Keineswegs aber war es so, daß Vater dem Diakonen den Weg von der blauen Schürze zum Gemeindehelfer, Jugendleiter, Stadtmissionar oder Seemannspfleger verwehren wollte. In all diese Berufe sind später Mitglieder des Hauses Nazareth eingetreten und haben sich darin bewährt. Und standen sie auf einsamem Posten, so wußten sie, wie schnell und gern ihr Leiter, Pastor Kuhlo, zur Stelle war, um mit seinem kindlichen Glauben das Herz zu erquicken und mit den seelenvollen Klängen seines nie rastenden Hornes Berge von Sorgen hinwegzublasen und Täler voll Kleinmut mit Dank und Lob zu füllen. Daheim in Nazareth aber führte währenddem Pastor Göbel, der aus der Brüdergemeinde gekommen war, in stiller Weisheit und Treue das Steuer der Brüderschaft.
Ich höre noch aus den frühesten Kindertagen ihre schnelle Feder über das Papier eilen, wenn sie in unserer Wohnstube an ihrem kleinen Schreibtisch saß und Vater, an unsern lieben gelben Kachelofen gelehnt, mit fest zugedrückten Augen ihr diktierte. Er hatte eine schwere Hand, die, wenn er beim Schreiben angestrengt nachdachte, so undeutlich wurde, daß die wenigsten sie lesen konnten. Hier hat Mutter ihm geholfen, von der Pariser Zeit an bis lange in die ersten Jahre von Bethel hinein. Denn Freund Kneipp, von dem oben die Rede war, war doch nur zu gewissen Zeiten des Tages zur Verfügung. Und wie mancher Tag fiel seiner Krankheit wegen ganz aus!
Aber auch abgesehen von dieser großen, oft sehr anstrengenden, bis in die Nacht gehenden Schreibarbeit ergänzte sie mit ihrer Feder den Vater. Vielfach war sie früher als das übrige Haus auf, um in aller Morgenstille den Briefverkehr mit den Verwandten und Freunden des Hauses und später auch mit den Kindern zu pflegen.
Während der Beruf des Vaters ihn naturgemäß aus dem Hause führte, war Mutter immer daheim. Sie war in jedem Augenblick für uns Kinder da. Mit völliger Sorglosigkeit überließ darum Vater uns Kinder der Mutter. Auf allen ihren Wegen durchs Haus trabten wir hinter ihr her, und überall leitete sie uns an, ihr zur Hand zu gehen und keinerlei Arbeitzu scheuen. Wenn sie nachmittags still auf dem niedrigen Sessel saß, auf dem sie alle ihre Kinder gewartet und genährt hatte, das kleine Arbeitstischchen vor sich, dann hockten wir Kinder um sie her, und sie lehrte uns stricken und sticken, auch uns Jungen, und erzählte dabei am liebsten aus ihrer und des Vaters Lebensgeschichte.
Wie eng und klein gegen ihre früheren Lebensverhältnisse war das Haus geworden, wie bescheiden auch der Lebenszuschnitt! Aber es kam ihr zustatten, daß sie in einer Zeit groß geworden war, in welcher auch in den hochgestellten Kreisen die Lebenshaltung eine sehr einfache und sparsame blieb. So wurde es ihr nicht schwer, mit dem geringen Gehalt, das der Vater bekam, — es war in den ersten 20 Jahren seiner Tätigkeit nicht mehr als 2400 Mark jährlich, zu denen noch ein verhältnismäßig kleiner Zuschuß aus ihrem väterlichen Erbteil hinzukam, — durchzukommen und noch immer übrig zu haben für andere.
Sie selbst war ein Vorbild von Einfachheit. Die Mode machte sie nicht mit. Nur einmal während der 22 Jahre ihres Lebens in Bethel leistete sie sich einen neuen Hut und einmal einen neuen Mantel. Das war ein Fest für uns alle. Seit mit dem Tode ihrer vier ersten Kinder ihr Kopfhaar sehr spärlich geworden war, trug sie eine höchst kleidsame weiße Rüschenmütze. Draußen hatte sie darüber nur selten einen Hut, sondern statt dessen ein dreieckiges schwarzes Tüchlein, und statt des Mantels war ihr ebenfalls ein langes schwarzes wollenes Tuch das liebste. So ging sie uns Kindern und der ganzen Gemeinde in edler Einfachheit voran.
Als wir größer geworden und dem Schlafzimmer der Eltern entflohen waren, versäumte sie doch ohne besondere Not keinen Abend, mit uns zu beten. Das alte, unendlich einfache und zugleich so tiefe Zinzendorfsche Gebet bildete immer die Einleitung: „Christi Blut und Gerechtigkeit, — Das ist mein Schmuck und Ehrenkleid, — Damit will ich vor Gott bestehn, — Wenn ich zum Himmel werd’ eingehn.” Dann kamen die einzelnen Anliegen. Wie hat sie uns gewöhnt, im Gebet insonderheit der einzelnen Verwandten und ihrer Kinder zu gedenken!
So lag unsere Erziehung im wesentlichen in ihrer Hand. Nur sehr selten kam es vor, daß Vater sich in die Erziehung mischte. Während die Mutter mit ihren wachen Augen undihrem schnellen Empfinden rasch eingriff, hatte Vater eine unermeßliche Geduld mit uns. Nicht selten entgleiste unsere geschwisterliche Liebe in Gegenwart der Eltern. Aber Vater tat meist wie Saul, als hörte und sähe er es nicht. Bat ihn aber, wenn es gar zu arg wurde, die Mutter um sein Einschreiten, dann wirkte es um so tiefer.
So wird es mir unvergeßlich bleiben, wie wir drei Brüder eines Sonntagmorgens in der kleinen Dachkammer, die wir miteinander bewohnten und die gerade über dem Wohnzimmer der Eltern lag, in erbitterten Streit geraten waren und einen Heidenlärm machten. Während wochentags die Schule uns keine Zeit ließ, gab uns gerade der Sonntagmorgen erwünschte Muße, uns einmal gründlich gegeneinander Luft zu machen. Da, während einer kurzen Atempause unseres Streites, hören wir Tritte die Treppe heraufkommen. Werden sie in Vaters Studierzimmer verhallen? Nein, sie kommen den Gang entlang, der auf unser kleines Arbeitszimmer führte, hinter welchem die Kammer lag. Jetzt kommen auch schon die Tritte durch das Arbeitszimmer; jetzt öffnet sich die Tür, nicht weit, sondern nur so viel, daß gerade Vaters vorgebeugter Kopf hineinsehen kann. „Kinder,” sagt Vater, „am Sonntagmorgen?” Mehr sagt er nicht, sondern schließt die Tür wieder und geht davon. Unsere Seele zitterte, nicht weil wir ein Dreinschlagen des Vaters gefürchtet hätten, sondern weil uns der Frieden, die Stille, die große Güte, die sich mit dem väterlichen Ernst verband, bis in die Seele getroffen hatte. Unser Streit war wie in einem tiefen Abgrund versunken und vergessen. Gericht und Gnade Gottes, wie sie in eins tätig sind, sind mir an diesem Erlebnis immer verständlich geblieben.
Noch freiere Hand als bei uns Kindern ließ Vater naturgemäß der Mutter in der Erziehung der Hausmädchen. Weil sie nicht weichlich war gegen sich selbst, so war sie auch nicht weichlich gegen ihre Angestellten. Wer ihre Schule bestand, hatte etwas Tüchtiges gewonnen. Einige bewährte Hausfrauen und mehrere Diakonissen, die von unserm Hause aus den Weg in das Mutterhaus fanden, haben ihr über das Grab hinaus gedankt.
Durch die schweren Führungen ihres Lebens war sie von Menschen gelöst worden und ganz auf Gott gestellt. Jedes Geprängenach außen hin, aber auch jedes fromme Getue war ihr fremd. Sie kannte aus eigenster Erfahrung die Tiefe des Leides und hatte darum ein unmittelbares überaus wohltuendes Mitempfinden mit jedem Leidenden. Aber sie war ganz und gar nicht wehleidig. Sie beklagte niemanden. Es lag über ihrem Mitleiden der köstliche Humor, der im Schmerz die Quelle der edelsten Freude ahnt und auf dem Grunde des bitteren Kelches die glänzende Perle erblickt. Wie manchen, der müde an Leib und Seele ins Haus kam, um sich bei Vater Rat und Hilfe zu holen, hat sie erst durch eine kleine leibliche Erquickung erfrischt und dann, ohne daß sie in Versuchung kam, Herzensgeheimnisse zu erforschen, durch ein klares, offenes, gütiges Wort die Seele zurechtgerückt, sodaß Vater nur noch halbe Arbeit hatte.
Es gab Zeiten, wo Vater und Mutter regelmäßig um zwei Uhr nachmittags einen gemeinsamen Spaziergang durch die Anstalt und die Anstaltshäuser machten, um überall an der Not teilzunehmen und nach dem Rechten zu sehen. Auf solchen Wegen hat dann Mutter, ganz unbewußt und ungewollt, Vaters Augen und Urteil ergänzt. Bei der großen Beweglichkeit und Glut, die Vaters Herz erfüllte, und bei der großen Tragkraft, die er besaß, kam es oft vor, daß Dinge und Menschen ihm in einem Lichte erschienen, das doch der Wirklichkeit nicht ganz entsprach. Nie hat dann Mutter mit ihrem ergänzenden Urteil zurückgehalten. Unerbittlich, wie andern Menschen gegenüber, blieb sie auch gegenüber ihrem Mann in der Wahrheit, und für die rechte Beurteilung von Menschen und Dingen, namentlich auch bei der Wahl der Mitarbeiter, blieb ihr klares Auge und unbestechliches Empfinden von höchstem Wert für ihren Mann. „Sie hat mir nie geschmeichelt,” hat er an ihrem Grabe gerühmt.
Siebzehn Jahre nach ihrem Tode kam ich einmal auf Reisen in eine rheinische Stadt, gerade rechtzeitig zum Beginn des Gottesdienstes. Es predigte ein Pastor, der früher eine Zeitlang in Bethel gearbeitet hatte und mir befreundet war. Es war eine dreigeteilte, tief zu Herzen gehende Predigt. Nachher ging ich in die Sakristei, um meinen Freund zu begrüßen. Da sagte er: „Die Predigt habe ich schon einmal in Bethel gehalten — aber nur in zwei Teilen. Damals hat mir deine Mutter gesagt: ‚Sie haben den dritten Teil vergessen.’ Denhabe ich jetzt nachgeholt.” So wirkte ihr offenes und klares Wort über Jahre hinaus.
