Die Ausgestaltung.

Ähnlich ging es ihm weiten Kreisen der Großgrundbesitzer gegenüber. Er hat es nie verkannt, wieviel von manchen unter ihnen für den Landarbeiter geschah, wie die Wohnungen in wachsendem Maße verbessert wurden und der Landarbeitersich, wenn er seine Einkünfte berechnete, vielfach weit besser stand als der freie Industriearbeiter der Großstadt. Aber eng und starr hielten vielfach auch die besten Besitzer an dem Grundsatz fest: „Alles für den Arbeiter, nichts durch ihn”, d. h. sie waren bereit, für den Arbeiter und die Verbesserung seiner Lage in jeder Hinsicht nach dem Maße ihrer Kräfte zu sorgen, aber nur, solange er als Mietsmann in abhängiger Stellung dem Gute gegenüber blieb. Sobald es sich aber darum handelte, den Arbeiter auf eigene Füße zu stellen, sodaß er auf eigener Scholle durch eigene Arbeitskraft sich sein Heim schuf und dann durch freien Entschluß in ein neues Dienstverhältnis zum Gute trat, hielten die Besitzer mit ihrer helfenden Hand zurück. Man wollte ihn in der Hand behalten, und gerade so verlor man ihn.

Durch die immer mehr gesteigerte Tätigkeit der Volksschule wurde der Gesichtskreis auch des Landarbeiters erweitert, sein Selbstbewußtsein gehoben, all seine Kräfte geweckt. Aber man gab diesen Kräften kein Feld eigener Betätigung, eigener Entfaltung. Das mußte schließlich zu einer Katastrophe führen. „Zwanzig Jahre habt ihr noch Zeit,” hörte ich Vater zu einem Großgrundbesitzer sagen; „wenn ihr dann nicht Ernst gemacht habt, habt ihr die Revolution.” Und ein anderes Mal: „Vor den Russen und Franzosen ist mir gar nicht bange. Aber bange ist mir vor der Unzufriedenheit und Gottentfremdung im eigenen Volk. Wenn ihr helfen wollt, dann helft, dem Deutschen die eigene Scholle wiederzugeben.” Dabei ging für ihn die Lösung der sozialen und der religiösen Frage immer Hand in Hand. So sagte er auf dem Kongreß für Innere Mission in Kassel im Jahre 1888: „Um reif zu werden für die himmlische Heimat und Heimweh nach dem Vaterhause droben zu haben, ist es nötig, daß man zuerst einmal ein irdisches Vaterhaus liebgewonnen hat. Diejenigen, die nichts mehr von einem Verlangen nach einem irdischen Vaterhause wissen, sind meist auch für das Verlangen nach einem ewigen Vaterhause abgestorben.”

Es muß ehrlicherweise zugegeben werden, daß Vater manchen Großgrundbesitzer befremdete, weil er bei der Glut, mit der er seinen Gedanken vertrat, bei manchem den Eindruck erwecken konnte, als wollte er alles Bestehende auf den Kopf stellen. Aber im Grunde hatte er nie daran gedacht, daß die vorhandenen Mietsverhältnisse sämtlich aufgelöst werden sollten,damit jeder Arbeiter sein eigener Herr würde auf eigener Scholle. Er wollte nur, daß dem Arbeiter die Möglichkeit dazu verschafft und daß seiner drängenden Kraft Ventile geöffnet würden. Es war ja klar, daß viele das sorgenfreie Leben im Mietshause der Verantwortung für ein eigenes Besitztum vorziehen würden. Aber denen, die nach dieser Verantwortung sich sehnten, sollte der Weg dazu offen stehen.

Mit der freien Bahn, die dem Landarbeiter geöffnet werden sollte, ging freilich Hand in Hand, daß auch der Industrie Möglichkeit gewährt wurde, sich auf dem Lande niederzulassen. Nur so würde das Wachstum der Großstädte unterbunden werden. Namentlich die Kanäle sollten nach Vaters Gedanken dazu dienen, die Industrie auf das Land zu ziehen. Unermüdlich war er auch für diesen Gedanken eingetreten.

Mit der Industrialisierung des Landes würde ja auch mehr und mehr dem Mißverhältnis gesteuert werden, daß die Bodenpreise in der Nähe der Städte übertrieben hoch, auf dem Lande unverhältnismäßig gering waren. Und denjenigen Landwirten, denen die ganze Frage nicht so sehr eine Angelegenheit der sozialen Gerechtigkeit, sondern des Geldbeutels war, zeigte Vater, wie auch sie bei ganz nüchterner Berechnung sich sagen mußten, daß das Festhalten des Arbeiters auf dem Lande, auch rein vom rechnerischen Standpunkte angesehen, ihr eigenster Vorteil sei. Durch die Rente, die der Landarbeiter für den erworbenen Grund und Boden zahlte, konnte der Großgrundbesitz einen Teil seiner Schulden abstoßen. Durch die Zunahme der Landbevölkerung war das Absatzgebiet für die Landwirtschaft bereichert und die Möglichkeit zur Erlangung geeigneter Arbeitskräfte nicht gemindert, sondern vermehrt.

Hat Vater vergeblich gearbeitet? Als die Revolution ausbrach und Bielefeld im Norden Deutschlands eine der wenigen großen Städte war, in denen sich der Umschwung der Dinge verhältnismäßig ruhig vollzog, wurde als letzte Ursache dieser erfreulichen Erscheinung zweierlei genannt: die verständige Hand eines maßvollen sozialdemokratischen Führers und die soziale Arbeit Vater Bodelschwinghs. Das will freilich, auf das Ganze des Vaterlandes gesehen, nicht viel sagen. Aber wenn der praktische Ertrag auch verhältnismäßig gering war, — denn was bedeutete die Ansiedlung von einigen tausend Arbeitern auf eigenem Grund und Boden im Einfamilienhausgegenüber der großen Masse, die in die Städte gepfercht blieben und auf dem Lande keine Entwicklungsmöglichkeit vor sich hatten! — Vater ist durch alle Hindernisse und alle schmerzhaften Enttäuschungen nicht abgeschreckt worden, den Gedanken selbst immer wieder hinauszurufen: „Mehr Luft, mehr Licht und eine ausreichend große Scholle für den Arbeiterstand!”

Als darum während des Krieges der Gedanke entstand, jedem deutschen Kämpfer seinen freien Anteil am deutschen Lande zu sichern, da fand er überall lautes Echo. Großgrundbesitzer des Ostens stellten damals weite Gebiete ihres Besitztums zur Verfügung, damit der Gedanke in die Tat umgesetzt würde. Hätten sie es zwanzig Jahre früher getan, wie viel wäre verhütet worden!

Zu spät ist es auch jetzt noch nicht. Die Gedanken des Vereins „Arbeiterheim” haben sich inzwischen überall durchgesetzt. Das ganze Vaterland ist zu einem Verein Arbeiterheim geworden. So könnte sich der Verein in die Stille zurückziehen. Doch besteht er noch fort, damit er überall, wo es gilt, den Gedanken in die Tat umzusetzen, mit seinen Erfahrungen helfen kann.

Der Überschuß an Kandidaten der Theologie war in den achtziger Jahren groß. Manche von ihnen mußten jahrelang auf feste Anstellung warten und fragten in Bethel um Arbeit an. Vater ergriff diese Gelegenheit, um dafür zu sorgen, daß die brach liegenden Kräfte während der Wartezeit nicht müßig blieben, sondern eine gründliche Schulung erhielten. Er bat den damaligen Kultusminister Goßler, ihm zur Ausbildung einer kleineren Anzahl zukünftiger Pastoren für den Dienst der inneren und äußeren Mission die erforderlichen Geldmittel darzureichen. So entstand 1888 das Kandidaten-Konvikt. Zunächst für vier, später für acht Kandidaten wurden seitens des Ministers die Mittel gewährt. Ein Nebengebäude des Hauses Hermon, Klein-Hermon, wurde ihre Heimat und ist es bis heute geblieben.

Die Arbeit der Kandidaten wurde so geteilt, daß sie des Vormittags auf den verschiedenen Stationen der Anstalt tätig waren, während der Nachmittag der besonderen Ausbildungauf den zukünftigen Beruf vorbehalten blieb. Einer arbeitete auf der Männerstation des Diakonissenhauses, wo er unter der Anleitung der Kandidaten-Mutter, Schwester Riekchen, das Reinmachen der Krankenstuben, das Bettenmachen und dann die eigentliche Krankenpflege lernte und auch an den Operationen teilnahm; ein anderer hatte seinen Posten in Zoar bei den geistesschwachen epileptischen Knaben, der dritte in Hebron, der Landstation der epileptischen Männer, der vierte auf dem Arbeitszimmer des Vaters. Alle acht bis zwölf Wochen wurde gewechselt, sodaß jeder die verschiedenen Arbeitsgebiete kennenlernte. Mit der Zunahme der Kandidaten nahmen auch die Tätigkeitsfelder zu: Arbeiterkolonie, Herberge zur Heimat, Trinkerheilstätte, Pflege der Geisteskranken, Unterricht der Brüder und der epileptischen Kinder usf.

Es verstand sich für Vater von selbst, daß ein zukünftiger Diener des Wortes Jesu Christi, des Freundes und Helfers der Armen, Kranken und Schwachen, zum geringsten Dienst an den Elenden willig sei. Darum stellte er sofort mit einer Selbstverständlichkeit, gegen die es gar kein Widerstreben gab, die ersten Kandidaten, die sich meldeten, in die Arbeit an den Kranken. Ganz von selbst banden sie sich gleich den Schwestern und Brüdern, die ihnen vorarbeiteten, die blaue Schürze um. Sie wurde ihnen schnell zum Ehrenkleid, das sie nach einem Jahr nur mit Wehmut ablegten. Und mancher von ihnen hat die blaue Schürze unendlich leichter und lieber getragen als den Talar.

