Chapter 13

„Des rechten Reiters Hand ist beides zugleich:So fest wie Eisen, wie Wachs so weich.Sei fest wie Eisen und weich wie Wachs,So zwingst du schließlich den frechsten Dachs.”

„Des rechten Reiters Hand ist beides zugleich:So fest wie Eisen, wie Wachs so weich.Sei fest wie Eisen und weich wie Wachs,So zwingst du schließlich den frechsten Dachs.”

Manchmal hat Vater gebangt, ob es gelingen würde.

Einmal erschien ein kräftiger Angriff in der sozialdemokratischen Zeitung Bielefelds gegen die Kolonie, besonders gegen ihre Arbeit an den Zöglingen. Es sollten schwere Übergriffe der Pfleger vorgekommen sein. Sofort schrieb Vater an den Redakteur der Zeitung und bat ihn, am andern Morgen um sechs Uhr sich mit ihm auf dem Bahnhof in Bielefeld zusammenzufinden, damit sie gemeinsam an Ort und Stelle die Sache untersuchten und die Angriffe auf ihre Haltbarkeit prüften. Wirklich stellte sich der Redakteur ein. In vierstündiger Fahrt erreichten sie das Moor, untersuchten miteinander den Sachverhalt, fuhren zusammen zurück, und am andern Tage gab der Redakteur in seiner Zeitung eine Berichtigung, die neben kleinen Einwendungen auf eine allseitige Anerkennung der Arbeit von Freistatt hinauslief.

Die tiefe Achtung aber, die Vater den Verachteten unter den Menschen und auch dem verachteten Moor erwies, hat sich reichlich gelohnt. Heute kann Freistatt alle Öfen der Muttergemeinde in Bethel, soweit es sich nicht um die Zentralheizungen der großen Krankenhäuser handelt, durch den schwarzen Pechtorf mit Brennmaterial versorgen. Und was noch wertvoller ist, die Muttergemeinde Bethel und ihre Zweigkolonien, die heute an Kranken und Gesunden etwa 8000 Seelen umfassen, erhalten einen Teil ihrer Lebensbedürfnisse aus den Weiden, Feldern und Ställen von Freistatt.

Im Sommer 1895 hatte Professor Harnack im Kreise seiner Studenten über das Apostolikum gesprochen. Die Äußerungen waren wider den Willen Harnacks in die Öffentlichkeit gedrungen, und darüber war ein heftiger sogenannter Apostolikum-Streit entstanden. Streitschriften hin und her waren gewechselt worden.

Einige von diesen Schriften hatte Vater gelesen. Aber Wortkämpfe über Dinge des Glaubens hatte er immer gemieden. Ihn trieb es auch jetzt wieder zum Handeln. An eine reformatorische Kirchentat dachte er nicht. Immer erneut hatten wir es ihn sagen hören, daß nach seiner Überzeugung die Verkündigung des Evangeliums selten so ungehindert im Vaterlande habe geschehen können als jetzt. Er war im Jahre 1892 während eines Ferienaufenthaltes in Oberhof in sehr herzliche Beziehungen zu Geheimrat Althoff aus dem Kultusministerium getreten, dem damaligen nahezu allmächtigen Diktator bei allen Fragen, die die Besetzung der Lehrstühle aller Fakultäten betrafen. Vater hatte in Althoff einen Mann kennen gelernt, der ohne Voreingenommenheit bereit war, jeden wissenschaftlich wirklich bewährten positiven Gelehrten der theologischen Arbeit der Universitäten zuzuführen.

Aber die ausschließliche Beschränkung auf die staatlichen Bildungsanstalten sah Vater nicht als ein Glück der Kirche an. „Die evangelische Kirche”, sagte er, „hat sich viel zu lange gewöhnt, sich auf den staatlichen Arm zu verlassen, und darüber ist sie eingeschlafen.” Er für seine Person hatte die tiefsten wissenschaftlichen und persönlichen Anregungen von Männern empfangen, die, wie seine Lehrer in Basel, nicht aus staatlichen Fakultäten hervorgegangen waren, sondern aus den Kreisen freier Körperschaften. So sah er in dem Dienst dieser freien Körperschaften, wie sie sich in der Arbeit der Inneren und Äußeren Mission durch ein Jahrhundert bewährt hatten, eine wesentliche Ergänzung der kirchlich organisierten Arbeit und der theologischen Fakultäten. Warum sollte die Christenheit, wenn sie freie Anstalten der Inneren und Äußeren Mission schuf, nicht auch berechtigt und in der Lage sein, eine freie theologische Fakultät zu schaffen, und zwar nicht in einer der verführungsreichen Großstädte, sondern am besten in einer lebendigen Christengemeinde inmitten gesunden christlichen Volkslebens? Darum schlug er als Heimat einer solchen kleinen Fakultät die Stadt Herford im Ravensberger Lande vor. Diese Gedanken legte er unter dem Titel „Eine freie theologische Fakultät” in einem Aufsatz dar, der zunächst in der kleinen konservativen Zeitung Bielefelds erschien und dann in vielen Sonderdrucken verbreitet wurde.

Neben einzelnen Zustimmungen war ein Sturm von Einwendungendie Antwort. Aus allen kirchlichen und theologischen Lagern kamen die Gegenstimmen.

Es war das einzige Mal, daß Vater, statt zu handeln, zunächst nur einen Gedanken, einen Plan zur Diskussion gestellt hatte. Überall stieß er auf Bedenklichkeit und Ängstlichkeit. Namentlich hatten sich an dem Wort „Fakultät” viele seiner akademischen Freunde gestoßen. Er mußte den Gedanken zurückstellen. Immerhin war sein Ruf nicht umsonst gewesen. Es trat ein Kreis von Freunden des kirchlichen Bekenntnisses in Rheinland und Westfalen zusammen, der die Gründung eines Studienhauses an der Universität Bonn in die Hand nahm und auch rasch zur Durchführung brachte. Schon im Sommer 1896 stand das Haus zum Einzug fertig, und unser jüngster Bruder war unter den ersten Studenten, die darin für ihre Studien willkommene Heimat und Anleitung fanden.

Aber das, was Vater gewollt hatte, war damit doch nicht erreicht. Nun traf er im Jahre 1903 während einer Erholungszeit in Amrum mit dem alten Pastor Speckmann zusammen, dem Vater des bekannten Schriftstellers. Speckmann war unter Louis Harms Lehrer am Missionshause in Hermannsburg gewesen und stand jetzt in einer hannoverschen Gemeinde. Die tiefen, klaren Beiträge, die er zu den gelegentlichen kleinen Bibelbesprechstunden der Badegäste lieferte, taten Vater besonders wohl und zogen sein ganzes Herz zu dem bescheidenen, stillen Mann hin.

Einmal traf er ihn am Strande tief in Gedanken versunken. „Brüderchen, was hast du?” fragte er ihn. Und nun entlockte er Speckmann die Sorge um seinen jüngsten Sohn. Er hatte ihm nichts als Freude gemacht, stand jetzt vor dem Abiturientenexamen und wollte Theologie studieren. Aber Speckmann wußte nicht, zu welcher Universität er ihm raten sollte. Zugleich mit dem mangelnden Vertrauen zu einer großen Zahl der deutschen theologischen Lehrer an den verschiedenen Universitäten drückte ihn der Gedanke an die Unruhe und Verführung so vieler Universitätsstädte und die Sorge, seinen Sohn in den Strudel einer streitenden Wissenschaft und einer von Gott abgelenkten Stadtwelt hineintauchen zu lassen.

Diese Sorge ging Vater durchs Herz. Einem Vater, einem Sohn galt es zu helfen. Aber wie? Da tauchte mit elementarer Gewalt der alte Gedanke einer freien theologischen Schule aufsneue auf. Diesmal vermied Vater die Öffentlichkeit und sammelte in der Stille einen ganz kleinen Kreis von Freunden, die die Sache mit ihrem Herzen und mit ihren Mitteln zu tragen bereit waren. Wenn ich mich recht besinne, waren es Schwester Eva von Tiele-Winckler, Pastor Leydhecker von Frankfurt a. M. und Kommerzienrat Bansi in Bielefeld. Ebenso sah er sich auch in aller Stille nach den geeigneten Lehrkräften der Schule um, besuchte persönlich Pastor Jäger in Eisleben, um ihn an seinem Arbeitsplatz kennenzulernen, und ließ sich von diesem und von dem Sohn des Professors Kähler in Halle das Jawort geben, als Dozenten an der theologischen Schule einzutreten.

