Edenthal, den 11. August.
Die Mitteilungen und Aufklärungen des Direktors der freiländischen Centralbank beschäftigten meinen Vater und mich noch lange aufs lebhafteste. Da dieser zu den Intimen des Ney’schen Hauses zählende hohe Funktionär für den nächsten Tag dort speiste, so bewegte sich das Tischgespräch um verwandte Themata. Zunächst wurde von meinem Vater die Frage aufgeworfen, in welcher Weise das freiländische Gemeinwesen der Gefahr vonKrisenbegegnet, die seines Erachtens hier viel verhängnisvoller sein müßten als irgend anderwärts.
„Krisen welcher Art immer — war die Antwort — müßten allerdings den ganzen Komplex der freiländischen Institutionen geradezu in die Luft sprengen; aber sie sind hierzulande eben unmöglich, die Quelle, aus welcher sie anderwärts entspringen, ist verschüttet. Denn die Ursache aller Krisen, sie mögen nun Produktions- oder Kapitalkrisen heißen, liegt einzig in der Überproduktion, d. h. in dem Mißverhältnisse zwischen Produktiv- und Konsumtionskraft und dieses Mißverhältnis existiert bei uns nicht. Allerdings behaupteten auch in der alten, ausbeuterischen Welt die Nationalökonomen, es gebe gar keine wirkliche Überproduktion, d. h. keine allgemeine Unverwendbarkeit von Produkten, denn, so führten sie aus, der Mensch arbeitet nur, sofern ihn irgend ein Bedürfnis dazu antreibt und es ist daherder Natur der Sache nach ausgeschlossen, daß jemals mehr Güter erzeugt, als gebraucht werden könnten. Das ist auch, unter einer Voraussetzung, auf die ich sofort zu sprechen kommen werde, vollkommen richtig. Jedermann will das, was er erzeugt, zur Deckung irgend eines Bedarfs gebrauchen; er will sein Produkt entweder selber verwenden oder gegen das Erzeugnis eines anderen Produzenten austauschen; was dieses andere Erzeugnis sei, ist gleichgültig,irgend ein Produkt ist es jedenfalls, und es sollte daher niemals die Frage sein, ob überhaupt, sondern allemal nur, welche Art von Produkten gerade gesucht wird. Nehmen wir an, die Weizenproduktion habe eine Verbesserung erfahren, so ist es allerdings möglich, daß damit der Weizenbedarf noch immer nicht, oder doch nicht gerade im Verhältnisse der gebotenen Möglichkeit der Produktionssteigerung wachse, denn daß die Weizenproduzenten ihren Mehrertrag gerade zu Mehrgebrauch von Weizen benutzen werden, ist allerdings nicht notwendig; aber dann sollte, so scheint es, die Nachfrage nach etwas anderem entsprechend zunehmen, z. B. nach Kleidern oder nach Werkzeugen, und wenn man dies nur allemal rechtzeitig vorher wüßte und die Produktion darauf einrichten könnte, so sollte es niemals eine Störung des Tauschverhältnisses der einzelnen Güterarten geben. Also nicht aus einem Zuviel von Produkten im allgemeinen, nicht aus einem Mißverhältnisse zwischen Produktivkraft und Verbrauch schlechthin, sondern aus vorübergehenden Störungen des richtigen Verhältnisses zwischen den einzelnen Produktionen erklärt die orthodoxe Doktrin die Krisen, indem sie noch hinzufügt, daß angesichts des in der ganzen Welt herrschenden Elends von mangelndem Bedarf zu reden, geradezu widersinnig sei.
„Bei dieser, im übrigen schlechthin unanfechtbaren Gedankenkette, ist nurEinesvergessen worden, nämlich die Grundeinrichtung der gesamten ausbeuterischen Gesellschaft. Allerdings ist es ein grauenerregender Widersinn, angesichts des grenzenlosen Elends von allgemein mangelndem Bedarfe reden zu müssen; wo aber die ungeheure Majorität der Menschen kein Anrecht auf die Früchte ihrer Arbeit besitzt, da erlangt dieser Widersinn eine fürchterliche Bedeutung. Was nützt es dem darbenden Arbeiter, daß er ganz vortreffliche und überaus dringende Verwendung für jene Produkte wüßte, die er hervorgebracht, wenn diese nicht ihm gehören? Bleiben wir bei dem Beispiel mit der durch verbesserte Kulturmethoden gesteigerten Weizenproduktion. Wenn es die landwirtschaftlichen Arbeiter wären, denen das Verfügungsrecht über das mehr erzeugte Getreide zustünde, so würden sie allerdings mehr oder feineres Brot essen, also einen Teil des Mehrprodukts selber verzehren; mit einem anderen Teile würden sie verstärkte Nachfrage nach Kleidern, mit einem dritten Teile ebenso verstärkte Nachfrage nach Werkzeugen hervorrufen, die ja notwendig wären, um das Mehr an Getreide und Kleidungsstoffen zu erzeugen. Hier würde es sich wirklich bloß darum handeln, das richtige Verhältnis zwischen Weizen-, Kleider- und Werkzeugproduktion, welches durch eine, lediglich bei Weizen eintretende Vermehrung allerdings gestört wäre, wieder herzustellen, und vermehrte Produktion, gesteigerter Wohlstand für Alle, wäre nach vorübergehenden Schwankungen die unvermeidliche Folge. Da aber der Mehrertrag von Weizenproduktion nicht den Arbeitern gehört, da diese für alle Fälle nur daszur Fristung ihres Lebens Erforderliche erhalten, so können sie infolge des auf ihrem Produktionsgebiete eingetretenen Fortschritts weder mehr Getreide, noch mehr Kleidungsstücke verbrauchen, und da dies nicht der Fall ist, so kann auch kein verstärkter Bedarf nach Werkzeugen zur Erzeugung von Weizen und Geweben entstehen.“
„Aber — so wendete ich ein — damit, daß den Arbeitern der Mehrertrag der Produktion vorenthalten bleibt, ist doch dieser Mehrertrag nicht herrenlos; er gehört den Arbeitgebern und diese sind doch auch Menschen, die ihren Gewinn zur Deckung irgend eines Bedürfnisses verwenden wollen; die Arbeitgeber werden ihren Gebrauch steigern, und abermals — so sollte man meinen — wird es unmöglich sein, daß ein allgemeines Mißverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage einträte. Nur werden es allerdings andere Bedarfsartikel sein, auf welche sich die Produktion werfen muß, um das gestörte Gleichgewicht der einzelnen Arbeitszweige herzustellen. Gehörte der Mehrertrag den Arbeitern, so würde man mehr Getreide, ordinäre Gewebe und Werkzeuge brauchen; da er den wenigen Arbeitgebern gehört, so wird sich die Nachfrage bloß bei feinen Leckerbissen, Spitzen, Equipagen und bei Werkzeugen steigern, die zur Erzeugung dieser Luxuswaren erforderlich sind.“
„Vortrefflich!“ mengte sich hier David in das Gespräch, „nur daß die Arbeitgeber keineswegs gewillt sind, die Überschüsse, welche ihnen der Mehrertrag ihrer Produktion liefert, in sonderlichem Maße zur Steigerung ihres Luxuskonsums zu verwenden, sondern der Hauptsache nach kapitalisieren, d. h. den Mehrertrag in Werkzeugen der Produktion anlegen wollen. Ja, unter Umständen ist der „Arbeitgeber“, wie wir gestern schon gehört, gar kein Mensch, der menschliche Bedürfnisse besitzt, sondern ein Popanz, der nichts genießt und alles kapitalisiert.“
„Desto besser!“ meinte ich, „desto rascher kann der Reichtum zunehmen, denn rasch wachsende Kapitalien bedeuten rasch wachsende Produktion und diese ist an sich gleichbedeutend mit rasch wachsendem Reichtume.“
„Herrlich!“ rief David. „Also weil die arbeitenden Massenihren Konsum nicht steigern können, die Arbeitgeber den ihrigen nicht entsprechend steigern wollen, weil man demnach von keinerlei menschlichen Bedarfsartikeln mehr gebrauchen kann, als zuvor, so benützt man die überschüssige Produktivkraft zur Vermehrung der Produktionsmittel. D. h. mit anderen Worten: Niemand braucht mehr Getreide — folglich bauen wir neue Pflüge; niemand braucht mehr Gewebe — folglich errichten wir neue Spinnereien und Webereien! Ermissest du noch nicht den Gipfel des Unsinnes, zu welchem Eure Doktrin führt?“
Ich glaube, Luigi, Du wirst gleich mir zugeben, daß sich gegen dieses ebenso einfache als überzeugende Raisonnement schlechterdings nichts einwenden ließ. Eine Wirtschaftsordnung, die den Produkten des menschlichenFleißes und Erfindungsgeistes die einzige Verwendung, der sie in letzter Linie alle dienen, nämlich die bessere Befriedigung irgendwelcher menschlicher Bedürfnisse, abschneidet und sich dann wundert, daß dieselben nicht verwendet werden können, ist thatsächlich an der Grenze des Blödsinns angelangt. Und daß die Dinge bei uns in Europa und Amerika wirklich so liegen, muß schließlich jedermann einleuchten.
„Aber was geschieht — um des Himmels willen — mit der solcherart bei uns unverwendbar gewordenen Produktivkraft?“ fragte ich weiter. „Wir sind der Hauptsache nach in Künsten, Wissenschaften und technischen Fertigkeiten so vorgeschritten, als Ihr in Freiland; ich muß also glauben, daß wir, besäßen wir nur Verwendung für alle Erträge unserer Produktion, so reich, oder doch annähernd so reich sein könnten, wie Ihr. Nun besitzen wir aber thatsächlich lange nicht den zehnten Teil Eures Reichtums und trotzdem wird bei uns ungefähr doppelt so angestrengt gearbeitet, als hier. Denn wenn auch bei Euch alles arbeitet, während es bei uns einige Müssiggänger gibt, die lediglich von fremder Arbeit leben, so fällt dies doch angesichts des Umstandes, daß unsere arbeitenden Massen acht bis zehn Stunden und darüber ins Joch gespannt sind, während hier durchschnittlich bloß fünf Stunden lang gearbeitet wird, gar nicht ins Gewicht. Es gibt bei uns zahlreiche Millionen feiernder Arbeiter, allerdings; aber auch das wird überreichlich aufgewogen durch Weiber- und Kinderarbeit, die Ihr nicht kennt; wo also — ich wiederhole es — liegt der unermeßliche Unterschied in der Ausnutzung unserer und Eurer Produktivkräfte?“
„In derAusrüstungder Arbeitskräfte“, war die Antwort. „Wir Freiländer arbeiten weniger angestrengt als Ihr, aber wir benutzen dazu alle Behelfe der Wissenschaft und Technik in vollstem Umfange, während Ihr dies nur ausnahmsweise und nirgends so vollkommen als wir, vermögt. Alle Erfindungen und Entdeckungen der großen Geister der Menschheit sind Euch so gut bekannt, als uns; in allgemeinem Gebrauche aber stehen sie nur bei uns. Da Euch Eure herrlichen socialen Einrichtungen den Genuß jener Dinge verwehren, zu deren erleichterter Erzeugung doch all jene Erfindung einzig dienen — nun so bedient Ihr Euch ihrer eben nicht, oder doch nur entsprechend jenem geringen Maße, in welchem Eure Einrichtungen Euch den Genuß zumessen.“
Selbst mein Vater war von dieser vernichtenden Beleuchtung eines Systems, das als höchsten Ausfluß ewiger Weisheit zu verehren er von jeher gewöhnt gewesen, aufs tiefste erschüttert. „Unglaublich! Schrecklich!“ murmelte er, nur mir verständlich.
