Nach Island und Jan Mayen
Nach Island und Jan Mayen
Kristiania, Juli 1900.
D
Der AusdauerDr.Johan Hjorts ist es endlich gelungen, den norwegischen Staat zum Bau eines eigenen Dampfers für Meeresforschung zu bewegen. Wenn man daran denkt, welche tiefe Bedeutung die Verhältnisse des Meeres und ihre Veränderungen für unser ganzes Land und nicht zum wenigsten für den Fischfang haben, so muß man sagen, daß es hohe Zeit war.
Der Dampfer ist „Michael Sars“ getauft, nach unserm großen Bahnbrecher in der Meeresforschung; er soll jetzt auf seine erste Fahrt hinaus. Hjort hat mich gebeten, daran teilzunehmen, um mit Björn Helland-Hansen die physischen Untersuchungen auszuführen. Er selbst will das Tierleben und die Fischereiuntersuchungen übernehmen und Håken H. Gran die botanischen Untersuchungen. Kapitän G. Sörensen soll den Dampfer führen.
Aber ach, welche Mühe kostet es immer, bis man zu einer solchen Fahrt ausgerüstet ist. Neues aller Art muß hergestellt, ausgeprobt und verbessert werden; man hat zu wählen und zu verwerfen. Alles muß völlig instand sein, nichts darf vergessen werden. Das Gehirn wird schlaff und leer, man fühlt sich erschöpft, noch ehe die Arbeit selbst beginnen kann.
Der Dampfer fährt mit den andern um die Küste herum, soll aber nach Geiranger hereinkommen.
Gudbrandstal, 15. Juli.
Die Stadt, die Anstrengung und die Leere liegen hinter mir. Es geht nordwärts durch das Gudbrandstal. Ich fahre die grüne, schäumende Otta entlang...
Das Auge folgt den weißgrünen Wirbeln; man sieht sich wieder frisch an diesem starken Willen, der seinen singenden Siegeslauf durch das Tal, das er selbst gegraben hat, dahinzieht — von keinem Hindernis aufgehalten. Du bist wie das Menschenleben, wie das Mannesalter! Du kommst aus der unbewußten Unschuld der Kindheit, aus dem weißen Schnee, der die knorrige Härte des Gebirges bedeckte, als die Zeit nicht eilte.
Nun hastest du mit der Blindheit des Mannes durch dein Werk, brichst dir selber den Weg und leistest deine Arbeit, um still ins Meer zu verschwinden. Aber von neuem steigen deine Wasser, von neuem fällt Schnee im Gebirge...
Über deinen schäumenden Lauf beugt sich geschmeidig und anmutig die Hängebirke. Du gibst ihren Wurzeln Wasser und ihren Blättern Tau — aber dann eilst du weiter......
Grjotli, 16. Juli.
Wieder oben zwischen Bergen und Schnee. Die Sonne ging gerade unter, und über dem Bergkamm erglühte der Gletscher in tiefem Karmin. Die Flächen und der See unter mir liegen im kalten Abendschatten.
Kaum ist man den Gletschern wieder nahe, und sofort treibt der Lebensmut neue Schößlinge, und das andere da unten wird dumpfe Schlaffheit.
Was ist das für eine Zaubermacht? Als ich sie diesmal zuerst sah, die dunkle Schlucht, die jähen Felswände und die weißen Gletscherflecken, scharf begrenzt und hart, da kam das Unbehagen; es war wie: ach, mußt du da hinein? Da lockten die fruchtbaren Felder und die lachenden Birkenhaine... Aber jetzt — wenn man zu den Gletschern hinübersieht, wie sie bläulichweiß und kalt daliegen, nachdem die Sonnenglut verschwunden ist — da ist es, als fühle man sich wieder frei und aufrecht. Kommt es vielleicht von der Luft, die so hoch über dem Meere leichter ist?
Geiranger, 17. Juli.
Regen und Nebel über den Bergen. Nichts ist zu sehen, und trotzdem ist es schön, Mensch zu sein. Es ist so wunderlich: in Regen und Unwetter wird einem oft am leichtesten zumute. Löst die feuchte Luft das trübe Wetter im Innern auf? Nun ist es ganz fort...
Die Fahrt hier herab gehörte gewiß zum Großartigsten, was ich je sah, wenn ich nur etwas davon hätte sehen können! Aber der Nebel war so dicht, daß, als ich oben in der Schlucht stand und Wasserfälle auf allen Seiten stürzten, ich über und unter mir nichts anderes als wogende Wolken schaute. Ich ahnte nur, daß ich 3000 Fuß unter mir das Tal und den Fjord hatte, da unten in der Tiefe, wo die grauen Steinmassen verschwanden.
Einmal ging ein Riß durch die Nebelmasse, und ich erblickte tief, tief unten ein grünblaues Band — das mußte der Fluß sein, zu dem die Wasserläufe sich über diese stürzenden, hängendenSchutthalden und Bergwände hinabgewälzt hatten... Dann verschwand es wieder, und ich hörte nur das Donnern stürzenden Wassers.
Es ist der ausgeprägteste Talkessel, durch den ich je, soweit ich mich besinnen kann, gefahren bin. Die Wände im innersten Kessel steigen etwa 2000 Fuß an, und das Tal spaltet sich dann in zwei, jedes mit einem Fluß; keiner von diesen scheint sich tiefe Rinnen gegraben zu haben. Die Zeit, seitdem der Talkessel vom Eise gebildet worden und der Gletscher geschwunden war, war zu kurz; dazu kommt, daß der Abstand von der Wasserscheide bis zum See so klein und das Gefäll groß ist, daß also die Ausgrabung und der Transport von allen Seiten zu schnell gegangen ist.
Es war die reine Polarlandschaft dort oben zwischen den Bergen. Die Gletscher wälzten sich aus dem Nebel herab, die Bergwände standen nackt und naß darunter, und dazu der schwarze Djupsee mit den zerstreuten blaufüßigen Eisschollen. Man war wieder hoch im Norden in der Eiswelt.
Ålesund, Sonntag, 22. Juli.
Ich liege seewärts auf einer Bergkuppe und lasse mich von der Sonne braten. Weit draußen nach Nordosten breitet sich das Meer kühl-blau und dunkel mit weißen Schaumkämmen.
Von Geiranger aus haben wir ozeanographische Untersuchungen im Storfjord unternommen; jetzt sind wir hier. Gestern kamen wir halbwegs bis Storeggen hinaus, um unsern Querschnittdurch das Meer nach Island hinüber mit einer Reihe von ozeanographischen Stationen zu beginnen, auf denen Lotungsreihen mit Temperaturbeobachtungen und Wasserproben von der Oberfläche bis zum Meeresboden genommen werden.
