Chapter 10

So ging Frage und Antwort hin und her, so waren wir alle beteiligt, alle zur Mitarbeit am Text berufen, alle zu Auslegern geworden, einer dem andern zum Wegweiser gesetzt auf dem Wege zum Leben. Darum drang unser Glaube, unser Gehorsam, unsere Buße über den Kreis des eigenen kleinen Ich hinaus; einer trat für den andern ein, einer empfing für den andern die Gabe des Lebens; gemeinsam wurde unsere Last, gemeinsam unsere Freude. Unser Blick, unsere Liebe, unsere Hilfe wuchsen schließlich nicht nur über die Grenzen des eigenen Lebens, sondern auch der eigenen Gemeinde hinüber; wir lernten teilnehmen an den Aufgaben draußen, für die Vater der Kanal war, der sie uns zuleitete, lernten uns freuen mit den Fröhlichen und weinen mit den Weinenden.

Es war ein wunderbares Ineinander von Ernst und Heiterkeit, das über diesen Stunden lag. Es konnte vorkommen, daß die ganze Kirche hell und aus vollem Herzen lachte, und im nächsten Augenblick, wenn der Schrei eines Epileptischen, der im Anfall zusammengebrochen war, durch die Kirche drang, lag wieder der feierliche Ernst über der Versammlung. „Hört ihr den Todesschrei?” rief Vater dann wohl. „Wir können es nicht wissen, wie bald der letzte Schrei auch für uns kommt! Dicht, dicht stehen wir vor den Toren der Ewigkeit.”

Und es war nicht die Predigt allein, die uns den Sonntagmorgen so lieb machte. Die Liturgie kam hinzu. Schon in den ersten Jahren hatte Vater die Liturgie mit Rücksicht auf die Kranken in besonderer Weise lebendig gemacht. Auch hier war die ganze Gemeinde beteiligt in Buße, Anbetung und Dank. Alle dankten, beteten, lobten laut, bald im Chor sprechend, bald in wechselndem, bald in gemeinsamem Gesang. Vater las die Liturgie nicht, sondern, obwohl er sich streng an die für die ganze Kirche vorgeschriebenen Worte und Gebete hielt, erlebte er sie, während er sie las. Und so durchlebten wir sie mit. Er war wirklich unser Anführer in Beugung, Bitte und Lobpreis Gottes, sodaß trotz der regelmäßigen Wiederkehr die Liturgie uns keine leere Form wurde, sondern sich mit ewigem Gehalt füllte.

Große Sorgsamkeit hatte Vater auf die Ausgestaltung des Gesangbuches gelegt. Dem Minden-Ravensberger Gesangbuch hatte er einen eigenen Anhang beigefügt, der außer einer großen Zahl wertvoller Lieder die ganze Liturgie enthielt, sodaß jeder Kranke und Gesunde, der neu in die Gemeinde trat, von vornherein am Gottesdienst handelnd teilnehmen konnte. Dazu kamen die alten kirchlichen Responsorien und die Psalmen, die teils in den Hauptgottesdiensten, teils in den Abend- und Wochenfeiern zwischen Männern und Frauen abwechselnd gesungen wurden. Die Lieder ließ Vater am liebsten ganz durchsingen und zwar so, daß ein vierstimmiger Chor mithalf. Dann sang der Chor die erste Strophe, die Gemeinde die zweite, der Chor die dritte u. s. f. Oft griffen auch die Posaunen mit ein, namentlich wenn es galt, einer neuen noch unbekannten Melodie Eingang zu verschaffen. „Denn auf dem ehernen Geleise der Posaunen ziehen die neuen Melodien am sichersten in die Ohren und in die Gemeinde ein.” Und wer wird je den Silberton des einen Hornes vergessen, das bis heute von den Lippen und aus dem Herzen unseres Posaunengenerals Kuhlo sich in die Stimmen der Menschen, der Orgel und der Posaunen mischt, jubelnd bis zu den höchsten Tönen sich schwingend und dann wieder, wenn alle andern Stimmen verstummt sind, in heiliger Tiefe die verborgensten Saiten des Herzens rührend und so die ganze Gemeinde auf den Flügeln des Liedes vor Gottes Thron tragend!

Unvergeßlich werden uns auch andere Gestalten bleiben, die bei diesen Gottesdiensten mitwirkten.

Vater Scheele hatte den Küsterdienst. Ein wildes Leben lag hinter ihm. Erst im Alter war er zur Besinnung und gründlichen Umkehr gekommen. Nun stand er Sonntag für Sonntag, sein Samtkäppchen auf dem Kopf, am Haupteingang, um die Kirchgänger zu empfangen, den Glanz Gottes auf seinem Angesicht. Ein stiller Mann, ohne viel Worte, aber für meine Erinnerung von unbeschreiblicher Freundlichkeit gegen jedermann. Wir haben ihm sehr nachgetrauert. Am Eingang in den Friedhof, gleich zur rechten Hand, ist sein Grab zu finden mit dem Spruch darauf: „Ich will lieber der Tür hüten in meines Gottes Hause denn wohnen in der Gottlosen Hütten.”

Der Glockenläuter Waltemath! Er zog die Glocke während des Vaterunsers am Schluß des Gottesdienstes und zog sie die Woche über dreimal täglich als Betglocke. Er war Hausknecht nebenan in Hermon. Bei einem Brande hatte er einen Kranken, der in der Verwirrung nicht wußte, wohin fliehen, gefaßt und den fast zwei Zentner schweren ungelenken Mann die 40  Treppenstufen hinunter und ins Freie getragen. Seitdem hatte er einen Herzfehler, der ihn unzählige Stunden Schlaf kostete, ihn oft mühsam um Atem kämpfen ließ, aber den Frieden Gottes ihm nicht nehmen konnte. Wie Simeon hat er in diesem Frieden seinen Kampf vollendet.

Der Organist Eppelsheim! Bis zur Prima hatte er es in seiner pfälzischen Heimat gebracht. Dann hatte die Epilepsie seinen irdischen Hoffnungen ein Ziel gesetzt, aber nur um sein Leben in unvergängliche Harmonien zu tauchen. Mehr als zwei Jahrzehnte hat er uns davon auf der Orgel Zeugnis abgelegt. Es störte uns nie, wenn manchmal die Töne durch einen Anfall Eppelsheims jäh abgerissen wurden. Und auch auf ihn paßten die Verse, die „Martin”, der bekannte Domprediger Lange in Halberstadt, in seinem schönen Liede auf den „Mönch und seine Freundin” sang:

Liederleben, GeisterlebenBebte hin durch seine Adern,Feuer strahlten seine Augen,Tiefe, heil’ge Herzensglut.Jesuslieder waren’s alle,Siegsgewaltig, liebesfeurig,Brautgesänge, Hochzeitsweisen,Gottesstreiter Schlachtgesang.Ei, wie brausten die Register,Jauchzten hell die scharfen Zimbeln,Donnerten die tiefen Bässe:Ein’ feste Burg ist unser Gott!

Liederleben, GeisterlebenBebte hin durch seine Adern,Feuer strahlten seine Augen,Tiefe, heil’ge Herzensglut.

Jesuslieder waren’s alle,Siegsgewaltig, liebesfeurig,Brautgesänge, Hochzeitsweisen,Gottesstreiter Schlachtgesang.

Ei, wie brausten die Register,Jauchzten hell die scharfen Zimbeln,Donnerten die tiefen Bässe:Ein’ feste Burg ist unser Gott!

Der Kassierer Lahusen! Während Vater Scheele am Hauptausgang die Kollektenbüchse aufhielt — es wurde bei jedem Gottesdienst eine Sammlung gehalten —, stand er bescheiden Sonntag für Sonntag mit seiner Büchse an einer Seitentür, um dann am Schluß die gesamte Kollekte zu zählen. In Südamerika, wo seine alte bremische Familie Besitzungen hatte, war ihm ein Blatt in die Hände gefallen, das über Bethel berichtete und um helfende Menschen bat. Eines Tages stand er in Vaters Stube und fragte: „Können Sie mich brauchen?” So trat er erst als Gehilfe des Kassierers Mellin, dann als sein Nachfolger in die Arbeit ein. Ein Jüngling im Silberhaar. Immer im Trab — wohl an die siebzig Mal stürzte er während der Jahre seines Aufenthaltes im Laufe und renkte sich dabei jedesmal seinen Arm aus. Immer hilfsbereit, die langen Rocktaschen voll Johannisbrot für die Kinder am Wege, ein verborgener Freund geängsteter Seelen, voll Lebenskraft und Lebenslust bis zum achtzigsten Jahr. Nun ruht auch er in derselben Reihe mit Vater Scheele und dem alten Mellin.

Und schließlich Schwester Lydia! Sie war wie eine Priesterin des Alten Testaments, die aber durchgedrungen ist in das Allerheiligste des neuen Bundes. Sie holte die Liedernummern und schrieb das Abkündigungsbuch. Sie hatte die Tücher auf den Altar zu legen und ihn zu schmücken. Sie besorgte das Taufwasser, führte Täufling und Paten an den Taufstein und leitete die Abendmahlsgäste mit stillem Wink an ihre Plätze. Und das alles tat sie mit einer Würde, Demut und Anmut, daß ihr Anblick tiefste Erbauung war. In ihrer Seele war eine glühende Treue gegen das irdische Vaterland und sein Königshaus vereint mit anbetender Hingabe an das Königreich Gottes. Mit engem Gewissen und weitem Herzen, in der Tiefe der Sünderschaft wurzelnd und in die Höhe der Gnade mit Gedanken, Empfindung und Willen emporsteigend, so ist sie der ganzen Gemeinde eine Purpurkrämerin Lydia gewesen (Apostelgesch. 16, 13–15), die unter uns mit den besten Stoffen handelte, die die Welt kennt.

Nach dem Gottesdienst ging Vater zu den Kranken. Hatte er nicht zu predigen, so brachte er am liebsten den ganzen Sonntagvormittag in den Krankensälen und bei den Kranken zu. Nur in besonderen Fällen hielt er sich lange am einzelnen Krankenbett auf. Meist machte er es ganz kurz. Seine Seelsorge bestand nicht im Eindringen in die Gänge und Irrgänge der einzelnen Seele. Dazu hätte es der Gabe der Menschenkenntnis bedurft, und die besaß er im eigentlichen Sinne nicht. Es kam die Natur des Westfalen hinzu, die zurückhaltend, fast schüchtern ist dem andern gegenüber, voll angeborener Achtung vor der Eigenart des Mitmenschen und darum voll Verständnis, wenn auch der andere Zurückhaltung übt.