Herr Clark aber fuhr fort: „Bei uns hingegen ist der Lehrsatz der sog. klassischen Ökonomie, daß ein allgemeines Zuviel an Produkten unmöglichsei, allerdings zur Wahrheit geworden, denn in Freiland decken sich Konsum und Produktivität thatsächlich aufs vollkommenste. Hier könnte es also wirklich bloß geschehen, daß vorübergehend zu viel voneinzelnenDingen erzeugt, d. h. daß das Gleichgewicht der verschiedenen Produktionsarten zeitweilig gestört würde. Doch auch diese, an sich geringfügige Gefahr brauchen wir nicht zu fürchten. Der durch unsere Einrichtungen bewerkstelligte innige Zusammenhang aller Produktionsinteressen gewährleistet von vornherein das Gleichgewicht aller Produktionserträge. Genauer besehen ist ganz Freiland eine einzige große Produktionsgenossenschaft, deren einzelne Mitglieder unabhängig von einander sind in allen Dingen, in einem Punkte jedoch zusammenhängen, im Ertrage ihrer Arbeit nämlich. Gerade weil jedermann arbeiten kann wo und was ihm beliebt, jedermanns Arbeit aber in dem einen Zwecke der Erzielung möglichst hohen Nutzens zusammenläuft, so ist es, von vorübergehenden nebensächlichen Irrungen abgesehen, anders gar nicht möglich, als daß der bei gleicher Arbeit erzielbare Nutzen überall der gleiche sei. Alle unsere Einrichtungen gipfeln in diesemeinenPunkte. Anfangs, so lange unser Gemeinwesen noch im Werden begriffen war, kam es vor, daß ziemlich bedeutende Ungleichheiten erst nachträglich ausgeglichen werden konnten; die Produzenten wußten oft erst nach Abschluß der Jahresbilanzen, was sie und was andere verdient hatten. Das ist ein längst überwundenes Stadium der Kindheit; heute weiß jeder Freiländer bis auf geringfügige, durch unvorhergesehene kleinere Zufälle herbeigeführte Abweichungen ganz genau, was er und alle anderen nicht bloß verdient haben, sondern was sie aller Voraussicht nach in nächster Zukunft verdienen werden; er wartet nicht erst, bis Ungleichheiten eingetreten sind, um sie dann auszugleichen, sondern er sorgt dafür, daß Ungleichheiten gar nicht eintreten. Da unsere Statistik jederzeit mit untrüglicher Sicherheit angibt, was in jedem Produktionszweige jeweilig erzeugt wird und der Bedarf sowohl, als dessen Einfluß auf die Preise überall aus sorgfältiger Beobachtung früherer Jahre genau bekannt ist, so läßt sich die Rentabilität nicht bloß jedes Produktionszweiges, sondern jedes einzelnen Etablissements so verläßlich vorherberechnen, daß namhaftere Irrtümer nur im Falle elementarer Katastrophen möglich sind. Ereignen sich solche, nun dann greift eben die wechselseitige Versicherung helfend ein; im übrigen giebt es hierzulande nicht bloß keine Krisen, sondern nicht einmal sonderliche Ertragsschwankungen der verschiedenen Produktionen. Unser statistisches Amt veröffentlicht ununterbrochen genaue Zusammenstellungen, aus denen jederzeit zu ersehen ist, wo in nächster Zukunft Bedarf, wo Überfluß an Arbeitskraft herrschen wird; nach diesen Ausweisen richtet sich unser Arbeiternachwuchs und das genügt, von höchst seltenen Ausnahmen abgesehen, vollkommen zur Erhaltung des Gleichgewichts der Erträge. Daß da oder dort ein neueingerichtetes Etablissementverunglückt, kommt manchmal, insbesondere bei der Minenindustrie vor. Aber dieses Verunglücken darf man sich nicht etwa als Bankerott vorstellen — wie sollen Unternehmer bankerottieren, die weder Grundrente, noch Kapitalzins, noch Arbeitslohn zu bezahlen haben und denen für alle Fälle ihre hochwertige Arbeitskraft bleibt — sondern schlimmstenfalls als getäuschte Erwartung. Und verliert in einem ganz besonderen Falle das Gemeinwesen oder irgend eine Association durch den vorzeitigen Tod eines Schuldners wirklich die dargeliehene Summe — was kann das angesichts der gefahrlos umgesetzten Riesensummen unseres Verkehrs zu bedeuten haben? Sollte man zur Deckung solcher Verluste ein Delcredere einheben, es würde kaum Tausendteile eines Prozents betragen und wäre die seinetwegen verspritzte Tinte nicht wert.“
„Und stören auswärtige Katastrophen nicht zeitweilig den ruhigen Gleichgang Ihrer freiländischen Produktion? Werden Ihre Märkte nicht durch ausländische Überproduktion mit Waren überflutet, für die entsprechende Verwendung fehlt?“ fragte ich.
„Daß die durch die anarchische Gestaltung der ausbeuterischen Produktionsverhältnisse so häufig eintretenden heftigen Preisschwankungen der Welthandelsgüter nicht auch für uns mit empfindlichen Unannehmlichkeiten verknüpft wären, kann allerdings nicht behauptet werden. Wir sehen uns dadurch nur zu oft genötigt, einzelne Produktionen einzuschränken und die damit frei werdenden Arbeitskräfte anderen Erzeugungsarten zuzuwenden, ohne daß ein wirklicher Wechsel in den Produktionskosten oder in den Bedarfsverhältnissen dies begründen würde. Thatsächlich sind diese fremden, plötzlichen und unberechenbaren Einflüsse bisweilen Schuld daran, daß zur Erhaltung des Gleichgewichts der Erträge wirkliche Auswanderung von Arbeitskräften aus einer Produktion in die andere notwendig wird, während zu Ausgleichung der aus natürlichen Gründen eintretenden Verschiebungen des Angebots und der Nachfrage fast immer die planmäßige Zu- oder Ableitung des Arbeiternachwuchses genügt. Eine tiefergehende Erschütterung unserer Erwerbsverhältnisse aber vermögen auch diese sprunghaften ausländischen Ereignisse nicht herbeizuführen. Gleichwie es unmöglich ist, eine Flüssigkeit, die jedem Drucke oder Stoße nachgibt und ausweicht, aus dem Gleichgewichte zu bringen, so kann auch unsere Wirtschaft, gerade wegen ihrer absoluten freien Beweglichkeit, nie ihr Gleichgewicht verlieren. In unnütze, störende Bewegung mag sie gebracht werden, aber die natürliche Schwerkraft stellt sofort das Gleichmaß aller Verhältnisse wieder her.“
Nach beendeter Mahlzeit lud uns Herr Ney ein, ihn in den Volkspalast zu begleiten, wo heute das Fachparlament für öffentliche Arbeiten eine Nachtsitzung halten werde, um über ein von ihm vorgelegtes großes Kanalprojekt sich schlüssig zu machen. Er glaube, daß der Gegenstand auch uns interessieren werde. Wir nahmen mit Dank an.
Das Fachparlament für öffentliche Arbeiten besteht aus 120 Mitgliedern; die meisten derselben sind, wie mir David, der mit von der Partie war, erklärte, Direktoren großer Associationen, insbesondere der das Baugewerbe betreibenden; doch sitzen auch Professoren technischer Hochschulen und andere Fachmänner in demselben. Laien, die von öffentlichen Arbeiten nichts verstehen, giebt es in dieser Körperschaft nicht, und ohne weiteres kann behauptet werden, daß dieselbe die Blüte und Quintessenz des technischen Wissens und Könnens von ganz Freiland in sich schließt.
Das Projekt, welches gegenwärtig vorlag, war vor Jahresfrist seitens der Direktoren der Wasser- und Hochbau-Associationen von Edenthal, Nordbaringo, Ripon und Strahlstadt, in Verbindung mit zwei Professoren der technischen Hochschule von Ripon angeregt worden. Es handelte sich bei demselben um nichts geringeres, als um die Herstellung einer für Schiffe bis zu 2000 Tonnen fahrbaren Wasserstraße vom Tanganika über den Muta-Nzige und Albert-Njanza unter Benutzung des Nillaufes bis an das Mittelländische Meer einerseits und von der Kongomündung den Kongo aufwärts über den Aruwhimi in den Albertsee, von dort unter Benützung einiger kleinerer Ströme über den Baringosee an den Unterlauf des Dana und von hier an den indischen Ocean. Es waren das also zwei Wasserwege, deren einer die großen centralafrikanischen Seen mit dem Mittelmeere, der andere, quer durch den ganzen Weltteil, den atlantischen mit dem indischen Ocean verbinden sollte. Da ein Teil der zu diesem Behufe erforderlichen gewaltigen Arbeiten auf fremdem Gebiete — dem des Kongostaates und Ägyptens — durchgeführt werden mußte, so waren Verträge mit diesen Staaten abgeschlossen worden, die Freiland alle notwendigen Rechte einräumten. Die Bereitwilligkeit der fremden Regierungen, auf die Wünsche der Edenthaler Verwaltung einzugehen, wird man begreiflich finden, wenn man erwägt, daß Freiland keinerlei Gebühr für die Benutzung seiner Kanäle einzuheben, den Nachbarn also ein freies Geschenk mit seinen kolossalen Arbeiten zu machen gedachte. Im Zusammenhange mit diesem Projekte stand auch das auf Erwerbung des Suez-Kanals, der zu doppelter Breite und Tiefe ausgebaggert und dem Verkehre gleichfalls zu unentgeltlicher Benutzung übergeben werden sollte. Die englische Regierung, welcher der größte Teil der Kanalaktien gehörte, war den Freiländern mit weitgehender Liberalität entgegengekommen; sie überließ ihnen ihre Aktien zu einem sehr mäßigen Preise, so daß diese es nur mit den kleineren Aktionären zu thun hatten, welche allerdings die Situation weidlich auszunützen verstanden. Die britische Regierung verlangte Sicherheit für die unantastbare Neutralität des Kanals und förderte im übrigen das Unternehmen nach Kräften.
