Fade jum, fade jum, sagte der König,Fade jum, sagte Seine Majestät
Fade jum, fade jum, sagte der König,Fade jum, sagte Seine Majestät
Fade jum, fade jum, sagte der König,Fade jum, sagte Seine Majestät
Fade jum, fade jum, sagte der König,
Fade jum, sagte Seine Majestät
und dann singt er: „Santa Lucia“ und „Wenn die Blätter leise rauschen“.
Dort draußen steigt der Atemdampf von Walfischen auf. Ein paar große Wale ziehen ostwärts denselben Weg wie wir.
Drei Uhr nachmittags.
Nach einer arbeitsreichen Nacht habe ich geschlafen und liege hier auf dem Heck und schlucke Sonnenschein. Dunkelblaues Meer, hellblauer Himmel, hoch oben weiße segelnde Sommerwolken und Norwegen im Osten immer näher rückend, hinter dem scharfen blauen Meeresrand.
Dort vorn sind Netze zum Trocknen aufgehangen und heben sich schön rotbraun von der blauen Fläche ab.
Die Sonne brät einen bis in die Seele hinein, und das Leben ist blau. Kann man je zuviel Sonnenschein bekommen?
Hoch oben stoßen die dunkeln Raubmöwen ihre Klageschreie aus. Sie folgen uns noch. Was willst du hier im Sonnenschein, du Alk, fliege heim zu deinem Nebel und störe nicht die Sommerträume des Mannes.
Wie schön die Mastspitze golden gegen den blauen Himmel leuchtet! Sie erinnert mich an die goldene Mastspitze der „Fram“, wenn ich sie vom Eise her weit draußen in blauer Luft schaute. Es war so wunderbar einsam, dieses Gold dort hoch oben in der kalten Luft — ein Gruß aus einer reicheren Welt. — Segelt weiter, blinkende, goldene Träume!
Am Abend.
Gerade jetzt etwas Freudiges.
Tagelang haben wir seit der Abfahrt von Jan Mayen nachMedusen ausgespäht, Tag und Nacht. Nun sahen wir endlich die ersten. Das große Netz muß hinaus, während wir zu Abend essen.
Gran untersucht das Oberflächenplankton. Große Freude! Plötzlich tritt jetzt in MengenCeratium triposauf, eine Kieselalge, die das Meerleuchten hervorruft — also Küstenwasser oder Wasser von den Bänken. Gerade das, was wir nach den Medusen erwarten müssen.
Was wird das Netz bringen? Es wird hereingeholt. Große Spannung! Als es dann aber voller Medusen war und es zwischen ihnen von Fischbrut wimmelte, da herrschte an Bord wilde Freude. Gran lief herum und sang und tanzte. Der Kapitän kam aus seiner Kajüte im bloßen Hemd heraus und wollte es nicht glauben, bis ihm ein ganzer Teller voll wimmelnder Fischbrut präsentiert wurde.
Ja selbst der junge Jakob mit seinem Zahngeschwür mußte, in ein großes Tuch eingemummelt, hervorkommen und sich das Netz ansehen, das dieses Wunder: Fischbrut, reine Dorschbrut mitten im Meer zwischen Norwegen und Jan Mayen, mehr als zweihundert Seemeilen vom Lande, heraufgeholt hatte. Die Freude steckte alle an Bord an. Ein neuer Schritt vorwärts zum Verständnis des Meerestierlebens.
Es muß so vor sich gehen, daß im Frühjahr das Wasser an der Oberfläche an den Küsten und über den Bänken durch die zunehmende Menge Flußwasser vom Lande her stark gespeist wird. Außerdem wird dieses süße Oberflächenwasser im ganzen Vorsommer stark von der Sonne erwärmt. Auf diese Weise wirdes viel leichter als das salzhaltige Wasser und muß sich infolgedessen weiter ins Meer hinaus verbreiten als im Winter. Dadurch kommt dieses Oberflächenwasser dazu, auch sein Plankton mitzuführen, wie auch diese roten Medusen,Ceratium tripos, und die Dorschbrut, die im Frühjahr an den Bänken gelaicht ist.
Es ist übrigens eigentümlich, daß diese Dorschbrut, die also mit dem Wasser forttreibt, sich meistens gerade unter den großen roten Medusen aufhält, wo sie wohl bis zu einem gewissen Grad am besten geschützt ist.
Auf dem Meerzwischen Jan Mayen und Norwegen,12. August.