Bei Gelegenheit der theologischen Woche in Bethel im Herbst 1904 trat er dann aufs neue mit dem Gedanken hervor. „Ich frage euch nicht mehr,” sagte er, „ob das Kind leben soll; es lebt schon, und ihr sollt es bloß aus der Taufe heben.”

Gleichzeitig warf er in einer ausführlichen Schrift den Gedanken neu in die Öffentlichkeit. Es war die Zeit, in der die Abschaffung des Jesuitengesetzes wieder einmal von der Zentrumspartei vor das Abgeordnetenhaus gebracht war. Man hatte von Vater, der damals Mitglied des Abgeordnetenhauses war, erwartet, daß er im Landtag gegen die Jesuiten und gegen die Abschaffung des Gesetzes, das die Jesuiten ausschloß, Stellung nähme. Er hatte es nicht getan. In einer Schrift „Wie kämpfen wir siegreich gegen die Jesuitengefahr?”[1]rechtfertigte er eingehend seine Stellung. Tiefer vielleicht als bei irgend einer andern seiner Schriften ist hier Vaters Feder in Glut getaucht. „Wir haben die Gegner nicht gerufen,” schrieb er darin, „aber indem sie heranrücken, wollen wir nicht protestieren und jammern, sondern uns ernstlich und mutig mit Waffen der Gerechtigkeit zum Kampfe rüsten. Hier gilt es nicht Übermut, sondern Demut, nicht Selbsterhebung, sondern Buße, nicht Verzagtheit, sondern Glaube. Damit, daß wir unsere Gegner schlecht machen, ist uns nicht geholfen; wir müssen selbst besser werden.”

[1]Das Heft (39 S.) ist in der Schriftenniederlage der Anstalt Bethel erschienen.

[1]Das Heft (39 S.) ist in der Schriftenniederlage der Anstalt Bethel erschienen.

Wie er dieses Besserwerden verstand, legte er im zweiten Teil der Schrift eingehend auseinander, wo er die Gründe fürdie Aufrichtung der theologischen Schule erörtert und folgendes sagt:

„Gefährlicher, grundstürzender, bis in das tiefste Mark hinein vergiftender als die weiter geöffnete Tür für die Väter der Gesellschaft Jesu, das sage ich frei heraus, ist eine andere Not, die unseres Kirche an ihrem eigenen Busen großzieht. Unaufhaltsam ergießt sich eine Flut glaubensloser und oft pietätloser Kritik von den theologischen Lehrstühlen unserer deutschen Hochschulen über unsere arme theologische Jugend und rüttelt an der Grundlage unseres Glaubens, nämlich an der Heiligen Schrift. Viele junge Theologen ziehen fröhlich im Glauben auf die Universität und kommen mit zerbrochenem Glauben zurück. Es schreien viele Vater- und Muttertränen gegen solche grausamen Seelenhirten auf evangelischen Lehrstühlen. Ich würde doch viel lieber Steine klopfen als solche Arbeit treiben. Wer zwingt die Leute zu solchem grausamen Dienst? Um Glauben kämpfende, um Gewißheit ringende, wissenschaftlich fleißige und gründliche, nicht fertige, aber immer tiefer in die Wahrheit eindringende Männer der Schule kann ich gut leiden; aber nicht solche, die ihre leichtfertigen Zweifel und hoffärtigen Fündlein als sichere Resultate der Wissenschaft ihren Schülern darbieten. Diese Männer stehen sicher nicht auf des Heilands Wort Johannes 7, 17.

Selbstverständlich wird mit der Heiligen Schrift auch alles unsicher, was den Trost eines armen Sünders im Leben und Sterben ausmacht, was ihm Kraft zum Sieg über die Sünde und Fortschritt in der Lebenserneuerung darbietet. Christi Person und Werk wird nicht nur in immer nebelhaftere Umrisse gehüllt, sondern verschwindet endlich ganz. Man bedarf sein nicht mehr. Ein für uns gestorbener, für uns auferstandener, für uns zur Rechten des Vaters thronender König und Hoherpriester ist er nicht mehr. Daher gibt es auch für die Menschheit keine Auferstehung, kein ewiges Leben mehr, sondern ein wesenloses Fortleben der Seele, wie es alle Heiden haben.

Der selige Martin Boos, Goßners Freund, der bekanntlich bis in seinen Tod seiner Kirche treu und katholischer Priester blieb, schrieb einmal in einem seiner letzten Briefe: „Es ärgert mich vieles an meiner Mutter, am allermeisten aber, daß sie dem Evangelium so feindlich ist.” So möchte ich vielmehr von der evangelischen Kirche sagen: „Es ärgert mich vieles an meinerMutter, am allermeisten aber, daß sie solche Feinde des Evangeliums auf den theologischen Hochschulen sitzen hat.”

Aber noch weniger als ich den Staat zum Verteidiger der Kirche gegen die Jesuiten in die Waffen rufen möchte, möchte ich ihn gegen diese Irrlehrer mobil machen und sie mit Polizeigewalt von ihren Stühlen stoßen. So hat es der Heiland auch nicht gemacht, als er klagte: „Auf Mosis Stuhl sitzen die Schriftgelehrten und Pharisäer”, sondern er hat sich von ihnen ins Gesicht schlagen und speien lassen und hat sie überwunden, indem er für sie blutete, betete und starb. Schlechte Theologen werden ebenso wenig wie falsche Jesuiten durch polizeiliche Maßregeln überwunden. Ich weiß es wohl, daß es kein normaler Zustand ist, wenn der Staat solche Männer auf die theologischen Lehrstühle setzt und sie unsern jungen Theologen zu ihren ordentlichen Lehrern bestellt und jene hernach durch eine staatliche Prüfungskommission prüfen und durchfallen läßt (ich habe dies bei einem meiner liebsten Konfirmanden erfahren), wenn sie nun von dem Geiste und dem Unglauben ihrer Lehrer durchtränkt sind und sich ehrlich zu diesem Unglauben bekennen. Aber was kann der Staat da machen? Was können wir von ihm verlangen?

Wenn schon die staatliche theologische Prüfungskommission von ihren Kandidaten nicht wohl mehr verlangen kann als den Beweis ihres treuen Fleißes und ihrer wissenschaftlichen Tüchtigkeit, so kann der Staat bei den theologischen Lehrern noch viel weniger ein examen rigorosum (hartes Examen) auf ihre Rechtgläubigkeit anstellen. Dann würde man in beiden Fällen nur Heuchler schaffen. Auch auf dem Gebiete der Wissenschaft geht es ohne heiße Kämpfe nicht zum Sieg.

Gleichzeitig mit dem Kampf um die Jesuiten und dem ungleich wichtigeren um die theologischen Lehrer an den Universitäten durchzieht die evangelischen Landeskirchen Deutschlands eine andere Bewegung, die ihr auch in die Flanken schlägt und sie aus dem Schlafe aufrüttelt. Es ist die Gemeinschaftsbewegung.

Diese Bewegung ist ohne Zweifel in ihrem innersten Kern gut und heilsam, ähnlich derjenigen, die im 18. Jahrhundert durch Spener, Francke, Zinzendorf dem Vernunftglauben und der toten Rechtgläubigkeit gegenübertrat. Ihre Führer und Glieder sind wenigstens der überwiegenden Mehrheit nach dasSalz unserer Gemeinden. Sie begnügen sich nicht damit, äußerlich ihre kirchlichen Pflichten zu erfüllen und einen ehrbaren Wandel zu führen, sie machen ganzen Ernst mit den Forderungen der Heiligen Schrift, dringen auf gründliche Umkehr, wollen schriftgemäß nicht nur einen Jesus für uns, sondern auch einen Jesus in uns haben, wissen, daß ohne Heiligung niemand den Herrn sehen wird, sind auch keine Kopfhänger, sondern fröhliche Leute, die mit Lied und Lobgesang Hand in Hand in geschwisterlicher Liebe ihre Straße ziehen in den Fußtapfen des Anfängers und Vollenders unseres Glaubens und keine größere Freude kennen, als auch andere Seelen zu dem Freund zu locken, der ihres Herzens Freude ist. „Heilig, selig ist die Freundschaft und Gemeinschaft, die wir haben und darinnen uns erlaben”, — so singen sie auf ihrem Wege nach Jerusalem. Wie sollte man sich über eine solche Bewegung nicht freuen, die unter Leitung besonnener Männer in gesunden Bahnen einhergeht!