Die präliminierten Kosten waren die folgenden:
Süd-Nordkanal (Gesamtlänge 6250 Kilometer)385Mill. Pfund,Ost-Westkanal (Gesamtlänge 5460 Kilometer)412Mill. Pfund,Suez-Kanal (für Ankauf und Erweiterung)280Mill. Pfund.Zusammen1077Mill. Pfund.
Die Bauzeit war mit 6 Jahren in Aussicht genommen, so daß im Jahresdurchschnitt rund 180 Millionen erforderlich schienen. Nach den bisherigen Erfahrungen glaubte die freiländische Verwaltung darauf rechnen zu dürfen, daß die jährlichen Gesamteinkünfte des Landes sich im Laufe der nächsten sechs Jahre von 7 Milliarden — ihrem vorjährigen Stande — successive auf mindestens 10½ Milliarden steigern und 8½ Milliarden im Durchschnitte der sechs Jahre betragen würden; der Bauaufwand beanspruchte also bloß 2⅛ Prozent des zu erwartenden Nationaleinkommens und konnte gedeckt werden, ohne daß eine Erhöhung der auf dieses Einkommen gelegten öffentlichen Abgaben über ihr normales Maß erforderlich gewesen wäre. Dem Kostenvoranschlage waren die detaillierten Baupläne beigelegt, desgleichen eine Rentabilitätsberechnung, nach welcher die Kanäle schon im ersten Jahre ihrer Inbetriebsetzung eine voraussichtliche Transportkostenersparnis von 32 Millionen Pfund im Gefolge haben, also schon dadurch allein und unter Berücksichtigung der voraussichtlichen Frachtenzunahme in ungefähr 30 Jahren sich bezahlt machen würden; außerdem aber sollten diese künstlichen Wasserstraßen teilweise auch als Be- und Entwässerungskanäle dienen und der hieraus sich ergebende Nutzen war mit 45 Millionen Pfund im Jahresdurchschnitte berechnet, so daß die Kosten der sämtlichen Anlagen binnen längstens 14 Jahren getilgt sein mußten, wobei überall bloß der auf Freiland entfallende, nicht aber der dem Auslande mit eingeräumte Nutzen in Rechnung gestellt war.
Da die sämtlichen Vorlagen schon seit einigen Wochen in Händen des Fachparlamentes und von diesem sorgfältig studiert worden waren, so ging dasselbe unmittelbar in die Beratung derselben ein. Prinzipieller Widerspruch wurde von keiner Seite erhoben; die Verhandlung bewegte sich der Hauptsache nach bloß um zwei Fragen: erstlich, ob es nicht möglich wäre, die Bauzeit zu verkürzen, zweitens, ob nicht eine gleichfalls tracierte und mit allen Detailplänen vorgelegte Alternativlinie der von der Verwaltung empfohlenen vorzuziehen wäre. In ersterer Beziehung stellte sich heraus, daß durch ein von gewiegten Fachmännern vorgeschlagenes, ganz neues System der Baggerung thatsächlich ein halbes Jahr Bauzeit erspart werden könnte; es wurde also beschlossen, dem entsprechend vorzugehen; bezüglich der zu wählenden Trace dagegen entschied sich die Versammlung infolge der von Herrn Ney geltend gemachten Gründe einstimmig für den Plan der Centralverwaltung. Dieganze Debatte währte keine drei Stunden; nach Verlauf derselben hatte die Verwaltung die Ermächtigung, 1077 Millionen Pfund Sterling, etwas mehr als die Anlagekosten sämtlicher Kanäle der übrigen civilisierten Welt betragen, binnen 5½ Jahren zu dem Zwecke auszugeben, damit Oceandampfer den afrikanischen Kontinent von Ost nach West durchqueren, aus dem Mittelmeere bis 10 Breitengrade südlich vom Äquator eindringen und den Weg vom Mittelmeere ins rote Meer gebührenfrei und ohne jeden Aufenthalt zurücklegen könnten.
Ich war von all dem geradezu konsterniert. „Wenn ich mir nicht vorgenommen hätte, das Wort ‚unmöglich‘ hier aus meinem Wörtervorrate zu streichen, so würde ich es jetzt anwenden“, meinte ich auf dem Heimwege Herrn Ney gegenüber. Bemerken will ich noch, daß in den freiländischen Parlamenten alle Vorlagen auch unter das anwesende Publikum verteilt werden, so daß ich Gelegenheit gehabt hatte, die Details des soeben zur Annahme gelangten Projektes oberflächlich einzusehen. Du weißt, daß ich von derlei Dingen Einiges verstehe und so war ich denn in der Lage, den Plänen zu entnehmen, daß die beiden Binnenschiffahrtkanäle mehrere Wasserscheiden passieren. Eine dieser Wasserscheiden kenne ich nun zufällig ziemlich genau, da wir sie teils auf unserer Reise, teils bei unseren Ausflügen erst kürzlich passiert hatten; sie erhebt sich meiner Schätzung nach mindestens 500 Meter über die Kanalsohle; ich fragte nun Herrn Ney, ob er denn wirklich mit einem Wasserwege für Zweitausendtonnen-Schiffe 500 Meter auf- und abwärts klimmen wolle; das sei doch bau- und betriebstechnisch gleich unausführbar.
„Natürlich!“ gab dieser lächelnd zu. „Wenn Sie jedoch die Detailpläne genauer einsehen wollen, so werden Sie finden, daß wir solche Wasserscheiden nicht vermittels zahlreicher Schleußenübersteigen, sondern vermittels eines oder mehrerer Tunnelsunterfahren.“
Jetzt blickte ich ihn aber erst recht ungläubig an und auch mein Vater machte ein nicht minder erstauntes Gesicht.
„Was finden Sie daran gar so merkwürdiges, meine werten Gäste? Warum soll bei Kanälen unpraktisch sein, was bei Eisenbahnen, die doch immer noch viel leichterüberBerg und Thal zu führen wären, schon so lange und in so ausgedehntem Maße geübt wird?“ fragte Herr Ney. „Unsere Kanaltunnels sind sehr teuer, das gebe ich Ihnen zu; da sie uns aber beim Betriebe das kostbarste von allen Dingen, d. i. menschliche Arbeit, ersparen, so sind sie für unsere Verhältnisse überaus praktisch. Zudem hatten wir ja in zahlreichen Fällen keine andere Wahl, als die Kanäle fallen zu lassen, oder Tunnels zu bauen. Die Wasserscheide, von der Sie sprachen, ist gar nicht die bedeutendste von allen; unser größter Durchbruch — er verknüpft das Flußgebiet des Ukerewe mit dem des Indischen Oceans — geht in einerLänge von 17 Kilometern 1200 Meter unter der Wasserscheide, und alles in allem haben wir in diesem neuen Projekte nicht weniger als 132 Kilometer Tunnelbauten. Dieselben sind übrigens durchaus nichts ganz neues; auch in Frankreich giebt es — wie Sie wissen — einige, wenn auch sehr kurze Wassertunnels; wir besitzen deren schon in unserem alten Kanalsysteme mehrere ganz respektable, nur können sie sich allerdings weder an Längenentwicklung noch an Mächtigkeit mit diesen neuen vergleichen, auf denen große Oceanfahrer — mit zurückgelegten Masten natürlich — durch die Eingeweide ganzer Gebirgszüge hindurchdampfen werden. Das kostet Riesensummen, aber bedenken Sie doch, daß jede Stunde Zeitgewinn eines freiländischen Matrosen heute schon ihre 8 Schilling wert ist und von Jahr zu Jahr an Wert gewinnt.“
„Unbegreiflich aber bleibt mir trotz alledem die Raschheit, ich möchte fast sagen die Nonchalance, mit welcher diese Milliarde Ihnen votiert wurde, als handle es sich um die nächstbeste Kleinigkeit“, meinte mein Vater. „Ich will der Ehrenhaftigkeit sämtlicher Mitglieder Ihres Fachparlamentes für öffentliche Bauten beileibe nicht nahe treten; aber verschweigen kann ich nicht, daß mir die ganze Versammlung den Eindruck machte, als verspräche sie sich den größten persönlichen Vorteil aus der möglichst raschen und großartigen Durchführung des Werkes.“
„Dieser Eindruck war auch ganz der richtige“, gab Herr Ney zur Antwort. „Doch bitte ich hinzuzufügen, daß jeder Bewohner Freilands genau den nämlichen persönlichen Gewinn aus der Verwirklichung dieses Kanalprojekts ziehen muß und wird. Nur weil dem so ist, weil bei uns jene Solidarität der Interessen Wahrheit ist, von welcher man außerhalb Freilands fälschlich spricht, nur deshalb können wir so ungeheure Summen für jede Anlage ausgeben, von welcher nachzuweisen ist, daß ihr Nutzen den Kostenaufwand überragt. Wird bei Ihnen ein Kanal gebaut, der die Ertragsfähigkeit weiter Landstrecken erhöht, so dociert Ihre Schulökonomie zwar auch, daß er den Wohlstand Aller befördere; richtig ist dies aber nur für die Besitzer der betreffenden Grundstücke, während den großen Massen der Bevölkerung solch ein Kanal nicht das geringste nützt, den Besitzern anderer, konkurrierender Grundstücke vielleicht geradezu schadet. Die Ermäßigung der Getreidepreise — so behaupten Ihre Staatswirte — komme den nichtbesitzenden Massen zu statten; sie vergessen dabei die Kleinigkeit, daß der ‚Arbeitslohn‘ sich auf die Dauer nicht zu behaupten pflegt, wenn die Getreidepreise sinken. Dem steht allerdings als Trost auf der andren Seite gegenüber, daß die nichtbesitzenden Massen auch durch die Abgabenerhöhung, welche solche öffentliche Bauten beanspruchen, nicht dauernd geschädigt werden können; denn wer nicht mehr Lohn bezieht, als zur Lebensfristung notwendig ist, dem kann auf die Dauer auch nicht vielentzogen werden; ihm auferlegte Abgaben müssen also in letzter Linie auf den Arbeitgeber oder den Consumenten abgewälzt werden. Der Streit um solche Anlagen ist daher bei Ihnen zu Hause ein Interessenkonflikt, einzelner Grundeigentümer und Arbeitgeber, von denen ein Teil gewinnt, während andere leer ausgehen oder geradezu geschädigt werden. Bei uns dagegen ist jedermann gleichmäßig nach Maßgabe seiner Arbeitsleistung am Nutzen fruchtbringender Investitionen interessiert, und da ebenso jedermann gleichmäßig nach Maßgabe seiner Arbeitsleistungen zur Kostendeckung herangezogen wird, so ist hier ein Interessenkonflikt, oder auch nur eine Unverhältnismäßigkeit des Vorteils schlechterdings ausgeschlossen. 