Es ging allerdings nicht jedem so. Einige kamen, die schon nach kurzer Zeit wieder verschwanden, weil ihnen der Anblick der Kranken zu schwer, der Dienst zu niedrig und entsagungsvoll war. Aber die allermeisten blieben. Ihnen wurde es zur großen Wohltat, daß sie einmal die Gedankenarbeit mit der gründlichen Praxis vertauschen konnten. Das alte Wort„Praxis epibasis theorias”(der Weg der Gewißheit führt durch die Tat) wurde hier immer wieder zur Wahrheit. Über der tätigen Hilfe, die er leisten konnte, vergaß mehr als ein Kandidat die Gedankengrübelei. Im Zusammenleben mit manchen Brüdern und Schwestern des Diakonen- und Diakonissenhauses merkte er, daß Jesus Christus die eigentliche Großmacht in der Welt sei, von der noch heute Wandlungen und Wirkungen ausgehen, die sonst in keines Menschen Macht stehen, und derkindliche Glaube eines am Geiste schwachen Knaben von Zoar oder eines epileptischen Ackerbauers von Hebron wurde ihm zu einem Erlebnis, das alles übertraf, was die Universitätszeit geboten hatte.

Dazu kam dann der persönliche Dienst als Gehilfe unseres Vaters. Die Post kam schon früh, und Vater ließ jede Sendung durch seine Hand gleiten, um an der Handschrift zu prüfen, ob die Rücksicht auf den Briefschreiber es erfordere, daß er allein den Brief öffnete. Alle übrigen Briefschaften übergab er dem Kandidaten. Natürlich kam es vor, daß auch unter dessen Augen Geheimnisse kamen, die den Briefschreiber und Vater allein angingen. Aber nie ist solches Geheimnis ausgeplaudert worden. Das große Vertrauen, das Vater vom ersten Augenblick an in seine Mitarbeiter setzte und das die zartesten und tiefsten Kräfte im Herzen zur Mitarbeit wachrief, wurde heilig gehalten.

War die Post durchgesehen, so berichtete der Kandidat über die einzelnen Schriftstücke, und Vater gab Anleitung zur Erledigung. Je klarer und kürzer der Bericht ausfiel, je größer war für Vater bei seiner gedrängten Zeit natürlich die Wohltat. So berichtete einer, der es besonders knapp machen wollte: „Junger Mann, Offizier gewesen, Schulden gemacht, Abschied, sucht Stellung.” Da sagte Vater nur, aus tiefster Seele heraus: „Arme Mutter.” Der Kandidat hat nachher erzählt, von welch unauslöschlichem Eindruck diese zwei Worte auf ihn gewesen seien.

Die einen Briefe bekam der Kandidat zur Erledigung, mit andern ging er in die einzelnen Häuser, um sie dort zu besprechen oder auf den Schreibstuben abzugeben. Was übrig blieb, beantwortete Vater selbst, und zwar am liebsten immer sofort, indem er seinem Sekretär, der stets die Vormittagsstunden ebenfalls auf dem Arbeitszimmer war, diktierte. „Nur nichts aufschieben” war seine Losung. „Aufschieben macht Qual.” Dann hörte der Kandidat zu, welche Antworten gegeben wurden, und die tiefe Liebe, die bei aller Kürze aus jedem Briefe sprach, den Vater diktierte, konnte nicht ohne stärksten Einfluß bleiben und wurde zu einer Saat, die in der Erinnerung haften blieb und bei manchem Kandidaten, der inzwischen längst zu Amt und Würden gekommen war, Jahr um Jahr neue Früchte trug.

Am Nachmittag wurde unter der Leitung des Seniors der Kandidaten und später eines Inspektors die Auslegung des Alten und Neuen Testamentes nach dem Grundtext getrieben, an der Hand von Vorträgen und Ausarbeitungen der Mitglieder wurden theologische Fragen besprochen und außerdem die Geschichte der Inneren und Äußeren Mission behandelt.

Die Übungen in der Katechese und in der Predigt leitete Vater selbst. Aber eigentlich konnte man die kurzen Stunden, die jeden Mittwochnachmittag um halb drei Uhr im Krankensaal des Kinderheims gehalten wurden, nicht katechetische Übungen nennen. Wie schon einmal erwähnt, war Vater in der Tat kein Schulmeister, darum erwartete er auch von den Kandidaten keine katechetische Kunstleistung. Was Vater verstand, war etwas anderes: er konnte erzählen. In der Weise, wie er die biblischen Geschichten in höchster Anschaulichkeit darstellte, hat manche seiner Schwestern es zu einer Kunst des Erzählens gebracht, die Kinder und Kranke aufs tiefste fesselte und die bis in den Grund nicht nur des Gemütes, sondern auch des Gewissens ging. Dieses Erzählen, nur durch gelegentliche Fragen unterbrochen, hat er auch mit den Kandidaten geübt und ihnen selbst vorgemacht.

So besinne ich mich, wie er einmal vor den Kindern, die zum Teil in ihren Betten lagen, zum Teil auf kleinen Stühlen vor und zwischen den Kandidaten saßen, die Geschichte von der königlichen Hochzeit erzählte. Als er an die Stelle kam, wie der König hineinging, die Gäste zu besehen, und Vater nun seine Augen von einem zum andern wandern ließ, da ging ein Beben durch uns hindurch, und als er vollends darstellte, wie der König den einen Gast traf, der kein hochzeitliches Kleid anhatte, da schlug jeder unwillkürlich die Augen nieder in der Sorge, er selbst könne vielleicht der eine sein. Es war gar keine Mache dabei, nichts Theatralisches, nichts Eingeübtes; es war ein wirkliches Ergriffensein von der Schönheit, Größe und Gewalt des Wortes Jesu.

Auch die alttestamentlichen Geschichten wurden so behandelt. Alle nicht in Hast, aber in möglichster Kürze. Länger als höchstens eine Viertelstunde hatte meistens der einzelne Kandidat nicht. Dann kam noch ein zweiter an die Reihe, um irgend eine andere Geschichte aus dem Leben daheim oder in der Heidenwelt zu erzählen.

Am Freitag um fünf Uhr war die Predigt der Kandidaten in der kleinen Kapelle von Sarepta. Sie war den Kandidaten so leicht und zugleich so schwer gemacht wie nur möglich. So leicht, weil das Publikum, vor dem sie zu sprechen hatten, nicht zum Fürchten war. Die Fenster, die nach rechts und links in die Krankensäle führten, waren geöffnet, und von ihren Betten lauschten die Kranken nicht auf hohe Töne der Weisheit, sondern auf ein einfaches Wort der Erquickung; und auf den Bänken in der Kapelle selbst saß für gewöhnlich nur eine einzige Station von epileptischen Mädchen unter der mütterlichen Führung der alten Schwester Christiane. Auch sie stellten keine hohen Ansprüche, sondern waren um so dankbarer, je einfacher das Wort war, das zu ihnen gesprochen wurde.

Aber gerade hierin lag nun auch die große Schwierigkeit der Aufgabe. Über die höchsten Dinge ganz kindlich zu sprechen, sodaß Leidende, Sterbende und am Geiste Schwache sich daran aufrichten können, das war die Kunst, die hier gelernt werden konnte, nicht an hohen menschlichen Vorbildern, sondern an dem Vorbilde dessen, der die tiefsten Geheimnisse des Reiches Gottes in so schlichte Bilder und Gleichnisse fassen konnte, daß sie allen Völkern der Welt in ihren einfältigsten und ihren weisesten Gliedern zugleich faßlich und unergründlich sind.

In der kleinen Brüderstube der Männerstation von Sarepta, in der der alte Heermann gewohnt hatte und gestorben war, fand dann im unmittelbaren Anschluß an die Predigt die Kritik statt. Erst kam die Nachmittagsstunde bei den Kindern des Kinderheims zur Besprechung, dann die Predigt. „Wer sagt ihm etwas?” fragte dann Vater die versammelten Kandidaten. „Bitte, sagt ihm etwas!” Zum Schluß kam dann Vater selbst. Er ließ sich das Konzept nicht vorher geben, aber er hörte sehr genau der Predigt zu.

Auch das Äußere ließ er sich nicht entgehen. Es war damals die Zeit der langen Schnurrbärte. „Sieh mal,” sagte er zum Träger eines derartigen Schmuckes, „die Kranken fürchten sich, wenn du mit solch einem langen Schnurrbart daherkommst, als wärest du ein Unteroffizier.” So traf er, ohne zu verletzen, die verborgene Eitelkeit.

An der Einteilung der Predigt rüttelte er, wenn es nötig war, mit kräftigen Stößen. Aber ihren Inhalt behandelte erimmer mit der größten Zartheit. Denn hier handelte es sich ja jedesmal um das Opfer des Heiligsten, was ein Mensch besitzt, das um so größerer Schonung bedurfte, je zarter die Pflanze noch war, die die Früchte ihres Glaubens und ihrer Erfahrung der kleinen Zuhörerschaft dargeboten hatte. Den glimmenden Docht nicht auszulöschen, sondern durch freundliche Ermunterung zu entfachen, und das zerstoßene Rohr nicht zu zerbrechen, sondern zu stärken, das übte Vater in diesen kurzen Feierstunden. Und wenn er weder Lob noch Tadel sparte, so war es so, daß das Lob ermunterte, aber zugleich demütigte, und der Tadel befreite und darum zugleich getrost machte. Einem Kandidaten, dessen Predigten er schon wiederholt zugehört hatte, sagte er: „Wenn du predigst, dann wird mir immer so bange. Du zeigst immer wieder so scharf das sündige Herz. Ich mache das anders. Ich meine, man muß erst in der Gnade stehen und dann von der Gnade aus sich mit den Händen und Armen hinunterneigen und sie heraufheben.”

Sooft wie möglich ließ er sich von den Kandidaten auf die Feste im Ravensberger Lande begleiten. Bei der Rückkehr von solch einem Feste stellte es sich heraus, daß die Kandidaten, die in einem zweiten Wagen saßen, an zwei Frauen, die zu Fuß gingen, vorübergefahren waren, ohne sie zum Mitfahren einzuladen. Er ließ sie alle aussteigen und den Wagen zurückfahren, um die Frauen aufzunehmen.

Sieben Jahre hat Vater in dieser Weise die Konviktsarbeit geleitet. Zwei Gehilfen, Wilm und Hild, die aus den Kandidaten selbst hervorgegangen waren, haben ihn dabei wie Söhne unterstützt. Schließlich zeigte sich die Berufung einer besonderen Kraft zur Leitung dieser wichtigen Arbeit als das Gewiesene.

Pastor Rahn war in der Zeit, wo er in Amsterdam in größtem Segen an der deutschen lutherischen Gemeinde stand und das dortige Diakonissenhaus ins Leben rief, zu Vater in nächste Beziehung getreten. Er übernahm im Jahre 1895 die Führung der Kandidaten, denen er, bis seine Kräfte zusammenbrachen, ein väterlicher Freund und wissenschaftlicher Berater von nie versagender Gründlichkeit, Treue und Hingabe geworden ist.