Seelengeheimnisse sind ihm darum selten offenbart worden. Nicht weil man ihm in tiefster Not nicht vertraut hätte. Aber die Last wurde klein, sobald er ins Zimmer kam. Man schämte sich in seiner Nähe der kleinlichen Sorgen. Das kurze Wort, das er sagte, hob empor in eine Welt, in der Schwachheit und Verdruß liegen unter unserm Fuß. Man war wie mit einem Ruck über die Wolken gehoben in den Sonnenschein des Glaubens hinein, der Gott alles anheimstellt. In diesem Licht konnte man nicht klagen. Aber dieses Licht fiel nun zugleich in die tiefen Täler der Seele. „Und hinter uns, im wesenlosen Scheine lag, was uns alle bändigt, das Gemeine.” Wesenlos wurde es im Lichte der Liebe. Aber es lag doch zugleich da, tief unten in den Tälern der Seele, das Gemüt immer wieder zum Bösen weckend, immer uns anklebend und träge machend. Aber Vater brauchte nicht darauf zu stoßen, der einzelne sah es selbst.

So führte diese Art des Vaters, ohne daß er sich dessen bewußt war, zu beidem: zur sorglosen Kindschaft in die Höhe und zur klar erkannten Sünderschaft in die Tiefe. Und in dieser Doppelheit lag die große Wohltat seiner Seelsorge. Man sah die Schuld in der Tiefe, beugte sich unter sie und gab das Widerstreben auf gegen Gottes Hand, die sich im Leiden aufgelegt hatte, und war doch nicht an die Schuld gefesselt, sondern in das Licht der befreienden, vergebenden Gottesnähe gerückt. Das war aber nur darum möglich, weil Vater selbst immer in dieser Doppelheit lebte, in der Sünderschaft, sobald er auf sich sah, in der Kindschaft, sobald er nach oben sah.

Das strahlte von ihm aus, wo er ging und stand. Und darum war er Seelsorger, wo man ihm begegnete. Oft in noch viel höherem Maße in seinen ganz gelegentlichen Bemerkungen, als wenn er zu besonderem Zuspruch an ein Krankenbett trat. Im Saal des Mutterhauses stand ein großer Globus, der zu Unterrichtszwecken geschenkt worden war. Vater studierte ihn gern. Aber einmal faßte er ein Kind, das gerade neben ihm stand, setzte es auf den Globus und rief: „Solch ein einziges Kind ist mehr wert als die ganzen Weltteile.”

An seinem Geburtstag pflegten wir Kinder morgens auf ihn zu warten, wenn er aus seinem Schlafzimmer kam. Einmal war unsere Schwester die erste, die ihm um den Hals fiel, um ihm zu gratulieren. „Meine geliebte Tochter,” sagte er, „vergib mir alles, was ich an dir versäumt habe!” Solch ein Wort erquickte unbeschreiblich. So wurde er ganz klein und ganz groß zugleich und lebte uns vor, daß nur, wer sich selbst erniedrigt, erhöht werden kann.

Aber diese ganze Zartheit und Innerlichkeit machte ihn nicht weichlich; namentlich nicht mit körperlichen Zuständen. Ich kam einmal als Primaner abgespannt und mutlos von Gütersloh nach Hause. Der Körper wollte dem Geist nur noch mühsam gehorchen. „Junge,” sagte er nur zum Abschied, „nun kümmere dich nicht zu viel um deinen armen Kadaver” — fertig. So warf er mich mit einem Ruck aus der Welt der Sorge hinaus. Man sah sich in der tiefsten Tiefe verstanden, aber nicht darin festgehalten, sondern rasch emporgehoben.

Verstimmungen überwand er nicht durch Worte, sondern dadurch, daß er uns Arbeit gab. Vergeblich hatte ich einmal gegen mich selbst gekämpft, war der Mutter und den Geschwistern stundenlang mit elendem Nörgeln zur Plage geworden; schließlich hatte Mutter es Vater geklagt. Vater rief mich auf sein Zimmer. Was wird es geben? Kein Wort des Tadels, sondern statt dessen eine Bitte, ihm zu helfen: „Mein lieber Junge, ich habe hier einen Brief, den muß ich einmal ganz sorgsam abgeschrieben haben.” Nichts weiter. Als die Arbeit fertig war, war auch der Sieg errungen! Wie hat er auf solche und ähnliche Weise wieder und immer wieder Kranken und Gesunden, namentlich den Epileptischen in ihren schweren Verstimmungsstunden die Arbeit zur stets wirksamen Arznei gemacht.

Und dann ermunterte er uns durch Lob. Auch über die schwächste Leistung konnte er sich aus tiefster Seele freuen und schüttete seine Freude und seine Anerkennung wie einen erquickenden Strom über uns aus. „Schelten”, sagte er, „richtet Zorn an, aber Ermunterung macht fröhliche Leute.” Und weil dies Lob aus einem Herzen kam, das nicht ehrsüchtig war, sondern demütig blieb, darum machte es nicht hochmütig, aber mutig, nicht aufgeblasen, aber tatenfroh, nicht leichtsinnig, aber sorgenfrei. Und gerade im Lichte solch befreiten Geistes sahen wir wieder desto klarer hinunter in die Schatten des eigenen Herzens, sodaß Mut und Demut immer wieder vereinigt wurden.

Er hat nicht auf unseren Seelen gekniet, hat nichts in uns hineingepreßt, sondern hat uns mit befreiender Liebe in das Verständnis und in die Gemeinschaft seines Herrn geführt, den einzelnen und immer wieder die ganze Gemeinde. Das kam am ergreifendsten zum Ausdruck bei den gemeinsamen Abendmahlsfeiern. Es war die einzige Gelegenheit, wo er vorher — von besonderen Fällen abgesehen — uns alle, Mutter und Geschwister, auf seinem Zimmer vereinigte und kniend mit uns betete. Nach dem Gebet gab er jedem von uns einen Kuß. Bei der Feier selbst waren dann wieder alle vereinigt, Kranke und Gesunde. Als der Allerschwächste, Kleinste, Ärmste, Sündigste stand er, wenn er die Beichtrede hielt, mit uns vor seinem Herrn. Und eben darum zugleich als der, der es erfährt: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark; wenn ich unterliege, so hilfst du mir.” Gerade deshalb bedeuteten diese Stunden gemeinsamer Beugung auch Stunden gemeinsamer Erhebung voll Leben und Seligkeit, von denen eine Macht ausging in die Gemeinde.

Wir haben ihn sehr geliebt. Das konnte ja nicht anders sein. Die Feder des Sohnes ist nicht imstande, die unbeschreibliche Art seines Wesens wiederzugeben. Nichts Frömmelndes, nichts Weichliches lag in seiner Erscheinung, sondern urwüchsige männliche Kraft, mit harmloser Kindlichkeit vereinigt. Sein dunkles Auge, weich wie Samt, mit unbeschreiblicher Tiefe, ganz in der Gegenwart lebend und dann wieder über alle Welt hinausblickend.

Aber so sehr wir ihn liebten, es wurde keine Menschenvergötterung daraus. Wo er spürte, daß jemand für ihn schwärmte, da zog er sich zurück. Es kam ja allmählich ganz von selbstso, daß er als Vater der Gemeinde alle „Du” nannte. Aber da, wo er merkte, daß jemand sich an ihn hängte, sagte er aus unmittelbarem Gefühl heraus „Sie” und nicht „Du”. „Hängt euch an keinen Menschen!” Wie laut, wie dringend hat er uns das oft zugerufen! So löste er die Gemeinde von seiner Person, um sie an den zu binden, von dem er gern singen ließ: Liebe, die mich hat gebunden — An ihr Joch mit Leib und Sinn, — Liebe, die mich überwunden — Und mein Herz hat ganz dahin: — Liebe, dir ergeb’ ich mich, — Dein zu bleiben ewiglich.

Der der Sonne zugeneigte Berghang, an dem sich der größte Teil der Häuser von Bethel hinzieht, macht den Frühling immer besonders schön. Schon Ende Februar kommen überall im Buchenwald die blauen Leberblümchen hervor, und hinter ihnen her dringen im März zwischen dem Efeu die Anemonen durch. Bald aber leuchtet das warme Tal unten von goldenen Wiesenblumen. Buchfink und Amsel stimmen ihre Kehlen wieder, Rotkehlchen und Rotschwänzchen kommen hinterher und all die andern Sänger, bis unten am Teich von Mamre die Nachtigall den schönsten Akkord in das Konzert mischt.

Einem solchen Frühlingstag kann man die Zeit vergleichen, die unter der Verkündigung des Evangeliums in der Beweisung des Geistes der Wahrheit und der Kraft der Liebe in der Zionsgemeinde anbrach. Überall blühte und grünte es, und von überall her stellten sich, wie die Sänger in Wald und Feld, Kräfte ein, um die Mauern Zions zu bauen.

Aus Dellwig kam der Sohn des treuen Freundes Philipps, und aus den schon von Paris her nahe verbundenen Pfarrhäusern in Schildesche und Gohfeld kamen der leitende Arzt Huchzermeier, die Mitarbeiter am Diakonen- und Diakonissenhaus Kuhlo und Siebold und des Letztgenannten Bruder als Leiter des Bauwesens — keine Fremden also, sondern längst Bekannte und Vertraute, jeder mit seiner besonderen Art und mit seiner besonderen Liebe, jeder an seinem Teil in westfälischer Art und Zähigkeit alle Kraft zum Bau der Gemeinde einsetzend. Und hinter ihnen her strömten dem Diakonen- und Diakonissenhause immer neue Scharen freiwilliger Mitarbeiter zu. Niewürde Vater so treue, bewährte Kräfte für die wachsenden Aufgaben bekommen und behalten haben, wenn er sie ängstlich bis ins einzelne angeleitet und beaufsichtigt hätte. Er kommandierte nicht, sondern vertraute ihnen. Er lähmte nicht durch enge Regeln, wohl aber wies er, ohne es zu wollen, bei jedem Zusammentreffen mit zwei, drei Worten die innere Richtung. Einer seiner jüngeren Mitarbeiter schrieb nach Vaters Tode: „Wodurch hat er uns von Grund aus gewonnen und zur Buße geführt? Eigentlich nur dadurch, daß er uns Liebe erwies auch dann, wenn wir gar nicht darauf rechneten. Ich habe so manches Mal gewünscht, er möchte mir doch einmal gründlich die Wahrheit sagen. Aber er hat es nie getan etwa in dem Sinne, daß er mir gesagt hätte: ‚Du bist doch eigentlich recht hoffärtig.’ Nein, er war stets unbeschreiblich freundlich gegen uns. Dann schämte man sich und fing an, innerlich zu weinen.”