Aber sie trug den reichen Schatz ihrer Seele in einem Gefäß, dessen Wandungen sehr zart geblieben waren. Ihr an und für sich so heiteres Gemüt konnte hie und da von ganz kleinen Dingen überrannt und in eine Stimmung gebracht werden, die sich auf ihre ganze Seele und damit auch auf unser Haus wie ein Nebel legte. Dann half kein Zureden; der Zustand mußte einfach seine Zeit haben. Darunter haben wir Kinder manchmal gelitten, und die Mutter selbst am meisten. War der Zustand der Verstimmung überwunden, dann strahlte die Sonne des Glückes wieder desto heiterer über unserm Haus. Vater selbst ertrug sie in solchen Stunden mit unermüdlicher Geduld. Wir haben nie ein einziges hartes Wort gegen die Mutter von seinen Lippen gehört.
Zu diesen vorübereilenden Schatten kamen längere Ruhe- und Krankheitszeiten der Mutter, namentlich in den letzten Jahren ihres Lebens, als unter der großen Last, die auf ihr lag, die Widerstandskraft der Nerven schwächer und schwächer wurde. Aber das waren eigentlich besondere Feierzeiten für unser ganzes Haus. Denn der Strom der Fremden, die aus- und eingingen, stand dann still. Vater hielt sich so viel wie möglich zu Haus. Und die einsamen Wege durch Wald und Feld, die Mutter dann mit dem Vater, oft aber auch bald mit dem einen, bald mit dem andern von uns Kindern machte, waren wichtige Sammelstunden für uns in dem sonst oft so unruhigen und zerstreuenden Anstaltsleben.
In solchen Zeiten erquickte dann Mutter sich und uns durch ihr Klavierspiel. Sie besaß eine Weichheit und Kraft des Spiels, wie ich es mit Bewußtsein nie wieder gehört habe. In den letzten Jahren ihres Lebens war es nur noch Bach, den sie spielte, und der tiefste deutsche Musikmeister war ihr durch die Tiefe des Leidens in besonderer Weise verständlich und tröstlich geworden.
Vor dem Eintritt in ihre letzte Krankheitszeit wurden ihr noch einige Monate völliger geistiger und körperlicher Frische beschert. Das war für sie wie für uns alle eine ganz unbeschreibliche Wohltat. Alle Hemmungen waren verschwunden. Das Leuchtende, Sprudelnde, Humorvolle und dabei so zärtlich Fürsorgende ihres innersten Wesens brach hervor, wie wir esin solchem Maße eigentlich nur in der frühesten Kindheit gekannt hatten. Ein achttägiges Zusammensein im schönen Beatenberg im Berner Oberland, das uns vier Kinder um die Eltern vereinigte, war der Höhepunkt dieser Zeit.
Als wir im Spätherbst auf verschiedenen Wegen wieder in Bethel uns zusammenfanden, hatte sich schon die letzte Krankheit der Mutter angebahnt. Es zeigte sich, daß in dem letzten hellen Feuer, das uns so tief beglückt hatte, zugleich ihre Kraft ausgebrannt war. An ihr Ende dachte freilich keiner von uns.
Um sie einmal ganz in die Stille zu führen, brachte Vater sie in die Anstalt eines ihm nahestehenden Arztes. Dort verschlimmerte sich der Zustand schnell und steigerte sich zur Verwirrung der Gedanken. Ein Brief, der Vater herbeirufen sollte, fand durch ein Versehen nicht rechtzeitig den Weg zur Post. Er wurde überholt durch ein Telegramm vom 4. Dezember 1894, das unsere Schwester öffnete. Es enthielt die erschütternde Mitteilung vom Tode der Mutter.
Nur bei der Nachricht von dem Tode Kaiser Friedrichs hatten wir Vater weinen sehen; jetzt, als wir beiden älteren Söhne aus Berlin heimeilten, hörten wir ihn bitterlich schluchzen. Dann aber konnte er in großer innerer Stille vor der versammelten Gemeinde Gott und Menschen danken für dies nun abgeschlossene gesegnete Leben.
Unsere kleine Dachkammer oben, wo wir Brüder unser Quartier behalten hatten, hat damals manche stille Träne gesehen. Der tiefe Schmerz schloß die Herzen fester denn je zusammen und überwand die zarte Scheu, die sonst gerade uns Westfalen eigen ist, sodaß unser ältester Bruder des Abends aus dem Herzen heraus mit uns und für uns betete. Einige Male wachte ich mitten in der Nacht an meinem eigenen Wehklagen auf. Fortan bildeten wir Kinder enger denn je einen Kreis um den geliebten Vater. Aber ersetzt werden konnte der Verlust nie wieder.
Sie sind in meiner Erinnerung beide unzertrennlich voneinander. Mutter Emilie war Oberin des Diakonissenhauses. Sie wurde aber nie so genannt, sondern hieß einfach „Mutter”. Schwester Lottchen war die Probemeisterin, d. h. die Leiterin derjenigen jungen Schwestern, die zur Probe aufgenommenwurden. Mutter Emilie war Schwester des Kaiserswerther Diakonissenhauses, Schwester Lottchen hatte dort ihre Ausbildung erhalten. Darum behielten sie auch bis an ihr Ende ihre alte Kaiserswerther Haube. Auch die Sarepta-Schwestern hatten ursprünglich dieselbe Tracht. Da aber die Kaiserswerther Haube mit ihrer feinen das Gesicht einrahmenden Rüsche, die bei jeder Wäsche losgetrennt und wieder zusammengereiht werden mußte, sehr viel Arbeit kostete, so führte Vater nach dem Vorbilde des Diakonissenhauses in Neuendettelsau eine andere Haube ein, die weniger Arbeit brachte und die bis heute beibehalten wurde, obgleich auch sie Vater nie völlig praktisch genug erschien.
Mutter Emilie stammte aus einer schlesischen Pastorenfamilie. Sie hatte schon eine reiche Berufsarbeit hinter sich. Für uns Kinder war es von ganz besonderem Interesse, daß sie in Jerusalem und Bethlehem gewesen war. Denn sie hatte jahrelang auf den Orientstationen des Kaiserswerther Hauses gearbeitet, hatte auch die Maronitenverfolgung miterlebt und in der Gegend des alten Tyrus und Sidon die maronitischen Witwen und Waisen gepflegt, deren Väter von Drusen erschlagen worden waren.
Besonders in Jerusalem hatte sie vielen mit ihren medizinischen Kenntnissen geholfen und wurde von den Eingeborenen wie ein Arzt geehrt. Als sich während eines Aufstandes in Jerusalem das Gerücht verbreitet hatte, sie sei fortgeschleppt oder getötet, da drangen die Araber des Nachts in das Haus und ließen keine Ruhe, bis Schwester Emilie aufstand und sich ihnen zeigte, damit sie sich überzeugten, daß sie unversehrt und zu Hause geblieben sei.
Sie war eine ungemein tätige Natur von größter Schlichtheit des Wesens und auch der äußeren Erscheinung. An die geringste äußere Arbeit wandte sie die gleiche Sorgsamkeit wie an jede andere Aufgabe; und den Aschenhaufen im Hofe des Diakonissenhauses sah man sie eines Tages durchsuchen, um die noch brennbaren Kohlenschlacken herauszuholen.
Sie sprach nicht viel. Aber man fühlte, was sie dachte. Man konnte es auf ihrem Gesichte lesen.
Jung eintretende Schwestern nahm sie am liebsten mit in den Garten hinaus zum Bohnen- und Erbsen- oder Strauchobst-Pflücken. Dabei lernte sie sie kennen. — Es hatte sich ein Mädchen,das im Hause von Pastor Stürmer den Haushalt gelernt hatte, zur Diakonissin gemeldet. Mutter Emilie ging zur Pastorin Stürmer, und als sie deren Urteil gehört hatte, bat sie: „Nun zeigen Sie mir doch noch das Zimmer!” Sie fand das Zimmer in musterhafter Ordnung und sagte nur: „Gut, die kann kommen.”
In jeder Arbeit ging sie den Schwestern voran bei Tag und bei Nacht. Nichts entging ihrem sorgsamen Auge. In dem bitter kalten Winter des Jahres 1878 ging sie nachts von Bett zu Bett, um sich zu überzeugen, ob Kranke und Gesunde auch genügend zugedeckt seien. Den Schwerkranken und Sterbenden opferte sie immer wieder ihren Schlaf. Es gab keine Stunde der Nacht, in der nicht Mutter Emilie den Nachtwacheschwestern zu Hilfe eilte, um den Kranken und Sterbenden die letzte Liebe erweisen zu helfen.
Den genesenden Schwestern galt ihre besondere Fürsorge; und es war für sie eine lang ersehnte Wohltat, als es gelang, in einem einsamen, eine halbe Stunde entfernten Waldtal ein Ruhe- und Erholungsheim zu schaffen. Manchmal war sie schon um vier Uhr morgens dorthin unterwegs, um nach dem Rechten zu sehen. Und um sechs Uhr, wenn die Schwestern zum ersten Frühstück kamen, war sie im Mutterhaus wieder in ihrer Mitte. „Ja, das war eine Mutter”, sagte noch kürzlich aus tiefstem Herzen heraus eine der alten Schwestern. Und wir, die wir wußten, was diese kleine, zarte Gestalt an innerer und äußerer Arbeit bei Tag und Nacht leistete, wunderten uns nicht, wenn ihr je und dann im Gottesdienst der Sareptakapelle vor Übermüdung die Augen zufielen. Aber das dauerte nur wenige Augenblicke. Dann feierte sie desto inniger und aufmerksamer den Gottesdienst mit.
Ich habe überhaupt aus jener Anfangszeit den Eindruck, daß man in Bethel die Hauptnahrung für die Arbeit der Woche aus dem Sonntagsgottesdienst holte und sich nicht auf das Lesen von Sonntagsblättern und andern Schriften verließ. Diese wurden nicht verachtet, waren aber doch in erster Linie für die bestimmt, die den Sonntagsgottesdienst nicht besuchen konnten. Auch wir Kinder nahmen ganz regelmäßig an diesen Gottesdiensten teil. Das gehörte einfach zur Sitte des Hauses.