„Zu den Regeln des Reiches Gottes schickt es sich, daß wir da mit besonderer Kraft des Evangeliums einsetzen, wo die Not am größten ist.”

F. v. B.

Obwohl sein Weg ihn nicht persönlich in die Heidenwelt hinausgeführt hatte, war Vater der Missionsaufgabe treu geblieben. In Paris war er, wie berichtet, für die kommenden und gehenden Baseler Missionare und ihre Familien Berater und Gastgeber gewesen; in Dellwig hatte er durch den „Westfälischen Hausfreund” den Blick auch zu den Heiden hinausgelenkt. In Bethel konnte es darum nicht anders sein. In der Anfangszeit waren es namentlich die kleinen Schriften der Baseler Mission, die ihm ständig zum Verteilen zur Hand waren. Und bald kamen zu den alten Beziehungen neue hinzu. Der junge Bäckergeselle der kleinen Bäckerei von Sarepta, Dietrich Baumhöfner, war als Kind durch eine Kinderschulschwester innerlich angefaßt worden und der göttlichen Stimme treu geblieben. Vater bahnte ihm den Weg in das Berliner Missionshaus, das ihn nach Südafrika aussandte.

Seine Briefe, die er von der Reise und aus den ersten Anfängen in Transvaal schickte, schrieben wir Kinder ab, weil Vater die Originale an andere Missionsfreunde weitersandte. Im Wochengottesdienst las er sie der Gemeinde mit einer so tiefen Anteilnahme vor, daß wir die Reise und die Arbeit Baumhöfners persönlich miterlebten. Im Anschluß an solch eine Stunde eilte ich nach Hause, um meine ganze kleine Barschaft der Missionsbüchse anzuvertrauen, die in Gestalt eines knienden Negers in unserm Zimmer stand. Schon nach wenigen Monaten, als wir eben auf die Bitte Baumhöfners die ersten Posaunen für seine kleine Gemeinde hinausgeschickt hatten, kam die Nachricht, daß er in Georgenholz dem Fieber erlegen war. Wir alle, Kranke und Gesunde, empfanden seinen Tod als einen großen persönlichen Verlust. Die Liebe zur Berliner Mission blieb aber und wurde namentlich durch die südafrikanischen Reisen des Inspektors Wangemann, die Vater eingehend verfolgte, wachgehalten.

Mit der Barmer Mission ergaben sich bald noch engere Anknüpfungen, nicht nur durch die persönlichen Beziehungen zu deren Inspektor Fabri, die seit seiner und Vaters gemeinsamerStudienzeit in Erlangen nicht erloschen waren, sondern besonders auch dadurch, daß die Barmer Mission in allen Gemeinden des Ravensberger Landes treuste Freunde hatte und Vater öfter zu den Missionsfesten eingeladen wurde, auf denen die Barmer Missionare aus ihrer Arbeit berichteten. Missionar Hanstein, aus Hessen gebürtig, hatte sich in Sumatra der Aussätzigen angenommen. Er war auf Schwefelquellen gestoßen, die sich zur Linderung des Aussatzes als besonders wirksam erwiesen, und bat nun um Hilfe, um an den wohltätigen Quellen den Aussätzigen eine Heimat zu errichten. Das war natürlich eine Sache nach Vaters Herzen, der nie gut ins Allgemeine hinaus helfen konnte, sondern immer am liebsten an einer bestimmten Stelle einsetzte und dafür die Herzen erwärmte. Hansteins Briefe verlas Vater in den Familienabenden und wöchentlichen Missionsstunden und entfachte damit unter Kranken und Gesunden die Liebe und Fürsorge für die Aussätzigen, sodaß die Heimat der Aussätzigen auf Sumatra der feste Stützpunkt wurde, um den sich unsere Anteilnahme an den übrigen Aufgaben der Barmer Mission lagerte.

Besonders lebhaft wurden diese Beziehungen, seit der Nestor der Barmer Mission in Südafrika, Missionar Lückhoff, der jene 2000 Mark für die Glockentürme der Zionskirche aus seiner schwarzen Gemeinde gesammelt hatte, nun nicht müde wurde, eine Sendung nach der andern abgehen zu lassen mit südafrikanischen Fellen, Früchten, Straußeneiern und Federn, die den Grundstock bildeten zu einem kleinen Missionsmuseum, das nicht wenig dazu beitrug, unsern Blick in die Völkerwelt hinauszulenken.

So war der Boden längst vorbereitet, als ungewollt und unvermutet sich neue größere Aufgaben auf dem Gebiete der Heidenwelt einstellten.

1884 waren die ersten deutschen Stützpunkte in Ostafrika auf der Insel Zanzibar sowie im Küstengebiet geschaffen worden. Der Kaiser wies sofort darauf hin, daß eine politische Besitzergreifung des Landes nicht genüge, sondern eine Arbeit der Christianisierung ihr auf dem Fuße folgen müsse. Nun hatte Pastor Diestelkamp von der Nazareth-Gemeinde in Berlin von vornherein den regsten Anteil an der Entwicklung der Dinge in Ostafrika genommen und ein kleines Komitee für die Missionsarbeit in der jungen Kolonie zustande gebracht. Der alte,in langjähriger Arbeit in Abessinien erprobte Missionar Greiner und ein junger von der Berliner Mission übernommener Missionar Krämer hatten die Arbeit drüben begonnen.

Aber woher weitere Kräfte nehmen? Sowohl für den Pflegedienst an den Deutschen, die in jener Anfangszeit angesichts des ungesunden Klimas in ganz besonderem Maße solcher Hilfe bedurften, als auch für einen kräftigen Vorstoß in die Welt der Eingeborenen fehlte der Nachschub. Alle Versuche Diestelkamps, bei den bestehenden Gesellschaften und Vereinen der Äußeren und Inneren Mission die nötigen Kräfte zur gründlichen Fortsetzung der Arbeit in Ostafrika zu finden, waren mißlungen. So machte er sich zu Vater auf den Weg. Beide kannten sich von der gemeinsamen Arbeit an den Berliner Arbeitslosen her, für die Diestelkamp die Berliner Arbeiterkolonie in der Reinickendorfer Straße geschaffen hatte. „Es gibt keine Pfütze in Berlin, in die er nicht springt,” sagte Vater einmal, um damit die große Hilfsbereitschaft Diestelkamps und seinen unerschrockenen Unternehmungsgeist auch angesichts schwieriger Aufgaben zu kennzeichnen.

Diestelkamp saß in dem kleinen Sofa unseres Wohnzimmers und Vater ihm gegenüber. Wer wollte es Vater verdenken, daß er angesichts der Aufgaben, die bereits auf seinen und seiner Gemeinde Schultern lagen, zögerte und alle Bedenken darlegte. Aber Diestelkamp blieb fest. Die Absage, die er von allen Seiten bekommen hatte, machte seine Bitte nur um so dringender. Schließlich erklärte er: „Ich stehe nicht eher aus dieser Ecke auf, als bis du mir hilfst.” Anhaltende Bitten aus glühendem Herzen machten auf Vater stets tiefen Eindruck. So auch hier. Er gab nach und sagte Hilfe zu.

Damit war es, als wenn ein Deich überstiegen und der Zionsgemeinde nicht nur der Blick, sondern auch der Weg in unendliche Fernen geöffnet wäre. Bis dahin hatten wir nur von jenseits des Deiches das Rauschen der Völkerwelt gehört; jetzt sollten wir selbst mitten in ihre Wogen hineintauchen. Und es war kein Widerstreben da. Im Schwestern- sowohl wie im Brüderhaus regten und zeigten sich überall die Kräfte, die lieber heute als morgen bereit waren, sich nach Afrika auf den Weg zu machen.

Der Bund, den Vater und Diestelkamp zum Besten Afrikas geschlossen hatten, blieb freilich nicht unwidersprochen. Mancheder alten Missionsgesellschaften erschraken. Führer der deutschen Mission erhoben laut Einspruch; das junge Unternehmen bedeute eine Zersplitterung der deutschen Missionswelt und der deutschen Missionskräfte. Vater blieb dem gegenüber nicht taub. Er suchte sich durch eingehende Nachforschungen zu überzeugen, ob nicht doch irgend eine andere deutsche Missionsgesellschaft bereit und in der Lage war zu helfen. Aber ein klarer Ausweg zeigte sich ihm nicht. So ging er seinen Weg fort und trat in den Vorstand der jungen Gesellschaft ein, die von da ab neben der alten Berliner und der Goßnerschen Mission als dritte Berliner Missionsgesellschaft ihren bescheidenen Platz an der Sonne beanspruchte.

Es war damals ein hochbegabter baltischer Pastor nach Bethel gekommen, der nach dem Tode seiner Lebensgefährtin und seines einzigen Kindes einen Zufluchtsort suchte, wo in der Stille sein wundes Herz ausheilen konnte. Er hatte mit einer ungewöhnlichen Hingabe auf verschiedenen Krankenstationen gearbeitet; und als er nach einiger Zeit sich entschloß, sein Schweigen zu brechen, zeigte es sich, daß er zugleich eine hohe Gabe hatte, mit dem Wort an die Herzen heranzukommen. Vater fragte ihn, ob er bereit wäre, der Führer der ersten kleinen afrikanischen Vortruppe zu sein. Dieser hochgemute, edle Mann schien ihm gerade gut genug für die Arbeit unter den Negern. „Denn”, so sagte er gerade im Blick auf Afrika, „die Untersten und Elendesten müssen die besten Pfleger haben.” Und Worms sagte zu. Erst auf der Insel Zanzibar, dann in Dar-es-Salam, wo Missionar Greiner inzwischen die erste Pionierarbeit getan hatte, griff Worms den Pflegedienst an den kranken Deutschen und zugleich die Arbeit an den Eingeborenen an, von zwei Schwestern Sareptas und einem Bruder aus Nazareth unterstützt, alle wiederum von Missionar Greiner beraten, dem seiner Eigenart und Neigung nach die gesamte Arbeit des äußeren Ausbaues der Station vorbehalten blieb.

Inzwischen hatte auch Missionar Krämer in der nördlichen Hafenstadt der Kolonie, Tanga, Fuß gefaßt, und nun entstand die Frage, in welcher Weise sich in Zukunft die Arbeit gestalten sollte. Vater hatte alsbald mit den deutschen Kolonial-Pionieren Wissmann, Baumann, Meyer teils persönlich Fühlung genommen, teils ihre Reisewerke eingehend studiert.

