The Project Gutenberg eBook ofFriedrich v. Bodelschwingh: Ein Lebensbild

The Project Gutenberg eBook ofFriedrich v. Bodelschwingh: Ein LebensbildThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Friedrich v. Bodelschwingh: Ein LebensbildAuthor: Gustav von BodelschwinghRelease date: October 4, 2014 [eBook #47038]Most recently updated: October 24, 2024Language: GermanCredits: Produced by Norbert H. Langkau and the Online DistributedProofreading Team at http://www.pgdp.net*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK FRIEDRICH V. BODELSCHWINGH: EIN LEBENSBILD ***

This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.

Title: Friedrich v. Bodelschwingh: Ein LebensbildAuthor: Gustav von BodelschwinghRelease date: October 4, 2014 [eBook #47038]Most recently updated: October 24, 2024Language: GermanCredits: Produced by Norbert H. Langkau and the Online DistributedProofreading Team at http://www.pgdp.net

Title: Friedrich v. Bodelschwingh: Ein Lebensbild

Author: Gustav von Bodelschwingh

Author: Gustav von Bodelschwingh

Release date: October 4, 2014 [eBook #47038]Most recently updated: October 24, 2024

Language: German

Credits: Produced by Norbert H. Langkau and the Online DistributedProofreading Team at http://www.pgdp.net

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK FRIEDRICH V. BODELSCHWINGH: EIN LEBENSBILD ***

Ein Lebensbild

von

G. v. Bodelschwingh.

Durchgesehene Auflage.

Nicht im Buchhandel zu haben.Zu beziehen nur vom Pfennigverein der Anstalt BethelBethel bei Bielefeld.

Alle Rechte, insbesondere dasÜbersetzungsrecht, vorbehalten.

Für die Vereinigten Staatenvon Nordamerika: Copyright1922 by Verlag des Pfennigvereinsder Anstalt Bethelbei Bielefeld.

I.1831–1872.SeiteI.Voreltern und Eltern5II.Die Jugendzeita)Coblenz12b)Berlin17c)In der westfälischen Heimat29III.Die Ausbildunga)Als Eleve im Oderbruch33b)Als Soldat in Berlin39c)Als Landwirt in Pommern44d)Als Student1. in Basel672. in Erlangen833. in Berlin89e)Als Kandidat91IV.Im Amta)Paris100b)Dellwig124II.1872–1910Bethel.I.Die übernommene Arbeit und ihre Entwicklunga)Die neue Heimat157b)Das Mutterhaus162c)Die Epileptischen172d)Die Brüder184e)Die übrigen Mitarbeiter1. Unsere Mutter1892. Mutter Emilie und Schwester Lottchen1943. Wilhelm Heermann2024. Pastor Stürmer2055. Otto Mellin2106. Die Ärzte213f)Der Anstaltsvorstand217g)Wachstum nach außen222II.Neue Aufgabena)Die Arbeiterkolonie Wilhelmsdorf226b)Der Bau der Zionskirche238c)Arbeiterheim244d)Das Kandidatenkonvikt255e)Afrika261f)Lutindi276III.Die Ausgestaltunga)Als Pastor der Gemeinde282b)Frühlingszeit292c)Gebet, so wird euch gegeben311d)Ruhezeiten325e)Kaiser Friedrich335f)Amrum338g)Metz, Hunsrück und Ems349h)Tante Frieda351IV.Herbstfrüchtea)Die theologische Woche356b)Freistatt362c)Die Theologische Schule369d)Gastein381e)Als Abgeordneter in Berlin383f)Das Wanderarbeitsstättengesetz392g)Hoffnungstal396V.Das letzte Lebensjahr409

Während der sommerlichen Ferienzeiten, die wir Geschwister vom Jahre 1883 ab mit unseren Eltern an irgend einem stillen Erholungsort zubrachten, pflegte uns unser Vater Erinnerungen aus seinem Leben zu diktieren. Sie umfassen die ersten vierzig Jahre seines Lebens und reichen bis zu seinem Eintritt in die Arbeit in Bethel. Für die Darstellung der Zeit von 1831–1872 boten mir diese Erinnerungen, die der Raumersparnis wegen nicht ganz gebracht werden konnten, wesentlichen Anhalt. Sie erschienen vollständig in der Monatsschrift „Beth-El”, Jahrgang 1909, 1912–14 und 1918/19. (Verlag des Pfennigvereins der Anstalt Bethel bei Bielefeld.) Da, wo diese Erinnerungen im Text wörtlich angeführt sind, sind sie durch Anführungsstriche gekennzeichnet.

Die Heimat der Familie v. Bodelschwingh liegt zwischen Ruhr und Lippe im Herzen des westfälischen Industriebezirks, wo heute die rauchenden Schornsteine den Tag dunkel machen und die grellen Feuergarben der Hochöfen die Nacht erhellen. Wer jetzt mit dem eilenden Zuge jenes Gebiet durchreist, der ahnt kaum, daß mitten in dieser lärmenden, flammenden Welt noch manche stille Zeugen der alten Zeit stehen. Zu diesen Zeugen gehört auch die ehrwürdige Wasserburg, die zwei Stunden westlich von Dortmund am Ausgange einer kurzen, engen Waldschlucht sich aus breitem Wassergraben erhebt. Das ist Haus Bodelschwingh, dessen Name um die Wende des 12. und 13. Jahrhunderts zum erstenmal in alten Urkunden auftaucht.

Eine märkische Familie Speeke, die hier wohnte, nimmt um diese Zeit nach ihrem Wohnsitz den Namen Bolschwich, später Bolschwingh und Bodelschwingh an. Unter der alten Fehmlinde zu Dortmund, die erst vor wenigen Jahren dem Bau des neuen Bahnhofes weichen mußte, sollen Herren aus dem Hause Bodelschwingh forterbend das Gericht der heiligen Fehme geübt haben. Aber gewiß ist das nicht. Die spärlichen Urkunden melden nur, daß ein Sohn des Hauses Bodelschwingh im Dienst des deutschen Ordens ostwärts zog, um sich und seinen Nachkommen im Baltenlande eine neue Heimat zu gewinnen. Ein anderer fiel im Kampf gegen die Türken und liegt in Ungarn begraben. Im Dom zu Mainz findet sich das Grabmal eines Wennemar v. Bodelschwingh mit der Jahreszahl 1543, der nach den alten Berichten des Domkapitels seinem fürstlichen Bischof ein treuer Ratgeber gewesen sein muß, und um diegleiche Zeit meldet das Kirchenbuch der Stadt Elberfeld, daß Friederike v. Bodelschwingh um ihres evangelischen Bekenntnisses willen mancherlei Ungemach zu leiden hatte.

Ein Sohn aus dem Hause Bodelschwingh heiratete im Jahre 1633 Felicitas v. Oeynhausen, die wegen ihrer Herzensgüte bei arm und reich hochgeschätzte Erbin des zwischen Dortmund und Hamm gelegenen Gutes Velmede. Aus diesem Hause Bodelschwingh-Velmede stammt Ernst v. Bodelschwingh, der Vater des späteren Pastor Friedrich v. Bodelschwingh.

Ernst v. Bodelschwingh, geb. 1795, hatte nach seiner Schulzeit die nassauische Forstakademie in Dillenburg besucht und war dann im Herbst 1812 zum Studium der Rechtswissenschaften nach Berlin gegangen. Hier traf ihn im Frühjahr 1813 der Aufruf des Königs Friedrich WilhelmIII. „An mein Volk”. Wenn er sich zu den preußischen Fahnen meldete, so war damit der elterliche Besitz in dem damals unter französischer Herrschaft stehenden Westfalen bedroht, und ein Freund warnte ihn, daß er sich nicht leichtsinnig um sein Erbe bringe. „Aber”, rief Bodelschwingh aus, „was ist eine Handvoll Erde gegen mein Vaterland!” und eilte, kaum siebzehn Jahre alt, nach Breslau. Um aber Eltern und Besitz möglichst zu schützen, ließ er sich unter falschem Namen in die Liste der freiwilligen Jäger eintragen.

Er kämpfte in den Schlachten von Groß-Görschen, Bautzen und an der Katzbach und war bei Leipzig in dem besonders blutigen Ringen des Yorckschen Korps um das Dorf Möckern. Bei der Verfolgung der zurückflutenden französischen Armee kam es hinter Freiburg auf den Höhen über dem Unstruttale zum Gefecht, und hier erhielt der junge Jägerleutnant, hart über dem Herzen, einen Schuß durch die Lunge. Er hatte am Tage dem bedrängten Stadtschreiber des Städtchens Lauchstädt beim Ausschreiben der Quartierzettel geholfen, und dieser kleine Dienst rettete ihm das Leben. Denn als der Transport der Verwundeten Lauchstädt passierte, holten der Stadtschreiber und seine Frau den todesmatten jungen Leutnant, der den Transport bis Halle an der Saale nicht überstanden haben würde, in ihr Haus. Das Bett war zu kurz für den fast sechs Fuß langen Kranken. So bekam er sein Strohlager an der Erde, und sein treuer Bursche Schneeberg — wie oft hat das später der Sohn des Verwundeten den Pflegern und Pflegerinnen seiner Kranken erzählt! — bettete sich zu den Füßen seines Herrn und sagte:„Herr Leutnant, wenn Sie etwas wünschen, dann treten Sie nur.” Denn zum Sprechen war der Kranke zunächst zu schwach.

