produktion einzuweihen und zweitens, ihn in den Stand zu setzen, seinen Erwerb nach Wahl auch in mehreren Produktionszweigen zu suchen. Der simple Spinner, der nichts anderes zu thun hat, als den Gang seiner Spindeln zu überwachen, weiß hier zu Lande auch über die Einrichtung und den Betrieb der ganzen Spinnerei, über Bezugsquellen und Absatzgebiete einigen Bescheid, was zur Folge hat, daß solch ein Arbeiter, wenn es gilt die Leiter seiner Association zu wählen, seine Stimme mit einer Sachkenntnis abgiebt, die Mißgriffe bei der Auslese der geeignetsten Persönlichkeiten nahezu unmöglich macht. Zum zweiten aber ist dieser einfache Spinner in Freiland kein Automat, dessen Wissen und Können mit den Handgriffen und Kenntnissen seines engeren Faches erschöpft wäre; er ist jedenfalls noch in einem oder einigen anderen Erwerbszweigen zu Hause und das hat wieder zur Folge, daß unser Mann jede in diesem anderen Erwerbszweige sich zeigende günstige Konjunktur sofort ausnutzen, dieSpinnmaschine mit dem Pfluge, mit dem Hammer oder mit der Drehbank, wohl auch mit dem Schreibpulte oder der Rechentafel zu vertauschen in der Lage ist, wodurch eben jenes wundervolle Gleichgewicht der verschiedenartigsten Einkommenszweige ermöglicht wird, welches die Grundlage der socialen Ordnung des Landes ist.

Junge Leute, die Beruf zu höherer geistiger Thätigkeit in sich verspüren, wenden sich den eigentlichen Hochschulen zu, in denen Freilands Professoren, höhere Verwaltungsbeamte, Ärzte, Techniker u. s. w. ausgebildet werden, oder den mit großartigen Mitteln ausgestatteten verschiedenartigen Kunstakademien, aus denen die Architekten, Bildhauer, Maler, Musiker des Landes hervorgehen. Doch auch in allen diesen Unterrichtsanstalten wird fortlaufend neben der geistigen auf die körperliche Fortbildung der größte Nachdruck gelegt. Die gewerblichen und kaufmännischen Fachschulen haben ihre Turn-, Ring- und Reitbahnen, ihre Schieß- und Fechtplätze so gut wie die Hochschulen und Akademien, und da die Jünglinge, welche hier ihre Fortbildung suchen, nicht so unmittelbar unter dem Einflusse ihrer Lehrer stehen, wie die Knaben der Mittelschulen, so ist durch das Institut der öffentlichen Gau- und Landesübungen dafür gesorgt, ihren Eifer für körperliche Ausbildung nicht erlahmen zu lassen. Alle Jünglinge zwischen dem vollendeten 16. und 22. Jahre sind nämlich je nach ihrem Wohnsitze in Tausendschaften geteilt, die unter selbstgewählten Führern allmonatlich Übungen halten, bei denen sie ihre körperlichen Kräfte und Fähigkeiten erproben. Einmal im Jahre findet in jedem der 48 Distrikte, in welche zu Verwaltungs-Zwecken ganz Freiland geteilt ist, vor einem Preisrichterkollegium, welches aus den Siegern früherer Jahre gebildet wird, eine große Preisübung statt, bei welcher erstlich von jeder Tausendschaft gestellte Champions — es sind das natürlich die tüchtigsten Recken, über die jede Tausendschaft verfügt — als Einzel-Fechter, -Schützen, -Reiter, -Ringer und -Läufer sich messen; sodann kämpfen die Tausendschaften als solche, d. h. in Gesamtübungen um verschiedene Preise. Die Sieger bei diesen Gauübungen bewerben sich dann bei dem wenige Wochen später in einem zu solchen Zwecken besonders eingerichteten Thale des Aberdaregebirges stattfindenden Landesfeste um die Ehre der Meisterschaft für ganz Freiland und man versicherte mir, daß kein griechischer Jüngling aus der Blütezeit von Hellas in heißerem Bemühen um den Ölzweig bei den Isthmischen Spielen warb, als die freiländischen Jünglinge um die Ehrenpreise bei diesen Aberdarespielen, obwohl auch hier die Preise in nichts anderem, als in schlichten Blätterkronen, daneben aber allerdings in dem vom Indischen Ocean bis zu den Mondbergen und vom Tanganika bis zum Baringosee wiederhallenden Ruhmesfanfaren und in dem begeisterten Jubel jenes Gaues und jener Stadt bestehen, die so glücklich sind, die Sieger die Ihren zu nennen. Hunderttausende strömenaus allen Landesteilen zu diesen Preisübungen zusammen und die Mutterstadt der Sieger, insbesondere die der siegenden Tausendschaft, empfängt ausnahmslos die heimkehrenden Jünglinge mit einer Reihe der erlesensten Feste.

Ich konnte mich, als mir dies berichtet wurde, der Bemerkung nicht enthalten, daß mir solcher Enthusiasmus aus Anlaß eines bloßen Spieles denn doch übertrieben erscheine; insbesondere äußerte ich darüber mein Erstaunen, daß Freiland, die Heimat der socialen Gerechtigkeit, sich für Leistungen zu begeistern vermöge, die im kriegerischen Hellas von besonderem Werte erscheinen mochten, hier aber, wo alles unverbrüchlichen Frieden atmet, keine andere Bedeutung haben könnten, als die einer harmlosen Leibesübung.