Er hatte daraus die Überzeugung gewonnen, daß die Küstenbevölkerung durch das Arabertum, den Sklavenhandel und den Mohammedanismus schon zu sehr durchseucht sei, um einen fruchtbaren Ackerboden für junge heidenchristliche Gemeinden abgeben zu können. Lediglich die Pflege der Kranken komme hier in Betracht, eine eigentliche Missionsarbeit nicht.

Ebenso lagen für ihn die Dinge im Hinterland der großen Hafenplätze. Auch hier sah er das Volkstum schon zu stark durch die fremden Einflüsse angekränkelt, als daß ein gesundes Aufblühen heidenchristlicher Gemeinden noch zu erhoffen gewesen wäre. Nur unter Widerstreben willigte er darum in die Pläne des Missionsvorstandes, daß im Hinterlande von Dar-es-Salam auf den Höhen von Usaramo ein Versuch gemacht würde, und lenkte für seine Person gleichzeitig den Blick auf das Bergland von Usambara, auf das ihn die Reisenden Baumann und Meyer hingewiesen hatten.

Hier fand er beides: einen gesunden, durch den Mohammedanismus noch nicht berührten Bauernstamm von 80 000 Menschen und ein gesundes Klima, das den Missionaren und ihren Familien eine dauernde, gleichmäßige Arbeit unter dem Volke sicherte.

Gleichzeitig boten sich ihm auch die nötigen Kräfte: zwei Theologen, Johanssen und Wohlrab, mit umfassender wissenschaftlicher Schulung, im Glauben gegründet, in der Liebe glühend und von zäher Gesundheit. Im Frühjahr 1891 wurden sie in Berlin und in Bethel abgeordnet.

Von Vater geleitet, sind wir dann im Geist mit ihnen über das Meer gefahren, erst in Zanzibar, dann in Tanga gelandet, haben den ersten Erkundungszug mit ihnen in das Bergland gemacht, sind wieder zurückgereist durch die Steppe sechs, acht Tage lang an den Indischen Ozean, um es dann mit zu erleben, wie der älteste Sohn des Groß-Häuptlings selbst mit seinen Leuten kam, um unsere ersten Boten wie im Triumphzug hinaufzugeleiten auf die Höhen von Mlalo, die Vater schon lange im voraus als den Ort der ersten Niederlassung ausersehen hatte. Jeden einzelnen kleinen Fortschritt hat dann ganz Bethel geteilt, die erste Hütte, die ersten Sprachstudien, die ersten Schüler, die ersten Taufbewerber, den ersten erlegten Panther, den ersten Einzug der deutschen Frau, das erste Tauffest,das erste weiße Kindchen unter den Schwarzen, die ersten Briefe der schwarzen Christen usf.

Vaters Herz ging in Sprüngen. Das Volk, das Land, die unermeßliche Steppe in der Tiefe, der Spiegel des Indischen Ozeans am Horizont, die blauen Berge von Pare, die herüberwinkten, und das schneeige Haupt des Kilimandscharo, der alles überragte, standen ihm so lebendig vor Augen, wußte er so glühend, so nah, so gegenwärtig zu schildern, daß Besucher, die in den Familienabend von Sarepta oder in die Donnerstagstunde in der Zionskirche kamen, fragten, wann er denn eigentlich in Afrika gewesen wäre. So konnte es nicht anders sein, als daß die Glut auf uns alle übersprang, auf Kranke und Gesunde; und wenn Vater gefragt hätte, wer von uns hinüberziehen wolle, dann hätte keiner zurückbleiben mögen, weil wir alle längst drüben zu Hause waren und es bei jedem von uns im Gedanken an Afrika nach der alten Weise klang:

Auch mir stehst du geschriebenIns Herz gleich einer Braut;Es klingt wie junges LiebenDein Name mir so traut.

Auch mir stehst du geschriebenIns Herz gleich einer Braut;Es klingt wie junges LiebenDein Name mir so traut.

Als darum die Zeltpflöcke auf den Bergen von Usambara weiter gesteckt werden konnten und die ersten beiden Boten um Nachschub baten zur Besetzung weiterer Posten, ging Vater ins Konvikt der Kandidaten: „Wer ist bereit zu ziehen?” Sie waren alle bereit. „Keiner ist brauchbar für den Dienst in der Heimat, der nicht von ganzem Herzen willig und bereit ist, zu den Heiden zu ziehen”, das war der Sinn, den er unter den Kandidaten gepflegt hatte und der nun zur Tat wurde. Darum ging es jetzt nach dem Liede Krummachers: „Zeig’s an, wen du erkoren, — Greif’ in die Schar hinein! — Dir sind wir zugeschworen, — Dein sind wir, Amen! Dein!”

Natürlich waren bei manchen die häuslichen oder die gesundheitlichen Hindernisse so groß, daß sie, oft mit schwerstem Herzen, zurückstehen mußten. Aber so viele Kräfte von drüben verlangt wurden, so viele waren jedesmal auch im Konvikt und im Brüderhause zur Stelle. Becker und Döring, Holst und Göttmann, Gleiß und Lang-Heinrich waren die ersten Paare, die nach Usambara gingen. Ihnen folgte im Laufe der Jahre eine große Schar von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Alsfast den letzten in dieser Reihe fiel dann auch meiner Frau und mir und unsern vier Kindern, einem Herzensanliegen unseres sterbenden Vaters entsprechend, die größte aller Freuden zu, in den Dienst der Heidenwelt zu treten. Zu denen, die durch Gesundheitsrücksichten in der Heimat festgehalten wurden, gehörte der Lizentiat Trittelvitz, dem freilich später noch ein Aufenthalt auf dem afrikanischen Missionsfelde zuteil wurde, der aber doch die längste Zeit seines Afrika-Dienstes in der entsagungsvollen Stellung eines Heimatinspektors zubrachte, in der er mit nie ermüdender Beweglichkeit und heiterer Zähigkeit bis heute das Schiff unserer Missionsarbeit steuert.

Und zu den Menschen kamen die Gaben. Wer wollte der Liebe Einhalt tun? Die Schwestern trugen die Nachrichten weiter auf ihre Stationen, die Brüder ebenso. Im Kinderheim hielten die kranken Ärmchen den Besuchern ihre kleinen Sammelbüchsen hin. Die Kranken schrieben es nach Hause. Und Vater selbst war immer wieder wie der Hirte, der das Schaf gefunden hat, wie die Frau, die ihren Freunden und Nachbarn ruft: Freuet euch mit mir! Die kleinen Blätter, die sonst nur die Nachrichten von den Epileptischen oder von den Brüdern von der Landstraße gebracht hatten, füllten sich nun mit den ersten Siegesbotschaften aus dem fernen Afrika. Und wie sich in Bethel selbst der Horizont geweitet hatte, so weitete sich nun auch der Gesichtskreis der Bethelfreunde im Lande. Auch ihnen trat die hohe leidende Schönheit Afrikas vor Augen. „Schwarz bist du, doch bist du lieblich, holdes, stilles Afrika.”

Als nun vollends an den stillen Abhängen von Mtai die ersten beiden Aussätzigen entdeckt wurden, als Becker und Döring wieder und wieder zu ihnen herniederstiegen in ihre Bergkluft, um ihnen die große neue Botschaft zu bringen, und als der eine von ihnen, Kiase, seinen Landsleuten, die von fern standen, um nach ihm zu sehen, die Botschaft von dem Leben nach dem Tode zurief: „Hört es, Leute, kein Leiden mehr, keine Schmerzen mehr, kein Aussatz mehr; Leute, Leute, hört es!” — da hallte die Stimme der Aussätzigen bis zu uns herüber und stärkte die Leidenden, Ausgestoßenen und Sterbenden von Bethel aufs neue in derselben Zuversicht, die die beiden Aussätzigen drüben so froh machte, und ein Dankbarer, der nicht gekannt sein wollte, warf nächtlicherweile eine getragene Hoseüber den Zaun unseres Gartens mit einem Zettel daran: „Für den aussätzigen Kiase.”[1]

[1]Vergl. die kleine in der Schriftenniederlage der Anstalt Bethel erschienene Schrift von Missionsdiakon W. Hosbach: „Abraham Kilua, der schwarze Vikar von Neu-Bethel”.

[1]Vergl. die kleine in der Schriftenniederlage der Anstalt Bethel erschienene Schrift von Missionsdiakon W. Hosbach: „Abraham Kilua, der schwarze Vikar von Neu-Bethel”.

Aber solch hellem Sonnenschein fehlte auch der Schatten nicht. Nicht alle konnten sich mit uns und mit den Bergen Afrikas freuen. Die, die es nicht miterlebt hatten, daß Vater sich auch diesmal nicht in ein neues Arbeitsfeld hineingedrängt hatte, sondern sich vielmehr vorwärtsgeschoben und über alle Hindernisse und Schwierigkeiten von hoher Hand hinweggehoben sah, sie standen zum Teil kopfschüttelnd am Wege, tadelten, hemmten und schütteten das Wasser der Kritik in unsern Freudenwein.

Um Klarheit zu schaffen, schrieb Vater in Erinnerung an den Bau der Mauer zu Jerusalem unter Nehemia (Neh. 4, 10–12): „Schwert und Kelle in Sachen der ostafrikanischen Mission”, eine kleine Schrift, die aus manchem Feind einen Freund der Sache machte. Überhaupt blieb der Kampf, in welchem Vater zeitweilig alle Führer der deutschen Missionswelt gegen sich hatte, auf das sachliche Gebiet beschränkt und half mit dazu, daß die Aufgaben in den neuen Kolonien immer gründlicher und rascher von der deutschen Christenheit verstanden und in Angriff genommen wurden, sodaß eine Missionsgesellschaft nach der andern ihr Zögern aufgab, mit in die zentralafrikanische Arbeit eintrat und, um rascher vorwärts zu kommen, in stärkerem Maße als bisher ausgebildete Theologen heranzog und sie unter ihre seminaristisch geschulten Missionare mischte.

