6. Kapitel.

Während wir am Kenia solcherart damit beschäftigt waren, den aus der alten Welt erwarteten Brüdern das neue Heim behaglich einzurichten, arbeiteten unsere Genossen unter Demestres und Johnstons Führung nicht minder erfolgreich an den ihnen zugeteilten Aufgaben.

Die Herstellung der Wege innerhalb des eigentlichen Keniagebietes ging Demestre nichts an; sein Geschäft begann erst am Saume der die Keniaregion umgürtenden großen Wälder. Von hier bis zur Grenze zwischen Kikuja und Massailand bei Ngongo übergab er die Ausführung des Werkes dem Ingenieur Frank, einem Amerikaner; die zweite Sektion von Ngongo bis Masimani im Massailande, mittwegs zwischen Ngongo und Taweta, erhielt der Ingenieur Möllendorf, ein Deutscher, die dritte Sektion, Masimani-Taweta, Lermanoff, wie sein Name verrät, ein Russe; die letzte und schwierigste Sektion, Taweta-Mombas zwei der bösesten Einöden enthaltend, behielt sich Demestre selber vor. Jeder der vier Sektionen waren 5 Weiße zugeteilt; seine 200 Suahelis, verstärkt durch die doppelte Zahl auf dem Marsche durch ihr Land angeworbener Wakikuja, wies Demestre den beiden ersten Sektionen zu, und zwar der ersten in Kikujaland 50 Suaheli und 300 Wakikuja, der zweiten in Massai-Land 150 Suaheli und 100 Wakikuja. Die dritte Sektion wurde von Taweta aus organisiert; dahin ritt Lermanoff mit einem Begleiter unter Benützung unserer Kurieretappen vom Kenia binnen 6 Tagen, engagierte in Taweta, wo sich stets Suahelikarawanen finden, 100 Suahelileute, in Useri und Dschagga 250 der dortigen Eingeborenen und begann, nachdem inzwischen auch seine anderen vier Begleiter eingetroffen waren und auch die ihm wie jeder Sektion, zugeteilten Packpferde mitgebracht hatten, schon am 15. Juli von Taweta und Useri zugleich die Arbeiten. Demestre dagegenritt, gleichfalls unter Benutzung der Kurieretappen, in einer nur von Nachtruhen unterbrochenen Tour zuerst nach Teita, warb dort 400 Wateita an, die er unter Leitung eines seiner Begleiter sofort die Strecke Teita-Taweta in Angriff nehmen ließ, eilte dann weiter nach Mombas und brachte es zuwege, schon am 20. Juli mit 500 Küstenleuten auf der schwierigsten Strecke, Mombas-Teita, die Arbeiten zu beginnen.

Diese Arbeiten waren überall dreifacher Art. Zunächst mußten an den wasserarmen Stellen, deren es auf den unteren Sektionen mehrere gab, insbesondere aber in den Wüsten von Duruma, Teita und Ngiri, Brunnen, und wo sich kein Grundwasser fand, Cisternen gegraben werden, ergiebig genug, um nicht nur die Arbeiter während der Bauzeit, sondern späterhin Menschen und Vieh der durchziehenden Karawanen ausreichend mit Wasser zu versorgen. Da es im äquatorialen Afrika zu allen Jahreszeiten heftige Regengüsse giebt, die in den sogenannten trockenen Zeiten eben nur um vieles seltener sind, als in der sogenannten Regenzeit, so war nicht zu besorgen, daß große Cisternen, denen das Regenwasser aus genügend weitem Umkreise zufloß, selbst in den heißen Monaten erschöpft werden könnten; nur mußten diese Cisternen sowohl gegen den unmittelbaren Sonnenbrand als auch gegen Schmutz geschützt werden. Ersteres geschah durch Eindeckung und Überdachung, letzteres durch Einfriedigung der Cisternen sowie dadurch, daß das Regenwasser, bevor es in die Gruben gelangen konnte, durch eine mehrere Meter mächtige Sand- und Schotterschicht hindurchgeleitet wurde. Die natürlichen, jedoch in Zeiten anhaltender Dürre austrocknenden Wasserlöcher, die sich in allen Einöden vorfanden, zeigten die Stellen an, wo diese Cisternen am praktischesten anzulegen seien, denn es waren das selbstverständlich die tiefsten Punkte, nach denen zu das Regenwasser seinen natürlichen Abfluß nahm. Die bedeutendsten dieser Wasserlöcher brauchten blos entsprechend vertieft, gegen Verdunstung des ihnen zuströmenden Wassers geschützt und mit den oben erwähnten natürlichen Filtern umgeben zu werden, und die Cisternen waren fertig. Von diesen wurden in den verschiedenen Sektionen 25 gegraben, mit einer Tiefe von 8 bis 15 und mit einem Durchmesser von 2 bis 8 Metern. Gewöhnliche Brunnen mit Grundwasser wurden 39 hergestellt. An jedem dieser künstlichen Wasserbehälter ward zur Überwachung gegen Verunreinigung ein Wächter angesiedelt.

In zweiter Reihe kamen die eigentlichen Wegbauten. Im allgemeinen wurde dabei die schon beim Zuge von Mombas aufwärts hergestellte Straße benutzt, bloß von Hindernissen etwas sorgfältiger befreit und wo sie durch den Busch gehauen werden mußte, um mehr als das Doppelte erweitert. An einzelnen Stellen jedoch, insbesondere wo steilere Höhen zu überschreiten waren, mußte eine neue, minder jähansteigende Trace gesucht werden. Daß auch einige Brücken zu bauen waren, bedarf wohl keiner Erwähnung.

Der dritte Teil der Arbeit bestand in der Herstellung von primitiven Unterkunftshäusern für Menschen und Vieh an geeigneten Orten. Speise- und Schlafräume für einige Hundert Menschen, Pferche für zahlreiche Rinder und Magazine für Lebensmittel wurden in Abständen von 12 bis 20 Kilometern, im ganzen 65 an der Zahl errichtet.

Alle diese Arbeiten waren auf der Strecke Mombas-Teita Ende September, auf allen anderen Sektionen 14 Tage später vollendet. Die aufgenommenen Arbeiter wurden jedoch nicht entlassen, da ein Teil derselben zur Überwachung und Instandhaltung des Weges und der Baulichkeiten, ein anderer Teil dagegen zu Zwecken des Transportdienstes auf der neugeschaffenen Strecke Verwendung fand. Der Kostenaufwand für das wahrlich nicht kleine Werk betrug 14500 Pfd. Sterling, zur Hälfte in Löhnen, zur Hälfte in Subsistenzmitteln für die Arbeiter; zu bezahlendes Baumaterial gab es nicht.

In der gleichen Zeit vollbrachte Johnston den Einkauf des zum Transporte erforderlichen Zugviehes und die Organisation des Verpflegwesens der Karawane. Seine Massai-Freunde verschafften ihm binnen wenigen Wochen die ursprünglich bestellten 5000 Rinder, aus denen schließlich, da die Zahl der zu transportierenden Mitglieder sich in jeder neuen, vom Ausschusse der freien Gesellschaft anlangenden Depesche größer und größer angegeben fand, nicht weniger als 9000 wurden. Ein Rind stellte sich auf durchschnittlich etwas über 8 Schill. (Mark), wobei jedoch reichlich die Hälfte auf die Nebenspesen entfiel; der nackte Einkaufspreis betrug im Durchschnitt nicht einmal ganze 4 Schilling per Stück.

Den Transportdienst organisierte Johnston in der Weise, daß von Mombas täglich 25 Wagen abgehen und unterwegs auf jeder der 65 Stationen frische Zugochsen finden sollten. In Edenthal angelangt, hatten dann die Wagen wieder umzukehren, um von den Ochsengespannen Etappe um Etappe zurückbefördert zu werden. Im Sinne dieser ebenso einfachen als praktischen Anordnung durchliefen also alle Wagen einen ununterbrochenen Kreislauf von Mombas nach dem Kenia und von dort wieder nach Mombas, während die Zugochsen in gleichen Abteilungen immer bloß zwischen je zwei benachbarten Stationen hin und her wanderten. Es konnten solcher Art täglich 250 Personen befördert werden, und um die sämtlichen, vom Ausschusse signalisierten 20000 Mitglieder aufzunehmen, waren 80 Tage erforderlich, es sei denn, daß ein Teil derselben den Weg zu Pferde zurücklegte.

Die in England, Amerika und Deutschland konstruierten Wagen trafen rechtzeitig in Mombas ein. Sie waren in jeder Beziehung Musterbilder sinnreicher Konstruktion, solid und im Verhältnis zu ihrerGröße doch leicht gebaut, eine Menge von Bequemlichkeiten bietend und doch einfach. 10 Personen fanden in jedem derselben bei Tag gute Sitzplätze, bei Nacht ein erträgliches Lager. Eine höchst einfache Vorrichtung ermöglichte eine derartige Veränderung in der Anordnung der Sitze, daßunterdenselben für 6,aufdenselben für 4 andere Personen genügender Raum zum Liegen gewonnen wurde. Solide Federn milderten die Stöße des Gefährtes, ein bewegliches Lederdach bot im Bedarfsfalle Deckung gegen Regen wie Sonnenbrand, und die — des Nachts zur Lagerstätte dienenden — Matratzen waren tagsüber derart unterhalb des Lederdaches angeschnallt, daß dieses doppelten Schutz gegen die Sonnenhitze gewährte. Auch für die Unterbringung des Gepäcks war in sehr praktischer Weise gesorgt.

Am 30. September langte das erste Schiff mit 900 Mitgliedern an — und zwar war dasselbe gleich allen folgenden Eigentum der Gesellschaft. In der Voraussicht, daß der Zuzug von Einwanderern sobald nicht aufhören, ja wahrscheinlich stetig zunehmen werde, und von der Absicht geleitet, diese Einwanderung soweit nur irgend möglich in eigener Hand zu behalten, hatte sie 12 große, schnellfahrende Dampfer von durchschnittlich 3500 Tonnen Tragkraft angekauft und ihren Zwecken entsprechend umgestalten lassen. Klassenunterschiede gab es auf den Schiffen der Gesellschaft nicht; es wurde von Niemand Bezahlung genommen, weder für den Transport noch für die Verpflegung auf der ganzen Reise, dafür mußte sich auch Jedermann mit dem gleichen, allerdings nicht geringen, Ausmaße von Komfort begnügen. Auf Deck waren große Speise- und Gesellschaftsräume, unter Deck zwar kleine, aber für jede Familie gesonderte, bequem ausgestattete und durchweg ausgezeichnet ventilierte Schlafkabinen. Die Aufnahme geschah in der Reihenfolge der Beitrittserklärungen zur Gesellschaft; die älteren Mitglieder hatten die Priorität. Natürlich blieb es jedermann freigestellt, die Seereise auch auf fremden Schiffen zu machen, ohne dadurch in Mombas seines Platzes in der Reihe der zu Befördernden verlustig zu werden.