Mehrere Tage hatte es Nordweststurm gegeben. Noch war hohe See, und die Wogen gingen so hoch, daß sie auf mehrere Faden Tiefe Brandung bildeten. Das war nicht gerade gemütlich für diejenigen von uns, die nicht seefest waren. Aber die Arbeit wurde trotzdem geleistet, und wir erledigten unsere fünfte Station auf dieser Reise gut genug...
Hier ist es so still und friedlich. Unten ein kleiner gemütlicher Hafen mit Speichern und Fischerhütten ringsum; draußen Schären und Holme, die gelbbraun, mit eingesprengten grünen Flecken, sich von dem blauen Meer abheben, auf dem es von Nordosten immer mehr zu wehen anfängt. Kein Segelboot ist bei dem frischen Winde zu sehen; es ist ja Sonntag, und die Leute sind in den Häusern und feiern.
Hier und da schlendern sonntäglich gekleidete Männer umher, die Hände in den Hosentaschen, und spucken — oder sie liegen auf einem Hügel in der Sonne, die Hände unter dem Nacken, und starren ins Weite, oder sie sitzen zu zwei und zwei zusammen, saugen an ihren Pfeifen und reden vom Wind und von Fischfangaussichten. Sie haben in den letzten Wochen einen überaus guten Fang von Langfischen gehabt.
Unten auf dem Hügel spielen einige Kinder. Ein keckes, halbwüchsiges Mädchen mit roter, in der Sonne hell leuchtenderMütze übt auf einer Ziehharmonika „Ja wir lieben dieses Land“; sie singt dazu und marschiert auf und ab. Sie bewegt sich stramm und behend.
Dort kommt ein erwachsenes Mädchen im blauen Rock herauf; sie setzt sich auf den Stein und will die Harmonika haben. Sie spielt nicht besser.
Auf einmal aber wird sie eifrig; sie fährt auf, glättet das Kopftuch und geht ein Stück nach unten. Ich sehe nach der entgegengesetzten Seite. Dort unten auf dem Wege gehen zwei Mannsleute ruhig und gemütlich. Sie werden wohl bald stehen bleiben? Jawohl, der eine bleibt stehen, sieht hinauf und spuckt, die Hände in den Taschen, den Nacken etwas gebeugt. Der andere bleibt weiter unten stehen.
Das Mädchen wendet sich und kehrt zurück; verwirrt sieht sie sich nach den Kindern um, die sie ja nicht zu beaufsichtigen hat, bittet sie zu kommen und will doch gar nicht, daß sie es tun. Dann geht sie im Zickzack nach unten.
Das Mädchen mit der Harmonika will folgen, wird aber abgewiesen. Dann geht es schneller und schneller, bis zum Stacheldrahtzaun. Dort unterhalten sie sich, dann spazieren sie den Weg weiter hinunter und verschwinden hinter den Häusern.
Später sehe ich sie unten im Hafen in einem Boot. Er setzt ein rotbraunes verwittertes Segel, und bei gutem Wind geht es zu einer Sonntagsfahrt über den glitzernden Fjord. Der blaue Rock leuchtet frisch weit hinaus, aber die Freude ist ja blau. Das Leben ist strahlendes blaues Sonnenlicht.
Wie gut es tut, zu faulenzen! — Morgen geht es auf dieSee. Wir wollen erst mit einer Reihe von Stationen einen Querschnitt durch das Meer nach Island hinüber ziehen, dann soll es weiter nach Jan Mayen gehen und zurück nach den Lofoten. Hjort und Gran wollen die Verbreitung des Lebens im Meer und die Fischverhältnisse studieren, Helland-Hansen und ich werden besonders das Verhältnis zwischen den warmen und kalten Strömungen und Wassermassen zu ergründen suchen.
Wir alle haben neue Apparate, Instrumente und Methoden für die Untersuchung des Meereslebens und der physikalischen und chemischen Verhältnisse des Meeres erfunden, und Großes erwarten wir von dieser Fahrt — nach unserer Annahme dürfte sie wohl in der Meeresforschung eine neue Zeit einleiten.
Auf dem Meerzwischen Norwegen und Island,Donnerstag, 26. Juli.
Das Leben ist mitunter licht. Wir haben den ersten Sieg auf unserer Fahrt errungen! Heute nacht bekamen wir unsere Treibnetze voll von Heringen, blanken, blinkenden, großen Heringen. Einen Kohlfisch fingen wir auch und zwei große Dorsche, mitten auf See.
Hjort strahlte vor Stolz auf diese Bestätigung seiner Erwartung. Er war zu dem Schluß gekommen, daß die Fischarten, die uns unsere großen Fischereien liefern, nicht nur an die Bänke und Küstenstriche gebunden, sondern über das ganze Meer verbreitet sind, auch über die großen Tiefen, überall wo sie Lebensmöglichkeit finden. Er war darin bestärkt worden durchdas, was Bottlenose(Entenwal)-Fänger von Fischmengen erzählten, die sie auf offener See gefunden hatten.
Hier haben wir also die sicheren Beweise. Auf einmal wird das Feld, aus dem die Fischereien ihre Reichtümer holen, mächtig erweitert. Die Fischmengen des Meeres scheinen noch unerschöpflicher zu sein, als wir zu glauben gewagt hatten.
Nun bin ich gespannt auf den Rotfisch (Sebastes norvegicus) westlich von Jan Mayen, wo ich im Jahre 1882 einen Klappmützenmagen voll von frischen Rotfischen fand, die eben erst eingenommen sein mußten. Und das war mitten in der Tiefsee. — Und dann denke ich auch an alle die Fische, die ich in den Magen von Eishaien fand, die wir damals in der Dänemark-Straße zwischen Island und Grönland fingen.
Wir hielten ja Dorsche, Rotfische und ähnliches hauptsächlich für Grundfische, und wir unterschieden sie von den sogenannten pelagischen Fischen, die frei im Meere herumstreifen, wie z. B. die Makrele. Aber nun werden sie ja so ziemlich alle pelagisch.
Es ist Windstille. Lange Dünungen wie wogender Stahl. Leise Schläge gegen die Schiffswand, die Feuerkugel der Sonne geht in bläulichem Purpur unter. Eissturmvögel schweben geschäftig auf stillen Schwingen über dem Meeresspiegel, unablässig den Sonnenstreifen kreuzend, als suchten sie etwas, was sie niemals finden. Aber du lieber Himmel, das tun wir wohl alle....
Doch man muß schlafen. In wenigen Stunden kommt das Schleppnetz herauf, und dann gilt es wieder die ganze Nacht zu arbeiten, Temperaturen zu messen und Wasserproben aus der Tiefe zu holen. — Schlafen, wie man nur auf See schlafen kann.
Nördlich von Island, Sonntag, 29. Juli.