Die Wunde des jungen Leutnants schloß sich nur langsam, und die alte Frische wollte nicht wiederkehren. Die Eltern, die nach langem, bangem Warten endlich die Nachricht des Stadtschreibers erhielten, machten sich auf den Weg, um ihren Sohn zu holen. Im Angesichte der Stadt eilte die Mutter dem Wagen voraus und trat unverhofft in die Stube, wo ihr blasser Sohn in die Kissen gelehnt auf dem Stuhle saß. Die übergroße Freude ließ das Blut des Kranken aufwallen, sodaß sich die Wunde aufs neue öffnete. Aber gerade das war der Anfang der Genesung. Denn aus einem verborgenen Eiterherd kamen Reste der Uniform zum Vorschein, die bisher die Heilung gehindert hatten.

Freilich blieben die Kräfte noch lange geschwächt. Als 1815 der Krieg mit Napoleon abermals ausbrach, verweigerten darum die Eltern ihrem Sohn, sich bei der Truppe zu stellen. Da machte er sich zu Fuß von Göttingen, wo er studierte, querfeldein auf den Weg nach Velmede, seiner Heimat. „Mutter, ich kann wieder marschieren,” so trat er ins Zimmer und erkämpfte sich die Erlaubnis der Eltern.

An dem Tage, wo er von Unna aus zur Armee aufbrach, erlitt dicht vor Unna das Gefährt zweier junger Mädchen, der beiden Schwestern von Diest, die denselben Weg zum Rhein reisen wollten, einen Unfall. Die Pferde hatten gescheut, der Kutscher war schwer verwundet, und so blieb den beiden nichts anderes übrig, als zur Weiterreise den Postwagen zu nehmen. Das war derselbe Weg und derselbe Wagen, den auch der junge Leutnant v. Bodelschwingh benutzen mußte, um die Truppe zu erreichen. So lernte Ernst v. Bodelschwingh in einer der beiden Schwestern seine spätere Lebensgefährtin, Charlotte v. Diest, kennen, und durch diesen Unglücksfall wurde der Grund gelegt zu einer Ehe, durch die ein Strom von Glück über ungezählte Unglückliche kommen sollte.

So spärlich die Nachrichten über die Bodelschwinghs fließen, so reich sind sie andrerseits über die Familie v. Diest. Über Ort und Gau der im Jahre 838 zum ersten Male erwähnten deutsch-niederländischen Stadt Diest erwarb Otto v. Diest im Jahre 1090 das Herrschaftsrecht und wurde zum Stammvater eines Hauses, dem die Herzöge von Brabant und Flandern und manche andere alte und berühmte niederländische Geschlechterihre Töchter zu Frauen und ihre höchsten Ämter zur Verwaltung gaben. In Münster, Lübeck, Utrecht und Straßburg finden wir Bischöfe v. Diest; und Arnicus v. Diest, der in seiner Einsiedelei als „ein Freund Gottes”, aber auch als Freund der Tiere, Kinder und Kranken lebte, wurde um das Jahr 1200 heilig gesprochen.

Früh bekannte sich die Familie zum evangelischen Glauben. Johann v. Diest, Prediger zu Antwerpen, wurde 1571 von seinem Krankenbett zum Scheiterhaufen geführt, und sein Sohn wurde auf dem Heimwege von der Synode in Dordrecht 1583 aufgegriffen und in einem Sacke ertränkt. Schließlich konnten sich die Evangelischen der belgischen Niederlande nur noch durch die Flucht ihren Verfolgern entziehen; und so finden wir von jetzt ab die Familie v. Diest im kurbrandenburgischen Staatsdienst oder, wie einst auf den Bischofsstühlen, so jetzt auf evangelischen Kanzeln und Lehrstühlen der rheinischen Städte. Samuel v. Diest, Professor der Theologie und Philosophie an der Universität Duisburg, trat als ein entschlossener Kämpfer für den Frieden der in bitterem Streit liegenden Lutheraner und Reformierten hervor, „um gegenseitige Duldung und brüderliche Gesinnung herbeizuführen, welche vor allem auch bis zur Gemeinschaft des Wortes und Sakramentes gehen müßte”. Und doch blieb solche edle Weitherzigkeit bei den Diests frei von feigem Nachgeben. Denn als der preußische Resident v. Diest in Cöln im Jahre 1714 von den dortigen Studenten durch Gewalt an der Abhaltung evangelischer Versammlungen in seinem Hause verhindert werden sollte, wandte er sich an König Friedrich WilhelmI., der mit zähem Nachdruck sich hinter seinen Residenten stellte und Kur-Cöln zum Nachgeben zwang.

Eins der wenigen übriggebliebenen Glieder dieses alten Geschlechts war der Tribunals-Präsident Heinrich v. Diest, der erst in Cleve, dann in Burgsteinfurt gelebt hatte. Er und seine Frau aber waren vor und während der Freiheitskriege gestorben und hatten ihre Kinder in bescheidenen Verhältnissen zurückgelassen. Zu diesen Kindern gehörten auch jene beiden jungen Mädchen, Charlotte und Angelie v. Diest, mit denen Ernst v. Bodelschwingh in Unna zusammentraf und von denen die ältere später seine Frau wurde.

Nach seiner Rückkehr aus dem Feldzuge vollendete Ernst v. Bodelschwingh sein Studium und arbeitete als Referendarin Arnsberg, Berlin und Münster. Die Ferienzeiten aber führten ihn immer wieder zurück ins Elternhaus nach Velmede.

Nur anderthalb Stunden von dem väterlichen Gute entfernt lag Kappenberg, der Wohnsitz des vielleicht besten deutschen Mannes des ganzen Jahrhunderts, des Reichsfreiherrn vom Stein. Sein Auge fiel auf den jungen Referendarius, und Stein zog ihn in seine Nähe. So kam eine Freundschaft zustande, die bis zum Tode des Reichsfreiherrn anhielt und die für Leben und Amt Ernsts v. Bodelschwingh die größte Bedeutung gewann.

1822 wurde er zum Landrat des Kreises Tecklenburg ernannt. Das Landratsamt in dem Städtchen hatte keine geeignete Wohnung. Aber die Witwe des früheren Landrats, Frau v. Diepenbrock-Grueter, die dicht unterhalb der Stadt Tecklenburg in Haus Mark wohnte, bot einen Teil des Hauses zur Wohnung an. So konnte denn der Landrat sein „Lottchen”, wie er zeitlebens seine Frau nannte, heimführen. Die junge Landrätin war freilich ihrer Schwiegermutter keine willkommene Tochter. Die alte Frau v. Bodelschwingh stammte aus dem Hause Plettenberg, das einst dem deutschen Ritterorden in Hans v. Plettenberg einen seiner größten Ordensmeister gestellt hatte. Sie war bei kleinem, zartem Körper eine stolze und sehr willenskräftige Natur. Im Stillen hatte sie sich eine der Töchter des Freiherrn vom Stein an die Seite ihres ältesten Sohnes gewünscht. Darum blieb sie lange Zeit ihrem Sohne gram, obwohl er, wie sie selbst sagte, ihr niemals Kummer gemacht hatte. Namentlich aber mußte ihre Schwiegertochter viele Jahre hindurch unter schwerer Zurücksetzung leiden. Doch die junge Landrätin trug es still und gewann dadurch das Herz ihrer Schwiegermutter in einer Weise, daß die alternde Frau schließlich niemand lieber um sich hatte als ihr „Lottchen”. „Kinder, vergeßt es nie, was ihr für eine Mutter habt!” rief sie einmal ihren Enkeln zu. Und als es zum Sterben mit ihr ging, war es wiederum ihre Schwiegertochter, der sie ihr ganzes Herz ausschüttete, wie ein Beichtkind dem Beichtvater, und von der sie sich Trost und Stärkung holte für den letzten Gang.