In Mombas angelangt, stand es Jedermann frei, die Weiterreise zu Pferd oder zu Wagen zu wählen. Die Reiter ihrerseits konnten entweder die Wagenkarawanen begleiten oder in beliebig eingeteilten Märschen voraneilen; nur der jeweilige Vorrat an Pferden zum Wechseln in den 65 Stationen mußte beachtet werden; doch war thunlichst dafür gesorgt, daß der erforderliche Pferdebestand nirgends ausging. Die Fahrenden hatten gleichfalls die Wahl, ob sie ununterbrochen Tag und Nacht, bloß mit den zum Wechseln der Gespanne nötigen Pausen, oder bedächtiger, unter Einhaltung beliebig ausgedehnter Mittags- oder Nachtstationen sich fortbewegen wollten. Ersterenfalls konnten sie bei günstigem Wetter in 14 Tagen, ja sogar rascher in Edenthal anlangen, letzterenfalls waren dazu 20 Tage und darüber erforderlich.

Alle getroffenen Anordnungen bewähren sich aufs vollständigste. Nirgends gab es Aufenthalt, die Verpflegung ließ nichts zu wünschen übrig; eine Massaieskorte, die Johnston in der Stärke von 10 Mann für jede Station organisiert hatte, sorgte während der Nachtreisen für Sicherheit gegen wilde Tiere, hatte überhaupt als Beistand in etwaigen Verlegenheiten zu dienen, und 4 aus der Mitte der Unseren entsendete Kommissare mit dem Sitze in Teita, Tawete, Miveruni und Ngongo überwachten das Ganze. Die Eingeborenen kamen den ersten Wagenzügen mit staunendem Jubel, Allen aber mit größter Freundlichkeit und Dienstbeflissenheit entgegen. Insbesondere die Wataweta, der Sultan von Useri und die Massaistämme ließen es sich nicht nehmen, unsere Reisenden mit den Beweisen ihrer Verehrung und Liebe für die „am großen Berge angesiedelten“ weißen Brüder zu überhäufen.

Die ersten neuen Ankömmlinge — unter ihnen unser geliebter Meister — trafen am 14. Oktober in Edenthal ein; ihnen folgten in ununterbrochener Reihe stets neue und neue Scharen. Doch bevor über die damit anhebende neue Ära der Geschichte unseres Unternehmens berichtet wird, mag noch kurz erzählt werden, was in der letzten Zeit am Kenia geschah.

Zunächst ist zu erwähnen, daß noch im Monat August eine zahlreiche Gesandtschaft von Massaistämmen aus Leikipia — das ist das Land nordwestlich von Kenia — und aus den Distrikten nördlich vom Naiwascha- bis zum Baringosee in Edenthal eingetroffen war, uns Gruß und Freundschaft entbietend und die Bitte an uns richtend, sie in den mit den anderen Massai abgeschlossenen Bundesvertrag mit aufzunehmen. Die Gewährung dieser sehr beweglich und nicht ohne einige Empfindlichkeit vorgetragenen Bitte legte uns nun allerdings erhebliche neue Lasten auf; trotzdem besann ich mich keinen Augenblick, dieselbe zu gewähren und alle Mitglieder stimmten mir einhellig zu. Denn mit dem Opfer von einigen tausend Pfd. Sterling jährlich war die vollständige Pacifizierung des streitbarsten und zweifellos tüchtigsten unter allen Volksstämmen der ganzen Äquatorialzone wahrlich nicht zu teuer erkauft. Wir hatten nunmehr genügende Sicherheit, allmählich wachsende Kultur in diesen bisher von unaufhörlichen Fehden und Raubzügen heimgesuchten Gegenden einziehen zu sehen, stets brauchbarere Genossen unseres großen Werkes in den schwarzen und braunen Eingeborenen zu erziehen, und indem wir sie lehrten, Wohlstand und Überfluß für sich selber zu erzeugen, die Quellen unseres eigenen Wohlstandes zu vermehren. Ich hielt also den braunen Recken eine sehr schmeichelhafte Lobrede, erklärte mich gerührt über die an den Tag gelegte gute Gesinnung und versprach behufs Ausfertigung des Vertrages, wie nicht minder, um sie zu ehren, demnächst eine Gesandtschaft an sie zu senden. Reich beschenkt wurden die, übrigens auch ihrerseits nicht mit leerenHänden erschienenen Massai — sie hatten 100 erlesene Rinder und 200 fettschwänzige Schafe als Ehrengabe mitgebracht — entlassen. Johnston, den ich sofort von dem Vorgefallenen verständigte, übernahm die Ausführung des gegebenen Versprechens. Daß er sich zu diesem Behufe aus den Waren der im September am Kenia angelangten Expedition, auf die er in Miveruni gestoßen, reichlich mit Hülfsmitteln versorgte, habe ich schon berichtet; als seine Aufgabe an der Etappenstraße erfüllt war, zog er — zu Anfang des Monats Oktober — an den Naiwaschasee, von da weiter durch die mächtige, meist überaus fruchtbare Hochebene von 1800 Meter Seehöhe, die, eingerahmt von 1000-2000 Meter höheren Randbergen, die Hochseen von Massailand enthält, nämlich außer dem Naiwascha-, dem wunderbaren Elmetaita- und dem Salzsee von Nakuro noch eine Reihe kleinerer Becken, und erreichte am 20. Oktober den etwa 200 Quadratkilometer deckenden, in einer bloß 980 Meter hohen Bodensenkung gelegenen Baringosee, an der Nordgrenze von Massailand. Von da westlich wieder aufwärts steigend durchzog er, vorbei an den gewaltigen Thomsonfällen, das wald- und wasserreiche Leikipia und traf in der zweiten Novemberwoche bei uns am Kenia ein, nachdem er mit allen unterwegs wohnenden Massaistämmen, wie nicht minder mit den „Ndemps“ am Baringosee, Bündnisverträge geschlossen hatte.

In zweiter Linie ist von den erfolgreichen Zähmungsversuchen zu berichten, die auf Anregung unserer beiden Damen mit mehreren der am Kenia heimischen Tierarten angestellt wurden. Die Idee hiezu ging ursprünglich von Miß Fox aus, der dabei in erster Reihe bloß die Absicht vorschwebte, den Frauen und Kindern der neuen Ankömmlinge Freude zu bereiten. Für diese Idee gewann sie meine Schwester, eine große Tierfreundin, und so warben denn die Beiden einige Andorobo und Wakikuja zunächst dafür, Affen und Papageien zu fangen, deren es im Edenthal und Umgebung einige sehr reizende Arten gab. Als die Zähmungsversuche mit diesen Tierchen über Erwarten rasch und gut gelangen, so daß schon nach Verlauf weniger Wochen die ihrer Haft entlassenen Gefangenen den Herrinnen freiwillig nachsprangen und nachflatterten, wuchs Beider Ehrgeiz und die Andorobo erhielten den Auftrag, einige Exemplare einer besonders niedlichen Antilopenart einzufangen, die unsere Naturforscher als eine Abart der hauptsächlich in Westafrika vorkommenden Schopfantilope (Cephalophus rufilatus) bestimmten. Auch dieser Versuch war von Erfolg begleitet; zwar die alten Tiere erwiesen sich so scheu und ungeberdig, daß man sie schließlich laufen ließ; aber mehrere Junge gewöhnten sich überraschend schnell an ihre Wärterinnen und liefen denselben nach, wie die Hündchen. Diese Antilopengattung wird nicht größer, als etwa ein mittelgroßes Schaf, insbesondere die jungen Tiere nehmen sich mit ihren rötlichen Schöpfenüberaus putzig aus und geberden sich in allen Stücken wie übermütige Zicklein. Miß Ellen und meine Schwester hatten bald eine ganze Menagerie von Antilopen, Äffchen, Papageien um sich versammelt, die zu Nutz und Frommen der erwarteten Kinderwelt zu allerlei Kunststücken dressiert wurden.

So standen die Dinge, als einer der indischen Elefantenwärter, die Miß Ellen mit an den Kenia genommen hatte und die nicht daran dachten, jemals wieder in ihre Heimat zurückzukehren, seiner „Herrin“ gegenüber — denn die Inder konnten sich noch nicht daran gewöhnen, sich als vollkommen unabhängige Männer zu fühlen — die Frage wagte, ob sie nicht auch ein Elefanten-Baby als Schoßtierchen wünsche? Als diese bejaht wurde, machte er sich anheischig, eines oder mehrere zu fangen, falls ihm erlaubt werde, mit den vier Elefanten und ihren Führern für einige Tage in die Wälder zu ziehen. Da Miß Ellen ihre Elefanten zum Baudienste hergegeben hatte, wo die intelligenten Kolosse von geradezu unschätzbarem Nutzen waren, und eines Spielzeugs halber die Arbeit nicht stören mochte, sagte sie dies dem Inder und erklärte, auf die Erfüllung ihres Wunsches verzichten oder wenigstens so lange damit warten zu wollen, bis man die Elefanten bei der Arbeit leichter entbehren könne. Der Inder ging; aber die Idee, daß seine geliebte Herrin sich etwas versagen sollte, was ihr — das hatte er sofort bemerkt — großes Vergnügen bereitet hätte, rüttelte ihn aus seiner gewohnten fatalistischen Indolenz auf; er grübelte über die Sache zwei Tage lang und erschien am dritten mit dem Vorschlage, die Zeitversäumnis der vier Elefanten dadurch gut zu machen, daß er und die anderen Kornaks nebst dem Elefanten-Jungen auch einige Elefanten-Alte fangen und zur Arbeit dressieren wollten. „Aber afrikanische Elefanten lassen sich nicht dressieren, gleich den indischen“, wandte Miß Ellen ein. Der Inder erlaubte sich, das zu bezweifeln, und seine 7 Kollegen waren sämtlich der gleichen Meinung. Elefant sei Elefant; sie möchten das Rüsseltier sehen, das sie nicht binnen wenigen Wochen kirre bekämen, wenn es erst einmal in ihrer Gewalt wäre. „Wenn dem wirklich so ist, warum habt Ihr das früher nicht gesagt, da Ihr doch sehen mußtet, wie gut man hier Elefanten gebrauchen kann?“ forschte die Amerikanerin weiter, erhielt jedoch darauf bloß ein lakonisches „Weil Du uns nicht gefragt hast“ zur Antwort.

Miß Ellen wußte sich nicht zu raten; der Gedanke, die Kolonie von Edenthal mit Herden gezähmter Elefanten zu versehen — denn wenn sich diese Tiere überhaupt zähmen ließen, dann konnte man hier ebensogut Tausende als Einen zur Stelle schaffen — ließ sie nicht zur Ruhe kommen; aber andererseits erinnerte sie sich, in ihrer Naturgeschichte gelesen zu haben, der afrikanische Elefant sei unzähmbar, und wir alle, die sie diesfalls befragte, mußten ihr bestätigen, daß esnirgends in Afrika gezähmte Elefanten gebe. Sie wurde über dieses Problem nachgerade beinahe trübsinnig; sichtlich gelüstete es sie, es auf einen Versuch ankommen zu lassen; aber die Inder blieben dabei, ohne Mitwirkung der zahmen keinen wilden Elefanten einbringen zu können, und erstere in der Zeit dringendster Arbeiten zu problematischen Versuchen zu verwenden, das zu beantragen, scheute sie sich um so mehr — als die ElefantenihrEigentum waren und sie daher eigentlich nach Gutdünken über dieselben verfügen konnte. Da kehrte unser Zoologe, Signor Michaele Faënze, von einem längeren Ausfluge nach dem Kenia-Massiv zurück und stellte sich, als ihn Miß Fox ins Vertrauen zog, ohne weiteres auf die Seite der Inder. Zwar auch er gab zu, daß es thatsächlich keine zahmen afrikanischen Elefanten gebe, behauptete aber geradezu, dies müsse bloß daran liegen, daß die Afrikaner verlernt hätten, dies edle Tier dem Menschen dienstbar zu machen. An der Rasse liege es ganz gewiß nicht, was schon daraus hervorgehe, daß zur Römerzeit dressierte Elefanten in Afrika gerade so gut bekannt waren, wie in Asien. Man solle die Inder nur machen lassen; wenn sie ihre Kunst verstünden, werde ihnen dieselbe hier so gut gelingen wie in Indien.