7 Millionen Hektaren Landes werden durch die neuen Kanäle aus Sümpfen in fruchtbaren Ackerboden verwandelt werden; wer wird den Vorteil davon haben, wenn dieser jungfräuliche, dicht an so vortrefflicher Wasserstraße gelegene Boden um etliche Pfd. Sterling pro Hektar jährlich mehr trägt, als anderer? Nun offenbar jedermann in Freiland und zwar jedermann gleichmäßig, er mag Landbauer, Industrieller, Professor oder Beamter sein. Wer zieht Gewinn aus der Ermäßigung der Frachten? Etwa bloß die Associationen und Arbeiter, welche die neuen Wasserstraßen zum Transporte thatsächlich benutzen? Keineswegs; denn jeden Vorteil, welchen sie solcherart erlangen, müssen sie, Dank der unbeschränkten Beweglichkeit unserer Arbeitskräfte, mit jedermann in ganz Freiland teilen. Wir überlassen daher mit der größten Seelenruhe die Entscheidung über derlei Fragen jenen, die dabei am unmittelbarsten interessiert sind. Diese wissen am besten, was ihnen nützt, und da ihr Nutzen sich vollkommen mit jedermanns Nutzen deckt, so steht ihnen jedermanns, d. h. des Gemeinwesens, Kasse so weit und frei geöffnet, wie nur immer ihre eigene. Mögen sie nur hineingreifen — je tiefer, desto besser! Wir haben nicht zu untersuchen,wemdie Investition nützt, sondern bloß,obsie überhaupt nützlich ist, d. h. Arbeitskraft erspart.“
„Wunderbar, aber wahr!“ mußte mein Vater zugeben. „Da dem aber so ist, da hierzulande wirklich die vollkommenste Interessensolidarität besteht, so ist mir hinwieder unerklärlich, warum sie die Rückzahlung jener Kapitalien verlangen, die das Gemeinwesen den einzelnen Associationen vorstreckt.“
„Weil das Gegenteil der Kommunismus mit allen seinen unvermeidlichen Konsequenzen wäre“, war die Antwort. „Der eventuelle Vorteil aus derartiger unentgeltlicher Kapitalzuwendung käme zwar auch hier Allen gleichmäßig zugute, wer aber könnte in diesem Falle dafür einstehen,obsolche Kapitalanlagen vorteilhaft oder schädlich wären. Denn vorteilhaft ist eine Kapitalanlage doch nur in dem Falle, wenn mit deren Hilfe mehr Arbeit erspart wird, als die Herstellung der Kapitalien selber kostet. Eine Maschine, die mehr Arbeit fordert, alshereinbringt, ist schädlich. Derzeit nun sind wir gegen solche Vergeudung, zum mindesten gegen absichtliche Vergeudung von Kapitalien gesichert. Das Gemeinwesen sowohl, als die Einzelnen können sich in ihren Berechnungen täuschen, sie können eine Anlage für rentabel halten, die sich nachträglich als unrentabel erweist, d. h. die auf ihre Herstellung verwendete Arbeit nicht hereinbringt; dieAbsichtbei allen Anlagen jedoch kann immer nur auf Kraftersparnisse gerichtet sein, denn das Gemeinwesen sowohl als die Einzelnen müssen ein jeder seine Anlagen bezahlen. Wenn aber das Gemeinwesen auch für die Kapitalanlagen der Einzelnen, respektive der Associationen, aufzukommen hätte, dann läge für die einzelne Association kein Grund vor, nicht auch solche Einrichtungen zu fordern, die weniger Kraft ersparen, als zu ihrer Herstellung beanspruchen; die notwendige Ergänzung dieser Liberalität des Gemeinwesens wäre daher, daß sich dieses ein Recht der Überwachung und Bevormundung den Kapitalbedürftigen gegenüber herausnähme, welches mit Freiheit und Fortschritt unvereinbar wäre. Alles Gefühl der Selbstverantwortung ginge verloren, das Gemeinwesen müßte sich in Verhältnisse mengen, denen es nicht gewachsen ist, und Verluste wären trotz aller beengenden Willkür von Oben unvermeidlich.“
„Das ist wieder so einleuchtend und einfach, als nur immer möglich“, meinte mein Vater. „Ich erbitte mir aber für einen ferneren Punkt nähere Erklärung. Kraft der bei Ihnen herrschenden Interessensolidarität nimmt jedermann an den Vorteilen aller wo immer eintretenden Verbesserungen teil; dies geschieht in der Weise, daß jedermann das Recht hat, einen minderergiebigen Produktionszweig oder Produktionsort mit einem sich ergiebiger erweisenden zu vertauschen. Welches Interesse hat also dereinzelneProduzent, respektive dieeinzelneAssociation, Verbesserungen einzuführen, da es doch viel einfacher, bequemer und gefahrloser erscheinen muß, Andere vorangehen zu lassen und sich ihnen erst anzuschließen, wenn der Erfolg gesichert ist? Nun sehe ich aber, daß es ihren Associationen an Regsamkeit und Unternehmungsgeist keineswegs fehlt; wie erklärt sich dies? was veranlaßt Ihre Produzenten, sich Gefahren — sie mögen noch so gering sein — auszusetzen, wenn der damit erreichte Gewinn so rasch mit aller Welt geteilt werden muß?“
„Sie übersehen erstlich“, entgegnete Herr Ney, „daß die Höhe des zu erzielenden Gewinnes denn doch nicht der alleinige Beweggrund ist, von welchem sich arbeitende Menschen, insbesondere aber unsere freiländischen Arbeiter, leiten lassen. Der Ehrgeiz, das Etablissement, an welchem man beteiligt ist, an der Spitze und nicht im Nachtrabe aller anderen einherschreiten zu sehen, darf bei intelligenten, von starkem Gemeingeiste beseelten Menschen nicht eben unterschätzt werden. Aber abgesehen davon, bitte ich Sie zu bedenken, daß die an den Associationen Beteiligten auch sehr lebhaftematerielleInteressen am Gedeihengerade ihrer speciellen Unternehmung haben. Freiländische Arbeiter besitzen ausnahmslos recht behagliche, ja luxuriöse Heimstätten — naturgemäß meist in der Nähe der von ihnen gewählten Arbeitsstätten; sie sind in Gefahr, dieselben verlassen zu müssen, falls ihr Unternehmen sich nicht auf gleicher Höhe mit anderen erhält. Zum zweiten genießen die älteren, d. h. durch längere Zeit bei einem Unternehmen beteiligten Arbeiter ein stetig wachsendes Präcipium; ihre Arbeitszeit wird ihnen um einige Prozente höher angerechnet, als den Neueintretenden. Die Mitglieder jeder Association müssen also trotz aller Interessensolidarität sehr lebhaft darauf bedacht sein, daß ihr Etablissement nicht überflügelt werde, und da das Risiko neuer Verbesserungen ein verschwindend geringes ist, so regt sich der Erfindungs- und Unternehmungsgeist nirgends in der Welt so kühn und mächtig, wie bei uns. Die Associationen wetteifern aufs lebhafteste um den Vorrang, nur daß dies allerdings ein friedlicher Wettbewerb, kein ingrimmiger, auf gegenseitige Schädigungabzielender Konkurrenzkampf ist.“
Es war inzwischen sehr spät geworden; mein Vater und ich hätten allerdings gerne noch längere Zeit den hochinteressanten Aufklärungen unseres freundlichen Wirtes gelauscht; doch wir durften die Liebenswürdigkeit unserer Gastfreunde nicht mißbrauchen und so trennten wir uns — was mir denn auch Anlaß giebt, von Dir, mein Luigi, für heute Abschied zu nehmen.
Edenthal, den 16. August.
Du äußerst in Deinem letzten Briefe einige Verwunderung darüber, daß unser Gastfreund aus seinem bloß 1440 Pfund betragenden Gehalte als Regent von Freiland einen Hausstand gleich dem Dir beschriebenen zu führen, eine elegante Villa mit zwölf Wohnräumen zu bewohnen, feine Küche zu führen, Wagen und Reitpferde zu halten, kurzum einen Luxus zu treiben vermöge, den sich bei uns daheim nur die Reichsten gönnen dürfen. Die Erklärung liegt darin, daß Dank der wunderbaren Organisation von Arbeit und Verkehr hier eben alles fabelhaft billig ist, ja zahlreiche Dinge, die in Europa und Amerika recht viel Geld verschlingen, den freiländischen Haushalt überhaupt nicht belasten, da sie vom Gemeinwesen unentgeltlich beigestellt werden und ihre Deckung schon in den vom Reineinkommen vorweg abgezogenen Steuern finden. So erscheinen z. B. bei den Reisekosten die Fahrpreise auf Eisenbahnen und Dampfschiffen auch nicht mit einem Heller, da, wie Du schon aus meinen früheren Briefen entnommen haben kannst, das freiländische Gemeinwesen den Personentransport unentgeltlich besorgt. Das Gleiche gilt, wie ich ebenfalls schon erwähnt zu haben glaube, bei allen Telegraphen, Telephonanstalten, Briefpost, elektrischer Beleuchtung, mechanischer Kraftabgabe u. dergl. Beim Frachtentransporte zu Lande und Wasser dagegen läßt sich die freiländische Verwaltung die Selbstkosten ersetzen. Bemerken will ich bei diesem Anlasse noch, daß beinahe jede freiländische Familie durchschnittlich zwei Monate des Jahres auf Reisen wendet, die meist den wundervollen und mannigfaltigen Naturschönheiten des eigenen Landes gelten, teils auch — dies jedoch seltener — bis ins entfernte Ausland sich erstrecken. Jeder Freiländer nimmt alljährlich mindestens sechs, bisweilenaber auch zehn Wochen Urlaub von allen Geschäften und sucht während dieser Zeit Erholung, Vergnügen und Belehrung als Tourist. Insbesondere in den Hochlanden des Kilima-Ndscharo, Kenia und Elgon, des Aberdare und Mondgebirges, sowie an den Gestaden der sämtlichen großen Seen wimmelt es mit Ausnahme der beiden Regenepochen jederzeit von fahrenden, reitenden, wandernden, rudernden und segelnden Männern, Frauen und Kindern, die in vollen Zügen jegliche Lust des Reisens genießen.
