Da ich sah, daß Demestre nicht scherze, so gab ich meinem Pferde die Sporen, befand mich schon nach wenigen Minuten in einem der tiefschattigen, laubenartigen Waldwege, die vom offenen Lande nach Taweta hineinführen, und sah auch bald darauf die beiden Damen, von denen die eine mit ausgebreiteten Armen auf mich zueilte und mich, kaum daß ich den Boden berührt hatte, laut weinend ans Herz drückte. Nachdem der erste Sturm des Wiedersehens vorüber war, suchte ich von meiner Schwester nähere Aufklärung über die Art ihres Erscheinens hier mitten unter den Wilden zu erlangen; allein das war ein vergebliches Bemühen; so oft die Gute auch zu einem Berichte ansetzte, unterbrachen sie Thränen und Ausrufe der Freude über unser Wiedersehen sowie des nachträglichen Entsetzens über all die Gefahren, vor denen mich leichtsinnigen Knaben sicherlich nur mein gutes Glück bewahrt. Inzwischen hatten wir uns Miß Fox genähert, die meinen Gruß zwar etwas spöttisch, aber deßhalb nicht minder herzlich erwiderte und aus deren Munde ich endlich alles Wissenswerte erfuhr.
Darnach hatten sich also die Beiden gleich bei ihrer ersten Begegnung verständigt und das Komplott in seinen Grundzügen angelegt, die näheren Vereinbarungen der Zeit nach meiner Abreise aus Europa vorbehaltend. Meine Schwester hatte in Miß Fox die Energie und die erforderlichen pekuniären Mittel zur Inscenierung einer gegen den Willen der Männer auf eigene Faust durchzusetzenden Expedition, Miß Fox dagegen in meiner Schwester die Gefährtin und ältere Beschützerin gefunden, ohne welche auch sie vor einem solchen Geniestreich zurückschreckte. Da insbesondere Miß Fox die Dispositionen unserer Reise ganz genau kannte, so ahmte sie dieselben dem Wesen nach im Kleinen nach; sie bestellte bei denselben Fabrikanten und Lieferanten, von denen wir unsere Vorräte, Tauschwaren und Reisegeräte bezogen, auch die ihrigen, entschied sich gleich uns für Tragtiere statt für Pagazis, wählte aber, um wenigstens in Einem Punkte originell zu sein, Elefanten statt der Pferde, Kamele oder Esel. Da es überall dort, wo wir hin wollten, wilde, wenn auch bisher niemals gezähmte Elefanten in Menge gebe, so mußten — das war ihr Kalkül, indische Elefanten auch überall im äquatorialen Afrika fortkommen. Ein Geschäftsfreund ihres verstorbenen Vaters in Kalkutta, hatte ihr vier Prachtexemplare dieser Dickhäuter verschafft, diese mitsamt acht erprobten indischen Führern und Wärtern nach Aden expediert, wo sie dieselben angetroffen und nach Zanzibar genommen. Hier wurden einige Wegführer und Dolmetscher geworben und um nicht etwa zu nahe an der Küste mit uns zusammenzutreffen, der Weg über Pangani genommen, auf welchem ihnen zwardie Neugier der Eingeborenen hie und da lästig geworden, im übrigen aber, insbesondere Dank der liebenswürdigen Fürsorge der in Pangani, Mkumbana, Membe und Taweta stationierten deutschen Agenten nicht der geringste Unfall zugestoßen sei. Ihre Suaheli-Leute hätten sie sofort nach ihrer Ankunft entlassen, mit den Elefanten und Indern gedächten sie sich uns anzuschließen — es sei denn, daß wir sie allein in Taweta zurücklassen wollten.
Was war unter so bewandten Umständen zu thun? Es verstand sich von selbst, daß die beiden Amazonen von da ab zu den Unsrigen gehörten und was mich anlangt, so müßte ich die Unwahrheit sagen, wollte ich behaupten, ich sei meiner Schwester oder Miß Fox ob ihrer Hartnäckigkeit gram geworden. Die ärgsten Gefahren konnten nach der Affaire mit den Massai in Duruma als beschworen gelten; die Beschwerden des Weges waren — wie ja der Erfolg zeigte — auch von Frauen recht gut zu überwinden; ich gab mich also der Freude des unverhofften Wiedersehens ungetrübt hin. Aber auch die anderen Mitglieder der Expedition waren — wie ich mit Genugthuung bemerkte — mit dem Zuwachse, der uns in Taweta geworden, durchaus einverstanden und so erhielten denn die Elefanten mitsamt ihrer schönen Last — denn nebenbei bemerkt ist auch meine Schwester trotz ihrer 38 Jahre noch immer ein schönes Weib — ihren Platz in der Karawane angewiesen.
Vor Taweta verabschiedeten sich unsere Massai-Freunde. Sie nahmen den Auftrag mit, ihren Landsleuten mitzuteilen, daß wir in 8-10 Tagen an den Grenzen von Leitok-i-tok eintreffen würden, daß es unsere Absicht sei, ganz Massai-Land zu durchreisen, um uns dort, wo es uns am besten gefallen würde, dauernd niederzulassen. Diese unsere Ansiedelung werde dem Stamme, in dessen Nachbarschaft wir Hütten bauen würden, zum größten Vorteil gereichen, denn wir würden ihn reich und unbesiegbar allen Feinden gegenüber machen. Uns aufzunehmen und Gebiete abzutreten würden wir Niemand zwingen, obwohl wir, wie sie bezeugen könnten, dazu genügende Macht besäßen und noch viele Tausende unserer weißen Brüder nur auf Nachricht von uns warteten, um uns nachzufolgen; den freien Durchzug aber würden wir, wenn er uns nicht friedlich gewährt werde, überall zu erkämpfen wissen. Schließlich banden wir unseren Blutbrüdern noch ans Herz, dafür zu sorgen, daß bei den Verhandlungen möglichst zahlreiche Stämme erscheinen, insbesondere diejenigen, welche längs des Weges nach dem Naiwascha-See — unserer Route an den Kenia — wohnen, und schieden unter beiderseitigen herzlich gemeinten Wünschen von einander. Als letztes Angedenken gaben wir den ganz zuthunlich gewordenen Kerlen eine Reihe in ihren Augen überaus kostbarer Geschenke für ihre Herzallerliebsten, die sogenannten „Dittos“ mit, als da sind, Messingdraht,messingene Armbänder und Ringe mit falschen Steinen, Handspiegel, auf Schnüre gereihte Glasperlen, Baumwollzeuge und Bänder. Der Tauschwert dieser Geschenke, obwohl sie uns in Europa insgesamt keine 200 Mark gekostet hatten, betrug nach Massai-Währung, wie wir uns später zu überzeugen Gelegenheit hatten, reichlich den von 100 fetten Ochsen, und die El Moran waren auch ganz sprachlos über unsere Freigebigkeit. Geradezu unschätzbar aber war in ihren Augen das Geschenk, mit welchem Johnston zum Schlusse herausrückte: ein Kavalleriesäbel mit eiserner Scheide und guter Solinger Klinge für jeden der sich verabschiedenden Helden. Um ihnen die Vortrefflichkeit dieser Waffead oculoszu demonstrieren, ließ Johnston durch einen in solchen Kunststücken bewanderten Belgier den mächtigsten der Massaispeere, dessen Klinge gut 12 Centimeter breit war, mit einem Hiebe durchhauen, und wies dann den zu Bildsäulen erstarrten Kriegern die völlig unversehrte Schwertklinge vor. „So schneidenunsere„Siemes,“ sagte er, wenn sie in gerechtem Kampfe gebraucht werden; hütet Euch aber, sie bei Raubzügen oder Mordthaten zu ziehen, sie würden Euch in der Hand zerspringen wie Glas und Unheil über Eure Köpfe bringen.“ Damit winkten wir ihnen nochmals freundlich zu und hatten sie bald aus den Augen verloren.
In Taweta weilten wir 5 Tage, um den Tieren nach den anstrengenden Märschen Ruhe zu gönnen und uns an den über alle Beschreibung entzückenden Reizen dieses an Lieblichkeit und tropischer Pracht sowohl als an Großartigkeit der Gebirgsformen alles bis dahin Gesehene weitaus übertreffenden Landes zu erlaben, und schließlich um unsere Ausrüstung mit Hilfe der hier und im benachbarten Moschi residierenden deutschen Agenten einigermaßen zu ergänzen. Diese Herren, wie nicht minder die freundlichen Eingeborenen, informierten uns bereitwilligst über jene Waren, nach denen augenblicklich im Massai-Lande besonderer Begehr herrsche und da sich ergab, daß wir von einer derzeit bei den Dittos modernen blauen Perlenart sehr wenig, von einer als haute Nouveauté geltenden Sorte Baumwolltücher vollends auch nicht einen Ballen besaßen, so kauften wir in Taweta mehrere Traglasten von diesen Kostbarkeiten.
Auf unseren Streifungen in Taweta sahen wir zum ersten Male den Kilima Ndscharo in seiner vollen überwältigenden Majestät. Nahe an 4000 Meter steil aus dem umliegenden Hochlande emporragend, trägt dieser zweizinkige, sich zu 5700 Metern über die Meeresfläche erhebende Riese auf seinem breiten, wuchtigen Rücken ein Schneefeld, mit dessen Wirkung sich nicht die Gletscher unserer europäischen Alpenriesen, ja in gewissem Sinne nicht einmal die der Anden und des Himalaja vergleichen lassen. Denn nirgend sonst auf unserer Erde bietet die Natur so unvermittelt nebeneinander den Kontrast der üppigsten,saftigsten Tropenwelt und der schauerlichen Öde zerrissenen Geklüftes und ewigen Eises, wie hier im äquatorialen Afrika. Die Flora und Fauna am Fuße des Himalaja z. B. ist zwar kaum minder herrlich, wie im Wald- und Quell-Lande von Taweta; aber während die schneebedeckten Gipfel des Central-Asiatischen Gebirgsstockes sich Hunderte von Kilometern entfernt vom Fuße desselben erheben und es daher dem Menschen nicht vergönnt ist, die Reize beider zugleich zu genießen und durch den Kontrast zu steigern, kann man hier, beschattet von einer wildwachsenden Banane oder Mangopalme mit einem guten Fernrohre die unergründlichen Schlünde der Gletscherspalten zählen, so zum Greifen nahe ist die Welt des ewigen Eises der des ewigen Sommers gerückt. Und welchen Sommers! Eines Sommers, der seine reichsten Schätze an Schönheit und Fruchtbarkeit gewährt, ohne unsere Nerven durch seinen Gluthauch zu erschlaffen. Man muß diese schattigen und doch lichten Wälder, diese allenthalben durch den blumenduftenden Boden hüpfenden krystallklaren Bäche gesehen, diese kühlenden Lüfte, die beinahe ununterbrochen von den nahen Eisfeldern herabwehen und sich unterwegs durch den Blumenatem der tiefer gelegenen Bergabhänge würzen, um seine Schläfen empfunden haben, um zu wissen, was Taweta ist.