„Sehr richtig“ — bemerkte David — „nur daß die Tüchtigkeit in diesen harmlosen Leibesübungen es eben ist, was uns Freiländern die Unverbrüchlichkeit des Friedens verbürgt, dessen wir uns zu erfreuen haben. Wir besitzen keinerlei militärische Einrichtungen und wären, wenn wir uns nicht auf unsere Überlegenheiten in allem, was körperliche Kraft und Gewandtheit betrifft, verlassen könnten, die leichte Beute jedes Militärstaates, dem es nach unseren Reichtümern gelüstete.“

„Du glaubst doch nicht etwa“ — rief ich nicht ohne ein sarkastisches Lächeln — „mit euern fechtenden und schießenden Knaben und mit den Siegern eurer Isthmischen Spiele einer großen Militärmacht gewachsen zu sein, die es wirklich auf Euch abgesehen haben sollte? Meines Erachtens liegt Euer Schutz in der gegenseitigen Eifersucht der europäischen Staaten, die eine solche Beute keinem einzelnen gönnt, und mehr noch in der weiten Entfernung, dem Meere und den Bergen, die Euch so gefährliche Besuche vom Leibe halten. Für alle Fälle aber glaube ich, daß einige militärische Vorsorge, etwa die Aufstellung einer tüchtigen Miliz und insbesondere eine starke Flotte, deren Kosten doch bei Eurem Reichtume gar nicht in Betracht kämen, sehr heilsam wäre.“

„Wir sind anderer Ansicht“ — erklärte David. „Nicht unsere Kampfspiele, wohl aber die überlegene körperliche Tüchtigkeit, die in ihnen zu Tage tritt, sichern uns unseres Dafürhaltens vollkommen gegen jeden, selbst den mächtigsten Feind, der gegen unsere harmonisch ausgebildeten, im Gebrauche jeglicher Waffe bis zur höchsten Vollendung geübten Jünglinge und Männer doch nichts anderes ins Feld stellen könnte, als verkommene, ihre Waffen kaum notdürftig handhabende Proletarier. Wir glauben, daß es im Kriege weniger auf die Anzahl der Schüsse, als auf die Anzahl der Treffer, weniger auf die Masse, als auf die Leistungsfähigkeit der Kämpfenden ankommt. Wenn Du gleich mir Zeuge gewesen wärest, in welcher Weise bei dem vorjährigen Landesfeste die siegende Tausendschaft ihren Preis herausschoß, so würdestDu vielleicht zugeben, daß eine Truppe, die aus solchen, oder doch annähernd solchen Schützen gebildet wäre, keine europäische Armee zu fürchten brauchte.“

„Wie wollt Ihr Euch aber gegen die Kanonen europäischer Armeen verteidigen?“ fragte ich.

„Ei, eben auch durch Kanonen“, entgegnete David. „Da wir nun einmal mit diesen Einrichtungen den Doppelzweck verfolgen, den Eifer für körperliche Ausbildung zu fördern und zugleich Sicherheit gegen feindliche Angriffe zu erlangen, so nehmen unter unseren Schießübungen auch solche mit Kanonen des verschiedensten Kalibers einen ausgedehnten Platz ein. Und zwar geschieht auch das schon von der Schule aus. Von der vierten Mittelklasse an werden jene Knaben, die sich auf den anderen Gebieten hervorgethan haben, zu Geschützübungen herangezogen — was sich, nebenbei bemerkt, als ganz besonderer Ansporn des Fleißes bewährt hat. Daß Du diese Geschütze nicht zu Gesicht bekamst, hat seinen Grund darin, daß der Schießplatz für dieselben ziemlich weit außerhalb des Bannkreises der Stadt liegt, was um so notwendiger ist, als sich unter diesen Übungskanonen Ungetüme bis zu 200 Tonnen Gewicht befinden, deren Donner nur schlecht zur idyllischen Ruhe unseres Edenthals passen würde. Die Jünglinge aber werden mit diesem artigen Spielzeug so vertraut und zahlreiche bringen es nach eingehenderen ballistischen Studien zu so großer Vollendung in Handhabung desselben, daß sie sich meines Erachtens auch auf diesem Gebiete europäischen Gegnern ebenso überlegen erweisen würden, wie auf demjenigen des Schützenwesens. Genau dasselbe gilt von unseren Reitern. Kurzum, wir haben keine Armee, aber unsere Jünglinge und Männer handhaben alle Waffen, deren eine Armee bedarf, unendlich vollkommener, als die Soldaten welcher Armee immer, und da überdies zu Zwecken der großen Preisspiele auch eine Organisation geschaffen ist, kraft deren aus der Mitte 2½ Millionen waffengeübter Jünglinge und Männer, welche Freiland zur Stunde besitzt, die gewandtesten und tüchtigsten 2-300000 jederzeit verfügbar sind, so meinen wir, daß es uns ein Leichtes wäre, die größte Invasionsarmee abzuwehren — eine Gefahr, die wir jedoch im Ernste keineswegs besorgen, denn wir bezweifeln, daß irgend ein europäisches Volk dazu zu haben wäre, uns anzugreifen. Gegen uns gesammelte Gewehre und Kanonen dürften sich, auch ohne daß wir etwas dazu thun, sehr rasch wider diejenigen kehren, die Feindseliges gegen uns sinnen.“

Dem stimmte ich zu. Wir besprachen hierauf noch einige andere Gegenstände der Jugenderziehung, bei welcher Gelegenheit die Rede auf das freiländische Erbrecht kam.