Nebel, Nebel — über uns, um uns — Nebel, wohin wir schauen.
Aber fahr weiter durch den Nebel, während das Meer dir entgegenwogt und dir Botschaft und Grüße bringt von der unsichtbaren Welt da hinten, du weißt nicht woher — dir Sehnsucht bringt, du weißt nicht wonach. Du ahnst nur, daß es eine Sehnsucht gibt nach irgendwohin im Raum — hinter, über dem Nebel, wo der Tag klar ist und die Sonne auf blinkende Zinnen scheint.
Hallo, da wird in der Maschine halbe Fahrt signalisiert. Der Nebel draußen ist dicht wie Brei. Wir können nur ein paar Schiffslängen vor uns sehen.
Das ist der Eismeernebel. Das ist die Grenzscheide, wo die warmen, salzigen Meeresströmungen des Südens mit den weißen Eisfeldern zusammentreffen. Und Wogen kommen und Wogen gehen, wir sehen nicht woher und wissen nicht wohin.
Irgendwo im Süden liegt Island, das Land der Sagas — im Norden liegt das Eis. Aber aus diesen wollgrauen Nebelmassen kommen kühne Wikingerschiffe aus längst verschwundenen Zeiten mit niedrigem Segel vorübergefahren — wetterharte Kerle mit struppigem Bart, den Kopf frei auf starken Schultern und scharfe Augen unter den Brauen — Kerle, denen das Leben ein Spiel ist, die aber auch den Tod nicht fürchten.
Da fährt der geächtete Eirik Raude, vierschrötig und zerlumpt, aber mit zähem Willen; dir passen Nebel und Eis. Da steht Leif aufrecht und ruhig am Achtersteven, der Verwegenemit den weiten Zielen und der sicheren Überlegung. Du vermeidest am liebsten das Eis und suchst das offene Fahrwasser.
Sie verschwinden wieder im Nebelmeer, während Island dort im Süden liegt und seine Erinnerungen an Tat und Missetat hegt.
Nun wird in der Maschine wieder volle Fahrt signalisiert. Der Nebel hat sich etwas gelichtet, die Schraube dreht sich in gesteigertem Tempo; es geht neuen Zielen zu.
Setze Segel für den Tag der Arbeit, hinaus aus dem naßkalten Nebel! Sie lebten ihr Leben und erfüllten es mit Abenteuern, laßt auch uns unser Leben leben.
***
Am Nachmittag endlich entdecken wir plötzlich Land vor uns. Es ist der Fuß einer senkrechten Bergwand unten an der Meeresfläche, der aus dem Nebel hervordunkelt.
Es ist Kap Nord, gerade das, was wir erwarteten. Wir sind in der Tat nicht weit davon entfernt. Nun wissen wir, wo wir sind, und da geht es weiter. Eine felsige Landzunge nach der andern tritt hervor, senkrechte Basaltwände. Wir sahen in den Jökullfjord und in den Isafjord hinein. Der Nebel lag auf allen höheren Bergspitzen, aber hier und da leuchteten Firne und Gletscher aus den Nebelmassen hervor. Von Nordosten ging eine frische Kühlte.
Ein Blick in den Önundarfjord hinein. Wild und zerrissen ist er, aber jetzt ansprechender als das letztemal, als ich imSturm dort war, im Monat Mai vor zwölf Jahren, und die Berge mit Neuschnee bedeckt waren.
Draußen begegneten wir Ellefsens fünf Walfischfängern, starken, kleinen Schiffen, die sich gut auf den Wellen schaukelten, Schaum am Bug.
Gegen Mitternacht ging es in den Dyrafjord hinein, aber ich erkannte ihn nicht wieder. Der spitze Kegel dort war wohl die Myrumkuppe, die Häusergruppen an Steuerbord mußten Högatal sein, aber ich entsann mich nicht, daß es so bewohnt war.
Dort vorn erstreckt sich eine flache Landzunge, soweit wir das im Dunkeln durch das Fernrohr erkennen können. Ja, nun kenne ich mich wieder aus, das ist Thingeyre. Aber auch dort scheinen jetzt mehr Häuser zu stehen, als ich in Erinnerung habe.
Wo ist Bergs Haus? Es muß wohl weiter da drinnen liegen. Ja, dort liegt auch ein Dampfschiff vor Anker. Das muß einer von seinen Walfischfängern sein. Nein, das ist ja eine Fabrikesse. Nein, es ist doch ein Dampfer mit Schornstein.
Wir kommen näher. Ich starre nach Thingeyre hinüber. Ich erkenne das Haus wieder, in dem wir wohnten und drei Mann zusammen in einem Schlafsack auf der Diele einer Bodenkammer schliefen — wo ich, auf der Diele dieser Bodenkammer auf dem Bauche liegend, eine Abhandlung über den „Hermaphroditismus des Schleimaals“ schrieb... Und auf einmal stehen jene Tage mit all ihren unruhigen Erwartungen und unsicheren Ahnungen leibhaftig vor mir.
Wir warteten damals auf das Schiff, das uns an die Ostküste Grönlands bringen sollte, wo wir durchs Treibeis an Land wollten, um über das Inlandeis zu gehen.
Es war im Grunde keine begehrenswerte Zeit. Keine Ruhe, um sich irgend etwas zu widmen. Die Berghalden entlang unternahmen wir unsere Ausflüge zu Pferd. Aber auch diese konnten wir nicht ganz genießen, ebensowenig wie den Ritt zum Glåmugletscher. Wie eine Nebelwand lag es ja vor uns, dieses Unbekannte, in das wir hinein-, durch das wir hindurchfahren sollten — wie die Nebelkappe jetzt dort über dem Glåmugletscher.
Aber der Dampfschiffsschornstein dort drinnen wurde doch zu einer Fabrikesse, und das Helle dort oben an der Halde muß Bergs Haus sein.
Der Geruch sollte uns auch nicht lange darüber in Zweifel lassen, daß wir in der Nähe einer Walfischfängerstation waren. Vorsichtig fuhren wir ein und ankerten neben drei Walfischfängern, die dort vertäut lagen.
Gegen sechs Uhr morgens ging Kapitän Sörensen an Land und begrüßte Berg. Dann mußten wir nach Thingeyre hinüber, um Kohlen zu bestellen und meinen alten Wirt, den Holsteiner Herrn Wendel, zu begrüßen. Dann zurück und vor Framnes anlegen; und drei Tage lang war das Leben eitel Sonnenschein.
Im Grunde ein prächtiger Ort. Der Fjord voll von Fischen und Enten und Seevögeln, Forellen in den Flüssen, Schneehühner auf den Bergen und dann die herrlichen Ausflüge zu Pferd. Was will man noch mehr? Hier mußte man leben können, unterdessen mochte die Welt weiterrollen. — Die Chinesenschlachten Europäer ab und die Engländer Buren — was geht das uns hier an? Man hat Telegraph und Post vergessen — und das Telephon.