Gestern abend, hier mitten im Meer treibend, legten wir Leinen mit Hunderten von Angelhaken aus, und heute früh holten wir sie herein und fanden eine Menge Rotfische, große Sebastes norvegicus. Das hatten wir gerade erwartet. Es war also richtig, daß der Rotfisch hier draußen über den großen Meerestiefen lebt, etwa 80 bis 90 Meter tief, und in solchen Mengen. Und das wissen die Seehunde, wenigstens die Klappmützen.
Der Himmel ist bewölkt, und das Meer lächelt nicht. Trübes Wetter im Herzen — weshalb? Und morgen sehen wir vielleicht Norwegen! Ich habe wohl die letzte Nacht zuviel gearbeitet, und diese Tage zuwenig geschlafen. — Schwermut. — Die See rollt bleigrau......
So viele Rätsel unter der ewig wogenden Fläche. Und wiewenig wissen wir noch von dem, was da unten vorgeht und sich bewegt.
Droben im Polarmeer hatte ich durch fortlaufende Temperaturmessungen der Wasserschichten in verschiedenen Tiefen eine Ahnung davon bekommen, daß in diesen Schichten große Wellen gingen, von denen wir an der Oberfläche des Meeres nichts merkten.
Nun haben wir, indem wir viele Stationen dicht nebeneinander machten, diese Verhältnisse näher zu erforschen versucht. Es bestätigt sich, daß es solche unbekannte Wellen in der Tiefe auf den Grenzen zwischen den Schichten geben muß, so daß die schwereren Schichten unten in den leichteren Schichten oben auf- und abwogen. Und die Wellen, die dort unten langsam rollen, sind groß, sie können 40 und 50 Meter hoch sein; ja, es ist die Frage, ob nicht zuweilen solche von 100 und 200 Meter Höhe vorkommen.
Hier an der Oberfläche merken wir sie nicht. Man denke sich, daß wir auf einmal solche Wellen daherrollen sehen. Aber das verhindert die Schwerkraft. Der Gewichtsunterschied zwischen Wasser und Luft ist zu groß; solche Wellen würden an der Oberfläche des Meeres, wo sie sich in die Luft erheben sollten, zu schwer werden im Verhältnis zu der Kraft, die sie vorwärts treibt. Und selbst wenn man sie sich durch ein zufälliges Ereignis gebildet denken könnte — z. B. durch einen Vulkanausbruch auf dem Meeresboden oder durch ein Erdbeben —, würden sie sofort zusammenfallen und eine entsprechende Höhe annehmen. Anders dort unten, wo der Gewichtsunterschied zwischen der einen Schicht und der andern so gering ist.
Wenn wir auf einem hohen Berge stehen, das Nebelmeer unter uns, und die Sonne scheint darauf, dann können wir dort große Wellen sehen. Das sind die Wellen in den Luftschichten. So ungefähr müssen wir es uns auch unten im Meere denken....
Im übrigen ist es merkwürdig, wie regelmäßig verteilt wir die Wasserschichten in der Tiefe gefunden haben; ganz anders gleichmäßig, als alle früheren Untersuchungen erwarten ließen.
In allen Tiefen von mehr als 800 bis zu 1000 Metern ist das ganze Nordmeer voll von kaltem Wasser, unter Null Grad, und die Temperatur nimmt regelmäßig ab bis zum Grunde, wo sie ungefähr 1,2 Grad unter Null ist. Der Salzgehalt ist überall bis zum Grunde fast genau derselbe, und die Veränderungen in diesen tiefen Schichten von Ort zu Ort sind verschwindend klein. Auch in den höheren Schichten sind die Veränderungen immer gradweise und regelmäßig. Das sind wichtige Entdeckungen; die Meeresforschung wird zu einer mehr exakten Wissenschaft.
Draußen nimmt die Dünung von Norden her zu. Der Himmel verfinstert sich, und es beginnt zu wehen. Sollte es in der Nacht Sturm geben?
Durch die Wolkenschicht im Nordwesten dringt ein goldener Sonnenstrahl und nach unten ein Lichtschleier, der ganz draußen am Meeresrand glitzert; dann verschwindet er wieder. Die Abenddämmerung bricht an. Das Meer wogt über seine Rätsel in die Nacht hinein.
Ove Hjort singt im Laboratorium, zwischen Helland-HansensFlaschen am Tisch sitzend, zur Gitarre: „Die Hütte ist geschlossen“, während die Schraube uns ostwärts nach Norwegen arbeitet.