Und so geschah’s. Die 8 Kornaks mit ihren 4 Elefanten zogen in einen der nahen Wälder, und als sie dort, was gar nicht lange dauerte, eine Herde wilder Elefanten gefunden hatten, machten sie es mit diesen genau so, wie sie es in ihrer Heimat erlernt hatten. Die zahmen Elefanten wurden führerlos in die Herde der wilden gelassen, von denen sie zwar anfangs mit einigem Befremden empfangen, schließlich aber in aller Freundschaft aufgenommen wurden. Einmal so weit, machten sich die listigen Tiere zunächst mit dem Führer der Herde, dem stärksten und schönsten Bullen, zu schaffen, liebkosten ihn, wedelten ihm die Fliegen weg, fesselten aber dabei mit mitgenommenen starken Stricken einen seiner Füße an einen starken Baumstamm. Nachdem dies geschehen war, stießen sie ihren Angstruf — einen scharfen Trompetenton — aus, als ob sie irgendeine Gefahr bemerkt hätten und stürmten davon, auf welches Signal hin die Inder unter Geschrei und Flintenschüssen hervorstürzten, was die ganze Herde veranlaßte, den Zahmen in größter Eile nachzufolgen. Der arme Gefesselte konnte natürlich nicht mithalten, so verzweifelt er auch an dem Stricke zerrte, und die Inder ließen ihn trampeln und trompeten, ohne sich vorläufig um ihn zu kümmern. Ihre nächste Sorge war, die Spur der enteilten Herde zu finden. Nach etwa einer Stunde hatten sie sich an diese neuerlich herangeschlichen, wo inzwischen die vier Zahmen das vorige Spiel mit einem neuen Opfer wiederholten; auch dieses wurde gefesselt und dann unter großem Spektakel verlassen. Noch drei weitere Elefanten teilten im Laufe des Tages dies Schicksal; dann schien die Herde argwöhnischgeworden zu sein, denn die berüsselten Verräter kehrten nach einer Weile allein zu ihren Treibern zurück.

Nunmehr erst wurde jedem der fünf Gefesselten — unter ihnen ein Weibchen mit einem etwa einjährigen Jungen in der Größe eines mittleren Kalbes — ein Besuch abgestattet. Die zahmen Elefanten gingen ohne weiteres auf die verzweifelt am Stricke Zerrenden los und banden ihnen die Vorderfüße eng aneinander. Das gelang zwar nicht, ohne daß die Betrogenen wütenden Widerstand leisteten, aber dieser wurde in höchst brutaler Weise durch Rüsselschläge und Zahnstöße bewältigt. Hierauf machten sich die erbarmungslosen Schergen daran, rings um ihre Opfer alles für Elefantengaumen Genießbare — also Gras, Büsche und Baumzweige zu entfernen; wo dazu die Rüssel nicht ausreichten, drängten sie die Gefesselten auf die Seite und ermöglichten es den Treibern, mit Axt und Beil das Werk zu vollenden.

Als der Abend anbrach, waren alle fünf Gefangenen geknebelt und jeder Möglichkeit beraubt, sich Nahrung zu verschaffen. Nunmehr mußten sie aber auch bewacht werden, damit nicht etwa Löwen oder Leoparden die Gelegenheit wahrnähmen, die wehrlos Gemachten anzufallen. Am anderen Morgen statteten die zahmen Elefanten ihren gefesselten Brüdern der Reihe nach Besuche ab, halfen den bei ihrem nächtlichen Toben Umgefallenen sich aufrichten, was wieder nicht ohne ausgiebige Prügel und Stöße vollbracht ward und überließen sie dann abermals ihrem Schicksale.

Das ging so drei Tage hindurch; die armen Gefesselten litten Hunger und Durst und bekamen, so oft ihre verräterischen Brüder nach ihnen sahen, jämmerliche Schläge. Am vierten Tage waren sie so schwach und kleinlaut, daß sie gar nicht mehr tobten, sondern kläglich brüllten, als sich ihre Peiniger nahten, die aber nichtsdestoweniger mit Rüsseln und Zähnen über sie herfielen. Da erschien nun den Mißhandelten ein rettender Engel — in Gestalt des Menschen. Dieser verjagte zunächst unter drohenden Geberden und einigen schallenden Schlägen die Schergen von ihrem Opfer und hielt diesem dann ein Gefäß Wasser hin. Stutzte darauf der wilde Elefant und nahm sich Zeit, die Sachlage zu überblicken, so war die Tragikomödie aus, das Tier gebändigt. Denn es acceptierte in diesem Falle nach einigem Bedenken den gebotenen Trunk, nach diesem einige Nahrungsmittel, konnte dann gefahrlos vollständig getränkt und gefüttert und unter Eskorte der zahmen Elefanten zu weiterer Ausbildung heimgeführt werden. Wurde es dagegen beim Anblicke des Menschen erst recht rabiat — was allerdings bei dreien von den Fünfen der Fall war — so mußte mit der Prügel- und Hungerkur so lange fortgefahren werden, bis der Elefant zu begreifen begann, Erlösung aus seiner Lage könne hier nur das schreckliche zweibeinige Geschöpf spenden.

Schließlich ergab sich jeder der Gefangenen in sein Schicksal. Die einzige Gefahr dieser Jagd bestand bloß darin, daß der Jäger sich auf die Sicherheit seines Urteils über den Charakter des Gefesselten verlassen mußte in dem Augenblicke, wo er ihm zum ersten Male nahte. Zwar standen die zahmen Elefanten hülfsbereit und aufmerksam dabei; da jedoch ein einziger Rüsselhieb des gereizten Tieres genügen kann, einen Menschen zu töten, so gehört immerhin viel Geistesgegenwart und Mut zu der Sache. Die Inder versicherten übrigens, daß ein halbwegs an den Umgang mit Elefanten Gewöhnter aus dem Blick des Tieres ganz zuverlässig auf dessen Absichten schließen könne; man brauche daher bloß die Vorsicht zu beachten, keinem Gefangenen völlig nahe zu treten, bevor man in dessen Auge die Ergebung in das Unvermeidliche gelesen, und es sei überhaupt nichts zu fürchten.

Schon nach sechs Tagen kehrte die Expedition mit ihren fünf Gefangenen zurück, die zwar noch nicht dressiert und zur Arbeit brauchbar, aber doch schon insoweit „zahm“ waren, daß sie sich ruhig einsperren, füttern, tränken und unterrichten ließen. Nach Verlauf fernerer zwei Wochen waren sie der Hauptsache nach „fertig“, d. h. brauchbar zu allerlei Arbeiten, insbesondere wenn ihnen einer der Veteranen an die Seite gegeben wurde. Miß Ellen feierte einen doppelten Triumph: sie besaß ein herziges Elefantenbaby, das zwar für ein Schoßtierchen etwas zu plump, aber nichtsdestoweniger das drolligste Wesen war, das es geben mag und sich rasch zum erklärten Liebling von ganz Edenthal aufschwang; und sie hatte des ferneren der Gesellschaft eine unerschöpfliche Quelle sehr schätzbarer Arbeitskraft eröffnet, auf welche ohne sie niemand geraten wäre. Denn hätte sie sich nicht seinerzeit in den Kopf gesetzt, die Expedition mitzumachen, so wären wohl schwerlich so rasch indische Elefanten und Elefantenführer an den Kenia gekommen, und ohne diese wären die Elefanten Afrikas vielleicht von den Elfenbeinjägern ausgerottet gewesen, bevor an ihre Zähmung auch nur jemand gedacht hätte.

Von da ab fuhren wir mit dem Elefantenfange rüstig fort, so daß binnen kurzem der Elefant das hauptsächlichsteTragtieram Kenia wurde und überall dort verwendet werden konnte, wo schwere Lasten auf kurze Entfernungen oder auf Gebieten, die für Wagen unpassierbar waren, bewältigt werden sollten.

Das so vortrefflich gelungene Experiment mit den Elefanten legte uns aber auch den Gedanken nahe, es mit der Zähmung anderer Tiere nicht bloß zu Zwecken der Belustigung, sondern um des Nutzens willen zu versuchen. Zunächst kam das Zebra an die Reihe und es gelang auch mit diesem. Zwar die alten Tiere waren unbrauchbar; aber die Füllen erwiesen sich — wenn sehr jung eingefangen — als leidlich gelehrig und nicht sonderlich scheu und in den zweiten Generationenunterschieden sich später unsere zahmen Zebras in nichts, als in der Hautfarbe von den besten Maultieren. Strauß und Giraffe wurden der Reihe unserer Haustiere angereiht; den größten Triumph aber feierten unsere Dresseure mit der Zähmung des afrikanischen Büffels. Es ist das das bösartigste, unbändigste und gefährlichste unter allen afrikanischen Tieren und dennoch wurde es so vollständig gezähmt, daß es im Verlaufe der Jahre das gemeine Rind als Zugtier vollständig verdrängte. Zwar in Freiheit aufgewachsene Bullen waren und blieben wahre Teufel; doch schon die gefangenen Kühe konnte man wenigstens so weit bringen, daß sie dem Wärter aus der Hand fraßen, und was die in Gefangenschaft aufgezogenen Büffel anlangt, so zeigten diese genau den nämlichen Charakter wie das gewöhnliche Rind. Die Bullen blieben, insbesondere wenn sie alt wurden, immer etwas unverläßlich, die Kühe und die verschnittenen Ochsen dagegen waren so sanft und gelehrig wie nur irgend ein Wiederkäuer. Als Milchkühe wurden sie bei uns niemals geschätzt, da sie zwar fette, aber nicht reichliche Milch gaben; als Zugtiere aber waren unsere Büffelochsen unvergleichlich. Es gibt für diese riesigen Tiere — sie überragen das größte Hausrind um reichlich ½ Fuß, ihr Nacken hat eine Breite bis zu 2 Fuß und ihre Hörner lassen sich an der Wurzel mit zwei Händen nicht umspannen — keine zu schweren Lasten; wo vier gewöhnliche Ochsen erlahmen, gehen zwei Büffel ihren gleichmäßigen Schritt weiter, als wären sie ledig. Dabei vertragen sie Hunger, Durst Hitze und Regen besser als ihre längst gezähmten Verwandten — kurzum sie erweisen sich in einem Lande, wo gute Chausseen noch nicht überall zu finden sind, als geradezu unschätzbar.

Das dritte Ereignis — doch dieses geht eigentlich direkt nur mich persönlich an und gehört bloß insofern in den Rahmen dieser Erzählung, als es mit der Lebensweise und mit den socialen Zuständen in Edenthal zusammenhing. Es wird also am besten sein, wenn ich zunächst erzähle, wie wir vor dem Eintreffen der Hauptmasse unserer Brüder in der neuen Heimat lebten, uns einrichteten und arbeiteten.