Schwester Lottchen, die Probemeisterin, stammte aus Bielefeld und war in Kaiserswerth vor allem in der Kleinkinderarbeitausgebildet worden. Aber ihrer Natur entsprach diese Arbeit eigentlich nicht. Wir Kinder haben uns immer ein klein wenig vor ihr gefürchtet. Nicht deswegen, weil sie uns einmal beim Naschen von Johannisbeeren im Diakonissengarten ertappte. Da nahmen wir Reißaus vor ihr und rechneten es ihr zeitlebens hoch an, daß sie über die Angelegenheit als über etwas Nebensächliches stillschweigend hinweggegangen war und es nicht zur Anzeige gebracht hatte. Aber sie war uns zu straff und zu kurz angebunden. Wenn sie Mittwochs beim Familienabend an der Tür stand und die Schwestern empfing, um ihnen die Plätze anzuweisen, dann taten uns jedesmal die jungen Schwestern ein klein wenig leid. Wir hätten ihnen nach des Tages Last und Hitze zu diesem höchsten Freudenabend, den wir Kinder in der Woche kannten, einen etwas herzlicheren Empfang gewünscht als den kurzen Händedruck und fast strengen Wink, mit dem Schwester Lottchen jeder einzelnen Schwester ihren Platz anwies.
Aber wer Schwester Lottchen hiernach eingeschätzt hätte, würde ihr unrecht getan haben. In Wirklichkeit trug sie die einzelnen Schwestern nicht minder stark auf dem Herzen wie Mutter Emilie. Ihr Gedächtnis war von einer geradezu staunenerregenden Treue und Genauigkeit. Sie reiste nie, kannte darum die einzelnen Stationen, auf denen die Schwestern arbeiteten, nicht aus persönlichem Augenschein. Aber sie holte sich bei jeder Schwester so eingehenden Bescheid über die Umstände, unter denen sie arbeitete, daß sie über jeden einzelnen Fall deutlich im Bilde war. Sie wußte genau über die Krankenhäuser, Pflegehäuser, Kleinkinderschulen Bescheid, in denen die Schwestern arbeiteten: ob sie praktisch eingerichtet waren oder nicht und darum der Schwester die Arbeit erleichterten oder erschwerten. Sie wußte, ob die Zimmer der Schwestern nach Süden oder nach Norden lagen, ob sich die Küche im Keller oder zu ebener Erde befand. Sie kannte jeden Zug, mit dem die Schwestern ankamen oder abreisten, wußte die Fahrpreise auswendig bis zu jeder einzelnen Station und legte das Fahrgeld in Papier eingewickelt vor jeder Abreise der einzelnen Schwester zurecht. Sie sorgte für die Kleidung und das Taschengeld der Schwestern, führte für jede einzelne Schwester ein besonderes Kontobuch und hatte auch ihre Urlaubszeiten im Kopf.
Selbst nahm sie nie Urlaub. Statt dessen verließ sie jedenDonnerstagnachmittag pünktlich zur festgesetzten Stunde das Haus und ging in die Stadt zu ihrer Schwester, die dort eine eigene kleine Wohnung besaß. Da ruhte sie inmitten ihrer Verwandten aus und erfrischte sich im Kreise des heranwachsenden Geschlechts der Familie. Abends war sie dann wieder im Mutterhause. So ging es fast vier Jahrzehnte durch bis zu ihrem Ende.
Diese beiden immerhin ungewöhnlichen Frauen fand Vater vor, als er seine Arbeit im Diakonissenhaus antrat. Sie haben gemeinsam dem Diakonissenhause das Gepräge gegeben. Sie waren der Feuerherd, um den sich die Familie der Schwestern sammelte. Die Glut dieses Herdes bestand nicht aus einer selbstbeschaulichen, sich selbst pflegenden, mit sich selbst beschäftigten Frömmigkeit. An diesen drei Persönlichkeiten konnte man vielmehr in Wahrheit sehen, daß das Ziel des Christen im Dienst des andern besteht, nicht in der frommen Ausgestaltung der eigenen Persönlichkeit. So konnte es nicht anders sein, als daß die stille reine Glut, die von diesem Herde ausstrahlte, immer größere Scharen in ihren Bereich zog.
Vor dem Auge der Erinnerung steigt eine schier unabsehbare Reihe von Frauengestalten in der weißen Mütze auf, die, fast alle aus kleinen und kleinsten Verhältnissen hervorgegangen, nun in den verschiedensten Stellungen, sei es auf einsamstem schwierigem Posten, sei es als Leiterinnen großer städtischer Krankenanstalten, auf dem schlichten Wege selbstverleugnender Hilfsbereitschaft und in mütterlicher Umsicht und Weitherzigkeit bei hoch und niedrig, jung und alt Zeugnis ablegten von dem Herrn, in dessen Dienst sie standen.
Es war ein Wachsen und Sichausbreiten, wie es in verhältnismäßig so kurzer Frist kein Diakonissenhaus erlebt hat. An dem geräuschlosen Glühen Mutter Emiliens und Schwester Lottchens und an Vaters loderndem Brennen entzündeten sich immer neue Flammen. Wer konnte und wollte solches Wachstum hemmen? Aber damit entstand auch die Sorge, ob mit dem Wachstum nach außen das Wachstum nach innen Schritt halten würde.
Es war schon in jenen Anfangszeiten so, daß, wer in Vaters Nähe kam, unwillkürlich in eine andere Höhenlage gehoben wurde. Durch den Geist des Vertrauens, der Liebe, des kindlichen Glaubens, der von Vater ausströmte, wurde jeder über sich selbst hinaus versetzt. Der Betreffende hörte auf, er selbstzu sein. Er wurde für den Augenblick schon jetzt das, was er später einmal werden konnte und werden sollte. Darüber konnten Selbsttäuschungen nicht ausbleiben. Man kam in Gefahr, sich für etwas zu halten, was man noch nicht war. Darum blieb bei mancher Schwester, die in Vaters Nähe kam, trotz stärkster innerer Erlebnisse die entscheidende innere Wendung oder das echte innere Wachstum aus. Die außergewöhnlichen Wirkungen, die Vater ganz ohne Absicht ausübte, lockten bei allen, mit denen er zusammenkam, alle Sonnenseiten des menschlichen Wesens heraus, ließen alle Schattenseiten zurücktreten. Aber gerade so kam es, daß er in der Beurteilung von Schwestern sowohl wie in der Beurteilung seiner übrigen Mitarbeiter wieder und wieder vor tiefe und schwere Enttäuschungen gestellt wurde.
Und gerade auf diesem Gebiete, auf welchem Vaters Schranke lag, sah er sich weder von Mutter Emilie noch von Schwester Lottchen in ausreichender Weise ergänzt. Auch ihnen fehlte die Gabe der stillen Seelenführung, wie sie eine Mutter in der Verborgenheit ihren Kindern angedeihen läßt, indem sie sich dabei der Eigenart jedes einzelnen Kindes anpaßt. Das Wort Gottes und die Arbeit waren die Erzieher der Schwestern; aber das Zwischenglied, die stille persönliche Pflege, die sich in die Besonderheit der einzelnen Schwester hineinversenkt, trat zu sehr zurück.
Mit dem Wachstum des Mutterhauses wuchs darum, wie bei Mutter Emilie und Schwester Lottchen, so erst recht bei Vater das Verlangen nach einer zunehmenden Zahl innerlich führender Persönlichkeiten. Aber das große Gedränge der Not, das um Hilfe flehte, hemmte immer wieder die ausreichende Erfüllung dieses Wunsches und ließ ihn über andern Aufgaben stärker zurücktreten, als es gut war. Manche Persönlichkeit von innerlich reicher Begabung, aber geringer äußerer Kraft schied wieder aus, weil sie den großen Anforderungen, die an die körperlichen Leistungen gestellt wurden, nicht gewachsen war; und der Korpsgeist, der die Stärke, aber auch die Schranke einer Schwesternschaft ist, wurde nicht immer der Eigenart der einzelnen Mitarbeiterinnen gerecht und ließ manche Schwester wieder in ihr Elternhaus zurückkehren, die ein wertvolles Glied des Kreises hätte werden können.
Um diesem Mangel stärker abzuhelfen, kam es vor, daßVater hier und da, nicht gegen die Ordnung, aber doch über die Ordnung des Diakonissenhauses hinweg, ältere Persönlichkeiten, die nicht von der Pike auf im Mutterhause gedient und nicht die sonst übliche Zahl der Jahre bis zur Einsegnung abgedient hatten, in leitende Stellungen einsetzte und ihnen die geistliche Pflege und Führung jüngerer Schwestern anvertraute.
Auch dadurch wurden die empfundenen Lücken bis zu einem gewissen Grade ausgefüllt, daß sich allmählich ein Kreis sogenannter freier Hilfsschwestern um das Mutterhaus her bildete. Sie gehörten nicht als eigentliche Diakonissen dem Mutterhause an, hatten aber in ihm ihre Ausbildung gefunden und stellten sich, je nachdem ihre Familienverhältnisse und ihre ganzen Umstände es erlaubten, bald für längere, bald für kürzere Fristen dem Mutterhause zur Verfügung. Aus ihnen traten dann immer wieder einige ganz in die Schwesternschaft über.
Wenn ich mich recht besinne, geschah es auf diesem Wege, daß in Vater der Gedanke erwachte, dem Johanniterorden zu empfehlen, sich für seine Aufgaben in Krieg und Frieden aus den Kreisen der gebildeten Mädchen mit einem Stab von Pflegekräften zu versehen, die in den einzelnen Mutterhäusern geschult werden sollten, aber dann nicht zunächst diesen, sondern in erster Linie dem Johanniterorden sich zur Verfügung hielten. So wurde der alte Gedanke des Ritterordenswesens, daß die führenden Kreise des Volkes sich unmittelbar mit ihrer ganzen Person dem Dienste des Nächsten in Pflege und Hilfsdienst widmen sollten, zu neuem Leben erweckt.