„Dürfte ich Dich fragen, wie Ihr es mit dem Erbrecht im allgemeinen und mit dem Erbrecht an liegendem Besitz im besonderen haltet.Denn hier, im Eigentum an Häusern, scheint mir eine Klippe zu liegen, an welcher Eure allgemeinen Prinzipien über Grundbesitz Schiffbruch leiden können. Eine der Grundlagen Eurer Organisation ist doch, daß Grund und Boden niemand eigentümlich gehören dürfe; Häuser aber stehen — wenn ich recht unterrichtet bin — im Privateigentum. Wie vereinbart sich das?“

„Jedermann“, so antwortete David, „verfügt für den Todesfall wie im Leben vollkommen frei über sein gesamtes Eigentum. Die Testierfreiheit ist eine unbedingte, nur ist dabei zu beachten, daß unter den Ehegatten vollständige Gütergemeinschaft besteht, woraus hervorgeht, daß nur der überlebende Teil über das gemeinsame Vermögen letztwillig verfügen kann. Das Eigentum am Hause jedoch kann nicht geteilt werden und ebensowenig ist es gestattet, auf einem Haus- resp. Gartengrunde mehr alseinWohnhaus zu errichten. Schließlich darf das Wohnhaus nur vom Eigentümer bewohnt, nicht aber vermietet werden. Geschieht von diesen drei Dingen eines, wird überhaupt der Hausgrund zu irgend einem anderen Zwecke, als zu Errichtung der Wohnstätte des Eigentümers verwendet, so trifft den Zuwiderhandelnden zwar keinerlei besondere Strafe und es wird auch keinerlei besonderer Zwang gegen ihn geübt, die unmittelbare Folge aber ist der Verlust des ausschließlichen Nutzungsanspruchs am Hausgrunde. Die Baufläche wird damit zu Boden gewöhnlicher Art, an welchem es kein Sonderrecht giebt, an welches jedermann das gleiche ungeteilte Anrecht hat. Denn nach unseren Anschauungen giebt es überhaupt kein Eigentum am Boden, also auch nicht am Baugrund des Hauses, und das Recht, solchen Boden abzusondern und für sich allein zu benutzen, ist lediglich ein zu bestimmten Zwecken eingeräumtes Nutznießungsrecht. Gleichwie z. B. der Eisenbahnreisende ein Anrecht auf den Platz hat, den er zuerst occupierte, jedoch nur zu dem Zwecke, um darauf zu sitzen, nicht aber, um dort seine Gepäckstücke abzuladen oder um ihn gegen Entgelt an Andere zu überlassen; so habe ich das Recht, den Platz auf Erden, auf welchem ich mein Heim gründen will, durch bloße Occupation für mich zu reservieren, und Niemand darf sich auf meinem Baugrunde neben mir ansiedeln, so wenig, als es ihm gestattet ist, auf der Eisenbahn neben mir auf meinem Sitze Platz zu nehmen, auch wenn im Notfalle Raum für zwei vorhanden wäre. Aber es liegt auch nicht in meinem Belieben, auf meinem Polster guten Freunden ein Plätzchen neben mir einzuräumen, denn die Mitreisenden brauchen sich die dadurch für sie erwachsenden Unbequemlichkeiten nicht gefallen zu lassen; sie können dagegen protestieren, daß die Beine und Ellbogen meines Sitzpartners ihnen zu nahe kommen und daß der nur für eine bestimmte Personenzahl berechnete Luftraum des Wagens durch meine Eigenmacht zahlreicheren Lungen zugeteilt werde. Ebenso brauchen es sich meineHausnachbarn nicht gefallen zu lassen, daß ihnen meine Mauern und Dachfirste zu nahe an den Leib rücken und daß ich eigenmächtig den Luftraum einer Stadt dichter fülle, als dem allgemeinen Übereinkommen entspricht.

„Nun habe ich aber in Ausübung meines mir auf eine bestimmte Bodenparzelle eingeräumten Nutzungsrechtes diese Parzelle untrennbar mit einem Dinge verbunden, auf welches mir nicht bloß Nutzungs-, sondern Eigentumsrecht zusteht, dem Hause nämlich. Daraus ziehen wir die Konsequenz, daß mein Nutzungsrecht auf denjenigen übergeht, dem ich — sei es entgeltlich oder unentgeltlich — das Eigentumsrecht an meinem Hause überlasse. Ich kann daher mein Haus verkaufen, vererben, verschenken, ohne daß ich daran durch den Umstand gehindert würde, daß mir am Baugrunde des Hauses kein Eigentum zusteht.“

Edenthal, 6. August.