Aber freilich läßt sich nicht leugnen, daß diese Bewegung in ihren Ausläufern bereits bedenkliche Krankheitsspuren zeigt. Sie ist es ja nun ganz besonders, — das muß man ihr zu ihrem Ruhm nachsagen — die gegen die Angriffe der Männer der Wissenschaft für unsere liebe Bibel eifert. Sie ist besonders die Kirche der Laienprediger, unter denen zweifellos treffliche, geisterfüllte Männer sich befinden, denen an volkstümlicher Beredsamkeit und Liebesglut viele ordinierte Pastoren nicht das Wasser reichen können. Solche Laienpredigt nach dem Vorbild der beiden „Tischdiener” Stephanus und Philippus ist sicher köstlich, wenn sie in der Demut bleibt. Allein sie schlägt vielfach über die Stränge; sie fängt an, gegen jede Wissenschaft zu eifern, sieht bereits in jedem Theologen, jedem Geistlichen, der von der Hochschule kommt und die vom Staat geforderte theologische Vorbildung empfangen hat, einen unbekehrten Mann, einen Bibelfeind. Es gibt unter diesen Laienpredigern eine Anzahl minderwertiger Agitatoren, die, ohne selbst jemals die Heilige Schrift durchforscht zu haben, mit auswendig gelernten Schlagworten um sich werfen, die edelsten Führer dieser Bewegung nachäffen und, ohne sich jemals selbst bekehrt zu haben, als höchstens zu ihrem eigenen Ich, auf Bekehrung dringen. Sie machen aus der Heiligen Schrift, dieser wunderbarsten und köstlichsten aller Gottesgaben, die je durch menschliche Werkzeugezustande gekommen ist und die zu freier Gotteskindschaft führen soll, ein hartes, totes Gesetzbuch, das zur Menschenknechtschaft führt, und werfen einfältigen Leuten Lasten auf den Hals, die sie selber nicht tragen mögen. Wenn sie, mit vollem Recht, wegen ihrer Hoffart gestraft werden, sehen sie sich als Märtyrer an, finden in jedem Geistlichen der Landeskirche einen Baalspfaffen, lehren ihre Zuhörer auch jeden Christen, der sich nicht zu ihrer Gemeinschaft hält und in ihre Schlagworte nicht einstimmt, für einen unbekehrten, unwiedergeborenen Menschen halten und von oben auf ihn herabsehen. So ziehen sie leider manche der edelsten Christen von Christo hinweg in die geistliche Hoffart und die Nachfolge des Verklägers der Brüder. Das ist eine schmerzliche Tatsache.

So leidet unsere liebe Bibel von beiden Seiten Not, durch die pietätlosen Kritiker auf den Hochschulen und durch ihre unverständigen Verteidiger in unsern Gemeinschaften.

Wie kann hier geholfen werden? Wahrlich nicht durch ein Lanzenstechen im Abgeordnetenhaus und Angriffe gegen den Kultusminister, wie mir dies zugemutet worden ist. Ich kann den letzten sechs Kultusministern das Zeugnis nicht versagen, daß sie sich redlich bemüht haben, nicht nur gründlich gelehrte, sondern auch herzensfromme Lehrer unserer theologischen Jugend zu verschaffen. Und es wäre Sünde gegen Gott, wenn wir nicht von Herzen dankbar sein sollten für das, was seine Güte in den letzten fünfzig Jahren auch durch die Handreichung des Staates an geisterfüllten Lehrern unserer theologischen Jugend gespendet hat. Ich nenne nur Männer wie Beck, Auberlen, Neander, Hengstenberg, Nitzsch, Tholuck, Müller, Hofmann, Delitzsch, Luthard, Kähler, Cremer, Schlatter, zu deren Füßen ich mit meinen drei Söhnen, teils als Student, teils als Pastor habe sitzen und von deren Lippen ich klares Lebenswasser für meine Seele habe trinken dürfen. Eine solche Blütezeit hat die evangelische Theologie seit der Reformationszeit nicht wieder gehabt. Wenn nicht alle deutschen, so hat doch jede preußische Hochschule auch jetzt noch Männer, die unsere Jugend nicht nur zum freien Jungbrunnen der demütigen theologischen Wissenschaft, sondern auch zu dem freien offenen Born wider alle Sünde und Unreinigkeit führen, der auf Golgatha quillt. Und wenn ich auf die fast zweihundert Kandidaten der Theologie blicke, die in den letzten achtzehnJahren hier in unserer großen Kolonie von Elenden aller Art als Glieder des theologischen Konvikts die Schürze der dienenden Liebe sich umgebunden haben und von denen über zwanzig zu den schwarzen Brüdern Afrikas hinausgezogen sind, um ihnen die Kunde vom gekreuzigten Gottessohn zu bringen, so kann ich mich nicht genug freuen, wie viele von ihnen nicht bloß ein gründliches Wissen, sondern auch einen lebendigen Glauben, der in der Liebe tätig war, von den deutschen Hochschulen mitgebracht haben.

Dennoch kann ein schmerzlicher Mangel an lebendigen gelehrten Zeugen des Evangeliums an unsern Hochschulen nicht geleugnet werden, an Männern, die voll Geist, Glut und Kraft (namentlich in bezug auf das Alte Testament) den Umstürzlern die Spitze bieten und ihnen gründlich heimleuchten können. Aber solche Zeugen kann weder ein Minister schaffen noch ein Oberkirchenrat, weder eine Generalsynode noch ein Generalsynodalrat, wiewohl ich den drei letztgenannten gerne einen größeren Einfluß, wenigstens ein volles Vorschlagsrecht und ein volles Veto bei der Besetzung der theologischen Lehrstühle erkämpfen möchte.

„Fromme Lehrer der Kirche”, so pflegte mein seliger FreundD.Kögel zu sagen, „sind ein Gnadengeschenk Gottes, sie können nicht von Menschen gefordert, sondern müssen von oben erbeten werden.” Und dies wäre vor allem eine köstliche Arbeit unserer gläubigen Gemeinschaftskreise. Wenn sie erst einmal Lehrer auf den theologischen Lehrstühlen sitzen haben, von denen sie in Wahrheit sagen können: „Sie sind vom Herrn erbeten”, dann werden sie auch vor falschem Richtgeist und vor aller verzagten und selbstsüchtigen Kirchenflucht bewahrt werden und ein gutes Salz unserer Volkskirche bleiben und immer mehr werden.

Auf unserem schönen Friedhof in Bethel ruht Wilhelm Heermann, „der Freund des Ravensberger Volkes”, den wir gern und mit Recht den Begründer unserer Anstalten nennen. (Siehe Seite 202 ff.). Er schalt nicht auf Pastoren, auf Kirche und Kirchenregiment, meinte auch nicht bei seiner seltenen Zeugengabe, er könne die Sache nun besser machen als alle Geistlichen; sondern er sammelte kleine Gemeinschaften betender Christen, und hier betete man um treue Lehrer des Evangeliums. Dies Gebet wurde erhört.

Auch unsere arme Gemeinde fallsüchtiger Kranker auf dem Zionsberge zu Bethel möchte gern an ihrem bescheidenen Teil etwas Steine und Kalk zurichten, damit Zion gebaut werde. Und wie das?

Zunächst in der Weise ihres lieben Begründers auf dem Friedhof zu Bethel, daß sie den Herrn der Kirche um treue Diener des Evangeliums für Kirche, Schule und Haus bittet, gestützt auf das Wort: „Das Verlangen der Elenden hörest du, Herr; ihr Herz ist gewiß, daß dein Ohr darauf merket.” Psalm 10, 17. Vielleicht kann sie aber dem Gebet auch eine Tat hinzufügen. Sie möchte es sehr gern.

Man sollte neben den staatlichen theologischen Fakultäten zunächst eine (gibt Gott sein Ja und Amen zu diesem Erstling, später mehrere) freie theologische Vorschule aufrichten, die nicht etwa gegen die Landeskirche und gegen die bestehenden Universitäten, sondern lediglich für beide arbeitet und ihnen in einer stillen Rüstkammer gute Werkzeuge schmiedet und sie im Feuer des göttlichen Wortes so stählt, daß sie, innerlich erstarkt, getrost die staatlichen Universitäten beziehen und daß, will’s Gott, aus ihnen tüchtige Lehrer und Seelsorger für die Landeskirche erwachsen möchten. Es würde dadurch auch dem in letzter Zeit schmerzlich zunehmenden Theologenmangel abgeholfen werden. Sehr viele Eltern, die sich jetzt mit Recht scheuen, ihre Söhne sofort den großen Universitäten anzuvertrauen, würden sie gern hierher senden.