Zu denen, die dauernd in die Arbeit eintraten, kamen andere, die wie vorüberziehende Sänger waren, deren Lied aber unvergessen bleibt. So immer wieder die Kandidaten des Konviktes. So auch manche hochgemute Frauengestalt, Töchter vornehmer Familien, die für längere oder kürzere Zeit die Gehilfinnen der Diakonissen wurden. So auch die Gäste des von Fräulein Heidsiecks fürsorgender Hand geleiteten Anstalts-Hospizes, die Anregung suchten und Anregung brachten und über die zunächst drängenden Aufgaben hinweg immer wieder den Blick in die Weite lenkten.

Die einzelnen Hausgemeinschaften und Arbeitsgruppen schlossen sich immer fester in sich zusammen, jede gleichsam einen besonderen Sängerchor bildend, der für sich übte, aber nur um desto besser in dem einen großen Konzert mitzuwirken. Was für einen Frühlingschor besonderer Art bildete z. B. das Kinderheim! Wie vielen Töchtern des Landes, die von nah und fern kamen, um für eine Zeitlang zu helfen, wurde unter dem Jubel der Kinder, auch unter ihrem stillen Leiden und Sterben, das Herz weit, froh und dankbar! Wie hoch gingen namentlich die Wogen damals, als Missionar Greiner die kleine schwarze Elisabeth brachte, die er auf dem Schiff dem ägyptischen Soldaten abgenommen hatte, damit sie nicht als Sklavin verkauft würde. Und als nun ein Jahr später gar noch das zweite kleine schwarze Mädchen, Marie Madjesebuni, hinzukam, brach eine Frühlingszeit über dem Kinderheim an, wie es sie schönerwohl nie erlebt hat. Europa und Afrika mischten ihre Stimmen in eins, Deutschland und Mohrenland hoben miteinander ihre Hände auf zu Gott!

Ganz verborgene Chöre gab es auch, wie die Stimmen der Sänger im Walde, denen niemand zuhört und die doch das Singen nicht lassen können. Das waren die eigenen kleinen Kreise der Kranken, oft nur aus zwei oder drei, fünf oder sechs bestehend, die am Feierabend zusammenkamen, um sich untereinander durch Lied und Betrachtung zum Lobe Gottes zu ermuntern. Wieviel Kräfte der innersten Harmonie gingen von diesen ungehörten und ungekannten Sängern aus!

Unter solchem Frühlingswehen konnte es nicht anders sein, als daß die Gemeinde wie der Baum zur Maienzeit neue Zweige trieb. Im Lande draußen, innerhalb und außerhalb der westfälischen Grenzen, wurde durch die Schwestern und Brüder eine Station nach der andern übernommen. Alle diese Außenstationen waren zugleich wie kleine Sammelbecken, die mit dem Übermaß ihres Elends auf Bethel angewiesen waren. Wohin mit den Verkrüppelten, Blinden, den Geistesschwachen und Geisteskranken, den Halbwaisen und Ganzwaisen, den Nervenkranken und Nervenschwachen, wenn jede andere Zuflucht sich verschloß? Immer freilich gab Vater den ausziehenden Schwestern und Brüdern die Regel mit auf den Weg: „Ihr dürft niemals denken, als hätten wir die Barmherzigkeit für uns gepachtet”; d. h. sie sollten alles tun, um in solchen Fällen der Not die näheren und entfernteren Angehörigen der Kranken nach Möglichkeit heranzuziehen. Oder wenn das nicht ging, sollten sie für anderweitige Familienpflege sorgen, sollten schließlich alle zunächst in Frage kommenden Pflegehäuser und sonstigen kirchlichen und staatlichen Anstalten in Betracht ziehen. Aber wenn alles versagte: „Dann dürft ihr bei uns anklopfen.”

Wie oft kam es vor, daß eben wirklich alles andere versagte! So nahm das Anklopfen kein Ende, und darum gab es immer wieder in den einzelnen Häusern ein Zusammendrängen und Zusammenschieben, bis es schließlich nicht anders ging und wieder gebaut werden mußte.

Und nicht nur für die Kranken mußte gesorgt werden, auch für ihre Pfleger. Oft erzählte Vater die Geschichte von der Kuh des alten Flattich, die eines Morgens tot im Stalle lag.Klagend und jammernd kommt Frau Flattich zu ihrem Mann. Der aber sagt: „Es wundert mich gar nicht, daß die Kuh gestorben ist. Ich habe schon seit einiger Zeit gemerkt, daß du unsere Magd nicht recht gepflegt hast; darum hat die auch die Kuh nicht recht gepflegt, und so ist sie gestorben.” Sollten also die Pfleglinge recht gepflegt werden, innerhalb und außerhalb der Gemeinde, dann mußte auch für die Pfleger und Pflegerinnen gesorgt werden. So entstand für die Schwestern das stille Salem in der tiefen Bergeinsamkeit des Teutoburger Waldes und für die Brüder das auf der frischen Höhe liegende Pella — beides Zufluchtsorte für Zeiten der Erholung und inneren Sammlung. „Ihr dürft die friedsame Ruhe nicht verlieren,” hat Vater uns oft zugerufen.

Inzwischen waren draußen in der Senne durch die Kolonisten von Wilhelmsdorf die ersten Kulturen entstanden. Es zeigte sich, was für eine wertvolle Ergänzung man an der Senne hatte. Der Boden in Bethel ist schwer und für die schwächeren unter den Epileptischen nur bei gutem Wetter zu bearbeiten. Das ist bei dem leichten Sandboden der Senne anders. Hier gibt es bei jeder Witterung, namentlich auch im Winter, abwechselungsreiche Arbeit, die auch den Schwachen und Schwächsten immer wieder die Befriedigung einer nützlichen Tätigkeit gewährt. So siedelte allmählich eine Ackerbaustation nach der andern aus Bethel nach der Senne über. Die Krüppel folgten, dann auch die Lungenkranken, die in der milden Kiefern- und Tannenluft schneller genasen als unter den kräftigen, aber rauhen Winden des Teutoburger Waldes, und schließlich kamen auch noch mehrere Stationen der Gemütskranken dazu.

Auch Wilhelmsdorf selbst mußte sich dehnen, denn es zeigte sich immer mehr, wie viele arme Opfer des Alkohols unter denen waren, die sich arbeitslos und heimatlos, von aller menschlichen Hilfe verlassen, in der Kolonie einstellten. Es war nicht möglich, sie nach drei Monaten wieder zu entlassen. Das hätte nur geheißen, sie aufs neue dem alten Elende auszuliefern. So entstand eine besondere Trinkerheilstätte. Auch den Schiffbrüchigen gebildeter Stände, für die ihre Familien einen sicheren Hafen suchten, konnte man sich nicht entziehen, sodaß auch für sie eine Heimat geschaffen werden mußte.

Eine Witwe Eckardt, nach der die ganze Kolonie, die heute etwa 1200 Insassen zählt, den Namen Eckardtsheim erhielt,schenkte in Erinnerung an ihren verstorbenen Mann den Grundstock zu einem Gotteshause, der Eckardtskirche, die zum Mittelpunkt aller Anstaltshäuser in der Senne wurde.

Aber die Entlastung, die auf solche Weise die Tochterkolonie in der Senne der Mutterkolonie drüben im Teutoburger Walde bot, verpflichtete nun auch wieder die Mutter zu einer Gegenliebe gegen die Tochter. Viele von denen, die sich in Wilhelmsdorf und in den von Wilhelmsdorf abgezweigten Häusern bewährt hatten, baten: Stoßt mich nicht wieder hinaus in die versuchungsvolle Welt, gebt mir in Bethel eine meinem früheren Beruf entsprechende Arbeit, laßt dort meine Kräfte allmählich weiter erstarken, bis ich den Mut gewinne zu neuer Fahrt in die stürmische Welt! War es möglich, solche Bitte abzuweisen?

Sollte sie aber gewährt werden, so mußte nun auch Bethel sich wieder dehnen. Es mußte seine Werkstätten, seine kleinen Betriebe erweitern, um Arbeit zu schaffen für die, die nur unter zweckvoller Arbeit an Geist und Leib genesen und neue Kräfte gewinnen konnten. So wurde aus der kleinen Schriftenniederlage die Buchhandlung, an die Buchbinderei schloß sich ein kleiner Laden an mit Heften, Bildern, Büchern; ähnlich ging es bei der Tischlerei, der Gärtnerei und den andern Handwerken. Auch für die Vorräte an Lebensmitteln, die bis dahin aus der Stadt bezogen worden waren, wurde eine eigene kleine Einkaufsstelle geschaffen. Ich sehe noch den Nico-Nix, einen holländischen Kaufmann, der irgendwie zu uns verschlagen worden war, mit strahlendem Angesicht in dem kleinen Verkaufsraum hinter dem Ladentisch stehen und seine Gäste bedienen.

Es konnte nicht ausbleiben, daß über solchem Wachsen Teile der Bielefelder Geschäftswelt in Unruhe gerieten. Ihnen war das schöne Tal für die Ausdehnung der Stadt genommen. Nun sollten sie auch nicht einmal an dem geschäftlichen Gewinn, den die Siedlung ihnen hätte bieten können, teilhaben? Aber Vater konnte wieder und wieder in überzeugender Weise dartun, daß die Entstehung und Entwicklung der kleinen Betriebe nicht aus dem Gedanken entsprungen wäre, einen Verdienst, der bisher andern zuteil geworden, für sich zu behalten, sondern daß es sich vielmehr für die Anstalt darum handele, ihren Kranken und Pflegebefohlenen durch eine ihren Neigungen entsprechende Beschäftigung recht zu dienen, und daß für solches Dienen dieAusdehnung der kleinen Anstaltsgeschäfte ganz unentbehrlich sei. Nicht „womit kann ich verdienen?” sondern „womit kann ich dienen?” sollte der Grundsatz dieser kleinen sich entwickelnden Betriebe sein. Und wenn über dem rechten Dienen auch eine kleine Ersparnis, ein kleiner Verdienst für die Anstalt abfiel, so durfte ihr das gegönnt werden.