Dienstag, 31. Juli 1900.
Ich besuchte einen alten Dichter, Sigvathor Grimsson. Er ist Bergs nächster Nachbar und sein Pächter. Er ist 60 Jahre alt und hat in seinem Äußern nicht gerade viel von einem Dichter. Als ich zu ihm kam, stand er gerade gebückt da und mähte. Er war dabei, einen Rasenhügel mit einer kurzen Sense zu barbieren, wie sie in Norwegen und Island benutzt wird, wo die vielen Steine im Gras dazu nötigen.
Erst wurden die notwendigen einleitenden Bemerkungen über dies und jenes erledigt. Er brachte seine Versicherung, daß er so vornehmen Besuch nicht erwartet habe, in gutem Dänisch vor, wobei er ständig die Anrede brauchte: „Mein guter Herr.“ Dann kamen wir ins Plaudern.
Ich fand, es müsse doch mühsam sein, eine Wiese zu mähen, die so dicht mit Höckern bedeckt sei wie diese, und fragte, wie er dies Jahr für Jahr tun könne.
Erstaunt entgegnete er, wie es denn anders gemacht werden könne. Ich meinte, es müsse doch weit besser sein, das Feld flach zu pflügen.
„Nein, mein guter Herr, dann würde ja die Fläche, auf der Gras wachsen kann, viel kleiner!“
Das war auch ein Gesichtspunkt. Aber sonst war das Pflügen in diesen letzten Jahren hier nicht mehr unbekannt.Als ich vor zwölf Jahren nach Grönland reiste, kaufte ich das einzige Pferd auf Island, das, wie man sagte, vor einem Pflug erprobt war und daher ziehen konnte, was die isländischen Pferde sonst nicht können.
Dann fragte er, ob ich ins Haus treten wolle. Durch den niedrigen, gekrümmten dunkeln Gang, der sich fast wie der Hausgang einer Eskimohütte ausnahm, kamen wir in einen Raum, der so niedrig war, daß ich nicht aufrecht stehen konnte. Da lagen Bücher die Wände entlang in Haufen aufgestapelt, meist uneingebunden, von verschiedener Art, von Familienzeitschriften angefangen bis zu Sagas.
Dann ging es eine Treppe in das Obergeschoß hinauf, das ein gemeinsamer Aufenthaltsort unter dem Dachboden war: Wohnstube, Arbeitszimmer und Schlafraum für ihn und die ganze Familie.
Hier lag auf einem Tisch am Fenster sein Arbeitszeug, Feder und Tinte. Wenn er aber schrieb, saß er auf einem Schemel und hielt ein Brett als Schreibtisch im Schoß. Hier verbrachte er, soweit ich erfahren konnte, den größten Teil des Winters und seine sonstige von Landarbeit freie Zeit.
Er zog seine Manuskripte hervor, sechs dicke Bände über isländische Priester, schön und dicht beschrieben; dazu kamen noch mehrere Bände mit Nachträgen.
Über den Inhalt kann ich nicht urteilen. Aber eine Riesenarbeit ist allein schon die Niederschrift, und sie ist geleistet ohne Hoffnung, sie jemals gedruckt zu sehen. Es soll eine Arbeit sein, die er kommenden Geschlechtern hinterläßt und die auf derKopenhagener Universitätsbibliothek aufbewahrt werden soll, wenn sie nicht etwa jetzt der Reykjaviker Bibliothek übergeben wird.
Wahrhaftig, mich überkam Bewunderung für diesen alten Mann, wie er dort in dem engen Zimmer stand. Für wen arbeitete er? Nicht für Ruhm — es müßte höchstens bei der Nachwelt sein. Etwa für die Menschheit?
Arm wie Hiob, in dieser Umgebung, den undichten Torf des Daches so dicht über dem Kopf, daß er daran stieß. Nie hatte er studiert, nur immer die Erde gegraben. Ja, wir arbeiten, weil wir müssen, sei es selbst über isländische Priester.... Unsere Ziele werden groß genug, wenn unsere Scheuklappen nur das Gesichtsfeld klein genug machen.
Undicht? Ja, das Torfdach war so undicht, daß er, wenn es regnete, über das Manuskript gebeugt sitzen mußte, damit es nicht aufs Papier, sondern auf seinen Rücken regnete.
Dasist Island! Niedergedrückt von Erinnerungen, fast bis zur Verkrüppelung, lebt es in der Vorzeit — vergißt die Gegenwart — und braucht die kurze Sense.
***
In der Nacht des 2. August fuhren wir in düsterer Stimmung wieder aus dem Dyrafjord hinaus. Wir hatten im Laufe des Tages einen herrlichen Ritt nach der Kirche und weiter unternommen, und die Familie Berg hatte den Abend bei uns an Bord zugebracht.
Niemand hatte Lust abzufahren, und mehrere von uns hätten wohl gern Sturm auf See gehabt, um wieder zurückkehren zu müssen. Aber die See war schön, und im Norden träumte derHimmel nach Sonnenuntergang in einer wehmutsvollen bleichen Röte. Ove Hjort sang: „Norweger wollen fahren.“
Aber nicht immer wollen sie fahren.
Tags darauf machteDr.Hjort einen ausgezeichneten Fang. Mit dem großen Netz fing er im Verlauf einer Viertelstunde mitten in der Dänemark-Straße, in der Grenzzone, wo sich der warme Irmingerstrom aus dem Atlantischen Ozean und der Polarstrom begegnen, 128 Fischbruten, meistens Dorscharten.
Dieser Fund ist von großer Bedeutung, denn er zeigt, daß die Brut von den Bänken an der Küste, wo die Fische laichen, mit den Strömungen vom Lande nordwärts ins Meer hinaustreibt, bis das Küstenwasser, das sie mitführt, hier dem Wasser des Polarstroms begegnet. Die jungen Fische leben nun ihr freies Leben im Meer, bis sie so groß werden, daß sie aus eigenem Trieb wieder zu den Bänken zurückkehren.
4. August 1900.
Gestern kamen wir bei glänzendem Sonnenschein und stiller See an das Eis heran. Es war ein eigentümliches Gefühl, es wiederzusehen. Am äußersten Rand trieben kleine lose Stücke, die von der warmen See aufgezehrt wurden. Weiter weg aber erstreckten sich in düsterer Eismeereinsamkeit schwere Schollen, unbetreten und ungesehen.
Ich schaute sie mir durchs Fernrohr an, diese weißen Eisflächen, die ich so gut kannte. Ich überlegte, ob es leicht war, Boote darüber hinwegzuziehen, und war mitten drin in unserer Fahrtübers Eis und unserer Drift Grönland entlang vor zwölf Jahren.