Ihr Mann, der „Franzherr”, wie ihn seine Leute nannten, war ihr im Tode längst vorangegangen. Er war ein Mann von gewissenhafter Treue und größter Herzensgüte. Das Gut warzum Teil verpachtet, und der Pachtzins mußte jährlich in bar bezahlt werden. Ein Pächter, der in jenen schweren Zeiten die Summe nicht rechtzeitig hatte aufbringen können, kommt zum Gutsherrn, um ihn um Stundung zu bitten. Der weist ihn an seinen Rentmeister, dem die Einkassierung des Pachtgeldes oblag. Dieser aber bleibt hart. So kehrt der bedrängte Pächter zum Gutsherrn zurück und bittet ihn, ihm das Geld vorzustrecken, damit er es dem gestrengen Rentmeister zahlen könne. Der Franzherr gibt ihm das Geld, und der Pächter trägt es zum Rentmeister hinüber. Aber der findet unter der Summe ungängige Münzen und lehnt sie ab. Und noch einmal kommt der Pächter zu seinem Herrn, um sich die gewünschten Münzen einzutauschen und so mit dem Gelde seines eigenen Pachtherrn die Pacht zu bezahlen.

Die Landrätin in Tecklenburg, seine Schwiegertochter, hatte nach einer beängstigenden Nacht eines Morgens zu ihrem Mann gesagt: „Ich weiß nicht, warum ich so unruhig bin, ich glaube, unserm Vater geht es nicht gut.” Noch denselben Morgen kam ein reitender Bote mit der Nachricht, daß der Vater krank sei. Sofort warf sich der Landrat aufs Pferd. Aber als er Velmede erreichte und die Magd, die ihm begegnete, fragte: „Wie geht es dem Vater?” sagte sie nur: „Der ist eingegangen zu seines Herrn Freude.” Der Sohn dieses Vaters aber, der Landrat von Tecklenburg, stand mit gleicher Treue und mit großer Umsicht in seinem Amt. Noch nach Jahrzehnten haben die Augen der Tecklenburger geleuchtet, wenn der Name ihres ehemaligen Landrats genannt wurde.

Der Osten Deutschlands hatte in den Jahren 1813–15 den großen Frühling vaterländischen Erwachens erlebt. Jetzt erlebte der Westen ein neues Erwachen des alten Glaubens der Väter. Statt des Rationalismus, der keinen Menschen mehr befriedigte, wurde der Geschmack an dem Evangelium lebendig. Auf vielen Kanzeln erstanden Männer, die den sehnenden Herzen und Gewissen den Sünderheiland predigten.

Die Kirche in dem Städtchen Tecklenburg blieb freilich von diesem neuen Frühlingshauch unberührt; aber im benachbarten Lengerich spürte man ihn und drüben in dem kleinen Walddorf Ledde, nur eine kurze Stunde von Haus Mark entfernt. So sehen wir auch die Tecklenburger Landrätin mit ihrem Mann in Ledde unter der Kanzel des feurigen jungen Predigers Walterwie auch in Lengerich, wo Pastor Smend stiller, aber auch tiefer von dem neuen Leben erfaßt war.

Fünf Kinder hatte sie ihrem Mann geboren, und jetzt, wo sie ihr sechstes Kind erwartete, war es für sie eine Zeit, wo ihr Herz unter dem Wehen des Geistesfrühlings mehr als je in Sprüngen ging und ihre Liebe zu dem, der sie zuerst geliebt hatte, besonders hell brannte. Nie vorher hatte sie einem ihrer Kinder mit solcher Freudigkeit und Sammlung des Herzens entgegengesehen. So kam der 6. März 1831 heran. Es war ein Sonntag. Die Hausgenossen waren zur Kirche gegangen. Die Landrätin hatte still für sich eine Predigt des Württembergers Hofacker gelesen. Nun weihte sie das Kind, das sie erwartete, noch einmal, wie sie es früher schon getan, ihrem Herrn zum Eigentum und Dienst. Am Abend desselben Tages hielt sie ihren kleinen Friedrich in den Armen.

Zwei Monate später mußte die Familie v. Bodelschwingh ihr liebgewonnenes Tecklenburger Land verlassen. Es ging dem Rheine zu nach Cöln, wohin der Landrat als Oberpräsidialrat versetzt worden war. Noch in demselben Jahre wurde er Regierungspräsident von Trier. Von hier schrieb später seine Frau an ihre Schwester: „Von Fritz läßt sich nur sagen, daß er ein recht aufgeweckter Junge ist und das Soldatenspiel so fleißig übt, als wenn es ihm damit schon ein großer Ernst wäre.” Und der kleine Fritz selbst erinnerte sich aus dieser Zeit an die großen Taubenschwärme, die um die Porta Nigra, das uralte Römertor, flogen, und — an den Sarg, in welchem sein kleiner Bruder Ernst lag. „Die Kränze,” so erzählte er, „hüllten den Sarg ein, die Lichter brannten, und als der Sarg aufgehoben wurde, da war es mir, als würde er gradeswegs in den Himmel getragen.” So nah und dicht ragte dem Kinde unter der Unterweisung der treuen Mutter die unsichtbare Welt schon damals in die sichtbare hinein.

Dann, 1834, kam die Ernennung des Vaters zum Oberpräsidenten der Rheinprovinz, und der kleine Fritz weiß noch, wie eines Tages die ganze Familie auf der „Eiljacht” moselabwärts von Trier nach Koblenz fährt. „Koblenz”, so erzählt er später, „wie freundlich blickst du aus Kindheitstagen mich an! Wie haben die schönen Fluten der Mosel und des herrlichen Rheinstroms, in denen ich schwimmen lernte, wie haben die schönen Berge, in die so mancher fröhliche Weg uns hineinführte, mich erfreut und erquickt! Aber ganz besonders traut bleibst du mir, alte Wohnung in der Oberpräsidium-Straße! Welch ein Kinderparadies warst du für uns! Welche Schätze mancherlei Art, gruselige und heitere, botest du uns dar: einen großen Flur, wo wir nach Herzenslust unsere Kreisel treiben konnten, eine unbeschreiblich gemütliche Wohnstube, wo die Mutter in allen Anliegen aufgesucht werden durfte; ein Hinterhaus nach demGarten zu, wo unser Hauslehrer wohnte und wir zu arbeiten hatten, dazwischen ein langer, langer Gang mit einer Glastür, durch die es auf die Rumpelkammer des Hauses mit ihren altertümlichen Truhen ging und von da auf einen langen Boden, wo wir unsere Mäusefallen aufstellten. Vom Ende dieses Bodens aber, das war unser Geheimnis, gelangten wir durch ein losgelöstes Brett mittels eines kühnen Sprunges auf den Heuboden des Kutschers Franz. Kein schöneres Spiel, als hier von oben nach unten Kobolz zu schießen oder, was noch viel schöner war, oben in der verborgensten Ecke des Heubodens sich ein Häuschen zu bauen. Da wurden die schönsten Geschichten erzählt. Und, o Wonne, wenn es nun gar am Schloß rappelte und Kutscher Franz den Heuboden betrat! Da hielten wir alle den Atem an, bis er mit seiner Tracht Heu wieder verschwunden war.

Aber einmal, als wir Kinder an der Glastür vorbeikamen, klopfte es von innen, und oben durch die Scheiben guckte ein Kerl. Eigentlich war es gar kein Kerl, sondern ein alter Hut, der oben auf der Rumpelkammer gelegen hatte und der nun auf einem mit einem weißen Tuche behangenen Stocke in die Höhe gehalten wurde. Natürlich ein furchtbarer Schreck der kleinen Gesellschaft und Fersengeld, was nur die Füße laufen wollten. Was half es, daß der Bruder Ludwig die Tür aufmachte und lachend den alten Hut auf dem Stocke zeigte. Der Schreck blieb nun einmal. Und so oft der Spaß wiederholt wurde in wechselnden Gestalten, die durch das Fenster guckten, — bald war es eine große ausgestopfte Puppe, bald ein ausgehöhlter Kürbiskopf — die Furcht vor der Glastür verlor sich nicht.

Ganz besonders schön war unser Garten, der in zwei Terrassen zur alten, dicken Stadtmauer hinunterführte. In dieser Mauer legten wir unsere Räuberhöhlen an und bargen unsere selbstgeschnitzten Waffen darin: Säbel, Pistolen, Streitäxte, Bogen und Pfeile. In der Mitte des Gartens lief eine Allee von Linden, in deren prachtvoll verschlungenen Kronen wir Kinder manche Stunde zubrachten. Von allen Obstbäumen bleibt der große Birnbaum oben rechts in der Ecke des Gartens besonders unvergeßlich. Er trug so treu jedes Jahr mehrere Waschkörbe voll Birnen, daß der Tag, an dem wir ihn abernteten, jedesmal ein Familienfest war. Hinter dem Birnbaum war ein Himbeerbeet, das beliebteste Versteck, wenn wir Anschlagspielten. Unten im Garten aber hing an vier Balken eine lange Schaukel, auf der wir Kinder alle zugleich Platz hatten. Oben links in der Ecke stand eine Geißblattlaube, wo so manches Mal unser Vesperbrot verzehrt wurde, und an der Mauer waren die prachtvollsten weißen und blauen Weintrauben. Das alles genossen wir nicht allein, sondern mit treuen Spielgefährten zusammen, die sich täglich bei uns einstellten.