Diese Pflanzschule sollte also nichts weniger sein als eine steife Tretmühle zum Auswendiglernen orthodoxer Formeln, sondern ein freier geistlicher Tummelplatz lernbegieriger und heilsbegieriger junger Seelen zu gegenseitiger Befestigung in der freimachenden Wahrheit zu den Füßen erfahrener Lehrer, die nicht auf hohen Stühlen sitzen, sondern mit denen sie täglich freien, zutraulichen Umgang pflegen und denen sie alle ihre Not klagen können. Dieser Pflanzschule müßte man eine auch äußerlich liebliche und geistlich gesunde Stätte bereiten, in der die köstliche Saat mit Freuden und in der Hoffnung ausgestreut werden kann, daß sie nicht sofort wieder von wilden Säuen zerwühlt wird.

Es ist ja leider so, daß fast alle Universitätsstädte Deutschlands keine Orte sind, an denen in den Gemeinden christliches Leben grünt und blüht, sondern fast überall ist das Gegenteilder Fall, viel wüstes, gottloses, fleischliches Treiben. So erwachsen nach dieser Richtung hin unsern jungen Anfängern auf der theologischen Laufbahn keine Förderungen, sondern vielfach sehr schwere Hindernisse.

Ohne uns vorzudrängen, möchte ich heute wohl glauben, daß diese Pflanzschule in der Nähe unserer hiesigen Anstalten, nicht weit vom Grabe unseres lieben blinden Heermann, eine noch günstigere Stätte finden könnte als in der Stadt Herford. Die landschaftliche Schönheit ist hier viel größer. Die jungen Studenten würden nicht nur in kleinen Konvikten, sondern auch in vielen Privathäusern in den Familien unserer Pastoren und Beamten der Anstalten herzliche Aufnahme finden. Es grünt und blüht hier auch bereits unser Kandidatenseminar in seiner eigentümlichen Gestalt. Sie sehen hier tüchtige junge Theologen mit glänzend bestandenem Examen, die sich mit Freuden die Schürze der dienenden Liebe umbinden. Sie sehen, was das Evangelium von dem Manne, der seinen Jüngern die Füße gewaschen hat, für sichtbare Früchte trägt. Akademisch gebildete Heidenmissionare, in dieser Schule ausgerüstet, ziehen von hier hinaus und kommen wieder, um zu berichten, was der Herr unter den Heiden durch das Evangelium ausrichtet.

Eine Anzahl ausgedienter Pastoren unseres Landes lassen sich gern in unserer Kolonie nieder und sind gewiß bereit, ihre Erfahrungen und ihre Kräfte in den Dienst der jungen Studenten zu stellen. Die nötigen Mittel zum Bau für die bescheidenen Hörsäle und Wohnungen der theologischen Lehrer sind auch schon gesichert. Kurz und gut, es kommt mir so vor, als ob in dieser Stunde der Not dieses Samenkörnlein an dieser Stätte wohl getrosten Glaubens ausgestreut werden könnte und daß der Herr der Kirche ihm den Frühregen und Spätregen nicht versagen und vor allem die rechten Männer schenken werde.

Große Dinge, die der Welt in die Augen fallen, haben wir nicht im Sinn, sondern kleine und namentlich einen ganz kleinen Anfang.

An eine sofortige offizielle Anerkennung oder gar Unterstützung des Staates denke ich auch nicht. Bewähren wir uns, wird man uns auch nicht versagen, was man den katholischen Seminaren gewährt (nämlich die Anrechnung der auf solcher Schule zugebrachten Studienzeit).

Ich will diesen Gedanken also noch einmal in GottesNamen hinausgehen lassen und gebe es dem Herrn der Kirche anheim, ob er ihm willige Herzen zuwenden und auch die Herzen der Leiter und Regierer unserer Kirche für uns gewinnen möchte.

Vor acht Jahren hat derselbe Gedanke die kleine Frucht getragen: unser Studentenkonvikt zu Bonn, dem ich auch ferner fröhliches Gedeihen wünsche, das aber für die Größe und Wichtigkeit der Sache nicht allein ausreicht. Ich möchte, daß sich gerade um die theologische freie Pflanzschule auch die jetzt noch weit auseinander gehenden Wünsche und Seufzer aller altgläubigen Richtungen unserer Kirche, namentlich auch der Gemeinschaftsleute, in einheitlichem, fröhlichem Wirken zusammenschließen, um in der Hauptsache einig die Mauern Jerusalems zu bauen und ihre Risse zu heilen.

Dem großen Haupt seiner Kirche auf Erden und im Himmel, unserm Herrn und Heiland, sei vor allen Dingen diese Sache an sein hohepriesterliches Herz gelegt. Gibt er sein Ja und Amen dazu, dann ist das Gelingen sicher.”

Im Herbst 1905 zogen die ersten Studenten in die junge theologische Schule ein. „Zwölf Jünger hatte der Herr; mehr als zwölf möchte ich nicht gern haben”, sagte Vater. Aber vier Wochen vor der Eröffnung hatte sich nur ein einziger gemeldet. „Ich fange auch mit dem einen an”, sagte Jäger. Da fiel ihm Vater um den Hals und sagte: „Dafür kriegst du einen Kuß.” Aber zum Eröffnungstage waren elf junge Studenten zur Stelle.

Vater selbst trat mit in den Unterricht ein. Während Pastor Jäger die systematischen Fächer nahm (Glaubenslehre, Sittenlehre usw.), Kähler das Neue Testament und der bald hinzutretende Pastor Oestreicher das Alte Testament, gab Vater jede Woche eine Abendstunde praktischen Inhalts, besonders über Innere und Äußere Mission.

Viele hundert Studenten sind seitdem durch die theologische Schule gegangen. Neue Dozenten sind hinzugekommen, bezw. nach längerer oder kürzerer Arbeit an der theologischen Schule in andere Arbeitsgebiete eingetreten:D.Warneck,P.Johanssen, Superintendent Simon,D.Schrenk,D.Michaelis,P.Schlatter. Die bayrische Kirche war die erste, die von Fall zu Fall Semestern, die auf der theologischen Schule verbracht waren, Gültigkeit gab. Die badische Kirche rechnet sie grundsätzlich an.

Im Frühjahr 1899 fühlte Vater das Herannahen eines ernsten Leidens. Die sonstige Frische ließ nach, und ein unerklärlicher Durst, der mit einer Erkrankung der Nieren zusammenhing, fing an, ihn zu quälen. Von den für alte Leute so wohltätigen Bädern des Wildbades Gastein hoffte er Stärkung. So nahm er für den letzten Kurmonat die Stelle eines Gasteiner Badepredigers an.

Von fürsorgenden Freunden war uns in der „Helenenburg” das Quartier bereitet worden. Sie lag an der einsamen Straße, die hoch über dem Orte am Abhang des Graukogls entlang führt. Früher hatte sie der Kaiserin von Oesterreich als Zufluchtsstätte gedient. Von einer Burg war freilich nichts an ihr zu entdecken. Sie war vielmehr ein einsames Landhaus, vielleicht das stillste Haus, das Gasteiner Badegästen seine Tür öffnete. Wie denn ja die unglückliche Kaiserin die einsamsten Häuser für ihren Aufenthalt am liebsten hatte. Das Getöse der Ache, die sich in gewaltigen Wassersprüngen in die Tiefe stürzt, drang aus der Ferne herüber. Aus dem weiten, lieblichen Tal unten stiegen die Erinnerungen herauf an die alten Zeiten, wo das Evangelium auch in diese Einsamkeit gedrungen war, bis die Gegenreformation kam und mit den Salzburgern auch die evangelischen Bewohner des Gasteiner Tales aus ihrem herrlichen Heimatwinkel vertrieb.

Unsere Mittag- und Abendmahlzeiten nahmen wir in der sogenannten „Schwarzen Liesl”. Das war ein kleines Gasthaus nordwärts von der Helenenburg, wohl hundert Meter über den stolzen Hotels gelegen, die sich unten im Tal aneinander reihen. Wie ein schüchternes Rehkitzchen duckt es sich an den waldreichen Abhang des Graukogls, um mit staunenden Augen in die Herrlichkeit hinunter und hinauf zu sehen, die Gott über diesen besonders schönen Fleck seiner Erde ausgegossen hat. Des Sonntagnachmittags kam je und dann der katholische Pfarrer von Gastein mit seinen Gemeindegliedern zur „Schwarzen Liesl” heraufgewandert, um auf der kleinen Kegelbahn, die an der Berglehne entlanglief, eine Partie Kegel zu schieben, bis die Betglocke aus dem Tale herauftönte und die ganze fröhliche Gesellschaft mitten im Spiel innehielt, ihr Gebet zu verrichten und sich an den Heimweg erinnern zu lassen.