Gestern besichtigten wir in Begleitung der beiden englischen Geschäftsträger die freiländische Centralbank, deren allumfassendes und gerade wegen dieser seiner Allgemeinheit verhältnismäßig so überaus einfaches Clearingsystem die höchste Bewunderung der sachverständigen beiden Herren erntete. Die Erkenntnis, mit wie verschwindend geringen Barbeträgen sich hier die Ausgleichung des gesamten riesigen Umsatzes vollzog, regte Lord Elgin zu der Frage an, wozu Freiland überhaupt das Gold als Wertmesser beibehalte; er sprach die Meinung aus, es wäre, da man ohnehin die wichtigsten Leistungen nach dem Werte der Arbeitszeit berechne, das Einfachste, diese Rechnungsmethode zu verallgemeinern, d. h. die Arbeitsstunde als Wertmesser, als Geldeinheit zu gebrauchen. Dies würde — so glaube er — auch der gesamten socialen Ordnung Freilands weit besser entsprechen, in welcher doch die Arbeit Quelle und Grundlage allen Wertes sei.

„Das ist“, entgegnete der Direktor des Instituts, Herr Clark, „eine von Fremden wiederholt schon geteilte Anschauung, sie beruht aber lediglich auf einer Verwechslung desWertmaßesmit derQuelledesEinkommens. Wir in Freiland haben der Arbeit das Recht auf den ganzen mit ihrer Hülfe hervorgebrachten Ertrag gesichert; wir begründen dies aber nicht durch die unwahre Behauptung, daß Arbeit die einzige Quelle des Wertes dieser Erträge sei, sondern dadurch, daß wir behaupten, der Arbeitende habe auch auf jene anderweitigen Faktoren, nämlich Kapital und Naturstoffe oder -Kräfte, die zur Wertbildung erforderlich sind, den gleichen Anspruch wie auf seine Arbeitskraft selber. Doch das nur nebenbei. Selbst wenn Arbeit die einzige Wertquelleund der einzige Wertbestandteilwäre, ist sie doch der denkbarschlechteste Wertmaßstab, denn sie ist unter allen Dingen, die überhaupt Wert besitzen, jenes, dessen Wert den größten Veränderungen ausgesetzt ist. Mit jedem Fortschritte menschlicher Kunstfertigkeit und Betriebsamkeit wächst ihr Wert, d. h. ein Arbeitstag oder eine Arbeitsstunde setzt sich fortlaufend in eine größere Menge aller erdenklichen anderen Werte um. Daß der Wert des Arbeitsproduktes verschieden ist, je nachdem die Arbeitskraft gut oder schlecht ausgerüstet, gut oder schlecht angewendet wird, kann gar keinem Zweifel unterliegen und wurde auch niemals ernstlich in Zweifel gezogen. Nun ist bei uns in Freiland allerdingsalleArbeitskraft möglichst gut ausgerüstet und verwendet, weil eben die vollkommene und schrankenlose Freiheit, sich der jeweilig besten, d. h. die höchsten Werte erzeugenden Arbeitsgelegenheit zuzuwenden, diese wenn auch nicht absolute, so doch relative Gleichartigkeit zuwege bringt; aber damit sie zuwege gebracht werde, ist eben ein fester und verläßlicher Maßstab erst recht vonnöten, an welchem der Wert der durch Arbeit erzeugten Dinge gemessen werden kann. Daß die auf Schuhwaren und auf Gespinste, auf Getreide und auf Eisenwaren gewendete Arbeit bei uns gleichwertig ist, zeigt sich ja erst dadurch, daß die in der gleichen Zeit erzeugten Schuhe, Gespinste, Körnerfrüchte und Eisenwaren gleichen Wert besitzen, welch letzteren Umstand aber nimmermehr die Vergleichung mit der aufgewendeten Arbeitszeit, sondern bloß die mit einer an sich wertbeständigen Sache anzeigen kann. Würden wir die in gleicher Zeit erzeugten Dinge schon deshalb allein für gleichwertig halten, weil sie eben in gleicher Zeit erzeugt sind, so würden wir sehr bald dahin gelangen, Schuhe zu erzeugen, die Niemand braucht, dafür aber Mangel an Gespinst zu leiden, und wir könnten unbekümmert um die Überfülle von Eisenwaren deren Erzeugung steigern, während vielleicht alle verfügbaren Hände erforderlich wären, um empfindlichem Getreidemangel abzuhelfen. Mit dem Arbeitstage als Wertmaß vermöchte — wenn er aus anderen Gründen nicht unmöglich wäre — nur der Kommunismus zu wirtschaften, der die Herstellung des richtigen Wechselverhältnisses zwischen Angebot und Nachfrage nicht dem freien Verkehre überläßt, sondern von Obrigkeitswegen bewerkstelligt, dies aber selbstverständlich nur in der Weise zu Wege bringt, daß er Niemand fragt, was er genießen und was er arbeiten will, vielmehr Genuß und Arbeit Jedermann von Obrigkeitswegen vorschreibt.