Besonders reich wurde unser Leben, als der Vater noch einen Garten am Rhein hinzukaufte, dem Dörfchen Pfaffendorf gegenüber. Diesen Garten, der unser eigentlicher Gemüse- und Obstgarten war, halfen wir Kinder bepflanzen und bestellen. Wir konnten alle klettern wie die Katzen. Darum war es uns auch ein Kleines, über den hohen Gartenzaun zu kommen. Als das aber der Vater erfuhr, verbot er es uns, damit wir es andern Kindern nicht vormachten. Wir sollten fortan immer den Schlüssel mitnehmen und nur durch die ordentliche Tür aus- und eingehen.

Nun hatten mich einmal die Geschwister, als sie kurz vor Mittag nach Hause gingen, aus Versehen in dem Garten eingeschlossen in der Meinung, ich sei schon voraus, während ich ganz vertieft hoch in den Zweigen eines Kirschbaums saß. Plötzlich merkte ich, daß alles still um mich her war. Ich stieg vom Kirschbaum und stand alsbald vor der verschlossenen Tür. Es wäre mir ja ein kleines gewesen, über den Gartenzaun hinüberzuklettern, wie ich dies schon oft getan hatte. „Aber der Vater hat es ja verboten”, so hieß es in meinem Herzen. Da mein Rufen nichts half, legte ich mich schluchzend auf die Bank in der Gartenlaube, die ganz von Gebüschen eingeschlossen war. Eine Nachtigall, die dort in dem Busch ihr Quartier hatte, kam ganz zutraulich auf den Tisch geflogen, der vor der Bank stand, auf der ich endlich über meinen Tränen einschlief.

Inzwischen war zu Hause große Unruhe gewesen. Die Geschwister hatten gesagt, ich müsse gewiß schon vor ihnen aus dem Garten gegangen sein. Und wenn sie mich doch vielleicht eingeschlossen hätten, so wüßte ich ja, daß ich zu Mittag zu Hause sein müßte, und wäre gewiß über den Zaun gesprungen. So hatte man mich denn überall gesucht, nur da nicht, wo ich zu finden war. Da, mit einemmal, hörte ich mich beim Namen rufen. Der Vater stand vor mir und sagte: „Mein Sohn, wie konntest du uns das antun?” Ich antwortete, aufs neue in Tränen ausbrechend:„Vater, du hast es uns doch verboten, über die Mauer zu klettern.”

Sehr lebhaft stehen mir noch die schweren Erkrankungen meines Vaters in Erinnerung. Zweimal lag er in Koblenz an seiner durchschossenen Lunge todkrank, beide Male an Lungenentzündung. Das eine Mal kam es so weit, daß die Ärzte ihn aufgegeben hatten. Es war spät am Abend, da holte uns die Mutter alle herein in das vermeintliche Sterbezimmer. Wir Kleinen nahmen mit heißen Tränen vom lieben Vater Abschied, der noch in der Nacht das heilige Abendmahl empfing. Nachdem die Mutter uns zu Bett gebracht hatte, suchte sie, wie sie mir später erzählte, eine verborgene Stelle auf, legte sich dort auf ihr Angesicht und bat Gott um ein ganz gehorsames Herz, mit dem sie sagen könne: „Herr, dein Wille geschehe!” So hielt sie lange an mit Beten und Rufen, bis es endlich ganz still in ihr wurde und sie ihr Jawort geben konnte zu dem Opfer, das sie bringen sollte. Kaum aber hatte sie in ihrem Herzen das Opfer vollbracht, da war es ihr, als bekäme sie einen freundlichen Zuspruch: „Nun sollst du ihn noch einmal behalten.” Und siehe da, wie sie von leiser Hoffnung getragen in das Krankenzimmer zurückkehrt, da merkt sie, daß der eigentümliche Schweiß eingetreten ist, der eine Wendung zur Genesung ankündigt. Noch ganz deutlich habe ich das glückliche Angesicht der Mutter vor Augen, wie sie sich morgens über unser Bett neigte und uns Kleinen mit der Freudenbotschaft begrüßte: „Liebe Kinder, der Vater wird wieder besser.”

War es bei dieser Krankheit oder bei der vorhergehenden, das weiß ich nicht mehr gewiß, aber das weiß ich, daß ich oftmals auf dem Bette des Vaters saß, als er in der Genesung begriffen war, und daß er ein kleines Buch in der Hand hatte, aus dem er mir den ersten Leseunterricht gab. Auch meine älteren Geschwister hatten alle aus demselben kleinen Buch lesen gelernt. Es enthielt zugleich den ersten Religionsunterricht in kurzen Sätzen mit lauter einsilbigen Wörtern und fing an: ‚Mein Kind, Gott ist sehr gut, er hat dich sehr lieb.’”

Treue Hauslehrer — einer von ihnen kam, von Zeller empfohlen, aus der Anstalt Beuggen am Rhein — setzten den Unterricht bei dem kleinen Friedrich und seinen Geschwistern fort. Sie waren auch die Begleiter der heranwachsenden Kinder bei den schönen Wanderungen den Rhein aufwärts bis insNahetal oder den Rhein abwärts in die westfälische Heimat zu der zwar gefürchteten, aber doch zugleich innig geliebten Großmutter. Vorübergehend wurde auch die Bürgerschule von Koblenz besucht und auf dem Heimweg zwischen der in ein katholisches und ein evangelisches Lager geteilten Schuljugend manch heißer Strauß ausgefochten.

Vornehme Gäste kamen ins Oberpräsidium, auch der preußische Kronprinz und die Kaiserin von Rußland. Aber die Mutter blieb dieselbe schlichte Frau und wurde es noch immer mehr. Einmal, als die Köchin erkrankt war und die zum Diner geladenen Gäste nicht mehr abbestellt werden konnten, auch keine andere Hilfe sich zeigte, blieb sie in der Küche und besorgte das ganze Essen, ohne sich ihren Gästen zu zeigen.

Unvergeßlich blieb auch ihren Kindern, was sie von ihrer Reise nach Berlin erzählte, wo ihr Mann, der zur Huldigungsfeier des Königs Friedrich WilhelmIV.an den Hof gerufen worden war, abermals an Lungenentzündung krank lag. Als sie mit der Post bis Cassel gelangt war, hieß es: „Zwölf Stunden Aufenthalt.” Das war keine Kleinigkeit für die um ihren todkranken Mann geängstete Frau. Da ihr ein Paar Schuhe fehlten, machte sie sich auf den Weg in die Stadt. Die prunkenden Läden liebte sie nicht, und so suchte sie eine Nebengasse auf, in der sie das Schaufenster eines Schusters fand, mit einem einzigen Paar kleiner Schuhe besetzt. Sie trat ein und fand darin das vergrämte Gesicht einer Frau. Sie merkte gleich, daß sie die Schuhe kaufen mußte, ob sie ihr paßten oder nicht, und fragte teilnehmend, warum denn nur ein Paar Schuhe übriggeblieben seien. Da kam es heraus, daß der Mann an der Schwindsucht darniederliege und nicht mehr arbeiten könne. Bald saß die Oberpräsidentin am Bette des Kranken. Nachdem sie unten im Laden die Frau erfreut hatte durch den höchsten Preis, den sie irgend für die Schuhe anbringen konnte, erquickte sie nun vollends den Mann aus dem reichen Schatz ihres Herzens und stärkte ihn für seinen Weg aus der Zeit in die Ewigkeit. Darüber wurde ihr eigenes sorgenvolles Herz, das durch den langen Aufenthalt in doppelte Unruhe gebracht war, still. Und als sie nach zwei Tagen in Berlin ankam, fand sie ihren Mann schon auf dem Wege zur Genesung. Gerade in der Stunde, wo sie am Bette des armen kranken Schusters in Cassel gesessen hatte, war die Krisis eingetreten.

Solche Erfahrungen machten es immer mehr zu ihrem inneren Besitz und Grundsatz, durch keine Verlegenheit verlegen zu werden und durch keine Verdrießlichkeit verdrossen. „Es ist alles gut, was wir nicht selbst verschuldet haben”, pflegte sie oft zu sagen; und wo etwas besonders Schweres kam, sagte sie: „Gott hat gewiß etwas besonders Gutes damit im Sinn.” Darin war sie vollkommen eins mit ihrem Mann, der von Natur noch glücklicher veranlagt war als sie und an dem alle, die mit ihm in Berührung kamen, mit einer unbegrenzten Liebe emporsahen.