So wurde immer wieder Raum geschaffen und Arbeit, um solchen, die sonst rettungslos versunken wären, zu helfen. Hierfür nur einige Beispiele. Für gewöhnlich wurde an der Regel festgehalten, daß nur, wer sich draußen in der geringen Arbeit der Senne mit Spaten und Karre bewährt hatte und für den sich andernorts kein sicherer Zufluchtsort zeigte, in einem der Arbeitsplätze in Bethel Aufnahme fand. Aber zum unabänderlichen Gesetz wurde das nicht. So wandte sich an Vater ein Kaufmann, der so, wie die Dinge lagen, rettungslos dem Gefängnis verfallen war. Er hatte eine tadellose Vergangenheit hinter sich. Um so schrecklicher war das Los, das, freilich durch eigene Schuld, vor ihm lag. Vater legte die Sache dem Kronprinzen vor; und durch dessen Fürsprache wurde die Strafe niedergeschlagen. Der Betreffende kam dann nach Bethel, und Vater nahm ihn, als die Kräfte seines bisherigen epileptischen Gehilfen Kneipp versagten, an dessen Platz. Mit unbeschreiblicher Gewissenhaftigkeit hat er Jahre hindurch vom Morgen bis zum Abend an dem Schreibpult in Vaters Arbeitszimmer gestanden, nie ermüdend, in tiefster Verschwiegenheit, die Liebe, die Vater ihm erwies, mit einem Leben voll Pflichttreue und Hingabe lohnend. Als die Kassenverwaltung einer in jeder Weise bewährten Kraft bedurfte, wurde er von Vater, der immer auf das Liebste, was er hatte, wenn es not tat, verzichtete, dorthin abgegeben, und bis an sein Ende ist er hier ein Vorbild der stillen Treue gewesen.

Hier in der Kassenverwaltung fand auch ein anderer für den Rest seines Lebens Arbeit, der aus der Senne herüberkam, wo er zunächst ein Jahr lang in Reih’ und Glied rigolt, gerodet und die Karre geschoben hatte. Er hatte mit dem Kaiser zusammen auf einer Schulbank gesessen, war Offizier geworden, hatte dann aber infolge des Trunkes seinen Dienst verloren. Seine Familie übte die Barmherzigkeit an ihm, daß sie ihm alle Mittel entzog, durch die er seinem unglücklichen Hang weiter hätte frönen können, sodaß er sich bemühen mußte, inder Senne wenigstens sein Leben zu fristen. Nicht widerstrebend, sondern freiwillig fügte er sich diesem Zwang und wurde schließlich einer der glücklichsten Menschen, die in unserer Mitte gelebt haben. Seine Todeskrankheit, die mit seinem früheren Leben im Zusammenhang stand, war freilich lang und schwer; aber gemurrt hat er nicht, sondern wie sein Leben, so ist auch sein Sterben ein Segen für viele geworden.

So könnte noch mancher genannt werden, der nach einem Leben voll Unruhe und Niederlagen schließlich zum Frieden und zum Sieg gelangte und nun unter den Siegern steht, die die ewige Krone erlangt haben. Unter ihnen sei nur noch unser lieber Lehrer H. erwähnt. Von einem nächtlichen Gelage heimkehrend, war er unterwegs im Frost liegen geblieben. Als man ihn fand, waren seine beiden Arme so vollständig erfroren, daß sie abgenommen werden mußten. Darüber kam er zur inneren Einkehr und Umkehr. Er trat in den Unterricht an den epileptischen Schulknaben ein, und der Friede und die innere Kraft, die von ihm ausgingen, waren so stark, daß die unruhigen Knaben keinem Lehrer lieber gehorchten als diesem Mann, der ohne Arme vor ihnen stand.

Nicht immer war es leicht, die richtige Beschäftigung zu finden. Aber auch hier machte Vaters Liebe immer wieder erfinderisch oder ließ sich von den Hilfesuchenden selbst auf neue Bahnen weisen. So kam ein früherer Kavallerieoffizier, dessen Kraft zu irgend welcher körperlichen Arbeit einfach nicht mehr ausreichte. Es stellte sich aber heraus, daß er eine große Kenntnis ausländischer Briefmarken hatte. Darum bat Vater in einem der Anschreiben, die an die Freunde im Lande und auch im Auslande gingen, um ausländische Briefmarken. Die Bitte war nicht vergeblich, die Marken strömten herbei, und Herr v. N. hatte eine Arbeit, die seine Kraft ausfüllte und die sich schließlich so ausdehnte, daß eine ganze Zahl schwacher Pfleglinge eine Tätigkeit fand, die gar nicht anstrengte und die doch zur Sorgsamkeit und Gewissenhaftigkeit erzog.

Immer dringendere Bitten um Aufnahme von Gemüts- und Nervenkranken führten dazu, daß auch für diese Leidenden sich ein Zufluchtsort nach dem anderen in Bethel auftat. Es fehlte in den staatlichen Anstalten vielfach an den geeigneten Pflegekräften, oft auch an ausreichender seelsorgerlicher Beratung.Dazu kam, daß die Überfüllung der westfälischen Provinzialanstalten die Verwaltung der Provinz zu der Bitte veranlaßte, Bethel möchte ihr die unheilbaren Kranken abnehmen.

„Unheilbar”, gerade solch ein Wort lockte Vater. „Das Wort unheilbar”, sagte er oft, „steht im Wörterbuch eines Christen nicht. Wer danken gelernt hat, ist gesund geworden, auch wenn er sein ganzes Leben in der Zelle zubringen muß.”

Immer wieder trieb es ihn zu den Umnachteten des Geistes in den verschiedenen Häusern. In Magdala, dem Hause der gemütskranken Frauen, hielt er jahrelang die wöchentliche Bibelstunde. Im Anschluß daran ging er regelmäßig zu denen, deren Zustand die Teilnahme an der Stunde nicht erlaubte. Namentlich suchte er die einzelnen Zellen der Tobsüchtigen auf, ganz allein, nur mit seinem kleinen Blumenstrauß in der Hand. Er ist, soviel wir wissen, niemals angegriffen worden.

Aber die Flut grauenhafter Lästerreden, die er dann und wann bei solchen Gelegenheiten anhören und über sich ergehen lassen mußte, befestigte ihn in der alten biblischen Überzeugung, daß bei diesem Leiden nicht immer nur körperliche Anlässe zu Grunde lägen, sondern auch die Mächte einer satanischen Welt ihr Wesen trieben. „Die Barmherzigkeit”, sagte er, „fordert es, an dieser Überzeugung festzuhalten. Ich kann nicht glauben, daß solch eine Flut von Schmutz aus dem Herzen eines reinen Mädchens emporsteigt. Das stammt aus einer anderen Welt.”

Mit dem Leiter einer großen städtischen Heil- und Pflegeanstalt, in der unsere Diakonen und Diakonissen arbeiteten, hatte er eine tiefgreifende Auseinandersetzung über die Aufgaben des Anstaltsseelsorgers. Sie führte dazu, daß er die Seelsorger sämtlicher deutscher Heil- und Pflegeanstalten zu einer besonderen Besprechung nach Bethel einlud, die, zumal manche von ihnen auf vereinsamtem Posten standen, mit größter Freude der Einladung Folge leisteten und sich von da an zu einer regelmäßigen Konferenz der deutschen Anstaltsseelsorger für Gemüts- und Geisteskranke zusammenschlossen, die bis heute besteht.

Schwerer noch als die Last, die sich durch die Aufnahme der Gemütskranken auf die Schultern von Bethel legte, war vielfach die Pflege derer, die nicht gemütskrank, aber auch nicht eigentlich gesund waren, sondern mit ihren erregten Nervenschwer an sich selbst trugen und anderen zu tragen gaben. Aber auch diese Last lehrte Vater uns mit Heiterkeit anfassen. Schmunzelnd pflegte er immer wieder zu sagen:

„Halbe Narren sind wir alle,Ganze Narren sperrt man ein,Aber die DreiviertelnarrenMachen uns die größte Pein.”

„Halbe Narren sind wir alle,Ganze Narren sperrt man ein,Aber die DreiviertelnarrenMachen uns die größte Pein.”

Einer der ersten Gemütskranken, die in Bethel Zuflucht fanden, war ein Pastor Krekeler aus alter Ravensberger Familie. Er hielt sich für unwürdig, Nahrung zu sich zu nehmen. Mittags saß er an unserm Tisch, die Augen niedergeschlagen, in tiefe Schwermut versunken. Nur unter Vaters Zureden griff er zum Löffel, legte ihn dann aber hin, ohne seinen Teller leerzuessen. Da hörte auch Vater auf zu essen. „Lieber Bruder,” sagte er, „ich habe nun den ganzen Morgen schwer gearbeitet. Aber ich esse nicht, wenn du nicht auch ißt.” Das half, und der Teller wurde leergegessen. So ging es Schritt für Schritt vorwärts. Schon bald konnte Vater ihn bitten, ihm Sonntags eine Predigt abzunehmen. Das war Krekelers größte Freude. Aber sie wurde ihm nur dann gewährt, wenn er in der Woche vorher ein Pfund zugenommen hatte. Wiederholt hatte Krekeler die Bedingung erfüllt. Da, eines Sonntagmorgens, als er wieder predigen wollte, kam die Nachricht, daß er das Morgenfrühstück verweigert hätte. Vater eilte zu ihm und erklärte: „Du predigst nicht, wenn du nicht ißt, und hast die Verantwortung zu tragen, wenn ich jetzt unvorbereitet statt deiner auf die Kanzel muß.” Damit war der letzte Widerstand gebrochen. Schon bald konnte er seine Familie zu sich nach Bethel holen, und er und seine Frau übernahmen das Haus der epileptischen Pensionäre, in welchem er genesen war.

Gleichzeitig wurde er der Vater der Waisenkinder, die rings aus dem Lande sich einstellten und unter Schwester Pauline in einem besonderen Waisenhause gesammelt wurden. Er sorgte für ihre Unterbringung in den Familien des Landes und blieb auch weiterhin ihr väterlicher Freund, der sie regelmäßig besuchte und ihren Entwicklungsgang verfolgte und regelte. So erstarkten seine Kräfte mehr und mehr, bis er in Volmerdingsen am Hang der Weserberge wieder eine kleine Gemeinde übernehmen konnte. Hier legte er den Grund für eine Heimat der Geistesschwachen, die bis dahin in der ProvinzWestfalen einer eigentlichen Zufluchtsstätte entbehrten und darum zunächst immer wieder unter die schwachen epileptischen Kranken von Bethel hatten gemischt werden müssen. Der kleine Zweig, der dort am Fuße des alten Wittekindsberges eingesenkt wurde, blühte unter seiner originellen Leitung schnell auf und ist jetzt ein Baum geworden, unter dessen Schatten viele arme umnachtete Menschenkinder ein glückliches Dasein führen. Lange Jahre hat Krekeler als der Glücklichste unter ihnen gelebt, bis plötzlich die alte Krankheit wieder durchbrach. Er flüchtete nach Bethel, und unter Vaters Zuspruch endete sein gesegnetes Leben.