„Wir in Freiland dagegen, die wir das Gegenteil des Kommunismus, nämlich absolute individuelle Freiheit, verwirklicht haben, wir brauchen notwendiger als irgendwer ein möglichst genaues, verläßliches Wertmaß, das ist ein solches, dessen Tauschkraft allen anderen Dingen gegenüber möglichst geringen Abweichungen und Schwankungen ausgesetzt ist. Dieses möglichst beste, möglichst wertkonstante Maß nunhat die Kulturwelt mit Recht seit jeher im Golde erblickt. Diese Thatsache ist nicht etwa das Ergebnis irgend einer geheimnisvollen Eigenschaft dieses Metalles, sondern das seiner hochgradigen Dauerbarkeit, in deren Folge im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende Goldmengen aufgestapelt und der Nachfrage zur Verfügung gehalten wurden, im Vergleiche zu welchen die gewaltigsten Veränderungen der jeweiligen Produktion gar nicht in die Wagschale fallen. Während eine gute oder schlechte Weizenernte von ausschlaggebender Bedeutung für den jeweiligen Weizenwert ist, weil die alten Weizenvorräte im Verhältnis zum Ergebnisse der neuen Ernte nur von nebensächlicher Bedeutung sind, bleibt der Goldwert von noch so großen Schwankungen selbst mehrerer Produktionsjahre verhältnismäßig unberührt, weil die alten Goldvorräte für alle Fälle ganz außerordentlich größer sind, als das Ergebnis selbst der reichsten Ausbeute eines einzelnen Jahres. Alle Goldminen der Welt könnten mit einem Schlage vollständig versiegen, ohne daß dies auf die Menge des verfügbaren Goldes sofort von sonderlichem Einflusse wäre, während eine einzige allgemeine Getreidemißernte fürchterlichsten Getreidemangel zur sofortigen und unvermeidlichen Folge hätte. Dies also ist der Grund, warum Gold der bestmögliche, wenn auch keineswegs ein absolut guter Wertmaßstab ist. Die Arbeitszeit aber wäre unter allen denkbaren der schlechteste Wertmaßstab, denn weder sind zwei gleiche Arbeitszeiten notwendig wertgleich, noch behält die Arbeitszeit im allgemeinen unveränderten Wert, vielmehr wächst ihre Tauschkraft allen anderen Dingen gegenüber mit jedem zur Geltung gelangenden Fortschritte der Arbeitsmethoden.“

Wir waren alle überzeugt; nur konnte Lord Elgin die Bemerkung nicht unterdrücken, daß die Freiländer denn doch eine Reihe von Leistungen nach Arbeitsäquivalenten berechneten. Sofort erhielt er aber von meinem Vater die treffende Antwort, daß dies nach allem bisher Gehörten nur dort geschehe, wo eine mit der Steigerung des Wertes der Arbeit parallel laufende Erhöhung einer Zahlung geradezu beabsichtigt sei. Gehalte und Versorgungsansprüchesollensteigen, wenn der Ertrag von Arbeit und damit der allgemeine Verbrauch steige, und zwar genau im selben Maße, wie diese, und nur weil dies beabsichtigt ist, kann man sie nach Arbeitsäquivalenten bemessen.

Herr Clark machte uns jetzt darauf aufmerksam, welch’ weitgehende, alles durchdringende Offenheit und Übersichtlichkeit zufolge der durch die Bank geübten Klarstellung aller Verkehrs- und Erwerbsverhältnisse in allen pekuniären Angelegenheiten Freilands herrsche. Niemand kann weder sich noch andere über seine Mittel täuschen und eine der in socialer Beziehung wichtigsten Folgen davon ist, daß es Niemand beifällt, durch ungehörigen Aufwand glänzen zu wollen. Die Verschwendung entspringt nur zu häufig dem Bestreben, sich in den Augen der Welt als reicherdarzustellen, als man thatsächlich ist; ein solcher Versuch könnte hier zu Lande nur Lächeln erwecken. Doch auch wer aus übertriebenem Hange zu Luxus mehr ausgeben wollte, als er einnimmt, vermöchte dies nicht, da die Bank zu solchen Zwecken natürlich keine Kredite gewährt, und ohne diese der Verschwender geradezu auf die Mildthätigkeit seiner Mitbürger angewiesen wäre, um seinem Hange zu fröhnen. Die Höhe aller Einnahmen und Ausgaben liegt klar zu Tage, alle Welt weiß, was jedermann hat und woher er es hat. Und da es zudem jedermann freisteht, jeden beliebigen Erwerbszweig zu ergreifen, so können Unterschiede des Einkommens auch Niemandes Neid erwecken.

Nun warf aber Lord Elgin die Frage auf, ob sich aus den bei Feststellung von Honoraren unterschiedlicher Art, z. B. von Beamtengehalten, unvermeidlichen Willkür keinerlei Widerspruch zu dem sonst geltenden Prinzipe der unbeschränkten freien Berufswahl und dem gerade aus dieser Freiheit hervorgehenden Gleichgewichte der verschiedenen Arbeitserträge ergebe. „Wenn der Ertrag aus Wollenweberei aus irgendwelchem Grunde höher ist, als der aus Getreidebau, so werden neue Arbeitskräfte insolange zur Weberei übergehen, bis der beiderseitige Ertrag sich ins Gleichgewicht gesetzt hat; sollte sich etwa ein dauernder Mehrertrag bei einem dieser beiden Produktionszweige zeigen, so kann dies angesichts Ihrer Institutionen offenbar nur daher rühren, daß die Arbeit in diesem ertragreicheren die unangenehmere, anstrengendere, eventuell auch die höhere, seltenere Kenntnisse oder Fähigkeiten erfordernde ist; Niemand kann sich über die geringste Benachteiligung beklagen und insofern ist die im Wege der Freiheit hergestellte Harmonie geradezu bewunderungswürdig. Aber sowie es sich um Ernennungen und Gehalte handelt, muß doch diese Gleichheit aufhören. Sie als Chef eines Verwaltungszweiges verdienen 1400, Ihr Nachbar Handarbeiter bloß 600 Pfund; woher wissen Sie, daß letzterer sich darob nicht benachteiligt fühlt?“