Schon ein halbes Jahr nach seinem Amtsantritt schrieb Professor Clemens Perthes in Bonn: „Ich fand in Koblenz viel verändert; statt des alten guten, aber schwachen P. einen jungen überaus kräftigen Mann als Oberpräsidenten, der mit eigener Hand überall eingriff und schon ein gutes Maß Schmutz aus dem alten Schlendrian aufgewühlt hat. Bodelschwingh ist aus Vinckes Schule, ebenso kräftig und sorgsam, aber gewiß viel besonnener als dieser, dabei von einem schönen, männlichen Äußeren, Meister in allen körperlichen Übungen, Ritter des Eisernen Kreuzes 1. Klasse. Durch sein einfaches Auftreten paßt er ganz vorzüglich für die Rheinlande, denen wohl nicht leicht ein größerer Verlust zugefügt werden könnte, als wenn der Oberpräsident wirklich, wie es heißt, Finanzminister werden sollte. Es muß eine Lust sein, unter Bodelschwingh zu arbeiten.” In der Tat gelang es der hingebenden Treue und Umsicht Bodelschwinghs im Bunde mit seinen von ihm hingerissenen Mitarbeitern, die rheinische Provinz, um die Frankreich mit so heißen Bemühungen geworben hatte, wieder fest mit dem Mutterlande zu verknüpfen.

Auch die Verhaftung des Cölner Erzbischofs von Droste-Vischering, die er infolge des Mischehen-Streites auf Befehl der Krone persönlich zu vollziehen hatte, konnte dem evangelischen Mann das Vertrauen der meist katholischen Rheinländer nicht entziehen. So tief waren alle trotz unvermeidlicher sachlicher Differenzen von der Rechtlichkeit seiner Person überzeugt.

Nach achtjähriger Tätigkeit in Koblenz wurde Ernst v. Bodelschwingh 1842 zur Leitung des Finanzministeriums nachBerlin berufen. Er hatte eigentlich schon damals das Ministerium des Innern übernehmen sollen, den wichtigsten Posten im preußischen Staate, doch hatte er es beim König durchgesetzt, ihm das Finanzministerium zu geben, dem zu jener Zeit noch außer den eigentlichen Finanzfragen ein großer Teil der Aufgaben unterstellt war, die später von dem Ministerium des Handels und der öffentlichen Arbeiten erledigt wurden. Die Erfahrungen als Landrat und in den verschiedenen Ämtern der Rheinprovinz hatten ihm gerade diese praktischen Gebiete besonders vertraut gemacht. Aber das Losreißen in Koblenz war sauer. Und nicht nur dem Oberpräsidenten wurde der Abschied von seiner ihm so ans Herz gewachsenen Provinz schwer, sondern auch seiner ganzen Familie. Der Rhein hatte es ihnen allen angetan. Und als der damals elfjährige Friedrich längst zum Mann und Greis geworden war, hörte man ihn noch manchmal vor sich hinsummen:

An den Rhein, an den Rhein,Zieh’ nicht an den Rhein,Mein Sohn, ich rate dir gut.Da geht dir das Leben so lieblich ein,Da blüht dir so freudig der Mut.Siehst die Mädchen so frankUnd die Männer so frei,Als wär’s ein adlig Geschlecht.Gleich bist du mit glühender Seele dabei,So dünkt es dich billig und recht.

An den Rhein, an den Rhein,Zieh’ nicht an den Rhein,Mein Sohn, ich rate dir gut.Da geht dir das Leben so lieblich ein,Da blüht dir so freudig der Mut.

Siehst die Mädchen so frankUnd die Männer so frei,Als wär’s ein adlig Geschlecht.Gleich bist du mit glühender Seele dabei,So dünkt es dich billig und recht.

Während der Vater mit den älteren Kindern schon nach Berlin vorausgeeilt war, reiste die Mutter mit den jüngeren Geschwistern hinterher. Schon seit Jahren war Karl, der um zwei Jahre ältere Bruder Friedrichs, leidend, und der kleine Friedrich hatte während der Reise nicht nur den Kanarienvogel, der in seinem Käfig an der Decke des Wagens hing, und die Meerschweinchen, die in einer Kiste mitgeführt wurden, zu versorgen, sondern auch als Krankenpfleger dem leidenden Bruder Handreichungen zu tun. Nach zehntägiger Fahrt in der Postkutsche wurde die neue Heimat erreicht und das Finanzministerium, das bis heute, wenn auch in veränderter Form, auf demselben Platze am Kastanienwäldchen steht, bezogen.

Von da war es ein kurzer Weg zum Joachimstalschen Gymnasium in der Burgstraße jenseits des Lustgartens. Die Aufnahmeging glatt vonstatten. Aber als es vom Lateinischen zum Griechischen vorwärts gehen sollte und das Gymnasium mit den außerordentlichen Ansprüchen an höchste Leistungen auf dem Gebiete der klassischen Sprachen auch an den kleinen Quartaner und Tertianer herantrat, da bedurfte es der größten Anspannung der Willenskraft, um das geforderte Ziel notdürftig zu erreichen. Erst nach zwei Jahren gab es ein Aufatmen. Statt des Finanzministeriums übernahm der Vater das Kabinettsministerium und im Jahre darauf außerdem auch noch das Ministerium des Innern. Damit war ein Wohnungswechsel verbunden, erst in die Wilhelmstraße, dann in die Straße Unter den Linden. Jetzt war der Weg zum Joachimstalschen Gymnasium zu weit geworden, und Friedrich bezog mit seinen Brüdern das damals in der Kochstraße gelegene Friedrich-Wilhelms-Gymnasium. Mit wachsender Lust, unter verständnisvollen Lehrern, ging es an die Arbeit, und lange, nachdem er die Schule verlassen hatte, verfolgte ihn das Heimweh nach den Bänken seines lieben Friedrich-Wilhelms-Gymnasiums.

In der Freizeit wurde, wie einst in Koblenz, geturnt, geschwommen, gerudert und Schlittschuh gelaufen. Jetzt kam auch das Reiten hinzu. Einmal freilich setzte Cora, das Reitpferd seines Vaters, den jungen Friedrich im Tiergarten ab und trabte ohne ihn durch das Brandenburger Tor nach Hause. Von den älteren Brüdern lernte er das Fechten, das er so lieb gewann, daß er bis zum Jahre 1854 sich nicht von seinem doppelten Fechtzeug mit Rapier, Schutzhaube und Bandagen trennen konnte. Und zeit seines Lebens führte er über seinem rechten Auge einen Denkzettel mit sich in Gestalt einer Narbe, die ihm sein kleiner Bruder Ernst geschlagen hatte. Seiner Überlegenheit sicher, hatte der ältere Bruder, ohne sich durch Bandagen zu schützen, dem jüngeren das scharfe Rapier in die Hand gedrückt, und dieser, nicht faul, hatte ihm im kühnen Dreinschlagen den Hieb gerade über dem Auge beigebracht.

Bald kam auch das edle Weidwerk hinzu. Der König hatte seinem Minister für die Stunden der Erholung vor den Toren Berlins ein Jagdgebiet zur Verfügung gestellt. So liefen denn die Söhne hinter dem Vater her, erst um das geschossene Wild zu tragen, dann um auch selbst die Flinte in die Hand zu nehmen. Auf Hasen und Hühner wagte Friedrich den Schuß, aber auf den Rehbock nur ein einziges Mal. Die Augen desverendenden Tieres hatten es ihm angetan. Seitdem konnte er nicht wieder darauf anlegen.

Noch größer waren die Freuden der gemeinsamen Wanderungen mit dem geliebten Vater oder auch allein mit den Brüdern und Freunden. Dem Vater waren von Jugend auf weite Märsche Lust und Erholung gewesen. Noch vor den Freiheitskriegen war er einmal von Berlin nach Westfalen zu Fuß gegangen. Zugleich mit der Post hatte er Berlin verlassen, und eher als die Post hatte er die Heimat erreicht. Später, als Student in Göttingen, war er in einem Tage auf den Brocken gegangen, hatte dort am andern Morgen den Sonnenaufgang erlebt und war noch am selben Abend wieder in Göttingen gewesen. Zehn Meilen hin, zehn Meilen zurück, d. h. etwa 150 Kilometer in zwei Tagen. Als Referendar war er sogar einmal in elf Wochen von Westfalen durch Süddeutschland und die Schweiz an die oberitalienischen Seen bis Mailand gewandert und wieder zurück, ohne irgend ein Gefährt unter den Füßen zu haben als nur auf den schweizerischen und italienischen Seen das Deck der Schiffe, die ihn von einem Ufer zum andern trugen. So gab es auch jetzt mit den heranwachsenden Söhnen unter frohen Liedern eine Reise über Rheinsberg und Hohen-Zieritz mit den Erinnerungen an Friedrich den Großen und die Königin Luise nach der Insel Rügen. Eine Fußreise nach Süddeutschland machten die Brüder zusammen mit einigen Freunden ohne den Vater. 87 deutsche Burgen wurden begrüßt oder bestiegen, und in sieben deutschen Strömen bis hinunter zum Neckar wurde gebadet.