So wurde es deutlich, daß die Befürchtung, die neue kleine ostafrikanische Mission entzöge den bestehenden Missionsgebieten und Missionsanstalten geistige und materielle Kräfte, nicht richtig war. Vielmehr wurden umgekehrt durch Vaters entschlossenes Vorgehen, der sich nicht beirren ließ, neue Ziele gesteckt, neue Kräfte geweckt und neue Hilfsquellen erschlossen. Auch auf diesem Gebiete zeigte es sich, daß ein Wettbewerb, der nicht aus irgend welcher künstlichen Mache entstanden ist, sondern aus dem zwingenden Drängen der Verhältnisse, niemals die natürliche Entwicklung der Dinge hemmt, sondern fördert, während umgekehrt jeder Versuch, einen ehrlichen Wettkampfaufzuhalten oder zu vernichten, die eigenen Lebenskräfte unterbindet.

Als der Gedanke auftauchte, die Missionsarbeit in den Kolonien der organisierten Kirche unter Leitung des Oberkirchenrates zu überlassen, riet Vater auf das entschiedenste ab. Es lag darin keine Geringschätzung der organisierten Kirche — die Treue gegen alles geschichtlich Gewordene war ein hervorstechender Zug in Vaters Art und Arbeit, wie er ja auch die durch die Kirche herangebildeten Theologen in die erste Linie der afrikanischen Vorkämpfer stellte —, aber der Apparat der Kirchenverwaltung erschien ihm zu langgestreckt und schwerfällig für ein Unternehmen, das zu seiner gedeihlichen Entwicklung die innigste und schnellste Zusammenarbeit aller beteiligten Kräfte erforderte. Sind es doch auch in der Tat in der Geschichte der Christenheit fast immer die freien Kräfte gewesen, die die erste Bresche gelegt haben in unbezwungene Mauern.

Viel schwerer als unter dem Widerstande, der nach außen hin zu überwinden war, litt Vater unter dem Gegensatz, in welchem er sich zu dem Vorstand der jungen Missionsgesellschaft in Berlin befand, obwohl auch dieser Gegensatz ganz auf das sachliche Gebiet beschränkt blieb. Keiner von den Vorstandsmitgliedern war jemals in Afrika gewesen. Jeder mußte sich sein Urteil aus den Erfahrungen und Anschauungen anderer holen. Aber selbst als der leitende Inspektor eine Reise in das junge Gebiet machte, konnte sich Vater den Eindrücken, die er mitbrachte, nicht fügen. Sie waren ihm zu jung, zu voreingenommen durch alte Tradition, zu wenig in persönlichem Leiden und persönlicher Arbeit an Ort und Stelle erprobt.

Tief setzte sich seitdem bei Vater die Überzeugung fest, der er immer wieder Ausdruck gab, die Missionsgesellschaften sollten alles daransetzen, nur solche Männer in die verantwortlichen Stellen in der Heimat zu rufen, die auf dem Missionsfelde selbst jahrelang in Reih’ und Glied gearbeitet und dort ihre Erfahrungen gesammelt hätten.

Der Gegensatz drehte sich immer wieder um die Hauptfrage: Arbeit an der Küste oder Arbeit im Innern. An der Küste saß der Mohammedanismus, im Innern das Heidentum. Es war damals die Zeit, wo die Mohammedanermission anfing,sich ihren Platz neben der Heidenmission zu erringen. Darum „Mohammedanermission und Heidenmission”, „Arbeit an der Küste und im Innern”, war die Linie, auf der sich die meisten Missionsvorstände bewegten. Vater konnte diese Bewegung nicht mitmachen. Er war freilich weit davon entfernt, die Mohammedaner preiszugeben. Noch kurz vor seinem Sterben hat er mit tiefster Anteilnahme das Buch des Missionars, jetzigen Superintendenten, Simon über den Islam studiert. Aber für die Küstenplätze Ostafrikas blieb er fest: Hier ist die Arbeit an den Mohammedanern zwecklos. Aufgeben wollte er die Küste nicht. Aber hier sollten nur kleine Stützpunkte bleiben, auf denen einmal den Kranken gedient und zugleich den christlichen Eingeborenen, die durch Erwerb und Handel aus dem Innern an die Küste gezogen waren, ein Halt gewährt wurde.

Der Hauptstoß aber sollte mit ungebrochener Kraft in das Heidentum selbst geführt werden. Je schneller und kräftiger dieser Stoß erfolge, desto besser. Nur so könne dem Vordringen des Islam Einhalt geboten werden. Jede Zersplitterung zwischen Küste und Innerem sei weggeworfene Kraft; und die Gewinnung der vom Islam unberührten Volksstämme des Innern sei die wirksamste Missionsarbeit gegenüber dem Islam selbst.

Nun hatte Vater aber seinerzeit Diestelkamp versprochen, die notwendigen Kräfte für die Aufgaben der jungen Gesellschaft zu stellen. Forderte darum der Vorstand für die Arbeit an der Küste oder an dem schon halb vom Mohammedanismus durchseuchten Stamm der Wasaramo im Hinterlande von Dar-es-Salam die Einlösung dieses Wortes, dann gab es für Vater jedesmal einen Kampf, unter dem wir oft sein ganzes Herz haben erbeben sehen. „Wieder soll ich jemand nutzlos hinschlachten,” rief er dann wohl aus, wenn die Tagesordnung der Vorstandssitzung, die aus Berlin eintraf, Kräfte für die umstrittenen Gebiete begehrte.

Im Konvikt selbst, in der Brüderschaft und Schwesternschaft konnte man nicht anders als sich neutral verhalten. Man ging ja nicht hinaus, um sein Leben zu schonen, sondern es zu opfern, auch wenn der Kampf ganz hoffnungslos schien. „Wehe euch,” konnte dann Vater wohl sagen, „wenn ihr nicht bereit wäret, jeden Augenblick im Fieberland zu sterben, — aber wehe auch mir, wenn ich nicht alles daran setzte, daß euer Leben nicht vergeblich hingeopfert wird!”

Mit unermüdlicher Treue reiste Vater, oft die Nächte zu Hilfe nehmend, nach Berlin, um im Vorstande der Mission seine Überzeugung zu vertreten. Mit fast leidenschaftlicher Glut malte er die Fäulnis des Mohammedanismus an der Küste, für die jedes Salz weggeworfen wäre, und dagegen den sehnsuchtsvollen Ruf der noch unberührten Völkerschaften: Kommt herüber und helft uns!

Seitdem ist die Arbeit an der Küste 25 Jahre lang mit zäher Energie fortgesetzt worden, oft so, daß man gerade die tüchtigsten Kräfte an sie wandte, nicht nur seitens der kleinen Mission Berlin III, sondern auch der großen Berliner Mission, die später die Arbeit in Dar-es-Salam übernahm. Aber weder in Tanga noch in Dar-es-Salam hat die Mission unter der eigentlichen Küstenbevölkerung Fuß fassen können. In Tanga waren es, wie Vater richtig vorausgesehen hatte, fast ausschließlich eingeborene Christen aus dem Innern, die sich vor den Toren der Stadt als ein kleines, beständig vom Islam gefährdetes Häuflein behaupteten.

Als ich im Jahre 1916 die kleine Christengemeinde von Dar-es-Salam besuchte, die sich jenseits des Hafens, fern von dem Getriebe der Stadt, unter ihrem treuen Lehrer und Ältesten Martin ihre kleine Niederlassung geschaffen hatte, und ich einen nach dem andern nach Heimat und Herkunft fragte, da stellte es sich heraus, daß auch nicht ein einziger darunter war, der in Dar-es-Salam geboren war; sie stammten alle aus dem Innern, aus Volksstämmen, die von Mohammedanern noch nicht berührt waren.

Was es aber umgekehrt heißt: sich nicht zersplittern, sondern mit aller Kraft in das gesunde Heidentum vorstoßen, zeigen die guten Erfahrungen von Uganda. Rechtzeitig und mit einer schnell wachsenden Truppe von männlichen und mindestens ebenso zahlreichen weiblichen Kräften hat hier die englische Mission eingesetzt und ist so tatsächlich dem verheerenden Anmarsch des Islam zuvorgekommen. In den Bergländern, die im Gebiet des Indischen Ozeans liegen, ist es nicht mehr gelungen, das Eindringen des Islams zu verhindern, weder in Usambara noch in seinen Nachbargebieten. Vielmehr mußte das kümmerliche Dasein, das die evangelische Mission in den Hochburgen des Islams an der Küste führte, dem Mohammedanismus den Mut stärken für die mohammedanische Propagandaim Hinterlande. Um den Sieg zwischen Christentum und Islam wird dort noch heute gerungen.

Aber unter all den Schmerzen, die er im Widerstreit der Überzeugungen litt, hat Vater sich nicht ermatten lassen. Wie oft haben seine Freunde in Bethel, wie oft auch seine eigenen Kinder ihn gebeten, die Arbeit an der Mission aufzugeben und das Aufgehen der kleinen Gesellschaft in eine größere in die Wege zu leiten oder aber sie ganz nach Bethel zu übernehmen! Er sah für beides die Wege nicht gewiesen. „Berlin hat unsere Arbeit nötig,” konnte er wohl sagen.

Darum bemühte er sich, da die Missionsleitung jahrelang nur zur Miete wohnte, ihr eine eigene Heimat in Berlin zu verschaffen. Er dachte vor allem an die Johannisgemeinde in Alt-Moabit, wo eine kleine Truppe von Sarepta-Schwestern eine Gemeindepflege-Station bediente. An einem Winterabend habe ich ihn einmal dorthin begleitet. Er überzeugte sich, daß der Platz neben der Kirche noch Raum genug bieten würde für ein bescheidenes Missionshaus. Hier sollte nach seiner Hoffnung ein kleines neues Zentrum entstehen zur Pflege des geistlichen Lebens in Berlin. Indem die Schwestern mit ihrem stillen Dienst in den Häusern die Arbeit in der Gemeinde taten, sollten sie zugleich mithelfen, die Blicke der Gemeinde über die eigenen Nöte hinweg zu den großen Aufgaben an der Heidenwelt zu richten. Der Plan zerschlug sich an dieser Stelle, kam aber später in Groß-Lichterfelde zur Ausführung, wo wirklich ein Missionshaus gebaut wurde. Doch gelang es auch von hier aus nicht, dauernd Fuß in Berlin zu fassen, sodaß schließlich aus dem Vorstand selbst heraus der Wunsch entsprang, das Zentrum der Arbeit einheitlich nach Bethel zu verlegen. Nur mit schwerem Herzen hat Vater sich dem gefügt. Er empfand diesen schließlichen Ausgang als einen innersten Verlust für die Berliner Gemeinden, deren wagemutigen Gliedern der erste Anfang der ostafrikanischen Missionsarbeit zu verdanken war.