Die Kolonisten auf Edenthal betrachteten mich, den Bevollmächtigten der Gesellschaft, der unseren Zug an den Kenia veranstaltet und die Mittel zu demselben beschafft hatte, als ihren Vorgesetzten im gemeingebräuchlichen Sinne des Wortes: ich hätte befehlen können und es wäre gehorcht worden. Anderseits aber handelte ich nicht bloß meinen eigenen Neigungen, sondern den offenbaren Intentionen des Ausschusses gemäß, wenn ich mich dem Wesen nach als den Vorsitzenden einer Versammlung frei über sich selber verfügender Männer benahm. Wo immer möglich, befragte ich vor meinen Anordnungen die Genossen, fügte mich der Meinung der Mehrheit und traf selbständige Verfügungen bloß in dringenden Fällen oder wenn es sich um Zuweisung von Aufträgen an Abwesende handelte. Sonst geschah die Zuteilung der verschiedenen Arbeiten an verschiedene Gruppen stets im Einverständnisse mit allen betreffenden Mitgliedern, die Vorsteher dieser Arbeitszweige wurden von ihren speziellen Genossen selber gewählt, und wenn dabei auch in allen wesentlichen Fragen stets meiner und meiner engeren Vertrauten Ansichten und Vorschläge zur Ausführung gelangten, (so daß — wenn im Bisherigen zumeist der Kürze halber gesagt wurde: „ich ordnete an, ich designierte“ — damit dem Wesen nach die Wahrheit erzählt wurde) so geschah dies doch nur aus dem Grunde, weil diese meine Vertrauten eben die geistigen Spitzen der Kolonie waren und die anderen sich diesen freiwillig unterordneten. Dabei wußten wir alle, daß dies keine auf Dauer berechnete Organisation sei. Niemand arbeitete einstweilen für sich, alles was wir erzeugten, gehörte nicht dem Erzeuger, auch nicht der Gesamtheit von uns Erzeugern, sondern dem Unternehmen, aus dessen Mitteln wir hinwieder allesamt zehrten. Mit einem Worte, die „freie Gesellschaft“,die wir gründen wollten, war noch nicht gegründet, sie befand sich noch unterwegs und inzwischen waren wir ihr gegenüber nichts anderes, als Angestellte nach altem Recht, die sich von gewöhnlichen Lohnarbeitern bloß dadurch unterschieden, daß ihnen selber überlassen war, was sie zu ihrem Unterhalte vorweg nehmen und was sie als „Unternehmergewinn“ für die Auftraggeberin zurücklegen mochten. Hätte mich böser Wille einzelner Genossen dazu genötigt, so war ich nicht bloß im Rechte, sondern auch entschlossen, den „Bevollmächtigten“ hervorzukehren; daß ich es vermeiden konnte, trug nicht wenig dazu bei, das Behagen, das uns alle erfüllte, zu steigern und war auch insofern von großem Werte, als dadurch der Übergang zu den späteren endgültigen Organisationsformen wesentlich erleichtert wurde, ändert aber nichts an dem Sachverhalt, daß unser Leben und Wirken unterwegs wie am Kenia sich noch innerhalb der sozialen Formen der alten Welt bewegte.

Die Arbeitszeit war in Edenthal einstweilen für jedermann — ob Arbeitsvorsteher oder simpler Arbeiter, Weißer oder Neger — die gleiche, von 5 bis 10 Uhr vormittags und von 4 bis 6 Uhr nachmittags; nur in der Erntezeit waren ein bis zwei Stunden zugegeben worden. Am Sonntag ruhte ebenso gleichmäßig alle Arbeit.

Die Tagesordnung war die folgende: Gegen 4 Uhr wurde aufgestanden, im Edensee — es waren zu diesem Behufe mehrere Badehütten errichtet — ein Bad genommen und hierauf Toilette gemacht. Das Reinigen und etwa notwendige Ausbessern der Kleider besorgte unter Anleitung eines in solchen Künsten bewanderten Mitgliedes eine Gruppe von Suaheli, welcher diese Arbeit als alleinige Verrichtung zugewiesen worden war. Da wir Kleidungsstücke zum Wechseln besaßen, so wurden des Morgens immer die während des gestrigen Tages gereinigten gebracht, dafür die gestern gebrauchten abgeholt, um im Laufe des Tages für den morgigen Gebrauch in Stand gesetzt zu werden. Hierauf kam das Frühstück, gleich allen Mahlzeiten wieder das Werk einer damit betrauten anderen Schar von Suahelis — um deren Einweihung in mehrfache Geheimnisse französischer Kochkunst sich meine Schwester große Verdienste erworben hatte. Dieses erste Frühstück bestand je nach dem Geschmacke eines Jeden aus Thee, Schokolade, schwarzem oder mit Milch gemengtem Kaffee, Milch oder irgend einer Suppe; dazu ebenso nach Wahl Butter, Käse, Honig, Eier, kalter Braten nebst Brot oder anderem Gebäck. Nach diesem ersten Frühstück wurde bis 8 Uhr gearbeitet, um welche Zeit ein zweites Frühstück kam, bestehend aus irgend einer substantiellen warmen Speise — Omelette, Fisch oder Braten mit Brot, etwas Käse und Früchten, dazu als Getränk entweder das köstliche Quellwasser unserer Berge, oder der sehr erfrischende, wohlschmeckende Bananenwein, den die Eingeborenen zu bereiten verstehen. Nach diesem Frühstück, welches in der Regel 15bis 20 Minuten in Anspruch nahm, wurde bis 10 Uhr weiter gearbeitet, worauf die große Mittagspause folgte. Diese wurde, insbesondere in den heißeren Monaten, von den Meisten zunächst zu einem zweiten Bade im See benutzt, welchem irgendeine häusliche Zerstreuung, Lektüre, Konversation oder Spiel folgte. Die Hitze war um diese Zeit in der Regel groß; während der heißen Monate stieg das Thermometer häufig auf 35 Grad Celsius im Schatten. Zwar verhüteten kühle Brisen, die bei schönem Wetter regelmäßig zwischen 11 Uhr vormittags und 5 Uhr nachmittags vom Kenia her wehten und zwar desto stärker, je heißer der Tag sich anließ, daß der Aufenthalt im Freien jemals unerträglich wurde; aber am angenehmsten und zuträglichsten war während der Mittagsstunden jedenfalls das Verweilen in gedeckten Räumen. Um 1 Uhr wurde die Hauptmahlzeit gehalten, bestehend aus Suppe, einem Fleisch- oder Fischgericht mit Gemüsen, süßem Backwerk und Früchten der mannigfachsten Art, dazu abermals Bananenwein oder, nachdem unsere Brauerei zu arbeiten angefangen hatte, Bier. Nach dem Speisen wurde von Einzelnen ein halbes Stündchen geschlafen, hierauf gab es wieder Konversation, Lektüre, Spiel, worauf, nachdem die ärgste Hitze vorüber war, die zweistündige Nachmittagsarbeit erledigt ward. Dieser ließen Einzelne ein drittes kurzes Bad folgen. Um 7 Uhr nahm man wieder eine dem ersten Frühstück ähnliche Mahlzeit, sofern es nicht regnete, im Freien und zu größeren Gesellschaften vereinigt. Zu bemerken ist dabei, daß hinsichtlich aller Mahlzeiten, wie überhaupt aller Genußmittel als Regel galt, daß Jedermann wählen konnte, was und soviel ihm beliebte. Nur bezüglich der geistigen Getränke hielten wir es anders — aus leicht begreiflichen Gründen. Späterhin, wenn Jedermann auf eigenen Füßen stand, mochte er es auch mit diesen halten, wie ihm beliebte; solange wir von Gesellschaftswegen verpflegt wurden, mußten wir schon mit Rücksicht auf unsere Neger Beschränkung üben.

Des Abends wurde meist Musik gemacht. Wir hatten einige sehr tüchtige Musiker, ein ganz artiges, 45 Mann zählendes Orchester von Blas- und Streichinstrumenten und einen vortrefflichen Chor, die sich, so oft es das Wetter erlaubte, hören ließen. Zwei oder drei Stunden nach Sonnenuntergang pflegte es kühl zu werden; in wenigen Nächten behauptete sich das Thermometer über 22 Grad, sank aber bisweilen bis auf 15 Grad Celsius, so daß die Nachtruhe stets erquickend war.

An den Sonntagen gab es mannigfaltige Veranstaltungen zu Zwecken der Belustigung sowohl als der Belehrung: Ausflüge in die benachbarten Wälder, Jagden, Konzerte, Vorlesungen, Vorträge.

Die von uns bewohnten Blockhäuser waren eigentlich dazu bestimmt, je einer Familie als zukünftiges, wenn auch bloß provisorisches Heim zu dienen. Ein jedes lag inmitten eines tausend Quadratmeterumfassenden Gärtchens und deckte mit seinen 6 Räumen: Vorzimmer, Küche und 4 Stuben, selber ein Areal von 150 Quadratmetern. Jedes solcher Häuschen nun wurde einstweilen von Vieren der Unseren besetzt; den beiden Frauen mit Sakemba, die inzwischen den Besuch ihrer Eltern und Geschwister erhalten und diese bewogen hatten, ihreGrashütten gleichfalls in Edenthal aufzuschlagen, war selbstverständlich auch ein besonderes Häuschen eingeräumt.

Letztere Anordnung aber gefiel meiner Schwester ganz und gar nicht. Während der Reise hatte sie sich notgedrungen darein gefunden, getrennt von mir, dem ihr von unserer verewigten Mutter ans Herz gelegten Pfleglinge, zu kampieren; in Edenthal angelangt, gedachte sie jedoch ihre alten Vormundschaftsrechte und -Pflichten wieder zu beanspruchen, sah sich aber durch die Rücksicht auf einen zweiten Schützling, der inzwischen auch zu einem Liebling geworden war, durch die auf Ellen Fox nämlich, in der Ausführung ihrer Vorsätze gehindert. Sie konnte doch unmöglich dies junge Mädchen inmitten so vieler Männer allein lassen; ebenso wenig aber konnte sie uns beide — obwohl wir in ihren Augen die reinen Kinder waren — Thür an Thür im selben Häuschen unterbringen. Was hätten ihre Freunde und Freundinnen in Paris dazu gesagt! Zwar brachte ich all meine freie Zeit bei den Frauen zu, wo mich, ohne daß ich es bemerkte, die aus geistreichen theoretischen Kontroversen und unbefangenem Geplauder eigentümlich gemengte Konversation der jungen Amerikanerin nicht minder als ihr Harfenspiel und ihre glockenhelle Altstimme, stets mehr und mehr fesselten; aber das genügte Schwester Klara nicht und sie geriet schließlich auf den Gedanken, uns zu verheiraten. Schon wegen unserer gemeinsamen „Narrheit“ — unserer sozialen Ideen nämlich — paßten wir ganz gut zu einander, und wenn auch — ihrer Meinung nach — außer Zweifel stand, daß in dieser Ehe gesunder, hausbackener Menschenverstand gänzlich fehlen würde, so war jasiedazu da, für die beiden Kindsköpfe zu sorgen und zu handeln.