Unter solchen Freuden glitten die schalen Vergnügungen der Hauptstadt fast unbeachtet an Friedrich vorüber, zumal schon damals weitere und engere Freundschaftsbande ihn ganz in Anspruch nahmen. Schon als Quartaner auf dem Joachimstalschen Gymnasium war er für einen fälschlich angeklagten Klassengenossen, Gustav Bossart, eingetreten. Ritterlich war er zum Direktor vorgedrungen und hatte sich, wenn auch unter lautem Schluchzen, für die Redlichkeit des Beschuldigten verbürgt. Das hatte ihm zugleich das Herz des Direktors und seines Kameraden gewonnen.

Bald darauf erschütterten tiefe Zweifel an der Güte Gottes das Herz des jungen Bossart. Während sie unter dem Sternenhimmelmiteinander dahingingen, gestand er sie seinem Freunde Friedrich. Es handelte sich um das alte Problem des ewigen Gerichtes und der ewigen Gnade. Was konnte Friedrich sagen? Das Firmament strahlte zu ihnen herunter, und während er sein Auge aufhob, kam es über ihn wie eine Erleuchtung: Ist nicht beides gleich unfaßlich, die Endlichkeit und die Unendlichkeit des Himmelsraumes? Wenn es mir wirklich gelänge, bis an sein Ende zu kommen, was würde ich dann jenseits seines Endes erblicken? „So”, sagte er seinem Freunde Bossart, „ist es auch mit den Fragen, die dich bewegen. Sie lassen sich beide nicht zu Ende denken. Es gibt im Reich der Gnade und im Reiche der Natur eine Grenze, die dem menschlichen Geist gesteckt ist, bei der das Denken aufhört und der Glaube anfängt, der, ohne die letzten Dinge ergründen zu können, Gott traut.” — Mit unermüdlicher Treue hat der Knabe, der Jüngling und der heranreifende Mann an dieser Freundschaft festgehalten; und wir werden ihr später noch einmal begegnen.

Unter den Häusern, die denen Bodelschwinghs besonders verbunden waren, stand obenan das Haus des damaligen Generals v. Diest. Der General war der einzige noch überlebende Bruder der Ministerin. Nach der Schlacht bei Auerstedt, an der er als junger Offizier teilnahm, hatte er sich überzeugt, daß nur von Osten her die Befreiung Preußens kommen konnte. So war er über Holland nach Rußland gegangen und in russische Dienste getreten. Als Vermessungsoffizier hatte er der russischen Armee ausgezeichnete Dienste getan, hatte die Feldzüge 1812 und 13 auf russischer Seite mitgemacht und war schließlich so sehr in das Vertrauen des russischen Kaisers hineingewachsen, daß dieser alle Mittel aufwendete, um ihn in seiner Armee zu behalten. Aber er konnte außerhalb der Luft seines befreiten Vaterlandes nicht leben. In preußische Dienste zurückgekehrt, war er schließlich Generalinspekteur der Artillerie geworden und lebte jetzt als „der schöne Diest”, wie die Berliner Jungen ihn nannten, in Berlin. Er war in der Tat eine hervorragend schöne Erscheinung, aber in dem stattlichen Manne lebte ein kindlich frommer, demütiger Sinn, der ganz mit dem Geist seiner Geschwister Bodelschwingh übereinstimmte. Seine drei Kinder standen in gleichem Alter mit den älteren Kindern des Hauses Bodelschwingh, und so oft die beiden Geschwisterkreise sich zusammenfanden, was jede Woche mehrmals geschah, gabes das fröhlichste Leben. „Denn die Diests konnten lachen aus dem Effeff.”

Zu dem innersten Freundeskreis gehörte in den ersten Berliner Jahren besonders auch der westfälische Ober-Präsident von Vincke, dessen erste Frau eine Kusine des Ministers von Bodelschwingh gewesen war. Klein und unscheinbar von Person, war dieser Mann vor und nach den Freiheitskriegen einer der größten Wohltäter seiner engeren und weiteren Heimat geworden. Er hatte einen klaren Blick für das Kleinste und für das Größte und entwickelte bei äußerster persönlicher Anspruchslosigkeit für die wichtigsten wie für die unscheinbarsten Dinge den gleichen Eifer. An den Akten pflegte er in echt preußischer Sparsamkeit jeden freien Streifen Papier abzuschneiden, um ihn zu seinen schriftlichen Notizen zu benutzen. Im blauen Kittel, um seinen darunter befindlichen guten Anzug zu schonen, visitierte er in Westfalen die Landräte und Amtleute, reiste auch in demselben blauen Kittel von Westfalen nach Berlin. Immer führte er eines oder mehrere dieser Kleidungsstücke bei sich, um sie seinen Freunden und Bekannten zu empfehlen oder zu schenken und ihnen bei der ersten Anprobe behilflich zu sein, die bisweilen nicht ohne Schwierigkeit vor sich zu gehen pflegte, da der Kittel ohne Knöpfe war und über den Kopf fix und fertig auf den Körper gezogen werden mußte. Er konnte keine Reise von Westfalen nach Berlin unternehmen, ohne sich mit allerlei Paketen zu beladen für die in Berlin studierenden Söhne seiner westfälischen Freunde und Bekannten.

Eine Reise, auf der Friedrich mit seinem Vater den alten aus Westfalen gekommenen Oberpräsidenten nach Eberswalde begleitete, blieb ihm unvergeßlich. Nachdem die Dienstgeschäfte erledigt waren, durcheilte der kleine über siebzigjährige Mann die Stadt, um die westfälischen Schüler der dortigen Forstakademie aufzusuchen und sich von ihnen Grüße und Aufträge für ihre Verwandten nach Münster zu holen. Als er 1844 starb und auf seinem Gute „Haus Busch” im westfälischen Lennetal begraben wurde, setzte man ihm auf seinen Grabstein nur die Worte:Vixit propter alios— er lebte für andere.

In demselben Sinne hatten auch Bodelschwinghs ihr Leben eingerichtet. Darum ging es im Hause einfach und sparsam zu. Wenn es freilich galt, bei festlichen Gelegenheiten den Staat zuvertreten, wurde nicht gespart. Der junge Friedrich hatte den Kandidaten, der seinen jüngeren Bruder unterrichtete, bisweilen auf seinen Gängen zu armen Leuten begleitet. Bei der Rückkehr nach Hause fiel ihm der Abstand zwischen den behaglichen und stattlichen Räumen seines Elternhauses und den Stuben der armen Leute schwer aufs Herz. Und einmal, als die Tafel für Gäste des Finanzministeriums festlich gedeckt und mit allerlei Prunkgeschirr und köstlichen Speisen besetzt war, fing der Knabe bitterlich an zu weinen im Gedanken daran, wie reichlich es hier zuging und wieviel statt dessen die armen Leute entbehren mußten. In beiden Fällen kostete es die Mutter Mühe, ihn über diesen Unterschied, unter dem er litt, zu beruhigen.

Bedeutsam für Friedrich v. Bodelschwingh und seine spätere Arbeit wurde es auch, als 1845 an einige Gymnasien und an die Kadettenanstalten die Aufforderung kam, zu Gespielen des Prinzen Friedrich Wilhelm, des Sohnes des Prinzen von Preußen, geeignete Altersgenossen vorzuschlagen. Unter den Vorgeschlagenen war auch der junge Bodelschwingh. Mit sieben oder acht Kameraden fand er sich von nun an wöchentlich einmal, namentlich Sonntags, bei dem jungen Prinzen ein, im Winter in Berlin, im Sommer in Babelsberg bei Potsdam.

Er erzählt darüber: „Wir waren zumeist zwischen 14 und 15 Jahren alt. Jedesmal, wenn ein neuer Gespiele hinzukam, begrüßte ihn der Prinz auf das zutraulichste und bot ihm gleich das Du an. Im Winter tummelten wir uns in dem geräumigen Turnsaal. Im Sommer, in Babelsberg, war unser Treiben meist noch viel freier und fröhlicher, weil wir nicht so unter den Augen des Generals von Unruh, des Gouverneurs des Prinzen, waren. Hier wurden nicht nur die gewöhnlichen Laufspiele gespielt, sondern wir durften uns wohl auch die Pferde aus dem Stall holen, große und kleine, und so, beritten, allerlei Spiele spielen, die sonst Knaben zu Fuß zu treiben pflegen. Am meisten Freude machte uns die kleine Flotte auf dem See, mit der wir unsere Seeschlachten lieferten. Ich erinnere mich noch, wie wir eines Tages den Prinzen Friedrich Karl angriffen, der eine kleine Fregatte kommandierte. Aber bei dem Versuch, mit meinem Freunde Zastrow zusammen die Fregatte zu entern, wurden wir von dem Prinzen durch verschiedene Eimer Wasser in die Flucht geschlagen.