An materiellen Genüssen greifbarer Art bietet dieses gesegnete Ländchen eine überreiche Fülle. Fette Rinder, Schafe und Ziegen, Hühner, köstliche Fische aus dem nahen Jipe-See und dem Lumi-Flusse, einige besonders delikate aus den rings vom Kilima-Ndscharo herabschäumenden kleineren Gebirgswässern, Wildpret in tausenderlei Varietäten, befriedigen selbst den unersättlichen Hunger nach Fleisch; das Pflanzenreich schüttet ein nicht minder reiches Füllhorn fast aller in den Tropen irgend gedeihenden Feldfrüchte, Gemüse undObstarten aus. Dabei ist alles so wohlfeil, daß selbst der übermütigste Schlemmer nicht im Stande ist, mehr als wenige Pfennige täglich auszugeben — falls die liebenswürdigen, gastfreundlichen Wataweta überhaupt Zahlung annehmen, was z. B. uns gegenüber fast niemals der Fall war. Allerdings kam uns dabei der Ruhm unserer Heldenthaten gegen die Massai und insbesondere unsere Versicherung zu statten, daß wir auch Taweta von diesen bösen Gästen befreien würden, die bisher zwar noch bei jedem Angriffe von den uneinnehmbaren Waldfestungen des Kilima abgeschlagen worden waren, deren Nachbarschaft sich aber bisher doch sehr lästig erwiesen hatte. Auch war unsere Hand den Taweta-Männern und mehr noch den Weibern gegenüber stets offen. Europäische Geräte aller Art, Kleidungsstücke, primitive Schmucksachen, und hauptsächlich eine Auslese von Photographien und bemalten Münchener Bilderbogen gewannen uns die Herzen unserer schwarzen Gastfreunde, so daß, als wir am Morgen des 23. Mai endlich aufbrachen, wir ebenso ungern diesen herrlichen Waldwinkel verließen, als die Watawetauns ungern scheiden sahen. Bis über die Grenze ihres Gebietes begleiteten uns diese guten, einfachen Menschen, und gar manches der keineswegs unschönen Tawetafräulein, das sein Herz an einen der weißen, oder wohl auch der Suaheli-Gäste verloren haben mochte, vergoß bittere Thränen und klagte sein Leid mit Vorliebe — unseren beiden Damen, die glücklicher Weise von diesen Ergüssen und Eröffnungen tawetanischer Mädchen-Seelen kein Wort verstanden. Prüderie ist im äquatorialen Afrika eine gänzlich unbekannte Sache und die Taweta-Schönen würden ebensowenig begriffen haben, daß irgend Jemand Übles darin finden könne, wenn man einem Gaste ohne weiteres sein Herz entgegenträgt, als ihre weißen Schwestern begriffen hätten, daß man derlei Dinge in aller Unschuld ausplaudern könne, ohne daß Freunde und Verwandte daran den geringsten Anstoß nähmen.
Nach Massailand führen von Taweta zwei Wege, der eine westlich vorbei am Kilima durch das Gebiet der Wakwafi; der andere am Ostabhange des Gebirgsstockes durch die verschiedenen Tribus der Wadjagga.
Das Land ist fruchtbar und schön auf beiden Seiten; wir wählten aber die letztere Route, weil die Wakwafi eben im Kriege waren mit den Massai und wir uns in keine überflüssigen Händel mengen wollten, auch ganz im allgemeinen der Verkehr mit den friedfertigen und schüchternen Wadjagga dem mit den rauflustigen Wakwafi vorzuziehen ist. In kleinen Tagemärschen zogen wir vorbei an dem wildromantischen, von düsteren, senkrecht abfallenden Felsen eingefaßten Dschallasee, durch die waldigen Bergabhänge von Rombo und durch die Hochebenen von Useri, übersetzten dabei drei nicht unansehnliche, wasserreiche Bäche, die vereint den Tsabofluß bilden, und zahllose Quellen, die allenthalben vom Kilima herunterrieselnd, die parkartigen Wiesen und die wohlangebauten Felder der Eingeborenen bewässern. Überall tauschten wir reiche Geschenke und schlossen Freundschaftsbündnisse. Nebenbei wurde auch der Jagd gepflegt, die Antilopen, Zebras, Giraffen und Rhinoceros in großer Menge ergab.
Am 28. Mai trafen wir an der Grenze von Leitok-i-tok, dem südöstlichen Grenzdistrikt von Massailand ein. Als wir den Rongeibach überschritten, stieß unser Freund Mdango in Begleitung zahlreicher seiner Krieger zu uns. Sein Bericht war befriedigend. Die ihm aufgetragene Botschaft hatte er nicht bloß den Alten und den Kriegern des eigenen Stammes, sondern allen Stämmen von Leitok-i-tok bis an die Grenzen von Kapte übermittelt und sie zu einem großen Schauri am Minjenjeberge — einen halben Tagmarsch von der Grenze gegenUseri — eingeladen. Sie waren zahlreich erschienen, El-Morun und El-Moran, d. i. verheiratete Männer und Krieger, letztere in einer Gesamtstärke von über 3000 Mann, und vorgestern hatten sie vom Morgen bis Abend verhandelt. Das Ergebnis war der einstimmige Beschluß, uns ein Freundschaftsbündnis anzutragen.
Bald darauf nahten die Massai in hellen Haufen. Wir luden sie in unser Lager, wo wir sie Mann für Mann reichlich beschenkten. Zuerst bekam Mdango für seine diplomatischen Bemühungen ein buntes, goldgesticktes Ehrenkleid (wo bei Geschenken von „Gold“ die Rede ist, welches die Centralafrikaner nicht kennen und nicht schätzen, muß überall unechte Waare verstanden werden), eine silberne Taschenuhr, ein Eßbesteck aus Weißblech und einige Zinnteller. Die Verwendung und Behandlung der letztgenannten Dinge mußte ihm allerdings erst mühsam beigebracht werden, doch sei bemerkt, daß Mdangos Uhr von da ab stets in gutem Gange blieb und daß er sich bei feierlichen Gelegenheiten des Messers und der Gabel mit angemessener Würde bediente.
Andere Massaigrößen wurden gleichfalls, wenn auch nicht so verschwenderisch wie der vielbeneidete Mdango, mit auserlesenen Dingen bedacht; alle El-Moran aber erhielten außer Perlenschnüren und Tüchern für ihre Mädchen, die vielbegehrte rote Hose, die verheirateten Männer farbige Mäntel, und jedes Weib — Frau oder Mädchen — das unser Lager mit seinem Besuche beehrte, ward durch Bilder, Perlen, Zeuge und allerlei broncenen und gläsernen Tand erfreut. Das Verteilen dieser Gaben nahm viele Stunden in Anspruch, trotzdem etwa fünfzig von uns damit beschäftigt waren. Es hielt eben schwer, in dieser entzückt durcheinander schwatzenden und wogenden Masse Ordnung zu halten. Erst als die Sonne sich ihrem Untergange zuneigte, verließen die letzten Massaimänner unser Lager, während gerade die hübschesten der jungen Mädchen und Frauen keine Miene machten, die heimischen Penaten aufzusuchen. Die Männer bemerkten es, fanden es jedoch sichtlich in der Ordnung, daß ihre Frauen und Töchter so freigebigen Fremden auch nach Sonnenuntergang Gesellschaft leisten. So will es die Sitte in Massailand, und wir hatten Mühe, uns vor deren Konsequenzen zu bewahren, ohne die zwar nach ranzigem Fett duftenden, sonst aber selbst nach europäischen Begriffen wohlgebildet zu nennenden braunen Damen zu beleidigen.
Am nächsten Vormittag schritten wir zum Abschlusse des Friedens- und Freundschaftsvertrages. Johnston forderte jeglichen Kral — es waren deren 17 aus Leitok-i-tok und 4 aus Kapte vertreten — auf, den Leitunu und Leigonani der El-Moran und je zwei der El-Morun zu designieren, die den Vertragsabschluß mit uns vollziehen sollten. Dieser Wahlakt ging merkwürdig rasch von statten und schon eine Stunde später war die Ratsversammlung, an welcher unsererseits bloßJohnston, ich und 6 Offiziere teilnahmen, unter allerlei Zeremonien eröffnet. Zuerst gab es einige Reden, in denen unsererseits die Vorteile auseinandergesetzt wurden, die den Massai aus unserer bevorstehenden Ansiedelung in ihrer Mitte oder an ihren Grenzen erwachsen würden, von Seiten der Massaisprecher hinwieder Versicherungen der Bewunderung und Liebe den weißen Freunden gegenüber, die Hauptrolle spielten. Dann legte Johnston die Punktationen des Vertrages vor. Dieselben lauteten wie folgt:
1. Die Massai werden uns und unseren Bundesgenossen gegenüber, als da sind: die Bewohner von Duruma, Teita, Taweta, Dschalla und Useri, unverbrüchlich Frieden und Freundschaft einhalten.
2. Die Massai werden von keiner von Weißen geführten Karawane unter irgend welchem Vorgeben Hongo verlangen, versprechen vielmehr, dem Durchzuge derselben in jeder Weise behülflich zu sein, insbesondere, so weit ihre Vorräte reichen, gegen billige Bezahlung Lebensmittel beizustellen.
3. Die Massai werden auf unser Verlangen jederzeit El-Moran in jeder beliebigen Zahl zu unserer Verfügung stellen, die Geleits- und Wachdienste zu leisten haben und uns während der Dauer ihrer Verwendung militärischen Gehorsam schuldig sind.
4. Dagegen verpflichten wir uns, die Massai als unsere Freunde anzuerkennen, sie in ihren Rechten zu schützen und ihnen gegen fremde Angriffe beizustehen.
5. Die El-Moran jedes am Bunde teilnehmenden Stammes erhalten von uns alljährlich Mann für Mann je zwei Beinkleider aus gutem Baumwollstoff und je 50 Schnüre Glasperlen, deren Auswahl ihnen überlassen bleibt, oder auf Wunsch andere Waren im gleichen Werte. Die El-Morun erhalten je einen Baumwollmantel, die Leitunu und Leigonani Beinkleid, Perlen und Mantel.
6. Die zu Dienstleistungen herangezogenen El-Moran erhalten außer voller Verpflegung an Fleisch und Milch je 5 Perlenschnüre oder deren Wert als tägliche Besoldung.
Dieses, von den anwesenden Massai mit den Zeichen unverhohlener Befriedigung aufgenommene Aktenstück wurde durch eine symbolische Blutverbrüderung zwischen den beiderseitigen Kontrahenten unter vielen Feierlichkeiten bekräftigt. Da die in achtungsvoller Ferne lauschende Menge dasselbe, als es ihr verlesen ward, mit lautem Freudengeschrei aufnahm, so wußten wir, daß die öffentliche Meinung von Leitok-i-tok und eines Teiles von Kapte vollkommen gewonnen sei.