„Wenn Sie, Mylord“, — meinte lächelnd Herr Clark — „darunter verstehen, woher ich wisse, ob sich mein Nachbar nicht dadurchvon der Naturbenachteiligt fühlt, daß er außer stande ist, gleich mir 1400 Pfund jährlich zu verdienen, so muß ich Ihnen antworten, daß ich darüber thatsächlich bloß Vermutungen, aber keine sichere Wissenschaft besitze; wenn Sie aber meinen, daß dieser mein Nachbar oder sonst jemand in Freiland in diesem meinem höheren Gehalte einen mir durch behördliche Willkür oder Gunst der Wähler zugewendeten, möglicherweise auch überflüssigen Vorteil erblicken könnte, so kann ich dies entschieden bestreiten. Denn mein Gehalt ist in letzter Auflösung gerade so das Ergebnis der freien Konkurrenz, wie der Arbeitsertrag meines fraglichen Nachbars. Ob ich der richtige Mann auf meinem Posten sei, darüber entscheidet allerdings die freie, durch keinerlei automatisch wirkendeEinrichtung zu ersetzende oder zu kontrollierende Meinung jener Körperschaften, von denen meine Wahl abhängt; mit welchem Gehalte jedoch mein Amt bedacht werden muß, damit geeignete, oder sagen wir als geeignet geltende Männer für dasselbe sich finden, das regelt sich genau nach den nämlichen automatischen Gesetzen, wie der Arbeitsertrag eines Webers oder Landbauers. Und zwar gilt dies vom Gehalte des jüngsten Postbeamten angefangen bis hinauf zu uns Chefs der freiländischen Verwaltungszweige. Die Ernennungen hängen überall vom freien Ermessen der Vorgesetzten oder der Wahlkollegien ab; aber diese Vorgesetzten und Wahlkollegien müssen die Gehalte so bestimmen, daß jederzeit eine genügende Anzahl geeignet befundener Bewerber vorhanden sei. Natürlich kann es dabei auf ein Pfund mehr oder weniger im Jahre nicht ankommen; es gilt als Grundsatz, daß die Gehalte stets so bemessen sein müssen, daß eher ein kleiner Überfluß als ein Mangel an Bewerbern sich einstelle; aber wenn der Überfluß ein gewisses Maß übersteigt, so reduziert man eben die Gehalte, während bei drohendem Mangel an Bewerbern mit Gehalterhöhungen vorgegangen würde. Als selbstverständlich will ich hier bloß einschalten, daß unter abgewiesenen Bewerbern in Freiland nicht brotlose Aspiranten zu verstehen sind; Ernennung oder Ablehnung sind niemals Existenz-, sondern bloß Neigungs-, allenfalls auch Eitelkeitsfragen. Ebenso verläßt man ein Amt, wenn anderwärts lohnendere oder angenehmere Beschäftigung winkt. Die Staatsämter werden auch nicht in jedem Dienstzweige gleich hoch bezahlt; besonders anstrengende, oder besondere Kenntnisse verlangende Arbeit setzt auch hier höheren Ertrag voraus, gerade wie bei den unterschiedlichen Gewerben. Und während der Arbeitsertrag gewöhnlicher Handarbeit das Richtmaß der niederen Beamtengehalte ist, wirken die Honorare der unterschiedlichen Associationsleiter bestimmend auf die Gehalte der oberen Stellen zurück. Dabei hat sich die auch bei Ihnen gemachte Erfahrung wiederholt, daß der Reiz mit öffentlicher Thätigkeit verbundener Stellungen die Gehalte von Verwaltungsbeamten, Professoren u. dergl. nicht unerheblich unter das Niveau jener Bezüge hinabdrückt, welche in den leitenden Stellen der Associationen zu erlangen sind. Im allgemeinen macht sich mit steigender Intelligenz einverhältnismäßiges— beileibe kein absolutes — Sinken der obersten Gehalte überall geltend. Aber während die Direktoren einzelner großer Associationen noch immer bis zu 5000 Stundenwerte im Jahre beziehen, erhalten die obersten Chefs der freiländischen Centralverwaltung derzeit nur mehr 3600, und auch das nur, weil die Parlamente der von uns unablässig beantragten Ermäßigung der oberen Gehalte ebenso unablässig zähen Widerstand entgegensetzen und sich nur zögernd und widerwillig dazu verstehen. Um gerecht zu sein, muß man übrigens hinzufügen, daß sich bei den Associationen das nämliche Spielwiederholt. Die Direktoren würden sich mit weit geringeren Gehalten begnügen, und von oben ausgehende Anträge auf Gehaltsreduktion sind, insbesondere in den letzten zehn Jahren, seitdem der Wert der Stundenäquivalente so sehr gestiegen ist, in den meisten Generalversammlungen geradezu stehende Formeln geworden. Ich wiederhole, daß diese Reduktion immer nur verhältnismäßig, d. h. mit Bezug auf den Ansatz in Stundenäquivalenten zu verstehen ist; der Wert der Arbeitsstunde hat sich binnen 20 Jahren vervierfacht; wer also, wie z. B. wir öffentlichen Verwaltungschefs, um 28 Procent weniger Stundenwerte erhält, als ursprünglich, dessen Einkommen hat sich, in Geld berechnet, doch nahezu verdreifacht. Die Associationen aber wollen in der Regel auch von einer so verstandenen Gehaltermäßigung nichts wissen. Sie besorgen, daß trotz aller von ihren Direktoren an den Tag gelegten Geneigtheit, sich mit geringeren Bezügen zu begnügen, denn doch der eine oder andere sich von einer konkurrierenden, höhere Bezüge zahlenden Gesellschaft ihnen werde abspenstig machen lassen, und da thatsächlich angesichts der Riesensummen, die solch eine große Association im Jahre umsetzt, einige hundert Pfund auf oder ab gar nicht der Rede wert sind, so geht es bei den Associationen mit der Gehaltsreduktion nur langsam vorwärts. Trotzdem gleicht sich der Abstand zwischen höchstem und geringstem Verdienste durchweg immer mehr aus, da wir in Folge der steigenden allgemeinen Bildung dem Gleichgewichte zwischen Angebot und Nachfrage auch in den höheren, besondere Fähigkeiten voraussetzenden Berufen stets näher kommen. Sollte dies Gleichgewicht dereinst vollkommen erreicht werden, was mit der Ausdehnung unserer Institutionen auf die gesamte Menschheit und dem damit verknüpften gänzlichen Verschwinden ungebildeter Massen unzweifelhaft stattfinden dürfte, so ist es unsere Meinung, daß auch die Unterschiede der Gehalte gänzlich verschwinden, oder doch auf ein Minimum sinken werden.“