***
Am Abend des 14. August kamen wir unter die Küste von Norwegen, diesem Märchenlande des Nordens. Auf der See draußen begann es zu stürmen, wir mußten daher unsere Arbeit auf der letzten Station etwas abkürzen.
Wir steuerten in den Sund hinein. Südlich lagen die Lofotenberge wild und gezackt. Mit Firnen und Schneefeldern, fast bis zum Fuß herab, stürzten sie aus dem Nebel in die See, im Bunde mit der Welt, aus der wir kamen. Kein Platz für ein menschliches Heim — das reine Trollheim.
Auf der Nordseite lag die Hasselinsel, weiße Häuser auf grünen Wiesen, die gerundeten Anhöhen mit Birkenwald, Gras und Moos bis zur Spitze hinauf begrünt, nicht ein nackter Fleck......
Ist das nördlich des Polarkreises? Wie wunderbar friedlich und freundlich lächelt es uns entgegen an dem düstern Abend unter dem dunkeln, drohenden Nebeldach, das sich von dem Trollheim im Süden nach Norden erstreckt. Ein Gruß von Sommer und Frieden.
Istdiesdie Schönheit? Oder ist es das unbändig Wilde auf der andern Seite? Oder das Große, Rollende, immer Wechselnde dort draußen?...... Ich weiß es nicht mehr. — Aber hier ist Frieden, der dazu verlockt, haltzumachen, sich umzusehen und zu ruhen.
Weiter drinnen der Fjord, waldbewachsene Anhöhen und dahinter der Mösattel und Gipfel mit Gletschern, die in den Wolken verschwinden.
Es ging südwärts zwischen Holmen und Schären nach dem engen Raftsund, die Bergwände in Nebel gehüllt. Nachts hielten wir in Hannö, um das Morgengrauen zu erwarten.
Am Land erhielten wir vom Kaufmann die neuesten Zeitungen: König Umberto erschossen, in China ungefähr alles beim alten, aber keine Neuigkeiten von zu Hause.
Am nächsten Morgen steuerten wir in den Westfjord hinaus und westwärts nach Svolvär. Ein steifer Wind, aufgeregte See, immer noch treibender Nebel über den Bergspitzen, aber auch ein Sonnenstrahl.
Um acht Uhr morgens erreichten wir Svolvär. Das erste war, an Land zu gehen und Telegramme aufzugeben. Endlich, am Nachmittag, kam Antwort von zu Hause — alles wohl! Am Abend veranstalteten die freundlichen Menschen von Svolvär und Kabelvåg ein Fest für uns.
Am nächsten Morgen kam „Vesterålen“. Hjort, Kapitän Sörensen und die andern begleiteten mich an Bord. Trotzdem es nach Süden ging, stimmte die Trennung wehmütig, und lange winkten wir, bis „Vesterålen“ durch die enge Einfahrt hinausfuhr. Die weiße Mütze Hjorts, der auf der Brücke stand, verschwand hinter dem Holm, und das Schiff tauchte in die Wogen, die in den Westfjord hineinrollten.
Der uns entgegenwehende steife Wind brachte uns drei Stunden Verspätung, so daß wir schon darauf vorbereitet waren,in Drontheim zu spät zum Zug zu kommen, trotzdem Kapitän Nielsen alles tat, um die Verspätung einzuholen.
Am Freitagabend, 17. August, fuhren wir in den Drontheimfjord. Wie friedlich und still es hier war! Der Fjord breit und schön, die Höhen rundum mit Nadelwald bestanden, darunter Gehöfte, Wiesen und Äcker nach dem Wasser zu. Ach dieses Forscherleben, ewig auf der Jagd nach allen Rätseln, ein verwickelter, ruheloser Apparat! Man sehnt sich zurück nach dem einfachen Leben. — —
Der Zug hatte auf uns gewartet, und so ging es in der Nacht nach Süden, den Gulafluß entlang.
Wie wohltuend war es, wieder zu den dunkeln Nächten zurückgekehrt zu sein. Wie die Bergrücken dort oben sich schwarz von dem dämmernden Himmel abheben! Vom Mond dringt etwas Gold durch die Wolke über der Schlucht im Süden. Unten brummt der Fluß mit Stromschnellen und schwarzen Gumpen zwischen den Tannen. Ich erkenne ein Boot. Sie fischen jetzt wohl in der Nacht.
Ich liebe diese dunkle Nacht, wenn sie so sachte sich senkt, alle Kleinlichkeit bedeckt und nur die großen einfachen Linien durchschimmern läßt — und die Sterne.
Dekoration 2