Wir teilten nun unseren neuen Bundesgenossen mit, daß es unsere Absicht sei, über Matumbato und Kapte an den Naiwascha-See zu ziehen, die unterwegs wohnenden Massaistämme womöglich alle in den Bund aufzunehmen und dann entweder über Kikuja oder über Leikipiaan den Kenia vorzudringen. Behufs rascherer Herstellung der freundschaftlichen Beziehungen mit jenen Stämmen, deren Gebiete wir zu durchziehen hätten, verlangten wir die Beistellung einer 50 Mann starken Schar El-Moran, die unter Führung unseres — inzwischen unter seinen Landsleuten zu hohem Ansehen gelangten — Freundes Mdango, uns voraufziehen solle. Es geschah wie wir wünschten und Mdango fühlte sich durch die auf ihn gefallene Wahl nicht wenig geschmeichelt. Aus den 50 El-Moran, die wir forderten, wurden übrigens mehr als 500, da sich die jungen Krieger um die Ehre stritten, uns dienlich zu sein. Vom Wege über Kikuja aber rieten uns die Massai ab. Die Wa-Kikuja sind kein Massaistamm, sondern gehören einer ganz anderen Rasse an, die von altersher mit ihnen in steter Fehde lebt. Sie wurden uns als verräterisch, feige und grausam zugleich geschildert, als Leute ohne Treu und Glauben, mit denen ein ehrlicher Bund ganz unmöglich sei. Da wir indessen aus unserer civilisierten Heimat her wußten, welches Vertrauen man auf das gegenseitige Urteil einander bekämpfender „Nationen“ legen dürfe, so machte obige Schilderung vorderhand weiter keinen Eindruck auf uns, als daß wir derselben entnahmen, die Wakikuja seien „Erbfeinde“ der Massai. Wie sehr im Rechte wir mit unserer Skepsis waren, sollte die Folge lehren. Mdango wurde bedeutet, daß es bei der ursprünglichen Abrede sein Bewenden habe. Er solle uns in Eilmärschen voranziehen, wo möglich bis an die Grenzen von Leikipia, dann aber umkehren und uns am Ostufer des Naiwascha-Sees erwarten, wo wir drei Wochen von heute an gerechnet das große Bundes-Schauri mit den von ihm unterwegs verständigten und berufenen Massai-Stämmen abzuhalten gedächten. Was es mit den Wakikuja, die das Gebiet östlich vom Naiwascha bewohnen, auf sich habe, würden wir selber untersuchen.
Am ersten Juni um 4 Uhr Morgens brachen wir von Miveruni auf. Nach mehrstündigem Marsche lagen die letzten Waldstreifen der Kilima-Vorberge hinter uns und wir betraten die kahlen Flächen der Ngiriwüste. Der Weg durch diese und an den Limgeriningbergen vorbei durch das Hochplateau von Motumbuto bot wenig des Bemerkenswerten. Am 6. Juni erreichten wir die Berge von Kapte, längs deren Westabhang wir in einer Seehöhe von 1200 bis 1700 Metern dahinzogen, zur Linken unter uns die eintönige unabsehbare Dogilaniebene, zur Rechten die bis zu 3000 Metern aufsteigenden Kapteberge, an den Abhängen meist grasreiches Parkland, auf den Kuppen dunkle Wälder zeigend. Zahlreiche Bäche, die stellenweise malerische Wasserfälle bilden, rauschen von ihnen hernieder und vereinigen sich im Dogilaniland zu größeren Flüssen, die, soweit das Auge sie verfolgen kann, allesamt nach Westen ihren Lauf nehmen und in den Ukerewe, diesen größtenunter den Riesenseen Centralafrikas, münden. Alle Stämme unterwegs nahmen uns wie alte Freunde auf, selbst diejenigen, mit denen wir noch kein Bündnis geschlossen hatten. Zu ihnen allen war die Wundermär von den weißen Männern gedrungen, die sich bei ihnen ansiedeln wollen und die so mächtig und freigebig zugleich seien; Mdangos Einladung zum Schauri am Naiwaschasee war überall freudig aufgenommen worden, große Scharen waren schon unterwegs. Andere schlossen sich uns an oder versprachen nachzufolgen. Von „Hongo“ nirgend die Rede, kurzum, wir hatten gewonnenes Spiel in allen Gauen des Landes.
Am 12. erreichten wir die Grenze des Kikujalandes, dem entlang der weitere Weg an den Naiwascha sich hinzieht. Die schlimmen Berichte über den heimtückischen, häßlichen Charakter dieses Volkes waren uns vonden Kapte-Massai, ihren unmittelbaren Nachbarn, in verstärkter Form wiederholt worden; inzwischen aber hatten wir von anderer Seite durchaus verschieden klingende Darstellung erhalten. Unsere beiden Damen führten nämlich ein Andorobomädchen mit sich, welches sie in Taweta aufgenommen hatten. Die Andorobo sind ein Jägervolk, welches ohne festen Wohnsitz durch das ganze ungeheure Gebiet zwischen dem Ukerewesee und der Zanzibarküste hin zu finden ist; aus einem Stamme dieses Volkes, welcher die Gegenden am Fuße des Kenia, nördlich von Kikuja nach Elefanten durchstreift, war Sakemba — so hieß das fragliche ungefähr 18 Jahre zählende Mädchen — vor zwei Jahren von Massai geraubt worden; diese verhandelten sie an eine Suahelikarawane, mit welcher sie nach Taweta kam. Das Mädchen hatte — eine Seltenheit bei diesen Rassen — eine unbesiegliche Sehnsucht nach ihrer Heimat, und da meine Schwester und Miß Ellen, in Taweta vor uns angelangt, auf Befragen erzählten, sie warteten auf eine nach dem Kenia ziehende Karawane, so wandte sich jene mit der flehenden Bitte an die Beiden, sie ihrem gegenwärtigen Herrn abzukaufen und in ihre Heimat mitzunehmen; dort würden ihre Angehörigen gern einige schöne Elefantenzähne an ihre Auslösung wenden. Durch das inständige Flehen des Negermädchens gerührt, bewilligten Klara und Miß Fox sofort diese Bitte, d. h. sie bezahlten den Herrn, schenkten der Andorobo die Freiheit und versprachen ihr, sie mitzunehmen. Dieses, als sehr intelligent und über die Verhältnisse ihres Heimatlandes wohlunterrichtet sich erweisende Mädchen hatte schon in Miveruni gehört, wie schlecht die Massai von den Wakikuja sprachen und bei nächster Gelegenheit seinen Beschützerinnen versichert, daß die Sache lange nicht so schlimm sei. Massai und Wakikuja seien alte Feinde und da sie einander demzufolge gegenseitig möglichst viel Übles zufügen, so glaubten und erzählten sie auch alles erdenkliche Böse über einander. Wahr wäre allerdings, daß die Wakikuja lieber aus dem Hinterhaltals in offener Feldschlacht kämpften, und so tapfer, als die Massai seien sie auch nicht; verräterisch und grausam aber wären sie nur gegen ihre Feinde und wer ihr Vertrauen einmal gewonnen habe, der könne sich so gut auf sie verlassen, als auf Angehörige irgend eines anderen Volkes. Die Andorobo zögen den Verkehr mit den Wakikuja dem mit den Massai sogar weit vor, denn sie seien friedfertiger und nicht so übermütig wie diese. Der direkte Weg an den Kenia aber führe für uns über Kikuja, während die Straße über Leikipia wegen des in weitem Bogen zu umgehenden Aberdargebirges um mindestens 6 Tagereisen länger wäre.
Da wir keinen Grund hatten, an der Glaubhaftigkeit dieses Berichtes zu zweifeln, dessen letzten, für uns wichtigsten Teil zudem ein Blick auf die Karte vollauf bestätigte, so beschlossen wir, es jedenfalls mit Kikuja zu versuchen. Während also der größere Teil der Expedition unter Johnstons Führung die Straße nördlich an den Naiwaschasee weiter verfolgte, schwenkte ich mit 50 Mann und einigem Gepäck bei dem Grenzorte Ngongo-a-Bagas östlich ab. Meine Absicht war, bloß Sakemba, als Kennerin von Land und Volk, mitzunehmen und die zwei Damen bis zu meiner Rückkehr der Obhut Johnstons zu übergeben. Allein meine Schwester erklärte, mich um keinen Preis zu verlassen und da das Andorobomädchen nicht mir, sondern den Frauen gehorchte, überdies aber versicherte, daß für diese schon ganz und gar nicht an Gefahr zu denken sei, indem zwischen Massai und Wakikuja seit unvordenklicher Zeit der niemals verletzte Brauch bestehe, die Weiber gegenseitig selbst mitten im Kriege zu respektieren, eine Versicherung, die allseitig — auch von den Massai — bekräftigt wurde, so waren meine Schwester und Miß Ellen mit von der Partie.
Sowie wir die Grenze von Kikuja überschritten, nahmen uns gewaltige schattige Wälder auf, die jedoch keineswegs „undurchdringlich“ genannt werden können, vielmehr das Eigentümliche haben, daß sie an sehr zahlreichen Stellen von breiten Durchschlägen durchschnitten sind, die geradezu den Eindruck machen, als wären sie von einem geschickten Gärtner zur Bequemlichkeit und Erquickung Lustwandelnder angelegt. Die Breite dieser nicht eben schnurgeraden, doch in der Regel eine bestimmte Richtung einhaltenden Wege schwankt zwischen einem und sechs Metern; stellenweise erweitern sich dieselben zu umfangreichen Lichtungen, die jedoch mit den eigentlichen Wegen gemein haben, daß der Boden mit dem schönsten, dichtesten, kurzen Grase bedeckt ist, und daß schattige Kühle in ihnen herrscht. Wodurch diese Durchschläge entstanden sind, war und blieb mir rätselhaft. Seitlich von denselben giebt es Unterholz zwischen den hochstämmigen Bäumen, stellenweise sogar sehr dichtes, und wir konnten ganz gut bemerken, daß dunkle Gestalten zu beiden Seiten uns folgten, jede unserer Bewegungenbeobachtend und offenbar nicht ganz im Reinen darüber, was sie aus uns machen sollten. Daß wir aus dem feindlichen Massailande kamen, mochte wohl Mißtrauen erregen, denn wir waren schon zwei Stunden lang solcher Art marschiert, ohne daß unsere Begleiter sich hervorwagten.
Dem mußte ein Ende gemacht werden, da irgend ein unvorhergesehener Zwischenfall leicht zu Mißverständnissen und daraus sich ergebenden Feindseligkeiten führen konnte; ich fragte daher Sakemba, ob sie sich getraue, allein unter die Wakikuja zu gehen. „Warum nicht“, meinte sie, „dabei ist so wenig Gefahr für mich, als wenn ich allein in die Hütte meiner Eltern träte“. Ich ließ also Halt machen, die Andorobo schritt furchtlos auf die Büsche zu, hinter denen wir die Wakikuja wußten und hinter denen sie alsbald verschwand. Nach Verlauf einer halben Stunde kam sie in Begleitung einiger Wakikujaweiber zurück, die abgesandt worden waren, die Glaubhaftigkeit von Sakembas Aussagen zu untersuchen, d. h. zu sehen, ob wir wirklich allesamt bis auf einige Treiber Weiße seien und ob sich — der sicherste Beweis unserer friedlichen Absichten — wirklich auch zwei weiße Mädchen unter uns befänden. Dunkle Gerüchte über uns waren zwar schon bis zu den Wakikuja gelangt, allein da die feindlichen Massai die Quelle derselben gewesen, so wußten sie nicht, was sie davon glauben sollten. Mit der Entsendung der Weiberkommission waren aber die guten Beziehungen zwischen uns eingeleitet; einige verschwenderisch gespendete Kostbarkeiten gewannen uns sehr bald die Herzen und das volle Zutrauen der schwarzen Schönen. Unsere Besucherinnen nahmen sich gar nicht Zeit, zu den Männern zurückzukehren, sondern winkten und riefen dieselben herbei, welchem Rufe diese denn auch Folge leisteten, so daß wir im Handumdrehen von einigen Hundert uns verwundert und noch immer etwas scheu anglotzender Wakikuja umgeben waren.