In bezug auf die Frage der gelegentlichen Verheiratung der Schwestern hat es von Fall zu Fall zwischen Vater und den beiden leitenden Schwestern wohl Verschiedenheit der Meinungen gegeben, — wobei die beiden Schwestern das strengere, Vater das weitherzigere Element vertraten —, aber grundsätzlich stimmten alle drei darin überein, daß eine Diakonisse ihren Beruf als Lebensberuf ansah und nicht mehr mit der Verheiratung rechnete. In diesem Entschluß sah Vater nicht eine Knechtschaft, sondern eine große Freiheit und Sicherheit angesichts der mancherlei schwierigen Lagen, in die eine Diakonisse bei Ausübung ihres Berufes kommt. Höher aber als der Entschluß der Schwester stand ihm die göttliche Führung. Diese genau zu erkennen, darauf kam es ihm an in jedem einzelnenFall, in welchem eine Schwester vor die Frage der Verheiratung gestellt wurde.
Der Regel nach riet er aufs ernstlichste ab. Er hatte zu oft erfahren, daß es doch bloß Menschenwege waren, die man für göttliche ansah, hatte auch zu oft festgestellt, daß Diakonissen, die schon länger in einer selbständigen Stellung sich befunden hatten, sich selten ganz in die Beschränktheit des Lebens an der Seite des Mannes fanden. Er konnte auch dem um eine Diakonisse anhaltenden Mann es ernst ins Gewissen schieben, ob es wirklich recht sei, bei der großen Fülle lediger Mädchen den Blick auf eine Kraft zu lenken, die im Dienst der Kranken und Elenden bereits erfahren sei und deren Lücke nicht so leicht wieder ausgefüllt werden könnte.
Aber starr war er nicht. Überzeugte er sich, daß es nicht Menschenwerk war, dann hat er mehr als einer Diakonisse seinen Segen auf ihren Weg gegeben, ist auch in ständiger Verbindung mit ihr geblieben und suchte sie, wenn er irgend konnte, in ihrer Familie auf.
So eng Vater auch mit seinen beiden Mitarbeiterinnen verbunden war, und so wenig er an Einrichtungen rüttelte, die er übernommen hatte und die durch die Verhältnisse geboten waren, so sah er doch das Ideal der Leitung eines Mutterhauses in Sarepta nicht verwirklicht. Vielmehr schwebte ihm dafür die ursprüngliche Verfassung des Kaiserswerther Diakonissenhauses vor, wo Vater und Mutter Fliedner nicht nur Vater und Mutter für ihre leiblichen Kinder, sondern auch für die Diakonissen gewesen waren. Wiederholt sagte er, das schönste wäre, wenn seine Frau, unsere Mutter, ihn auf allen seinen Reisen zu Diakonissen begleiten könnte, um überall mit ihm zugleich nach dem Rechten zu sehen. Darum blieb der Besuch des Ehepaares Dändlicker, das gemeinsam als Vater und Mutter ihrem Diakonissenhause in Bern vorstand, eine ganz besondere Herzenserfrischung für unsere Eltern und ebenso der Gegenbesuch, den sie nach Jahr und Tag in Bern machten.
Eine erste Bedingung zur Aufrichtung eines solchen Ideals war freilich, daß die Diakonissenhäuser nicht zu groß wurden. Darum hat Vater, wo er nur konnte, zur Entstehung selbständiger kleiner Diakonissenhäuser mitgeholfen und überall für die Anfangszeit die tüchtigsten Schwestern zur Verfügung gestellt, so in Amsterdam, Oldenburg, Kreuznach, Detmold, Arolsenund Miechowitz, wie denn auch die Entstehung des zweiten westfälischen Mutterhauses in Witten und der rheinischen Anstalt Tannenhof bei Lüttringhausen ihm eine ganz besondere Freude und Entlastung war.
Grundlegende Änderungen hat er bei keinem dieser neu entstehenden Diakonissenhäuser, die um seine Unterstützung baten, anbahnen helfen. Es blieb bei gelegentlichen mündlichen kritischen Äußerungen über die Mängel des jetzigen Diakonissenwesens, sowohl was die Durchbildung der einzelnen Schwester als die Zusammensetzung der Schwesternschaft betraf. Ihn schmerzte es unablässig, zu sehen, wie hohe und höchste katholische Familien immer wieder mindestens eine ihrer Töchter in den Dienst der Kirche stellten, während die evangelischen Diakonissenhäuser eine Rekrutierung aus allen Schichten der christlichen Gemeinde doch zu schmerzlich entbehren mußten.
Hätte Vater, als er die Arbeit in Bielefeld übernahm, nicht schon die festgelegte Grundlage des Diakonissenwesens vorgefunden, so könnte man sich denken, daß er für die Heranbildung einer evangelischen Truppe von Pflegern und Pflegerinnen des Volkes in allen seinen körperlichen und geistigen Nöten, ich möchte nicht sagen freiere, wohl aber höhere Wege gesucht hätte, auf denen in ganz anderer Weise, als es jetzt der Fall ist, die Gesamtheit der ihrem Herrn in Wahrheit ergebenen Christenheit sich vor den Wagen des Elends gespannt hätte. Aber zum Reformator von Instituten, die bei allen Schranken, welche ihnen anhaften, doch schon einen Stempel reichen göttlichen Segens an sich trugen, hat sich Vater nie berufen gefühlt.
Oft hat Vater den Gedanken abwehren müssen, daß er der Begründer der Anstalt gewesen sei. Er war ja tatsächlich erst eingetreten, als der erste Anfang bereits fünf Jahre zurücklag. Wenn er aber gefragt wurde, wer denn eigentlich der Begründer gewesen sei, wen sollte er da nennen? Er hätte manche Namen aus Rheinland und Westfalen anführen müssen, die in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts bei den ersten Fundamenten zusammengewirkt hatten und für die Pastor Balke aus Rheydt der öffentliche Sprecher geworden war. Balkes Bild behielt darum in Vaters Zimmer seinen Platz.
Aber wenn Vater die Besucher durch die Anstalt führte, brachte er sie gern auf den Friedhof und zeigte ihnen dort in der äußersten Ecke ein Grab, auf welchem geschrieben steht: „Hier ruht ein treuer Freund des Ravensbergischen Volkes, Friedrich Wilhelm Heermann, geb. 31. März 1800, gest. 26. Jan. 1882 in Sarepta. Der Herr wird dein ewiges Licht sein, und die Tage deines Leidens sollen ein Ende haben. Jes. 60, 20.”
Diesen Heermann bezeichnete er am liebsten als den eigentlichen Gründer der Anstalt. Ich habe den achtzigjährigen Mann noch deutlich in Erinnerung, wenn er an unserm Mittagstisch saß oder wenn er sich an meiner Hand von unserm Haus in sein Zimmer auf der Männerstation von Sarepta zurückführen ließ. Dort stand auch seine kleine Stubenorgel, zu der ich ihm einige Male den Wind gemacht habe. Es war mir sehr feierlich in Gegenwart dieses Mannes zu Mut, aber nicht eigentlich furchtsam; und das ist mir noch heute ein Zeichen, daß in dem Mann eine tiefe, lautere Frömmigkeit gewohnt haben muß und er nicht zu den Überfrommen gehörte, vor denen Kinder so leicht eine Scheu empfinden.
Er stammte aus der Gemeinde Werther, zwei Stunden nordwestlich von Bielefeld. Dort hatte sein Vater eine kleine Stätte besessen, d. h. ein eigenes Haus mit einigen Morgen Acker, die er mit den Kühen bewirtschafte. Als etwa zwanzigjähriger Jüngling war Heermann von dem Boden auf die Diele gestürzt, und als Folge dieses Sturzes hatte sich eine Störung seiner Sehkraft und schließlich vollständige Erblindung herausgestellt. Aber die Nacht, die sich über sein äußeres Leben legte, wurde ihm zur Nacht von Bethlehem, von der es heißt: „Dies ist die Nacht, da mir erschienen — Des großen Gottes Freundlichkeit. — Das Kind, dem alle Engel dienen, — Bringt Licht in meine Dunkelheit. — Und dieses Welt- und Himmelslicht — Weicht hunderttausend Sonnen nicht.”
Die Zeit der vollständigen Erblindung Heermanns fiel zusammen mit der Zeit der Erweckung des geistlichen Lebens, die nach der Öde und Dürre des Vernunftglaubens wie ein erfrischender Lufthauch durch das Land ging. Auch in Minden-Ravensberg waren in Stadt und Land die Gewissen erwacht. In kleinen und größeren Kreisen sammelte man sich, um gemeinsam nach Gottes Wahrheit und Willen zu forschen und sich im Glauben an den Versöhner zu stärken.
Heermann wurde einer der Pfleger dieser Kreise. Es kam ihm zustatten, daß er noch in den Tagen des gesunden Augenlichtes gelernt hatte, im Sattel zu sitzen. Jetzt sah man den blinden Mann mit einem Geleitsmann zusammen durch das Land reiten, um bald hier, bald dort die Versammlungen der Glaubenden zu stärken. Bald wußte er so genau auf den Straßen des Landes Bescheid, daß er, wenn er nicht ritt, zu Fuß ganz allein die weitesten Strecken zurücklegte, um nicht nur die Versammlungen aufzusuchen, sondern auch die einzelnen Familien, die den neuen Weg des Glaubensgehorsams beschritten hatten, zu stärken und zu fördern. Auch in mehr als einem adligen Hof des Landes war er ein gern gesehener Gast.
Er blieb nicht bei der Gewinnung einzelner Seelen und einzelner kleiner Kreise stehen. Sein inneres Auge war auf die Erfassung der Volksseele, auf die Gewinnung der Gemeinden gerichtet. Darum lag ihm daran, daß die Kanzeln des Landes wieder mit Männern besetzt wurden, die durch ihre Predigt das tiefste Bedürfnis stillen und zu dem Heiland der Welt führen könnten. Nach dieser Richtung hin leitete er darum vor allem das Gebet derer, die mit ihm eines Sinnes waren. Zugleich unternahm er alles, was zur Gewinnung tüchtiger Pastoren führen konnte. Mehrmals reiste er deswegen nach Berlin, und man gab ihm Gelegenheit, sich vor dem König Friedrich WilhelmIV.über seine Gedanken und Wünsche auszusprechen.
Das war in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Der Same, der immer reichlicher ausgestreut wurde, ging auf. Ein Frühling neuen Lebens füllte die Hügel und Täler des Ravensberger Landes, und in das stille Rauschen der Bäche, die die verborgenen Wiesentäler des Landes durcheilten, mischte sich das Rauschen des neuen Geistes, der die Herzen erfüllte. Aus solchen Herzen aber erwuchs die Willigkeit, dem Rufe Gottes zu folgen, um den Elenden nicht nur die Häuser zu bauen, sondern sie auch in diesen Häusern zu pflegen, nicht um Geldes willen, sondern frei und umsonst aus Dank gegen Gottes große Heilandstat in Jesus Christus.