Nicht eigentlich gemütskrank, aber schwer nervenleidend war ein Herr Schnitger, dem das Diakonissenhaus Sarepta eine Bleibestätte bot. Er war hochgebildet, hatte auf verschiedenen Gebieten gearbeitet und war auch im Kassenwesen erfahren. So übernahm er einen Teil der Kassenverwaltung von Sarepta. Sein Krankenzimmer war zugleich sein Arbeitszimmer, wo der Geldschrank stand und wo er die Kassenbücher unter musterhafter Sorgsamkeit führte und mit einer Handschrift, die zu den schönsten und charaktervollsten gehörte, die man sich denken kann.

Nun geschah etwas Merkwürdiges. Unten im Diakonissenhause, links neben dem Eingang, lag die Apotheke, in der von einer Schwester die ganzen Arzneien für die Anstaltshäuser bereitet wurden. Als sie eines Morgens in die Apotheke trat, fand sie den Giftschrank erbrochen und alle Gifte verschwunden. Der entwendete Giftbestand hätte völlig genügt, um viele hundert Menschen zu vergiften. Die Aufregung war groß. Den ganzen Tag über wurden die umfassendsten Untersuchungen vorgenommen. Aber alles blieb vergeblich. Am andern Morgen kam Herr Schnitger zu meiner Mutter, die für Kranke seiner Art immer ein besonderes Verständnis hatte, sodaß Schnitger schon vorher immer wieder sich gern ihr mitgeteilt hatte. Er sagte ihr, daß er am Abend vor dem Einbruch in der Apotheke gewesen sei, um sich etwas zu holen. Dabei habe er auch den Schrank mit der Aufschrift „Venena” (Gifte) gesehen und gedacht: „Die Gifte müssen aus der Welt verschwinden.” Denn er habe gespürt, daß das Morphium, das er von Zeit zu Zeit gegen seine große Schlaflosigkeit erhalten hatte, eine Gefahr für ihn werden könne, die er abschneiden müsse. Nun könneer sich freilich durchaus nicht besinnen, daß er das Gift weggenommen habe, für unmöglich aber halte er es nicht, da er eben an jenem Abend die Apotheke mit dem Gedanken verlassen habe: „Das Gift muß aus der Welt verschwinden.”

Es stellte sich heraus, daß die Nachtwachschwester in jener Nacht eine Gestalt beobachtet hatte, die aus der Richtung der Apotheke die Treppe heraufkam. Die Schwester war der Gestalt nachgeeilt und hatte gesehen, wie sie in dem Zimmer von Herrn Schnitger verschwunden war. Das konnte natürlich die Vermutung Schnitgers nur aufs äußerste bestärken. Wiederum aber waren und blieben alle Nachforschungen vergebens. Die Gifte sind bis heute nicht gefunden worden. Herr Schnitger aber erklärte: „Ein Mensch, der in Verdacht steht, Gift zu stehlen, kann unmöglich der Verwalter von Geld sein.” So stellte er seinen Dienst ein, suchte aber nach neuer Beschäftigung.

Eines Tages kam er zu Vater mit der Bitte, er möchte wohl Brockensammler werden. Es sei ihm durch den Sinn gegangen, wieviel Werte doch in all den kleinen Gegenständen steckten, die die Menschen so leichthin wegwürfen. Die beiden überlegten miteinander, und es wurde verabredet, daß Schnitger eine Liste aufstellte von solchen Gegenständen, die er wohl sammeln möchte. Es war ein langes Verzeichnis, das er Vater einreichte: alte Korke, Stahlfedern, Knöpfe, Brillen, Uhren, Handschuhe, Regenschirme usw. Ahnungslos, was folgen würde, ließ Vater die Liste vervielfältigen und legte sie einem der vierteljährlichen Boten von Bethel bei, die an die Freunde draußen im Lande verschickt werden. Kaum aber war die Liste in die Hände ihrer Empfänger gelangt, so begann es von allen Seiten Brocken zu regnen.

Nur für den allerersten Anfang genügten Schnitgers eigene Kräfte zum Auspacken. Bald mußte er sich Hilfskräfte suchen. Die Wagen der Anstaltsökonomie räumten ihren Schuppen, damit die eingehenden Sendungen wenigstens vor dem Regen geschützt würden. Nach kurzer Zeit war an Auspacken überhaupt nicht mehr zu denken, weil es an genügendem Raum zum Sortieren der Sachen fehlte. Es mußte wieder gebaut werden, es half wirklich nichts. Und Herr Schnitger siedelte als Brockenvater aus Sarepta in das Brockenhaus über. Für wie viele ist er dort ein väterlicher Freund und Arbeitgeber geworden, und wie viele im ganzen Vaterlande — in Hütten,Häusern und Schlössern — hat er zur Achtsamkeit auf das Geringe und zur Treue im Kleinen erzogen!

In der Brockensammlung reihte sich bald ein Arbeitstisch, ein Arbeitsraum neben den andern. Lauter kleine Reparaturwerkstätten entstanden. Regenschirme wurden geflickt, Spielzeug heilgemacht, aus verschiedenen Uhrteilen entstanden wieder gangbare Uhren, aus den Einzelgängern der Handschuhe neue Paare, Bilder wurden gerahmt, Bücher ausgebessert, aus den Haufen der verschiedensten Knöpfe hier ein halbes, dort ein ganzes Dutzend gleichartiger zusammengesucht, beschädigte Korke zurechtgeschnitten usw. usw.

Was für eine Fülle von Arbeitsgelegenheit ergab sich allein aus den eingehenden Büchern! Wie mancher wissenschaftlich geschulte Kopf hat da befreiende Tätigkeit gefunden! So bekamen die Klügsten und die Beschränktesten unter Schnitgers Anleitung willkommenste Beschäftigung. Und der Laden, wo die neu hergestellten Sachen verkauft wurden, wurde oft vom Morgen bis zum Abend nicht leer. Nicht nur die armen Familien der Umgegend, sondern auch mancher Kunst- und Altertumsfreund kam hier auf seine Rechnung.

Unter denen, an die Schnitger besondere Aufmerksamkeit und fürsorgende Liebe wandte, war ein Österreicher mit dunklen, glühenden Augen und unruhigem Wesen. Es stellte sich später heraus, daß er Marineoffizier gewesen war und ein österreichisches Torpedoboot im Adriatischen Meer geführt hatte. Er hatte die Schiffskasse bestohlen und war, als es entdeckt wurde, unter falschem Namen nach Deutschland geflüchtet. In seiner Abwesenheit wurde ihm in Wien der Prozeß gemacht, der ihn zu mehreren Jahren schweren Kerkers, wie der österreichische Gerichtsausdruck lautet, verurteilte.

Davon ahnte damals niemand in Bethel etwas, und Schnitger gewann den Eindruck, daß der Mann, wie auch immer seine Vergangenheit sein mochte, über die er natürlich ein Dunkel breitete, jetzt ein nach Licht und Wahrheit strebender Mensch sei.

Er entdeckte bei ihm eine gewisse Begabung zum Zeichnen und Kolorieren und bat Vater, ihm auf diesem Gebiet weiterzuhelfen. Vater ging darauf ein und gab ihm allerlei kleine Aufträge, bei denen er seine Gaben zur Geltung bringen konnte. Lange Jahre hindurch hing in Vaters Arbeitszimmer ein Bild,das die ersten afrikanischen Missionare und Missionsfamilien in Usambara darstellte und das jener Unbekannte nach einer Photographie nicht ohne deutliches Geschick hergestellt hatte.

Vater hatte, um ihm Mut zu machen, wie das ja seine Art war, mit seiner Anerkennung nicht zurückgehalten. Das aber war ihm, dem noch immer seine alte Herrlichkeit als Torpedobootsführer vorschwebte, in die Krone gestiegen. Er fing an, sich für ein verkanntes Genie zu halten, das niedergehalten, ausgenützt und mit dem bescheidenen Taschengeld, das er außer freier Station erhielt, nicht genügend bezahlt würde. Einige unzufriedene Elemente sammelten sich um ihn; andere wußte er geschickt aufzusuchen und auszuforschen, und eines Tages erschien in der sozialdemokratischen Zeitung der Stadt ein giftgeschwollener Artikel über die Zustände in der Anstalt. Nicht nur der alte Schnitger war in der häßlichsten Weise angegriffen, sondern die gesamte Anstaltsleitung und viele einzelne Personen als eine Genossenschaft von Ausbeutern hingestellt, die nur für ihre eigene Tasche arbeiteten, die Kranken und Pfleglinge aber ausnutzen wollten und offenbare Mißhandlungen ruhig geschehen ließen.

Es war sofort deutlich, daß der Ankläger nur jene geheimnisvolle Persönlichkeit sein konnte. Die Anschuldigungen waren so schwer und die ganze Öffentlichkeit in einer Weise aufgeregt, daß für Vater gar nichts anderes übrig blieb, als die Angelegenheit der Staatsanwaltschaft zu übergeben, damit die erhobenen Anschuldigungen vor aller Welt geprüft werden könnten. Mehrere Tage dauerten die Verhandlungen, die schließlich, abgesehen von einigen wenigen Verfehlungen untergeordneter Kräfte, die der Leitung entgangen waren, die völlige Haltlosigkeit der Beschuldigungen dartaten. Der arme Mensch wurde zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.

Bald nachdem er seine Haft angetreten hatte, wurde seine Vergangenheit bekannt, und das österreichische Gericht forderte ihn zur Abbüßung seiner Kerkerstrafe ein, sobald er die deutsche Strafe abgebüßt hätte. Es kam aber nicht mehr zu seiner Auslieferung. Er erkrankte im Gefängnis in Münster an der Auszehrung und starb unter der Pflege der Kaiserswerther Diakonissen, nachdem er vorher um Verzeihung gebeten hatte.

Für den alten Schnitger aber bedeutete diese schmerzliche Erfahrung einen schweren Stoß. Er zog sich mehr und mehraus der Arbeit zurück und siedelte schließlich in einen Vorort von Berlin über, damit, wie er sagte, in der Einsamkeit der großen Stadt seine Nerven, die allmählich zu fein und zart geworden waren, noch einmal wieder wachsen könnten. Immer wieder hat ihn Vater in seiner Junggesellenwirtschaft aufgesucht oder sich sonst mit ihm in Berlin getroffen, bis er sich endlich überreden ließ, in das Siechenhaus von Lichterfelde zu ziehen, wo er unter der treuen Fürsorge unserer Schwestern die Augen schloß.