Nun trat aber ich, begleitet bloß von einem Dolmetsch mitten unter sie und fragte, wo ihr Sultan oder ihre Ältesten wären. Sultan hätten sie keinen, war die Antwort, sie seien unabhängige Männer; ihre Ältesten dagegen seien anwesend, mitten unter ihnen. „Dann laßt uns sofort ein Schauri halten, denn ich habe Euch Wichtiges mitzuteilen“. Der Aufforderung zu einem Schauri kann kein Afrikaner widerstehen, und so saßen wir denn alsbald im Kreise und ich konnte mein Anliegen vorbringen. Zunächst berichtete ich von unseren Heldenthaten bei den Massai und wie wir diese zum Friedenhalten mit uns sowohl als mit allen unseren Freunden gezwungen, wie nicht minder von unserer späterhin bethätigten Freigebigkeit. Darauf versicherte ich, daß wir auch die Wakikuja uns zu Freunden zu machen wünschten, woraus für sie Ruhe vor den Massai und großer Gewinn von uns sich ergeben würde. Wir aber verlangten nichts, als freundliche Aufnahme und ruhigen Durchzug durch ihr Gebiet. Sodann ließ icheinen, für solchen Anlaß bereitgelegten Ballen unterschiedlicher Waren herbeischaffen, öffnen und erklärte: „Das gehört Euch, damit Ihr Euch dieser Stunde, in der Ihr uns zum ersten Male gesehen, erinnern möget. Niemand soll sagen: „„Ich saß bei den weißen Männern und hielt Schauri mit ihnen und meine Hand blieb leer““.“
Die Wirkung dieser oratorischen Leistung und mehr noch der ausgebreiteten Geschenke ließ nichts zu wünschen übrig. Wegen Verteilung der Letzteren entstand zwar eine ausgiebige Balgerei unter unseren zukünftigen Freunden, als aber diese glücklich ohne ernsten Unfall vorüber war, ging es an Beteuerungen überschwänglicher Zärtlichkeit und Dienstbeflissenheit uns gegenüber. Zunächst wurden wir eingeladen, ihre sehr geschickt in den Dickungen des Waldes versteckten Hütten mit unserer Gegenwart zu beehren, eine Aufforderung, der wir bereitwilligst Folge leisteten, vorsichtshalber aber doch darauf achteten, in einer möglichst dominierenden Position und nicht all zu sehr zerstreut einquartiert zu werden. Auch sorgte ich dafür, daß unausgesetzt einige von unseren Leuten in unauffälliger Weise Wache standen. Das Gepäck ließ ich unter der Obhut von vier riesigen Doggen, die wir mitgenommen hatten. Im übrigen erwies sich der eine Teil dieser Vorsichtsmaßregeln als überflüssig; Niemand führte Böses gegen uns im Schilde und auch die in den ersten Stunden noch immer hervortretende Ängstlichkeit der Wakikuja machte rasch vollkommenster Zutraulichkeit Platz, wobei — nebenbei bemerkt — die Weiber in sehr entschiedener Weise vorangingen. Dagegen zeigte sich die Bewachung der Waren als höchst ersprießlich, wie uns alsbald das verzweifelte Zeter- und Hülfegeschrei eines Wakikujajünglings bewies, der unsere Ballen, unbewacht wähnend, sich mit einem Messer an einen derselben herangeschlichen hatte, dabei aber von einer der Doggen kunstgerecht gestellt worden war. Wir befreiten den zu Tode Erschrockenen, im übrigen jedoch gänzlich Unverletzten, aus den Fängen des gewaltigen Tieres und hatten fernerhin auch kein Attentat auf unsere Güter zu besorgen.
Am nächsten Morgen forderten wir unsere Gastfreunde auf, uns noch einige Tagmärsche weit in das Innere ihres Landes in der Richtung nach dem Kenia hin zu begleiten und dabei ihre Stammesgenossen, soweit sie diese in so kurzer Zeit mit einer Botschaft erreichen könnten, zu einem Schauri mit uns zu laden, da wir einen festen Freundschaftsbund vereinbaren wollten. Dem wurde bereitwilligst entsprochen und so zogen wir denn in Gesellschaft mehrerer Hundert Wakikuja noch zwei Tage lang durch den herrlichen Wald, in welchem die Mannigfaltigkeit und Pracht der Flora mit jener der Fauna wetteiferte. Unsere Verpflegung besorgten dabei die Wakikuja ohne Bezahlung für irgend etwas zu nehmen in wahrhaft verschwenderischer Weise. Wir schwammen förmlich in Milch, Honig, Butter, allerlei Fleisch- und Geflügelsorten,Mtamakuchen, Bananen, süßen Kartoffeln, Yams und einer großen Auswahl sehr wohlschmeckender Früchte. Dabei wunderten wir uns, von wo dieser unerschöpfliche Überfluß insbesondere an Feldfrüchten wohl stammen möge, denn in den Lichtungen der Wälder, die wir bis nun durchzogen hatten, wurde neben Viehzucht zwar auch Feldbau betrieben, aber sichtlich doch nur nebenbei. Am Ende des zweiten Tagmarsches aber wurde uns das Rätsel gelöst, denn sowie wir den „Guaso Amboni“ genannten, nach dem indischen Ocean hin abfallenden recht ansehnlichen Fluß erreicht hatten, dehnte sich ein unabsehbares Hochplateau vor uns, das, soweit unser Auge reichen konnte, den Charakter eines offenen Parklandes trug, in welchem, insbesondere am Saume des von uns soeben verlassenen Waldlandes, alle Anzeichen eines sehr intensiven Feldbaues zu bemerken waren. Von hier bezieht offenbar Kikuja seinen unerschöpflichen Körnerreichtum. Ganz fern im Norden dieses Plateaus sahen wir eine mächtige Gebirgsgruppe blauen, in der Luftlinie wohl 80 bis 90 Kilometer entlegen, die unsere Führer und Sakemba als den Gebirgsstock des Kenia bezeichneten. Man könne von hier aus, so versicherten sie, bei klarem Himmel auch den Schneegipfel des Hauptberges sehen; derzeit aber sei er in jenen Wolken dort verborgen.
Hier lag es also vor uns, das Ziel unserer Wanderung, und mächtige Rührung ergriff uns Alle, als wir, wenn auch vorläufig nur aus weiter Ferne, die zukünftige Heimat zum ersten male erschauten. Der Keniagipfel aber blieb unsichtbar in Wolken gehüllt während der zwei Tage unseres Aufenthaltes an der Ostlisière des Kikujawaldes. Wir machten dort in einem entzückenden Haine riesiger Brotbäume Halt, wo gastfreie Wakikuja uns ihre Hütten einräumten. Der Ort heißt Semba und war als Versammlungsplatz für das große Schauri verabredet worden. Wir fanden denn auch eine große Zahl Eingeborener bereits versammelt und am nächsten Tage wurde Alles zu größter beiderseitiger Zufriedenheit zwischen uns geordnet und festgemacht, so daß wir schon am 16. Juni den Rückmarsch antreten konnten, den wir jedoch nicht über Ngongo, sondern, einen Nebenfluß des Amboni bis zu dessen nahe an 2200 Meter über dem Meeresspiegel gelegenen Quellgebiet verfolgend und dann vom Rande der Kikujatafelberge jäh hinabsteigend, direkt auf den Naiwascha zu nahmen. Diesen erreichten wir am 19. Abends zwar etwas erschöpft, aber wohlbehalten und in köstlichster Stimmung. Wir hatten die Sicherheit erlangt, den Kenia um eine gute Woche rascher erreichen zu können, als auf dem ursprünglich in Aussicht genommenen Wege über Leikipia möglich gewesen wäre.
Am Naiwascha — einem von malerischen Bergzügen, deren höchste Gipfel sich zu 2800 Meter erheben, umsäumten schönen See von ungefähr 80 Quadratkilometer Flächenraum, dessen charakteristische Eigenschaftein fabelhafter Reichtum an Federwild aller Art ist, hatte inzwischen Johnston umfassende Vorkehrungen zu dem großen Friedens- und Freudenfeste getroffen, das wir den Massai zu geben gedachten. Die Botschaft, daß sie von nun ab auch die Wakikuja als in den Kreis unserer Freunde gehörig zu betrachten hätten, wurde zwar von den El-Moran mit gemischten Gefühlen entgegengenommen; indessen fügten sie sich doch ohne Murren und bei dem nun folgenden Feste, an welchem auch 50 mit uns angelangte angesehene Wakikuja teilnahmen, wurden die neugeknüpften Freundschaftsbande zwischen den Beiden etwas inniger gestaltet.
Dieses Fest aber bestand aus einer zweitägigen großen Schmauserei, bei welcher wir nicht weniger als 6000 Gäste — Weiber und Kinder ungerechnet — mit riesigen Quantitäten Fleisch, Backwerk, Früchten und Punsch bewirteten, und dessen Glanzpunkt ein splendides Feuerwerk war. 150 fette Stierkälber, 260 verschiedene Antilopen, 25 Giraffen, unzählbares Federwild, und gar nicht zu übersehende Mengen von Vegetabilien wurden in diesen zwei Tagen vertilgt, der Punsch aber in 160 je 30 Liter fassenden Töpfen gebraut, die im Durchschnitt nicht weniger als viermal frisch gefüllt werden mußten. Nichtsdestoweniger kostete uns diese kolossale Gastfreundschaft — vom Feuerwerke abgesehen — fast gar nichts. Denn die Rinder waren Geschenke — und zwar nur ein Teil der uns von zahlreichen Stämmen als Zeichen dankbarer Wertschätzung dargebrachten — das Wild hatten wir natürlich nicht gekauft, sondern geschossen, und die Vegetabilien waren hier an der Grenze von Kikuja so billig, daß man die Preise eigentlich nur nominelle nennen konnte; was dagegen den Punsch anlangt, dessen wichtigster Bestandteil bekanntlich Rum ist, ein Saft, der in Massai- und Kikujaland — glücklicherweise — nicht heimisch ist, so hatten unsere Techniker auch diesen dadurch verschafft, ohne unsere ohnehin zur Neige gehenden mitgebrachten Vorräte anzugreifen, daß sie denselben an Ort und Stelle brannten. Unter den mitgenommenen Maschinen und Geräten befand sich nämlich auch eine Destillierblase. Diese wurde ausgepackt, wildwachsendes Zuckerrohr war in Menge vorhanden und so gab es alsbald Rum in Fülle. Nur wurde dafür Sorge getragen, daß diese Prozedur nicht etwa von den Eingeborenen erlauscht und späterhin nachgeahmt werde, denn die Rumflasche — diese Pest der Negerländer — wollten wir nicht unter unseren Nachbarn einbürgern. Den Punsch, den wir ihnen servierten, erhielten sie zwar heiß, aber anständig verdünnt, etwa 10 Teile Wasser auf einen Teil Rum, was übrigens nicht hinderte, daß während der zwei Festtage 18 Hektoliter dieses edlen Nasses in den improvisierten Bowlen verschwanden. Der Jubel, insbesondere während des Feuerwerkes, war unbeschreiblich, und als wir vollends, nachdem ein Trompetentusch Stillschweigen geboten hatte, durch stimmkräftigeHerolde ausrufen ließen, das Volk der Massai sei von nun analljährlichfür den 19. und 20. Juni hier an dieser Stelle von uns zu Gaste geladen, wären wir aus purer Begeisterung beinahe in Stücke gerissen worden.