Später folgte dann Heermann dem Rufe des Grafen Arnim-Muskau, um dort längere Jahre hindurch in ähnlicher Weise tätig zu sein wie im Ravensberger Lande. Als die Kraft nachließ, lud ihn Vater ein, für den Rest seines Lebens zu unszu kommen. Er wurde dann in Sarepta zum Seelsorger der Kranken, die aus Stadt und Land Aufnahme fanden.
Bei den Andachten, die er regelmäßig in den Krankensälen hielt, ging ihm sein Freund und Gesinnungsverwandter, der alte Schmied Pöppelmeier, zur Hand, der die Lieder vorsagte und die Texte verlas, die dann von Heermann ausgelegt wurden.
Im Sterben ließ sich Heermann noch einmal das 53. Kapitel des Buches Jesaia von Vater vorlesen. Als der Vers kam: „Die Strafe liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilet”, rief er: „Halleluja, Halleluja!” Es ging uns schon als Kindern stets durch und durch, wenn Vater, wie er es immer wieder tat, in seinen Predigten von diesem Halleluja des sterbenden Mannes erzählte. Wir konnten das tiefe Geheimnis, weshalb gerade über diesen Versen ein Sterbender jubeln konnte, noch nicht mit dem Verstande fassen, aber unsere Seele ahnte etwas von diesem beseligenden Glauben.
Bedeutsam aber bleibt, daß Vater diesem schlichten Mann des Volkes vor andern grundlegenden Einfluß zuschrieb für die Bereitung des Bodens, auf dem die Anstalt erwuchs.
Die Arbeit wuchs von Jahr zu Jahr, und Vater hatte Hilfe nötig. Zu suchen brauchte er eigentlich nicht mehr. Bei Gelegenheit eines Missionsfestes, zu dem er von Dellwig aus gereist war, hatte er in Bruchhausen an der Weser den damaligen Hilfsprediger Hermann Stürmer kennen gelernt. Fast auf der Stelle hatte er Herzensfreundschaft mit ihm geschlossen und ihn nach Dellwig eingeladen. Er bedurfte dort der Entlastung, weil mit dem Tode seines Kollegen Philipps außer allen andern Pflichten, die er übernommen hatte, die ganze Gemeindearbeit sich auf ihn gelegt hatte. Stürmer kam und erlebte jene erschütternden dreizehn Tage, in welchen den Eltern alle ihre vier Kinder genommen wurden. Er ist ihnen damals ein großer Trost gewesen, und das gemeinsam erlebte tiefe Leid verband alle drei zu unlöslicher Freundschaft.
Die Anstalten in Ducherow in Pommern waren zu jener Zeit durch manche Schwierigkeit gegangen. Vater hatte von Dellwig aus bei der Ordnung der Verhältnisse an Ort und Stelle mitgeholfen, hatte sich aber nicht entschließen können,selbst nach Ducherow überzusiedeln. Statt seiner empfahl er seinen Freund Stürmer. Nach siebenjähriger Tätigkeit in Ducherow kam dann Stürmer, der sich inzwischen verheiratet hatte, nach Bethel. Es war natürlich ein großes Ereignis für uns Kinder, als unsere beiden Anstaltsschimmel Max und Hektor den neuen Pastor mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Töchtern im Kutschwagen den Berg herauf vor unser Haus zogen.
Wir Kinder haben vom ersten Augenblick dem Pastor und der Pastorin Stürmer den größten Respekt entgegengebracht. In Stürmers äußerer Erscheinung lag nichts Imponierendes, aber Ruhe, Klarheit und eine unerschütterliche Treue standen ihm auf dem Angesicht geschrieben. Die Pastorin aber war in ihrem ganzen Wesen von einer Schlichtheit, Milde und Herzensgüte, daß man sie nur zu sehen brauchte, um ihr Verehrung entgegenzutragen. Daß auch mit den Kindern dieser Eltern uns bald eine herzliche Kameradschaft verband, versteht sich von selbst.
Vor allem entlastete Pastor Stürmer unsern Vater in der Arbeit an den Epileptischen. Was Vater bei seinem zunehmenden Pflichtenkreis nicht mehr so, wie er es wünschte, gekonnt hatte, tat jetzt Stürmer: er nahm sich der einzelnen Stationen und der einzelnen Epileptischen an. Wenn Vater sich oft nur so viel Zeit genommen hatte, das Feuer der Erregung, das bei Epileptischen so leicht auflodert, durch ein kurzes gütiges oder, was auch nicht ausblieb, strenges Wort rasch zu dämpfen, so nahm Pastor Stürmer sich die Muße, dem Herde des Feuers nachzugehen und ihn in seiner Tiefe aufzudecken. So machte es einst einen großen Eindruck auf mich, als ich ihn einmal in seinem Arbeitszimmer mit einem epileptischen Kranken zusammen fand. Er hatte die Bibel auf seinen Knien und suchte darin, bis er den Spruch fand, den er dem Kranken als Arznei mitgab. Das war überhaupt seine Regel: wenn irgend die Fassung des Kranken noch ausreichte, führte er ihn in die Schrift und stellte damit die unruhvolle Seele des Epileptischen auf den festen, unerschütterlichen Grund der ewigen Wahrheit und des ewigen Friedens.
Wie bei den einzelnen hielt er es auch auf den Stationen. Nicht um sich sammelte er die Kranken, nicht an seine Person fesselte er sie, sondern immer war es die Person des Heilandes und die Majestät Gottes, die er an der Hand irgend einesSchriftwortes vor die Kranken hinstellte und damit die tiefsten Wirkungen erzielte.
Daneben war es die Musik, die er unter den Epileptischen pflegte. Auch hierin ergänzte er Vater, der es auf dem musikalischen Gebiet nicht weiter gebracht hatte, als daß er mit einem Finger eine Melodie tippen konnte. Die kleine Orgel, die einst in der Hügelkirche in Paris gestanden hatte, war bei dem Erweiterungsbau überflüssig geworden und stand nun im Speisesaal von Groß-Bethel. Um diese Orgel sammelte Stürmer den Chor der Epileptischen. Der 126. Psalm — „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird” —, mit dem bis heute dieser Chor viele Herzen ergreift, ist von Pastor Stürmer zuerst eingeübt worden.
Auch die Aufnahme der Epileptischen übernahm Pastor Stürmer, insbesondere die Festsetzung der Pflegegelder. Es war vom ersten Augenblick an Vaters Grundsatz gewesen, keinen Epileptischen um des Geldes willen abzuweisen. Aber seine Güte war doch nicht selten mißbraucht worden, namentlich auch von Gemeindeverwaltungen, die sich den Pflichten gegen ihre Gemeindekinder zu entziehen suchten und den Wohltätigkeitssinn der Freunde der Epileptischen ausnutzten. Jetzt sind die Leistungen der Gemeinden, soweit diese zur Unterbringung ihrer epileptischen und geisteskranken Eingesessenen verpflichtet sind, fest durch das Gesetz geregelt. Damals war es nicht so. Und Pastor Stürmer ging mit zäher Treue allen Quellen nach, die zum Unterhalt der Epileptischen beitragen konnten.
Während die Schwestern in Vater ihren Leiter behielten, wurde Pastor Stürmer der Leiter der Brüder. Doch blieb das feste Band dadurch erhalten, daß Vater bei den Brüdern eine oder zwei Unterrichtsstunden gab, Stürmer umgekehrt bei den Schwestern. Rascher als Vater drängte Stürmer zur Klärung und Entscheidung. Vaters unermüdliche Geduld konnte nicht anders, als immer und immer wieder zu warten, ehe er eine Schwester oder einen Bruder, die ungeeignet schienen, veranlaßte zurückzutreten. Er hat damit, wie schon gesagt, den Diakonissen und Diakonen, die Tag für Tag mit solchen ungeeigneten Kräften zu tun hatten, oft Außerordentliches zugemutet, hat freilich so auch ihre Schultern im Tragen und Ertragen gestählt und manche derartige Kraft mit seiner unermüdlichenGeduld innerlich überwunden und dadurch der Arbeit erhalten, die sonst verbittert ihres Weges gegangen wäre.
Stürmer hatte diese Art nicht. Unlautere Elemente wurden unter den Brüdern schneller ausgeschieden als unter den Schwestern; und das war auch gut, da die Geduld des Mannes von Natur kürzer ist als die der Frau und die Brüderschaft zu stark in ihrer Arbeitsfreudigkeit gehemmt worden wäre, wenn Pastor Stürmer nicht immer wieder schnell die lauen Elemente abgewehrt hätte.
Seine Entschiedenheit trug er natürlich auch in die Schwesternstunden hinüber und ergänzte so Vater in der Erziehung der Schwestern, wie umgekehrt Vater manche Herbigkeit glätten konnte, die Stürmers Arbeit an den Brüdern mit sich brachte.
Stürmers Predigten, die er abwechselnd mit Vater hielt, machten auf Kranke und Gesunde tiefen Eindruck durch die Kraft und Innerlichkeit der Überzeugung, die von ihnen ausging, auch wenn sie nicht immer von allen verstanden wurden. Namentlich waren es Stürmers Unterrichtsstunden, vor allem auch der Konfirmandenunterricht der epileptischen und gesunden Kinder, wodurch er der ganzen Gemeinde zum großen Segen wurde. Pastor Wilm, jetzt am Diakonissenhause in Witten, dem Stürmer als väterlicher Freund nahe stand, hat mit dem Titel „Unter dem Rauschen des Gottesbrünnleins” (erschienen in der Buchhandlung der Anstalt Bethel) Auszüge aus den Predigten und Stunden Stürmers herausgegeben. Wer Stürmer ganz verstehen und einen Eindruck empfangen will von der tiefen Kraft, die von diesem stillen Mann in die Gemeinde ausging und bis heute fruchtbar geblieben ist, der muß zu diesem Büchlein greifen.
Die Texte, über die die Predigten und Ansprachen gehalten wurden, verabredeten die beiden miteinander, und Pastor Stürmer hielt sich unerschütterlich daran. So waren einmal für die Abendgottesdienste der Passionswoche die sieben Worte Jesu am Kreuz festgelegt worden, und auf den Abend des Palmsonntags, als des ersten Tages der Passionswoche, fiel das erste Wort: „Vater, vergib ihnen.”