Erst fühlte ich mich so überlegen, als Gran und die andern gern ins Eis hinein wollten. Ich hatte gar nicht den Wunsch, da hinein zu kommen; ich hatte dort nichts zu tun. Das einzige, was mich interessierte, schien mir zu sein, ein Stück sibirisches Treibholz aufzufischen, das im Wasser zwischen den Eisstücken trieb.
Wie ich aber so dastand und hinausstarrte, da überkam mich doch die Sehnsucht, wieder dort drin zu sein, wieder von einer Scholle aus nach Fortkommen auszuspähen — es ist Spannung, Handlung in dem Leben dort...
Der Schraube wegen mußten wir wieder umkehren; sie konnte in den losen Eisstücken abbrechen. Aber ich blieb stehen und starrte weiter, bis die schweren Schollen außer Sicht waren.
Wir waren gerade an der Grenze, wo sich die kalte und die warme Strömung begegnen. Auf der einen Seite der Polarstrom: aus weniger salzhaltigem, leichterem Wasser bestehend, von den sibirischen Flüssen gespeist, fließt er an der Oberfläche südwärts die grönländische Ostküste entlang und trägt die großen Eismassen auf seinem Rücken. Auf der andern Seite die warme Strömung, der Irmingerstrom genannt, die vom Atlantischen Ozean nordwärts die Westküste Islands entlang zieht.
Hier fließt das kalte, aber süße und daher leichte Eismeerwasser auf der Oberfläche, während das warme, salzige und daher schwerere Wasser des Atlantischen Ozeans unter das Eismeerwasser untertaucht. Und alles, was es auf seinem Rücken trägt, wird abgeschäumt und bleibt längs der Grenzlinie liegen, sodaß wir diese auf weite Entfernung wie einen scharfen Schaumrand sehen können, wo die Wasserfläche zittert und wirbelt. Tiefer unten sind die verschiedenen Schichten durcheinandergeschoben, abwechselnd warme und kalte.
Heute nacht machten wir gerade in dieser Strömung eine Lotungsstation, in der wir wie üblich eine vertikale Reihe von Temperaturbeobachtungen anstellten und von der Oberfläche bis zum Meeresboden Wasserproben entnahmen. Die Temperatur konnte hier an der Oberfläche in ein paar Minuten von 3 Grad bis zu 10 Grad Wärme ansteigen.
Es war geplant, mehrere Stationen zu machen und dann nach Island zurückzukehren. Aber das Wetter ist gut, wir müssen es ausnützen und weiterkommen. Der Kurs wird daher nördlich von Island bis nach Jan Mayen gesetzt.
Südlich von uns liegt Island, vor einer Weile im Sonnenschein, jetzt im Nebel. Ein paar herrliche Tage hatten wir dort gehabt, ein sonniges Leben. Von den Nebeln kamen wir und zu ihnen kehren wir zurück....
Die Ritte dort am schönen Fjord entlang über die ebenen Gebirgsflächen, die grünen Täler, die muntere Fahrt, das ansteckende Gelächter, die schneeblinkenden Berge und weit draußen das glitzernde Meer. Und das Leben wurde jung und frei.... Man hatte das Gefühl, als könne man sich hier für die Dauer niederlassen.
Und dann diese guten prächtigen Menschen, die unter freien Verhältnissen aufgewachsen sind.
Man schließt die Augen und sieht Sonnenblicke über grünenLehnen — schroffe Basaltwände darüber — niedrige isländische Bauernhöfe — Isländer, die Heu einbringen — eine graue, schlichte Kirche — draußen seewärts der Fjord. Vorn eine Reiterin, die in frischem Trab anführt, und hinterdrein eine Reihe Reiter und Reiterinnen, und blaue Augen, die vor Freude blitzen.
Das Bild wechselt — und in wilder Karriere rast eine ganze Schar im Wettrennen über den flachen Sandstrand, wo die Wellen die Pferdebeine umspülen. Das Getrappel der raschen Pferdehufe klingt hart und taktfest. Über den Himmel ziehen Gewitterböen, mit Nebel und Regen im Gebirge, während die sinkende Sonne über den Meeresrand durch Gewitterwolken einen Lichtstreifen auf glitzernde Wellen wirft. Hei, Mann, ist das Leben schön und gesund!
Unter mir aber erklingt das einförmige Stampfen der Maschine, die uns unbarmherzig nach Osten und nach Norden in den Eismeernebel hineinführt.
***
Das Wetter hat sich wieder aufgeklärt. Der Gletscher am Land südöstlich von Kap Nord leuchtet uns am Nachmittag entgegen, halb bedeckt von Nebelwolken. Es war wie ein Gruß vom Franz-Joseph-Land: die schroffen, schwarzen Basaltwände unten, darüber die große ebene Schneefläche und dann der Gletscherkamm, der oben im Nebel verschwand.
Nun ging die Sonne im Meere unter; ein glühendes Stück Regenbogen in einer blauen Gewitterwolke über den Berggipfeln; und dann einen kurzen Augenblick, als die Sonne sank, die Wolken dort in Purpurglut und die Bergspitzen blau, die Seedunkel und frisch in der Brise und der Rauch vom Schornstein wie eine rotgelbe Wolke, während im Nordwesten, wo die Sonne verschwunden war, der ganze Himmel ein gelbroter Brand über dunkelblauem Meere war.
***
Es ist Mitternacht. Die See rollt blank und grün. Berge und Gletscher im Süden stehen düsterblau und scharf. Kalte Schimmer von Schneeflecken heben sich von einem dunkeln grünblauen Himmel ab. Island und der Dyrafjord sind in Nacht gehüllt, aber im Norden träumt noch der Himmel gelbrot und spiegelt sich in blanker See. Es ist Zeit zu schlafen.
7. August 1900.
Wir kommen von Südwesten in einemfort durch Nebel über das Meer von Island her. Kurzer Sonnenschein am Mittag und am Vormittag gestattete uns einige Sonnenhöhenmessungen. Danach mußten wir auf der Höhe der Insel Jan Mayen sein, aber etwas westlich. Die Temperatur scheint freilich nicht darauf hinzudeuten, daß wir dem Eise nahe sind, denn das Wasser ist warm, über 4 Grad, bis zu einer Tiefe von 20 Metern, und warmes Wasser ist auch noch weiter unten in einer Tiefe von 100 Metern, ja zum Teil bei 200 Metern.
Aber es muß doch so sein, so große Fehler können unsere astronomischen Bestimmungen nicht aufweisen. Die Tiefe war 1207 Meter. Nach Osten zu muß es weniger tief werden, und wir fahren ostwärts.