Überhaupt gehört sinnige, herzliche Freude an der Natur und ihren Schönheiten zu den charakteristischen Eigenschaften der Freiländer. Sie sind eben allesamt Eigentümer ihres gesamten Landes, und innigesBehagen an diesem ihrem köstlichsten Eigentum tritt überall zu Tage. So halte ich es z. B. für bezeichnend, daß nirgend in Freiland Bäche und Flüsse durch Abfallwässer vergiftet, nirgend malerische Berghänge durch wahllos angebrachte Steinbrüche verunstaltet werden, oder sonst ein Frevel gegen die landschaftliche Schönheit zu rügen ist. Warum auch sollten diese selbstherrlichen Arbeiter um geringer Ersparnisse willen — die sie zudem sehr bald mit aller Welt teilen müßten — sich selber eines so wesentlichen Genusses berauben, wie es eine möglichst gesunde und schöne Landschaft ist? Natürlich kommt diese verständige Pflege aller landschaftlichen Reize auch den Reisenden zu gute. Allenthalben sind Straßen sowohl als Eisenbahnen von mehrfachen Alleen prächtiger Palmen eingesäumt, deren schlanke astlose Stämme nirgend die Aussicht behindern, während ihre dichten Kronen erquickenden Schatten gewähren. Man hat infolge dieser ebenso einfachen als wirksamen Einrichtung beim Reisen hier unter dem Äquator von Hitze und Staub weit weniger zu leiden, als im „gemäßigten“ Europa, wo während der Sommermonate eine mehrstündige Eisenbahn- oder Wagenfahrt häufig zur Tortur wird. An allen schön und romantisch gelegenen Punkten haben die zahlreichen, mit den gewaltigsten Mitteln arbeitenden Hôtel- und Vergnügungsassociationen sowohl riesige Gasthöfe als eine Menge kleiner Villen angelegt, in denen die Touristen und Sommerfrischler je nach Laune und Geschmack für Stunden, Tage, Wochen oder Monate gemeinsam zu Hunderten und Tausenden oder allein in ländlicher Zurückgezogenheit Unterkunft und allen erdenklichen Comfort finden.
Wunderst Du Dich schon über den Luxus im Neyschen Hause, was wirst Du erst sagen, wenn ich Dir erzähle, daß hierzulande dem Wesen nach jeder einfache Arbeiter so lebt, wie unsere Gastfreunde. Die Villen haben einige Wohnräume weniger, die Möbel sind einfacher, statt eigene Reitpferde in den Ställen der Transportassociation zu halten, werden Mietpferde benützt, auf Kunstgegenstände, Bücher und zu wohlthätigen Zwecken wird weniger ausgegeben, das ist aber auch der ganze Unterschied.Da ist z. B. unser Nachbar Moro. Derselbe, ein gewöhnlicher Werkführer der Edenthaler Farbwarenassociation, gehört samt seiner reizenden Frau zu den Intimen des Neyschen Hauses, und wir haben schon einigemale vortrefflich in seinem netten und komfortabel eingerichteten 7 Wohnräume enthaltenden Heim gespeist. Ja selbst die „Ziehtöchter“ fehlen — nebenbei bemerkt — in seinem Hause nicht, denn auch seine Gattin genießt — und, wie ich hinzufügen will, nicht mit Unrecht — den Ruf einer hervorragenden Geistes- und Herzensbildung, und die Ziehtöchter suchen, wie Du weißt, nicht das große Haus, sondern die bedeutende Frau auf. Und sollte Dir besonders auffallend erscheinen, daß solch ein Phönix von Frau Gattin eines gewöhnlichen Fabrikarbeiters ist, so bedenke, daß freiländische Arbeiter etwas anderes sind, als europäische. Gediegene Mittelschulbildung genießt hier alle Welt, und daß ein junger Mann Handwerker und nicht Lehrer, Arzt, Ingenieur oder dergl. wird, hat darin seinen Grund, daß er eben keinerleihervorragendegeistige Fähigkeiten in sich entdeckt oder vermutet. Denn hierzulande kann sich den geistigen Berufszweigen nur ein geistig hervorragend Befähigter mit Aussicht auf Erfolg zuwenden, da der Minderbefähigte angesichts der Konkurrenzallerwirklich Befähigten unmöglich aufzukommen vermag. Bei uns da draußen, wo nur eine verschwindende Minderzahl die materiellen Mittel zum Studium hat, gewährt diese Mittellosigkeit einer ungeheuern Mehrzahl auch den Dummköpfen unter den Bemittelten ein Privilegium. Die Reichen können eben nicht alle talentiert sein — so wenig als die Armen alle es sind; da wir aber trotzdem unseren Bedarf an geistigen Arbeitern — von Ausnahmen, die ja überall vorkommen, muß dabei natürlich abgesehen werden — bloß aus der kleinen Menge von Söhnen reicher Familien decken, so kommen bei uns — günstig gerechnet — auf je einen fähigen Studierenden zehn Unfähige, von welchen Zehnen aber, da wir mit dem einen Fähigen natürlich nicht den ganzen Bedarf decken können, höchstens die zwei oder drei Allerdümmsten Schiffbruch leiden. Hier dagegen, wo Jedermann die Mittel zum Studium hat, giebt es selbstverständlich unendlich mehr befähigte Studierende, folglich brauchen die Freiländer bei Deckung ihres geistigen Bedarfes lange nicht so tief zu greifen, als wir. Ihre Tüchtigsten sind nicht notwendig tüchtiger, als die unsrigen, aber unsere Unfähigsten — unter den Studierenden — sind viel, viel unfähiger, als ihre überhaupt noch möglichen Unfähigsten. Was bei uns noch mittelgut wäre, ist hier schon lange aussichtslos. Freund Moro z. B. hätte es in Europa oder Amerika vielleicht auch zu keiner „Leuchte der Wissenschaft“ oder „Zierde des Barreau“ gebracht, doch ein ganz annehmbarer Durchschnittslehrer, Advokat oder Beamter wäre er immerhin geworden. Hier aber mußte er — nach absolvierten Mittelschulen — gewissenhafter mit seinen geistigen Fähigkeitenzu Rate zu gehen und gelangte dabei zu dem Resultate, daß es ersprießlicher für ihn sei, ein tüchtiger Fabrikwerkführer, als ein mittelmäßiger Lehrer oder Beamter zu werden. Und er konnte diesem Ratschlage strenger — vielleicht allzustrenger — Selbstprüfung Folge geben, ohne sich gesellschaftlich zu degradieren, denn in Freiland schändet Handarbeit wirklich nicht, zum Unterschiede von Europa und Amerika, wo dies zwar auch behauptet wird, jedoch lediglich eine der vielen konventionellen Lügen ist, mit denen wir uns selber hinters Licht zu führen versuchen. Arbeit ist bei uns — trotz aller demokratischen Redensarten — ganz im Allgemeinen eine Schande, denn der Arbeitende ist ein höriger Mann, ein ausgebeuteter Knecht, er hat einen Herrn über sich, der ihn kommandiert, für sich ausnützt gleich dem arbeitenden Tiere — keine Moraltheorie der Welt wird die Ehre des Knechtes der des Herrn gleichsetzen. Hier aber ist das anders. Um dies voll zu ermessen, brauchst Du bloß einmal gesellige Vereinigungen in Freiland besucht zu haben. Zwar liegt es in der Natur der Sache, daß Personen des gleichen Interessenkreises sich zunächst aufsuchen und anziehen, doch darf dies beileibe nicht so aufgefaßt werden, als ob damit auch nur im entferntesten eine Sonderung verschiedener Gesellschaftsschichten nach Berufen verbunden wäre. Das allgemeine Bildungsniveau ist ein so hohes, das Interesse an den erhabensten Problemen der Menschheit auch unter den Handarbeitern so verbreitet, daß Gelehrte, Künstler, hohe Beamte die mannigfaltigsten geistigen und gemütlichen Berührungspunkte auch mit Fabrik- oder Feldarbeitern finden.
Dies ist umsomehr der Fall, als eigentlich eine Scheidung von Kopf- und Handarbeitern sich hierzulande gar nicht streng durchführen läßt. Der Handarbeiter von heute kann morgen durch die Wahl seiner Genossen Betriebsleiter, also Kopfarbeiter werden, und umgekehrt gibt es unter den Handarbeitern ungezählte Tausende, die ursprünglich einen anderen Beruf gewählt und die für diesen erforderlichen höheren Studien absolviert hatten, dann aber — sei es, weil ihre geistigen Fähigkeiten sich als nicht vollkommen ausreichend erwiesen, sei es, weil ihre Geschmacksrichtung wechselte — die Feder mit dem Werkzeug vertauschten. So hat z. B. ein anderer Hausfreund der Familie Ney sein mehrere Jahre hindurch zu allgemeiner Zufriedenheit verwaltetes Amt als Arzt niedergelegt und sich der Gärtnerei gewidmet, weil er fand, daß dieser ruhige Beruf ihn weniger von seinem Lieblingsstudium, der Astronomie abziehe, als die ärztliche Thätigkeit. Um sich als Astronom zu ernähren, dazu reichten seine Kenntnisse und Fähigkeiten nicht aus, und da ihm einigemal widerfahren war, von interessanten Beobachtungen zu plötzlich des Nachts erkrankten Kindern abberufen zu werden, so zog er es vor, seinen Haushalt durch den Ertrag von Gartenarbeit zu decken und des Nachts ungestört seinen lieben Sternennachzuspüren. Ein anderer Mann, den ich hier kennen gelernt, vertauschte seine Carrière als Bankbeamter mit der Maschinenschlosserei, lediglich weil ihm auf die Dauer die sitzende Thätigkeit nicht behagte; er wäre wiederholt schon von den Mitgliedern seiner Association in die Oberleitung gewählt worden, lehnte aber stets ab, da seine Abneigung gegen Bureauarbeiten noch immer nicht überwunden ist. Insbesondere aber ist die Zahl derjenigen sehr groß, die irgendwelche Handarbeit mit Kopfarbeit verbinden. So allgemein verbreitet ist in Freiland die Abneigung gegenausschließlicheKopfarbeit, daß sich die sämtlichen höheren Berufe, ja sogar die öffentlichen Ämter darauf einrichten mußten, ihren Angehörigen zeitweilig körperliche Berufsthätigkeit zu gestatten. Die Buchhalter und Korrespondenten der Associationen sowohl als der Centralbank, die Lehrer, Beamten und sonstigen Angestellten welcher Art immer, haben das Recht, außer den der Erholung gegönnten zweimonatlichen Ferien auch noch beliebigen Urlaub von längerer oder kürzerer Dauer zu verlangen und die Zeit desselben durch anderweitige Erwerbsthätigkeit auszufüllen. Natürlich wird diese außerordentliche Urlaubszeit vom Gehalte in Abzug gebracht, was jedoch die weitaus größere Hälfte all’ dieser Bureauarbeiter nicht hindert, in Zwischenpausen von zwei bis drei Jahren je einige Monate hindurch als Fabrikarbeiter, Bergleute, Landbauer, Gärtner u. dgl. sich vom Einerlei ihrer gewohnten Berufsthätigkeit zu erholen. Ein mir bekannter Bureauchef der Centralverwaltung arbeitet jedes zweite Jahr acht Wochen lang in einer anderen Mine des Aberdare- oder Baringo-Distrikts; er hat — wie er mir erzählte — bis jetzt den Kohlen-, Eisen-, Zinn-, Kupfer- und Schwefelbau praktisch durchgenommen und freut sich jetzt auf den bevorstehenden Kursus in den Salzwerken von Elmeteita.