Aber schließlich lag in dieser Entwicklung doch eine innere Notwendigkeit. Schon mit dem Augenblick, wo damals Pastor Diestelkamp in Bethel erschien, war der eigentliche Schwerpunkt der Arbeit von Berlin nach Bethel verlegt worden. Denn hier lagen die Ausbildungsstätten der Arbeiter und Arbeiterinnen für das Missionsfeld. Hier sahen sie, wenn sie ausgezogen waren, ihre geistige Heimat. Von hier führte Vater,namentlich solange die Arbeit noch klein blieb, mit jedem einzelnen einen eingehenden Briefwechsel, der eine Fülle von väterlichen, seelsorgerlichen Ratschlägen und praktischen Winken enthielt und das gesamte Gebiet der Arbeit umfaßte. Es wurde keine Station draußen angelegt ohne Vaters eingehende Vorstudien, namentlich auch in bezug auf die so wichtige Frage nach gesundem Wasser, und mehrfach war er es, der auf Grund solcher Studien den Stationsplatz bestimmte.

Die Posttage für Afrika, die alle vierzehn Tage wiederkehrten, hielt er pünktlich inne, und oft waren nicht nur Vaters treuer Sekretär, sondern auch wir Kinder auf das angestrengteste beschäftigt, um die Übertragung der zahlreichen Stenogramme rechtzeitig fertigzustellen.

Doch war es nicht so, daß mit der Übersiedlung nach Bethel im Jahre 1906 alsbald eine neue Blütezeit angebrochen wäre, die an die erste Zeit der jungen afrikanischen Liebe erinnert hätte. Während für Vater alle Arbeitsgebiete der Erde in eins zusammenflossen und die Grenzen zwischen der Heimat und der Heidenwelt ineinander überglitten, lenkte Pastor Rahn, seit er der Leiter des Konvikts geworden war, die Blicke der Kandidaten bewußt auf das Feld der heimischen Arbeit zurück in der Überzeugung, daß für den Dienst unter den Heiden ein besonderer, nur ausnahmsweise erfolgender Ruf gehöre.

So kam es, daß das Konvikt nicht mehr wie früher das starke Quellgebiet bildete, das ganz der Arbeit in Afrika zur Verfügung stand. Darum kam zeitweilig der Gedanke auf, man müsse auf die Hoffnung verzichten, Kräfte mit voller theologischer Ausbildung immer in genügender Zahl zur Hand zu haben, und die Frage entstand, ob nicht nach dem Vorbilde anderer Missionsgesellschaften an die Heranbildung seminaristisch geschulter Kräfte gedacht werden müßte.

Es war nicht Vaters Art, namentlich wenn es sich um seine nächsten Freunde und Mitarbeiter handelte, sich sofort solchen Gedanken zu widersetzen. Er ließ sie ausreifen und wartete. Für seine Person blieb er bei der Zuversicht: „Wir haben Theologen genug, wir müssen sie nur rufen.” Als einmal der Leiter einer alten deutschen Missionsgesellschaft ihn besuchte und ihm seine Not klagte, die ihm die beständigen pekuniären Schwierigkeiten bereiteten, sagte Vater: „Ich habe nach immer die Erfahrung gemacht, daß Gott uns nicht mehr Geld gibt,als er uns Geist gibt.” Er lebte auch im Blick auf die wichtigsten Missionsgaben, d. h. die lebendigen sich für die Arbeit unter den Heiden darbietenden Menschen, auch soweit die Theologen in Betracht kamen, der Überzeugung, daß gerade so viele sich einstellen würden, als Geist Gottes in der Missionsgemeinde lebendig ist.

Das zeigte sich in der Tat, als wieder einmal, von Vater unvermutet und ungewollt, im Jahre 1907 ein großes afrikanisches Arbeitsfeld sich öffnete. Unvermutet und ungewollt. Denn inzwischen war das südliche Missionsgebiet Usaramo an die große Berliner Missionsgesellschaft abgegeben worden, deren im Innern gelegene Arbeitsfelder in Dar-es-Salam ihren Hafenort hatten. Es schien, als wenn wir in Bethel auf die sorgsame Bearbeitung des Usambara-Gebietes beschränkt bleiben sollten. Nun aber war der Usambara-Missionar Röhl auf einer Instruktionsreise durch Südafrika mit einem Goldsucher bekannt geworden, der ganz unbekannte zentralafrikanische Gebiete bereist hatte und Röhl auf die starken Völkerschaften hinwies, die, vom Mohammedanismus noch unberührt, jene Gebiete bewohnten.

Jahr und Tag hatten diese Worte in Röhls Seele geschlummert, bis ihm das Buch des Forschers Kandt in die Hände fiel, in dem dieser unter dem Titel „Caput Nili” seine Forschungsreisen zur Entdeckung der Nilquellen beschrieben hatte. Dieses Buch und jene Worte des südafrikanischen Goldsuchers bestimmten die Konferenz der Usambara-Missionare, den heimischen Vorstand zu bitten, einen Vorstoß in jene unbekannten Gebiete unternehmen zu dürfen.

Mit größtem Interesse las Vater das geistvolle Buch Kandts. Hier taten sich in der Tat neue große Ausblicke für die evangelische Missionsarbeit auf. Und alsbald ging die freudige Zustimmung nach Usambara hinüber: Vorwärts nach Ruanda!

Vater hat dann noch die hoffnungsvollen Anfänge in diesem wunderbaren Land der zentralafrikanischen Riesen und Zwerge erlebt. Bis über die Quellgebirge des Nil hinaus konnte die Arbeit ausgedehnt werden.

Auf der Insel Ijwi im Kiwusee, in dem sich die Berge des Kongo und des Nil spiegeln, wurde das Kreuz errichtet zumZeichen, daß diese Insel, auf die Vater mit besonderem Nachdruck hinwies, mit ihrer starken, eigenartigen Bevölkerung die lebendige Brücke bilden sollte zwischen den Völkern des Nil und des Kongo. Neue Arbeitskräfte stellten sich ein. Theologen, Handwerker, Landwirte, Kaufleute und vor allem die, die überall mit mütterlichem Sinn im Kindheitszustand des einzelnen Menschen wie der Völker die tiefsten Wirkungen ausüben: Frauen, verheiratete und unverheiratete.

Die Erfahrungen, die in Usambara gesammelt waren, konnten jetzt auf dem neuen Gebiet ausgenutzt werden und fanden in der Person Johanssens, der vor dem Aufbruch nach Ruanda die Leitung der Usambara-Mission in die treu bewährten Hände seines Freundes und Schwagers Wohlrab legen konnte, ihren Brenn- und Mittelpunkt. Die schwarzen Gemeinden in Usambara sandten ihre besten Glieder zur Mitarbeit, das Mutterhaus Sarepta, in Verbindung mit der Frauenschule in Freienwalde, half die freiwilligen Frauenkräfte ausbilden, das Brüderhaus Nazareth die Handwerker und Landwirte. Durch die Verbindung mit dem Baseler Missionshaus und seinen kaufmännischen Unternehmungen traten auch Kaufleute in die Arbeit ein, um dem indischen und mohammedanischen Handel mit seinen verderblichen Wirkungen zuvorzukommen, und das erste Krankenhaus, von einem ausgebildeten Arzt geleitet, war in Vorbereitung.

So schickten sich alle Kräfte der Zionsgemeinde an, in vereinigtem Zusammenwirken untereinander und mit den Christengemeinden in Usambara im Herzen Afrikas das große Millionenvolk Ruandas zu erfassen. Gerade der Weg, den Vater von Anfang an eingeschlagen hatte, Kräfte auszusenden, die in ihrem Fach so gründlich wie nur möglich ausgebildet waren, verbürgte eine den Frieden der Mitarbeiter sichernde Arbeitsteilung und damit den tiefgegründetsten Erfolg: Theologen mit vollem wissenschaftlichem Rüstzeug für die allseitige Erforschung und Durchdringung des Volkslebens, Handwerker, die ihre ganze Kraft ihrem Berufe widmen wollten, ebenso Landwirte, Kaufleute und Ärzte, jeder mit freiem Raum zur Entfaltung seiner Gaben und Kräfte auf seinem besonderen Gebiet, und dazwischen eingestreut in Haushalt, Schule und unter den Kranken die durch stillen Dienst herrschende Frau. Dieser Weg wurde immer fester ausgebaut, immer fröhlicher beschritten, immerdankbarer zurückgelegt. Er wird auch, sobald uns Gott eine Rückkehr schenkt, aufs neue klar ins Auge zu fassen sein.

Übrigens war es nicht so, daß Vater durch die besonderen Aufgaben, die Afrika stellte, den Blick der Zionsgemeinde und ihrer Mitarbeiter auf dies eine Missionsfeld beschränkte. Im Jahre 1905 lernte er im Berliner St. Michael-Hospiz in der Wilhelmstraße den Kandidaten Wilhelm Gundert kennen, einen Menschen von ungewöhnlicher innerer Glut und Hingabe, der sich entschlossen hatte, auf eigene Faust als Missionar nach Japan zu gehen. Vater riet ihm dringend, nicht ohne festen Rückhalt, wenn nicht an einer Gesellschaft, so doch an einer Gemeinde, den Schritt in die Heidenwelt zu tun. Gundert folgte Vaters Einladung nach Bethel, arbeitete dort eine Zeitlang mit und wurde von Vater in der Zionskirche für den Dienst in Japan abgeordnet und von der Zionsgemeinde für die ersten Anfänge in Japan auch mit Geldmitteln ausgestattet. Zu einer engeren Verbindung kam es nicht. Doch blieb die einsame Gestalt Gunderts auf fernem Vorposten im Osten für Vater und die ganze Gemeinde wie der ausgestreckte Arm eines Wegweisers zu neuen Aufgaben und Zielen, die der deutschen Christenheit gesteckt sind.

(Der Afrika-Verein.)