Sie sah sehr bescheiden aus, diese kleine Kegelbahn, obwohl sie alle Ursache gehabt hätte, hoffärtig zu sein. Denn vornehmerer Gäste konnte sich so leicht keine Kegelbahn auf der weiten Erde rühmen. Wenn der alte Kaiser Wilhelm in Gastein weilte, hatten ihn bisweilen seine großen Paladine dort besucht, um selbst einige Tage lang die Stille der Gebirgswelt und die Nähe ihres königlichen Herrn zu genießen. Am Nachmittag aber waren sie zum Kegelspiel hinaufgegangen zur „Schwarzen Liesl”. Dann hatte die schwarze Liesl — so hieß die Frau des Wirts — aufgetischt, was Küche und Keller bot. Wenn aber der Kaiser selber kam und gar, wie es auch einmal geschah, die Kaiserin mitbrachte, hatte sie die schönsten Tassen und Gläser, die ihr Spind barg, hervorgeholt, um ihren hohen Gästen den erfrischenden Trunk zu reichen.

Aber das alles lag nun weit zurück. Nur eine Magd, die unter der schwarzen Liesl gedient hatte, lebte noch in einem stillen Häuschen des Tals. Sie wußte unserm Vater noch von der alten Herrlichkeit zu erzählen, auch davon, wie der Kaiser selbst sie besucht und auf der Bank in ihrem Garten gesessen hatte und wie die Schwarze Liesl-Wirtin einmal sogar auf die Einladung des Kaisers für zwölf Tage in ihrer Salzburger Tracht nach Berlin gefahren und vom Kaiser und Bismarck und den andern Gliedern des hohen Kegelklubs aufs beste aufgenommen worden sei.

Der nunmehrige Liesl-Wirt war seines ursprünglichen Zeichens ein Zitherspieler, der bis dahin in Stadt und Land als Musiker sich sein Brot verdient und auch jetzt seine Zither noch nicht an den Nagel gehängt hatte. Während seine Frau uns nach Kräften mit ihrer Kochkunst versorgte, saß ihr Mann mittags und namentlich abends unter seinen Gästen und schlug die Saiten. Wer seinen Weisen lauschte, dem entging nicht der wehmütige Ton, der durch alle Lieder hindurchklang. Und wer ihm vollends in die Augen sah, der merkte bald, daß eine verborgene Last ihn drückte. Aber er kam nicht mit der Sprache heraus, und so reiste Vater ab, ohne daß sich der arme Mann ihm entdeckt hatte. Kaum aber waren wir fort, so kam ein Brief nach dem andern, in denen der Wirt bat, ihm aus seiner Not zu helfen, da er von seinen Gläubigern gedrängt würde. Vater war inzwischen auf den Tod krank geworden. Eine Vergiftung des Blutes hatte sich eingestellt, die erst in Wildungenund dann in Bethel sein Leben monatelang dicht am Rande des Grabes hielt. Mitten in der Krankheit aber stand immer wieder die Gestalt des armen Michael an seinem Lager, und die wehmütigen, sehnsuchtsvollen Klänge der Zither tönten an sein Herz. Was sollte Vater tun, um zu helfen? Er entschloß sich, seinen getreuen Sekretär Behrendt nach Gastein zu schicken, um gründliche Klarheit zu schaffen. Es schien wirklich eine Weile, als ob der Mann noch gerettet werden könnte. Aber schließlich zeigte es sich doch, daß alles umsonst war.

Es würde zu weit führen, die folgenden fünf Jahre mühsamer Verhandlungen näher zu beschreiben. Das Ende des schmerzlichen Handels war, daß Vater gezwungen wurde, die „Schwarze Liesl” ganz zu übernehmen. Der Kreis der Freunde, die damals unserm Vater zur Rettung des Liesl-Wirtes die ersten Mittel dargereicht hatten, schloß sich zu einem festen Verein zusammen, der unter dem Namen „Kaiser-Wilhelm-Stiftung” den Veteranen der Kriege 1864, 66, 70 in der „Schwarzen Liesl” eine stille Erholungszeit verschaffen sollte.

Im Jahre 1904 zogen die ersten Veteranen ein. Mit Begeisterung war der Plan aufgenommen worden. Einer der ersten Ärzte des Bades erklärte sich bereit, die alten Krieger umsonst zu behandeln. Ein vornehmer Gasthof stellte, ebenfalls umsonst, seine Badezellen zur Verfügung; Freibetten wurden gestiftet, und die Mittel wurden so reichlich dargeboten, daß man den alten Helden freie Reise und freies Quartier gewähren konnte.

Dreimal hat Vater Gastein noch aufgesucht und einige Tage oder Wochen in der „Schwarzen Liesl” unter seinen Kriegskameraden zugebracht. „Ein ganzes Jahr lang”, sagte einer der Veteranen beim Abschiednehmen, „habe ich zu erzählen, so schön war es hier. Und das dumme ist bloß, daß es mir niemand glauben wird, auch nicht, wie man uns hier aufgenommen hat.”

Während der Jahre des großen Krieges mußte die „Schwarze Liesl” ihre Türen schließen. Seit 1921 aber hat sie sie wieder geöffnet und, soweit die Mittel der Stiftung es irgend gestatteten, Teilnehmern des letzten Krieges gedient.

Als Stöcker sich im Jahre 1896 von der konservativen Partei trennte, blieb ihm das Siegerland treu, das Minden-RavensbergerLand zog sich von ihm zurück. Es hatte etwas Erschütterndes, zu sehen, wie Stöcker, der bis dahin unter gewaltigem Zulauf auf den großen Dielen des Landes und in den weiten Sälen der Städte gesprochen hatte, jetzt in ganz kleinen Kreisen die wenigen ihm noch verbliebenen Anhänger sammelte.

Einer der bedeutendsten Führer der Freunde Stöckers im Ravensberger Lande war seit langem Lehrer Budde in Laar bei Herford gewesen. Er war der Sohn eines Arztes in Spenge, hatte die Erweckungsbewegung unter Louis Harms und Volkening in der Tiefe mit erlebt und gepflegt und hatte als treuer Diener der Kirche, aber zugleich als entschlossener Gegner aller Pastorenherrschaft seiner kleinen Gemeinde Laar durch den Bau eines Kirchensaales zu einer gewissen kirchlichen Selbständigkeit gegenüber der eigenen Pfarrgemeinde verholfen.

Als Pastor Krekeler die Gemeindearbeit in Volmerdingsen übernahm, trat Budde als sein Nachfolger in Bethel ein. Hier wurde er ein geistlicher Vater und Berater nicht nur der Station seiner epileptischen Kranken von Bersaba, der er im Bunde mit seiner stillen, selbstlosen Frau in musterhafter Treue und größter seelsorgerlicher Begabung vorstand, sondern zugleich auch der Dienstmädchen der Gemeinde, der Waisenkinder im Lande, der Kandidaten des Konvikts und vieler einzelner Anstaltsbewohner.

Es war Vaters Ideal, daß Pastoren und Lehrer nicht im Verhältnis von Vorgesetzten und Untergebenen einander gegenüberstehen, sondern als die nächsten Mitarbeiter an der Gemeinde sich untereinander ergänzen sollten. In dem Dienst, den Budde in seiner Gemeinde Laar und dann in der Zionsgemeinde tat, fand dieses Ideal seine Erfüllung. An den Brüderstunden, die Vater anfangs Sonntagnachmittags, später Freitagabends hielt, war Budde der regelmäßige Teilnehmer. Er konnte es nie verstehen, wenn Brüder ohne zwingenden Grund die Stunden versäumten. „Und wenn sie auf den Knien hinrutschen müßten,” konnte er wohl sagen, „dann sollten sie es tun; denn so etwas bekommen sie nie wieder zu hören.” Vater leitete die Besprechung in diesen Stunden, Budde hatte regelmäßig das Gebet. Dieses Gebet war die Erquickung, auf die sich Vater die ganze Woche über freute. Zu der äußeren Form, in der Budde es vorbrachte, lächelte Vater oft, sodaß er während des Gebetes immer den Kopf tief in seine Hände barg und aufdas Pult legte, um niemand zu stören, wenn ihn über eigenartigen Ausdrücken Buddes das Lachen überkommen wollte. Aber der Ernst und die tiefe Inbrunst, von denen das Gebet getragen waren, erquickten ihn.