Nachdem sie diesen Vorsatz einmal gefaßt, legte sie sich als vorsichtige, diskrete Person, die ganz richtig voraussah, daß in diesem Punkte weder bei mir, noch bei Miß Ellen auf unbedingten Gehorsam zu rechnen wäre, zunächst aufs Beobachten, und dabei machte sie denn ungeachtet ihrer in Sachen der Liebe höchst mangelhaften eigenen Erfahrungen, ausgerüstet bloß mit dem keinem Weibe fehlenden instinktiven Feingefühle, die überraschende Entdeckung — daß wir beiden bereits bis über die Ohren ineinander verliebt seien. Anfangs war sie über diese Wahrnehmung so erstaunt, daß sie ihren Augen keinen Glauben schenken wollte. Aber die Sache war zu klar, als daß eine Täuschung möglich gewesen wäre. Wir beiden Liebenden ahnten zwar selber nicht im entferntesten, wie es um uns stand; aber wer Miß Fox so genau kannte,wie dies bei meiner Schwester nach mehrmonatlichem ununterbrochenen Zusammenleben mit der offenherzigen und freimütigen Amerikanerin selbstverständlich war, der konnte sich nicht darüber täuschen, was es zu bedeuten habe, wenn ein Mädchen, das bisher nur seinen Idealen: Freiheit und Gerechtigkeit, gelebt, deren Abgott die Menschheit gewesen und das keinem Manne gegenüber anderes Interesse gezeigt, als dasjenige für die Ideen, denen er diente — wenn dieses selbe Mädchen in Aufregung geriet, so oft es eines gewissen Mannes Schritte hörte, und im vertrauten Umgange mit meiner Schwester statt von der Herrlichkeit unserer Prinzipien mit Vorliebe von den Vorzügen dessen sprach, der hier in Edenthal der erste Diener dieser Prinzipien war. Und was meine Gefühle anlangt, so wußte Schwester Klara allzu genau, daß mir am Weibe bisher dessen Stellung in der menschlichen Gesellschaft das einzig Interessante gewesen, als daß es ihr nicht wie Schuppen von den Augen hätte fallen sollen, als ich sie kürzlich, nachdem ich Miß Fox, die eben abseits mit etwas beschäftigt war, lange und andächtig betrachtet hatte, mit den Worten apostrophierte: „Ist nicht jede Bewegung dieses Mädchens Musik?“

Sie nahm uns daher beide einzeln beiseite und erklärte, daß wir uns heiraten müßten. Aber da kam sie hier und dort schlecht an. Miß Ellen wurde zwar auf diesen Antrag hin abwechselnd purpurrot und leichenblaß, erklärte aber sofort, lieber sterben zu wollen, als mich zu heiraten. „Würden diese übermütigen Männer, die uns Frauen allen Sinn für das Ideale, jede Fähigkeit rein sachlichen Strebens absprechen und als Sklavinnen unserer egoistischen Triebe betrachten, nicht triumphierend behaupten, daß meine vorgebliche Begeisterung für unser soziales Unternehmen nichts anderes gewesen, als Leidenschaft für einen Mann, daß ich nicht um einer Idee, sondern um dieses Mannes willen nach Afrika bis an den Äquator gelaufen? Nein, — ich liebe Deinen Bruder nicht — ich werde überhaupt niemals lieben und noch weniger heiraten!“ Dieser heroischen Apostrophe folgte zwar ein Strom von Thränen, die jedoch — als Schwester Klara sie zu meinen Gunsten auslegen wollte — für Zeugen der Empörung ob des kränkenden Verdachtes ausgegeben wurden. Nicht viel anders machte ich es; als Klara mir auf den Kopf zusagte, ich sei in Miß Fox verliebt, lachte ich sie aus und erklärte die mir vorgehaltenen Symptome meiner Leidenschaft als bloße Zeichen psychologischen Interesses an einem weiblichen Geschöpfe, welches echter Begeisterung für abstrakte Ideen fähig sei.

Doch eine mütterliche Schwester, die einmal den Vorsatz gefaßt, ihren Bruder — und noch dazu an ihre Freundin — zu verheiraten, ist nicht so leicht aus dem Felde zu schlagen, am allerwenigsten, wenn sie so gute und mannigfache Gründe hat, auf ihrem Willen zu beharren. Da es auf geradem Wege nicht ging, wählte sie einen krummen — keinenneuen, aber einen oft bewährten: sie machte uns beide eifersüchtig. Jedem von uns erzählte sie im Vertrauen, es sei nichts mit ihrem „dummen Plane“, da der andere Teil nicht mehr frei wäre. Da sie mir gegenüber schlauerweise hinzufügte, sie habe ihr Projekt bloß ersonnen, um zugleich mit der jungen Frau in mein Haus ziehen und die ihr von rechtswegen gebührenden Mutterpflichten mir gegenüber neuerlich übernehmen zu können, so glaubte ich ihr um dieser offenbaren Wahrheit willen auch die Erfindung, daß Ellen einen Verlobten in Amerika zurückgelassen, welcher demnächst schon hier eintreffen werde. „Denke Dir nur, Ellen ist mit diesem Bekenntnisse erst herausgerückt, als ich ihr gleich Dir mit meiner Heiratsidee zusetzte. Es ist nur ein Glück, daß Du mein Junge Dir nichts aus der kleinen Duckmäuserin machst; das wäre jetzt eine schöne Bescherung, wenn Du Dir Ellen in den Kopf gesetzt hättest.“

Ich erklärte mich mit dieser Wendung der Dinge höchlich zufrieden, hatte aber das Gefühl dabei, als ob mir ein Messer im Herzen umgewendet würde. Deutlich und klar stand jetzt plötzlich meine Liebe vor meinem inneren Auge, eine glühende grenzenlose Leidenschaft, wie sie nur der empfinden kann, dessen Herz 26 Jahre lang jungfräulich geblieben. Ich konnte hinfort — das ward mir zu unumstößlicher Gewißheit — noch leben und kämpfen — mich des Lebens und des Erkämpften freuen, nimmermehr! Aber war es denn auch gewiß und unabwendbar? Gab es denn keine Möglichkeit, diesen Verlobten, der seine Braut allen Gefahren einer abenteuerlichen Reise, allen Versuchungen der Schutzlosigkeit preisgab und der jetzt plötzlich hier auftauchen soll, um mir aus meinem Eden die Seligkeit zu rauben, gab es keine Möglichkeit, ihn aus dem Felde zu schlagen? Doch ist es überhaupt denkbar, daß Ellen, diese Ellen, wie ich sie seit Monaten kenne, einen solchen Jammermenschen lieben würde? Hin zu ihr, mir Klarheit zu verschaffen, um jeden Preis!

Damit stürmte ich hinüber ins Nachbarhaus. Dort hatte inzwischen meine Schwester ein ähnlich Märchen auch Ellen erzählt. Sie habe sich nun einmal in den Kopf gesetzt gehabt, aus uns ein Paar zu machen, und daher in der Hoffnung, daß meine Werbung ihren (Ellens) Widerstand brechen würde, auch mir von ihrem Plane gesprochen, wäre, als auch ich mich weigerte, dringender geworden, und da hätte ich ihr endlich gestanden, mich hinter ihrem Rücken in Europa verlobt zu haben; die Braut werde mit dem nächsten Einwanderzuge hier eintreffen ... So weit war Klara gelangt, als mein Erscheinen ihre Erzählung unterbrach.

Totenbleich wankte Ellen auf mich zu; sie wollte sprechen, doch ihre Stimme versagte; erst meine halb angst-, halb zornerfüllten Fragen nach dem amerikanischen Bräutigam gaben ihr die Sprache wieder.Zugleich aber hatte sie auch den Schlüssel der Situation gefunden: daß ich sie liebe, daß meine Schwester uns beide getäuscht. Was weiter folgte, läßt sich leicht erraten. So kam es, daß Ellen meine Braut war, als Dr. Strahl in Edenthal anlangte — und dieses ist das dritte Ereignis, von welchem ich vorher noch erzählen wollte.

Ob das Entzücken, mit welchem ich das Weib meiner Liebe zum ersten Male ans Herz drückte, das größere gewesen oder jenes, mit welchem ich den Freund meiner Seele, den Abgott meines Geistes einführte in jenes irdische Paradies, zu welchem er uns den Weg gewiesen — das wage ich nicht zu entscheiden.

Als ich im Auge des verehrten Freundes beim Erschauen der Herrlichkeit unserer neuen Heimat und des kräftig pulsierenden fröhlichen Lebens, das sie bereits erfüllte, Thränen der Freude, in diesen aber die sichere Bürgschaft unmittelbar bevorstehenden Erfolges erblickte, da erfaßte mich zwar nicht jene überschwängliche, für die Brust, die ihr zum ersten Male sich öffnet, schier unerträgliche Wonne, wie wenige Tage zuvor, als die Geliebte mir in Küssen das Geheimnis ihres Herzens offenbarte; aber wenn einst mein Haar weiß und mein Nacken gebeugt sein wird, dürfte wohl die Erinnerung an jene bräutlichen Küsse mein Blut nicht mehr so siedendheiß durch die Adern jagen, wie heute, während der Gedanke an die Stunde, in der ich Hand in Hand mit dem Freunde die stolze und doch reine Freude empfand, den ersten, schwersten Schritt zur Erlösung unserer leidenden, enterbten Mitbrüder aus den Martern vieltausendjähriger Knechtschaft vollbracht zu haben, niemals seine beseligende Kraft einbüßen wird, so lange ich unter den Lebenden wandle und mein Geist nicht von Nacht umfangen ist.

Lange, lange stand der Meister auf den Höhen vor Edenthal, jede Einzelheit des entzückenden Bildes andächtig in sich aufnehmend; dann zu uns sich wendend, die wir ihn rings umgaben, fragte er, ob wir dem Lande, das unabsehbar nach allen Seiten sich ausdehnt und welches unsere Heimat werden solle, schon den Namen gegeben hätten. Als ich dies verneinte, mit dem Beifügen, daß ihm, der dem Gedanken Worte lieh, welcher uns hierher geführt, auch das Amt gebühre, das Wort für das Land zu finden, in welchem dieser Gedanke zuerst verwirklicht werden soll, da rief er: „Die Freiheit wird in diesem Lande ihre Geburtsstätte finden: „Freiland“ wollen wir es nennen!“

Wir nehmen nunmehr den Faden der Erzählung dort auf, wo ihn das Tagebuch Ney’s verlassen.

Zugleich mit dem Vorsitzenden waren 3 Mitglieder des dirigierenden Ausschusses in Edenthal eingetroffen; 5 andere folgten binnen wenigen Tagen mit der ersten Wagenkarawane aus Mombas nach, so daß deren — Ney, Johnston, und den auf dieser Beiden Vorschlag kooptierten Demestre eingerechnet, in Freiland 12 anwesend waren. Da es im ganzen derzeit 15 Ausschußmitglieder gab, so waren ihrer noch drei zurückgeblieben und zwar je eins in London, Triest und Mombas, wo sie bis auf Weiteres als Bevollmächtigte des Ausschusses den abendländischen Geschäften der Gesellschaft vorstehen sollten. Ihr Amt war die Aufnahme neuer Mitglieder, die Einkassierung und provisorische Verwaltung der einfließenden Gelder und die Überwachung der Auswanderungen nach Edenthal.