Aller Augen starrten in den Nebel vor uns, der sich bald etwas lichtete, bald wieder verdichtete, so daß wir kaum zwei Seemeilen, zuweilen nicht eine Meile weit sahen.
Zwei Stunden später, um drei Uhr nachmittags, war die Tiefe 1100 Meter; wir konnten nicht mehr weit entfernt sein.
Eine Stunde später maß die Tiefe 1082 Meter; noch eine Stunde, und sie war 914 Meter. Das ist spannend. Die Augen starren in den Nebel hinein. Man glaubt eine Landzunge zu sehen, die bald kommt, bald verschwindet.
Die Tiefe wird allmählich geringer, bis auf 658 Meter. Der Kurs ist nun genau nördlich, aber auf einmal wird das Wasser wieder tiefer.
Wo sind wir? Sind wir westlich oder östlich von der Insel? Nach dem Besteck müßten wir etwasöstlichsein, aber der Kompaß scheint in diesem Fahrwasser wenig zuverlässig. Nach den Sonnenhöhen müßten wir nicht viele Meilenwestlichsein, und ein Sonnenblick, den wir am Nachmittag hatten, ergab eine neue Beobachtung, die das bestätigt. Esmußrichtig sein. Aber diese zunehmende Tiefe?
Trotzdem wollen wir nach Westen zurückhalten. Nimmt die Tiefe zu, dann müssen wir westlich sein, und dann gilt es nur die Breite zu halten und nach Osten zu gehen, bis wir auf Land treffen.
Etwas später ist die Tiefe ungefähr dieselbe, aber der Nebel zerstreut sich ein wenig, und dort im Osten und Nordosten hält sich beständig ein merkwürdig heller Schein, mit dunkeln Bänken nahe dem Horizont, der Land mit Vorsprüngen ähnlich sehenkönnte. Er kommt und verschwindet immer auf derselben Stelle. Wir schlagen diese Richtung ein. Da muß etwas sein; unterdessen gehen wir hinunter und essen.
Als wir bei Tisch sitzen, ruft der Kapitän, nun sehe er bestimmt Land.
Alle Mann hinauf! Es ist ebenso neblig wie vorher. Aber dort im Osten erkennen wir am Horizont deutlich eine dunkle Landzunge. Bald wird sie etwas deutlicher, bald verschwindet sie wieder fast ganz. Das ist Jan Mayen! Aber wo? Nördlich oder südlich?
Wir steuern darauf los. Der Nebel kommt und nimmt sie weg. Dreiviertel Stunde fahren wir und müßten nun unmittelbar davor sein. Aber nichts sehen wir außer dichtem Nebel, und die Tiefe ist wieder größer geworden.
Wir sind froh, daß wir unzweifelhaft Land erblickt haben, nun können wir kaum noch zwei Seemeilen entfernt sein. Wir müssen still liegen und warten, während sich die Augen anstrengen, um das Land noch einmal einen Augenblick zu sehen, und die Ohren, um womöglich die Brandung am Strand zu hören.
Der Nebel wird bald leichter, bald dichter, aber nichts ist zu sehen und zu hören, nur Nebel und Meer, mit einer schwachen Dünung aus Nordwest.
Endlich zerstreut sich der Nebel wieder etwas, und man sieht von neuem die runde Bergkuppe dunkel aus dem Nebel hervorscheinen — nun ganz in der Nähe. Dann tritt weiter nordwärts ein Stück Land dunkel hervor, südlich aber nichts.
Sollten wir in der Nähe der Südspitze sein?
Bald wird der Nebel wieder ganz dicht. Wir können nichts erkennen und wir können nichts anderes tun als liegen bleiben und warten. Näher unter Land zu gehen, scheint bei solchem Wetter nicht ratsam. Vielleicht bleiben wir hier die ganze Nacht liegen....
Das Land ist wieder ganz weg; wir waren ihm aber so nahe, daß wir die Brandung am Strand sehen konnten. Wir gehen unter Deck.
Als ich später am Abend wieder auf Deck kam, konnte ich einen Augenblick die Bergkuppe schärfer und dunkler sehen als zuvor. Nun gewahrte ich auch ganz deutlich eine Landzunge weiter im Süden. Aber dort, was war das? Dort vor der Landzunge? Eine Klippe, die aus der See aufragt, und daneben noch ein niedrigerer Stein?
Das muß die Klippe an der Südostspitze des Landes sein. Ich rufe den Kapitän. Er sieht sie auch, bald ganz deutlich, bald wieder draußen im Nebel.
Kurz zuvor hatte der Steuermann einen Blick tun können auf den Beerenberg selbst, oben im Nebelmeer, aber der Berg war sofort wieder verschwunden.
Lange bleibe ich stehen und schaue. Alles ist wieder verschwunden. Nun aber kommt ein Riß in den Nebel und siehe, jetzt wird die Spitze wieder sichtbar und die Klippe davor mit einem Spalt in der Mitte und ein kleinerer Fels südlich davon.
Nun ist kein Irrtum mehr möglich, und langsam dampfen wirnach Süden, um südlich um die Insel herum auf die Ostseite zu kommen, wo im Schutz des Landes gewiß klareres Wetter sein muß, denn der Wind kommt von Westen.
8. August 1900.
In der stillen grauhellen Nebelnacht fuhren wir langsam um die Südspitze der Insel. Als wir weiter nach Osten kamen, wurde das Wetter soweit klar, daß wir die grüngelben Abhänge des Berges oben in den Senken zwischen den Gipfeln und Kratern auf dem Rücken des Landes sehen konnten. Darunter waren die jähen Lavawände, die von Nebelschwaden umgeben schwarz ins Meer abfielen.
Die Vorsprünge der Ostseite der Insel nach Norden zu traten nach und nach mehr hervor. Der Bautastein, der dort vor der schroffen Lavalandzunge aus der See aufragt, muß die „Leuchtturmklippe“ sein. Wir spähen immer weiter hinaus, aber nordwärts wird kein Land mehr sichtbar.
Im Lee der Insel, auf der Ostseite, ist die See ganz glatt geworden, und wie zu erwarten, ist das Wetter hier klarer.
Eine Nacht mit wunderlicher Nebelstimmung, so still und öde. Auf der glatten Seefläche unter den schwarzen Lavawänden lagen gleich schwarzen Flecken da und dort Alke und ein vereinzelter Krabbentaucher. Sie schwammen mit Wohlbehagen — zuweilen flatterten sie vor dem Schiffe über den Wasserspiegel, konnten sich aber nur schwer erheben; es war zu still — und dann tauchten sie. Einer stieß seinen ärgerlichen Schrei aus.