Angesichts dieser allgemeinen und durchgängigen wechselseitigen Durchdringung von gewöhnlichster körperlicher und höchster geistiger Thätigkeit kann selbstverständlich von irgendwelchen Standes- oder Klassenunterschieden nirgend die Rede sein. Die hiesigen Ackerbauer sind gerade so geachtete, selbstbewußte Gentlemen, wie die Gelehrten, Künstler oder hohen Beamten, und nichts steht dem im Wege, sie im Salon als gute Kameraden zu behandeln, sofern die Charaktere und die Geistesrichtungen harmonieren.
Insbesondere aber sind die Frauen — anderwärts die hauptsächlichen Vertreterinnen aristokratischer Absonderung — hierzulande Förderinnen vollständiger Verschmelzung aller Bevölkerungsschichten. Die freiländische Frau steht beinahe ausnahmslos auf einer sehr hohen Stufe ethischer und geistiger Bildung. Losgelöst von jeglicher materiellen Sorge und Arbeit, ist es ihr alleiniger Beruf, sich zu veredeln, ihr Verständnis für alles Gute und Erhabene zu schärfen. Da sie sichder entwürdigenden Notwendigkeit enthoben sieht, im Manne einen Ernährer zu suchen, mit ihrem Werte auf sich selber gestellt und nicht von der äußeren Lebensstellung des Mannes abhängig ist, so fehlt ihr jener exklusive Hochmut, der überall dort sich einfindet, wo wirkliche Vorzüge fehlen. Sind doch die Frauen der sog. besseren Stände bei uns daheim meist nur deshalb so schroff abweisend ihren vom Glücke minder begünstigten Schwestern gegenüber, weil sie des instinktiven Gefühls nicht ledig werden, daß diese sehr gut ihren Platz ausfüllen und sie selber mitunter in deren dienende Stelle passen würden, wenn sie die Ehegatten vertauscht hätten. Und auch, wenn dem nicht so ist, wenn die europäische „Dame“ wirklich höheren ethischen und geistigen Wert besitzt, so muß sie sich doch sagen, daß ihre Stellung im Urteile der Welt weniger von diesen ihren eigenen Eigenschaften, als von Rang und Stellung des Mannes abhänge, also vom Werte eines Dritten, der ebensogut jede Andere auf den erborgten Thron hätte setzen können. Schopenhauer hat nicht ganz Unrecht: die Frauen betreiben zumeist das gleiche Gewerbe: die Männerjagd, und Konkurrenzneid ist es, was ihrem Hochmut zu Grunde liegt. Nur vergißt er hinzuzufügen, oder vielmehr er weiß wohl selber nicht, daß dieses den Frauen gemeinsame, von ihm mit so herbem Spotte gegeißelte Gewerbe mit all seinen häßlichen Folgeübeln ihnen durch ihre Rechtlosigkeit aufgenötigt und keineswegs mit ihrer Natur untrennbar verknüpft ist.
Die hiesigen Frauen, die frei und gleichberechtigt sind in der höchsten Bedeutung des Wortes, kennen diesen Hochmut auf äußere Lebensverhältnisse nicht. Selbst wenn Beruf oder Reichtum des Gatten hierzulande irgendwelche Standesunterschiede begründenkönnten, sie würden dieselben niemals anerkennen, sondern sich in ihrem Umgange lediglich von persönlichen Eigenschaften bestimmen lassen. Die geistreichste, liebenswürdigste Frau ist es, deren Freundschaft von ihnen am eifrigsten gesucht wird, gleichviel, welche Stellung der Gatte einnehmen mag. Du begreifst also, daß Frau Moro ihren Mann wählen konnte, ohne sich in der hiesigen „Gesellschaft“ das Geringste zu vergeben.
Da wir gerade mit diesem Thema beschäftigt sind, laß mich die Gelegenheit benützen, einige Worte über das Wesen der hiesigen Geselligkeit nachzutragen. Dieselbe ist überaus lebhaft; die bekannten Familien versammeln sich beinahe jeden Abend in zwanglosen Cirkeln, in denen geplaudert, musiciert, vom jungen Volke wohl auch getanzt wird. Soweit wäre dabei nichts besonderes; ihren ganz eigentümlichen, dem Fremden anfangs schier unbegreiflichen Reiz aber erhält diese Geselligkeit durch den sie durchwehenden Ton höchster Freiheit im Vereine mit reinstem Adel und tadelloser Feinheit. Nachdem ich sie einigemale gekostet, dürstete ich förmlich nach den Freuden dieser Zusammenkünfte, ohne mir anfangs Rechenschaft geben zu können über die Natur desZaubers, den sie auf mich übten. Schließlich bin ich zu der Überzeugung gelangt, daß es in erster Linie jene Atmosphäre wahrer Menschenliebe sein müsse, die in Freiland alles umfängt, was hier den geselligen Verkehr zu einem so genußreichen gestaltet.
Europäische Gesellschaften sind im Grunde doch nichts anderes, als Maskeraden, bei denen alle Welt sich gegenseitig belügt; Zusammenkünfte von Feinden, die das Böse, das sie sich gegenseitig wünschen, unter höflichen Grimassen zu verbergen suchen, ohne jedoch dadurch irgendwen ernstlich zu täuschen. Und dies ist in einer ausbeuterischen Gesellschaft anders gar nicht möglich, denn in dieser ist Interessengegensatz die Regel, wahre Interessensolidarität eine höchst seltene und bloß zufällige Ausnahme; seinen Nebenmenschen wirklich zu lieben, ist bei uns eine Tugend, zu deren Übung ein nicht gerade alltägliches Maß von Selbstverleugnung gehört, und Jedermann weiß daher, daß neun Zehnteile dieser verbindlich grinsenden Masken sofort in bitterem Hasse über einander herfallen würden, wenn die angeborene und anerzogene Dressur der wohlanständigen Sitte sie auch nur einen Moment im Stiche ließe. Man hat also inmitten solcher Gesellschaften stets ein Gefühl, welches etwa dem der unterschiedlichen Bestien gleichen mag, welche in den Menagerien zum Ergötzen des schaulustigen Publikums in einen gemeinsamen Käfig gesperrt, sich wohl oder übel miteinander vertragen müssen. Der Unterschied liegt bloß darin, daß die Dressur von uns zweibeinigen Tigern, Panthern, Luchsen, Wölfen, Bären und Hyänen vollkommener ist, als die unserer vierbeinigen Ebenbilder; diese umschleichen einander, ingrimmig knurrend, ihre Rauf- und Mordlust sichtlich nur mühsam unter scheuen Seitenblicken auf die Peitsche des Tierbändigers unterdrückend; während wir den im Herzen lauernden bösen Willen höchstens dem aufmerksamen Beobachter durch ein tückisches Blinzeln des Auges oder sonst eine kaum zu bemerkende Kleinigkeit verraten. Ja, so mächtig ist die Dressur von uns zweibeinigen Raubtieren, daß wir uns durch dieselbe zeitweilig selber täuschen lassen; die Hyäne unter uns hat Momente, wo sie allen Ernstes glaubt, ihr verbindliches Grinsen dem Tiger gegenüber sei ehrlich gemeint, und wo der Tiger sich einbildet, hinter seinem leisen Knurren verberge sich eitel Liebe und Freundschaft mit seinen Mitbestien. Aber das sind eben nur vorübergehende Momente holden Selbstbetrugs, und im allgemeinen wird man der Empfindung nicht ledig, sich unter natürlichen Feinden zu befinden, die nur äußerer Zwang hindert, uns des lieben Futters halber an die Kehle zu springen. Die Freiländer dagegen sehen sich unter wahren, aufrichtigen Freunden, wenn sie unter Menschen sind. Sie haben einander nichts zu verbergen, sie wollen einander weder übervorteilen, noch gegenseitig ausnützen. Wetteifer findet allerdings auch unter ihnen statt, aber dieser kann das Gefühl kameradschaftlichen Wohlwollens nicht beeinträchtigen,da der Erfolg des Siegers allemal auch dem Besiegten gute Früchte trägt. Harmlose Offenheit, ein geradezu kindliches Sichgehenlassen ist daher allenthalben unter ihnen heimisch und das in Verbindung mit der heiteren Lebensanschauung und geistigen Vielseitigkeit ist es, was der hiesigen Geselligkeit so wunderbaren Reiz verleiht.