Durch die Besuche bei den Waisenkindern hin und her im Lande hatte Budde beständig die lebhafteste Fühlung mit allen Schichten der Bevölkerung, sodaß es ihm und seinen Gesinnungsgenossen allmählich gelang, die durch den Austritt Stöckers aus der konservativen Partei zersprengten Anhänger zu organisieren und um ein kleines Wochenblatt, den „Ravensberger”, zu sammeln. Vater selbst hielt sich auch jetzt, seinen Grundsätzen treu, von aller einseitigen Parteinahme, sei es für die Konservativen, sei es für die Christlich-Sozialen, fern. Ihm war Stöcker — das sprach Vater immer wieder aus — zu schade für einen Parteiführer. Er war überzeugt, daß er dem Ganzen des Volkes noch weit wirksamer hätte dienen können, wenn er sich von dem politischen Parteiwesen ferngehalten hätte. Er hatte auch Stöcker die Themata genannt, um die sich nach Vaters Überzeugung Stöckers öffentliche Tätigkeit drehen sollte. (Der Brief ist leider nicht vorhanden.) Ihm blieb es schwer, daß Stöcker nicht darauf einging. „Er hat doch etwas vom Volkstribunen an sich,” sagte Vater gelegentlich und meinte damit, daß Stöcker sich doch nicht unabhängig genug hielt gegenüber dem Einfluß der Masse.

Um so weniger konnte jetzt Vater, so sehr er sich in den Hauptsachen mit Stöcker eins wußte, irgend welche einseitige Stellung einnehmen in dem Kampf, der sich zwischen Konservativen und Christlich-Sozialen im Ravensberger Lande entfaltete. Er stand zwischen beiden Gegnern in ganzer Unabhängigkeit mit Waffen der Gerechtigkeit und Wahrheit zur Rechten und zur Linken. Einen konservativen Führer des Landes, dessen Schrift über die Christlich-Sozialen er ungerecht und scharf fand, schonte er in einer persönlichen Besprechung nicht. Und als auf der andern Seite sein Freund Budde eine für den Druck bestimmte Darstellung des Kampfes gegeben hatte, die nach Vaters Überzeugung den tatsächlichen Gang der Dinge zu einseitig wiedergab und darum neues Öl ins Feuer gegossen haben würde, scheute er auch den Kampf mit diesem seinem treuen Freunde nicht. Als Budde nicht nachgab, kam es für kurze Zeit zu einer gewissen Entfremdung zwischen beiden, bis Vater einesNachts im Bett an Budde einen Brief schrieb, der Budde zum Nachgeben veranlaßte, sodaß der betreffende Abschnitt der Druckschrift überklebt und in späteren Auflagen ganz weggelassen wurde.

Allmählich hatte sich die kleine christlich-soziale Partei in Minden-Ravensberg so gefestigt, daß sie in den Wahlkämpfen eine wachsende Bedeutung gewann. Sie war aus dem Winkel, in den sich Stöcker anfangs zurückgedrängt sah, wieder eine Macht geworden, mit der die Gegner von rechts und links zu rechnen hatten. Das hatte mehr und mehr zu einer gewissen Zusammenarbeit zwischen Christlich-Sozialen und Konservativen geführt. Im Jahre 1903 sahen sich die Christlich-Sozialen so weit erstarkt, daß sie von den Konservativen eine Kandidatur Stöckers für das Abgeordnetenhaus verlangten. Aber Stöcker blieb das rote Tuch für die Konservativen. Sie lehnten Stöcker ab. Der alte Zwist, der in den vergangenen Jahren bereits die zerstörendste Wirkung auf das Land ausgeübt und im Grunde nur das Anwachsen der Sozialdemokratie gefördert hatte, drohte aufs neue auszubrechen, es sei denn, daß für die Kandidatur eine Persönlichkeit gefunden würde, die beiden Richtungen genehm war. So wurde Vater vorgeschlagen.

Ihn lockte die Arbeit im Abgeordnetenhause nicht. Aber er sah den Ernst der Lage. Er glaubte den Minden-Ravensbergern diesen Freundesdienst schuldig zu sein. So nahm er die Kandidatur an unter der Bedingung, daß er niemals gezwungen würde, irgend eine Parteiversammlung zu besuchen oder eine Parteirede zu halten. Das wurde ihm zugesichert. Wenige Tage darauf war die Wahl, und die Verständigung zwischen Konservativen und Christlich-Sozialen brachte ihnen den gemeinsamen Sieg.

Lediglich um seiner engeren Heimat einen Friedensdienst zu tun, hatte Vater angenommen. Dadurch war von vornherein die Linie gegeben, auf der er sich während der fünf Jahre als Abgeordneter bewegte. Er verzichtete von Anfang an darauf, sich in die Fülle der Aufgaben hineinzuarbeiten, die sonst für einen Abgeordneten selbstverständliche Pflicht sind. Jedermann hat ihm diese Freiheit zugestanden.

Weil er nicht im Dienste einer Partei, sondern im Dienst des Friedens gewählt war, so konnte er sich auch im Abgeordnetenhause nicht irgend einer Parteigruppe verschreiben. UmAnschluß zu bekommen, wurde er Gast der konservativen Gruppe, der er ja auch seinem ganzen Entwicklungsgang und seiner Überzeugung nach am nächsten stand. Aber irgend welche Fesseln wurden ihm dadurch nicht aufgelegt und ließ er sich nicht auflegen.

Das zeigte sich gleich bei der ersten Rede, die er bei Gelegenheit der Kanalvorlage — es handelte sich um den Bau des Rhein-Weser-Kanals — am 5. Mai 1904 im Abgeordnetenhause hielt. Die Bedeutung der Rede lag darin, daß er in Form und Inhalt sich selbst treu blieb. Er nannte die Abgeordneten, geradeso wie seine kranken und gesunden Gemeindeglieder in Bethel, „ihr” und den Minister „du”. Die Versammlung selbst aber hob er über alle Parteigrenzen hinaus, behandelte sie als ein Ganzes, als eine große Körperschaft, deren Verantwortung und Tätigkeit sich um das Wohl des ganzen Volkskörpers immer wieder sammeln und einigen müßte. Jetzt beim Kanalbau sollten sich, so wünschte er, die Fürsorge für den Arbeiter, der Kampf gegen den Schnaps und eine gesunde Ansiedlungspolitik betätigen und sollten schmerzliche Versäumnisse nachgeholt werden.

Die Rede fiel wie ein erfrischender Tau auf das ganze Haus. Man hatte dergleichen noch nicht gehört. Und die Zeitungen aller Parteirichtungen empfanden sie wie eine befreiende Tat. Der „Ulk”, das Witzblatt des Berliner Tageblattes, der früher Vater in der Frage der Irrenseelsorge aufs heftigste angegriffen hatte, brachte folgendes Gedicht:

An Seine Ehrwürden, den Herrn Pastor.Mein lieber Pastor Bodelschwingh,Das nenn’ ich brav gesprochen!Wo sonst so seicht das Reden ging,Ward frisch der Bann gebrochen.Ich greife — ja, verehrter Mann,Zuvörderst muß ich fragen:Red’ ich mit trautem Du Sie an?Soll Sie zu dir ich sagen?Erlösend klang im SitzungssaalAus dem DebattenduselDie Forderung: „Fürden Kanal!Dochgegenjeden Fusel!”Die Volksvertreter hörten zu —Dir, oder sag’ ich Ihnen?Und jedes Wort bestärktest duMit Ihren treuen Mienen!„Man solle den Kanal nur bau’n,Doch bauen ohne Schnäpse,So hilft man noch in deutschen Gau’nDem allerärmsten Plebse.”Ehrwürden gaben Kluges kund,Du standst am rechten Orte,Und alles hing an Ihrem MundUnd lauschte deinem Worte!„Den Schnaps fort — ein für allemal!”Ein SpirituosenhasserIst zweifellos für den KanalWie überhaupt für Wasser.Schnaps drückt uns alle unters Vieh:Herr Pfarr’, mit dem BekenntnisDa findest du, da finden SieGleich unser Einverständnis.Doch kam ein Hieb noch hinterdrein,Der bleibe nicht verborgen:„Die Landwirtschaft soll nicht so schrei’nUnd mehr fürs Landvolk sorgen!”So riefen Sie ihr ins Gesicht, —Dir bangt vor keiner Fehde.So mahnte niemand noch zur PflichtWie du mit Ihrer Rede.Bei diesem Wink verstummten sie,Die hochfeudalen Schreier,Bei diesem Mahnwort brummten sie:„Hol’ dich — hol’ Sie der Geier!”Ehrwürden, das ist der HumorIm ganzen Redestreite:Du nahmst die eig’nen Freunde vor,Die Herrn auf Ihrer Seite!Seltsam klang Ihre Liturgie,Du brauchst dich nicht zu schämen!Man mußte lachen über SieUnd muß doch ernst dich nehmen.Ehrwürden sind ein Kauz, und doch:Man huldigt dir, dem Alten,Der so mit vierundsiebzig nochKann Jungfernreden halten!