An den Lavawänden entlang hing oben eine helle Nebelschicht. Darüber ragten hier und da die eigentümlichen Lavagipfel und Krater hervor, mit ihren Töpfen voll Schnee. Jetzt werden sie ganz klar, und die grüngelben Abhänge heben sich von der lichten Nebeldecke ab.
Wir halten, um eine Angelschnur auszuwerfen und zu prüfen, ob hier Fische sind. Wie still wurde die Nacht, als die Schraube aufhörte zu schlagen.
Ganz anders ist es hier als sonst irgendwo. Landeinwärts erhebt sich dieses düstere Vulkanland, halb in Nebel gehüllt. Krater an Krater, mit scharfen Kämmen dazwischen. Keine Täler, nur Kare, von den kleinen Gletschern ausgehöhlt, und hier und da ein Bach, der keine Rinne gegraben hat, sondern von der Schneedecke über die hohen Lavawände in die See hinabstürzt, ein weißer Streifen auf schwarzem Grund. Und am Fuße der Wände tiefe Spalten und Höhlen, darunter der glatte Meeresspiegel. Oben darüber wälzt sich das Nebelmeer von Nordosten her, und draußen liegen das blanke Meer und der Nebel. Es ist wie eine ausgestorbene Welt auf dem Monde oder auf einem vergessenen Planeten.
So liegt sie hier durch die Jahrtausende, diese einsame Insel, dem Menschenauge verborgen, und niemand erfährt, was sie im Wechsel der Zeiten durchmacht.
Bei der Spannung der Erdkruste unter dem Meer wurden einst die inneren glühenden Massen aus der Tiefe in einem Ausbruch nach dem andern emporgetrieben. Das Meer stöhnte und zitterte in furchtbaren Explosionen. Meerbeben folgten,gewaltige, berghohe Wellen wälzten heran, zerschmetterten das Eis im Norden und warfen die schweren Schollen in krachendem Tumult übereinander. — — —
Dann stieg die Lava in kochendem Nebel über die Meeresfläche. Vulkankegel bauten sich auf, Aschenregen verfinsterte den Tag zur Nacht. Höher stiegen die Vulkane, Krater an Krater öffnete sich. Aber am gewaltigsten erhob sich ein Kegel; er stieg und stieg bis mehr als 2500 Meter über die Meeresfläche, es war der Beerenberg. Er wurde von schweren Firnen und Gletschern bedeckt.
Bis in späte Zeiten hinein hat es Ausbrüche auf der Insel gegeben. Lavaströme sind hervorgebrochen, Gletscher sind geschmolzen, und Wassermassen mit Eis und Schutt sind in wildem Lauf hinuntergeschäumt. Der Aschenregen hat den Schnee und das Eis weit in die See hinaus mit dicken schwarzen Lagen bedeckt. Erde und Meer haben gezittert. Der Erdkessel ist übergekocht, und die Stille der Polarnacht ist von dem Brüllen und Krachen des ausströmenden Dampfes erschüttert worden. Diese ganze Eiswelt war eingehüllt in das kochende, brausende Wolkengemisch...
Kein Fisch! — Wir dampfen wieder nordwärts, um in die „Treibholzbucht“ hineinzufahren. Vom Land im Norden erkennen wir im Nebel nur dann und wann die Eierinsel.
Hjort war auch herausgekommen; stumm standen wir unter dem Nebeldach auf der Brücke und schauten in diese fremde Welt hinein. Die Eierinsel und die Lavalandzunge im Norden tratenallmählich deutlich hervor. Das mußte die „Lotsenbootklippe“ sein, der schwarze Fels, der wie ein Segelschiff dort auf Backbordbug aus der See aufragte. Und dort weiter nördlich ist die Bucht, in die wir hinein wollen.
Aber schau, nun zerstreut sich der Nebel! Er bekommt Risse, und aus den Nebelmassen tritt höher und immer höher der Beerenberg mit weißblauen Gletschern und schwarzer Lava dazwischen hervor; es ist, als ob er sich auf uns herniederwälzte.
„Da, sehen Sie, Kapitän!“ Eine Weile sieht der Kapitän hin, ohne ein Wort zu äußern, dann zuckt er die Achseln und sagt:
„Uff, ist das unheimlich! Es ist, als ob sich ein Ungeheuer auf einen herabwälzte.“
Ja, hier ist Trollebotten, das Land der Reifriesen der norwegischen Mythen. Etwas Derartiges habe ich wenigstens nirgends gesehen. Diese weißen Gletscher mit blaugrauem Eis dazwischen, die unter dem Nebeldach leuchten und sich nach allen Seiten unmittelbar ins Meer wälzen, hier und da mit schwarzen Basaltwänden darunter,
„Die düstere Welt, wo keine Sonne scheint.“
„Die düstere Welt, wo keine Sonne scheint.“
„Die düstere Welt, wo keine Sonne scheint.“
„Die düstere Welt, wo keine Sonne scheint.“
Wir fuhren in die Bucht hinein. Angelleinen wurden ausgelegt, und am hellen Morgen gingen wir schlafen und träumten von lachenden Wiesen.
***
Mit den Leinen fingen wir nichts. Mehrere Trawlzüge wurden unternommen, aber auch sie ergaben keinen von unsern südlichen Fischen, nur kleineAragonus Cottusund ähnliche in Mengen.
Wenn man an all die Fische denkt auf den Bänken bei Island, was nicht viel weiter südlich ist, und bei Finmarken im Osten, was ebenso hoch im Norden liegt — ja oft bei Spitzbergen, noch viel weiter nördlich —, dann konnte es nicht unwahrscheinlich dünken, daß auch auf den Bänken bei dieser Vulkaninsel Fische vorhanden wären. Aber es scheint doch nicht so zu sein. Die Tierwelt muß hier ziemlich arktisch sein, und für unsere großen Fische gibt es wohl zuwenig Nahrung.
Am Nachmittag schossen Ove Hjort und ich unter den Lavawänden ein halbes Hundert Alke. Das war doch wieder etwas, die Flinte gebrauchen zu können und die Alke, einen nach dem andern, auf ihrer sausenden Flucht an uns vorüber ins Wasser stürzen zu sehen.
9. August 1900.
In der Nacht, während wir vor Anker lagen und einige Heringsnetze ausgelegt hatten, mit denen wir aber auch nichts fingen, zogen einige von uns wieder ins Land hinein. Zuerst die Lavawände entlang, um Alke zu schießen.
Auf der Eierinsel gab es eine Bucht, die das Ödeste, Unheimlichste, Verzaubertste ist, was ich je gesehen hatte. Unten ein schmaler, öder Sandstrand mit einigen Stücken Treibholz, gleich verwitterten Knochen. Darüber dunkelbraune Lava- oder Tuffwände, von Wasser und Frost in den gekrümmtesten knorrigsten Formen zerfurcht, überall von oben bis unten gewunden und gezerrt wie Knoten und Sehnen. Nichts Lebendes ist zu schauen. Nicht ein einziger Schneefleck, alles ist jetzt um Mitternacht dunkel, braun und düster.