Nun traf es sich, daß an diesem selben Tage unsere Eltern ihre silberne Hochzeit feierten. Vater hatte am Morgen den Gemeindegottesdienst gehalten; am Abend sollte die Feier sein,in welcher Pastor Stürmer die Freude und die Wünsche der Gemeinde zum Ausdruck bringen sollte. Man erwartete einen besonderen Freudentext. Aber nein, Stürmer blieb bei dem, was einmal festgelegt war: „Vater, vergib ihnen.” Und es ergab sich, daß der geistvolle Mann in zartester Weise in die Behandlung des Textes die tiefsten Erfahrungen und die ganze Lebensgeschichte der Eltern einflocht, die im Grunde aus der Vergebung der Sünden heraus ja in nichts hinauslief als in Leben und Seligkeit. „Denn wo Vergebung der Sünden ist, da ist Leben und Seligkeit.” Auf diese beglückendste Wahrheit stellte Stürmer an diesem Abend das Leben der Eltern und mit ihnen der ganzen Gemeinde und traf so in der Tat den festlichsten Ton.
Die unerschütterliche Freundestreue und tiefe Verehrung, die Stürmer gegen Vater erfüllte, brachte es mit sich, daß er bei Tag und Nacht bereit war, Vater zu entlasten und zu ergänzen. Es gab keine Reise, keine Predigt, keine Stunde, die Vater nicht in jedem Augenblick, wenn ihm Hindernisse dazwischen kamen, auf ihn übertragen konnte. Wie oft sind wir Kinder hinübergesprungen durch den Garten des Diakonissenhauses ins zweite Pfarrhaus, um solch ein Anliegen zu überbringen, und immer wurde es mit derselben Willigkeit aufgenommen, trotzdem der treue Mann vielfach unter schwersten Kopfschmerzen litt, die ihm die Arbeit zur Qual machten. Aber klagen hat man ihn nie hören.
Die epileptischen Kranken hatten nach wie vor auch bei Vater zu jeder Zeit und Stunde freien Zutritt. Aber immer wieder konnte er sie dann Pastor Stürmer zur gründlicheren Behandlung aller ihrer Klagen zuweisen. Oft war das Sprechzimmer Stürmers mit Epileptischen gefüllt, die rings um ihn her saßen. Er pflegte dann wohl in großer Gemütsruhe von der eingegangenen Post einen Brief nach dem andern mit dem Bleistift aufzurollen, — denn um den Umschlag wieder verwenden zu können, zerschnitt er ihn niemals — und während dessen hörte er einen Wunsch nach dem andern an. Aber auch für die gesunden Anstaltsglieder blieb das Stürmersche Haus ein stets weitgeöffneter Ruheport und für die Gäste, die kamen, eine nie sich schließende Herberge zur Heimat. Das war namentlich in den Zeiten, wo der leidende Zustand unserer Mutter unser Haus in die Stille versetzte, eine große Wohltat für unsere Eltern.
In der selbstlosen Hingabe an sein Amt und in der wahrhaft großartigen Freundestreue gegen unsern Vater verzehrte sich Stürmers Kraft. Während eines Familienabends bei den epileptischen Damen in Bethanien erlitt er 1895 einen Schlaganfall, von dem er sich nicht wieder erholte. „Es ist schwer, nichts zu sein”, seufzte der tätige Mann wohl gelegentlich. Als er im Herbst 1899 erlöst war, rief Vater an seinem Grabe: „Es ist mir leid um dich, mein Bruder Jonathan, ich habe große Freude und Wonne an dir gehabt.” Das ging uns durch Mark und Bein. Seine Witwe erkrankte an der Gicht, die schließlich zur völligen Lähmung führte, aber bis zu ihrem Tode mit einer Stille und Geduld getragen wurde, die in der Gemeinde fortwirken.
Das Kassenwesen der Anstalt forderte bald eine besondere Kraft. Wen sollte Vater rufen? Auch diesmal wieder, wie bei Pastor Stürmer, war ihm die Qual der Wahl erspart. Seit seiner Landwirtszeit in Hinterpommern war er mit seinem seelsorgerlichen Freunde Mellin verbunden geblieben. So kam der schon ergrauende Mann zu uns und bezog die beiden warmen Südzimmer im Giebel unseres Pfarrhauses. Erst als er längst seine Augen geschlossen hatte und wir Kinder erwachsen waren, deutete Vater einmal an, durch welche tiefen Versuchungen „Onkel Mellin”, wie wir ihn nannten, gegangen war, längst ehe er ihn kennen gelernt hatte. In der Tiefe hatte ihn Gottes Gnadenstrahl getroffen, und nun lag ein Abglanz davon auf seinem Angesicht und in seinem Wesen.
Wir Kinder hatten ein unbegrenztes Vertrauen zu ihm. Immer konnten wir bei ihm eindringen. Aus den alten Aktenstücken seines Papierkorbes drehte er uns herrliche lange Posaunen, und wenn er sich auch gar nicht mit uns beschäftigte, so war es uns schon eine Wohltat, in der Nähe dieses friedevollen Mannes uns aufhalten zu können. Als es sich zeigte, daß die Kassenstube im unteren Teil der Stürmerschen Wohnung günstiger lag als bei uns, siedelte Mellin dahin über, und von dort aus ist er vielen Anstaltsgenossen, jungen und alten, namentlich auch den Diakonen ein seelsorgerlicher Freund geworden, gerade so wie einst in seinem Posthalterstübchen in Hinterpommern der Landjugend und den jungen Landwirten.
Es bleibt beachtenswert, wie Vater von vornherein die tiefsten, innerlichsten Persönlichkeiten, die in seinem Gesichtskreis lagen, zur Mitarbeit heranzog, nachdem sie längst vorher in seinen Lebensweg gestellt waren. Und daß ihm gerade für das scheinbar so äußerliche Gebiet der Geldangelegenheiten die tiefe Persönlichkeit Otto Mellins sich darbot und beide sich ganz verstanden, war von unauslöschlicher Bedeutung für den Fortgang der Arbeit.
Wer die heutige Entwicklung der Anstalten überschaut, der fragt sich, woher die Mittel kamen und wie es möglich war, daß so große Mittel unserm Vater anvertraut wurden. Das Geheimnis lag in der persönlichen Freiheit Vaters dem irdischen Besitz gegenüber. Er hatte für seine Person kein Geld nötig. Er hatte nie Geld bei sich. Ging er auf Reisen, so legte ihm unsere Mutter das Portemonnaie zurecht. Aber auch so kam es vor, daß er es liegen ließ. Dann borgte er sich unterwegs das Nötige; und die Leute gaben es ihm. Als er einmal zur bestimmten Stunde in Potsdam zu einer Audienz beim späteren Kaiser Friedrich, dem damaligen Kronprinzen, sein mußte und auf dem Potsdamer Bahnhof in Berlin sich die Fahrkarte lösen wollte, entdeckte er, daß seine Tasche leer war. Kurz entschlossen legte er die goldene Uhr seines Vaters hin. Aber ein Reisender, der hinter ihm stand, legte den Fahrpreis neben die Uhr, und Vater konnte Uhr und Fahrkarte einstecken.
Es war für uns Kinder immer ein Schmerz, gar nichts zu wissen, was wir unserm Vater zum Geburtstag oder zu Weihnachten schenken sollten. Er hatte nichts Asketisches an sich, aber er ließ sich wirklich an Nahrung und Kleidung genügen und hatte darüber hinaus keine Wünsche und keine Bedürfnisse. Doch diese Freiheit den irdischen Dingen gegenüber machte ihn keineswegs unsorgsam. Er rechnete immer, wenn er nach Hause kam, ab. Jede, auch die kleinste Gabe wurde sofort notiert und in Verwahr gegeben. Auch für uns Kinder verstand es sich von selbst, daß wir über das kleine Taschengeld, das wir bekamen, sorgsam Buch führten. Beides, die sorgliche Harmlosigkeit dem Gelde gegenüber und die große Sorgsamkeit, die er ihm zugleich widerfahren ließ, hatte bei Vater in Gott seinen Grund. Gott lebt und gibt; was brauche ich zu sorgen um das Geld? Gott aber gibt das Geld, also bin ich sorgsam;denn ihm gehört beides, Silber und Gold, darum bin ich ihm auch für den kleinsten Pfennig verantwortlich.
So spürte man es Vater ab: bei ihm ist das Geld wirklich in guter Hand. Ihm können wir es anvertrauen. Er braucht es nicht zu unnützen Zwecken, nicht zum eigenen Vorteil, nicht zum eigenen Ruhm. Hier wird wirklich das Geld, das so selten Gutes stiftet, aus einem Fluch zum sorgsam verwalteten Segen. Hier wird aus dem harten Tyrannen ein Diener des Erbarmens.
Aber auch diese Verwaltung und Verwendung des Geldes innerhalb der Anstalt geschah unter dem Gesetz der Freiheit, in der innerlichen Unabhängigkeit vom Gelde, und nie wurde mit Rücksicht auf das Geld etwas unterlassen, was wirklich von der Liebe gefordert wurde. Die Liebe sollte regieren, nicht das Geld. „Nie”, sagte Vater einmal, „soll das Geld Königin sein, sondern die Barmherzigkeit. Hierbei werden die Anstalten sich auch materiell am besten stehen.” Darum wurde auch für die einzelnen Haushaltungen kein bindender Haushaltsplan aufgestellt. Es ging auf Treu’ und Glauben, wie beim Bau des ersten Tempels in Jerusalem. Dem einen Hauselternpaar war die Gabe gegeben, mit wenigem auszukommen. Gut, wenn es sich nur keinen Ruhm daraus machte, sich nicht vom Sparsamkeitsteufel ergreifen und die Liebe darüber sterben ließ. Dem andern Hauselternpaar wollte es trotz aller Mühsal nicht gelingen, mit dem Monatsgelde auszukommen. Was schadete es, wenn es sich nur nicht von ängstlicher Sorge fassen ließ und darüber für sich und die Kranken den Frieden einbüßte.