Lord Elgin dankte für diese Aufklärung. Jetzt aber trat Sir Bartelet mit einer weitaus wichtigeren Frage hervor. „Was mir bei Besichtigung des bewältigenden Getriebes Ihrer Centralbank neuerlich und ganz besonders aufgefallen ist“, meinte er, „und worüber ich mir noch immer keine volle Rechenschaft zu geben vermag, das ist die Frage, wie es ohne Willkür und kommunistische Einrichtungen möglich ist, Kapitalien und zwar so ungeheure Kapitalien, wie sie bei Ihnen erforderlich sind, aufzubringen, ohne daß Kapitalzins gezahlt oder berechnet wird. Daß der Zins die notwendige und gerechte Belohnung des Kapitalisten für die „Entbehrungen“ sei, die er sich auferlegte, glaube ich zwar nicht; aber ich hielt ihn für den Tribut, den man dem Sparer dafür zahlen müsse, daß seine freiwillige Sparsamkeit die Gesellschaft der Notwendigkeit ungerechten Sparzwanges enthebt, der sonst von Obrigkeitswegen ausgeübt werden müßte. Was ich nun endlich wissenmöchte, wäre eine genaue Darlegung der Gründe, die Sie veranlaßten, den Kapitalzins zu verbieten. Oder teilen Sie in Freiland die Ansicht, daß es Unrecht sei, dem Sparer einen Anteil an den Früchten seiner Sparsamkeit zu gönnen?“

„Diese Ansicht teilen wir nicht“, war des Direktors Antwort. „Aber zunächst muß ich konstatieren, daß Sie von einer ganz falschen Voraussetzung ausgehen. Wirverbietenden Kapitalzins ebenso wenig, als wir den Gewinn des Arbeitgebers oder die Grundrente „verbieten“. Diese drei Einkommenzweige existieren hier zu Lande bloß aus dem Grunde nicht, weil Niemand in der Notlage ist, sie bezahlen zu müssen. Niemand wird Sie hindern, wenn Sie hier eine Fabrik eröffnen und zu deren Betrieb Lohnarbeiter anwerben wollen; nur allerdings müßten Sie diesen erstlich mindestens so viel bieten, als durchschnittlich in Freiland die Arbeit trägt, und zum zweiten würde es trotzdem fraglich sein, ob Sie überhaupt Leute fänden, die sich Ihrem Kommando unterordnen. Ähnlich verhält es sich mit der Grundrente. Bei uns ist der Boden — sofern er nicht zu Wohnstätten, sondern als Produktionsmittel dient — gänzlich herrenlos, frei gleich der Luft; er gehört weder Einzelnen, noch Vielen; Jedermann, der Boden bebauen will, steht es frei, dies zu thun, wo ihm beliebt, und seinen Anteil am Ertrage einzuheimsen. Damit entfällt natürlich alle Grundrente, die nichts anderes ist, als der Herrenzins für die Benutzung des Bodens; aber ein „Verbot“ wird man hier vergeblich suchen. Darin, daß ich kein Recht habe, anderen etwas zu verbieten, liegt doch wahrlich kein Verbot; man kann nicht einmal sagen, daß mir „verboten“ ist, etwas zu verbieten; mag ich es doch immerhin thun, Niemand wird mich hindern, nur auslachen wird mich alle Welt, genau so auslachen, als ob ich den Leuten das Atmen verbieten wollte, behauptend, die atmosphärische Luft sei mein Eigentum. Wo die Macht zur Durchsetzung solcher Prätensionen fehlt, braucht Niemand dieselben zu verbieten; sie dürfen nur nicht künstlich hervorgerufen und unterstützt werden, dann unterbleiben sie ganz von selbst. Diese Macht aber besitzt in Freiland Niemand, weil hier Niemand dazu gebraucht wird, den Boden mit Beschlag zu belegen, damit er bebaut werden könne. Das Zaubermittel aber, welches uns dazu verhalf, herrenlosen Boden zu kultivieren, ohne uns darob in die Haare zu geraten, ist das nämliche, welches uns auch zur Produktion ohne Arbeitgeber befähigte: die freie Association.