Mit seinem tiefen Blick in die Zusammenhänge der Dinge, mit seiner lauteren Frömmigkeit und seinem Erbarmen nicht nur verachteten, verlassenen Brocken gegenüber, sondern noch mehr gegen Menschen, deren Leben trümmer- und brockenhaft geworden war, hat er Vaters Herzen ganz besonders nahegestanden.

Die Brockensammlung wurde auch insofern eine Wohltäterin für die ganze Gemeinde, als sie für all die kleinen Feste, Vorstellungen und Aufführungen eine unerschöpfliche Fundgrube wurde, aus der sich alles zu Tage fördern ließ, was irgend an Verkleidungen und dergleichen gebraucht wurde. An den vaterländischen Gedenktagen, namentlich an Kaisers Geburtstag, rückte sie jedesmal die alten Uniformen heraus, die sich eingefunden hatten. Man kann sich die Freude der Epileptischen denken, die niemals im bunten Rock gesteckt hatten, wenn sie bei dieser Gelegenheit endlich einmal im schönsten Soldatenkleide prangen konnten. Alle Waffengattungen waren vertreten, von der schmucken Kavallerieuniform bis zum einfachen Rock des Infanteristen, und in buntem Zuge ging es durch die Anstalt.

Vater mußte dann jedesmal vor unserm Hause oder abends in der Festversammlung die Ansprache halten. Er hatte ja die Feldzüge 1866 und 1870 als Feldprediger mitgemacht. Seine beiden Eltern hatten die Zeit der Erniedrigung und Erhebung miterlebt; sein Vater war Freiheitskämpfer gewesen, hatte später dem Königshause nahegestanden, und auch Vaters eigener Weg hatte ihn in enge Verbindung mit dem Königshause gebracht. Darum brauchte er bei solcher Gelegenheit nur in die Fülle hineinzugreifen, um alle Herzen zu entflammen und für Vaterland und König auflodern zu lassen. In solcher Stunde spürten wir, daß die Welt, die weite große Völkerwelt,nur der lieben kann, der seinem eigenen Volk und Land bis in den Tod in treuster Liebe ergeben ist, und daß Krieg und Kampf dem großen Ratschluß Gottes, den er zum Heil der Völker gefaßt hat, nicht widersprechen, sondern als unentbehrliche Glieder sich hineinfügen.

Wie oft hat Vater uns bei solcher Gelegenheit zugerufen: „Nie haben Frankreich und Deutschland sich in den letzten siebzig Jahren so viel Gutes getan wie im Kriege von 1870 und 71.” Wenn er das aus tiefster Überzeugung heraus sagte, dann stand ihm dabei all das Elend vor Augen, das durch französische Mode, französische Literatur, französische Leichtfertigkeit in den Jahren des Friedens über Deutschland gekommen war. Und immer wieder erinnerte er daran, wieviel edles deutsches Blut langsam dadurch zugrunde gegangen sei, erst an der Seele, dann auch am Leibe; nicht schnell durch ehrliche gegnerische Kugel oder kühnen Schwerthieb getötet, sondern allmählich vergiftet, unter den Tränen der Eltern, unter eigenem, unsagbarem Herzeleid in das Grab gesunken. Ihm galt ein braver Soldatentod doch ganz etwas anderes vor Menschen und auch vor Gott. Und eine lange träge Friedenszeit hielt er für weit verderbenbringender als einen blutigen Krieg.

Immer wieder erinnerte auch Vater daran, wieviel Wohltaten, wieviel Freundlichkeit sich Freund und Feind am Abend nach den Schlachten und in den Lazaretten erwiesen hatten, und mahnte, über den Scheußlichkeiten und Schrecknissen des Krieges diese Wohltaten nicht zu vergessen.

Wenn er dieses Thema anschlug, dann erzählte er wieder und wieder die Geschichte des Franzosen, der am 18. August 1870 mit zerschossenem Oberschenkel auf dem Schlachtfelde von Gravelotte lag. Die Nacht war schon hereingebrochen. Die Lagerfeuer der Brigade Goltz, die die Höhen über Jussy besetzt hatte, brannten. Der Franzose lag, ohne einen Laut von sich zu geben. Man hatte ihm gesagt: „Fällst du in die Hände der Deutschen, dann machen sie dich tot.” Aber schließlich brachte ihn die schmerzende Wunde doch zum Stöhnen. Einige 55 er gingen dem Stöhnen nach und fanden schließlich den armen, vor Todesfurcht am ganzen Körper zitternden Menschen im Gebüsch. „Ich habe auf keine Preußen geschossen,” rief er, „ich habe auf keine Preußen geschossen!” Schnell war der Notverband angelegt, im Gebüsch wurden ein paar Stangen zur Tragbahregeschlagen, und dann ging es behutsam in der Dunkelheit den Berg hinunter. Der arme Mensch wußte nicht, wie ihm geschah. Immer wieder rief er: „Ich habe auf keine Preußen geschossen.” — „Gewiß”, sagte Vater, der neben der Bahre herging, „hast du auf die Preußen geschossen; ich habe ja dein Gewehr gesehen, das ganz schwarz von Pulverdampf war; und du hast ja auch nur deine Pflicht getan.” Das konnte er nun nicht leugnen und rief: „Ich werde aber ganz gewiß nie wieder auf die Preußen schießen; ich werde ganz gewiß nie wieder auf die Preußen schießen.” — So kam man unten in Ars an der Mosel an, und erst jetzt, als der junge Franzose im Lazarett sorgsam gebettet war, hörte er auf zu zittern und fing an, an die Barmherzigkeit seiner Feinde zu glauben.

Wenn Vater solch eine Geschichte erzählte, dann löste sich vor unsern Augen der Schleier, der über dem dunklen Geheimnis des Krieges liegt. Jeder Franzosenhaß war aus dem Herzen getilgt; die helle vaterländische Begeisterung, die uns in Not und Tod auf blutigem Schlachtfelde dem Vaterlande ergeben macht, war vereint mit einer Hingabe an die ganze Menschheit, die auch den Feind ehrt und liebt.

Es kam einmal zu Vater ein dänischer Schriftsteller, der den Gedanken des ewigen Völkerfriedens vertrat. Er hoffte, bei Vater einen Bundesgenossen zu finden und von ihm eine Bereicherung seiner Gedanken zu erfahren. Vater sprach ihm seine Überzeugung aus, daß in einer sündigen Welt der Krieg eine nicht zu entbehrende Zuchtrute in der Hand Gottes sei und daß der sogenannte ewige Friede zu einem fauligen Morast werden würde, worin die ganze Völkerwelt untergehen müsse.

Er erzählte ihm dann die Geschichte seines Vaters, wie der 1813 die Kugel durch die Brust bekam und im Laufe seines Lebens immer wieder infolge dieser Verwundung schwer erkrankt sei. Aber diese Krankheitszeiten seien die größten Segenszeiten für die ganze Familie gewesen. In ihnen habe die Mutter beten gelernt und die ganze Familie mit ihr. Diese Kugel habe sie alle zu Gott geführt. Und nie, nie möchte er diese Kugel entbehren. So sei es auch im Leben der Völker. Die tödlichen Wunden, die sie sich untereinander schlügen, mußten ihnen doch schließlich zum Segen und zum Gewinn gereichen, wenn sie sich unter Gottes Hand beugen lernten.

Der Däne war aufs bitterste enttäuscht. Er hatte etwas anderes bei Vater vermutet. Seine Einwendungen wurden immer erregter und kräftiger, und auch Vater hatte mit Ingrimm zu kämpfen. Was dem Dänen selbst als das Hochziel der Barmherzigkeit, Milde und Friedfertigkeit erschien, empfand Vater als Weichlichkeit, Verzerrung und Verirrung.

Schließlich sprang der Däne auf, stellte sich vor Vater hin und rief erregt: „Herr Pastor, jetzt denken Sie sich einmal, wir hätten im Kriege 1864 gegeneinander gefochten, Sie auf preußischer, ich auf dänischer Seite, und ich hätte Ihnen die Kugel durchs Herz gejagt und jetzt begegneten wir einander am jüngsten Tage vor Gottes Angesicht! Was würden Sie mir dann sagen?” Da streckte Vater dem Dänen die Hand hin und sagte: „Hab’ Dank, lieber Bruder, für die gute Kugel.” Dem Dänen stürzten die Tränen in die Augen, er schlug in die Hand ein, nahm seinen Hut und ging, ohne ein Wort zu sagen, davon. Wir haben nie wieder etwas von ihm gehört.

Höhepunkte des Gemeindelebens wurden immer wieder die Jahresfeste der drei Schwesteranstalten. Im Frühling das Fest des Diakonissenhauses, im Herbst das Fest der Brüderanstalt und dazwischen im Sommer das schönste von allen, das Bethelfest. Bei den Brüder- und Schwesternfesten erschien mir immer wieder nicht die Einsegnung als das Schönste des Tages, sondern das mittägliche Liebesmahl. Da war es Sitte, daß die Eltern, deren Sohn oder Tochter eingesegnet wurden, ihr Kind am Tisch zwischen sich hatten zum Zeichen, daß sie selbst mit eigenem Willen und mit ganzer Freude ihr Kind Gott und seiner Gemeinde zum Opfer brachten, nicht um es fortan zu entbehren, sondern um nur desto fester im Dienst des gemeinsamen Herrn mit ihm verbunden zu sein. Das brachte dann Vater immer in Worten zum Ausdruck, die die tiefsten Saiten des Elternherzens zum Klingen brachten und Eltern und Kind in dem Augenblick, wo dieses aus dem Elternhause heraus und in den Dienst der Kirche trat, nicht trennten, sondern aufs engste aneinanderknüpften.

Freilich auch die nachfolgende Einsegnungsfeier entbehrte ihrer unvergeßlichen Eindrücke nicht, namentlich wenn Vater die Jünglinge und Jungfrauen des Landes, die bei solcher Gelegenheit von nah und fern sich einzustellen pflegten, mit herzandringendem Ernst in den Dienst an den Elenden einlud.