So konnte es vorkommen, daß Vater für den geschickten Hauswirt am meisten bangte, mit dem ungeschickten am meisten Rücksicht übte. Denn bei jedem sah er nicht auf das Geld, sondern auf die Barmherzigkeit. Gegen Verschwendung in jeder Gestalt war er unerbittlich. Wie oft haben wir es gesehen, wie er einen halben Backstein, der am Wege lag, aufhob und an seinen Platz trug. Wie oft hat er immer wieder zur Treue gerade in den kleinen und kleinsten Dingen ermahnt. Aber niemals um der materiellen Ersparnis willen, sondern weil Gott gerade auch das Kleinste nicht gering geachtet sein läßt.
In dieser seiner Freiheit und seiner Gebundenheit gegenüber dem irdischen Gut sich von Mellin verstanden zu wissen, mit ihm darin völlig eins zu sein, das bedeutete für Vater und die ganze Arbeit eine unermeßliche Wohltat. Und dieser Sinnder unbedingten Freiheit und ebenso unbedingten Treue gegenüber dem ungerechten Mammon wurde nun von Mellin durch seinen täglichen Dienst den einzelnen vermittelt. Damit wurde der Grund gelegt einerseits zu einer Sparsamkeit im Kleinen und Kleinsten, die manche Haushaltung zu einer Musterwirtschaft machte, andererseits aber auch zu einer Freiheit und Weite, die das Geld zu einer Dienerin der Liebe machte und seine harte Tyrannei, die sich so oft in den Mantel der Sparsamkeit hüllt, nicht aufkommen ließ.
Mellin erlebte noch den Bau der Zionskirche, zu der so viele kleine und große Gaben aus aller Welt Enden durch seine Hand gegangen waren. An einem Sonnabendabend im Sommer 1884 ging er mit uns durch den Buchenwald zum Bauplatz hinaus, und ich sehe noch das strahlende Angesicht, mit welchem er in unserer Mitte stehend zu dem Balkenwerk emporsah, das kurz vorher gerichtet war. Am nächsten Tage besuchte er auswärts einen leidenden Freund und kehrte erst abends zurück. Am andern Morgen blieb seine Tür verschlossen. Als man sie öffnete, fand man den treuen alten Mann entschlafen. Auf seinem Tisch lag der kleine Bogatzky, der auch für ihn, gerade so wie für unsere Eltern, der Freudenmeister der täglichen Buße und des täglichen Glaubens geworden war. Ich blätterte darin herum und fand, wie er jeden Tag, an welchem er zum heiligen Abendmahl gegangen war, besonders bezeichnet hatte: „Heute zum Tisch des Herrn.” Ein treuer Knecht seines Herrn, im Irdischen und im Himmlischen. „Ei, du frommer und getreuer Knecht — gehe ein zu deines Herrn Freude!” Zwischen den Gräbern der Diakonen ist noch heute sein Grab zu finden.
Bis zum Jahre 1887 waren es Bielefelder Ärzte, die nebenamtlich die Kranken der Anstalt besuchten, erstDr.Tiemann, dann, als seine Nachfolger, die Doktoren Bertelsmann und Müller-Warneck, beide alten Bielefelder Familien entstammend. Sie kamen immer erst in der Mittagsstunde, nachdem sie ihre Kranken in der Stadt besucht hatten. Jeder hatte eine Abteilung im Diakonissenhause und einige Abteilungen der Epileptischen. Die Epileptischen-Abteilungen wurden nicht täglich, sondern, abgesehen von besonderen Fällen, nur zwei- oder dreimaldie Woche besucht. So waren die Besuche der Ärzte in den Anstaltshäusern verhältnismäßig schnell erledigt. „Unsere lieben Ärzte haben nicht viel zu tun,” hörte man Vater in jener Anfangszeit öfter sagen, „die Brüder und Schwestern machen die Hauptsache.”
Es ist später wohl der Vorwurf erhoben worden, es wäre in jener ersten Zeit auf ärztlichem Gebiet zu wenig geschehen. Aber damals waren die eintretenden Kranken meist solche, an denen alle ärztliche Kunst sich bereits umsonst abgemüht hatte. Allmählich änderte sich das, und namentlich das Gesetz über die Fürsorge für Epileptische und Geisteskranke vom Jahre 1891 brachte es mit sich, daß mehr und mehr auch die frischeren Fälle der Epilepsie zur Behandlung kamen. Die Erweiterung der Anstalt durch die Errichtung sogenannter geschlossener Häuser für Epileptische und Gemütskranke gab vollends dem Krankenbestand gegenüber den ersten Anfängen ein ganz verändertes Gesicht. Damit war die feste Anstellung vermehrter ärztlicher Kräfte, die im Hauptamte standen, gegeben. Ihnen folgte Schritt auf Schritt ein umfassender wissenschaftlicher Apparat, der es ermöglichte, auf der Höhe der wissenschaftlichen Forschung zu bleiben und ihre Ergebnisse zur engeren und weiteren Anwendung zu bringen.
Doch liegt auch für das Urteil des Arztes die Bedeutung des Anstaltsaufenthaltes bei den Epileptischen nicht in erster Linie in der medizinischen Behandlung, sondern vielmehr in der neuen Atmosphäre, die sie umgibt. Das Leben der Zurückgezogenheit, der Einsamkeit, der Arbeitslosigkeit, der Aussichtslosigkeit hat für die Epileptischen mit ihrem Eintritt in die Anstalt ein Ende; eine feste, ärztlich geregelte Tagesordnung mit dem gleichmäßigen Wechsel von Arbeit und Ruhe nimmt sie auf; wachsame Augen der Pfleger und Pflegerinnen sind für den Augenblick des Anfalls zur Stelle, und das Zusammenleben mit Leidensgenossen wirkt keineswegs, wie vielfach angenommen wird, niederdrückend, sondern beruhigend und ablenkend. Die Kranken werden gelehrt, den Pflegern und Pflegerinnen zur Hand zu gehen, bei den Schwindeln und Anfällen ihrer Mitkranken selbst mit zuzugreifen und schwerer Leidende in besondere Obhut zu nehmen, sodaß sich ihnen immer wieder die Wahrheit bewährt: „Drückt dich eine Last, nimm eine fremde hinzu! An beiden wirst du leichter tragen, als an deiner allein.”Aber natürlich gehört dazu, daß die Diakonen und die Diakonissen, die einer solchen Krankenstation vorstehen, sich nicht selbst vom Krankenelend überwinden lassen, sondern mit fröhlichem Herzen dem festgeordneten Tageslauf Geist und Leben einhauchen. Und insofern behielt Vater bis heute recht, wenn er sagte: „Die Schwestern und Brüder tun die Hauptsache.”
Sie sind ja auch die einzigen, die dem Arzt aus ihren Beobachtungen heraus genauen Bericht über Stimmung und Zustand des einzelnen Kranken geben können. Sie haben die für die ärztliche Behandlung notwendige Liste über die Schwindel und Anfälle zu führen, die bei jedem einzelnen Kranken im Laufe des Tages und der Nacht vorgefallen sind. Darum ist gerade bei den Epileptischen ein zuverlässiges Pflegepersonal die Grundbedingung einer gedeihlichen ärztlichen Behandlung.
Schon wenige Jahre nach seinem Eintritt in Bethel schrieb Vater für die Diakonen und Diakonissen eine Berufsordnung, welcher er ältere Arbeiten ähnlicher Art zugrunde legte, die er durch eigene Gedanken ergänzte. Diese Berufsordnung wurde jedem einzelnen Diakonen und jeder Diakonisse in die Hand gegeben und diente zugleich als Hilfsbuch bei den wöchentlichen Berufsordnungsstunden. Vater hat darin immer wieder Pflegern und Pflegerinnen die sorgsame Unterordnung unter den Arzt zur freudigen Pflicht gemacht und sowohl Brüdern wie Schwestern die Neigung genommen, selbst den Arzt spielen zu wollen.
Auch er seinerseits hat sich an die in der Berufsordnung aufgestellten Regeln gebunden. Nie hat er in die Befugnisse des Arztes eingegriffen. Für seine Person war er am liebsten sein eigener Arzt. Seine gründliche Morgenwäsche und sein Trunk frischen Wassers vor dem Morgenfrühstück und dem Nachmittagskaffee waren seine vorbeugenden Medikamente, die sich in hohem Maße bei ihm bewährten. Aber nicht einmal auf diesem einfachsten hygienischen Gebiet hat er je einem Kranken Ratschläge gegeben. Alle diese Dinge überließ er ganz dem Arzt. Für ihn war die Krankheit selbst im Grunde das große Heilmittel, das Gott zur innersten Genesung verordnet hatte. Diesem Heilmittel lehrte er trauen und stillhalten und schließlich dafür danken.
So waren die Gebiete des Seelsorgers und die des Arztes völlig getrennt. Eines lag neben dem andern. Auf dem einenGebiete, dem des Arztes, war die Krankheit der Feind, der bekämpft werden mußte. Auf dem andern Gebiet, dem des Seelsorgers, war sie der Freund, für den man dankte. Aber gerade so wurde Vater der wirksamste Bundesgenosse des Arztes, indem er die Krankheit innerlich überwinden half und damit die tiefsten Kräfte des Kranken weckte, so daß er den Anordnungen des Arztes sich nicht mit ängstlicher Sorge oder stumpfer Gleichgültigkeit fügte, sondern mit der Gelassenheit des Geistes, die die beste Hilfe ist zur Genesung. Bei dieser innerlichen Trennung der Gebiete waren Zusammenstöße nicht denkbar, und die sachliche Scheidung ermöglichte die freundschaftlichen Beziehungen auf persönlichem Gebiet, wie sie seit jenen ersten Tagen zwischen Vater und den Ärzten bestanden.
Rückblickend darf hier wohl gesagt werden, daß die große Pietät und die tiefe Achtung fremden Arbeitsbereichen gegenüber für Vater ein Hindernis bedeuteten, auf dem Boden der Gesundheitspflege neue Wege einzuschlagen. Ein Reformator war er eben auch auf diesem Boden nicht und wollte er auch nicht sein. Das hätte zu Kämpfen führen können, die möglicherweise den Frieden innerhalb der Anstaltsleitung gefährdet hätten. Aber Kämpfen auf Gebieten, die ihm nebensächlich erschienen, ging Vater aus dem Wege, um so Wichtigeres zu erreichen: die innere Harmonie der gesamten Arbeit.