Als die Greuel des Sklavenhandels bekannt wurden, der ganz Afrika mit endgültiger Vernichtung bedrohte, war es der Kardinal Lavigerie gewesen, der im Jahre 1889 die Augen der römisch-katholischen Welt auf dieses dunkle Gebiet gelenkt und zur Abhilfe gerufen hatte. Er hatte eine Afrika-Liga ins Leben gerufen, die, mit dem Sitz in Algier, die römisch-katholische Christenheit aller europäischen Völker zum Dienste Afrikas vereinigen sollte, in der richtigen Erkenntnis, daß es nicht genüge, wenn die europäischen Weltmächte den Sklavenhandel auf dem Wege der Gewalt unterdrückten, sondern daß es vor allem darauf ankäme, die blutende Wunde Afrikas zu heilen. Aus dieser Liga ging der Orden der weißen Väter hervor, dessen Boten und Botinnen ganz Zentralafrika vom Indischen bis zum Atlantischen Ozean mit Stätten der Barmherzigkeit durchdringen sollten.

Und die evangelische Christenheit? Sie war, was ihre Arbeit in Afrika betraf, in viele einzelne kleine Missionsgesellschaften zersplittert. Würden sie in diesen Fragen Stoßkraft genug besitzen, in schneller und wirksamer Weise die Wunden zu verbinden, die der Sklavenhandel geschlagen hatte, und in die Gegenden, wo nur noch Völkertrümmer saßen, neue Entwicklungsmöglichkeiten zu tragen?

Nun erschien bei Vater eines Tages, es war im Januar 1892, unvermutet ein Fräulein Sutter. Sie war die Tochter eines deutschen von Basel nach Indien entsandten Missionars. Dort war sie geboren. Ihr Lebensweg führte sie nach Deutschland und später nach England. Ein treues deutsches Herz war bei ihr vereinigt mit einem starken Verständnis für die Schwäche nicht nur, sondern auch für die Stärke Englands. Sie hatte die Schriften des bekannten Naturforschers Drummond ins Deutsche übersetzt, darunter die geistvolle Beschreibung seiner Forschungstätigkeit in Inner-Afrika, der er auf Fräulein Sutters Wunsch für die deutschen Leser noch ein besonderes Kapitel über die afrikanischen Sklavengreuel beifügte. Sie war eine glühende Verehrerin Gordons, des Helden von Chartum, dessen Lebensbild sie in fesselnder Darstellung gezeichnet hatte. Das zog Vater an, denn auch er hatte die Tätigkeit Gordons im Sudan mit tiefster Anteilnahme begleitet und an der Hand einer Spezialkarte, die er sich eigens zu dem Zweck verschaffte, den Marsch der Entsatztruppen auf Chartum mit hoher Spannung verfolgt und fast wie um einen Freund geklagt, als der Entsatz drei Tage zu spät kam und der edle Mann sein Leben lassen mußte.

Nun stellte es sich heraus, daß Fräulein Sutter die katholische Afrika-Liga genau studiert hatte und dafür brannte, daß die evangelische Christenheit doch nicht zurückstehen, sondern in ähnlich großzügiger Weise auch an ihrem Teile bei der Rettung der Negerstämme mithelfen möchte. Sie hatte eine ergreifende Flugschrift über den Sklavenhandel verfaßt, die in Hunderttausenden von Exemplaren durch Deutschland ging. In Berlin hatte sie die führenden Kreise aufgesucht und überall Verständnis für ihre Absicht gefunden, aber niemand, der die Bereitwilligkeit der Gedanken und Gefühle zu einer gemeinsamen Tat sammelte. So war sie nach Bethel gekommen. Die außergewöhnliche Glut, die in ihr für alles Vergessene, Verachtete, Verstoßene lebte, tat Vater ungemein wohl. In dieserkinderlosen, einsam ihres Weges ziehenden Frauengestalt spürte er den Pulsschlag eines im höchsten Sinne mütterlichen Herzens, das für Millionen von armen versinkenden schwarzen Menschenkindern Raum hatte.

Nie hatte Vater den Eindruck, daß er selbst genug getan hätte, daß in Bethel genug geschähe, daß man überhaupt jemals genug tun könnte. Ja, alles, was die Christenheit tat, erschien ihm nur wie ein einziger kleiner kühlender Tropfen auf die weite fieberheiße Leidensstirn der Menschheit. So nahm er die Spuren auf, die Fräulein Sutter in Berlin hinterlassen hatte, und es entstand, mit dem Sitz in Berlin und unter einem dortigen Präsidium, der evangelische Afrika-Verein.

Kulturelle, soziale, humanitäre Pflege der Eingeborenen in allen deutschen afrikanischen Kolonien war das Ziel des Vereins. Alle evangelischen Kräfte, die an der Entwicklung Afrikas interessiert waren, auch die, die der eigentlichen Evangelisations- und Missionsaufgabe fernstanden, sollte er in sich vereinigen. Kulturstationen sollten in Afrika gegründet, in der Heimat geeignete Kräfte für die Hebung und Förderung der Eingeborenen herangebildet, zunächst aber in erster Linie für die befreiten und zu befreienden Sklaven gesorgt werden.

Das Blatt „Afrika” sollte alle diese Aufgaben vor der Öffentlichkeit vertreten. Pastor Müller, Grottendorf, später Superintendent in Schleusingen, der schon als Kandidat in Bethel seine große Hingabe bewährt hatte, übernahm mit höchstem Fleiß die Herausgabe des Blattes. Namentlich mit der Bekämpfung der Schnapseinfuhr in die Kolonien setzte das Blatt sofort mit größter Energie ein.

Es kam auch, wenn ich mich recht besinne, schon bald zu einer selbständigen kleinen Expedition nach der Insel Ukerewe im Viktoria-Nyanza zwecks Gründung einer dortigen Kulturstation, auf der die Eingeborenen zur Anlegung eigener Baumwollkulturen herangebildet werden sollten; und in der Heimat wurde die Anregung gegeben, die zur Aufrichtung der Kolonialschule in Witzenhausen führte.

Das kräftigste Reis aber ging aus der Arbeit des Vereins an den befreiten Sklaven hervor. Die arabischen Sklavenhändler pflegten ihre Menschenware in kleinen offenen Segelbooten von den ostafrikanischen Küstenplätzen aus zu verschiffen. Auf diese Boote wurde seitens der deutschen Küstenfahrzeuge Jagdgemacht, ihre Inhaber wurden kurzerhand gehängt und die Sklaven in Freiheit gesetzt. Aber nur ein Teil von ihnen konnte bei den vielfach ungeheuren Entfernungen an eine Rückkehr in die Heimat denken, und die evangelischen und katholischen Missionsstationen wurden gebeten, sie in Pflege zu nehmen. So kam eine große Schar befreiter Sklaven auf unsere Station in Tanga und in die Obhut einer Diakonisse und eines Diakonen. Der Aufenthalt in dem verführungsreichen, ungesunden Küstenplatz erwies sich aber je länger je mehr als durchaus ungeeignet. So empfahl Vater dem inzwischen ins Leben getretenen Afrika-Verein die Gründung einer besonderen Freistätte für befreite Sklaven auf den gesunden Höhen von Usambara. In unvergleichlich schöner Lage am Rande des Urwaldes, von starken Gebirgsbächen umrauscht, mit freiem Blick in das grüne Tal des Pangani und in die weite Tiefebene wurde die Station Lutindi gegründet.

Erwies es sich auch, daß das Gelände für eine Ausdehnung der Station zu abschüssig war und daß die Nähe des Urwaldes zu gewissen Jahreszeiten immer wieder die kalten Morgennebel festhielt, so zeigte es sich doch, daß auch in einem geringen Gefäß edler Wein geborgen werden kann. Jahrelang haben hier die befreiten Sklaven, namentlich die Kinder, ihre Heimat gefunden, bis dem Sklavenhandel endgültig das Handwerk gelegt war, die Kinder selbst herangewachsen, in ihre Heimat zurückgekehrt oder in der umwohnenden Bevölkerung aufgegangen waren. Einige waren Christen geworden und hatten sich zu den Füßen des Lutindi-Hügels angesiedelt. Und gerade für diese hatte sich, noch ehe die Arbeit an den Sklavenkindern zu Ende ging, eine Aufgabe von eigenartiger Schönheit und Bedeutung gefunden:

Im Urwald von Lutindi hauste ein schwarzer Geisteskranker ganz für sich allein. Er nährte sich von den Früchten und Wurzeln des Waldes, schlief in irgend einer zerfallenden Hütte und war nur noch mit Fetzen bekleidet. Von Zeit zu Zeit wagte er sich hervor, kehrte für einige Augenblicke in Lutindi ein, aß sich satt, ließ sich ein Stück Stoff zur Kleidung schenken und war dann wieder verschwunden. Als er wieder einmal erschien, war gerade die Mittagsmahlzeit gerichtet. Auch für Bruder Bokermann, den Leiter der Station, stand das Essen bereit, und es gab sich, daß er aus seiner eigenen Schüssel demverstörten Menschen seine Mahlzeit aufschüttete. Das wandelte dem armen Kranken das Herz um. Wider Erwarten verschwand er diesmal nicht, sondern blieb. Bokermann berichtete darüber an Vater und schilderte zugleich das Elend vieler anderer armer Geisteskranker, die teils das Opfer furchtbarer, qualvoller Geisterbeschwörungen wurden, teils auch gefesselt an den Felsenhang jenseits des Lutindi-Urwaldes geschleppt und dort in die Tiefe gestürzt wurden. „Darf ich diese Geisteskranken sammeln und aufnehmen?” fragte Bokermann. Es braucht nicht gesagt zu werden, wie die Antwort lautete.

So wurde aus der Heimstätte für befreite Sklaven eine Heimstätte für diese Gebundenen des Geistes und ist es bis heute geblieben. In immer steigendem Maße hat sie sich das Vertrauen aller umliegenden Stämme erworben. Oft Tagereisen weit werden die Kranken gebracht, manchmal noch mit Fesseln aus Lianen gebunden, aber doch nicht mehr, um sie dem Tode auszuliefern, sondern in der Hoffnung, sie einmal genesen wiederzubekommen. Aus den befreiten Sklaven und ihren Frauen sind einige der bewährtesten und treuesten Pfleger und Pflegerinnen geworden, die furchtlos sich in die kleinen Zellen der armen Tobenden hineinwagen und sie mit der Ruhe und Gelassenheit versorgen, in der sie vielfach uns unruhige Europäer übertreffen.

Gleichzeitig hat sich rings um die Station her in kleineren und größeren Niederlassungen eine Christengemeinde aus den Waschambalas gesammelt, die wie eine warme, schützende Mauer die Pflegestätte der Geisteskranken umgibt.