Doch jetzt laß mich fortfahren in meinen Berichten über unsere hiesigen Erlebnisse. Gestern sahen wir hier den ersten — Betrunkenen. Wir — d. h. mein Vater und ich — hatten in Begleitung Davids nach dem Diner eine kleine Promenade am Edensee gemacht, an dessen Ufern bekanntlich die meisten der Edenthaler Hotels gelegen sind; eben als wir wieder heimkehren wollten, begegnete uns ein Trunkener, der wankend auf uns zukam und lallend nach einem der Gasthöfe fragte. Es war sichtlich ein erst kürzlich eingetroffener Einwanderer. David bat uns, die wenigen Schritte nach Hause allein zurückzulegen, nahm den Betrunkenen unter den Arm und führte ihn nach seinem Gasthofe; ich schloß mich diesem Liebeswerke an, während mein Vater heimkehrte. Als auch wir anlangten, fanden wir ihn im lebhaftesten Gespräche mit Frau Ney über dieses kleine Abenteuer. „Denke nur,“ rief er mir zu, „Madame behauptet, wir könnten uns rühmen, einer der in diesem Lande seltensten Sehenswürdigkeiten begegnet zu sein; sie ihrerseits habe während der 25 Jahre ihres Aufenthalts in Freiland bloß drei Trunkene bemerkt, und sie sei überzeugt, daß Edenthal zur Stunde sicherlich keinen zweiten Menschen in seinen Mauern beherberge, der jemals bis zur Sinnlosigkeit tränke! Ihr Freiländer“ — so wandte er sich nun an David — „seid doch sicherlich keine Temperenzler; Euer Bier und Palmwein ist vorzüglich, Euere Weine lassen nichts zu wünschen übrig, und Ihr scheint mir nicht die Leute, diese guten Dinge bloß zum Gebrauche etwaiger Gäste in Bereitschaft zu halten; sollte es Euch also wirklich niemals widerfahren, daß Ihr ein klein wenig über den Durst tränket?“
„Und doch ist dem so, wie meine Mutter sagt. Wir trinken gern einen guten Tropfen und gönnen uns einen solchen nicht gerade selten; auch will ich nicht leugnen, daß bei festlichen Gelegenheiten die Begeisterung des Weines hie und da in ziemlich hellen Flammen emporschlägt; ein sinnlos trunkener Freiländer gehört aber trotzdem zu den allerseltensten Erscheinungen. Wenn Sie das gar so sehr Wunder nimmt, so werfen Sie sich doch die Frage auf, ob denn in Europa und Amerika gesittete und gebildete Menschen sich zu betrinken pflegen. Das geschieht, wie ich weiß, auch bei Ihnen bloß in den seltensten Fällen, obwohl dort die öffentliche Meinung in diesem Punkte minder streng ist, als hierzulande. In Freiland aber gibt es keinen Pöbel, der im Rausche Vergessenheit seines Elendes suchen müßte, und das Beispiel dieses Pöbels kann daher auch nicht dazu dienen, an den Anblick dieses erniedrigendsten aller Laster zu gewöhnen.“
„Daß ihr Freiländer gegen dieses Laster gefeit seid, nimmt uns auch nicht gar so sehr Wunder,“ entgegnete mein Vater. „Aber ihre verehrte Mama erklärte uns, daß auch unter den Eingewanderten Trunkenbolde so rar sind, wie weiße Raben. Nun ist mir nicht bekannt, daß an den Grenzen Ihres Landes Mäßigkeitsapostel Wache halten; die Einwanderer gehören zum Teil jedenfalls solchen Rassen und Klassen an, die in ihrer alten Heimat dem Trunke — und zwar dem Trunke in seiner häßlichsten Bedeutung — keineswegs abgeneigt sind; was veranlaßt diese Leute hier, sich solcher Enthaltsamkeit zu befleißigen?“
„Zunächst der Wegfall jener Gründe, die in Europa und Amerika zum Trunke verleiten. Ich habe mich gelegentlich meiner europäischen Studienreise, die nicht bloß der Kunst, sondern auch dem Leben Ihres Landes gewidmet war, in den Höhlen der Armut umgesehen und dort Verhältnisse gefunden, die es geradezu wunderbar erscheinen ließen, wenn die inmitten derselben Lebenden nicht in der Schnapsflasche Vergessenheit ihrer Marter, ihrer Schmach, ihrer Entwürdigung gesucht hätten. Ich sah Menschen, die zu zwanzig und dreißig — alle Altersklassen und Geschlechter bunt durcheinander gewürfelt — ineinemGemache schliefen, welches gerade nur soviel Raum bot, daß die Insassen dichtgedrängt auf der eklen, den Boden bedeckenden Streu Unterkunft fanden; Menschen, die tagsüber kein anderes Heim hatten, als den Fabriksaal — oder die Schenke. Und das waren nicht etwa brotlose, sondern in regelmäßiger Arbeit stehende Leute, und nicht vereinzelte Ausnahmen, sondern Typen der Arbeiterschaft großer Landstriche. Daß solche Menschen in viehischer Betäubung Rettung suchen gegen die Erinnerungen ihrer Entbehrungen, der Schande ihrer Weiber und Töchter, daß sie das Bewußtsein ihrer Menschenwürde verlieren, das hat mich niemals in Erstaunen und noch weniger in Entrüstung versetzt; diese beiden Gefühle kehrten sich bloß gegen den Unverstand, der solchen Jammer ruhig gewähren läßt, als wäre er in Wahrheit der Ausfluß eines unwandelbaren Naturgesetzes. Und eben so natürlich finde ich, daß diese selben Menschen hier, wo sie ihre Würde und ihr Recht zurückerlangt haben, wo ihnen sorglose, schöne Lebensfreude allenthalben entgegenlacht, zugleich mit dem Elend auch das Laster des Elends abstreifen. Diese neuen Ankömmlinge stürzen sich alle mit wollüstiger Gier in den Umgang mit uns; sie können es meist gar nicht erwarten, ganz und vollständig unseresgleichen zu werden; je elender, entwürdigter sie zuvor gewesen, desto grenzenloser ist ihr Entzücken, ihr Dankgefühl, sich hier von Jedermann als Seinesgleichen betrachtet zu sehen; um keinen Preis würden sie der Achtung ihrer neuen Genossen verlustig werden, und da diese den Trunk allgemein meiden, so trinken sie eben auch nicht.“
„Du hast uns erklärt, warum Ihr keine Trunkenbolde hierzulandehabet“ — nahm nunmehr ich das Wort. „Aber noch um vieles wunderbarer erscheint mir, daß Euer Grundsatz, jedem Arbeitsunfähigen — er mag es aus welchem Grunde immer sein — einen Versorgungsanspruch einzuräumen, Euch nicht mit Krüppeln und Greisen sonder Zahl überflutet. Oder gibt es irgendwelche, uns noch unbekannte Einrichtungen, welche Euch gegen solche Gäste schützen? Und in welcher Weise erwehrt Ihr Euch, ohne peinlich inquisitorische Kontrolle, jener Trägen, die das Versorgungsrecht der wirklich Arbeitsunfähigen erschleichen wollen, um dem Müssiggange fröhnen zu können? Werden hinsichtlich der Versorgungsansprüche vielleicht Unterschiede zwischen Einheimischen und Eingewanderten gemacht, und was ist zur Geltendmachung eines solchen Anspruches vonnöten?“
„Hinsichtlich der Versorgungsansprüche wird keinerlei Unterschied gemacht, und zu deren Geltendmachung genügt das Krankheitszeugnis eines unserer Ärzte, oder der Ausweis des zurückgelegten 60. Jahres. Bei Ausstellung der Krankheitsatteste wird prinzipiell mit der größten Liberalität vorgegangen, ja es hat Jedermann das Recht, für den Fall, daß ihm der eine Arzt das Zeugnis verweigern sollte, sich nach Belieben einen anderen auszusuchen, da wir es grundsätzlich vorziehen, lieber zehn träge Simulanten zu füttern, als einen wirklich Kranken abzuweisen. Trotzdem gibt es bei uns ebensowenig fremde, als einheimische Müssiggänger von Beruf. Auch hier erweist sich der Einfluß unserer Institutionen als genügend mächtig, um alle derartigen Gelüste im Keime zu ersticken. Beachte vor allem, daß der Neueingewanderte den obersten Ehrgeiz hat, Unseresgleichen zu werden, sich uns anzuschließen; zu diesem Behufe muß er, ist er anders gesund und kräftig, an unseren Geschäften teilnehmen. Der kennt die menschliche Natur schlecht, der da glaubt, Proletarier, die sich noch einen Rest von Menschenwürde gerettet, würden, wenn sie Gelegenheit haben, als gleichberechtigte, selbstherrliche Männer in blühende, mächtige Geschäfte einzutreten, darauf verzichten und es vorziehen, sich von Gesamtheitswegen füttern zu lassen. Die Ankömmlingewollenan allem teilnehmen, was hierzulande zu erlangen und zu leisten ist; es bedarf in neunundneunzig unter hundert Fällen keines anderen Anreizes zur Arbeit für sie. Jene Wenigen aber, denen dieser Sporn nicht genügt, finden sich, ist erst einmal die erste Zeit des Schauens und Hörens vorbei, sehr rasch durch Langeweile und Vereinsamung genötigt, irgend eine fruchtbare Thätigkeit zu wählen. Wir haben hier kein Wirtshausleben im abendländischen Sinne, keine Geselligkeit gewohnheitsmäßiger Müssiggänger; manmußhier eben arbeiten, um sich behaglich zu fühlen, und so arbeitet denn Alles, was arbeitsfähig ist. Die verstockteste Trägheit und Indolenz kann höchstens durch einige Wochen dem Zauber des Gedankens Stand halten, daß man, um den Ersten des Landesals Seinesgleichen die Hand schütteln zu dürfen, keines anderen Ehren- und Machttitels bedürfe, als einiger ehrlicher Arbeit. Kräftige, gesunde Müssiggänger sind also auch unter den Eingewanderten geradezu verschwindende Ausnahmen, die wir resigniert als eine Art geistiger Krankheitsfälle über uns ergehen lassen. Darben aber dürfen bei uns auch diese Trägen nicht. Sie erhalten, ohne daß ihnen ein besonderes Recht eingeräumt wird, alles, was sie brauchen und zwar nach europäischen Begriffen überreichlich.
„Was nun die Frage anlangt, ob das Institut der Versorgungsrechte nicht geradezu alles ins Land locke, was die übrige Welt an körperlich und geistig Invaliden, an Krüppeln und Greisen besitze, so kann ich darauf nur antworten, daß Freiland Jedermann unwiderstehlich anlockt, der nähere Kunde von seinen Einrichtungen erhalten hat, und daß daher das Verhältnis zwischen arbeitstüchtigen und arbeitsuntüchtigen Einwanderern lediglich davon abhängt, ob solche Kunde leichter und rascher zu ersteren oder zu letzteren gelangt. Wir weisen niemand zurück und befördern den lahmen Krüppel ebenso unentgeltlich in unser Land, wie den rüstigsten Arbeiter; aber es liegt in der Natur der Sache, daß die Tüchtigsten, Regsamsten sich in stärkerer Zahl melden, als die Armen an Geist und Körper.