Der Hauptfreudentag jedoch war das Betheljahresfest, das in erster Linie der Anstalt für Epileptische galt, aber mehr und mehr zu einem Dank- und Jubelfest der ganzen Gemeinde wurde. Der Kreis der Bänke draußen in der Waldkirche mußte immer größer gezogen werden, um die Schar der Feiernden zu fassen. Bisweilen erweiterte sich das Fest auch zu einer Feier der Jünglings- und Jungfrauenvereine des ganzen Landes. Zu Fuß, zu Wagen und mit Extrazügen der Eisenbahn kamen sie unter Lieder- und Posaunenklängen gezogen.

Dann war es wunderschön zu sehen, wie die Epileptischen in der Mitte des Platzes saßen, und rings umher, wie ein starker Wall und die Mauer einer Festung, hatten die Chöre der Sänger, Sängerinnen und Bläser ihren Platz, bis zu zweitausend an der Zahl, und hinter ihnen die andern Festfeiernden. Und noch schöner war es zu hören, wie die Lieder und Chöre der Gesunden und Kranken miteinander wechselten. Tiefer aber als alles, was die Gäste zu bringen hatten, ging uns jedesmal der Psalm der Epileptischen zu Herzen: „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, dann werden wir sein wie die Träumenden.” Und wieder und wieder blieben die Blicke der Gäste haften an den schwermütigen Gestalten, von deren Lippen aus tiefster Seele die Schwermutsklänge kamen: „Herr, wende unser Gefängnis, wie du die Wasser gegen Mittag trocknest!” Stets war ein auswärtiger Freund der Gemeinde geladen, um die Hauptpredigt zu halten. Den Schluß machte dann Vater. Zwei Klänge waren es, die er bei dieser Gelegenheit immer wiederholte. Der eine hieß: Unsere Rechnung ist schlecht, aber recht. Schlecht, wenn wir auf uns selbst sehen, auf unsere Versäumnisse und unser Versehen. Aber recht, wenn wir auf den Herrn sehen und seine wunderbare Durchhilfe. „Habt ihr je Mangel gehabt?” fragte er dann in die epileptischen Kinder hinein. „Habt ihr je Mangel gehabt dies Jahr über?” „Herr, nie keinen!” Und dann gab es immer wieder ein Fragen in die Gemeinde hinein nach all den Wohltaten, die das Jahr gebracht hatte, und die Antworten, die aus den Bänken der Epileptischen kamen, wollten kein Ende nehmen über dem, was jeder immer noch mehr zu nennen und zu danken hatte. Und darum war immer der zweite Klang: „Jedes Jahr ein Klagelied weniger und ein Loblied mehr.”

Einer der eigenartigsten Freudentage, die die Gemeinde erlebthat, war der Besuch des Kaisers und der Kaiserin am 18. Juni 1897. Die Kaiserin kam vom Bahnhof aus unmittelbar nach Bethel, ging dort in ihrer wahrhaft mütterlichen Art von Haus zu Haus, von Bett zu Bett, und wir werden es nie vergessen, wie ihr im Anblick der Elenden die Augen übergingen. Währenddessen fuhr der Kaiser in seinem schönen Vierergespann mit Vater nach Wilhelmsdorf hinaus. Seiner Eigenart entsprechend vertiefte er sich sofort mit höchstem Interesse in die Entwicklung und den Stand der Kolonie und in das ganze Problem der „Brüder von der Landstraße”, gleichzeitig in hohem Maße angezogen und angeregt von Vaters sprudelnder Frische. „Hätten wir doch”, so rief er, Vater auf die Schulter klopfend, seiner Umgebung zu, „in jeder Provinz einen solchen Mann, es stände anders im Vaterlande!” Von Wilhelmsdorf kam dann der Kaiser noch zu kurzem Besuch nach Bethel, wo er sich mit der Kaiserin auf dem Festplatz im Buchenwalde zusammenfand. Zweitausend Bläser, zehntausend Sänger und Sängerinnen der christlichen Jünglings- und Jungfrauenvereine des Landes bildeten den Festchor, der vom Posaunen- und Sangmeister Kuhlo hoch vom Stamm einer Buche aus mit blitzendem Messingstabe geleitet wurde. Tief ergreifend war es, mitzuerleben, wie die Wellen der Vaterlandsbegeisterung verschlungen wurden von der Hochflut der Töne zur Ehre Gottes und seines unvergänglichen Reiches.

Weihnachten aber ging natürlich über alles. Da war am heiligen Abend in der Zionskirche die ganze Gemeinde zur Christfeier versammelt. Wie wußte Vater dann unsere Herzen zur Dankbarkeit zu stimmen gegen Gott, der uns seinen Sohn zum Heiland gab, und gegen die Menschen, die gerade zu Weihnachten in immer wachsendem Maße der Gemeinde der Epileptischen ihre Liebe erwiesen! Das ganze Herz voll innerem Jubel gingen wir heimwärts, um dann in den einzelnen Häusern noch besonders zu feiern.

Auf manchen Stationen der Kranken hatte schon an den vorhergehenden Tagen die Feier stattgefunden, damit ein Haus mit dem andern sich freuen konnte an dem Strom der Liebe, der zu Weihnachten von draußen her in die Gemeinde hineinflutete, und um die kleinen mit so viel Mühe und Freude einstudierten Darstellungen und Deklamationen der Kranken miteinander zu erleben und die Güte Gottes zu preisen. Wir werdenes nie vergessen, mit welcher Kindlichkeit, Inbrunst und Anbetung dann Vater mit den Kindern des Kinderheims, mit den Elendesten und Ärmsten von Patmos, mit den ganz Schwachen von Eben-Ezer, mit den Gemütskranken von Morija vor der Krippe kniete, um ihnen alle einzelnen Figuren zu erklären, und wie er uns alle, Kranke und Gesunde, hineinzog in das selige Geheimnis: „Gott ist geoffenbaret im Fleisch.”

Vaters bereits erwähntes Wort „Die Anstalt gehört der ganzen Christenheit!” war aus seiner innersten Überzeugung heraus gesprochen. So sah er die Aufgabe der Anstalten und darum auch seine eigene Aufgabe an. Er für seine Person gehörte wirklich der ganzen Christenheit, ja der ganzen Welt stand er als Schuldner gegenüber. Seine Liebe kannte keine Grenzen, darum war auch sein Arbeitsfeld unbegrenzt. „Laßt es euch gern sauer werden!” konnte er uns gelegentlich zurufen. Es war in der Tat ein saures Leben, so von aller Welt vom Morgen bis zum Abend um Hilfe angegangen zu werden und niemals ein Ende zu sehen. Aber geklagt hat er nie darüber. Er ließ es sich wirklich gern sauer werden. Es war ihm immer eine Freude, wenn er um etwas gebeten wurde. Er machte es jedem leicht, ihm mit einem Anliegen zu kommen, welcher Art es auch war.

Wie konnte er uns unsere Wünsche, unsere kleinen und großen Nöte entlocken! Für sorgenvolle, traurige Angesichter, die in sein Haus kamen oder ihm unterwegs begegneten, hatte er immer das Auge der zartesten Liebe. Dann konnte seine Stimme den Klang annehmen, mit dem die Mutter ihrem verzagten Kinde seine Last, sein Geheimnis entlockt. „Hast du einen Kummer? Darfst ihn mir wohl sagen; — vielleicht nur ein Kümmerchen? ein ganz kleines Kümmerchen? Ich sage es auch niemand.” Manchmal wurde schon allein über solchem Klang der Kummer zum Kümmerchen, das Kümmerchen zum kleinen Kümmerchen und verschwand wie der Nebel im Schein dieser sonnenhaften Liebe.

Aber wer dann doch mit einem Schmerz, einem Anliegen, einem Wunsch herauskam — ungetröstet ging keiner von ihm. Er gab immer etwas. Er konnte natürlich nicht alle Bittenerfüllen, die an ihn herankamen. Aber ganz leer ging man niemals davon, es mochte nun ein Briefchen sein, das er einem aufgeregten Kranken an seinen Hausvater mitgab, oder ein Ratschlag oder ein kurzer väterlicher Zuspruch — etwas bekam jeder mit.

Und niemals war er in Hast. Auch wenn im letzten Augenblick der Abreise jemand kam, niemals gab es ein rasches Abweisen. „Liebes Herz, komm ein andermal wieder! Du siehst, ich habe jetzt knappe Zeit.” Aber eben wiederkommen, man durfte immer wiederkommen! Kam jemand mit äußeren Anliegen, so blieb es sein Grundsatz, nicht zu leihen, sondern entweder zu schenken oder Arbeit zu geben. Er hatte es seit Paris zu oft erfahren, daß man ihn immer wieder angeborgt, ihm aber fast nie zurückgegeben hatte. Natürlich machte er auch Ausnahmen von diesem Grundsatz, aber nur in sehr seltenen Fällen. Kam ein Schneider, der um Hilfe bat, so verfiel Vater immer wieder auf den Ausweg, sich eine Weste machen zu lassen. Einen ganzen Anzug konnte er nicht anwenden, aber eine Weste, eine Weste! „Lieber Freund, können Sie mir wohl eine Weste machen?” Als er seine Augen geschlossen hatte, war die unterste Lade seiner Kommode ganz voll von Westen!

Bei solcher Hilfsbereitschaft konnte es natürlich nicht anders sein, als daß sein Schreibtisch sich immer aufs neue füllte mit Bittbriefen der verschiedensten Art und sein Zimmer mit Bittstellern von nah und fern. Für die Beantwortung der brieflichen Bitten um Rat und Hilfe erstand ihm in Missionar Layer die stille, nie ermüdende Hilfe. Bei denen, die selbst kamen, sah er es schnell den Gesichtern ab, ob er ihr Anliegen in Gegenwart seines Sekretärs und des Kandidaten erledigen konnte oder ob es unter vier Augen geschehen müsse. „Geh ins Stübchen!” hieß es dann. „Ich komme.”

Begreiflicherweise konnte es auch geschehen, daß er nicht kam, sondern im Gedränge der Arbeit den Wartenden vergaß. Sechs Stunden lang hat einmal ein armer sorgenvoller Schuster im Stübchen unter dem großen aus Holz geschnitzten Kruzifix gesessen, ohne sich ans Licht zu wagen, offenbar in dem Gefühl, daß das geduldige Warten zum ersten Teil der Hilfe gehöre. Aber als er dann endlich entdeckt wurde, ist er doppelt getrost seine Straße gezogen.