Unser Prinz Friedrich Wilhelm war wohl der gesittetste unter uns Knaben, der in keiner Weise uns seine hohe Geburt fühlen ließ, sondern ganz wie mit seinesgleichen seine Spiele mit uns trieb und sich von uns Kleinen etwas gefallen ließ, da wir zumeist gelenkiger und hurtiger waren als er. Öfter kam auch Emanuel Geibel, um mit uns kleine Aufführungen einzuüben.”

Aber die tiefsten Erinnerungen und Einflüsse blieben doch auch in dieser Berliner Zeit dem Elternhause vorbehalten. Die Ministerin sah es bei dem mühevollen und unruhigen Leben ihres Mannes als ihre Hauptaufgabe an, Frau und Mutter des Hauses zu sein. Darum hatte sie sich schon bald nach ihrer Ankunft in Berlin, unter Hinweis auf ihren kränker werdenden Sohn Karl, beim König und der Königin die Erlaubnis ausgebeten, den Hoffestlichkeiten fern bleiben zu dürfen. Ihr Mann konnte sich diesen natürlich nicht entziehen. Aber ehe er ins Schloß fuhr, pflegte er vorher mit den Seinen die Abendandacht zu halten. Dann meldete er sich beim König und der Königin, ging nacheinander, bald den einen, bald den andern anredend, durch die Reihe der Festsäle, und manchmal, noch ehe die Kinder eingeschlafen waren, hörten sie den Wagen ihres Vaters wieder zurückkommen. Dann fand ihn der Rest des Abends wieder an seinem Schreibtisch; und früh um fünf Uhr war er aufs neue bei der Arbeit.

Nachmittags aber, nach dem einfach und eilig eingenommenen Mittagbrot und der kurzen daran sich anschließenden Ruhepause, fand sich die ganze Familie zum Kaffee zusammen, im Sommer im Garten, im Winter im geräumigen Saale. Dann gehörte der Vater ganz seinen Kindern, scherzte und tollte mit ihnen in größter Heiterkeit, als wenn niemals die ungeheure Last seines Amtes auf ihm gelegen hätte. Und wenn gelegentlich einmal sein Bruder Karl dazu kam, der ihm später im Finanzministerium folgte, dann mischte auch dieser sich in das fröhliche Spiel, und die Kinder sahen zu, wie die beiden schon ergrauten Brüder sich mit Kissen warfen. In der Erinnerung an solche Stunden sagte später der Sohn: „Ich glaube nicht, daß es einen so edlen, glücklich veranlagten Mann wie unseren Vater noch einmal gab.” Die Brüder unterhielten sich einmal über ihn. Der eine: „Solchen Menschen wie Vater gibt es nur einmal in Preußen!” Der zweite: „In Preußen? In Deutschland!”Der dritte: „In Deutschland? Nein, in Europa!” „Und”, fügte die Tochter hinzu, „dabei war er ein strenger Vater.”

Auch die Dienstboten nahmen an diesem Glück des Hauses teil. Durch den treuen Pastor Smend von Lengerich, der durch seine Briefe der seelsorgerliche Freund des Hauses geblieben war, wurde die Verbindung mit dem Tecklenburger Land wach erhalten, und mehr wie ein Tecklenburger Kind trat in Berlin in die Dienste des früheren Landrates und seiner Frau und wurde, auch wenn es sich verheiratet hatte, nicht vergessen, sondern als bleibendes Glied des Hauses angesehen.

Aber ohne seine Bürde war das Glück des Hauses nicht. Das ernste Leiden des dritten Sohnes Karl führte zu dauerndem Siechtum. Nie dachte die Mutter, obwohl sie selbst die Kaiserswerther Schwestern in die Charité eingeführt hatte, daran, sich eine Diakonisse zu Hilfe zu nehmen. „Die Schwestern gehören den Armen”, pflegte sie zu sagen. Die Kranken im eigenen Hause pflegte sie selbst. So hatte sie einen schwindsüchtigen Studenten aufgenommen und bis zum Tode gepflegt und blieb nun auch die Pflegerin ihres Sohnes, der in kindlichem Glauben sein Ende erwartete, bis seine Mutter ihm die Augen zudrücken konnte.

Auch ihr Bruder, der General von Diest, siechte dahin, und auch bei ihm, der seit langem Witwer war, hielt sie in treuster Pflege bis zuletzt aus. An dem Tage, an dem er starb, schrieb sie in ihr Tagebuch: „Todestag? — Gott sei Dank, daß ich mit Gewißheit sagen darf, nicht Todestag, sondern seliger Heimgang meines treuen, noch einzigen Bruders Heinrich. Sein großes schweres Leiden machte ihn keinen Augenblick zweifelnd an der Liebe seines Gottes. Des Herrn Kraft ist in dem Schwachen mächtig, und wie er ihn bekannt hat vor den Menschen als seinen Helfer, Erlöser und Seligmacher, so wird der Herr auch ihn jetzt bekennen vor seinem himmlischen Vater und sagen: ‚Gehe ein zu deines Herrn Freude!’ Seine Lagerstatt war mir ein stilles Heiligtum, und sein letzter Atemzug war für ihn der Anbruch eines Tages, wo er zum Anschauen dessen gelangt, was er hier geglaubt. Ich mußte ihn mit den Worten begleiten: ‚Der Erlöste des Herrn ist nach Zion kommen mit Jauchzen, seine Zunge wird voll Rühmens und sein Mund voll Lachens sein!’”

Ernster noch, aber doch von ähnlicher heiliger Freude begleitet, war der Weg zum Grabe ihres ältesten Sohnes. Er war einst als kleines Kind in Tecklenburg schwer krank gewesen. Da hatte ihn die Mutter in leidenschaftlichem Gebet Gott abgetrotzt: Er sollte ihr das Kind am Leben erhalten. Das Kind genas wirklich. Es war ein geweckter, für alle Eindrücke sehr empfänglicher Knabe geworden. Nun in Berlin schlug die Verführung der großen Stadt ihre Krallen in den hochbegabten, von Kraft und Schönheit strotzenden Studenten der Rechtswissenschaft. „Mit seinem Glauben verlor er die Kraft zu Kampf und Sieg,” schrieb später sein Bruder Friedrich. Die Mutter sah ihn bergab gleiten. Aber er ließ sich nicht halten. Bittere Selbstanklagen stiegen in ihr auf in Erinnerung an jene Krankheit und jenes Gebet in Haus Mark. Dazu kam die Sorge um ihren heißgeliebten Mann, an dessen Herzen der Kummer nagte. Jede Nacht blieb sie auf und wartete, bis ihr Sohn zurück war. Wenn sie endlich seinen Schritt hörte, kam kein Wort des Scheltens über ihre Lippen, nicht einmal einen Gedanken des Vorwurfs duldete sie in ihrem Herzen. Sie litt still um ihn und für ihn und klagte sich selbst an.

Eines Nachmittags trat er ganz ruhig ins Zimmer. Seine Hand war verbunden. In einem studentischen Lokal war er mit einem politischen Gegner seines Vaters aneinander geraten. Es war zu einer Forderung und zum Duell gekommen. Er wußte, daß sein Gegner, der ein sehr guter Schütze war, ihn töten wollte. Er selbst hatte in die Luft geschossen und hatte dann seine Hand mit der abgeschossenen Pistole vor die Brust gelegt. So war ihm die Kugel des Gegners, der auf die Brust gezielt hatte, in das Handgelenk gefahren.

Die Wunde schien ungefährlich. Aber als Friedrich, der in der dritten Nacht bei seinem Bruder gewacht hatte, um die Wunde, wie es damals Sitte war, mit Eis zu kühlen, dem Kranken mit anbrechendem Morgen ins Gesicht sah, erschreckten ihn dessen veränderte Züge. Eine Blutvergiftung hatte sich angebahnt, die schnell zum Tode führte. „Doch konnte er noch”, so schreibt Friedrich, „der Mutter sein ganzes Herz in allen Stücken aufschließen und dem Vater auch.” Am Morgen vor seinem Tode feierten Vater und Mutter und die beiden ältesten Geschwister, Frieda und Franz, mit dem Sterbenden zusammen das heilige Abendmahl. „Der liebe Pastor Snethlage” (Hofpredigerdes Königs) — schreibt Friedrich — „konnte in solchen Stunden mit seinem heiligen, stillen Ernst und seiner großen Einfachheit so nahe ans Herz dringen. Ich erinnere mich, daß es mir vorkam, als wäre der Himmel ganz nahe auf der Erde, wie ich es vorher nie gespürt. Am Nachmittag ging ich wieder in die Schule, da wir das Ende nicht für so nah hielten. Aber kurz vor vier Uhr, ehe die Schule schloß, hatte ich einen ganz besonderen Eindruck, den ich nicht beschreiben konnte. Es war mir so, als wenn die Stunde des lieben Bruders nun doch schon geschlagen hätte. Ich eilte nach Hause und in das Sterbezimmer hinein. Da saß die Mutter dicht an dem Bett, dem Bruder gegenüber. Sie hatte ihm eben die Augen zugedrückt, nachdem sie ihm in seinem letzten Augenblick zugerufen hatte: „Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöset, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!”