„Auf der Forderung, daß jeder Einwanderer des Lesens und Schreibens kundig sein müsse, um all’ unserer Rechte teilhaftig zu werden, bestehen wir seit Gründung des Gemeinwesens. Freiheit und Gleichberechtigung setzen ein gewisses Ausmaß von Kenntnissen voraus, welche wir niemand erlassenkönnen. Freilich bliebe uns der Ausweg, die Unwissenden zu bevormunden; aber damit wäre den Behörden ein Wirkungskreis eingeräumt, den wir für unvereinbar mit wahrer Freiheit halten, und wir behandeln daher Einwanderer, die Analphabeten sind, als Fremdlinge, oder wenn man so will, als Gäste, die nach Möglichkeit zu fördern jedermanns Menschenpflicht ist, die in materieller Beziehung, sofern sie sich leistungsfähig erweisen, den Einheimischen gegenüber keineswegs verkürzt werden, die jedoch keinerlei politisches Recht auszuüben vermögen.“
„Wie aber“, so fragte mein Vater, „konstatieren Sie diese geistige Beschaffenheit Ihrer unwissenden Landesgenossen? Existiert zu diesem Behufe eine besondere Behörde, und ergeben sich keine Unzukömmlichkeiten bei solcher Inquisition?“
„Wir inquirieren nicht, und keine Behörde kümmert sich um das Wissen der Leute. Anfänglich übten wir, um nicht von fremder Unwissenheit überflutet zu werden, die Vorsicht, Analphabeten von der unentgeltlichen Beförderung nach Freiland auszuschließen; wir haben vor 19 Jahren auch das fallen gelassen. Jedermann, ohne jegliche Ausnahme, wird seither unentgeltlich bis an jeden ihm beliebigen PunktFreilands befördert; niemand befragt ihn auch hier um den Stand seines Wissens; es steht ihm frei, von allen unseren Einrichtungen vollen Gebrauch zu machen, alle unsere Rechte auszuüben — nur muß er dies in derselben Weise thun, wie wir — und das ist dem Analphabeten eben unmöglich. Wohin er sich wenden mag, bei der Centralbank, bei allen Associationen, in allen Wahlbureaus, muß er lesen, schreiben — und zwar der Natur der Sache nach meist mit Verstand schreiben — sich in Gedrucktem und Geschriebenem zurechtfinden, kurz, ein gewisses Maß von Bildung haben, welches wir ihm nicht erlassen könnten, auch wenn wir wollten.“
„Dann ist aber“, meinte mein Vater, „Ihre berühmte Gleichberechtigung doch nur für einigermaßen gebildete Leute vorhanden?“
„Selbstverständlich“ — erklärte nun Frau Ney. „Oder glauben Sie wirklich, daß vollkommen Unwissende die Fähigkeit besitzen, sich selber zu regieren? Jawohl, wirkliche Freiheit und Gleichberechtigung hat einen gewissen Grad von Civilisation zur unerläßlichen Voraussetzung. Die Freiheit und Gleichberechtigung der Armut und Barbarei, diese allerdings lassen sich auch von unwissenden Horden ins Werk setzen; Reichtum und Muße aber sind Produkte hoher Kunst und Kultur, sie können nur von wirklichen Kulturmenschen genossen werden. Wer die Menschen frei und reich machen will, der muß ihnen zuvor Wissen beibringen — das liegt nun einmal in der Natur der Sache, und nicht unsere, sondern Euere Schuld ist es, daß so Viele Eurer Volksgenossen zur Freiheit erst noch erzogen werden müssen.“
„Da haben Sie abermals Recht“, seufzte mein Vater. „Nun, und welche Erfahrungen machen Sie mit diesen eingewanderten Analphabeten?“
„Die Erfahrung, daß diese Ausschließung von vollkommener Gleichberechtigung, gerade weil sie mit keinerlei materieller Benachteiligung verknüpft ist, als schlechthin unwiderstehlicher Antrieb zu möglichst raschem Nachholen des in der alten Heimat Versäumten wirkt. Wir haben zu Nutz und Frommen solcher Einwanderer besondere Schulen für Erwachsene eingerichtet; auch Nachbarn und gute Freunde nehmen sich ihrer an und die Leute lernen mit geradezu rührendem Eifer. Sie begnügen sich keineswegs mit der mechanischen Aneignung jenes Ausmaßes von Kenntnissen, dessen sie zu Ausübung aller freiländischen Rechte gerade bedürfen, sondern sind redlich bemüht, sich möglichst vollständiges Wissen zu erwerben, und es sind wenige Fälle bekannt, wo aus solchen Einwanderern in kurzer Zeit nicht ganz gebildete Menschen geworden wären.“
„Und was schließlich die hier wirklich als Invaliden anlangenden Einwanderer betrifft“, nahm jetzt wieder David das Wort, „so üben wir diesen gegenüber die Versorgungspflicht in der nämlichen Weise,als ob sie in freiländischen Werkstätten alt und schwach geworden wären. Eine merkliche Belastung unseres Budgets haben wir davon nicht verspürt. Charakteristisch ist übrigens, daß die invaliden Eingewanderten meist nur unvollständigen Gebrauch von dem ihnen eingeräumten Versorgungsrechte machen; diese Bedauernswerten gewöhnen sich in der Regel nur allmählich an das sich ihnen hier bietende Ausmaß höherer Genüsse, und sie wissen daher anfangs keine Verwendung für den auf sie einstürmenden Reichtum.“
„Jetzt bitte ich Sie, nocheinBedenken zu zerstreuen, wie mir scheint, das wichtigste. — Was ist’s mit Verbrechern, gegen deren Einwanderung Sie doch auch nicht geschützt sind? Erscheint mir schon höchst merkwürdig, daß Sie ohne Polizei und Strafeinrichtungen mit den Millionen Ihrer freiländischen Bevölkerung auskommen, so kann ich vollends nicht begreifen, wie Sie mit jenen Strolchen und Verbrechern fertig werden wollen, welche durch die ihnen hier winkende Milde, die auch den Verbrecher nicht strafen, bloß bessern will, doch angelockt werden sollten, wie Wespen vom Honig. Nun haben Sie uns allerdings erzählt, daß die zur Entscheidung der Civilstreitfälle eingesetzten Friedensrichter auch in Criminalsachen als erste Instanz zu fungieren haben, und daß von diesen der Appell an höhere Richterkollegien zulässig sei; Sie fügten jedoch hinzu, daß diese Richter allesamt so gut wie nichts zu thun haben und nur in höchst seltenen Ausnahmefällen das hierzulande übliche Besserungsverfahren zu verhängen in die Lage kommen. Wirken thatsächlich Ihre Institutionen so besänftigend auch auf verstockte Verbrechergemüter?“
„Allerdings“, antwortete Frau Ney. „Und wenn Sie ruhig erwägen, welches die eigentliche und letzte Quelle aller Verbrechen ist, so werden Sie das auch ganz begreiflich finden. Vergessen Sie doch nicht, daß Recht und Gesetz in der ausbeuterischen Gesellschaft Anforderungen an das Individuum stellen, die der menschlichen Natur geradezu entgegenlaufen. Der Hungernde und Frierende soll vorübergehen an fremdem Überflusse, ohne sich davon anzueignen, wessen er zur Befriedigung seines unabweislichen Bedürfnisses bedarf, ja ohne Neid und Mißgunst gegen die Glücklicheren zu empfinden, die reichlich besitzen, was er so grausam entbehrt! Er soll seinen Nebenmenschen lieben, trotzdem dieser gerade auf jenem Gebiete, wo Interessenkonflikte am unversöhnlichsten sind, weil sie die Grundlagen der ganzen Existenz berühren, sein Nebenbuhler, sein Zwingherr oder sein Sklave, für alle Fälle aber sein Feind ist, aus dessen Nachteil er Vorteil zieht und aus dessen Vorteil ihm Nachteil erwächst! Daß all’ dies Jahrtausende hindurch unerbittliche Notwendigkeiten waren, läßt sich freilich nicht leugnen; aber thöricht wäre es, zu übersehen, daß derselbe grausame Zusammenhang, welcher die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, also das Unrecht,zur Voraussetzung des Kulturfortschrittes machte, auch das Verbrechen, d. h. die Auflehnung des gemarterten Individuums gegen die zum Wohle der Gesamtheit unerläßliche schreckliche Ordnung, erst ins Leben rief. Die ausbeuterische Weltordnung verlangt vom Individuum, daß es thue, was ihm schadet, weil das Wohl der Gesamtheit es so erfordert, und sie verlangt dies nicht etwa als besonders anerkennenswerte, hervorragende Leistung, die bloß einzelnen edlen Naturen zugemutet werden dürfe, in denen der Gemeinsinn jegliche Regung des Egoismus unterdrückt hat, sondern als etwas bei jedermann stets und überall Selbstverständliches, dessen Übung nicht Tugend, sondern dessen Unterlassung Verbrechen genannt wird. Auch der Held, der sein Leben dem Vaterlande, der Menschheit opfert, unterordnet sein Einzelinteresse dem Wohle einer höheren Gesamtheit, und niemals wird die Menschheit auf solche Opferthaten verzichten können, immer wird sie von ihren Edelsten verlangen, daß die Liebe zur Gattung den Sieg davon trage über die Liebe zum eigenen kleinen Ich, ja es darf ohne weiteres als logisches Ergebnis fortschreitender Kultur bezeichnet werden, daß diese Forderung stets gebieterischer im Busen des Menschen sich geltend machen und dort stets freudigeren Gehorsam finden wird. Aber der Name dieses Gehorsams ist „Heroismus“, sein Mangel noch kein Verbrechen; er kann nicht erzwungen werden, sondern ist ein freiwilliger Liebestribut groß angelegter Naturen. Auf wirtschaftlichem Gebiete aber wird ähnlicher, ja schwerer zu übender Heldenmut dem Letzten und Elendesten, ja diesem in erster Reihe zugemutet, muß ihm, so lange Ausbeutung die Grundlage der Gesellschaft ist, zugemutet werden, und „Verbrecher“ heißen dann alle Jene, die sich minder groß erweisen, als ein Leonidas, Curtius oder Winkelried auf dem Schlachtfelde, oder als jene meist ungenannten Heroen der Menschenliebe, die ihr Leben im Kampfe gegen feindliche Naturmächte zaglos zum Opfer brachten, wenn die heilige Stimme in ihnen, die Stimme der Nächstenliebe, es forderte.
„Wir in Freiland aber verlangen von niemand zwangsweise solchen Heldenmut. Auf wirtschaftlichem Gebiete muten wir dem Individuum nichts zu, was seinem eigenen Interesse widerspricht, es ist daher nur selbstverständlich, daß es sich niemals gegen unsere Rechtsordnung empört. Bei uns ist Wahrheit, was unter der Herrschaft der alten Ordnung bloß selbstgefällige Gedankenlosigkeit behaupten konnte, daß nämlich wirtschaftliche Moral nichts anderes sei, als vernünftiger Egoismus. Sie werden es also begreiflich finden, daßvernünftigeMenschen unsere Rechtsordnung nicht verletzen können. Wir haben einige Dutzend unverbesserlicher Übelthäter im Lande, dieselben sind aber ohne Ausnahme — unheilbare Idioten.“
Nachdem auch dieser Punkt erledigt war, erbat sich mein Vater eine letzte Aufklärung. Er erklärte, nunmehr vollständig zu begreifen,daß die freiländischen Institutionen, gerade weil sie nichts anderes seien, als die konsequente Durchführung des Prinzipes der wirtschaftlichen Gerechtigkeit, durchaus geeignet wären, jeglichem billigen und vernünftigen Anspruche zu genügen. Nichtsdestoweniger drückte er seine Verwunderung über die sichtlich herrschende allgemeine und ausnahmslose Zufriedenheit mit denselben aus. Ob dennunvernünftigeParteiungen Freiland keinerlei Schwierigkeiten bereiteten? Insbesondere wollte er wissen, ob Kommunismus und Nihilismus, die in Europa stets drohender ihr Haupt erheben, hierzulande gar nicht zu schaffen machten. „In den Augen eines echten Kommunisten“, so rief er, „seid Ihr hier doch nichts weiter, als arge Aristokraten. Von absoluter Gleichheit keine Spur bei Euch! Welchen Wert kann Euere vielberühmte Gleichberechtigungin den Augen von Leuten haben, die von dem Grundsatze ausgehen, daß jeder Bissen Brot, den einer dem andern gegenüber voraus hat, Diebstahl sei, und die daher, damit niemand mehr besitze, als der andere, alles Eigentum aufheben? Und dabei keine Polizei, keine Soldaten, um diese Tollhäusler im Zaume zu halten! Teilt doch auch uns das Recept mit, nach welchem sich der nihilistische und kommunistische Fanatismus so unschädlich machen läßt!“