Diese Heimat der Geisteskranken ist begreiflicherweise ein besonders geliebtes Pflegekind der Gemeinde der Kranken von Bethel und ihrer Pfleger und Pflegerinnen geworden. Als der Oberpfleger Lutindis aber steht in unserer Mitte der, dem Vater diese Arbeit besonders ans Herz gelegt hat, unser lieber Bruder zur Heiden. Schon als Hausvater des Hauses Zoar, wo er manchen Kandidaten in den Dienst an den blöden Knaben einführte, hatte er die Fürsorge für Lutindi als Nebenaufgabe übernommen. Und als „Fürst von Zoar”, wie er nach der alttestamentlichen Geschichte von seinen Kandidaten genannt wurde, waltet er noch immer seines Pflegeamtes an Lutindi; der einzige der deutschen Fürsten, wie er selbst feststellte, an den kein Umsturz sich bis jetzt heranwagte.

Wenn auch die hohen Hoffnungen des Afrika-Vereins mit seinen ganz Zentral-Afrika umspannenden Kulturplänen zunächst unerfüllt blieben: in Lutindi ist Saat für die Zukunft ausgestreut. Denn hier ist ein Vorbild geschaffen, wie unter Führung eines Unstudierten, der aber Herz und Kopf auf dem rechten Fleck hat, und seiner gleichgesinnten tapferen Frau ein Brennpunkt entstehen kann, der das Licht und die Kraft barmherziger Liebe bis in weite Fernen trägt. Wenn es der Bethel-Gemeinde vergönnt war, bald da, bald dort ein Licht im dunkeln Afrika anzuzünden, so habe ich während der unvergeßlichen Zeit afrikanischer Arbeit keinen Ort gefunden, der so sehr an die Muttergemeinde in Bethel erinnerte, als — wie Vater sie so gern nannte — „die herrliche Höhe Lutindi”.

Die Aufgaben, die sich auf Vaters Schultern legten, sah er nie an als bloß ihm persönlich, sondern als der ganzen Gemeinde gegeben. Er konnte und wollte seine Arbeit nicht tun ohne ihre innere Zustimmung und Mithilfe. Darum blieb die Gemeinde immer der Kern seiner Tätigkeit, und die Verkündigung und Pflege der göttlichen Wahrheit in der Gesamtheit und an den einzelnen hat er für sich und seine Mitarbeiter immer als den eigentlichen Mittelpunkt angesehen.

In Paris schrieb er seine Predigten noch auf. Aber oft konnte er kaum entziffern, was er selbst geschrieben hatte. So machte er sich, wie wir sahen, schon in Dellwig frei von seinem Konzept. Und vollends in Bethel ließ ihn das Gedränge seiner Arbeit selten vor dem Sonnabendnachmittag an seine Predigt kommen. Von Anfang an hatte er nicht gut am Studiertisch nachdenken können. In Dellwig war er am liebsten in den Wald und die einsamen Weiden längs des Ruhrtals gegangen; in Bethel wurde der Friedhof oben im Walde sein stiller Zufluchtsort, wohin er sich mit seinem Text zurückzog. Dort zwischen den Gräbern standen die Entschlafenen im Geiste um ihn und wurden ihm zu Auslegern und Zeugen für das, was er der Gemeinde bringen wollte. So trug ihm die Gemeinde der Vollendeten das zu, was er der Gemeinde der Streitenden zu sagen hatte. Nur selten nahm er andere Ausleger oder Predigten zur Hand; wenn es doch vorkam, am liebsten Bengel, Rieger und Löhe.

Je näher die Stunde der Predigt kam, je ernster wurde er, je gebeugter wurde seine Gestalt. Die Last der Verantwortung legte sich auf ihn. „Gib mir ein Tröpflein für meine arme Gemeinde!” hörte man ihn wohl seufzen. So war es nichts Erdachtes, was er brachte, sondern Erlebtes, Erkämpftes, Erbetenes, oft aus tiefster Armut heraus Erbetteltes. Aber wenner dann auf der Kanzel stand, dann merkte man nichts mehr von den Kämpfen, die hinter ihm lagen. Dann war es wie frischester, perlender Tau, der aus den ewigen Höhen kommt. Ein Kandidat der Theologie, voll Zweifel und Zerrissenheit im Herzen, saß zum ersten Male in der Zionskirche, als Vater auf die Kanzel trat und den Gruß in die Gemeinde hinunterrief: „Gnade sei mit euch und Friede!” Es sei ihm, erzählte er später, durch Mark und Bein gegangen, hätte ihn um und um geworfen und von Stund an seinem Leben die klare entscheidende Richtung gegeben. Denn mit zwingender Gewalt habe er hier gespürt, das sei erfahrene Gnade, erlebter Friede, die auch für ihn erfahrbar und erlebbar seien.

Die Predigt, die auf solchen Gruß folgte, konnte darum auch nur auf Tatsachen sich gründen. Nicht wie ein Luftgebilde trat sie vor die Gemeinde, sondern sie ruhte von Anfang bis zu Ende auf Geschehenem. Wenn ich nicht irre, ist es Professor Kähler gewesen, der einmal sagte: „Die beste Art der Evangeliumsverkündigung ist nach Gesichtspunkten geordnete Erzählung.” So war es bei Vaters Predigt. Schon das Thema wurde am liebsten in Form einer Geschichte geboten und die Teile mit Geschichten gefüllt; vor allem mit Geschichten der Bibel und eigenen Erlebnissen. Vor unsern Augen wiederholten sich diese Geschichten. Aber Abraham, Joseph, Moses, David waren keine Menschen der Vergangenheit, sondern Menschen von heute. Die Jahrtausende, die uns von ihnen trennten, schrumpften zusammen; Vergangenheit und Gegenwart flossen ineinander. Vor allem bei den Geschichten des Herrn. Wir zogen mit den Weisen; wir knieten an der Krippe; wir saßen mit im Boot auf dem stürmenden See; wir lagerten im Grase mit den Tausenden, und die Jünger teilten Brot und Fische unter uns aus; wir sahen Jairi Töchterlein vor uns die Augen aufschlagen; wir standen mit verhaltenem Atem unter dem Kreuz und von Trauer und Hoffnung hin- und hergerissen vor dem leeren Grabe.

So wurden angesichts der Großtaten Gottes die eigenen Sorgen, Wünsche, Erlebnisse und Zweifel klein. „Was ich besitze, seh’ ich wie im Weiten, und was entschwand, wird mir zu Wirklichkeiten.” Die Person des Heilandes, alle Welten, alle Zeiten überragend, stand unmittelbar vor uns, den Ernst und die Güte Gottes auf der Stirn, Segen und Frieden in seiner Hand und auf seinen Lippen. So kam der Glaube zustande,nicht durch Überredung, sondern durch den Anblick der Wirklichkeit. Und in diesem Menschen, der auf der Kanzel stand, trat er selbst, der Herr, vor uns hin, weckte das Vertrauen, das sich ihm ganz hingab, und den Gehorsam, der zur entschlossenen Nachfolge willig wurde, und die Buße, die mit Petrus sprach: „Herr, gehe von mir hinaus; denn ich bin ein sündiger Mensch!”

Zu dem Herrn aber, der zum Vertrauen, Gehorsam und zur Buße lockte und reizte, trat dann die Wolke von Zeugen, die uns ermunterte, solchem Locken und Reizen nicht zu widerstehen, sondern dem Fürsten des Lebens uns aus ganzer Macht zu überlassen. Dann sandten die Gräber, zwischen denen Vater am Abend vorher gestanden hatte, ihre Boten in unsere Mitte: Heinrich Hudel kam und der alte Heermann, Pastor Stürmer und der treue Mellin, und die Brüder und Schwestern, die den Weg des Glaubens gegangen waren durchs Leben und durch den Tod. Und die Apostel und Märtyrer mischten sich hinein und die Erstlinge von den Bergen Usambaras, und Kiase, der Aussätzige, rief: „Hört es, Leute, Leute! Kein Leid mehr, keine Schmerzen mehr, kein Sterben mehr; hört es, Leute, Leute!”

So war es der Glaube, der uns gepredigt wurde, aber gepredigt von einer Liebe, die sich auch zu dem Schwächsten herunterließ und sich auch dem müdesten Kopf verständlich machte. Denn diese aus der Schrift und dem Leben geschöpften Geschichten konnte jeder verstehen; hiervon konnte jedermann etwas mitnehmen nach Hause. Und wenn die Geschichten selbst dem wirren, kranken Gehirn vielleicht auch schnell wieder entschwunden waren, der Glanz der großen, herrlichen Wirklichkeit, der über ihnen lag, ging mit in die Woche hinein.

Aber weil es Geschichte war, erhabenste Geschichte, weltbewegende Ereignisse, Erlebnisse, die über alles andere Erleben hinausgingen, darum brauchte auch der Gesundeste, Klügste, Nachdenksamste unter uns nicht leer auszugehen, sondern sah sich zu eigenem Nachdenken geweckt, zur eigenen Ausgestaltung dessen, was er gehört hatte, angeregt. Alle aber waren vereinigt in dem einen Lebensstrom, worin, wie Luther sagt, der Elefant schwimmt und das Lamm plätschert. Nicht hier und da ein einzelner war es, zu dem er sprach, sondern die ganze Zuhörerschaft. So wurden wir zur Gemeinde zusammengefaßt.

Und eben ein Sprechen war es, keine Rede. Wäre es eineRede gewesen, so wären uns die 40, ja 50 Minuten, die Vater auf der Kanzel stand, zu lang geworden. Aber weil es ein Gespräch war, wo Frage und Antwort wechselten, darum ließen wir ihm gern lange Zeit. Er sprach mit allen, mit denen, die körperlich vor ihm saßen, und mit den andern, die im Geiste versammelt waren. „Paulus, Paulus,” konnte er wohl fragen, „was sagst du? Ich sterbe täglich? Ich verstehe dich nicht, wie meinst du das?” Und dann fragte er wieder in die Gemeinde hinein: „Kann es von euch mir wohl einer sagen, wie Paulus das eigentlich meint?” Und wenn die Antwort noch auf sich warten ließ, dann ging er zu Luther hinüber und fragte den, bis es eins von den Epileptischen aus dem Munde Luthers mit deutlicher Stimme durch die ganze Kirche hin sagte: „Es bedeutet, daß der alte Adam in uns durch tägliche Reue und Buße soll ersäuft werden und sterben mit allen Sünden und bösen Lüsten und wiederum täglich herauskommen und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinigkeit vor Gott ewiglich lebe.”


Back to IndexNext