In dem Briefe, den Ludwig am Morgen des Duells an seinen Vater geschrieben hatte, hieß es: „In wenigen Stunden werde ich nun doch meinem Dir bekannten Gegner mit der tödlichen Waffe in der Hand gegenüberstehen, und nach dem, was vorausgegangen ist, ist nicht daran zu denken, daß die Sache ohne Unglück ablaufen könne. Ich erkenne es daher als meine heilige Pflicht, mich darauf vorzubereiten, daß ich vielleicht heute noch vor meinem Richter erscheinen und von meinem Leben Rechenschaft geben muß. Aber ich fühle auch, wie wenig ich darauf vorbereitet bin. Die Schuld meines ganzen Lebens lastet schwer auf mir, und ich kann mich nur zweifelnd und mit Zittern fragen, ob ich Gnade und Vergebung hoffen darf. Ich habe mich streng geprüft, welche Gefühle ich meinem Gegner gegenüber hege, und kann aufrichtig versichern, daß ich keinen Groll gegen ihn empfinde. Das Duell wird daher in keiner Weise ein Akt der Rache für mich sein. Ich schlage mich, weil ich mich nicht stark genug fühle, den herrschenden Standesansichten entgegenzutreten, weil ich einsehe, daß ich sonst eine ehrenhafte Stellung in der Welt nicht behaupten kann.

Es kann und muß mich sehr beruhigen, daß ich an dem Duell ganz schuldlos bin. Mein Gegner zwingt mich dazu, und es ist von meiner Seite durch meinen Sekundanten alles geschehen, was eine friedliche Beilegung herbeiführen könnte.

Ich komme nun zu der schwersten Pflicht des Abschiedes von Dir, treuer, bester Vater, von meiner lieben, guten Mutterund meinen Geschwistern. So sage ich Euch denn, teuerste Eltern, in dieser ernsten Stunde den wärmsten und aufrichtigsten Dank für die große Liebe, die Ihr mir mein ganzes Leben durch bewiesen habt, und bitte Euch, daß Ihr mir verzeihen wollt, wenn ich sie so schlecht vergelte. Ach, ich fühle es jetzt nur zu bitter, was ich an Euch verschuldet, und alle Sorge, aller Schmerz, den ich Euch bereitet, lastet schwer auf mir. Aus tiefstem Herzen und mit aufrichtigster Reue flehe ich daher für alle meine Verirrungen um Eure Verzeihung und versichere Euch vor Gott, daß in diesem Augenblick wenigstens die wärmste Liebe und Dankbarkeit gegen Euch mein Herz erfüllt und daß es mir unendlich schwer fällt, nur diesen schriftlichen Abschied von Euch nehmen zu können. Ach, ich bin Eurer Verzeihung ja gewiß; möchte ich ebenso gewiß der göttlichen Verzeihung sein können! Fleht für Euren armen sündigen Sohn, daß ihm Gnade werde!

Meine Geschwister beschwöre ich, daß ihnen mein Tod eine ernste Warnung fürs ganze Leben sein möge, die Sünde zu fliehen und einen ernsten, Gott wohlgefälligen Wandel zu führen. Ja, werdet Ihr alle der Trost meiner armen Eltern, liebt und verehrt sie und bedenkt, daß Ihr das nie wieder gutmachen könnt, was Ihr an ihnen verschuldet! Vergeßt nie die letzte Bitte Eures Bruders, der Euch beschwört, daß Ihr Euer ganzes Leben hindurch unsern teuern Eltern Freude bereiten möget und dadurch einen Teil der großen Schuld abtragt, die auf mir in dieser meiner letzten Stunde so schwer lastet.

So lebt denn zum letzten Male wohl, mein lieber guter Vater, meine innig geliebte Mutter, und Ihr alle, meine teuren Geschwister, und betet für Euren unglücklichen Sohn und Bruder Ludwig.” Diesen letzten Teil des Briefes schrieb sich jedes der Geschwister ab und führte ihn in seiner Bibel bei sich.

Zum siebenten Mal seit der Verwundung 1813 erkrankte der Vater an der Lungenentzündung. Neun Tage und Nächte hindurch brachte die Mutter an seinem Bett zu. Mehrere Male fanden die Kinder sie nebenan auf den Knien liegend. Der König schickte seinen Leibarzt. Am neunten Tag, als die Krisis eintrat, glaubte der Arzt, daß sich die Krankheit zum Tode neige. Er trat in das Zimmer, wo die Kinder auf die Nachricht des Arztes warteten. Der Arzt stand vorn, die Mutter etwashinter ihm. Während der Arzt den Kindern mitteilte, daß ihr Vater nur noch kurze Zeit zu leben haben würde, schüttelte die Mutter hinter ihm leise lächelnd mit dem Kopf. Das sah Franz, der Älteste, und konnte sich eines zuversichtlichen Lächelns nicht erwehren. Nicht wenig befremdet über den gefühllosen Sohn verließ der Arzt das Haus. Aber die Mutter, die aus vielfacher Erfahrung heraus auf dem Gesichte des Kranken die Wendung, nicht zum Tode, sondern zur Genesung gesehen hatte, behielt recht.

Kaum hergestellt, hatte der Minister auf dem ersten vereinigten Landtage der preußischen Provinzial-Abgeordneten die Krone zu vertreten. Heinrich von Treitschke, der Geschichtsschreiber Preußens, sagt darüber: „Eben von schwerster Krankheit genesen, fast allein, selbst ein parlamentarischer Neuling, bot v. B. dieser stürmischen Versammlung die Stirn. Es ergab sich, daß er allein unter allen Ministern ein ungewöhnliches Rednertalent besaß. Höchst unscheinbar gekleidet, fiel er sogleich auf durch seine hohe kriegerische Gestalt und durch den treuherzigen Blick seiner offenen großen Augen. Ursprüngliche Kraft, unschuldige Frische sprachen aus seinem ganzen Wesen, und General von Gerlach, der einen „liberalen” Minister durchaus nicht liebte, sagte wohl: „So ungefähr muß Adam ausgesehen haben.” Der letzte hervorragende Vertreter des alten absolutistischen Beamtentums, hielt er sich verpflichtet, die Willensmeinung des Königs, sofern sie nur dem Rechte nicht offenbar widersprach, mit der ganzen Selbstverleugnung des altgermanischen Vasallen zu verteidigen. Er hatte bei der Beratung des Patents immer wieder und wieder Bedenken hervorgehoben, die ihm sein schlichter Geschäftsverstand aufdrängte, aber der Monarch hatte gesprochen, und an seinem Willen ließe sich nichts mehr ändern.”

Dreiviertel Jahre später, 1848, brach die Revolution aus, und Bodelschwingh erhielt seine Entlassung. In tiefstem Schmerz trat er den Weg in die westfälische Heimat an. In Minden auf dem Bahnhof wurde der verabschiedete Minister erkannt, und ein Mann spottete hinter ihm her: „Oller Ex, oller Ex.” „Laßt ihn spotten,” sagte er zu seinen Kindern, „es ist uns gut so.”

Der König erwog ernstlich, Bodelschwingh als leitenden Minister zurückzurufen, und richtete eine Vorfrage an ihn, ob er bereit wäre zu kommen. Bodelschwingh aber lehnte in einem ausführlichen Schreiben ab. Diese Tatsache widerlegt stärker als alles andere den später gegen Bodelschwingh erhobenen Vorwurf, als hätte er am 19. März die Zurückziehung der Truppen veranlaßt. Nie würde Friedrich WilhelmIV.einen Minister zurückgerufen haben, dem er die tiefe Demütigung der königlichen Würde zur Last legen mußte, die eine Folge der Zurückziehung der Truppen war.

Zeitweise beschäftigte den verabschiedeten Minister der Gedanke, mit den Seinen nach Amerika auszuwandern. Aber dann entschloß er sich, die heimatliche Scholle zu pflügen, und gerade jetzt nach den schmerzlichen Erlebnissen brach die glücklichste Zeit für die Familie an. Das alte Gutshaus in Velmede war schon vor den Freiheitskriegen abgebrochen worden und hatte längst durch ein neues ersetzt werden sollen. Da aber infolge des Krieges ein großer Teil des Vermögens verloren gegangen war, so war der Neubau bis jetzt unterblieben. Nur die alte, strohgedeckte Wagenremise stand noch, die sich einst die Eltern des Ministers zum Wohnhaus eingerichtet hatten und in der jetzt der Förster wohnte. Hier zog nun die Familie ein.


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