Als vollends auch das Diakonissenhaus zu erheblichen Erweiterungen seiner Krankenanstalt gezwungen wurde, um für die wachsende Zahl seiner heute 1600 Diakonissen umfassenden Schwesternschaft die Möglichkeit zu gründlicher und allseitiger Ausbildung zu gewinnen, erweiterte sich der Kreis der im Hauptamt stehenden Ärzte noch um weitere Mitglieder, so daß ihre Zahl heute auf zehn gestiegen ist, ohne die Assistenten und auch ohne Spezialisten, die in Bielefeld ihren Sitz haben und von dort aus ihre täglichen Sprechstunden in Bethel abhalten.
Den Vorsitz im Ärzte-Kollegium führt seit nun 35 Jahren der ehrwürdige Geheimrat Huchzermeier. Sein Name braucht nur genannt zu werden, um eine Fülle der trautesten Bilder auftauchen zu lassen. Er war für Vater in Krankheitszeiten nicht nur der Arzt, sondern zugleich der fürsorgendste Freund, und so ist er es für viele Kranke gewesen und geblieben. Seinen Spuren sind dann auch seine Kollegen gefolgt.
Es ist für die Ärzte der Anstalt nicht immer leicht gewesen, sich in die Tatsache zu finden, daß die Oberleitung nicht in ärztlichen Händen lag; aber der Verzicht, den sie übten, ist ihnen entgolten worden nicht nur dadurch, daß sie von den oft so zerreibenden Verwaltungsgeschäften befreit blieben und sie ungehindert sich ihrem eigentlichen Beruf widmen konnten, sondern noch viel mehr dadurch, daß ihnen für ihre hingebende Arbeit ein volles Maß von Liebe und Dankbarkeit von Kranken und Gesunden entgegenströmte. So wurden sie vielfach in höherem Maße als die mit Nebenarbeiten überlasteten Anstaltspastoren die hochgeschätzten Berater und Freunde der Kranken.
Vater wurde einmal gefragt: „Wem gehören die Anstalten eigentlich?” Er antwortete: „Der ganzen Christenheit.” Aber die Christenheit brauchte Beauftragte, die in ihrem Namen und für sie den Besitz verwalteten. Das waren die Vorstände der einzelnen Anstalten. Jede Anstalt, wie bereits berichtet, hatte ihren Vorstand für sich, Bethel, Sarepta, Nazareth, und jeder einzelne Vorstand besaß und vertrat die Rechte einer juristischen Person. Er konnte Beamte berufen, Käufe und Verkäufe schließen, Anträge auf Bewilligung von Bauten und Kollekten stellen usw.
Warum — so wurde des weiteren oft gefragt — sind denn drei Vorstände nötig, wenn doch die Anstalten ganz dicht neben einander liegen und alle drei im Grunde den gleichen Zweck verfolgen? Und warum vollends drei Vorstände beibehalten, wenn doch, wie es in der Tat der Fall war, die Mitglieder des einen Vorstandes meist zugleich die Mitglieder des andern waren?
Auf solche Fragen legte Vater die Vorteile auseinander, die in der Beibehaltung der Dreiteilung lagen: Wohl waren die Vorstandsmitglieder der einzelnen Anstalten der Regel nach dieselben, aber der auswärtige Freundeskreis der drei Anstalten war nicht immer der gleiche. Es gab Kreise, die von Anfang an für die Epileptischen mitgearbeitet hatten, aber der Diakonissenarbeit fernstanden, und umgekehrt. Es gab auch solche, denen die Diakonissenarbeit vor andern am Herzen lag, die aber von der Diakonenarbeit kaum etwas wußten. DiesenKreisen jedesmal das gleiche Interesse an allen drei Arbeitsgebieten zuzumuten, wäre zu viel verlangt gewesen. Die Schultern wären überlastet worden, und das Interesse wäre erlahmt. Hier galt wirklich das Wort: Ein Teil ist mehr als das Ganze.
Dazu kam das unmittelbar wirtschaftliche Interesse. Jede juristische Person konnte für ihr Gebiet besondere Bitten aussprechen, besondere Anträge auf Gewährung von Beihilfen aus öffentlichen und aus privaten Mitteln stellen. Wäre es, statt drei, nur eine juristische Person gewesen, so hätte die Einbuße an Beihilfen aus öffentlichen und privaten Mitteln eine beträchtliche sein müssen. Darum blieb die Dreiteilung erhalten und hat sich bis heute bewährt.
Nun ist es von hoher Bedeutung gewesen, daß die Vorstände dieser drei juristischen Körperschaften sich aus Persönlichkeiten zusammensetzten, die mit größter Treue und Hingabe das Werk von Anfang an auf Herz und Gewissen trugen.
Von diesen Vorstandsmitgliedern wurden der Kommerzienrat Gottfried Bansi und Pastor Simon bereits erwähnt. Bansis Großvater stammte aus dem Engadin in der Schweiz, von wo er, wie so viele Engadiner, als Bäcker ins Ausland gegangen war. Seine Wanderschaft hatte ihn nach Bielefeld geführt, und hier war er haften geblieben. Er hatte aus seiner Schweizer Heimat die Kenntnis der würzigen Kräuter mitgebracht und daraus ein Magenmittel bereitet, das noch heute gern gebraucht wird und dessen Vertrieb zur Entwicklung eines angesehenen Geschäftes führte. Unvergeßlich wird Bansis kleine, fast schüchterne Erscheinung allen bleiben, die noch in jene Anfangszeiten zurückschauen können. Er war wie einer, der sich nie ganz zu Hause fühlte, weder in seinem Geschäft noch in Bielefeld, sondern sich immer heimlich zurücksehnte in die schlichteren Verhältnisse der Heimat seiner Väter, und der den verborgenen Schmerz zu übertäuben suchte durch rastlose Hingabe an andre. Für wie viele ist er im Verborgenen ein Wohltäter gewesen, und mit welch unermüdlicher Treue hat er durch Jahre hindurch den Vorsitz in den Sitzungen des Vorstandes geführt!
Neben Bansi taucht die hohe Gestalt des Pastors Simon auf, der später Jahrzehnte hindurch Superintendent der Synode Bielefeld war. Auch er war kein Westfale, sondern ein Hesse von Geburt. Ein Germane von Kopf bis zu Fuß, wie ein Recke,mit einer Löwenstimme und dann wieder zart und sanft wie ein Kind. Er besaß ein großes Geschick in geschäftlichen Angelegenheiten und hatte in den fünf ersten Jahren von 1867 bis 1872, während welcher er die Anstalt leitete, eine gesunde Grundlage gelegt, auf der er bis zu seinem Tode 1912 weiterbauen half.
Dann kam wieder ein Kaufmann, der Kommerzienrat Hermann Delius, eine patriarchalische Gestalt, der seinen Bart wie der alte Kaiser WilhelmI.trug, und an dem wir Kinder mit ehrfürchtiger Scheu emporsahen. Er war in ruhiger, sachlicher Vornehmheit der Vertreter des alten Leinenhandels Bielefelds. Seine Mutter gehörte zu jenen Frauen Bielefelds, in denen sich das neuerwachte Glaubensleben in besonderer Kraft entfaltet hatte. Der Segen der Mutter hatte sich auf den Sohn fortgeerbt und kam nun durch diesen den Arbeiten des Vorstandes zugute.
Pastor Jordan, ebenfalls Mitglied des Vorstandes, war Vaters Kriegskamerad aus den Feldzügen 1866 und 1870. Er stand an der Neustädter Kirche, in unmittelbarer Nachbarschaft der Anstalt. Unter der Kanzel noch wirksamer als auf der Kanzel, war er in seiner Gemeinde der väterliche Freund und Berater von hoch und niedrig und behielt daneben immer noch Zeit übrig, der jungen Anstalt in unermüdlicher Hilfsbereitschaft als treuer Nachbar zur Seite zu stehen. Als Herausgeber des Sonntagsblattes hat er ihr jahrelang auch mit der Feder wertvolle Hilfe gebracht.
Der geschäftliche Kleinbetrieb der Vorstandsangelegenheiten, soweit er Ankauf und Verkauf betraf, lag seit den ersten Anfängen in den Händen des Kaufmanns Heinrich Bökenkamp. Er vereinigte in seiner Person die Klugheit des Landmannes mit der Gewandtheit des Kaufmanns und hat ganz in der Stille, je mehr sich die Aufgaben und der Besitz der Anstalt ausdehnten, ganz unschätzbare Dienste geleistet.
Es wären noch weitere Namen zu nennen, so der ehrwürdige Kaufmann Coesfeld, der erste AnstaltsarztDr.Tiemann, dessen Namen Vater immer mit besonderer Dankbarkeit nannte, u. a. Aber ihre Gestalten sind schon fast in der Erinnerung verblaßt oder gar verschwunden. Der einzige noch Lebende von den Vorstandsmitgliedern jener ersten Zeit ist Direktor Mohr, ein Württemberger von Geburt, der aus kleinenAnfängen zum Leiter eines der angesehensten Betriebe der Bielefelder Leinen- und Baumwollindustrie emporstieg und so durch seinen gesegneten Lebensgang die Entwicklung der Anstalt aus dem unscheinbaren Reise zum ausgedehnten Baum darstellt.
Vater hatte nach den Statuten bei den Beratungen der Vorstände nicht mehr Stimme als jedes andere Vorstandsmitglied auch. Und Präses des Vorstandes war nicht er, sondern Kommerzienrat Bansi, welcher, wie erwähnt, auch die Sitzungen leitete. Vater aber war derjenige, der die Beratungen der Vorstände vorbereitete und für die Ausführung ihrer Beschlüsse zu sorgen hatte. So ergab es sich, daß er bald, nicht der Form, wohl aber der Sache nach der eigentliche Leiter des Gesamtwerkes wurde.
Wenn aber hier und da das Verhältnis zwischen dem Vorstande und ihm so dargestellt worden ist, als wenn er mehr und mehr in uneingeschränkter Machtvollkommenheit unter Übergehung des Vorstandes die Leitung in seine alleinige Hand genommen hätte, so wird dadurch das Bild getrübt. Es wird mir vielmehr immer eindrücklich bleiben, mit welchem Ernst Vater jeder einzelnen Vorstandssitzung entgegensah, sowohl den Sitzungen des engeren Vorstandes, die in kurzen Zwischenräumen stattfanden, als der Versammlung der vereinigten weiteren Vorstände, des „Verwaltungsrats”, die jährlich einmal abgehalten wurde. Immer hat es ihm daran gelegen, eine völlige innere Einigkeit zwischen allen verantwortlichen Männern zu erzielen und festzuhalten. Und das ist ihm auch gelungen.