Wahrlich, das ist der „Trolle-Botten“ im Norden, im „Nebelheim“. Hier wohnen Drachen und wunderliche vorweltliche Tiere — für jetzt lebende Wesen keine Stätte des Bleibens.
Wir gingen weiter und dann wieder zurück — überall dasselbe Bild. Anderwärts saßen doch die Alke reihenweise übereinander und belebten die Gegend. Aber hier gingen all die tiefen, krummen Furchen von oben nach unten, so daß für Vögel kein Raum war.
Südlich, vor der Eierinsel, ragte ein gewaltiger Lavafels aus der See empor, die seinen Fuß umspült und tiefe Löcher in ihn höhlt, so daß er wohl bald umstürzen wird.
Weiter südlich, in der „Treibholzbucht“, gingen wir durch die Brandung an Land und zogen das Boot auf den Strand, so gut wir konnten. Wir gingen tief ins Land hinein, aber nie habe ich eine trostlosere Landschaft gesehen, nur eine Fläche verwitterter Lava oder Asche, schwarz und traurig, ohne einen Grashalm. Nur in weiter Ferne sahen wir in den schwarzen Bergen grüngelbe Abhänge. Aber dorthin kamen wir nicht, trotz unseres eifrigen Botanikers, der gern etwas für seine Botanisiertrommel haben wollte.
Nebel lag auf allen Bergen ringsum. Nur über den Kämmen im Nordwesten leuchtete die Sonnenröte unter dem Nebeldach und erinnerte daran, daß es irgendwo in der Welt Sonnenschein gab. Aber das mußte weit, weit weg sein.
Als wir gegen Morgen an Bord gingen, zerstreute sich der Nebel über den Bergspitzen im Süden. Draußen im Nordostenfärbte sich der Himmel rot von der Sonne; in seiner Art war das ganz schön.
Von Jan Mayen glaubten wir genug gesehen zu haben. Ganz hatte sich uns der Beerenberg freilich nicht gezeigt, und vielleicht erhält, wer ihn an einem Tag mit Sonnenschein zu sehen bekommt, ein anderes Bild von der Insel. In meiner Erinnerung hat sich die Insel unauslöschlich befestigt. Aber zu dieser Erinnerung werde ich wohl kaum gern zurückkehren....
Im Verlauf des Tages führten wir neue Trawlzüge aus und fanden unter anderm, daß hier die Algen bis in eine Tiefe von 90 bis 100 Meter hinab wachsen. Das kommt daher, daß das Wasser infolge des dürftigen Planktons so klar und durchsichtig ist und das Sonnenlicht daher im Sommer in große Tiefen hinabdringen kann. Das Meer hat die Klarheit und den Reichtum an Pflanzenleben, die Luft und Land entbehren müssen.
Am Nachmittag ließen wir die einsame, der Erinnerung bare Insel in ihrer Nebelwelt zurück. Schnell verschwand sie unter dem Horizont im Nebel, und es ging ostwärts nach Norwegen.
***
Am Abend nahmen wir eine Temperaturreihe bis auf den Grund. Da ereignete sich leider das Unglück, daß beim Heraufholen der Lotleine mein neu erfundener Wasserschöpfer in voller Geschwindigkeit gegen den Block des Flaschenzugs rannte, die Leine sprang aus, und das teure Instrument mit seinen kostbaren Thermometern verschwand in der Tiefe. Einen Augenblick gab es mir einen Stich ins Herz — mein Blut stand still; auf das Instrument warja monatelange Arbeit verwandt. Aber dann erinnerte ich mich, daß es nur ein Wasserschöpfer war, und wir holten einen andern hervor. Die letzte Tiefenmessung mußte wiederholt werden, und wir setzten sie bis zum Grunde in 1530 Meter Tiefe fort. Und so war das Unglück nicht weiter groß. Aber trotzdem — es war viel verloren, und man hat mit genug Schwierigkeiten zu kämpfen.
11. August 1900.
Wir dampfen in der Nacht mit voller Fahrt nach Osten über die große rollende Wasserfläche. Auf einmal denke ich daran, daß es Sommer ist. Und dies ist wieder ein Sommermorgen mit zunehmendem Licht und mit blaugrauen echten Kumuluswolken. Weit hinten liegt der Nebel — und dort vorn baut die Sonnenröte ihr wunderbares Elfenland, blaue Berge mit goldenen Kämmen, Sunde dazwischen, und hier und da segelnde Schiffe von Wolken, die wieder verschwinden. Dort oben im Nebel hatte man den Sommer ganz vergessen.
Nun starre ich in der zunehmenden Morgenröte in das lockende Wolkenland hinein. Es ist, als steige Norwegen dort hinten über den Meeresrand. Du herrliches Land! Es ist einem, als wäre man weit, weit weg gewesen, seit du im Meer versankst.
Über uns segeln Raubmöwen in ihrem leichten Falkenflug (meistStercorarius crepidatus, seltenerS. pomarinus, fast alle mit heller Brust, selten dunklere Formen).
Wie auf der Reise nach Island kommen sie hier in ganzenScharen, bis zu zehn und zwanzig auf einmal, und sind fast Alleinherrscher. Von Eissturmvögeln sind verhältnismäßig wenige zu sehen, und von den Stummelmöwen hier und da eine.
„Das ist ein totes Revier, hier gibt’s weder Vogel noch Fisch,“ sagt der Steuermann, der neben mir auf der Brücke steht und Ausschau hält.
Vorn auf der Back stehen die Leute; sie unterhalten sich und sehen ostwärts in den aufsteigenden Tag. Oben auf dem Anker sitzt Ove Hjort und singt: „Schönes Tal“. Seine schlanke Gestalt hebt sich dunkel vom Himmel und der hellen Meeresfläche ab.
Aber es ist bald vier Uhr, und ich muß wieder hinunter, um das Wasser zu untersuchen, ob es in der Nähe des Golfstroms wärmer wird, oder ob sich derselbe merkwürdige Wechsel zeigt wie früher......
Es ist weiterhin dasselbe Mischungswasser.
Oben fliegen die Raubmöwen. Einmal kommt eine Stummelmöwe. Da stoßen sie in wilder Jagd auf sie herab, bis sich das geplagte Tier auf das Wasser legen muß. Sonst habe ich hier oft die Raubmöwen selber sich dazu herablassen sehen, etwas im Wasser zu fischen, wenn sie keine Stummelmöwen in der Nähe haben.
Aber dort kommt Ove Hjort mit der Gitarre und singt: