Wohl ist es gelegentlich vorgekommen, daß seine ganze Überredungskunst dazu gehörte, um bei neuen Schritten einen einheitlichen Beschluß zu erzielen. Aber solche Kraft der Überredung ruhte doch auf der tiefen Zuversicht in die Richtigkeit und Notwendigkeit der Sache. Und immer ist es so gewesen, daß aus den Überredeten schließlich Überzeugte wurden.
Auch das andere ist vorgekommen, daß Schritte getan, z. B. Bauten in Angriff genommen wurden, noch ehe der Vorstand seine Einwilligung dazu gegeben hatte. Aber eine absichtliche Zurücksetzung des Vorstandes hat bei solchen Schritten nie zugrunde gelegen. Und wenn der Vorstand nachträglich seine Genehmigung erteilte, so geschah es nicht etwa, weil er wohl oder übel gute Miene zum bösen Spiel machteund, vor eine vollendete Tatsache gestellt, zwecklose Versuche aufgab, sie wieder rückgängig zu machen, sondern weil er später, soweit es sich nicht um Nebendinge, sondern um Fragen von grundsätzlicher Bedeutung handelte, die Notwendigkeit und die Richtigkeit der Sache einsah.
So oft es Vater zum Bewußtsein kam, daß er seinem Vorstande gegenüber in der äußeren Form die Bahn der buchstäblichen Korrektheit nicht innegehalten hatte, hat er sich auch nicht gescheut, deswegen um Entschuldigung zu bitten. Das hat er erst recht getan, wenn ihn jeweilen seine Leidenschaft fortgerissen und er ungewollt jemand gekränkt hatte. Und weil ihm das von Herzen kam, so konnte ihm nie jemand etwas nachtragen. Denn man fühlte, daß hier eine Hingabe war, eine Glut, eine Liebe, der gegenüber Verstimmung, Übelnehmen, kleinliche Verärgerung ausgeschlossen waren.
Und doch läßt sich nicht leugnen, daß gegen Vaters Willen durch seine überragende Erfahrung und Einsicht, durch seine alle mit sich fortreißende Tatkraft und durch das große Vertrauen, das er genoß, die Bedeutung des Vorstandes heruntergedrückt wurde. Nicht daß man keinen Widerspruch gegen ihn gewagt hätte. Es mag wenige Menschen gegeben haben, die Widerstände so vollständig unpersönlich, so rein sachlich, so ohne jede Empfindlichkeit aufnahmen wie Vater. Darum hat man auch aus den Kreisen des Vorstandes heraus nie mit dem Widerstand zurückgehalten, so oft er notwendig schien. Und ich wüßte von keiner Angelegenheit, die Vater gegen die klare Überzeugung des Vorstandes durchgedrückt oder aufrechterhalten hätte. Bei Meinungsverschiedenheiten grub er tiefer oder nahm den Flug höher und suchte so in größeren Tiefen oder höheren Höhen neue Wege der Einigung. Fand er sie nicht, so wartete er lieber lange. Und gerade diese innerste zarte Rücksichtnahme ließ die Achtung und das Vertrauen nur desto höher steigen.
So aber mußte es kommen, daß manche Vorstandsmitglieder sich überflüssig fühlten. Sie wußten die Sache in den besten Händen; warum noch weiter sich um jede Einzelheit kümmern? Warum nach neuen, jungen Kräften suchen und um sie werben, wenn man sie im Blick auf die überragende Persönlichkeit des Anstaltsleiters doch nicht locken konnte mit dem Ausblick auf eine starke Verantwortung? So geschah es, daß namentlich aus den Kreisen Bielefelds, dessen beste Männer und Frauendas Werk ursprünglich getragen hatten, nicht mehr der Nachwuchs für den Vorstand hervorging, der jetzt schmerzlich entbehrt wird und den, wie wir hoffen, die steigende Not neu schenken wird.
Im Laufe der Jahre richteten sich immer mehr Augen und Hoffnungen nach Bethel, und Familien sowohl wie Gemeinden baten in immer wachsendem Maße um Aufnahme ihrer Kranken. Aus allen Teilen Deutschlands kamen die Bitten, bald auch aus andern Ländern. Immer enger und enger wurden die Betten zusammengeschoben. Das Mutterhaus Sarepta stellte an Raum zur Verfügung, was es nur irgend entbehren konnte. Aber schließlich mußte doch an Erweiterung gedacht werden. Sie vollzog sich in den bescheidensten Formen.
Zunächst wurde für die epileptischen Handwerker, die im Keller des Hauptgebäudes ihre Handwerksstuben hatten, ein Schuppen errichtet mit zwei Räumen, einem für die Anstreicher, einem für die Tischler. Dann kamen die Schuster an die Reihe, die Schmiede, die Buchbinder, die Klempner. Sie alle behielten ihr Quartier im Hauptgebäude. Nur ihre Werkstätten wurden in unmittelbarer Nähe in einem kleinen Bau aus Tannenfachwerk untergebracht. Die Bäcker waren die ersten, für die eine eigene Heimat geschaffen wurde. Unter ihrem Bäckermeister Meise zogen sie in Bethlehem, dem „Brothaus”, ein, das zugleich einer Reihe von epileptischen Kranken gebildeter Stände Unterkunft bot.
Erst für das Diakonissenhaus, dann für die Epileptischen entstanden kleine Ökonomien und damit notwendige und hochwillkommene Arbeitsgelegenheiten für die Epileptischen in Stall, Feld und Garten. Zu den Gärten, die rings um die Häuser her lagen und von weiblichen und männlichen Kranken bestellt wurden, kam eine besondere Gärtnerei hinzu, in der Samen und junge Pflänzlinge und die Blumen für die Blumenbeete von den Epileptischen gezogen werden konnten.
So reihte sich in allmählicher Entwicklung eins ans andere. Kein vorgefaßter Plan lag dieser Entwicklung zugrunde, kein weitausschauendes Programm. Keiner zog, keiner drängte vorwärts. Lediglich die Kranken selber, die um Aufnahme baten, waren es, welche drängten und schoben. Es hätte schmerzlicheStauungen und Störungen gegeben, wenn man solchem Schieben und Drängen nicht nachgegeben hätte. Um so freudiger und zuversichtlicher konnte darum auch Vater seine Stimme erheben und durch das ganze Vaterland um Hilfe bitten für die Not, die aus dem ganzen Vaterlande heraus sich vor die Tür von Bethel legte. Und die Hilfe blieb nicht aus. In dem Maße, als die Erweiterungen notwendig wurden, erweiterte sich auch der Kreis mithelfender Freunde.
Der Besitz an Grund und Boden war ursprünglich nur klein gewesen. Und der größte Teil davon bestand in steilen Berghängen, die mit Buchen bestanden waren und zur Anlage von Neubauten sich schwer eigneten. Aber Schritt um Schritt, mit der wachsenden Notwendigkeit der Ausdehnung, boten die anliegenden und umliegenden Besitzer ihr Eigentum an Wohnstätten und Ländereien zum Verkauf an.
In Wirklichkeit war es vielfach ihr Eigentum nicht mehr. Sie waren durch Überschuldung zum Verkauf genötigt. „Wir wohnen”, sagte Vater einmal, „zum großen Teil auf Land, das uns der Schnaps angeschwemmt hat.” In der Tat herrschte damals im Hinterland der Anstalt die Alkoholnot in erschreckendem Maße. Der Wohlstand ging zurück, die Verschuldung führte zur Überschuldung und zum Zwangsverkauf. Teilweise waren es grauenhafte Umstände, unter denen die früheren Besitzer dem Alkohol erlagen. Einen fand man erschossen in seinem Garten; ein anderer hatte sein Jagdgewehr in seinem Wald an einen Baum gebunden und mit Hilfe einer Schnur den Hahn gegen sich selbst abgefeuert. Einem dritten hatte seine Frau in der Not das Geld versteckt, um ihn am Fortsaufen zu hindern. Die Frau lag krank zu Bett. Der Mann drohte mit Gewalt. Aber die Frau blieb fest. Da schleppte der unglückliche Säufer eins seiner eigenen Kinder an das Bett der Mutter und drückte dem Kind so lange den Hals zu, bis es blau wurde und die gequälte Mutter aus Angst um ihr Kind nachgab und das Geld herausrückte. So waren es Stätten des Fluches, die rings um die Anstaltshäuser her lagen und die sich nun in Segen verwandeln sollten.
Trotz der großen Nähe der in stetiger Entwicklung begriffenen Stadt Bielefeld blieben die Preise für die zum Ankauf angebotenen Besitzungen in erträglichen Grenzen. Eine starke Konkurrenz fiel darum fort, weil man die Epileptischen fürchteteund sich nicht in ihrer Nähe ansiedeln wollte. Dennoch blieb es lange Zeit für die Bürger Bielefelds ein von ihrem Standpunkt aus berechtigter Schmerz, daß ihnen so Schritt um Schritt das langgestreckte nach Süden gerichtete Tal als Stadtgelände entzogen wurde.
Schon gleich nach der Entstehung der Anstalt für die Epileptischen war unter Führung eines angesehenen Großgrundbesitzers eine von vielen einzelnen Namen unterschriebene Erklärung erschienen, die gegen die Ansiedlung fallsüchtiger Kranker in der Nähe der Stadt Einspruch erhob. Ihr Anblick müsse die Spaziergänger erschrecken, und die Häuser, gerade am Eingang in das Tal des Kantensieks und Sandhagens gelegen, würden die Entwicklung der Stadt hemmen. Um nicht durch seinen Widerstand die Stimmung noch mehr zu reizen, erklärte der Vorstand der jungen Anstalt sich mit einer Verlegung einverstanden unter der Bedingung, daß ein ähnlich günstiges Grundstück in größerer Entfernung von der Stadt angeboten und die Mittel dargereicht würden zur Errichtung von Bauten, die dem bisherigen Krankenbestand entsprächen. Das Anerbieten wurde nicht angenommen, und der Widerstand erlosch im Laufe der Jahre.
Jetzt sieht man Sonntag für Sonntag die Wege der Anstalt von zahllosen Spaziergängern der Stadt Bielefeld benutzt, die nichts von Scheu vor den Kranken wissen. Gerade die Nähe der Stadt mußte mit dazu beitragen, den Kranken den Aufenthalt in der Anstalt lieb zu machen. Fernab in großer Einsamkeit, ohne etwas zu merken von dem Pulsschlag der Zeit, hätten doch manche das Gefühl haben können, dauernd aus der menschlichen Gesellschaft verbannt zu sein.
Die Zeichnungen für die kleinen Werkstätten, für die Umbauten der neuerworbenen Besitzungen und auch für die Neubauten machte Vater der Regel nach selbst. Vielfach benutzte er die Abende dazu. Vor dem Zubettgehen saß dann wohl noch eins von uns Kindern auf seinem Schoß, wir andern standen herum, und er zeigte uns auf einem abgerissenen Stück Papier, wie sich das alte Haus umbauen ließe oder wie das neue am praktischsten angelegt würde. Der erste Entwurf wurde dann immer wieder neu durchdacht und mit dem jetzt noch lebenden, nun hochbetagten Maurermeister Karmeier besprochen, bis der Bauplan schließlich von letzterem in genaue Zeichnung gesetzt undausgeführt wurde. Die damalige Baupolizei kannte noch nicht die scharfen Vorschriften von heute, und so konnten oft mit sehr geringen Mitteln aus den alten Häusern, die von den bisherigen Besitzern geräumt waren, höchst bescheidene, aber doch oft auch höchst gemütliche Heimstätten für die Kranken errichtet werden.
Sehr bescheiden blieben auch die Neubauten jener Anfangszeit. Vater stand immer unter dem Eindruck großer kommender Ereignisse. „Kinder,” sagte er öfter, „was werdet ihr noch erleben!” Er rechnete nicht mit einem Weltbestehen von unbegrenzter Zeit. „Es wird nicht mehr so lange dauern, dann kommt der Herr wieder.” Aber der Ankauf einer kleinen Ziegelei, die am Rande des Anstaltsgebietes lag, brachte es dann doch mit sich, daß der Bau von massiven Häusern sich wohlfeiler stellte als die Fachwerkbauten, die schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit große Ausbesserungen nötig machten.
Waren die Häuser glücklich gerichtet oder vollends zum Einzug hergestellt, so gab es jedesmal ein kleines Fest. Das Richtfest der Bäckerei ist das erste, das ich mitfeierte. Es ist mir in unauslöschlicher Erinnerung geblieben. Das Richtelied, von Vater verfaßt und in Reime gebracht, bestand in einem Zwiegespräch zwischen Bauherrn und Zimmergesell. Vater als Bauherr stand unten, der Zimmergesell oben auf dem frischgelegten Gebälk des Baues. Und zwischen beiden flogen Frage und Antwort hinauf und herunter. Daran schloß sich dann in der Backstube, die unten in dem bereits fertig gemauerten Keller lag, das Richtessen. Die epileptischen Bäckergehilfen mit ihrem Meister Meise und seiner Familie, die Maurer und Zimmerleute und die geladenen Gäste saßen im engen Raum fröhlich beisammen. Lieder und Ansprachen wechselten miteinander. Es war über alle Maßen gemütlich. Aber was für mich die Hauptsache war, es gab belegte Butterbrote und Semmeln, so viel jeder nur wollte, und — das war die Krone — für jeden ein Fläschchen Bier, auch für die Epileptischen. So harmlos ging es damals noch zu.
Der siegreiche Feldzug von 1870/71 hatte einen übergroßen Tatendrang auf wirtschaftlichem Gebiet im Gefolge. Die französischen Goldmilliarden, die in das Land geströmt waren, hatten viele Augen geblendet. Es waren Gründungen aus der Erde gestampft worden, die sich nicht halten konnten. Auf den Aufschwung folgte ein großer Rückschlag. Viele Arbeitskräfte, die in die neu entstandenen Fabriken geströmt waren, wurden brotlos. Sie in die Verhältnisse, aus denen sie gekommen waren, zurückzuverpflanzen, gelang nur schwer. Eine große Zahl von ihnen bevölkerte die Landstraßen. Es waren meist die körperlich und moralisch Schwächsten, die am ersten entlassen wurden. Nun zogen sie von Ort zu Ort, von Stadt zu Stadt, suchten nach Arbeit, aber fanden sie nur gar zu selten. Denn überall stockte Handel und Wandel.
Man nannte dies fahrende Volk „reisende Handwerksburschen”. Aber das, was der ursprüngliche Name damit meinte, waren sie nicht. Der alte Handwerksgeselle, der seine lange Lehrzeit hinter sich hatte, wanderte nach Handwerkerbrauch. Er mußte, wollte er sich in seiner Heimat als selbständiger Meister niederlassen, nicht nur die Welt gesehen, sondern vor allem neue Erfahrungen für sein Handwerk gesammelt haben. Er schnallte also sein Felleisen um und reiste statt mit der viel zu teuren Post, die seine kleinen Ersparnisse schnell verschlungen haben würde, an seinem Wanderstab durchs Land, von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt. Wo er in seinem Handwerk einen leeren Arbeitsplatz fand und einen Meister, der ihm gefiel, da blieb er, oft kurz, oft lang, bis er weiterzog und schließlich, als Handwerker und als Mensch in seinen Erfahrungen bereichert, die Schritte heimwärts lenkte.
Dabei war es Sitte, daß der Handwerksbursche überall „das Handwerk grüßte”, d. h. bei den Meistern, die mit ihmeines Handwerks waren, um Zehrgeld vorsprach, damit er in der Gesellenherberge nicht seine kleine Barschaft zu verzehren brauchte, sondern von seinem Gesellenverdienst für den ersten Anfang als Meister einen kleinen Sparpfennig von der Wanderschaft mit heimbringen konnte. Wie der Student auf den Universitäten, so hatten auch diese wandernden Handwerksstudenten ihre besonderen Ausdrücke, deren Sinn nicht jeder verstand, die aber unter den Handwerksburschen selbst gang und gäbe waren. Wie beim Studenten, so hieß auch bei ihnen das Geld Moos, das Ausweispapier, das ihr Handwerk, ihre Heimat usw. bescheinigte, hieß Flebbe, usw.
Aber je mehr das Handwerk zurückging und die Industrie aufkam, je mehr verschwand auch der eigentliche Handwerksbursche von den deutschen Wanderstraßen. Aus dem kleinen Rinnsal der wandernden Handwerksgesellen wurde ein immer höher anschwellender Strom von Arbeitslosen jeglichen Gewerbes, die Arbeit suchend Land und Stadt überzogen. Fanden sie keine Arbeit, so waren die kleinen Ersparnisse, die sie mit auf die Wanderschaft genommen hatten, bald verbraucht. Wovon sollten sie leben? Sie klopften an die Türen und baten um milde Gaben. Der eine gab Essen, der andere ein Butterbrot, der dritte einige Pfennige, der vierte auch wohl, wenn die Kleidung zerschlissen war, ein Paar Schuhe, ein Paar Strümpfe oder ein Hemd, eine Jacke oder eine Hose. War es Sommertag, so schlief man bei „Mutter Grün”, war es aber kalte Jahreszeit, so mußten den Tag über so viele Pfennige zusammengesucht werden, daß es zum Schlafgeld in der Herberge reichte.
Auch an die Tür des Pfarrhauses von Bethel flutete dieser Strom. Oft schöpfte unsere Mutter das letzte aus der Mittagsschüssel heraus, und wir trugen es zu dem Wandersmann, der sich draußen gemütlich auf der Stufe des kleinen Windfangs niederließ und sein Mittagbrot verzehrte. Oft brachte auch Vater selbst den Teller hinaus, um den Mann kennen zu lernen und sich nach seinen Verhältnissen zu erkundigen, und Mutters mitleidiges Herz holte manches alte Kleidungsstück hervor, um dem abgerissenen Mann zu helfen.
Nun geschah folgendes: Eines Tages kam Vater ins Diakonissenhaus hinüber und fand da wieder einen solchen „armen Reisenden”, wie sie sich selbst zu nennen pflegten, dem gerade eine der Schwestern ein Hemd gab, das er flehentlich erbetenhatte. Das Gesicht des Mannes kam Vater bekannt vor, und es stellte sich heraus, daß derselbe Mann wenige Tage vorher auch bei uns gewesen war und ebenfalls ein Hemd bekommen hatte. Wo war das erste Hemd geblieben? Und wo hatte sich der Mann während der Zwischenzeit aufgehalten? Das gab Vater Anlaß, der ganzen Frage der „armen Reisenden” näher nachzuforschen.
Es ergab sich ihm nun, daß viele von ihnen das Reisen längst aufgegeben und statt dessen in Bielefeld ihr Standquartier aufgerichtet hatten. Sie waren des Wanderns müde geworden, weil an andern Orten ja ebenso wenig Arbeit zu finden war wie in Bielefeld auch. So waren sie geblieben und nahmen nun bald diesen, bald jenen Stadtteil, bald auch einen der äußeren Bezirke für ihre Streifzüge vor, um sich für den Tag das nötige Essen und für die Nacht das nötige Schlafgeld zu verschaffen.
Je tiefer Vater in die Sache eindrang, desto düsterer wurde das Bild, das sich ihm entrollte. Ein ganzes Heer von Gewohnheitsbettlern tauchte vor seinen Augen auf, die mit größter Schlauheit die Mildtätigkeit und Gutmütigkeit der Bewohner ausnutzten und wahre Schätze von Lebensmitteln und Kleidungsstücken durch die beweglichsten Reden erpreßten. Oft konnten sie nur das wenigste davon für sich selbst verwenden. Alles übrige wurde an Kollegen, die im Betteln weniger geschickt waren, für ein Spottgeld verkauft oder aber in der Herberge gegen Schnaps umgesetzt. Vater stellte in der Nähe von Bielefeld solch eine berühmte Schnapsherberge fest, in der der Wirt mehrere Schweine mästete allein mit den Butterbroten, die seine Gäste bei den gutmütigen Landbewohnern zusammenkollektiert hatten und die sie nun, außerstande, sie zu verzehren, bei ihm gegen den Branntwein eintauschten.
Es zeigte sich ferner, daß die Zahl der Reisenden, die an unsere Tür klopften, verhältnismäßig gering war. Unser Haus lag abseits der großen Heerstraße. Wer aber an den Hauptverkehrswegen wohnte, der stand unter dem Eindruck einer wirklichen Landplage. So war es nicht nur in Bielefeld, so war es mehr oder weniger überall. Die Kinder einer Witwe in Gütersloh hatten ein kleines Papphäuschen geschenkt bekommen, das in Form der Pfefferkuchenhäuschen statt mit Kuchen und Süßigkeiten ganz mit Ein- und Zweipfennigstücken beklebtwar. Es waren im ganzen 52 Geldstücke. Nun schlug die Mutter den Kindern vor, sie sollten, statt das Geld für sich zu verwenden, jedem armen Reisenden, der an ihre Tür klopfte, jedesmal eins der Stücke von dem Häuschen loslösen. Die Kinder stimmten freudig zu. Und siehe da, an einem einzigen Tage waren sämtliche 52 Stücke fortgegeben. 52 Bettler an einem Tage!
Nun waren aber keineswegs alle diese heimat-, obdach- und arbeitslosen Leute bereits gewohnheitsmäßige Bettler. Unter die, denen das müßige Bettler- und Kneipenleben zum zweiten Dasein geworden war, mischten sich solche, die nach wie vor verzweifelt nach Arbeit suchten aber keine fanden. Überall, wo sie anfragten, stießen sie auf Kopfschütteln. Wenn sie aber um eine Geldgabe baten, trafen sie immer wieder auf mitleidige Herzen. So gewann mancher Schritt um Schritt das Betteln lieb, während er sich in gleichem Maße der Arbeit entwöhnte. Die Barmherzigkeit seiner Mitmenschen erzog ihn zum Betteln!
Was aber war seitens der Behörden zur Eindämmung dieser Not geschehen? Sie hatten den Bettel unter Strafe gestellt! Wer bettelte, kam in Polizeigewahrsam; wer wiederholt beim Betteln gefaßt wurde, wurde mit Gefängnis bestraft. Je öfter sich der Fall wiederholte, je höher stieg die Strafe. Da nun aber viele der Arbeitslosen, die ohne ihre Schuld arbeitslos geworden waren, schlechterdings ohne zu betteln ihr Leben nicht fristen konnten, so entspann sich zwischen ihnen und den Beamten der Polizei ein regelrechter Kleinkrieg, nicht ein Krieg der Gewalt, sondern der List. Vielfach gingen zwei Arbeitslose zusammen. Der eine „stand Schmiere”, d. h. er beobachtete von einem sicheren Standort aus, ob die Luft rein und kein Polizist in der Nähe sei, während der andere an die Türen der einzelnen Häuser klopfte und um eine milde Gabe bat. So wurden ganze Kapitalien zusammengetragen und gemeinsam durchgebracht.
Natürlich kam es immer wieder vor, daß die Polizei doch den einen oder andern beim Betteln ertappte und abführte. Je nachdem wurde er dann zu Haft, Gefängnis oder Korrektionsanstalt (Arbeitshaus) verurteilt. Vielen der alten Bettler machte das nichts mehr aus. Ja, im Winter war es ihnen sogar erwünscht, verhaftet zu werden. Die Klügsten unter ihnen suchten die Städte auf, weil sie wußten, daß es dort im Gefängnis den behaglichsten Winteraufenthalt und das beste Essen gab.Dort setzten sie so lange ihren Bettel fort, bis sie gefaßt und zu Gefängnis verurteilt wurden. In den Gefängnissen und Korrektionshäusern selbst aber saßen gewohnheitsmäßige Vagabunden zusammen mit jungen Burschen, die zum erstenmal verurteilt waren und nun von den alten Kunden in all die Geheimnisse und all den Schmutz des eigentlichen Vagabundenlebens eingeweiht wurden. „Die wenigsten Menschen”, schrieb Vater, „wissen, was das heißt, zum erstenmal in ein Korrektionshaus gesperrt zu werden. Ich halte die Todesstrafe für eine leichtere Strafe als die erste Verurteilung zum Arbeitshaus.”
So wurden diese Häuser, die das Landstreicherwesen eindämmen sollten, geradezu zu Hochschulen des Vagabundentums, aus denen sich eine wahre Flut von unsauberen Elementen schlimmster Art über das Land ergoß, körperlichen und seelischen Ansteckungsstoff überall hintragend.
Aber längst ehe sich für Vater diese Einzelheiten ergaben, war er zur Tat geschritten. „Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen,” das klang ihm im Ohr und im Gewissen. Und er selbst fügte hinzu: „Wenn wir barmherziger werden wollen, dann müssen wir härter werden.” Nun war unser Haus nur durch einen schmalen Bergweg, den Jägerbrink, von dem steil abfallenden Buchenwalde getrennt. Es war Vater schon längst ein Anliegen gewesen, den steilen, wilden Abhang gleichmäßig nach dem Jägerbrink abzuschrägen und durch eine kleine Mauer gegen den Bergweg abzugrenzen. Hacke und Spaten wurden angeschafft, und als die nächsten Arbeitslosen an unsere Tür klopften, sagte Vater, daß sie gern Essen bekommen könnten, daß es aber keines Menschen würdig sei, bloß zu essen, ohne zu arbeiten, wenigstens solange die Möglichkeit bestände, sich sein Essen durch Arbeit zu verdienen. Ob sie bereit seien, vorher eine Stunde drüben am Abhang zu arbeiten. Sofort schieden sich die Geister. Die einen lehnten entrüstet das Ansinnen ab und gingen schimpfend davon; die andern griffen zu Spaten und Hacke und ließen sich nach getaner Arbeit ihr Essen doppelt gut schmecken. Ihnen war das ehrlich erarbeitete Brot lieber als das schimpfliche Bettelbrot! Es dauerte nicht lange, da war die Arbeit vollendet und die Mauer aus den im Abhang selbst gewonnenen Steinen aufgeführt. Sie steht noch heute, und über ihr erhebt sich jetzt ein kleiner Tannenbusch.
Aber es war doch nur eine halbe Hilfe. Wohl hatten sich die Leute ihr bißchen Mittagbrot durch ihre Arbeit erwerben können, dann aber mußten sie ihren Weg auf den Straßen und an den Zäunen fortsetzen. Einer von ihnen, dieses armseligen Lebens überdrüssig, bat Vater, ob er ihn nicht dauernd behalten und beschäftigen könnte. „Ja,” sagte Vater, „wenn Sie fallsüchtig wären, dann könnte ich Sie behalten.” Da stieß der Mann heraus: „Ich bin aber auch fallsüchtig.”
Dies Wort traf Vaters Herz. Wie ein Blitz beleuchtete es die Lage. In diesem einen Mann stand das ganze Heer dieser ausgestoßenen Menschen vor ihm, arbeitslos, heimatlos, hoffnungslos wie die Epileptischen auch. Langsam und desto schauerlicher versinkend im Morast des Nichtstuns, des Bettels, des Ungeziefers und des Saufens. Die Barmherzigkeit der Menschen half ihnen nicht auf, sondern als eine in Wahrheit grausame Barmherzigkeit ließ sie diese Unglücklichen durch Almosen, die nur noch den Schein der Barmherzigkeit an sich trugen, immer tiefer sinken. Und die Gerechtigkeit des Staates half ebenfalls nicht, sondern stieß, eine in Wahrheit ungerechte Gerechtigkeit, diese Verlorenen nur immer weiter aus der menschlichen Gesellschaft aus. Denn wer gab solch einem armen Menschen noch Arbeit, der in seinen Papieren fünf, zehn, zwanzig und noch mehr Polizeistrafen verzeichnet hatte? Niemand. Überall wurde er abgewiesen. Wohl drückte man ihm ein paar Pfennige in die Hand. Aber diese Pfennige wurden ihm nur zum Anlaß neuen Falles, tieferen Versinkens in dem Sumpf der Vagabundenkneipen. Das waren in der Tat Fallsüchtige, deren Los noch schwerer war als das Los der fallsüchtigen Epileptischen!
Was tun? Zunächst durfte der eine nicht wieder hinausgestoßen werden. Er blieb. Aber nun galt es, auch den andern, die wie dieser Erstling sich nach einer rettenden Hand ausstreckten, gründlich zu helfen.
Gleich jenseits des Teutoburger Waldes, nur eine halbe Stunde von den Tälern entfernt, in denen die Epileptischen ihre Heimat gefunden hatten, dehnt sich die weite Ebene der Senne, alter Meeresboden, in dessen Sandbänken sich noch heute Muschellager und hin und her zerstreut auch mal ein Stück Bernstein finden. In der Richtung der alten Landstraße, die Bielefeld mit Paderborn verbindet, drang Vater mit seinem getreuenBerater Bökenkamp in dieses einsame Land vor. Nur hier und da ein ärmlicher Hof. Sonst weithin rote Heide, stehende Wasserlachen, kümmerliche Kiefern, ein weites ödes Land. Überall lagerte in der Tiefe von ein bis drei Fuß der Ort, eine dunkle Eisensteinschicht, die ein Auf- und Absteigen des Wassers hinderte und weder für Baum noch Halm ein Gedeihen aufkommen ließ. Wurde der Ort aber aufgedeckt, so zerfiel er an der Luft und an der Sonne, und aus dem Feind des Landes wurde ein Freund, der mit dem armen Sand vermischt den Boden besserte. Hier war also Arbeit die Fülle für die Arbeitslosen, im hoffnungslosen Land hoffnungsvolle Aufgaben für die Hoffnungslosen. Bald hatten auch die beiden Suchenden am Ufer des Dalbke-Baches, zwei Stunden von Bielefeld entfernt, einen zum Verkauf stehenden zerfallenden kleinen Hof entdeckt, der den obdachlosen und heimatlosen „Brüdern von der Landstraße”, wie Vater fortan am liebsten diese seine jüngsten Schützlinge nannte, Obdach und Heimat bieten sollte.
Es dauerte nicht lange, da konnten die ersten, die in Bethel vorübergehend Aufnahme gefunden hatten, nach der kleinen Kolonie in der Senne übersiedeln. Und nun ging durch ganz Bielefeld die Parole: „Kein Arbeitsloser braucht mehr mit Pfennigen abgespeist zu werden. Es ist Arbeit für ihn da; schickt ihn hinaus in die Senne!” Das brachte die Scheidung. Die abgefeimten Bettler drückten sich davon. Sie konnten und wollten nicht mehr los vom Bettel und Schnaps. Sie verzogen sich in die weitere Umgegend, in die die verwünschte Parole noch nicht gedrungen war. Aber die andern kamen, zerlumpt, verlaust, versoffen, Männer aus allen Gauen, allen Ständen und jeglichen Alters; Jünglinge und Greise, Arbeiter und Barone, Studierte und solche, die kaum die Schule besucht hatten.
Würde solch eine bunt gemischte Gesellschaft sich ineinander schicken? Wir hatten in Bielefeld einen Gendarm, zu dem ich als Kind immer voll Stolz und heimlichem Neid emporschaute, wenn er in langem, wallendem Bart dahergeritten kam. Der meldete sich eines Tages bei Vater. Ich sehe ihn noch, gestiefelt und gespornt, die Treppe heraufkommen. Er wollte seine Dienste anbieten für den Fall, daß eine feste Hand, die kein Fackeln kannte, unter der zusammengewürfelten Schar nötig werden sollte. Aber sie wurde nicht nötig. Hier waren ja lauter Leute, die freiwillig gekommen waren, durch nichts anderes gedrängtals die selbst empfundene, selbst erfahrene Not. Niemand hielt sie als ihr eigener Entschluß und die Luft der Barmherzigkeit, Ordnung und Sauberkeit, die sie umgab, und die so lange entbehrte Wohltat der Arbeit und des selbstverdienten Brotes.
Gerade für diese ausgemergelten, kraftlosen Menschen war die Arbeit im weichen Sand wie geschaffen. Denn je nach der Tiefe, in der sich der Ortstein befand, wurde der Sand ausgehoben, bis der Ort erreicht, zerschlagen und nach oben geworfen war. Die Schicht des zweiten Grabens füllte den ersten, die des dritten den zweiten und so fort. So wuchs durch die Arbeit des Rigolens neues Land für Wiese und Acker aus dem armen Heideboden empor und weckte zugleich neue Hoffnung für eine neue Zukunft in dem Herzen des Kolonisten.
Kein Treiber hetzte sie, sondern jener Husar, der sich am 14. August 1870 Gott gelobt hatte und nun als Bruder eingetreten war, stand selbst mit im Graben, den Spaten führend, ein Bruder unter Brüdern, ein Arbeiter unter Arbeitern, ein Werdender unter Werdenden! Auch der Schwächste konnte diese Arbeit tun und neue Kraft für Leib und Seele aus ihr schöpfen. Hier gab es wirklich noch einmal ein Aufstehen für Fallsüchtige. Hier rief die Glocke nicht zum elenden Fusel und erbettelten Brot, sondern zur selbst erworbenen Mahlzeit und läutete den Feierabend ein zum Lobpreis Gottes, der fahrenden Leuten diese Stätte bereitet hatte, zur stillen Sammlung unter seine Stimme. Dann wurde draußen auf der Bank noch ein Abendpfeifchen geraucht und dem Abendlied der Amsel gelauscht: „Längst vergess´ne alte Lieder wurden wach in ihrer Seele.”
Es konnte nicht ausbleiben, daß der Ruf der jungen Kolonie sich schnell ausbreitete. Von allen Seiten strömte es herbei. Ein Aufhalten gab es nicht mehr. Es mußte gebaut werden. Die schwächeren Kräfte blieben beim Rigolen, die stärkeren legten Hand an bei der Aufrichtung der notwendigsten Räume für Menschen und Vieh. Aber noch ehe sie fertig waren, wurde es ganz deutlich, daß mit dieser einen Zufluchtsstätte dem überall wogenden Elend nicht gedient war. Es mußte umfassender Rat geschafft werden. Wo war die helfende Hand, die durch das ganze Vaterland hin sich den Versinkenden entgegenstreckte?
Vater wandte sich an den, der ihm einst in der Berliner Gymnasiastenzeit ein Spielkamerad gewesen war und der sichseitdem wie ein Freund zu ihm gestellt hatte: den Kronprinzen Friedrich Wilhelm, den späteren Kaiser Friedrich. Immer haben die Hohenzollern Herz und Verständnis für den Geringen und Geringsten im Volke gehabt. Das zeigte sich auch jetzt. Auf stillen Wegen im Schloßgarten von Potsdam wurde zwischen beiden Männern der Bund geschlossen zum Wohl der „Brüder von der Landstraße”.
Das Kronprinzenpaar hatte kurz vorher seine Silberhochzeit begangen. Zu dieser Feier war ihm eine in ganz Deutschland veranstaltete freie Sammlung in Höhe von einer halben Million Mark überreicht worden. Die Kronprinzessin bestimmte die auf sie entfallende Hälfte zur Gründung des Hauses der Viktoria-Schwestern in Berlin, und der Kronprinz bot Vater die andere Hälfte an, um damit den „Brüdern von der Landstraße” gründlich Hilfe zu schaffen. Vater schlug dem Kronprinzen vor, jeder preußischen Provinz und jedem deutschen Bundesstaat aus dem Dotationsfonds eine Prämie zur Verfügung zu stellen zur Aufrichtung einer Kolonie für Arbeitslose. Gleichzeitig bat er den Kronprinzen, selbst die junge Kolonie in der Senne einzuweihen und ihr Protektor zu werden. Beide Wünsche erfüllte der Kronprinz. Damit war mit einem Schlage der jungen Sache die Bahn durch ganz Deutschland gebrochen.
In der Morgenfrühe des 16. Juli 1883 kam der Kronprinz. Ich sehe noch die wehenden Fahnen Bielefelds, die jubelnde Menschenmenge, die Blumensträuße, die in den Wagen geworfen wurden, und neben dem Kronprinzen Vaters Gestalt, der von dem allen kaum etwas zu sehen und zu hören schien, sondern tief in das Gespräch mit dem hohen Gast und den ihn begleitenden Herren versunken war. Die Fahrt ging durch den Teutoburger Paß unmittelbar hinaus nach Wilhelmsdorf. In dem alten, inzwischen zum Speisesaal ausgebauten Kuhstall des Bauernhauses versammelten sich die Mitglieder der preußischen Regierung, der Provinzial-Verwaltung, die Vertreter der evangelischen und katholischen Kirche um den Erben des Hohenzollernthrones zum Dienst der Verachteten und Ausgestoßenen des Volkes. Zur Erinnerung an Kaiser WilhelmI.bekam die Kolonie den Namen Wilhelmsdorf.
Bald kamen von überall her Abgesandte, um die Kolonie an Ort und Stelle kennen zu lernen und mit Hilfe der kronprinzlichenPrämie in ihrer Heimat ähnliche Zufluchtsstätten ins Leben zu rufen. Natürlich konnte die Prämie, die in jedem einzelnen Fall nur 5–10 000 Mark betrug, nur für die ersten Fundamente ausreichen. Aber weitere Beihilfen aus öffentlichen und privaten Mitteln strömten der Mutterkolonie Wilhelmsdorf und den entstehenden Tochteranstalten zu.
„Einen Menschen langsam zu Grunde zu richten, ist unendlich viel kostspieliger, als einem Menschen rechtzeitig zu helfen”, war der Grundsatz, den Vater immer wieder hinausrief und der überall Verständnis und Echo fand. Was kostete in der Tat ein einziger Bettler der Bevölkerung für Unsummen! Jahraus, jahrein schatzte er das Land ab, versoff sein Geld, ließ sich im Winter im Gefängnis oder in der Korrektionsanstalt durchfüttern und zog, und das war das teuerste, durch sein Wort und Beispiel einen nach dem andern hinter sich her in den Sumpf, die dann wieder an ihrem Teil den Bewohnern von Stadt und Land zur Last fielen. Da bedeutete es in der Tat eine große Ersparnis, den entstehenden Kolonien eine Unterstützung zuteil werden zu lassen, sie dagegen dem zu versagen, der nur betteln, aber nicht arbeiten wollte.
Überall waren es freie kirchliche Vereine, die die Träger des Gedankens waren, evangelische und katholische. Es war für Vater eine ganz besondere Freude, daß hier in dem tiefen Tal der Wanderarmen-Not sich die Wege beider Konfessionen trafen, beide von den trennenden Höhen herabstiegen, um gemeinsam zu raten und zu taten. Und das ist all die Jahre hindurch bis heute geblieben. Daß dabei Hemmungen und Widerstände zu überwinden waren, versteht sich von selbst.
Als Vater nach Münster kam, um mit dem Bischof die Anlage einer katholischen Kolonie zu beraten, meldete ihm der Kastellan, daß der Bischof mit dem Domkapitular zu tun habe und nicht zu sprechen sei. Nun war gerade der Domkapitular, wie Vater wußte, ein Gegner der Sache und machte dahin seinen Einfluß beim Bischof geltend. Vater hatte Stock und Hut bereits abgelegt, nahm sie nun aber von neuem zur Hand; denn es lag ihm nicht daran, mit dem Domkapitular zusammenzutreffen. Unterwegs fiel ihm auf, wie viele Leute ihn verwundert ansahen, als wüßten sie nicht recht, ob sie einen Bekannten oder Unbekannten vor sich hätten. Und als nun einer vor ihm den Hut zog und er den Gruß erwiderte, merkte er, daßer im bischöflischen Palais statt seines eigenen den breitkrempigen bequasteten Hut des Domkapitulars gegriffen hatte. Lachend kam er zurück, und lachend empfing ihn der Kastellan: „Der Herr Bischof warten bereits.” Solche kleinen Ereignisse und Verlegenheiten, die Vater in der Zerstreutheit öfter passierten, mußten mithelfen, größere Verlegenheiten zu beseitigen und die Herzen auf den heiteren Ton zu stimmen, in dem alle Dinge am besten gedeihen. Die katholische Kolonie kam denn auch wirklich zustande.
Die Asyle für die Wanderarmen waren errichtet. Sie standen jedermann offen. Niemand abzuweisen, der freiwillig kam, freiwillig auf jeden Schnapsgenuß verzichtete und freiwillig sich der Hausordnung unterwarf, das war von vornherein die Losung dieser Arbeiterkolonien. So war es also nicht mehr nötig, Bettelpfennige zu reichen und dadurch Bettler und Vagabunden großzuziehen. Jeder Arbeitslose konnte in die Kolonie gewiesen werden. Wie aber sollte die Kolonie erreicht werden, wenn sie ein, zwei, drei Tagereisen entfernt war? War das möglich, ohne auf dem Wege dorthin doch wieder zu betteln? War es nicht halbe Arbeit, Kolonien zu schaffen ohne die Zwischenstationen, die zu ihnen hinführten?
In der Tat: sollte dem Betteln gründlich gewehrt und dem Arbeitslosen ganze Hilfe zuteil werden, so mußten die Zwischenglieder geschaffen werden, die alle auf die Zentralstation, die Kolonie, zuliefen. Aber hier war es nicht nötig, neue Wege zu gehen. Es galt nur den Ausbau der alten durch Professor Perthes in Bonn bereits gebrochenen Bahn. Er hatte in Bonn im Jahre 1854 die erste christliche Herberge errichtet, die im Gegensatz gegen die wüsten Branntweinkneipen den Wanderarmen einen wirklichen Dienst erwies, ihnen gegen billiges Entgelt Quartier und Nahrung bot und den gänzlich Mittellosen Brot gegen eine Arbeitsleistung verabfolgte. Solche Herbergen waren inzwischen hin und her entstanden. Aber noch waren sie viel zu gering an Zahl und lagen zu weit auseinander. Darum kam es darauf an, diese Herbergen zu vermehren und durch kleine Zwischenstationen miteinander zu verbinden.
So entstanden zugleich mit der wachsenden Zahl der Herbergen zur Heimat die sogenannten Verpflegungsstationen. In kleineren und größeren Abständen, zwei, drei, vier Stundenvoneinander entfernt, bildeten sie die einzelnen Etappen, die von Herberge zu Herberge und schließlich bis zur Kolonie führten. Gegen kurze Arbeit, die meist in Holzhacken bestand, wurde dem Wanderer die nötige Nahrung gereicht, sodaß er, mit dem Ausweis der Verpflegungsstation versehen, die nächste Etappe aufsuchen konnte.
Von dem Wohlwollen und dem sittlichen Ernst der einzelnen Gemeinden getragen, schossen diese Verpflegungsstationen vielfach wie Pilze aus der Erde. Und in demselben Maße, wie der Ausbau dieses Zwischennetzes fortschritt, hörte das Betteln auf. Wo es vorher gewimmelt hatte von fremden Leuten, war es jetzt still geworden. Die Polizei, die vorher mit Recht so manchmal ein Auge zugedrückt hatte, konnte jetzt scharf über die Ordnung wachen. Jeder ehrliche Arbeitslose setzte mit Ernst alle Kräfte daran, Arbeit zu finden. Fand er sie dennoch nicht, so machte er sich auf den Weg in die Kolonie; und nur das licht- und arbeitsscheue Gesindel drückte sich seitab in die Gegenden, wo es bisher weder Kolonien noch Herbergen noch Arbeitsstätten gab, bis auch dort das Überhandnehmen des Bettelns den Weg der barmherzigen Zucht lehrte.
Diese gesamten Aufgaben der deutschen Arbeiterkolonien, Herbergen zur Heimat und Verpflegungsstationen fanden ihr Organ in einer Monatsschrift, die unter dem Titel „Die Arbeiter-Kolonie”, später „Der Wanderer”, durch Jahrzehnte von Bethel aus durch Pastor Mörchen mit eindringender Umsicht herausgegeben wurde und jetzt von Pastor Lemmermann in Hildesheim geleitet wird.
Charakterisiert aber wurde Vaters Tätigkeit an den „Brüdern von der Landstraße” durch ein Lied, das kurz nach seinem Tode in der Münchener „Jugend” erschien:
Ein Kunde war ich, duff und fein,Stets ohne Moos und Fleppe.Ich kehrt’ in jedem Wirtshaus einUnd stieg jedwede Treppe.Als mir die Straßen, die ich ging,Zum Hals herausgehangen,Bin ich zum Vater BodelschwinghNach Wilhelmsdorf gegangen.Das war ein Kerl! Wie väterlichSprach er mir ins Gewissen,Und „Bruder, Bruder” nannt’ er mich;Das hat mich fortgerissen:Zum Spaten griff die träge Hand,Die sonst nur Klinken drückte,Und grub und grub im Ackerland,Und die Bekehrung glückte.Nun ist der Patriarch zur Ruh’.Wie einst mit allem VolkeSpricht er mit Petrus jetzt per „Du”Auf einer Himmelswolke.Der revidiert den AnkömmlingGestreng und sagt die Worte:„Die Fleppe stimmt, Herr Bodelschwingh,Herein zur Herbergspforte!”
Ein Kunde war ich, duff und fein,Stets ohne Moos und Fleppe.Ich kehrt’ in jedem Wirtshaus einUnd stieg jedwede Treppe.Als mir die Straßen, die ich ging,Zum Hals herausgehangen,Bin ich zum Vater BodelschwinghNach Wilhelmsdorf gegangen.Das war ein Kerl! Wie väterlichSprach er mir ins Gewissen,Und „Bruder, Bruder” nannt’ er mich;Das hat mich fortgerissen:Zum Spaten griff die träge Hand,Die sonst nur Klinken drückte,Und grub und grub im Ackerland,Und die Bekehrung glückte.Nun ist der Patriarch zur Ruh’.Wie einst mit allem VolkeSpricht er mit Petrus jetzt per „Du”Auf einer Himmelswolke.Der revidiert den AnkömmlingGestreng und sagt die Worte:„Die Fleppe stimmt, Herr Bodelschwingh,Herein zur Herbergspforte!”
Johannes Trojan.
(Die weitere Entwicklung dieser Arbeit siehe in den Kapiteln „Freistatt”, „Das Wanderarbeitsstättengesetz” und „Hoffnungstal”.)
Inzwischen hatte die Entwicklung in Bethel nicht stillstehen können. Die Provinzen Westfalen, Rheinland, Hannover, Schleswig-Holstein und Hessen-Nassau hatten zunächst von der Errichtung eigener Anstalten für Epileptische abgesehen und baten in steigendem Maße für ihre Kranken um Aufnahme. Da, wo in den übrigen Teilen Deutschlands Anstalten für Epileptische im Entstehen waren, mußte ihnen zu richtiger Entfaltung Zeit gelassen werden, sodaß, auch abgesehen von den genannten Provinzen, noch immer die Bitten um Aufnahme in Bethel drängten. Dazu kamen nach wie vor die Aufnahmegesuche aus dem Ausland.
Sollte Vater, so wie er es in der Arbeitslosen-Sache getan hatte, darauf hinarbeiten, daß jede Provinz, jeder größere Bundesstaat nach der Art von Wilhelmsdorf nicht nur eine eigene Arbeiterkolonie bekam, sondern auch eine eigene Anstalt für Epileptische? Er hat es nicht getan!
Die Arbeiterkolonien waren einfache Gebilde, in denen fast ausschließlich Landwirtschaft getrieben wurde. Eine Anstalt für Epileptische aber muß ein vielgliedriger Körper sein, wennsie ihren Bewohnern gründlich dienen will. Die Arbeiterkolonien waren nur Hafenplätze, in denen wrack gewordene Schiffe sich herstellen und wieder ausstatten lassen konnten zur neuen Fahrt ins Leben, zur Rückkehr in den alten Beruf. Eine Anstalt für Epileptische aber sollte so viel wie irgend möglich dauernd jeden einzelnen Kranken an den Platz stellen, der seinen Kräften, Gaben und Neigungen entsprach. Das ist aber nur in einer Anstalt möglich, die ihrer Ausdehnung keine zu engen Grenzen setzt, sondern die verschiedensten Handwerke und Betriebe sich entfalten läßt und auf diese Weise die Kranken nicht auf einen zu engen Kreis der Beschäftigung beschränkt.
Wie sehr darum auch Vater auf der einen Seite, wo und wie er nur konnte, bei der Errichtung neuer Anstalten für Epileptische mithalf, sobald er sah, daß ein wirkliches Bedürfnis vorlag und ursprüngliche Liebe und urwüchsige Kraft zum Wohl der Epileptischen sich regten, wie z. B. bei den jungen Anstalten von Rastenburg in Ostpreußen, Rotenburg in Hannover, Hochweitzschen in Sachsen, so warnte er doch auf der andern Seite ernstlich, wo es sich um Gründungen handelte, die von vornherein nur für einen kleinen Kreis von Epileptischen in Betracht kamen. Denn nur zu leicht sahen sich diese kleinen Anstalten gezwungen, sich mit einem eng umschriebenen Kreis von Arbeitsgelegenheiten begnügen zu müssen. Dadurch aber war von vornherein der Geist der freudigen vielgestaltigen Arbeit beengt, ohne den das Leben des Epileptischen so gelangweilt und drückend ist.
So kam es denn, daß Bethel um der Barmherzigkeit willen die Pflöcke seiner Zelte weiter und weiter stecken mußte. Ein Handwerkshaus, ein Ackerhof kam zum andern. Für die epileptischen Frauen und Mädchen mußte mehr Raum gemacht und auch die Kinder mußten gesondert werden. Im Buchenwald, hoch wie der Berg Hermon alle andern Häuser überragend, entstand ein Haus für die epileptischen Pensionäre, wo Russen, Dänen, Finnen, Amerikaner und britische Untertanen friedlich mit den Deutschen zusammen wohnten. Und ähnlich war es unten im Tal, wo an der sonnigsten Stelle des Kantensieks für die epileptischen Pensionärinnen im Hause Bethanien eine freundliche Heimat geschaffen wurde.
Aber auch die Gründung von Wilhelmsdorf brachte für Bethel neue Pflichten. Der Regel nach sollte jeder nur einVierteljahr lang in Wilhelmsdorf bleiben, um dann andern Platz zu machen. Aber wohin, wenn diese Zeit abgelaufen war und sich kein sicherer Arbeitsplatz zeigte? Und selbst wenn er sich zeigte, so entstand doch die Frage, ob die Widerstandskraft schon genug gestählt sei, um allen Versuchungen im Strom der Welt standzuhalten. Bei denjenigen, die aus dem Arbeiter- oder Handwerkerstande kamen, gelang es immer noch am leichtesten, ihnen zur Rückkehr in den früheren Beruf zu verhelfen. Aber für die Kaufleute und Akademiker war die Schwierigkeit oft unübersteiglich. Darum mußte sich ihnen Bethel in seinen Arbeitsstätten, Schreibstuben und Schulen und mit all seinen übrigen Möglichkeiten als Übergangsstätte öffnen und Raum für sie machen.
So stieg und stieg die Zahl derer, die Sonntags in der Kapelle von Sarepta sich zusammendrängten, um dort die ewige Wahrheit als Arznei zu empfangen. Schließlich genügten die Räume schlechterdings nicht mehr. Für die Sommermonate hatte Vater oben im Buchenwalde Bänke aufschlagen lassen, die ganz nach Bedarf vermehrt werden konnten. Und die Gottesdienste hier oben in der Waldkirche unter Begleitung der Posaunen sind seitdem die besondere Freude der ganzen Gemeinde geblieben. Aber für die kalte Zeit und die Regentage mußte ein Ausweg gesucht werden.
Auf dem schmalen Bergrücken unterhalb der Waldkirche, der sich steil zum Kantensiek hinuntersenkt, wählte Vater den Platz für die neue Kirche. Hier lag sie ganz still und doch leicht erreichbar für alle Häuser, die zu Füßen des Berges in den beiden Tälern sich hinaufzogen oder in den Rand des Buchenwaldes gebettet waren. Am 16. Juli 1883, an demselben Tage, wo Wilhelmsdorf eingeweiht wurde, fand die Grundsteinlegung statt, zu der von Wilhelmsdorf her der Kronprinz kam. Es war mitten im strömenden Regen einer der größten Festtage, den die Gemeinde erlebte. Still hielt der Kronprinz während der Ansprache unseres Vaters im Unwetter aus. Unsern jüngsten noch nicht sechsjährigen Bruder geleitete er fürsorglich aus dem Regen unter einen schützenden Schirm. Selbst wehrte er ab, als man ihm einen Schirm überhalten wollte, und ließ sich, wie Vater später immer wieder den Kranken erzählte, für uns naßregnen. Kräftig klang seine damals noch gesunde Stimme zu jedem seiner drei Hammerschläge; „Christus der Grundstein— Christen die Ecksteine — Gott segne den Bau!” Und welche tief-menschliche Güte ging den ganzen Tag über von seinem Wesen aus! Es waren Stunden, die die Gemeinde unlöslich mit dem Hohenzollernhause verbanden, dem besten Königsgeschlecht, das die Weltgeschichte kennt.