Ihre Instruktion bezüglich der Aufnahme neuer Mitglieder ging vorerst dahin, jeden sich darum Bewerbenden aufzunehmen, sofern er kein rückfälliger Verbrecher und des Lesens und Schreibens kundig wäre. Erstere Einschränkung bedarf wohl keiner eingehenden Motivierung. Wir hatten allerdings unbedingtes Vertrauen in die veredelnden, weil das treibende Motiv der meisten Laster beseitigenden Folgewirkungen unserer socialen Reformen; wir waren vollkommen beruhigt darüber, daß Freiland keine Verbrecher erzeugen und selbst durch Elend und Unwissenheit da draußen zu Verbrechern Gewordene, wenn nur irgend möglich, dem Laster entreißen werde; für den Anfang aber wollten wir es vermeiden, von schlimmen Elementen überschwemmt zu werden, und angesichts des verzeihlichen Bestrebens einzelner Staaten, sich ihrer rückfälligen Verbrecher in irgend welcher Weise zu entledigen, mußten wir von Anbeginn vorbauen.

Härter mag erscheinen, daß wir der Einwanderung von gänzlich Unwissenden eine Schranke zogen. Doch gerade das war ein notwendiges Erfordernis unseres Programms. Wir wollten das absolute, freie Selbstbestimmungsrecht des Individuums auch auf dem Gebiete der Arbeit an die Stelle des Jahrtausende hindurch geltenden Knechtschaftsverhältnisses setzen; wir wollten den unter der Botmäßigkeit der Brotherren stehenden Arbeiter zum selbständigen in freier Vereinbarung mit freien Genossen auf eigene Gefahr thätigen Produzenten umgestalten — es ist daher selbstverständlich, daß wir zu diesem unserem Werke blos solche Arbeiter gebrauchen konnten, die zum mindesten über die unterste Stufe der Brutalität und Unwissenheit hinaus waren. Daß wir damit gerade die Elendesten der Elenden zurückstießen, ist wahr; aber abgesehen davon, daß dem Unwissenden zumeist das klare Bewußtsein seines Unglücks und seiner Entwürdigung fehlt, seine Leiden daher in der Regel blos physischer und nicht auch moralischer Natur sind, wie die des mit Intelligenz gepaarten Elends, abgesehen davon durften wir uns auch durch weichliches Mitleid nicht dazu verleiten lassen, den Erfolg unseres Werkes zu gefährden. Der Unwissende muß beherrscht werden und da wir unsere Mitglieder nicht erst allmählich zu freien Produzenten erziehen, sondern unmittelbar in die freie Produktion einführen wollten, somußtenwir uns, wie gegen das Verbrechen, auch gegen die Unwissenheit schützen.

Sollte hinwieder geltend gemacht werden, daß Kenntnis des Lesens und Schreibens allein denn doch kein genügendes Kennzeichen jenes Ausmaßes von Bildung und Intelligenz sei, welches bei Menschen, die ihre Arbeit selber regieren sollen, vorausgesetzt werden müsse; so ist darauf zu erwidern, daß zu diesem Behufe allerdings ein sehr hoher Grad der Intelligenz erforderlich ist, aber nicht bei allen, sondern bloß bei verhältnismäßig nicht sehr zahlreichen der solcherart sich selber organisierenden Arbeiter, während bei der Majorität jenes Mittelmaß von Geisteskräften und Geistesausbildung durchaus genügt, dessen es zu richtiger Erkenntnis des eigenen Interesses bedarf. Wenn hundert oder tausend Arbeiter sich zusammenthun, um für gemeinsame Rechnung und Gefahr zu arbeiten, so kann und muß nicht jeder derselben die Fähigkeiten zur Organisation und Leitung dieser gemeinsamen Produktion besitzen; dieses höhere Ausmaß von Intelligenz wird bloß bei einigen Wenigen unerläßlich sein, während es für die Majorität genügt, daß sie richtig beurteilen könne, was mit der gemeinsam zu betreibenden Produktion erzielt werden soll und kann und welche Eigenschaften Diejenigen besitzen müssen, in deren Hände die Wahrung dieses gemeinsamen Interesses gelegt wird. Gerade in diesem Punkte aber ist die Kenntnis der Schrift von ausschlaggebender Bedeutung, denn das gedruckte Wort allein ist es, welches den Menschen und sein Urteil unabhängig machtvon den zufälligen Einflüssen der unmittelbaren Umgebung, seinen Verstand der Belehrung erst öffnet. Es wird sich später zeigen, in wie hohem Maße die ausgedehnteste, lediglich durch Schrift und Druck zu vermittelnde Öffentlichkeit aller Vorgänge auf dem Gebiete jeglicher produktiven Thätigkeit zum Gelingen unseres Werkes beitrug.

Es versteht sich von selbst, daß diese beiden Bedingungen für aufzunehmende Mitglieder auch bisher schon vom Ausschusse gefordert wurden, und zwar das zweitgenannte ursprünglich in ziemlich strenger Form. Da sich jedoch gezeigt hatte, daß das geistige Niveau der meisten Bewerber ein überraschend hohes war, indem der Hauptsache nach von den körperlich arbeitenden Klassen sich blos die Elite in ausgedehnterem Maße für unser Unternehmen interessierte, und da nunmehr, wo die Zahl der Mitglieder 20000 überschritten hatte, die mitunterlaufende Unwissenheit nicht mehr so gefährlich sein konnte, so begnügte sich der Ausschuß mit der Forderung, daß die Anmeldungen eigenhändig und schriftlich geschehen müßten.

Die Zahl der sich meldenden Mitglieder — es ist zu bemerken, daß Frauen und Kinder stets mitgerechnet sind — war in stetigem Wachstume begriffen, insbesondere seit Veröffentlichung der ersten Berichte über die am Kenia angelegte Kolonie. Als der Ausschuß sich unter Hinterlassung seiner Delegierten in Triest einschiffte, hatte der Mitgliederzuwachs 1200 in der Woche erreicht; drei Monate später war er auf 1800 wöchentlich gestiegen. Die Aufgabe der europäischen Bevollmächtigten war es nun, die neuen Mitglieder — gleichwie dies vorher schon mit den alten geschehen — sorgfältig nach Geschlecht, Alter und Beruf zu registrieren und mit jeder Schiffsgelegenheit die entsprechenden Listen nach Freiland zu expedieren; sie hatten den — nach wie vor unentgeltlich erfolgenden — Transport bis Mombas zu organisieren und zu überwachen und waren mit Vollmacht versehen, alle zu diesem Behufe erforderlichen Ausgaben, im Bedarfsfalle auch den Ankauf neuer Schiffe, gegen nachträgliche Verrechnung und Genehmigung zu bestreiten. Sache der Bevollmächtigten war es ferner, den sich zur Reise rüstenden Mitgliedern mit Rat und That an die Hand zu gehen; auch hatten sie Vollmacht, hilfsbedürftigen Genossen materiell beizuspringen. Die Mitgliederbeiträge zeigten ähnlich wachsende Tendenz, wie die Mitgliederzahl; es wuchs eben offenbar das Interesse und Verständnis für unser Unternehmen nicht blos in den arbeitenden, sondern auch in den besitzenden Klassen; der Wochenzufluß steigerte sich in der Zeit von Ende September bis Ende Dezember von rund 20,000 £ auf 30,000 £. Über diese Gelder war, nach Bestreitung der den Delegirten eingeräumten Kredite, dem Ausschusse die Verfügung vorbehalten, dessen Vollzugsorgan übrigens auch in diesemPunkte bei allen in der alten Welt zu bestreitenden Auslagen die zurückgelassenen Delegierten waren.

Am 20. Oktober hielt der Ausschuß seine erste Sitzung in Edenthal, um über die geeignetesten Vollzugsmaßregeln zur Konstituierung jener freien Vergesellschaftungen schlüssig zu werden, deren Sache von da ab die Produktion in Freiland sein sollte. Die Ausschußsitzungen waren von jeher öffentlich gewesen, d. h. jedes Mitglied der Gesellschaft hatte Zutritt zu denselben und so sollte es auch fernerhin bleiben; eine bloß provisorisch eingeführte Neuerung dagegen war es, daß die Zuhörerschaft auch eingeladen wurde, an den Verhandlungen — allerdings nur mit beratender Stimme, teilzunehmen. Diese Maßregel hat die Bestimmung, in der Zwischenzeit, bis die Presse ihre informierende und kontrollierende Wirksamkeit beginnen konnte, deren Rolle zu übernehmen.

Die Grundlage des zur Durchführung gelangenden Organisationsplanes war schrankenlose Öffentlichkeit in Verbindung mit ebenso schrankenloser Freiheit der Bewegung. Jedermann in ganz Freiland mußte jederzeit wissen, nach welcherlei Produkten jeweilig der größere oder geringere Bedarf und in welchen Produktionszweigen jeweilig der größere oder geringere Ertrag vorhanden sei. Ebenso aber mußte Jedermann in Freiland jederzeit das Recht und die Macht haben, sich — soweit seine Fähigkeiten und Fertigkeiten reichen — den jeweilig rentabelsten Produktionszweigen zuzuwenden.

Die zu treffenden Maßnahmen hatten also zunächst diese zwei Punkte ins Auge zu fassen. Eine sorgfältige Statistik hatte in übersichtlicher, und was die Hauptsache ist, in denkbar raschester Weise jede Bewegung der Produktion auf der einen, des Consums auf der anderen Seite zu registrieren; ebenso galt es, die Preisbewegung aller Produkte zur allgemeinen Kenntnis zu bringen. Angesichts der entscheidenden Wichtigkeit dieser Veröffentlichungen mußte Vorsorge getroffen werden, daß Täuschungen oder unbeabsichtigte Irrungen bei denselben von vornherein ausgeschlossen seien — ein Problem, welches wie im Nachfolgenden gezeigt werden wird, in vollkommenster und doch einfachster Weise gelöst wurde.

Und damit nun die solcherart erlangte Kenntnis auch von Jedermann praktisch zum eigenen Vorteile ausgenutzt werden könne, was nur möglich ist, wenn Jedermann in die Lage versetzt wird, sich jenem seinen Fähigkeiten entsprechenden Arbeitszweige zuzuwenden, der jeweilig die höchste Rente bietet, mußte dafür gesorgt werden, daß Jedermann jederzeit in den Besitz der hierzu erforderlichen Produktionsmittel gelangen könne. Dieser Produktionsmittel giebt es zweierlei: Naturkräfte und Kapitalien. Ohne diese Beiden nützt die genaueste Kenntnis jener Arbeitszweige, nach deren Erzeugnissen gerade der dringendste Bedarfvorhanden ist und die deshalb die höchsten Erträge liefern, eben so wenig, als die vollendetste Geschicklichkeit in diesen Produktionen. Der Mensch kann seine Arbeitskraft nur verwerten, wenn er über die von der Natur gebotenen Stoffe und Kräfte, wie nicht minder über entsprechende Instrumente und Maschinen verfügt; und zwar muß er, um mit seinen Mitbewerbern konkurrieren zu können, Beides in gleich guter und vollkommener Beschaffenheit besitzen, wie diese. Man muß nicht bloß Boden zur Verfügung haben, um Weizen zu bauen, sondern auch gleich ergiebigen Weizenboden wie die anderen Weizenbauer, sonst wird man mit geringerem Nutzen, ja möglicherweise sogar mit Schaden arbeiten; und der Besitz des ergiebigsten Bodens wird die Arbeit noch nicht ermöglichen, oder doch nicht gleich ertragreich machen, wenn man die erforderlichen landwirtschaftlichen Geräte nicht, oder doch nicht in jener Vollkommenheit besitzt, wie die Konkurrenten.

Was nun die Kapitalien anlangt, so machte sich die freie Gesellschaft anheischig, sie Jedermann nach Wunsch zur Verfügung zu stellen, und zwar zinslos, gegen Rückzahlung in gewissen Fristen, deren Ausmaß je nach der Natur der beabsichtigten Anlagen in der Weise festgestellt wurde, daß die Abtragung aus den Produktionsergebnissen stattfand. Da die Arbeitsinstrumente und sonstigen kapitalistischen Arbeitsbehelfe in beliebigem Umfange und in beliebiger Qualität hergestellt werden können, so wäre damit der eine Teil des Problems gelöst gewesen.

Anders verhält sich die Sache mit den Naturkräften, als deren Repräsentanten wir den Boden, an den sie doch gebunden sind, gelten lassen wollen. Den Boden hat Niemand erzeugt, es hat also Niemand Eigentumsanspruch auf ihn und Jedermann hat das Recht, ihn zu benutzen; aber den Boden hat nicht bloß Niemand erzeugt, es kann ihn auch fernerhin Niemand erzeugen; Boden ist daher bloß in beschränkter Menge vorhanden und außerdem ist auch der vorhandene Boden nicht von gleicher Güte. Wie soll es nun trotzdem möglich sein, nicht bloß Jedermanns Anspruch auf Boden, sondern sogar auf gleich ertragreichen Boden zur Geltung zu bringen?

Um dies zu erklären, muß zunächst noch die dritte und in Wahrheit fundamentalste Voraussetzung der wirtschaftlichen Gerechtigkeit dargelegt werden. Wenn in deren Sinne jedem Arbeitenden der ungeschmälerte Ertrag der eigenen Arbeit zugesprochen wird, so ist dies nur insofern und unter der Voraussetzung wirklich gerecht, daß angenommen wird, der Arbeitende sei selber und ausschließlich der Erzeuger dieses ganzen Ertrages. Das war er aber nach der alten Wirtschaftsordnung mit nichten. Der Arbeitende erzeugte als solcher nur einen Teil des Produkts, während ein anderer Teil vom Arbeitgeber — derselbe sei nun Grundbesitzer, Kapitalist oder Unternehmer — hervorgebracht wurde.Ohne den organisatorischen, disciplinierenden Einfluß dieses Letzteren wäre die Mühe der Arbeitenden unfruchtbar, oder doch weit minder fruchtbar gewesen; der Arbeiter lieferte bisher stets nur die zusammenhanglose Kraft, während der ordnende Geist Sache des Arbeitgebers war.

Damit soll nicht gesagt sein, daß die größere geistige Kraft bisher ausnahmslos oder notwendiger Weise auf Seite des Letzteren sich befunden; auch die Techniker und Direktoren, die den großen Produktionsanstalten vorstehen, gehören dem Wesen nach zu den Lohnarbeitern und ganz im allgemeinen kann ohne weiteres zugegeben werden, daß die höhere Intelligenz in zahlreichen Fällen nicht bei den Arbeitgebern, sondern bei den Arbeitern sich gefunden haben mag. Trotzdem ist es der Arbeitgeber, dessen Verdienst überall dort, wo es galt, mehrere Arbeitende zu gemeinsamem Werke zu vereinigen und zu disciplinieren, diese Vereinigung und Disciplinierung gewesen. Für sich zu produzieren, vermochten die Arbeitenden bisher stets nur vereinzelt; sowie ihrer Mehrere unter einen Hut gebracht werden sollten, war ein „Herr“ notwendig, ein Herr, der mit der Peitsche — dieselbe mag nun aus Riemen, oder aus den Paragraphen einer Fabrikordnung geflochten sein — die Widerstrebenden beisammenhält unddafür— nicht für seine höhere Intelligenz, den Ertrag der Arbeit einstreicht, den Arbeitenden, sie mögen nun dem Proletariate oder der sogenannten Intelligenz angehören, nur so viel einräumend, als zu ihrem Unterhalte erforderlich ist. Noch niemals bisher haben die Arbeitenden den Versuch gewagt, ohne Herrn, als freie eigenberechtigte Männer und nicht als Knechte — dabei aber mit vereinten Kräften zu produzieren. Die Benützung jener gewaltigen, den Ertrag der menschlichen Thätigkeit so unendlich vervielfältigenden Instrumente und Einrichtungen, die Wissenschaft und Erfindungsgeist der Menschheit an die Hand gegeben, setzt vereintes Wirken Vieler voraus, und dieses hat sich bisher nur Hand in Hand mit der Knechtschaft bewerkstelligen lassen. Man spreche nicht von den Produktivassociationen eines Schulze-Delitzsch und Anderer; sie haben am Wesen der Knechtschaft nichts geändert, bloß der Name der Herren ist ein anderer geworden. Auch in diesen Associationen gibt es nach wie vor Arbeitgeber und Arbeiter; Ersteren gehört der Ertrag, Letztere erhalten Stall und gefüllte Futterraufe gleich den zweibeinigen Arbeitstieren des Einzelunternehmers oder der gewöhnlichen Aktiengesellschaft, deren Aktionäre zufällig keine Arbeiter sind. Damit die Arbeit frei und eigenberechtigt werde, müssen sich die Arbeitenden als solche, nicht aber als kleine Kapitalisten zusammenthun; sie dürfen keinen wie immer genannten oder gearteten Arbeitgeber über sich setzen, also auch keinen solchen, der aus einer Genossenschaft von Ihresgleichen besteht; sie müssen sich als Arbeitende und nur als solche organisieren, dann erst haben sie auch alssolche Anspruch auf den vollen Arbeitsertrag. Und diese Organisation der Arbeit ohne jeglichen Rückstand des altererbten Herrschaftsverhältnisses irgend eines Arbeitgebers ist das Grundproblem der socialen Befreiung; ist dieses glücklich gelöst, so folgt alles Andere ganz von selbst.

Diese Organisation aber war mit nichten so schwierig, als auf den ersten Blick scheinen mag. Der Ausschuß ging von dem Grundsatze aus, daß die richtigen Organisationsformen freier Arbeit sich am besten durch das freie Zusammenwirken sämtlicher an dieser Organisation Beteiligten werde finden lassen. Besondere Schwierigkeiten vermochte er dabei nicht zu entdecken. Handelte es sich dabei doch dem Wesen nach um höchst einfache Dinge. Um z. B. ein Eisenwerk zu errichten, brauchten die Arbeiter den Gesamtmechanismus der Eisenfabrikation keineswegs sämtlich zu verstehen; was notthat, war bloß zweierlei: erstlich daß sie wußten, welcherlei Leute sie an die Spitze ihrer Fabrik zu stellen hätten und zweitens, daß sie diesen Leuten einerseits genügende Gewalt einräumten, um die Arbeit in Ordnung zu erhalten, anderseits aber auch sie genügend kontrollierten, um jederzeit das Heft über ihr Unternehmen in eigenen Händen zu behalten. Dabei konnten ohne Zweifel sehr ernste Fehler begangen werden; man konnte sich in der Organisation der leitenden sowohl als der überwachenden Organe, im Ausmaße der erteilten Vollmachten arg vergreifen; aber gerade die einmal bereits erwähnte, schrankenlose Öffentlichkeit aller Produktionsvorgänge, die von Gesamtheitswegen auch aus anderen Gründen gefordert werden mußte, erleichterte den Arbeiterschaften ihr Werk wesentlich, und da alle Genossen einer jeden Produktiv-Association im entscheidenden Punkte genau die gleichen Interessen hatten, und ihre gesammelte Aufmerksamkeit jederzeit auf diese Interessen gerichtet war, so lernten sie wunderbar rasch die gemachten Fehler verbessern, so daß schon nach wenigen Monaten der neue Apparat leidlich arbeitete und in merkwürdig kurzer Zeit einen hohen Grad von Vollkommenheit erreichte. Fleiß und Emsigkeit aller Genossen aber ließen von Anbeginn nichts zu wünschen übrig, was angesichts der vollkommen entfesselten Eigeninteressen, sowie der unablässigen gegenseitigen Anfeuerung und Kontrolle Gleichberechtigter und Gleichinteressierter eigentlich selbstverständlich ist.

Der Ausschuß arbeitete daher zum Gebrauche der Associationen zwar ein sogenanntes „Musterstatut“ aus, jedoch keineswegs in der Meinung, daß dasselbe sich wirklich mustergiltig erweisen werde oder auch nur könne, sondern bloß um einen Anfang zu machen, den Genossenschaften gleichsam ein Formular zu bieten, das sie als Gerippe ihrer eigenen, durch Erfahrung allmählich entstehenden Organisationsentwürfe gebrauchen könnten. Thatsächlich war dieses „Musterstatut“,anfangs von allen Genossenschaften beinahe unverändert angenommen, nach kaum einem Jahre überall so gründlich geändert und ergänzt, daß von seinen ursprünglichen Bestimmungen meist nur die leitenden Prinzipien übrig blieben. Diese aber waren die folgenden:

1. Der Beitritt in jede Association steht Jedermann frei, gleichviel ob er zugleich Mitglied anderer Associationen ist, oder nicht; auch kann Jedermann jede Association jederzeit verlassen.

2. Jedes Mitglied hat Anspruch auf einen, seiner Arbeitsleistung entsprechenden Anteil am Nettoertrage der Association.

3. Die Arbeitsleistung wird jedem Mitgliede im Verhältnisse der geleisteten Arbeitsstunden berechnet, mit der Maßgabe jedoch, daß älteren Mitgliedern für jedes Jahr, um welches sie der Gesellschaft länger angehören, als die später Beigetretenen, ein Präcipuum von x Procent eingeräumt ist. Ebenso kann für qualifizierte Arbeit im Wege freier Vereinbarung ein Präcipuum bedungen werden.

4. Die Arbeitsleistung der Vorsteher oder Direktoren wird im Wege einer, mit jedem Einzelnen derselben zu treffenden freien Vereinbarung, einer bestimmten Anzahl täglich geleisteter Arbeitsstunden gleichgesetzt.

5. Der gesellschaftliche Ertrag wird erst am Schlusse eines jeden Betriebsjahres berechnet und nach Abzug der Kapitalrückzahlungen und der an das freiländische Gemeinwesen zu leistenden Abgaben zur Verteilung gebracht. Inzwischen erhalten die Mitglieder Vorschüsse in der Höhe von x Procent des vorjährigen Reinertrags für jede geleistete oder angerechnete Arbeitsstunde.

6. Die Mitglieder haften für den Fall der Auflösung oder Liquidation der Association nach dem Verhältnisse ihrer Gewinnbeteiligung für die kontrahierten Darlehn, welche Haftung sich bezüglich der noch aushaftenden Beträge auch auf neueintretende Mitglieder überträgt. Auch erlischt mit dem Austritte eines Mitgliedes dessen Haftung für die schon kontrahiert gewesenen Darlehn nicht. Dieser Haftbarkeit für die Schulden der Association entspricht im Falle der Auflösung oder Liquidation der Anspruch der haftenden Mitglieder an das vorhandene Vermögen.