An Seine Ehrwürden, den Herrn Pastor.

Mein lieber Pastor Bodelschwingh,Das nenn’ ich brav gesprochen!Wo sonst so seicht das Reden ging,Ward frisch der Bann gebrochen.Ich greife — ja, verehrter Mann,Zuvörderst muß ich fragen:Red’ ich mit trautem Du Sie an?Soll Sie zu dir ich sagen?

Erlösend klang im SitzungssaalAus dem DebattenduselDie Forderung: „Fürden Kanal!Dochgegenjeden Fusel!”Die Volksvertreter hörten zu —Dir, oder sag’ ich Ihnen?Und jedes Wort bestärktest duMit Ihren treuen Mienen!

„Man solle den Kanal nur bau’n,Doch bauen ohne Schnäpse,So hilft man noch in deutschen Gau’nDem allerärmsten Plebse.”Ehrwürden gaben Kluges kund,Du standst am rechten Orte,Und alles hing an Ihrem MundUnd lauschte deinem Worte!

„Den Schnaps fort — ein für allemal!”Ein SpirituosenhasserIst zweifellos für den KanalWie überhaupt für Wasser.Schnaps drückt uns alle unters Vieh:Herr Pfarr’, mit dem BekenntnisDa findest du, da finden SieGleich unser Einverständnis.

Doch kam ein Hieb noch hinterdrein,Der bleibe nicht verborgen:„Die Landwirtschaft soll nicht so schrei’nUnd mehr fürs Landvolk sorgen!”So riefen Sie ihr ins Gesicht, —Dir bangt vor keiner Fehde.So mahnte niemand noch zur PflichtWie du mit Ihrer Rede.

Bei diesem Wink verstummten sie,Die hochfeudalen Schreier,Bei diesem Mahnwort brummten sie:„Hol’ dich — hol’ Sie der Geier!”Ehrwürden, das ist der HumorIm ganzen Redestreite:Du nahmst die eig’nen Freunde vor,Die Herrn auf Ihrer Seite!

Seltsam klang Ihre Liturgie,Du brauchst dich nicht zu schämen!Man mußte lachen über SieUnd muß doch ernst dich nehmen.Ehrwürden sind ein Kauz, und doch:Man huldigt dir, dem Alten,Der so mit vierundsiebzig nochKann Jungfernreden halten!

(Sigmar Mehring.)

Aber diese erste Rede Vaters im Abgeordnetenhause war eigentlich auch seine letzte. Sie bedeutete Sieg und Niederlage in eins. Er war durch sie zugleich der Freund und der Feind der ganzen Abgeordneten geworden. Die Höhe, auf der er sich bewegte, übersprang alle Parteigrenzen. Das hatte alle hingerissen und für den Augenblick alle um Vater geeint. Aber indem er sich nicht scheute, um der Sache willen allen Gegnern, auch wenn sich unter ihnen seine nahen Freunde befanden, die Wahrheit zu sagen, untergrub die Rede zugleich auch die Autorität der Partei. So liebte man ihn und mied ihn zugleich. Denn man war sich nicht sicher, ob er nicht bei nächster Gelegenheit seine politischen Freunde noch kräftiger angreifen würde.

Nur einige wenige Male, in nebensächlichen Fragen, nahm er noch das Wort, und gern wurde es ihm nicht gegeben. Als er sich wieder einmal auf die Rednerliste hatte setzen lassen, deren Namen an einer Tafel angeschrieben waren, stand ich mit ihm am Eingang des Sitzungssaales gerade der Tafel gegenüber. Sein Name war zunächst an dritter oder vierter Stelle gebracht, aber wir beobachteten, wie von Zeit zu Zeit vor seinen Namen ein anderer Name eingefügt wurde, sodaß er immer an letzter Stelle blieb. Es war deutlich, daß die Sitzungszeit längst verstrichen sein würde, ehe er an die Reihe käme Schließlich sagte er traurig, aber ohne Bitterkeit: „Junge, laß uns gehen! Sie wollen mich nicht.” Aber die Niederlage wurde doch weit überwogen durch den Sieg. Er war durch seine Rede mit einem Schlage zur populärsten Persönlichkeit nicht nur des Abgeordnetenhauses, sondern von ganz Berlin, ja, es muß wahrheitsgemäß wohl gesagt werden, des Vaterlandes geworden. Mußten sich die Parteien ihm auch verschließen, sodaß das Rednerpult des Abgeordnetenhauses nicht sein Platz war, so erschlossen sich ihm desto mehr die einzelnen Abgeordneten ohneUnterschied der Parteien, soweit ihnen die Sache, und nicht bloß das Parteiinteresse und die eigene Person, am Herzen lag. Das galt nicht nur von den Mitgliedern des Abgeordnetenhauses, sondern auch des Reichstags. Mit den Hochkonservativen so gut wie mit Bebel konnte man ihn in den Wandelgängen des Abgeordnetenhauses und des Reichstages in tiefsten Gesprächen finden. An alle konnte er jetzt die Dinge, die ihn bewegten, persönlich herantragen und sie ihnen persönlich ins Gewissen schieben, namentlich die Arbeiterwohnungsfrage und die Fürsorge für die Wanderarmen.

Gerade je weniger er sich in seiner Kindlichkeit und unbewußten Demut seines Einflusses auf die Gemüter bewußt war, desto stärker wirkte er. Er konnte eigentlich jedem alles sagen, und niemand nahm ihm etwas übel. Im Zimmer des Direktors des Abgeordnetenhauses konnte er seine Besprechungen abhalten, und als einmal alle Stühle besetzt waren und der Direktor selbst hereintrat, rückte er in die Sofaecke und sagte: „Mein lieber Direktor, hier ist für dich auch noch ein Plätzchen.”

Ebenso ging es ihm in den Ministerien. Wenn er sich telephonisch angemeldet hatte, standen oft schon die Portiers draußen vor der Tür und sahen die Straße entlang, um ihn gleich in Empfang zu nehmen und ihm die Wege zu weisen. Dabei kam es ihm natürlich zustatten, daß er sich von seiner Jugendzeit her, wo seine Eltern in drei verschiedenen Ministerien gewohnt hatten, dort wie zu Hause fühlte. Als wir einmal bei einem Geheimrat im Kultusministerium zu einer Besprechung zusammensaßen und es draußen klopfte, rief nicht der Geheimrat, sondern Vater: „Herein!”, ohne daß der Geheimrat das als einen Eingriff in seine Rechte empfand. Man beugte sich eben unwillkürlich unter die bezaubernde Gewalt dieser harmlosen kindlichen Überlegenheit.

Um die Zeit auszunutzen, diktierte er uns oder auch seinem Sekretär in den Vorzimmern der Minister seine Briefe, bestellte dorthin auch die, die er an seinem Teile zu sprechen wünschte.

Mehr als fünfzigmal während der fünfjährigen Legislaturperiode reiste Vater zwischen Bielefeld und Berlin hin und her. Im St. Michael-Hospiz in der Wilhelmstraße hatte er sein ständiges Quartier, wo ihm und seinen treuen Pflegern und Sekretären, erst Meier und dann Balduf, sooft sie kamen, die beidenZimmer eingeräumt wurden, die unmittelbar über dem Quartier des Forstmeisters von Rothkirch lagen. Die Fürsorge des alten Fräulein Kreysern und Rothkirchs übersprudelnde Herzlichkeit durchwehten das ganze Haus, und Vater fühlte sich hier inmitten der aus- und einziehenden Gäste und ständigen Bewohner überaus wohl. Mit vielen, die kamen, verband ihn alte Freundschaft, mit andern wurden neue enge Beziehungen geknüpft. Genannt seien Graf Zedlitz, der frühere Kultusminister und damalige Oberpräsident von Schlesien, General von Viebahn, der Freund und Seelsorger der Soldaten und Offiziere, Graf E. von Pückler, der Gründer der St. Michaels-Vereinigungen, Amtsgerichtsrat Kölle, der aufrechte Vertreter und Anwalt aller Unterdrückten, der namentlich in der Wanderarmensache Vater eingehend beriet und unterstützte, und schließlich die eigenartigste und bedeutsamste Erscheinung unter den Gästen des Hospizes, Baurat Schmidt, der bekannte „Heißdampf-Schmidt”, mit dem Vater später noch im Stöckerschen Hospiz bei Partenkirchen zusammentraf und eng verbunden wurde, der Mann, wie er sagte, „der modernen Lokomotiven, der vor allem für geistliche Lokomotiven Herz und Verstand hat”.