Wenn übrigens immer wieder die Meinung auftaucht, als wäre zwischen Vater und dem Kronprinzen jede Grenze weggewischt gewesen, so ist das irrig. Wohl hatte Vater gewünscht, daß es bei der Mittagsmahlzeit, die der Kronprinz nach der Feier im Walde in unserm Hause einnahm, ganz familienmäßig zugehen und darum auch wir Kinder mit dem hohen Gast und den andern wenigen Geladenen an einem Tisch essen möchten. Aber die Einwände der Mutter hatten aus Gründen des Platzmangels gesiegt, und die Eltern hatten sich dahin geeinigt, daß wir Kinder im Nebenzimmer unsern besonderen Tisch haben sollten, aber bei geöffneter Tür. Von da aus haben wir es dann mit erlebt, in welch überaus herzlicher Weise unser hoher Gast den Eltern zugetan war, sie neckte und Vater „Friedrich” und „Du” nannte. Aber Vater blieb, wie in seinen Briefen, so auch jetzt im mündlichen Verkehr, bei dem respektvollen „Kaiserliche Hoheit”.
Im Herbst wurden dann die Fundamente der Kirche gelegt, und im frühesten Frühjahr — wenn ich mich recht besinne, war es der erste Februar — begann die Maurerarbeit. Es war nach des Kronprinzen Wunsch wirklich ein gottgesegneter Bau! Die Zeichnungen hatte Vater auch diesmal wieder selbst gemacht. Schon einen Sommer vorher hatte er manche Stunde seiner Ferienzeit dafür gewidmet. Nur die Stärke der Kreuzbalken, die den Dachreiter tragen sollten, ließ er der Sicherheit wegen von einem befreundeten Baumeister in Hannover berechnen. Hohe künstlerische Ziele steckte er sich bei dem Bau nicht. Es war ein sehr schlichter Raum. Aber von jedem Platze aus konnte man die Kanzel sehen, und die fünf kleinen Ruhekammern an den Enden und Ecken der Kirche, in die die Kranken während des Anfalls gebracht wurden, gaben ihm das besondere Gepräge eines Gotteshauses für Fallsüchtige.
Die tägliche Beaufsichtigung des Baues übergab er einem jungen Maurer, der, in Hamburg arbeitslos geworden, von Wilhelmsdorf gehört hatte und in achttägiger Wanderung, des Nachts immer in den Heuhaufen schlafend, geradeswegs nachWilhelmsdorf gekommen war. Dort hatte er sich durchaus bewährt. Es steckte ein gewisser Stolz in ihm, und er behauptete, da er eine Zeitlang eine Baugewerkschule besucht hatte, sich Architekt nennen zu dürfen. Die andern aber nannten ihn statt dessen immer nur „Arg-im-Dreck”. Das nahm er aber nicht übel, sondern zeigte sich wirklich bei unermüdlichem Fleiß und gutem Humor als ein überlegener Geist, dem trotz seiner Jugend sich alles fügte, sodaß der Bau in großem Frieden und noch größerer Freude vorwärtsschritt.
Steine und Sand wurden zur Schonung der Pferde unten am Berge abgeladen. Quer den Wald hinauf bildeten die epileptischen Mädchen lange Ketten, in denen die Steine, von Hand zu Hand wandernd, auf den Bauplatz befördert wurden. Andere trugen in ihren Schürzen den Sand hinauf. Und nachmittags kamen die Jungen von Nazareth und die erwachsenen Kranken der Landstationen mit ihren Schiebkarren. Wer aber sonst hinaufstieg, um den Bau zu sehen, der nahm, Vaters Beispiel folgend, allemal in jeder Hand einen Backstein mit. Rotkehlchen und Rotschwänzchen nisteten in größter Zutraulichkeit in den Mauerlöchern, aus denen eben erst die Gerüststangen ein Stockwerk höher verlegt waren, und wurden auf das sorgsamste von den Maurern gehütet.
Ungezählte Gaben der Liebe wurden in den Bau hineingebaut, die Vater durch ein besonderes Kollektenblatt erbeten hatte. Wir Brüder schliefen damals nur mit den Schulbüchern unter dem Kopfkissen, um beim ersten Morgenerwachen die Schularbeiten zu erledigen. Denn nachmittags und abends ließ der Kirchbau beim besten Willen keine Zeit dazu.
Auf einen Glockenturm hatte Vater verzichtet. Nur oben in dem Dachreiter sollte ein bescheidenes Glöckchen hängen. Davon hatte der alte Missionar Lückhoff in Südafrika gehört und in seiner schwarzen Gemeinde für einen richtigen Glockenturm 2000 Mark gesammelt. Das war Vater eine ganz besondere Freude, und er prüfte sofort, ob sich der Plan ausführen ließe. Es zeigte sich, daß ein solcher größerer Turm viel zu teuer geworden wäre und die ganze Anlage der Kirche gestört haben würde. Aber in den Ecken neben dem Altarraum waren zwei Sakristeien vorgesehen, deren Mauern leicht in die Höhe gezogen werden und sich zu zwei kleinen Türmen zu beiden Seiten des Chors auswachsen konnten.
Ich sehe noch Vater, wie er auf dem freien Mauerwerk in zehn Meter Höhe ohne Schwindelscheu vor uns Kindern herlief, um die Mauern zu prüfen, ob sie wirklich die Glockentürme tragen konnten. Es zeigte sich, daß sie stark genug waren, und so stehen heute die beiden kleinen Türme da zum Zeichen der Gemeinschaft zwischen Europa und Afrika.
Die Einrichtung der Kirche wurde zum größten Teil in den Werkstätten der Epileptischen hergestellt. Am 26. November war der Bau zur Einweihung vollendet. Nach dem 126. Psalm „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird”, der längst zum Lieblingspsalm der Kranken geworden war, und entsprechend der hohen Lage des alten Zionsberges bekam die Kirche den Namen Zionskirche. Prinz Albrecht von Preußen, der spätere Prinzregent von Braunschweig, damals als Großmeister des Johanniter-Ordens mit Vater in mannigfacher Beziehung, schloß die Tür auf mit den Worten: „Ich öffne die Tür mit dem Wunsche, daß alle, die in dieses Haus eingehen, Frieden suchen und alle, die ausgehen, Frieden gefunden haben.” Den Mittelpunkt der Feier bildete naturgemäß Vaters Ansprache, und man kann sich denken, wie gerade bei dieser Gelegenheit sein Herz überfloß von Dankbarkeit gegen Gott und Menschen.
Bei der Nachfeier im Diakonissenhaussaal überbrachte der Generalsuperintendent Nebe im Auftrage der Theologischen Fakultät Halle Vaters Ernennung zum Doktor der Theologie. Wir Kinder waren sehr stolz; Vater aber hat nie von dem Titel Gebrauch gemacht, ebensowenig wie von seinen Orden. Nicht aus Geringschätzung. Er konnte sich gelegentlich redlich für andere bemühen, wenn er wußte, daß jemand mit solch einer Auszeichnung eine Freude und Ermunterung zuteil wurde. Aber für ihn selbst war dies Gebiet menschlicher Anerkennungen überwunden. Er bedurfte ihrer nicht, weder für seine Person noch für seine Arbeit. Nur das Eiserne Kreuz, das ja nicht eigentlich in die Reihe der Orden gehört, legte er bei besonderen Vaterlandsfesten und bei Besuchen im königlichen Hause an.
Der junge Bauführer der Kirche aber verdiente sich bei dem Bau seine Sporen. Er kehrte in seine Vaterstadt zurück, und nach Jahr und Tag fanden wir seinen Namen an der Spitze eines gemeinnützigen Bauunternehmens.
„Es ist ein schweres Unrecht, wenn man den kleinen Mann, der doch wie wir mit beiden Beinen auf der Erde steht und stehen muß, nur immer auf das Jenseits vertröstet.”
F. v. B.
Bielefeld war rasch gewachsen. Neben die alte Leinenindustrie waren andere Industrien getreten, die bald die Vorherrschaft übernahmen. Mit dem schnellen Wachstum, das nach außen alle Lebensverhältnisse ergriffen hatte, hatte das Wachstum der inneren Kräfte nicht Schritt gehalten, weder bei Arbeitgebern noch bei Arbeitnehmern. Die Stände rückten immer weiter auseinander. Die Arbeitgeber behaupteten ihre alte uneingeschränkte Stellung, und ihnen gegenüber drängten die Vortruppen der Revolution heran. Es kam zu immer erregteren sozialdemokratischen Versammlungen. Einige Male nahm Vater daran teil. Er glaubte zum Frieden oder wenigstens zur Verständigung helfen zu können, stieß aber auf kühle Ablehnung, zum Teil auf bitteren Hohn. Nach dem zweiten oder dritten Versuch verzichtete er endgültig auf diesen Weg. Er hat seitdem nie wieder irgend eine parteipolitische Versammlung besucht, zu welcher Richtung sie sich auch bekannte.
In der Arbeiterschaft aber hatte sich zunächst der Verdacht festgesetzt, daß Vater zu den Reaktionären gehöre, die auch die berechtigten Ansprüche der Arbeiter hintertrieben. Die Diakonissen von Sarepta, die in jahrelanger treuer Arbeit an Kindern, Kranken und Armen der Stadt, namentlich aus den Kreisen der arbeitenden Bevölkerung, gedient hatten, wurden jetzt auf den Straßen als geheime Agentinnen Bodelschwinghs öffentlich beschimpft.
Im Winter 1886 brach in Bielefeld der erste größere Streik aus. Die Erbitterung wuchs in solchem Maße, daß es zu Gewalttätigkeiten kam und der Belagerungszustand erklärt werden mußte. Mitten in die Erregung der Gemüter wurde die Nachricht geworfen, Vater hätte der Fabrik, in der der Streik entstanden war, durch Kolonisten von Wilhelmsdorf heimlich Hilfe geschickt. Die Sache war völlig aus der Luft gegriffen, wurde aber geglaubt, und eine Flutwelle von Zorn und lange verhaltenem Grimm warf sich auf Bethel. Nun mußte auch das friedliche Anstaltsgebiet in den Belagerungszustand einbezogenwerden. Militär-Patrouillen umkreisten bei Tag und Nacht die Anstaltshäuser. In unsern Garten wurde ein Schilderhaus mit ständigem Wachtposten und geladenem Gewehr gesetzt. Die Chorfenster der Zionskirche, die vom alten Kaiser Wilhelm, dem Kronprinzen und dem Prinzen Wilhelm, dem späteren Kaiser, geschenkt waren, wurden durch Drahtnetze gegen Steinwürfe geschützt.
Da erscholl eines Nachts Feuerlärm: „Eben-Ezer brennt!” Es war das alte Bauernhaus unten im Tal, die Wiege der Anstalt für Epileptische. Nicht das Haupthaus brannte, sondern ein angebauter Schlafsaal, von blöden epileptischen Männern bewohnt, dessen Dach sich tief an den Berghang lehnte und durch böswillige Hand mühelos von ebener Erde aus angesteckt werden konnte. Die Feuerwehr war schnell zur Stelle, aber ebenso schnell sammelte sich rings um die Brandstelle her eine Schar wilder Gestalten, meist junger Burschen, die dem Schauspiel zusahen. In das Schreien der Kranken, die zum Teil nur mit Gewalt aus dem brennenden Hause getragen werden konnten, mischte sich das Johlen jener Zuschauer, in denen die rohe Leidenschaft entfesselt war. In plattdeutscher Sprache hörte man den Ruf: „So ist’s recht, daß Bodelschwingh brennt; warum hat er uns aus unsern Häusern vertrieben!”
Drei Tage daraus brannte es zum zweiten Male, diesmal in dem Ackerhofe für Epileptische, Hebron. Auch diesmal blieben alle Nachforschungen nach der Ursache des Brandes unaufgeklärt; nur daß alles darauf hindeutete, daß in beiden Fällen ein heimlicher Racheakt vorlag.
Aber Vater blieb jedes Gefühl der Bitterkeit fern. In seinen Ohren tönte jener nächtliche Ruf fort: „So ist’s recht, daß Bodelschwingh brennt; warum hat er uns aus unsern Häusern vertrieben!” Wie ein Feuerbrand war dieses Wort in seine Seele gefallen und hatte gleichzeitig wie ein Blitz ein dunkles Gebiet erhellt, das nun als ein neues weites Arbeitsfeld vor seinem Auge lag: das Feld der Wohnungsfrage.
Worin lag das Berechtigte in jenem nächtlichen Anklageruf? In der Tat war im Hinterlande der Anstalt eine Besitzung nach der andern im Laufe der Jahre aufgekauft worden. Nicht nur die Eigentümer dieser Besitzungen waren fortgezogen, sondern mit ihnen auch die Mieter, die teils mit den Besitzern im selben Hause, teils in den kleinen Kotten der aufgekauftenBauernhöfe gewohnt hatten. Niemand, auch Vater nicht, hatte sich darum gekümmert, wo sie geblieben waren. Das fiel ihm jetzt wie eine schwere Anklage auf die Seele. Denn immer, wenn er auf Bitterkeit und Feindschaft stieß, fragte er zunächst nicht nach des andern Schuld, sondern nach seiner eigenen.
Er überdachte, wie alle diese kleinen Besitzer und Mieter sich früher einer Wohnung abseits der großen Stadt hatten erfreuen können und dazu eines Stückes Garten- und Feldlandes, wo Mann, Frau und Kinder miteinander die Früchte für sich und ihr Kleinvieh ziehen und den Feierabend und Sonntag in Gottes freier Schöpfung zubringen konnten. Jetzt waren sie durch den Verkauf in die Stadt gedrängt, ohne Licht und Luft für Weib und Kind und ohne das liebgewordene Stück Land, aber mit wachsender Verbitterung im Herzen gegen die „Frommen”, die für die Kranken sorgten, aber die Gesunden darüber verkümmern ließen. Was Wunder, wenn sich diese Verbitterung Luft machte!
Aber das war doch nur ein kleines Stück des weiten Gebietes, das durch jenes Wort in helles, lebendigstes Licht gerückt worden war. Das ganze Wohnungselend der Großstädte tauchte vor ihm auf. Wie viel edles deutsches Familienleben war hier in staubige Straßen, in hohe, unruhige Mietskasernen zusammengepfercht! Ohne Sonne, ohne Vogelsang, fern von Wald und Feld mußten hier die Eltern ihre Kinder aufwachsen sehen, während dicht vor den Toren der Städte sich das weite Land dehnte, wo ungezählte Familien ihr eigenes Heim hätten finden können. „Man hat gänzlich vergessen,” schrieb Vater, „daß, seitdem wir Pulver und gezogene Geschütze haben, die Zeiten längst vorüber sind, in denen man die Menschen, um ihnen Schutz zu gewähren, in feste Städte zusammenpressen mußte.”
Aber was hatte überhaupt den deutschen Arbeiter in die Stadt gedrängt? Die Erinnerung an seine Zeit als landwirtschaftlicher Eleve und Inspektor in Hinterpommern tauchte vor Vaters Augen auf. Schon damals waren es vielfach gerade die Gutsarbeiter gewesen, die, sobald sie sich genügend erübrigt hatten, die Abhängigkeit von der Gutsherrschaft aufgaben und, von der Sehnsucht nach Selbständigkeit getrieben, entweder nach Amerika gingen oder in die Großstädte zogen. Seitdem hatte dieser Zug vom Lande in die Stadt immer mehrzugenommen. Statt daß Bismarcks Wort aus einer seiner ersten Reden: „Die großen Städte müssen zerstört werden” — im rechten Sinne verstanden — in die Wirklichkeit umgesetzt worden wäre, hatte man die Städte immer mehr zu schrecklichen Wasserköpfen anwachsen lassen, die den ganzen Volkskörper verunstalteten, dessen Glieder gleichzeitig durch die beständige Abwanderung vom Lande in die Stadt immer mehr verkrüppelten.
Dazu kam die zunehmende kirchliche Verwahrlosung in den großen Städten. Vater ließ sich nie erbittern, aber hier haben wir ihn doch manchmal mit tiefen Gefühlen des Schmerzes kämpfen sehen im Gedanken an die schmerzlichen Versäumnisse der Kirche. Statt mit dem Wachsen der Großstädte Schritt zu halten, überall schnell und im voraus für geeignete Plätze für Kirchen oder noch lieber einfache Bethäuser zu sorgen, statt kleine Gemeinden einzurichten, in denen noch ein persönliches Verhältnis zwischen Pastor und Gemeindegliedern möglich gewesen wäre, hatte man diese Riesengebilde entstehen lassen, Gemeinden von oft vielen Zehntausenden von Seelen, die keine Gemeinden mehr waren, sondern nur noch Pflegestätten für einzelne.
Aber nie hielt sich Vater lange bei solchen Anklagen auf. Immer wandte er sich schnell zu dem, was er selbst versäumt habe, was er selbst wieder gut machen könne. Und hier mußte er, der sich so manchmal über die Kurzsichtigkeit entsetzt hatte, mit der man früher in Hinterpommern die Bauernhöfe aufgekauft hatte und die Gutsarbeiter ihrer Wege hatte ziehen lassen, ohne zu fragen, wohin — jetzt mußte er sich ehrlicherweise gestehen, daß er selbst das gleiche hatte geschehen lassen; denn was hatte er für die Leute getan, die ihre Besitzung und Wohnung seinen Kranken eingeräumt hatten? Nichts. Aber was konnte er jetzt tun?
Vaters Studierstubenfenster lag nach dem Garten und den Bergen hinaus. Von seiner Arbeit fiel sein Blick auf diese Berge und in unsern Garten. Welche Freude hatte er immer an seinen Obstbäumen, die er aus Dellwig mitgebracht hatte! Schon im frühesten Frühjahr suchte er nach den treibenden Blütenkolben. Im Garten, vor seinen Augen, hatte er uns ein Turnreck aufrichten lassen und uns die ersten Übungen daran selbst vorgemacht; dicht unter seinem Fenster hatten wir unsernKaninchenstall und unsere Räuberhöhle angelegt; und im Giebel an der andern Seite girrten die Tauben, die des Morgens, wenn wir in der kleinen Veranda frühstückten, uns auf Schultern und Armen saßen und uns die Bissen aus dem Munde holten. Das alles hatte er und hatten wir. Aber der Arbeiter wohnte in der engen Stadt! Wie oft hat er sich und uns diesen Gegensatz vor Augen gemalt!
Über den Garten hinweg aber ging der Blick auf die Höhen des Teutoburger Waldes, an deren Abhang die Ackerbürger von Bielefeld und seiner Vorstadt Gadderbaum ihre Gärten und Felder hatten. Dort oben war auch der schöne neue städtische Friedhof entstanden, und links davon, vom Friedhof auf der einen Seite, von Buchen- und Tannenwald auf zwei andern Seiten eingeschlossen, aber mit freier, weiter Aussicht nach Osten hin, lag ein Grundstück von etwa sechs Morgen Größe. Darauf blieb Vaters Blick hängen. Diesmal konnte er nicht warten, bis von irgendwoher ein Angebot kam; denn jetzt galt es, verloren gegangenes Gebiet zurückzuerobern. Freund Bökenkamp, der stille, vorsichtige, zuverlässige Mann, tat die entscheidenden Schritte, und bald war das Grundstück oben am Berge gekauft. Damit war neuer Heimatboden gewonnen für Heimatlose, Vertriebene, Verbitterte.
Das Grundstück wurde in acht gleich große Bauplätze eingeteilt, und für jeden Platz entwarf Vater je ein Haus, für jedesmal eine Familie bestimmt, jedoch groß genug, daß oben in den Dachzimmern noch die erwachsenen Kinder oder, wenn eins der Kinder sich verheiratete und die Besitzung übernahm, die alternden Eltern Wohnung finden konnten. Dann wurde der Platz öffentlich ausgeschrieben. Jeder Arbeiter konnte sich bewerben. Nach seiner Partei oder politischen und kirchlichen Stellung wurde nicht gefragt. Bedingung war nur, daß er eine selbstersparte Summe von 500 Mark anzahlen konnte. Darin sollte die Bürgschaft liegen, daß man es mit einem nüchternen, fleißigen Mann zu tun habe, der auch in Zukunft regelmäßige Abzahlungen leisten würde.
Hatte man schon von unserm Hause aus den Eindruck, wie schön es dort oben sein müsse, so zeigte sich, wenn man oben stand, die Lage der Grundstücke vollends als unvergleichlich. Es meldeten sich alsbald mehr Bewerber, als berücksichtigt werden konnten. Das Los mußte entscheiden. Unter dieacht, zu deren Gunsten die Entscheidung fiel, wurden abermals durch das Los die einzelnen Plätze verteilt. Doch war keiner gezwungen, den für jedes einzelne Grundstück vorhandenen Bauplan anzunehmen. Er konnte daran je nach Wunsch und Bedürfnis ändern. Man wollte helfen und raten, aber keine Gewalt antun. Sobald ein Drittel des Gesamtwertes abgezahlt war, ging das kleine Besitztum an seinen neuen Eigentümer über.
Was aber wurde aus den übrigen Bewerbern, die nicht hatten berücksichtigt werden können? Sie waren jetzt diejenigen, die vorwärts drängten. Ein Aufhalten, ein Stillstehen wäre Unbarmherzigkeit gewesen. So kam es zum Ankauf des zweiten Grundstückes, des dritten u. s. f., und in allmählichem Fortschreiten legte sich ein großer Kranz von Arbeiterheimstätten in näherer oder weiterer Entfernung rings um Bielefeld.
Aber die örtliche Not, die hier gestillt wurde, war doch nur ein winziger Bruchteil der ungeheuren Wohnungsnot des Vaterlandes. Und die Aufgabe, die man hier auf kleinem Raum löste, mußte überall in Angriff genommen werden. Es galt, einen eigenen Mittelpunkt zu schaffen, von dem aus diese Not an alle herangetragen und diese Aufgabe allen zur Pflicht und Freude gemacht wurde. So entstand im April 1885 der „Deutsche Verein Arbeiterheim”. In besonderen Anschreiben setzte Vater den Zweck des Vereins auseinander, und bald meldeten sich aus allen Teilen des Vaterlandes die Mitglieder, teils einzelne Privatleute, teils Korporationen und Gemeinden. Die Kaiserin und später die Kronprinzessin Cecilie übernahmen das Protektorat zum Zeugnis, daß es sich hier um die wichtigste Grundlage alles Staats- und Volkslebens, die Erhaltung der Familie, handle.
„Mehr Luft, mehr Licht und eine ausreichend große Scholle für den Arbeiterstand!” war nun der Ruf, den Vater durch Wort und Schrift hinausgehen ließ in Stadt und Land. In schlichtesten, tief ergreifenden Worten brachte er alle Saiten des Herzens zum Schwingen. Herz, Gemüt, Verstand, Gewissen faßte er in gleicher Weise an. Die städtischen und ländlichen Behörden so gut wie die einzelnen Besitzer wies er auf diese entscheidende Aufgabe hin. Wir haben sein Herz beben gehört, zittern gefühlt über der Frage: Wird es noch gelingen, hier das deutsche Gewissen wachzurufen?
Und immer gingen Wort und Tat Hand in Hand. Die grundlegende Frage war: Wie kann dem Arbeiter das Geld zur Aufrichtung einer Heimstätte beschafft werden? Denn selten oder nie hatte er dazu ausreichendes eigenes Kapital in der Hand. Wohl hatte der Verein „Arbeiterheim” an seinem Teil den einzelnen Erwerbern als Rückhalt gedient und ihnen das nötige Kapital flüssig gemacht. Aber seine Schultern wären zur Durchführung im großen zu schwach gewesen. Es mußte stärkerer und weiterer Rückhalt geschaffen werden. Wo war er zu finden?
Die staatlichen Rentenbanken halfen größeren und mittleren Besitzern mit Darlehen, die in jahrzehntelanger Tilgungsfrist unter geringer Verzinsung zurückgezahlt wurden. Hier setzte Vater ein. Was dem größeren und mittleren Besitzer zugebilligt wurde, warum sollte es dem kleinen nicht auch gewährt werden?
„Es gibt kein Kapital, das sicherer angelegt wäre, als beim kleinen Mann, kein Kapital auch, das höhere Zinsen brächte.” In allen Tonarten, mit allen Beweismitteln hat Vater diesen Satz vertreten. Er kannte die nie zu erstickende Liebe des deutschen Familienvaters zur eigenen Scholle. Er vertraute mit größter Zuversicht, daß der deutsche Arbeiter überall, wo man ihm die Hand dazu böte, alles daran setzen würde, ein eigenes Heim nicht nur zu erwerben, sondern auch zu behalten und die, die ihm dazu verhalfen, nicht im Stich zu lassen. Er wußte auch, daß es unter allen irdischen Mitteln kein sichereres Gegengift gibt gegen Trunksucht, Unzucht und Prunksucht als das eigene Dach und den eigenen Herd.
Darum gelang es ihm auch in unablässigem Bemühen um die Herzen der verantwortlichen Männer und Behörden in Provinz und Staat, in Schreibstuben und auf den Ministerstühlen, daß schließlich die Beleihungsgrenze bis zu den kleinsten Besitzungen ausgedehnt wurde. Im Jahre 1907 erfolgte der Ministerialerlaß über Zwergrentengüter, wonach auch die sogenannten Zwergsiedlungen von nicht mehr als einem halben Morgen Größe von den Rentenbanken bis zu drei Vierteln des Gesamtwertes beliehen wurden.
Damit war der Weg gebahnt zu umfassenden Siedlungen in städtischen und ländlichen Bezirken. Wenn nur weitherzige Baupolizeivorschriften, weitblickende Gemeindepolitik und weitgreifendeAnleitung der Verwaltungsbehörden alle tätigen, sich selbst helfenden Kräfte des deutschen Vaterlandes künftig nicht eindämmten, sondern weckten und förderten, so zeigte sich jetzt die ungehinderte Aussicht auf eine Gesundung des gesamten Volkskörpers. Der Arbeiter war nicht mehr ausschließlich angewiesen auf die Barmherzigkeit von Privaten oder gemeinnützigen Vereinen, sondern es war ihm zu einem Recht verholfen an die materiellen Hilfsquellen des Staates.
Schwere Hemmungen blieben ja bestehen. Immer war es so, daß, wo irgend eine Arbeitersiedlung einsetzte, die Bodenpreise in der Umgebung der Siedlung in die Höhe schnellten und den nachfolgenden Siedlern die Erwerbung eines Eigentums erschwerten. Um hier grundlegende Wandlungen zu schaffen, hatten die Bodenreformer unter Damaschke eine unermüdliche Arbeit angegriffen. Aber dieses ganze große Gebiet ließ Vater unberührt. Ich fragte ihn einmal, wie er über die Frage der Bodenreform im Sinne Damaschkes dächte. Er antwortete: „Davon verstehe ich zu wenig.” Es lag nicht in seiner Natur, sich mit Fragen zu beschäftigen, deren Lösung erst in weiter Zukunft lag. Er fühlte sich auch auf diesem Gebiete nicht zum Reformer oder Reformator berufen. Die praktischen Aufgaben, die sich ihm mit zwingender Gewalt aufdrängten, griff er an und suchte er dadurch zu lösen, daß er die vorhandenen Hilfsmittel verwandte und diese Hilfsmittel so viel wie irgend möglich ausgestaltete.
Alles, was zunächst nur Theorie blieb, lag außerhalb seines Interesses. Die ganze immer mehr anwachsende Literatur über die sozialen Probleme blieb ihm fremd. Er las nichts davon. Nur das, was seine unmittelbar jetzt lösbare Aufgabe betraf und ihn darin förderte, bildete eine Ausnahme. Das griff er mit hellem Blick heraus und machte er sich zu eigen.
Als ihn zu einer Zeit, wo alle Welt mit der „sozialen Frage” als solcher beschäftigt war, der ihm befreundete Professor Riggenbach in Basel bat: „Sagen Sie mir einmal Ihre Gedanken über die soziale Frage!” antwortete er: „Ich spreche nicht gern über Dinge, von denen ich nichts verstehe.” Aber dann ließ er den Fragesteller in anschaulichster Weise hineinsehen in die Gebiete des sozialen Lebens, auf denen er nicht theoretisch, sondern praktisch gearbeitet hatte.
Vaters historischer Sinn, die Dankbarkeit für das, was geworden war, die Achtung vor einer jahrhundertealten treuen Arbeit des Staates ließen ihn nie in den Verhältnissen die Hauptschwierigkeiten erblicken. Deshalb griff er, wie verwickelt oder rückständig diese Verhältnisse oft auch sein mochten, immer mit großer Zuversicht hinein, indem er allem, was gesund in ihnen war, zur Fortentwicklung half, um dadurch ganz von selbst das Verkehrte absterben zu lassen. Nicht unter den Hemmungen, die von den Dingen ausgingen, litt er, wohl aber unter denen, die von den Menschen herrührten. Und gerade auf dem Gebiet der Arbeiterwohnungsfrage erlebte er es mit wachsendem Schmerz, wieviel hier durch Kurzsichtigkeit, Engherzigkeit, Hartherzigkeit und mangelnde Nächstenliebe unterlassen und versäumt wurde.
Am meisten schmerzte ihn die Stellung der landwirtschaftlichen Kreise; denn bei ihnen lag die eigentliche Entscheidung. Je mehr die Städte sich dem Gedanken öffneten, in ihrem Umkreise für die Ansiedlung des Arbeiters zu sorgen, desto mehr Arbeiter wurden doch wieder aus dem Lande in den Bannkreis der Stadt gelockt. Darum mußte das Land seine bisherige Stellungnahme aufgeben. Wohl gab es auch hier eine langsam zunehmende Einsicht. Aber sie war doch nicht allseitig genug. „Wir werden uns keine Laus in den Pelz setzen dadurch, daß wir unsere Arbeiter selbständig machen”, mußte er immer wieder hören. In einer der besten Gemeinden des Ravensberger Landes sagte er in einer Predigt, daß die Besitzer alle im Grunde nicht Besitzer, sondern nur Verwalter ihres Gutes seien und daß sie, um als Verwalter bestehen zu können, wenn Gott einmal Rechenschaft von ihnen forderte, die Pflicht hätten, dem kleinen Mann zu einem Haus und Stück Land zu verhelfen, das dieser dann wieder als selbständiger Verwalter innehaben könne. Der Bauer müsse sich endlich von dem Gedanken freimachen, als sei es unrecht, wenn er von dem von den Vätern ererbten Besitz etwas abgebe für den kleinen Mann. Aber Vater stieß auf kühle Ablehnung und wurde auf lange Zeit hinaus nicht wieder in diese Gemeinde eingeladen.