7. Oberste Behörde der Association ist die Generalversammlung, in welcher jedes Mitglied das gleiche aktive und passive Wahlrecht ausübt. Die Generalversammlung faßt ihre Beschlüsse mit einfacher Stimmenmehrheit; zu Statutenänderungen und zur Auflösung und Liquidation der Association ist ¾ Majorität erforderlich.

8. Die Generalversammlung übt ihre Rechte entweder direkt als solche, oder durch ihre gewählten Funktionäreaus, die ihr jedoch verantwortlich sind.

9. Die Leitung der gesellschaftlichen Geschäfte ist einem Direktoriumvon x Mitgliedern übertragen, die von der Generalversammlung auf x Jahre gewählt werden, deren Bestallung jedoch jederzeit widerruflich ist. Die untergeordneten Funktionäre der Geschäftsleitung werden von den Direktoren ernannt; doch geschieht die Feststellung des Gehaltes dieser Funktionäre — bemessen in Arbeitsstunden — auf Vorschlag der Direktoren durch die Generalversammlung.

10. Die Generalversammlung wählt jährlich einen aus x Mitgliedern bestehenden Aufsichtsrat, der die Bücher sowie das Gebahren der Geschäftsleitung zu überwachen und darüber periodischen Bericht zu erstatten hat.

Es fällt sofort auf, daß in diesem Statut bloß für den Fall der Auflösung der Association (Absatz 6) von dem die Rede ist, was scheinbar doch als Hauptsache angesehen werden sollte, nämlich vom „Vermögen“ der Associationen und von den Ansprüchen der Mitglieder an dieses Vermögen. Der Grund liegt aber darin, daß ein Vermögen der Association im gemeingebräuchlichen Sinne gar nicht existiert. Die Mitglieder besitzen allerdings das Nutznießungsrecht der vorhandenen Produktivkapitalien; da sie aber dieses Recht mit jedem beliebigen Neueintretenden jederzeit teilen und selber durch nichts anderes, als durch das Interesse am Ertrage ihrer Arbeit an die Association gebunden sein sollen, so darf es Vermögensinteressen bei den Associationen gar nicht geben, so lange dieselben im Betriebe sind. Und in der That ist ein — sei es auch noch so nützlicher — Gegenstand, den Jedermann benutzen kann, kein Vermögensbestandteil. Es giebt keine Eigentümer, bloß Nutznießer der Associationskapitalien. Und sollte darin vielleicht ein Widerspruch mit jener Bestimmung erblickt werden, wonach die dargeliehenen Produktivkapitalien von den Associationen zurückgezahlt werden müssen, so darf nicht übersehen werden, daß auch diese Kapitalrückzahlung — den bereits erwähnten Fall der Liquidation ausgenommen — von den Mitgliedern bloß in ihrer Eigenschaft als Nutznießer der Produktionsmittel geleistet wird. Da die Kapitalrückzahlungen von den Erträgen in Abzug gebracht, diese aber je nach der Arbeitsleistung unter die Mitglieder verteilt werden, so leistet eben auch jedes Mitglied Abzahlung je nach seiner Arbeitsleistung. Und wenn man noch genauer zusieht, so wird man finden, daß diese Abzahlungen in letzter Linie eigentlich von den Verbrauchern der von den Associationen erzeugten Güter getragen werden; sie bilden — selbstverständlich — einen Teil der Betriebskosten und müssen notwendigerweise im Preise des Produkts Deckung finden. Daß dies auch überall vollkommen geschehe, dafür sorgt mit unfehlbarer Sicherheit die freie Beweglichkeit der Arbeitskräfte. Eine Produktion, bei welcher diese Abzahlungen im Preise der Erzeugnisse nicht vollkommen Deckung gefunden hätten, wäre solange von Arbeitskräften teilweise verlassen worden, bis das sinkende Angebot die Preiseentsprechend erhöht hätte. Ist hinwieder die Abzahlung geleistet, so entfällt dieser Bestandteil der Betriebskosten; die betreffenden Gesellschaftskapitalien können als amortisiert angesehen werden und nunmehr sinken — wieder unter dem Einflusse der Freizügigkeit der Arbeitskräfte — die Preise des Produkts, so daß die Mitglieder der Association ebensowenig einen Sondervorteil aus der Benützung lastenloser Kapitalien ziehen, als sie früher einen Sondernachteil aus der Abtragung dieser Lasten hatten. Vorteil und Nachteil verteilt sich — immer Dank der freien Beweglichkeit der Arbeitskräfte — stets gleichmäßig auf die Gesamtheit aller Arbeitenden Freilands.

Man sieht, die Produktivkapitalien sind infolge dieser einfach und unfehlbar funktionierenden Einrichtung streng genommen ebenso herrenlos, als der Boden; sie gehören Jedermann und daher eigentlich Niemand. Die Gemeinschaft der Produzenten giebt sie her und benützt sie, beides genau nach Maßgabe der Arbeitsleistung jedes Einzelnen; und Zahlung für den gemachten Aufwand leistet die Gemeinschaft aller Konsumenten, abermals ein Jeder genau nach Maßgabe seines Konsums.

Daß mit der absoluten Freizügigkeit der Arbeit weder beabsichtigt, noch jemals erreicht wurde, daß der Ertrag überall dasabsolutgleiche Niveau einhielt, ist selbstverständlich. Abgesehen davon, daß ja die Ungleichheiten oft erst nachträglich, bei Gelegenheit der Bilanzabschlüsse, sich zeigen, also auch erst nachträglich durch Zu- und Abfluß von Arbeitskräften ausgeglichen werden können, giebt es eine nicht unerhebliche, dauernde, jeder Ausgleichung entrückte Verschiedenheit der Gewinne, die in der Verschiedenheit der mit den unterschiedlichen Arbeitszweigen verknüpften Anstrengungen und Unannehmlichkeiten ihre naturgemäße Begründung hat. Nur ist es allerdings in Freiland anders, als in der alten Welt, wo nur zu oft die Last der Arbeit im umgekehrten Verhältnisse steht zu ihrem Ertrage; bei uns müssen schwierige, lästige, unangenehme Arbeiten ausnahmslos höheren Gewinn abwerfen, als die leichteren, angenehmeren — sofern Letztere keine besonderen Fähigkeiten voraussetzen — sonst würde man Jene sofort verlassen und sich Diesen zuwenden. Außerdem ist auch das im 3. Absatze den älteren Mitgliedern eingeräumte Präcipuum — dasselbe schwankt bei verschiedenen Gesellschaften zwischen 1 und 3 Prozent per Jahr, summiert sich also bei längerer Arbeitszeit zu ganz respektabler Höhe und ist dazu bestimmt, die erprobten Arbeitsveteranen an das Unternehmen zu binden, — ein Hindernis absoluter Gewinnausgleichung selbst bei ganz gleichgearteten Associationen.

Einer kurzen Erläuterung bedarf Punkt 5 der Statuten. Für das erste Betriebsjahr war natürlich die Berechnung der den Associationsmitgliedern zu leistenden Gewinnvorschüsse in Prozenten des vorjährigen Reinertrags nicht möglich, und der Ausschuß schlug daher für dieseserste Jahr ein Fixum von 1 Shilling (1 Mark) per Stunde vor. Man wird vielleicht erstaunen über die — insbesondere unter Berücksichtigung der am Kenia herrschenden Preisverhältnisse — auffallende Höhe dieses Ansatzes und billig fragen, von wo der Ausschuß den Mut schöpfte, auf derartige Erträge zu hoffen, daß solche Gewinnanteile, und noch dazu „vorschußweise“ ausbezahlt werden könnten. Es gehörte aber dazu keine besondere Kühnheit, vielmehr war dieser Ansatz in Wahrheit mit äußerster Vorsicht bemessen. Das Ergebnis der bis dahin in Gang gesetzten gesellschaftlichen Produktionen war nämlich thatsächlich ein wesentlich günstigeres gewesen. Die Körnerwirtschaft z. B. hatte bei einem Arbeitsaufwande von insgesamt 44,500 Arbeitsstunden einen Rohertrag von 42,000 Centnern verschiedener Sämereien ergeben. Deren Preis in Edenthal betrug derzeit im Durchschnitt allerdings nicht ganz 3 Schilling per Centner, da wir mehr davon erzeugen konnten, als wir brauchten, der Export über Mombas aber, der einstweilen noch recht primitiven Transportmittel halber, keinen größeren Ertrag, als eben diese 3 Schilling ergab. Wir hatten also rund 6,000 Pfd. Sterling landwirtschaftlichen Rohertrag. An Produktionskosten hierfür waren zu berechnen: 400 Pfd. Sterling für Materialien, 300 Pfd. Sterling als Amortisation der investierten Kapitalien (Werkzeuge und Vieh), so daß 5300 Pfd. Sterling Netto-Gewinn verbleiben werden. Da zur Deckung all der gemeinnützigen Ausgaben, die im Sinne unseres Programms Sache des gesamten Gemeinwesens sind, und von denen später noch gesprochen werden soll, eine Abgabe von nicht weniger als 35 Prozent in Aussicht genommen war, so verblieben rund 3400 Pfd. Sterling als verfügbarer Gewinn. Repartiert man nun diesen auf die geleisteten 44,500 Arbeitsstunden, so berechnet sich die Arbeitsstunde mit 1,5 Schilling. Das war aber auch annähernd der Durchschnittsertrag der anderen bislang betriebenen Produktionen gewesen, soweit sich derselbe für die Vergangenheit, in welcher es einen regelmäßigen Markt für alle Waren am Kenia noch nicht gab, überhaupt feststellen ließ; so viel war mit größter Beruhigung anzunehmen, daß für den Fall, als wir den Preis jedes Arbeitsprodukts durch Angebot und Nachfrage hätten regulieren können, im Durchschnitt für jedes derselben mindestens jener Preis hätte bezahlt oder angerechnet werden müssen, der dem landwirtschaftlichen Ertrage entsprach. Denn Körnerfrüchte, zu 3 Schilling ab Edenthal gerechnet, hätten wir doch vorerst erzeugen und absetzen können, so weit unsere Arbeitskraft reichte; es hätte also in der hinter uns liegenden Betriebsperiode Jedermann mindestens 1,5 Schilling für eine Arbeitsstunde erwerben können. Der nächsten Betriebsepoche schon gingen wir aber — wie man bald sehen wird — mit wesentlich verbesserten Hülfsmitteln entgegen, es mußte also, von unvorhergesehenen Unglücksfällen abgesehen, die Ergiebigkeit unserer Arbeit sehr namhaft steigen, so daß, alswir 1 Schilling Vorschuß für die Arbeitsstunde beantragten, unsere Meinung dahin ging, kaum die Hälfte des wirklichen Verdienstes vorweg zahlen zu lassen — eine Voraussetzung, der die Erfahrung durchaus entsprach. In den späteren Betriebsepochen wurde es bei den meisten Associationen üblich, 90 Prozent des vorjährigen Reinertrages als zu bezahlenden Vorschuß zu bestimmen.


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