„Ebenso wenig aber verbieten wir den Kapitalzins. Niemand wird Sie in Freiland hindern, so hohe Kapitalzinsen zu fordern, als Ihnen nur immer beliebt; nur werden Sie allerdings Niemand finden, der sie Ihnen zahlt, weil Jedermann zinsloses Kapital in Hülle zur Verfügung steht. Nun fragen Sie aber, ob in dieser Verfügung über die Ersparnisse der Gesamtheit zu Gunsten der Kapitalbedürftigen kein Unrechtliege? Ob das nicht Kommunismus sei? Und zugeben will ich, daß hier die Sache nicht so einfach liegt, wie bei Unternehmergewinn und Grundrente. Der Kapitalzins wird nämlich für eine wirkliche greifbare Leistung entrichtet, die sich von derjenigen des Arbeitgebers und Grundrentners sehr wesentlich unterscheidet. Während nämlich die wirtschaftliche Leistung der beiden Letzteren in nichts anderem, als in der Geltendmachung eines Herrschaftsverhältnisses besteht, welches überflüssig wird in dem Momente, wo sich die arbeitenden Massen aus erzwungen gehorchenden Knechten in frei vergesellschaftete Männer verwandelt haben, bietet der Kapitalist dem Arbeiter ein Instrument, welches unter allen Umständen dessen Thätigkeit befruchtet. Und während ohne weiteres ersichtlich ist, daß mit der Etablierung der wirtschaftlichen Freiheit Arbeitgeber und Grundrentner nicht bloß überflüssig, sondern geradezu gegenstandlos werden, könnte bezüglich des Kapitalisten, des Besitzers von Ersparnissen, sogar behauptet werden, daß gerade die freie Gesellschaft in unendlich höherem Maße auf ihn angewiesen sei, als die geknechtete, weil sie viel mehr Kapital verwenden könne und müsse, als diese. Die zur Aufbringung der Kapitalien dienenden Abgaben werden nun gleichmäßig auf alle Produzenten verteilt; der Kapitalbedarf dagegen ist ein sehr ungleicher; wie kamen wir nun dazu, aus den Abgaben von Leuten, die vielleicht wenig Kapital brauchen, die Produktion anderer auszustatten, die zufällig starken Kapitalbedarf haben? Welchen Vorteil boten wir ersteren für die ihnen aufgenötigte Sparsamkeit?

„Und doch liegt die Antwort nahe genug.In der ausbeuterischen Gesellschaft hat allerdings der Gläubiger nicht den geringsten Vorteil von der, kraft seiner Ersparnisse durch den Schuldner bewerkstelligten Verbesserung der Produktion; in der auf socialer Freiheit und Gerechtigkeit beruhenden dagegen genau den nämlichen wie dieser.Wo — wie bei uns — jeder Produktionsvorteil sich gleichmäßig auf Alle verteilen muß, erledigt sich die Frage nach dem Anteil des Sparers am Nutzen seines Kapitals ganz von selbst. Der Maschinenschlosser oder Weber, dessen Abgabe beispielsweise zur Anschaffung oder Vervollkommnung landwirtschaftlicher Maschinen verwendet wird, hat davon — bei uns — genau den nämlichen Vorteil wie der betreffende Landwirt, denn Dank unseren Institutionen überträgt sich die in welcher Produktion immer erzielte Ertragssteigerung mittelbar auf alle Produktionsorte und Produktionsarten.

„Sollte man aber fragen, mit welchem Rechte ein den Kommunismus verwerfendes, auf freier Selbstbestimmung des Individuums gegründetes Gemeinwesen seine Mitglieder überhaupt zur Sparsamkeit zwingen könne, so ist die Antwort, daß solcher Zwang in Wahrheitgar nicht geübt wird. Die Abgabe, aus welcher die Kapitalisation bestritten wird, zahlt doch Jedermann nur nach Maßgabe seiner Arbeitsleistung. Zur Arbeit wird nun Niemand gezwungen; so weit er aber thatsächlich arbeitet, nimmt er ja die Kapitalien selbst in Anspruch; es wird von ihm nur verlangt und zwar genau proportional verlangt, was er selber gebraucht; der Gerechtigkeit sowohl als dem Selbstbestimmungsrechte geschieht also in jedem Punkte volles Genüge.

„Sie sehen, es gilt vom Kapitalzinse genau das nämliche, was bezüglich des Unternehmergewinnes und der Grundrente steht: die erlangte Fähigkeit der Association enthebt den Arbeitenden der Notwendigkeit, unter welchem Titel immer irgend einen Teil des Ertrages seiner Produktion an dritte Personen abzutreten. Der Zins verschwindet ganz von selbst, wie Gewinn und Rente, aus dem allein entscheidenden Grunde, weil der frei vergesellschaftete Arbeiter sein eigener Kapitalist so gut, wie sein eigener Arbeitgeber und Grundherr wird. Oder wenn man so will:Zins, Gewinn und Rente bleiben, sie verlieren nur ihr vom Arbeitslohne losgelöstes Sonderdasein; sie verschmelzen mit diesem zum einigen und unteilbaren Arbeitsertrage.“

Und damit gute Nacht für heute.


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