Köstlich war und blieb die Unbefangenheit, mit der sich Vater unter den vielen fremden und oft vornehmen Gästen bewegte. So stellte sich ihm ein alter Herr v. N. vor. „Herr v. N.?” sagte Vater. „In Paris suchte mich mal ein Herr v. N. auf, der taugte freilich nicht viel. Sind Sie das vielleicht?” Den Zylinder seines Freundes Rothkirch borgte er sich zu einem Besuch bei dem Prinzen Friedrich Heinrich, dem Sohn des Prinzen Albrecht, dessen Palais nur hundert Schritt weiter aufwärts in der Wilhelmstraße lag. Da der Zylinder zu klein war, trug ich ihn Vater nach über die Straße hinüber, und erst im Augenblick, wo er das Palais betrat, zwängte er ihn sich auf. Der Besuch führte zu einem herzlichen Verstehen zwischen beiden, das auch anhielt, nachdem der Prinz längst in große Einsamkeit und Stille untergetaucht war, und das sich durch immer erneute Liebeszeichen und Zuwendungen kundtat, mit denen der Prinz sein Interesse an Vaters Aufgaben bezeugte. In dem wunderschönen Garten des prinzlichen Palais konnte Vater einige Male nach Tagen ernster Krankheit die erste Erholungszeit erleben.

Als die Legislaturperiode abgelaufen war, stand Vater im 78. Jahr. Der Zweck, zu dem er vor fünf Jahren die Kandidaturangenommen hatte, war erreicht, indem die Beziehungen zwischen Konservativen und Christlich-Sozialen in der Tat sich nach und nach weiter gefestigt hatten. So lehnte er im Blick auf sein hohes Alter eine neue Kandidatur ab.

Der wichtigste Ertrag seiner Zeit als Abgeordneter aber lag einmal auf dem Gebiet der arbeitslosen versinkenden Massen Berlins und dann in der gesetzlichen Regelung der Wanderarmenfürsorge des ganzen Vaterlandes.

Nach Eröffnung von Wilhelmsdorf waren namentlich in Westfalen die Verpflegungsstationen in Verbindung mit den Herbergen zur Heimat rasch emporgeblüht, sodaß das Betteln nahezu erstorben war, da alle mittellosen Wanderer von der Bevölkerung den Verpflegungsstationen und Herbergen zugewiesen wurden.

Aber die Begeisterung, unter der die ersten Verpflegungsstationen entstanden waren, wurde allmählich gedämpft. Es sprach sich bald unter den Wanderern herum, wo die beste und wo die geringere Verpflegung geleistet wurde. Dadurch wurden manche Stationen überlastet. Wer sollte die Kosten decken? Die einzelne Gemeinde, in der die Verpflegungsstation lag, konnte es nicht. So trat der Kreis ein. Aber auch hier stellte es sich nun wieder heraus, daß die Kreise, die am besten sorgten, auch wieder am stärksten belastet waren. Auch zwischen den katholischen und evangelischen Gegenden zeigten sich Unterschiede. Im ganzen wurde in den evangelischen Gegenden kräftiger gegen den Bettel vorgeschritten als in den katholischen, wo das Almosengeben als solches in Gefahr stand, als gutes Werk angesehen zu werden, ohne Rücksicht darauf, ob der Almosenempfänger selbst wirklich unterstützt oder nicht vielmehr durch das Almosen entehrt und auf dem erniedrigenden Wege des Betteln bestärkt würde.

Es ergab sich also von einem Jahre zum andern in zunehmendem Maße eine ungleiche Verteilung der Lasten, die im Interesse der Wanderarmen von Gemeinde, Kreis und Bewohnern des Landes zu tragen waren. Wohl bestand ein Paragraph, der grundsätzlich die Verteilung der Lasten regelte. Eswar der Paragraph 28 des Reichsgesetzes über den Unterstützungswohnsitz, dahin lautend, daß jeder Mittellose, an welchem Ort er auch mittellos würde, von der Gemeinde, in der die Hilfsbedürftigkeit eintrat, vorläufig unterstützt werden müsse. Der Paragraph 28 aber war in einer Zeit (1870) entstanden, wo es zu den Ausnahmen gehörte, daß ein Mensch außerhalb seiner Gemeinde unterstützungsbedürftig wurde.

Inzwischen hatten sich alle Verhältnisse geändert. Viele hatten ihr kleines Dorf verlassen, um in den Städten und Industriegegenden Arbeit zu suchen. Ebbte der Arbeitsmarkt ab, so wurden aber gerade die zuletzt Zugewanderten auch zuerst wieder aus der Arbeit entlassen. Nach kurzer Zeit waren die Ersparnisse verzehrt. Mittellos standen sie da. Der Paragraph berechtigte sie, sich als unterstützungsbedürftig zu melden. Aber keiner Polizeibehörde fiel es ein, den Paragraphen anzuwenden. Es war ja auch ein Ding der Unmöglichkeit für sie, die Unterstützungsbedürftigen so lange zu verpflegen, bis die Heimatbehörde die Unterstützung bewilligt haben würde. Wieviel Schreiberei, wieviel Zeit wäre dazu nötig gewesen!

Aber auch die Heimatbehörde lehnte die Anwendung des Paragraphen 28, wenn irgend möglich, ab. Was hätte auch aus irgend einer kleinen Gemeinde auf dem Westerwald werden sollen, wenn sie jedes ihrer Gemeindeglieder, das in der Ferne und im Dienst einer fremden Industrie unterstützungsbedürftig geworden war, hätte versorgen sollen? Sie hätte sich einfach daran arm gegeben.

An diesem Paragraphen 28 setzte nun Vaters Arbeit nachdrücklich ein. Ihn galt es sinngemäß zu ergänzen und die Last, die er der einzelnen Gemeinde zuschob, auf die breiteren Schultern des Reichs oder der einzelnen Landes- und Provinzialregierungen abzuwälzen. Es durfte nicht dem guten Willen der einzelnen Gemeinde und ihrer verantwortlichen Organe, auch nicht den einzelnen Kreisen überlassen bleiben, ob und wie sie für die einzelnen Wanderarmen sorgen wollten, sondern es mußte ein festes Verpflegungsstationsnetz geschaffen werden und zwar durch gesetzliche Regelungen, die ganze Gebiete umfaßten.

Auserlesene Kräfte aus allen Ständen und Teilen des Vaterlandes stellten sich Vater zur Lösung dieser schwierigen Aufgabe zur Verfügung. Keiner von ihnen, auch Vater nicht, ahnte,was es kosten würde, im Dienste der untersten Klasse, im Interesse des fünften Standes, der aus seinen Reihen keine Wortführer stellte, sondern stumm und vielfach stumpf seine Straße zog, die gesetzgebenden Körper zu einer barmherzigen Tat zusammenzuschließen.

Vor allem war es der Graf Botho zu Eulenburg, der frühere preußische Minister des Innern, der seine ganzen Kenntnisse und Erfahrungen in den Dienst der Sache stellte und einen Gesetzentwurf ausarbeitete, der zum Ziele zu führen schien. Vater hingegen übernahm es, die einzelnen maßgebenden Persönlichkeiten für den Entwurf zu gewinnen. Aber die Sache fand noch keine Mehrheit, und der Entwurf wurde vom Abgeordnetenhause abgelehnt. Das war schon im Jahre 1895.

Eine Zeitlang wandte sich Vater dem Reichstage zu, dann, als es gelungen war, in Westfalen eine vorbildliche Wanderarbeitsstättenordnung durchzuführen, aufs neue dem preußischen Abgeordnetenhause.

Es ist unmöglich, die Last von Enttäuschungen, Demütigungen, Mühsalen, schlaflosen Nächten, immer erneuten schriftlichen und mündlichen Bitten auszudenken, die Vater im Dienste seiner Brüder von der Landstraße auf sich nahm. Unaufhörlich standen ihm diese armen Menschen vor der Seele, die mittellos auf die Landstraße geworfen, zum Betteln gezwungen, von der Polizei wegen Bettelns aufgegriffen, in elendem Polizeigewahrsam untergebracht, von den Richtern verurteilt und nun im Gefängnis in den Sumpf der gewohnheitsmäßigen Bummler und Verbrecher hinuntergestoßen wurden.


Back to IndexNext