Natürlich waren es nicht immer nur Personen, sondern auch allgemeine Anliegen, die an Vater herantraten. Eine Gemeinde möchte eine Eisenbahn-Haltestelle haben und bedarf der Fürsprache beim Ministerium. Ein Kirchbau ist ins Stocken geraten. Über ein Diakonissenhaus sind schwere Irrungen gekommen. Eine Anstalt ist zerfallen mit ihrem Vorsteher. Die Außenbezirke von Bielefeld haben Rat und Tat nötig zur Errichtung selbständiger Kirchengemeinden. In Ems sind die Kurgäste ohne geistliche Versorgung und bedürfen einer Kirche. Die Waisen und Witwen der südafrikanischen Buren leiden Mangel usw. Es ist unmöglich, die großen und kleinen Nöte aufzuzählen, die von nah und fern an ihn herandrangen. Aber wo er sich einer Sache annahm, da setzte er seine ganze Person ein, unter Umständen auch seine ganze Leidenschaft. Denn jede Lieblosigkeit, namentlich wenn sie im äußeren Gewande der Frömmigkeit kam, konnte sein Innerstes aufs tiefste erregen und sein Angesicht glühend, bisweilen sogar weiß machen vor Zorn.

Oft dauerte es Jahre, ja Jahrzehnte, bis im einzelnen Fall das Ziel erreicht, der Friede hergestellt, die Gemeinde aufgerichtet, die Kirche gebaut war — aber was einmal angefangen wurde, das wurde auch durchgeführt mit großer Zähigkeit und in dem ritterlichen Sinn, der sich gerade der Schwachen am liebsten annimmt und den Kampf nicht scheut.

Vaters unermüdliche Liebe — das konnte natürlich nicht ausbleiben — weckte Gegenliebe. Weil er selbst half, wo er nur konnte, darum wurde ihm auch geholfen. Weil er selbst sich so gern bitten ließ, darum gönnte er die Freude, gebeten zu werden, auch andern.

Schon in den ersten Jahren der Arbeit in Bethel kam einmal Georg Müller, der Vater der Waisen von Bristol, zu uns. Er sprach einen Abend in der Kapelle von Sarepta. Vater fühlte sich diesem Mann des Glaubens innerlich verwandt. Doch Müllers Meinung, daß man nur Gott, aber nicht Menschen bitten dürfte, billigte er nicht. Überhaupt hatte er die Überzeugung, daß Müller sich täusche, wenn er meinte, er bäte Gott, aber nicht Menschen. Müllers ausführliche Berichte über den Fortgang seiner Arbeit, vor allem aber seine immer erneuten Nachrichten über die wunderbare Erhörung seiner Gebetewaren in Vaters Augen ganz deutliche Bitten, die an Menschen gerichtet wurden, wenn auch in verhüllter Form.

Aber gerade diese verhüllte Form liebte Vater nicht. Er mußte an seiner Freude zu helfen alle teilnehmen lassen, und das konnte er nur, wenn er mit einer klaren, deutlichen Bitte an die Türen und an die Herzen klopfte. Darum trat er auch stets für die Notwendigkeit und das Recht der Hauskollekten ein und wurde nicht müde, die Berufskollektanten, die tagaus, tagein in Hitze und Frost und Regen ihre Sammelwege gingen, für ihren mühseligen, entsagungsvollen Dienst zu ermuntern. Daß er nur im Aufblick zu Gott bei den Menschen anklopfen konnte, verstand sich für ihn von selbst.

Wie oft trat er mitten aus der Arbeit ganz unvermerkt an sein Fenster! Wir wußten, was da vor sich ging. Aber es blieb sein und auch unser Geheimnis. Von seinem persönlichen Gebetsleben hat er nie gesprochen. Er hat die großen Verheißungen, die dem Gebet geschenkt sind, immer wieder vor der Gemeinde und im Familienkreise gepriesen, aber nie zum Gebet gedrängt. Er wußte, daß dies Größte, Heiligste, Gewaltigste, durch das Erde und Himmel bewegt werden, ohne alles Zutun eines Menschen entsteht. Darum waren ihm auch die öffentlich abgekündeten Gebetsversammlungen wesensfremd. Für ihn war das Gebet das große Vorrecht der Gemeinde, des Familienvaters, jedes einzelnen Christen und der kleinen verborgenen Häuflein, aber eine öffentliche Abkündigung des Gebetes liebte er nicht und nahm darum auch nicht an diesen Veranstaltungen teil.

Die große Zuversicht aber, mit der er in der Verborgenheit oder mit der ganzen Gemeinde Gott um seine Hilfe bat, machte ihn nun auch zuversichtlicher, die Menschen zu bitten. Was er Gott gesagt hatte, warum sollte er das nicht Menschen sagen? Da kannte er keine Grenzen und kein Geheimnis. Die Hilfe, die er suchte, war nicht Geld, sondern Menschen. „Ein Tröpflein Liebe”, sagte er oft, „ist mehr wert als ein ganzer Sack voll Gold.” Um Liebe warb er. Hatte er sie gewonnen, so waren natürlich Geld und Gut und jede Art irdischer Hilfe auch gewonnen. „Ich suche nicht das Eure, sondern euch”, das drang durch alle seine Bitten hindurch. Und wie taten sie unbeschreiblich wohl! Hier wurde das Herz in seiner Tiefe bewegt. Hier wurde der Mensch nicht immer wieder erinnert ansein armes, totes Geld, sondern befreit von seinem Geld, emporgehoben über sein Geld und zu lebendiger Mitarbeit berufen mit allem, was er war und hatte.

Dieser persönliche Klang zog sich durch alle seine Berichte. Man fühlte ihnen ab: sie sind nicht mit der Absicht geschrieben, Geld herauszuschlagen. Sie gingen tiefer als ins Portemonnaie, sie drangen ins Gemüt, ins Gewissen, in die Welt der Gedanken und des Willens, in das Innerste der Person. Und immer waren sie so geschrieben, daß auch der Geringste sie verstehen konnte.

Schon in Basel hatte er die Batzen-Kollekte kennen gelernt. So führte er kurz nach seinem Eintritt in Bethel die Pfennig-Kollekte ein. Jedesmal zehn Freunde der Arbeit erklärten sich bereit, wöchentlich fünf Pfennig für die Pflege der Epileptischen beizusteuern. Einer von den zehn übernahm das Einsammeln und die Verbindung mit Bethel. Oft war es eine Witwe oder ein Krüppelkind, die den Mittelpunkt eines solchen kleinen Kreises bildeten, wöchentlich von Haus zu Haus zogen, um die Gaben in Empfang zu nehmen, und alle Vierteljahr das Blatt mitbrachten, das aus der Arbeit in Bethel berichtete.

Nie ging Vater auf mächtige, wohlhabende, angesehene Persönlichkeiten in erster Linie aus, sondern immer vor allem auf die Kleinen, Schwachen, Geringen. Es besuchte ihn einmal ein Pastor, der für ein großes Hilfswerk eine Stadt nach der andern bereiste, aber nur zu den Reichen ging, nur große Gaben wünschte und auch bekam. Aber es waren nur einmalige Gaben. Nach kurzer Zeit brach das Werk zusammen. Es war nicht in der Tiefe gegründet gewesen. Vater konnte umgekehrt eher erschrecken, wenn er eine ganz große Gabe bekam. Wie, wenn das bekannt würde?! Dann würden seine kleinen Gehilfen und Mitarbeiter hin und her im Lande denken können, ihr Dienst sei jetzt unnötig, während doch gerade aus den kleinsten und verborgensten Quellen und Rinnsalen der Strom entstand, der die immer wachsende Last des Elends, die sich in Bethel sammelte, auf starkem Rücken trug.

Diese Überzeugung, daß die kleinsten Mithelfer die sichersten seien, gab dann auch wieder und wieder die glückliche Form für seine Bitten. Als es sich um den Bau einer Wasserleitung handelte, berechnete er genau die Wassermenge und die Kosten der Leitung. Es stellte sich heraus, daß die neue Anlagetäglich 50 000 Liter liefern würde und daß zu ihrer Fertigstellung rund 50 000 Mark nötig seien, also für jeden Liter eine Mark. Damit war die Bitte gegeben:

„Ein Liter kalten Wassers!

Vor zehn Jahren haben die Freunde der epileptischen Kranken uns schon einmal ein köstliches Weihnachtsgeschenk gemacht in Gestalt eines frischen Wassertrunkes, da sie uns eine Gebirgsquelle kaufen und in unsere Anstalten leiten halfen. O wie dankbar waren wir, als zu Weihnachten das frische Wasser in unsern Häusern plätscherte! In den zehn Jahren ist aber die Zahl unserer Anstaltsglieder von 1000 auf 3000 Seelen gewachsen, und was damals reichte, reicht heute längst nicht mehr. Aus vielen Häusern dringt mir jetzt, sooft ich mich sehen lasse, der Ruf entgegen: „Wasser! Wasser!” Wer jemals diesen Ruf von den Lippen armer Verwundeter und Sterbender in den heißen Schlachttagen 1866 und 1870 vernommen hat, der vergißt ihn nie! Aber auch in Friedenstagen tut ein solcher Ruf weh. Frisches Wasser ist namentlich für Kranke eine sehr große Wohltat.

Brunnen graben hilft bei uns nichts, sie versiegen im Sommer. Wir haben, um uns zu helfen, eine zweite Wasserleitung aus dem Gebirge zu legen beschlossen. Dazu aber mußten wir in den sauren Apfel beißen und einen kleinen Bauernhof kaufen, der ein Recht auf das Wasser hatte und der auf keine andere Weise das Wasser abgeben wollte. Das wird ja nun freilich teures Wasser! Mit den Kosten der Leitung müssen wir mindestens 50 000 Mark dafür ausgeben, bekommen dann aber auch täglich 50 000 Liter köstliches Gebirgswasser, also für je eine Mark Anlagekapital täglich für alle Zeit einen Liter Wasser und das ohne jede Arbeit hoch in alle Häuser hinein und außerdem den kleinen Bauernhof mit drei Häusern im Gebirge, die wieder einem kleinen Teil der immer noch so großen Zahl wartender Kranker eine so erwünschte Heimat gewähren können.

Immerhin wird es uns sehr schwer, neue 50 000 Mark Schulden auf uns zu laden. Damals haben uns etwa 12 000 Geber je 50 Pfennig geschenkt und uns so die große Weihnachtsfreude bereitet. Wie wäre es, wenn jetzt jeder Leser sammelte, um für alle Zukunft täglich unsern armen Krankeneinen Liter frischen Wassers zu reichen! Wäre das nicht ein liebliches Weihnachtsgeschenk? Ich halte es nicht für unmöglich, daß Gott uns wiederum diese Freude bereitet, und ich wage zu bitten: Frisch ans Werk!


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