Den 21. Juni weihten wir der Erholung von den Strapazen des Festes und der Ordnung des Gepäcks; am 22. wurde der Marsch nach Kikuja angetreten. Da wir mit den Lasttieren den von mir auf dem Rückwege gewählten Pfad über die steilen Abhänge der das Naiwaschathal umsäumenden Berge vermeiden wollten, kehrten wir vorerst nach Ngongo-a-Bagas zurück, welches am 24. erreicht wurde. Von hier aus beschlossen wir eine Eilbotenverbindung mit dem Meere herzustellen, damit die Nachricht von unserem Eintreffen am Ziele, dem wir binnen wenigen Tagen entgegensahen, so rasch als möglich nach Mombas und von da an den Ausschuß der Internationalen freien Gesellschaft gelangen könne. Von Mombas nach Ngongo hatten unsere Ingenieure 802 Kilometer verzeichnet; wir rechneten nun, daß unsere arabischen Hengste, wenn ihnen immer bloß je eine eintägige Anstrengung zugemutet würde, während eines solchen Tages bequem 100 Kilometer, demnach in 8 Etappen den ganzen Weg in 8 Tagen zurücklegen könnten. Es wurden also 16 unserer besten Reiter mit 24 der ausdauerndsten Renner zurückbeordert; diese Kuriere erhielten die Anweisung, sich zu zweien und zweien in Distanzen von circa 100 Kilometern — wo böse Wegestrecken sind, etwas weniger, wo der Weg leicht ist, etwas mehr — zu verteilen. An Gepäck bekamen sie nebst Waffen und Munition bloß so viel europäische Bedarfsartikel und Tauschwaren auf den Weg, als die 8 überzähligen Pferde, die zugleich als Reserve dienen sollten, leicht zu tragen vermochten. Im übrigen konnten wir uns jetzt darauf verlassen, daß sie überall, wo sie längs der von uns durchzogenen Straße auf Eingeborene stoßen, mit offenen Armen aufgenommen und reichlich verpflegt werden würden. Der gleiche Etappendienst wurde selbstverständlich auch zwischen Ngongo und dem Kenia eingerichtet; da diese Wegestrecke 193 Kilometer maß, so genügten hier zwei Etappen, so daß ihrer im ganzen zehn waren; dabei wurde also vorausgesetzt, daß eine Nachricht vom Kenia nach Mombas in zehn Tagen gelangen werde — was sich denn auch als richtig erwies.
Der Marsch durch das Waldland von Kikuja, der am 25. Juni angetreten wurde, vollzog sich ohne jeden Zwischenfall. Als wir zeitlich am Morgen des 27. in das offene Land eintraten, umfing uns zuerst dichter Nebel, der von uns Kaukasiern bloß insofern unangenehm empfunden wurde, als er uns jegliche Aussicht benahm, unsere Suahelileute dagegen, die eine Temperatur von 12 Grad Celsius, verbunden mit Feuchtigkeit noch niemals erlebt hatten, zum Zähneklappern brachte. Für die Nordländer und insbesondere für die Gebirgsbewohner unterunter uns hatten die wallenden, vom Dufte balsamischer Bäume und Sträucher durchtränkten Nebelmassen sogar etwas anheimelndes. Da — es war gegen 8 Uhr — erhob sich plötzlich eine von Norden her wehende leichte warme Brise, mit zauberhafter Schnelle teilten sich die Nebel, und vor uns lag im strahlenden Glanze des sieghaften Tagesgestirnes eine Landschaft, deren überwältigende Großartigkeit jeder Beschreibung spottet. Hinter uns und seitlich zu unserer Linken der wundervolle Wald, den wir erst kürzlich verlassen; unmittelbar vor uns ein sanft abfallendes Gelände, in welchem smaragdne Wiesen mit dunkeln Bananenhainen und kleinen Flecken wogender Saat abwechselten. Der Boden überall mit leuchtenden Blumen bedeckt, deren süßen Duft uns die laue Brise in berauschender Fülle entgegentrieb; kleine Gruppen hoher Palmen, einzelne riesenhaft sich ausbreitende Feigen, Platanen, Sykomoren da und dort zerstreut, und all das belebt von zahlreichen Herden des verschiedensten Wildes. Hier tummelt sich übermütig eine Schar von Zebras, dort weiden ruhig einige Giraffen zwischen zierlichen Antilopen; links jagen sich grunzend zwei ungeschlachte Nashörner, ein Rudel von 20 Elefanten zieht einige tausend Meter von uns dem Walde zu, und in noch größerer Ferne trottet eine nach Hunderten zählende Herde Büffel dem gleichen Ziele entgegen.
Unabsehbar dehnt sich dieses herrliche Land nach Ost und Südost, durchschnitten von einem breiten Silberbande, dem Guaso Amboni, der etwa 8 Kilometer vor uns und vielleicht 100 Meter tiefer gelegen als unser Standplatz, seine Fluten nach Osten trägt und soweit wir es übersehen können, mindestens ein Dutzend von Quellbächen von beiden Seiten der ihn einfassenden Abdachung aufnimmt. Die von der Südseite — auf welcher wir uns befinden — entsprungen aus dem Kikujawalde, sind die kleineren; die von der Nordseite sind unvergleichlich wasserreicher und mächtiger, denn ihr Quellland ist der Kenia. Und dieser Riese unter den Bergen Afrikas, dessen Massiv ein Areale von reichlich 2000 Quadratkilometern deckt, und dessen Gipfel nahezu 6000 Meter hoch gen Himmel ragt, zeigt sich jetzt zum ersten Male unseren trunkenen Blicken, ein trotz der Entfernung von gut 80 Kilometern in der Luftlinie sich vom tiefdunkeln Firmament scharf abhebendes riesiges Eisfeld und darüber hinausragend zwei krystallklare Spitzen.
Selbst unsere Suahelis, die sonst Naturschönheiten gegenüber stumpf sind, brechen bei diesem Anblicke in betäubendes Jubelgeschrei aus; wir Weißen aber stehen in Entzücken versunken, drücken uns stumm die Hände und gar Mancher wischt verstohlen eine Thräne aus dem Auge. Das Land der Verheißung liegt vor uns, schöner, herrlicher, als wir zu träumen gewagt, die Wiege einer beglückenden Zukunft für uns und, wenn unser Hoffen und Wollen nicht eitel ist, noch für die spätesten Geschlechter.
Von da ab war’s, als ob unsere Füße und die unserer Tiere Flügel bekommen hätten. Die reine, erquickende Luft dieses schönen Tafellandes, erfrischt durch die vom Kenia kommenden Winde, der angenehme Weg auf weichem kurzem Grase und die vortreffliche leichte Verpflegung ermöglichten uns bisher unerreichte Marschleistungen. Am Abend des 27. überschritten wir die Ostgrenze von Kikuja, wo wir uns reichlich verproviantieren mußten, weil von da ab gänzlich unbewohntes Gebiet begann, durchstreift bloß von wandernden Andorobo. Das Land glich, so weit das Auge reichte, einem Garten, aber der Mensch hatte noch nicht Besitz ergriffen von diesem Paradiese. Den 28. und die größere Hälfte des 29. zogen wir dahin durch blumige Wiesen und malerische Wäldchen, über murmelnde Bäche und ansehnliche Flüsse; aber Giraffen, Elefanten, Nashörner, Büffel, Zebras, Antilopen und Strauße, an den Flußufern Nilpferde und Flamingos waren die einzigen lebenden Wesen, denen wir begegneten. Die meisten dieser Tiere waren so wenig scheu, daß sie unserem Zuge kaum auswichen, ja einige übermütige Zebras begleiteten uns unter Kapriolen und herausforderndem Gewieher eine Strecke weit. Am Nachmittag des 29. betraten wir den gewaltigen, in unabsehbarer Linie vor uns sich dehnenden Hochwald, durch dessen dichtes Unterholz die Axt unserer Pioniere uns Bahn hauen mußte. Das Terrain, schon seit zwei Tagen, seitdem wir nämlich den Amboni überschritten hatten, allmählich ansteigend, wurde jetzt steiler; wir waren am Fuße der Keniaberge angelangt. Die Waldzone erwies sich jedoch als ein bloßer Gürtel von verhältnismäßig geringer Breite, jenseits dessen wir schon am Vormittag des 30. wieder offenes welliges Vorland betraten. Als wir den Rücken einer der vor uns gelagerten Erhöhungen erreicht hatten, lag vor uns, fast mit Händen zu greifen, der Kenia in der ganzen eisigen Pracht seiner Gletscherwelt.
Wir waren am Ziele!
Am Morgen nach unserer Ankunft am Kenia war meine erste Sorge — denn von da ab überging die Leitung der Expedition in meine Hände — das ausführliche, die bisherigen Ereignisse schildernde Tagebuch und einen kurzen Schlußbericht an unsere Freunde in Europa zu expedieren. Ich erklärte in diesem Berichte, daß wir dafür einstehen könnten, bis zur nächsten Ernte, d. i. also nach afrikanischem Kalender bis Ende Oktober dieses Jahres, alles zum Empfange von vielen Tausenden unserer Brüder vorbereitet zu haben; ebenso könnten wir versprechen, von Mombas zum Kenia einen für langsam fahrendes Fuhrwerk vollkommen geeigneten Weg bis längstens Ende September fertig zu stellen und Zugochsen in genügender Zahl herbeizuschaffen. Ich forderte die Gesellschaftsleitung auf, ihrerseits den rechtzeitigen Bau geeigneter und genügender Wagen zu veranlassen und machte mich anheischig, jede beliebige, uns rechtzeitig angekündete Zahl einwandernder Mitglieder, vom 1. Oktober angefangen, gefahrlos und so bequem, als angesichts der gebotenen Transportmittel nur immer möglich, in die neue Heimat zu befördern. Zum Schlusse bat ich um sofortige Nachsendung einiger hundert Zentner verschiedener Waren in Begleitung einer neuen Schar kräftiger junger Mitglieder.
Die zwei Kuriere mit dieser Depesche — die Kuriere hatten nämlich überall zu zweien zu reisen — ritten am 1. Juli vor Morgengrauen ab; pünktlich am 10. Juli war die Depesche in Mombas, am 11. in Zanzibar, am selben Tage noch hatte der Ausschuß meinen ihm von Zanzibar telegraphisch durch unseren Bevollmächtigten weiterbeförderten Bericht in Händen, während er das per Postschiff gehende Tagebuch allerdings erst zwanzig Tage später erhielt; noch am Abend des gleichen Tages war die Rückantwort in Zanzibar und am 22. Juli schon konnteich dieselbe den gleich mir über dieses erste Lebenszeichen von den fernen Freunden seltsam bewegten Brüdern vorlesen. Sie war sehr kurz: „Dank für hocherfreuliche Nachricht; Mitgliederzahl derzeit 10000 überschritten; Wagen für je 10 Personen und 20 Zentner Last nach Bedarf bestellt; werden von Ende September ab successive in Mombas eintreffen; 260 Reiter mit 300 Tragtieren und 800 Zentner Waren gehen Ende Juli ab. Bitten um möglichst häufige Nachricht.“ Letzterem Wunsche war inzwischen meinerseits schon entsprochen worden, denn nicht weniger als fünf fernere Depeschen hatte ich zwischen dem 6. und 21. Juli expediert. Was dieselben enthielten, wird sich am besten aus dem weiteren Laufe der Erzählung über unsere Erlebnisse und Arbeiten ergeben. Und zwar sind von da ab zweierlei Vorgänge zu unterscheiden: Kulturarbeiten zur Installierung der neuen Heimat am Kenia, und Vorkehrungen behufs Sicherstellung und Erleichterung des Verkehrs mit der Küste.
Unser Lager hatten wir am Abend des letzten Juni am Ufer eines ansehnlichen Flusses aufgeschlagen, des wasserreichsten, den wir bisher getroffen. Die Breite desselben betrug 30 bis 40 Meter, seine Tiefe schwankte zwischen 1 und 3 Metern. Seine Fluten waren klar und kühl, sein Gefäll jedoch ein auffallend mäßiges. Er durchströmte von Nordwest nach Südost ein muldenartig sanft eingebuchtetes Plateau von nahezu 30 Kilometer Länge, welches sich halbmondförmig an die Vorberge des Kenia schmiegte; dessen größte Breite in der Mitte betrug 14 Kilometer, während es sich am Westende bis auf 1½, am Ostende bis auf 4 Kilometer verengte. Diese etwa 260 Quadratkilometer bedeckende Mulde war durchweg saftiges Grasland, bestanden von zahlreichen kleinen Palmen-, Bananen- und Sykomorenhainen. Begrenzt war dieselbe im Süden von den grasbedeckten Hügeln, die wir überschritten hatten, im Westen von schroffen Felswänden, im Norden teils von dunkeln Waldbergen, teils gleichfalls von kahlen, himmelanstrebenden Felsen, welche die Aussicht nach dem hinter ihnen liegenden Kenia-Massiv benahmen; im Osten zeigte sich zwischen den Hügeln des Südens und den Felsen des Nordrandes eine Lücke, durch welche der Fluß seinen Abzug fand, und zwar, wie von dorther trotz der großen Entfernung herübertönendes Donnern und Brausen anzeigte, in Form eines mächtigen Wasserfalls, der sich als ein solcher von 95 Metern Fallhöhe ergab. Seinen westlichen Eintritt in das Plateau fand dieser Fluß, der sich späterhin als der Oberlauf des an der Wituküste in den indischen Ozean mündenden Dana erwies, durch ein enges Felsenthor, durch welches wir vorerst nicht weiter vorzudringen vermochten. Vom Norden her, den Abhängen der Keniavorberge entlang, eilten dem Dana vier größere und zahlreiche kleinere Bäche zu, die während ihres Laufes über die Felsenschroffen eine Menge mehr oder minder malerischerKaskaden bildeten. Die Seehöhe dieses, einem großen Tierparke gleichenden Plateaus war, an seinem tiefsten Punkte, dem Spiegel des Flusses gemessen, 1740 Meter.
Noch während wir uns mit der näheren Untersuchung dieser Hochebene beschäftigten, sandte ich mehrere Expeditionen aus mit der Aufgabe, möglichst tief in das Keniagebirge einzudringen, um von beherrschenden Höhen aus genauen Einblick in die Gestaltung und Beschaffenheit des vor uns liegenden Gebietes zu erlangen. Denn so ausnehmend uns allen auch die Landschaft gefiel, in deren Mitte wir lagerten, so wollte ich mich doch nicht entschließen, den Grundstein zu unserer ersten Ansiedelung zu legen, bevor ich zum mindesten oberflächlichen Überblick über das Gesamtgebiet des Kenia gewonnen hätte. Die Auskünfte, die uns diesbezüglich Sakemba erteilen konnte, erwiesen sich als dürftig und ungenügend. Wir waren daher sehr erfreut, als sich acht Eingeborene, die wir als Andorobo erkannten, vor unserem Lager zeigten. Sie hatten in der vorigen Nacht unsere Lagerfeuer bemerkt und wollten nun sehen, wer wir seien. Sakemba, die ihnen entgegenging, machte sie rasch zutraulich und nun hatten wir ortskundige Führer, wie wir sie nur wünschen konnten. Was wir zunächst von ihnen verlangten, war ihnen mit Hilfe Sakembas bald begreiflich gemacht, acht verschiedene Expeditionen unter Führung je eines Andorobo zogen aus und kehrten — die erste schon am Abend des nächsten Tages, die letzte erst nach Verlauf von sieben Tagen, mit ziemlich erschöpfenden Berichten zurück.
Dem Gipfel des Kenia war keine auch nur nahe gekommen. Dagegen hatten sie von verschiedenen leichter zugänglichen Punkten des Hauptstockes, zum Teil aus Höhen von nahezu 5000 Metern, großartige Rundsichten erlangt. Danach war die offenste, für Viehzucht und Ackerbau günstigste Seite des Kenia gerade diejenige, von welcher wir uns genaht hatten. Auch im Osten und Norden dehnte sich anscheinend sehr fruchtbares Vorland, doch war dasselbe im Osten recht monoton, ohne jene nicht bloß malerische, sondern auch mannigfache praktische Vorteile bietende Abwechselung von offenem Land und Wald, Hügel und Ebene, die wir im Süden getroffen; das Land im Norden hinwieder schien zu feucht; im Westen dehnten sich endlose, nur von wenig offenem Land unterbrochene Wälder. All das konnte späterhin ohne Zweifel in üppiges Kulturland umgewandelt werden; vorläufig aber war selbstverständlich bereits kulturfähiger Boden vorzuziehen. Das Innere der Gebirgswelt vor uns erfüllten hohe Waldberge und Felsen, durchkreuzt von zahllosen Thälern und Schluchten. Diese Vorberge treten von allen Seiten nahe an das schroff emporsteigende Hauptmassiv des Kenia heran; nur im Südwesten, etwa fünf Kilometer entfernt vom Westende unseres Plateaus, treten die Vorberge zurück, den Raumfreilassend für eine ausgedehnte offene Thalmulde, in deren Mitte auch ein See sich befindet, dessen Abfluß der Dana ist. Den Flächeninhalt dieses Thales schätzten unsere Kundschafter auf ungefähr 150 Quadratkilometer und alle stimmten darin überein, daß es sehr fruchtbar und seiner Lage nach ein wahres Wunder an Schönheit wäre. Zugänglich aber sei dieses Thal am besten durch die Schlucht, aus welcher der Dana hervorbreche, nur müsse dieselbe, so lange geeignete Wasserfahrzeuge fehlen, nicht unmittelbar von unserem Plateau aus, sondern auf dem Umwege über ein südlich einmündendes kleines Seitenthal betreten werden.
Diese Nachricht empfing ich am 3. Juli. Am nächsten Tage schon war ich, ohne die Rückkehr zweier noch fehlender Expeditionen abzuwarten, unterwegs nach diesem vielgepriesenen Seethale. Der bezeichnete und in der That sehr praktikabel sich erweisende Weg führte von unserem Lagerplatze zunächst an das Westende des Plateaus, dann südlich ausbiegend und einen kleinen felsigen Waldberg umgehend, zu einem nach Nordosten ziehenden engen Thale, welches seinerseits in die vom Dana durchflossene Schlucht mündete, die jedoch hier weder so eng, noch so ungangbar war, wie beim Austritte in die Hochebene. Diese Schlucht aufwärts verfolgend, standen wir nach einer Stunde plötzlich inmitten des gesuchten Thales.
Der Anblick, der sich uns hier bot, war geradezu unbeschreiblich. Man denke sich ein 18 Kilometer langes, an seiner breitesten Stelle 12 Kilometer messendes, mit beinahe geometrischer Regelmäßigkeit aufgebautes Amphitheater, dessen Halbkreis durch einen Kranz sanft aufsteigender, 100 bis 150 Meter hoher Waldhügel, dessen Grundlinie dagegen durch die jäh und schroff sich emportürmenden Felswände des Kenia gebildet wird, von deren Höhe, die Wolken überragend, die schneeigen Firnen herniederleuchten. Den Boden dieses majestätischen Amphitheaters deckt auf der einen, dem Kenia zugewandten Seite, ein tiefblauer, klarer See, zur anderen ein blumiges Park- und Wiesenland. Das Publikum, welches diese Arena füllt, sind zahllose Elefanten, Giraffen, Zebras, Antilopen; und das Stück, welches in demselben zur Aufführung gelangt, betitelt sich: Die Kaskaden des Keniagletschers. Hoch oben, in unerreichbarer Höhe, entspringen unter dem Kuß der glühenden Sonne zahllose Wasseradern den bläulich und grünlich strahlenden Eisklüften; schäumend und funkelnd, bald zerstäubt in alle Farben des Regenbogens, bald vereint in weißlichem Glaste, eilen sie hernieder, stets kräftiger anwachsend, stets unbändiger tobend, bis endlich der gesamte Schwall sich vereinigt zueinemmächtigen Flusse, der nun mit donnerndem Tosen, das bei günstiger Windrichtung selbst da unten, in einer Entfernung von gut 10 Kilometern, deutlich zu hören ist, seiner Gletscherheimat enteilt und den Felsschroffen zustürmt; dortangelangt aber stürzt die ganze kolossale Wassermasse, dieselbe, die wenige Kilometer weiter den Dana bildet, 500 Meter tief jäh herab, in Atome zerstäubend, zu einer Regenbogenwolke umgestaltet. Der Fluß ist urplötzlich in den Lüften verschwunden, vergebens sucht dein Auge die Fortsetzung seines Laufes auf den schwarz gleißenden Klippen; erst 500 Meter weiter unten sammeln sich die fallenden Nebelmassen wieder zu fließendem Wasser, um von da ab in kleineren Absätzen dumpf brausend und grollend dem See auf gewundenen Umwegen zuzueilen.
In sprachloses Entzücken versunken standen wir lange vor diesem Naturwunder sonder gleichen, dessen unsägliche Majestät und Schönheit Worte nicht schildern können. Gierig sog das Auge die Flut von Licht und Farbenglanz, gierig das Ohr den aus märchenhafter Höhe herabklingenden Ton der Wässer, gierig die Brust das duftgeschwängerte Labsal ein, welches als Atmosphäre dieses Zauberthal durchfächelt. Zuerst fand das Weib in unserer Mitte, Ellen Fox, wieder Worte. Einer verzückten Seherin gleich hatte sie lange dem Spiel der Wässer zugeschaut; da rief sie plötzlich, als ein stärkerer Windhauch den Nebelschleier des Wasserfalles, der soeben noch einen schillernden, schwertähnlich geschwungenen Streifen gebildet hatte, vollends verwehte: „Seht hin, das Flammenschwert des Erzengels, welches den Eingang zum Paradiese bewacht hat, ist bei unserem Erscheinen zerstäubt; „Eden“ laßt uns diesen Ort nennen!“
Daß dieses Thal — der Name Eden wurde für dasselbe einhellig acceptiert — unser zukünftiger Wohnort sein müsse, stand bei uns allen sofort fest. Eine nähere Untersuchung desselben ergab, daß dessen Gesamtfläche 160 Quadratkilometer betrug. Davon entfallen auf den, in Form einer langgestreckten Ellipse unter dem Keniaabhange sich ausdehnenden See 35, auf den die Höhen umsäumenden Wald 40 Kilometer; 95 Kilometer sind offenes Parkland, welches den See bis auf einige Stellen, wo die Keniafelsen unmittelbar in ihn abfallen, rings umgiebt, im Nordosten, dem Kenia zu, in schmalen Streifen, auf den anderen drei Seiten in einer Breite von 1 bis 7 Kilometern. Der den Abfluß des Keniagletschers bildende Dana mündet am Nordwestende des Sees in diesen und verläßt ihn am Südostende. Seine Wasser, schon vor ihrem Eintritt in den See nicht so kalt, als man nach ihrem Ursprunge unmittelbar aus dem Gletscher da oben vermuten sollte, erwärmen sich hier mit merkwürdiger Raschheit; die Temperatur des Sees erreicht an heißen Tagen bis zu 24 Grad Celsius. Außer dem Dana münden in den Edensee noch mehrere Quellen, die teils den Keniaklippen, teils denAbhängen der seitlich und gegenüber gelagerten Berge entspringen. Wir zählten deren nicht weniger als elf, darunter eine heiße, deren Temperatur 52 Grad Celsius betrug.
Daß wir in den vier Tagen bis zur Entdeckung von Edenthalnicht müßig gewesen, versteht sich von selbst. Zunächst hatten sich schon am 1. Juli, wenige Stunden nach den mit den ersten Depeschen entsandten Kurieren, die zur Herstellung geregelter Verbindung mit Mombas bestimmten Expeditionen auf den Weg gemacht. Es waren deren zwei; die eine unter Leitung Demestres’ und dreier anderer Ingenieure, sollte die Straße bauen, die andere unter Leitung Johnstons, das erforderliche Zugvieh — dessen Menge einstweilen auf 5000 Stück Ochsen präliminiert war — auftreiben und die Verproviantierung längs der ganzen Wegstrecke sicherstellen. Ersterer wurden 20 unserer Mitglieder und 200 unserer Suahelileute nebst einem Train von 50 Tragtieren mitgegeben; Johnston bekam bloß 10 der Unseren, 20 Tragtiere und 10 Schäferhunde mit. Wie diese Expeditionen ihre Aufgabe lösten, davon später.
Bei mir am Kenia blieben, da ich bis nun insgesamt 53 der Unseren, 200 Suahelis und 131 Reit- und Tragtiere entsendet hatte, von letzteren überdies auf dem Marsche 9 zugrunde gegangen waren, 149 Weiße, 80 Suahelis und 475 Tiere — die Hunde und Elefanten ungerechnet. Außerdem waren uns aber einige hundert Wakikuja gefolgt, die sich bereitwilligst zu beliebigen Dienstleistungen erboten. Von diesen behielt ich 150 der anstelligsten zurück, die anderen sandte ich — begleitet von fünf der Unserigen — noch am 1. Juli in ihre Heimat, mit dem Auftrage, 300 kräftige Zugochsen, 150 Kühe, 400 Schlachtochsen und einige tausend Zentner verschiedener Sämereien und Nahrungsmittel einzukaufen und successive an den Kenia zu befördern. Nachdem ich dies erledigt, verteilte und übergab ich die mannigfaltigen Arbeiten, die uns nun zunächst zu beschäftigen hatten, sachverständigen Händen. Einer unserer Techniker erhielt die Feldschmiede und Schlosserei, ein anderer die Sägemühle zugewiesen — dazu selbstverständlich die entsprechenden Arbeitskräfte; zum Holzfällen war eine besondere Sektion bestimmt, eine andere sollte die landwirtschaftlichen Geräte in Stand setzen und ergänzen. Einer der am Kenia zurückgebliebenen Ingenieure hatte mit 100 Schwarzen die Herstellung geeigneter Kommunikationen in dem zu besiedelnden Gebiete, insbesondere den Bau von Brücken über den Dana zu bewerkstelligen.
Am 5. Juli fand die Übersiedelung in das Edenthal statt. Das Terrain wurde genau vermessen und zuvörderst rings um den See die zukünftige Stadt abgesteckt, mit ihren Straßen und Plätzen, öffentlichen Gebäuden und Belustigungsorten. Dieser — zunächst allerdings bloß in unserem Geiste existierenden Stadt — reservierten wir vorerst einen Raum für 25000 Familienhäuser, deren jedem auch ein ansehnliches Gärtchen zugedacht war, was insgesamt 35 Quadratkilometer beanspruchte. Außerhalb dieses Bauareals — das späterhin nach Bedarf beliebig ausgedehnt werden mochte — wurden 1000 Hektaren als vorläufiger Ackergrund ausgesucht; sie erhielten ein Netz kleiner Bewässerungskanäleund sollten so bald als möglich eingefriedigt werden, zum Schutze gegen die Invasion des zahllos umherschwärmenden Wildes, wie nicht minder unserer Haustiere, die bei Nacht in einem starken Pferch untergebracht, bei Tag dagegen, sofern man ihrer nicht bedurfte, unter der Hut einiger Suaheli und der Hunde im Freien weideten.
Inzwischen hatte die Sägemühle, die wir nicht mit nach Eden genommen, sondern am Danaplateau belassen und dort unter Benutzung der Wasserkraft eines der vom Gebirge herniederrauschenden Bäche hart am Flusse errichtet hatten, ihre Arbeit begonnen. Die ersten Bretter und Pfosten, welche sie lieferte, wurden zur Erbauung zweier größerer Flachboote benutzt, auf denen dann sofort der Transport des gewonnenen Bauholzes den Fluß aufwärts nach dem Edensee begann. Wenige Wochen später erhoben sich an dessen Ufern vierzig geräumige Holzbaracken, in welche nun wir Weiße aus den bisher bewohnten engen Lagerzelten übersiedelten; die Neger zogen es vor, in den Grashütten zu bleiben, die sie sich unter dem Schutze eines Wäldchens errichtet. Gleichzeitig bekam das Vieh seinen Pferch, der hoch und stark genug war, um jeder vierfüßigen Invasion unübersteigliche Schranken zu ziehen. Dieser Pferch bot Raum für ungefähr zweitausend Tiere und war überdies mit einem gedeckten Raume versehen, der bei Regenwetter Schutz gewährte.
Schon am 9. Juli hatten unsere Schmiede, Wagner und Zimmerleute zehn von den mitgebrachten Pflugscharen zu Pflügen ergänzt; gleichzeitig war aus Kikuja der erste Viehtransport — 120 Ochsen und 50 Kühe samt 200 Schafen und zahllosem Geflügel eingetroffen. Sofort wurden unter Anleitung unserer Ackerbauer Pflügeversuche gemacht. Die Kikujaochsen sträubten sich zwar ein wenig gegen das Joch und auch das Gehen in der Ackerfurche leuchtete ihnen anfangs nicht ein; binnen drei Tagen aber hatten wir sie doch so weit, daß sich mit ihnen, zu achten vor den Pflug gespannt, leidlich ackern ließ. Dieser Kraftaufwand war notwendig, da der schwarze, fette Boden, gebunden überdies durch die üppige Grasnarbe, sich außerordentlich schwer aufbrechen ließ. Jedes Ochsenpaar mußte zwar anfangs seinen eigenen Treiber haben und die Ackerfurchen liefen trotzdem nicht so schnurgerade, wie von civilisierten Ochsen gefordert wird; aber umgebrochen wurde der Boden doch und binnen verhältnismäßig kurzer Zeit hatten die Tiere weg, worauf es bei ihrer Arbeit ankam und leisteten dieselbe von da ab zur vollsten Zufriedenheit. Am 15. Juli kamen mit Hilfe inzwischen neu angelangter Ochsen fünfzehn fernere Pflüge in Verwendung, ebensoviel am 20. Mit diesen vierzig Pflügen waren bis zu Ende des Monats 300 Hektaren gepflügt, die sodann geeggt und gewalzt, soweit der Vorrat reichte mit unseren mitgebrachten Sämereien — hauptsächlichWeizen und Gerste, zu reichlich drei Vierteilen dagegen mit afrikanischem Weizen und Mtamakorn bestellt, und schließlich wieder eingewalzt wurden. In der zweiten Augusthälfte war diese Arbeit gethan, kurze Zeit darauf das ganze Ackerareal eingehegt, und wir konnten getrost der nun beginnenden kleinen Regenzeit entgegensehen.
Inzwischen war auch ein — vorläufig bloß 10 Hektare umfassender — Garten angelegt worden, etwas entfernter vom Weichbilde der zukünftigen Stadt als das Ackerland, denn während letzteres bei dem zu gewärtigenden Wachstume der Stadt leicht weiter hinaus verlegt werden konnte, mußte für den Garten ein möglichst dauernder Standort gesucht werden, also ein solcher, der außerhalb des Weges der zukünftigen städtischen Entwickelung lag. Da wir nicht weniger als achtzehn geschickte Gärtner besaßen und diesen Suaheli und Wakikuja als Gehilfen nach Bedarf an die Hand gegeben wurden, so gelang es, binnen wenigen Monaten die ganzen 10 Hektaren mit den erlesensten Obst- und Beerenarten, Gemüsen, Blumen, kurzum mit Nutz- und Zierpflanzen aller Art zu besetzen, die wir teils aus der alten Heimat herübergebracht, teils unterwegs vorgefunden und mitgenommen, teils am Kenia und in dessen Umgebung angetroffen hatten. Auch der Garten wurde mit einem Netze kleiner Bewässerungskanäle versehen und durch einen starken hohen Zaun gegen unliebsame Besuche gesichert.
Die Bestellung der Felder, Gartenbau und Jagd hatten nicht alle uns zur Verfügung stehenden Kräfte absorbiert. Es waren gleichzeitig mehrere praktikable Fahrwege rings um den Edensee, längs des Flusses bis zum Ostende des Plateaus und von diesem Hauptstrange aus abzweigend nach mehreren anderen Richtungen unseres Gebietes hergestellt worden. Man darf sich darunter keine Kunststraßen vorstellen, es waren eben Feldwege, die jedoch die Beförderung ganz ansehnlicher Lasten ohne sonderliche Kraftverschwendung ermöglichten. Der Dana wurde an drei Stellen für Fuhrwerk und an zwei anderen für Fußgänger überbrückt; sonst waren nur an zwei kurzen Strecken Kunstbauten erforderlich gewesen: am Ende der Schlucht, die den Dana aus Edenthal nach dem großen Plateau führt, und an einer der in den See abfallenden Keniaklippen. An diesen beiden Orten mußten mehrere Kubikmeter Felsen weggesprengt werden, damit am Ufer Raum für einen Weg geschaffen werde.
Da inzwischen auch Wagnerei und Feldschmiede nicht stille gestanden hatten, so waren gleichzeitig mit den Wegen auch mehrere tüchtige Wagen und Karren fertig geworden, die alsbald nützliche Verwendung fanden.
Größere Arbeit beanspruchte die Herstellung der Mahlmühle. Dieselbe wurde mit zehn kompleten Mahlgängen am Oberlaufe des Dana, einen Kilometer vor dessen Einfluß in den Edensee, errichtet. DieseStelle wurde aus dem Grunde gewählt, weil dicht oberhalb derselben eine große Stromschnelle ist, von da ab jedoch der Dana jenes ruhige, geringe Gefälle hat, das erst am großen Wasserfall, am Ostende des Plateaus, unterbrochen ist. Wir hatten also durch das ganze vorläufig okkupierte Gebiet hindurch eine vortreffliche Wasserstraße zur Mühle und konnten für dieselbe trotzdem den raschen Lauf des oberen Dana ausnützen. Die komplicierteren, feineren Bestandteile dieser Mühle hatten wir aus Europa mitgebracht; die Räder, Wellen und die zehn Mühlsteine dagegen erzeugten wir uns selber. Auch diese Mühle war — vorläufig zwar nur aus Holz und Fachwerk erbaut — Ende September fertig, allerdings schon mit Hilfe jenes Nachschubs der Unseren, der während der ersten Hälfte des gleichen Monats in zwei Kolonnen zu uns gestoßen war.
Ich habe bereits erzählt, daß ich sofort nach unserem Eintreffen am Kenia neue Vorräte und eine Schar neuer Pioniere vom Ausschusse verlangt und daß dieser den mit Ende des Monats Juli erfolgenden Abgang einer Expedition von 260 Reitern und 800 Zentner Waren auf 300 Tieren angezeigt hatte. Diese Expedition traf am 16. August in Mombas ein; hier teilte sie sich in zwei Gruppen; die eine, die besten, unternehmungslustigsten 145 Reiter enthaltend, machte sich schon am 18. August mit bloß 50 sehr leicht bepackten Handpferden — die 300 Tragtiere waren, nebenbei bemerkt, sämtlich Pferde — auf den Weg, ohne, von einem Dolmetscher abgesehen, auch nur einen einzigen Eingeborenen mitzunehmen; sie verließ sich beinahe gänzlich auf die Aushülfe von seiten unserer unterwegs beschäftigten Wegbauer und der uns freundlich gesinnten Bevölkerung, nicht zum mindesten aber auf ihren Entschluß, alle etwa zu gewärtigenden Entbehrungen und Strapazen ohne Murren zu ertragen. Ein Gewaltritt von zwanzig Tagen mit bloß eintägiger Unterbrechung in Taweta brachte diese Wackeren am 9. September in unsere Mitte. Fünf Pferde waren den Anstrengungen erlegen, sieben andere mußten unterwegs marod zurückgelassen werden; sie selber aber trafen sämtlich bis auf einen, der bei einem Sturze das Bein gebrochen und unter guter Pflege in Miveruni geblieben war, zwar etwas erschöpft, im übrigen aber in bester Verfassung ein und beteiligten sich schon zwei Tage später rüstig an unseren Arbeiten. Die 115 anderen folgten mit 250 Lastpferden, zu denen sie 100 Suaheli-Treiber aufgenommen hatten, erst zehn Tage später. Die größere Hälfte der mitgenommenen Waren hatten sie unterwegs an Johnston abgegeben, auf den sie in Useri gestoßen waren und der darauf schon sehnsüchtig gewartet hatte. Die an den Kenia gebrachten neuen Vorräte — in allem etwas über 300 Zentner — enthielten auch mancherlei Werkzeuge und Maschinen; diese und mehr noch der ansehnliche Kräftezuwachs beflügelten unsere Kulturarbeiten in nicht geringem Maße.
Die Mahlmühle wurde — wie schon erzählt — noch Ende September fertig. Sie fand sofort vollauf Beschäftigung. Zwar unsere eigene Ernte war noch nicht eingebracht; aber von den Wakikuja hatten wir inzwischen allmählich 10000 Zentner verschiedener Getreidearten gekauft und in Speichern am Seeufer eingelagert, zu denen die Sägemühle reichlich Baumaterial geliefert hatte. Bis Ende Oktober waren diese 10000 Zentner zu Mehl vermahlen; selbst wenn wir eine Mißernte hatten, brauchten die ersten paar Tausend fernerer Ankömmlinge nicht Hunger zu leiden.
Wir hatten aber keine Fehlernte, vielmehr brachte uns, wenige Wochen nach Beginn der mit dem Oktober anhebenden heißen Jahreszeit, der üppige, durch unser Bewässerungsnetz mit reichlicher Feuchtigkeit regelmäßig versehene Boden einen Segen, der aller europäischen Vorstellungen spottet. Hundertzwanzigfache Frucht gab im Durchschnitt jedes gesäete Korn; wir ernteten von unseren 300 Hektaren 42000 Zentner verschiedener Getreidearten, denn nicht in einzelnen mageren Ähren, sondern in dichten, mächtigen Ährenbüscheln endete jeglicher Halm, der europäische Weizen und unsere Gerste nicht minder als die afrikanischen Sorten. Bei Bergung dieses Segens kam uns besonders zu statten, daß schon gegen Ende August auch eine Maschinenschlosserei einige hundert Meter oberhalb der Mahlmühle eingerichtet worden war, die alsbald unter Benutzung von Wasserkraft zuarbeiten begann und teils aus mitgebrachten Bestandteilen, hauptsächlich aber aus selbsterzeugten Materialien einige Erntemaschinen und zwei mit Pferdegöpel zu treibende Dreschmaschinen geliefert hatte.
Zu solcher Leistung aber war diese Werkstätte befähigt, weil unsere Geologen neben anderen wertvollen mineralischen Schätzen auch Eisen und Kohle auf unserem Gebiete entdeckt hatten. Die Kohle lag in einem der Keniavorberge auf dem Danaplateau, drei Kilometer vom Flusse; das Eisen in einem der Vorberge, die der Dana in seinem Oberlauf durchschneidet, zwei Kilometer oberhalb des Edenthals. Die Kohle war mittelguter Anthracit, das Eisenerz vortrefflicher, 40prozentiger Manganeisenstein. Es wurde in der Nähe des Eisenfundortes sofort ein Schmelz- und Raffinierofen und ein Hammerwerk errichtet, provisorisch und primitiv, aber doch genügend, um ganz brauchbares Guß- und Schmiedeeisen zu liefern, das uns in unseren Ausführungen sofort unabhängig machte von den aus Europa mitgebrachten Vorräten. Nun erst besaßen wir eine, wenn auch kleine, so doch auf eigenen Füßen stehende Maschinenindustrie, und diese setzte uns in den Stand, die unverhofft reiche Ernte binnen wenigen Wochen einzuheimsen und zu verarbeiten.
Ein fernerer Gebrauch, den wir sofort von unserer gesteigerten Leistungsfähigkeit machten, war die Errichtung zweier neuer Sägemühlenund einer Bierbrauerei. Die Sägemühlen brauchten wir, um für die stetig anschwellende Menge der angekündigten Ankömmlinge bequeme Unterkunft zu schaffen, die Brauerei sollte dazu dienen, sie durch einen Willkommentrunk des von den meisten sicherlich schwer entbehrten heimischen Getränks zu überraschen. Sowie die Gerste geschnitten und gedroschen war, ging’s ans Malzen; den Hopfen hatten unsere Gärtner an den Hängen der Kenia-Vorberge in sehr annehmbarer Güte gezogen, und bald füllten zahlreiche Fässer des edlen Getränkes einen unter Benutzung natürlicher Höhlungen angelegten kühlen Felsenkeller.
Als der Oktober seinem Ende entgegenging, durften wir mit Beruhigung und Genugthuung auf unsere viermonatliche Thätigkeit im Keniagebiete zurückblicken. Sechshundert nette Blockhäuser für ebensoviel Familien harrten ihrer Bewohner; 50000 Zentner Getreide und Mehl, reiche Vorräte an Schlacht- und Zugvieh, Baumaterialien und Werkzeuge zur Unterbringung und Ausrüstung vieler Tausende waren aufgespeichert. Der Garten hatte sich nicht minder schön entwickelt und seine köstlichen Gaben waren teilweise schon zum Genusse bereit. Zwar hier genügte unsere eigene Produktion vorläufig noch nicht zur Deckung des voraussichtlichen Bedarfes; aber dem ließ sich, wie bisher, durch den sich stets lebhafter gestaltenden Tauschverkehr mit den Wakikuja abhelfen. Diesen hatten wir regelmäßig einmal in der Woche einen Markt in Edenthal veranstaltet, welchen sie jedesmal zu vielen Hunderten beschickten, ihre Waren auf Ochsenkarren mit sich führend, deren Gebrauch wir ihnen beigebracht und durch Herstellung des inzwischen durch unsere Ingenieure vollendeten, ihr Land durchziehenden Weges auch praktisch ermöglicht hatten. Seitdem wir unsere Eisenhütten besaßen, suchten die Wakikuja bei uns vornehmlich Eisen, entweder roh oder in Form von allerlei Werkzeugen. Dafür brachten sie uns anfangs Vieh und Vegetabilien, dann, als wir deren vorläufig nicht mehr bedurften, hauptsächlich Elfenbein, von welchem wir, teils durch diesen Handel, teils durch die Andorobo, teils durch das Ergebnis unserer eigenen Jagden successive schon 140000 Kilogramm aufgespeichert hatten. Denn Elfenbein ist hier wohlfeil wie Brombeeren; für unser Schmiedeeisen geben uns die Wakikuja und Andorobo mit Vergnügen das doppelte Gewicht jenes im Abendlande so geschätzten Materials, und jedes eiserne Werkzeug, es sei nun Hammer, Nagel oder Messer, wird mit dem zehn- bis zwanzigfachen Elfenbeingewichte aufgewogen. Der ganze Kostenbetrag unserer Expedition war also schon nahezu in Elfenbein bezahlt; das Vieh und die Vorräte, die Werkzeuge und Maschinen — vom Lande gar nicht zu reden — gingen gratis drein.