Ja – solche Kameradschaft, ist sie wirklich für Gregor v. Zülchow, den Weltmann und Professor?
Durch die kahlen Bäume und durch das hallende Steintor fährt der Junker Wind, er fährt dem Wanderer in sein Kleid. Vielleicht ist diesmal doch der Mann noch kostbarer als der Mantel? –
»Du wildes Leben – schöner Sturmvogel!« sagte Gregor laut.
Das war der Wind, der ihm die Worte gab, das war der Wind, der sie weitertrug. Im verschneiten Herrenhof von Hohen-Leucken stand der junge Pfarrermit dem schmalen, kühnen Gesicht, und die Augen waren heiß geworden hinter der goldenen Brille.
»Ja, wir wollen leben! Sehr, sehr viel leben!« sagte Fritzchen. Es war keine Furcht an ihr, sie stand noch immer mit der Hand auf dem Kopf des Hundes. Aber sie schien plötzlich wie gewachsen, ihr Blick weiter, die Stirn edler, der Mund stolzer.
Sie näherte sich ihm nicht, und doch hatte dieser Mann noch nie ein herrlicheres Bild der Selbstübergabe gesehen. Es war so herrlich, daß er für einen Moment die Augen senkte wie vor einem allzu hellen Licht.
Dann gingen sie stumm auseinander. Der seltsame Bund war geschlossen.
Die kahlen Bäume standen still um den vereisten See. Hier und da hing noch ein gelbbraunes Blatt, das bei dem großen Begräbnis übersehen wurde, in den Ästen. Die Weidenbäume streckten ihre dürren Ruten gen Himmel, und der Schnee lag wie ein weißes Tuch, von keinem Menschenfuß betreten.
Fritzchen ging am Ufer entlang mit Leda an der Seite. Es war der Montag Vormittag, und die Sonne schien nach dem gestrigen Schneetreiben. Auch der Wind war schlafen gegangen, es war fast warm im Sonnenschein.
Seit gestern hatte der junge Mund nicht viel gesprochen. Eine erhabene Stille war auf ihr Herz gesunken. In ihr war ein Bangen, daß sie nun nicht mehr allein war im Leben, und eine große Freude, so hell wie die Sonne am Himmel. Aber beides so tief und still, daß kein Wort, kaum ein Gedanke es berührte.
Leda war jetzt ihre Beste. Mit der ging sie seit dem frühen Morgen herum. Sie hatte die rote Sonne über den Schneefeldern gesehen, sie hatten sich durch angewehte Wälle hindurchgearbeitet, jetztstand die Sonne hoch und sie waren am klaren eisbezogenen See.
Alles war hier, wie es immer gewesen war, wie sie es kannte, seit sie laufen konnte: jeder Baum, jedes Gebüsch, jeder Knick und Graben, der See, der da hinten durch allerlei Gräben mit dem von Tannenwalde und Rummelshof in Verbindung stand. Wieviel Schritte und Schrittchen von ihr lagen hier am Ufer und querfeldein, rechts und links, über den Sandhügel weg, am Moor entlang.
Aber Himmel und Erde haben sich verwandelt, wie sollte da Busch und See noch derselbe sein und die alte Waschbank, die jetzt unter Eis steht und auf der in wärmerer Zeit die Wäsche geklopft wird, daß der Schall von der Waldwand zurückkommt? Selbst die Sonne ist neu, und das eigne Herz ist neu geworden in dieser einen stillen, großen Nacht. –
Wohl ist es die schönste Brautfeier an der klaren, glitzernden Eisfläche, Sonne und Schnee und die große Einsamkeit um sich her.
Der Hundekopf drängte sich an ihr Kleid, sie streichelte ihn. »Ja, Leda, Du weißt.«
Es war noch keine Sehnsucht in ihr. Alles war still, weit und hell wie das Winterbild um sie her.
Auch er hatte die Nacht nicht geschlafen, erst als der Morgen kam, befiel ihn eine schwere, wie tote Müdigkeit. Aber seine Nacht war nicht still und hell gewesen, sondern voller Stürme und Unruhe.
Ich habe Dich lieb – und ich habe Dich nicht lieb. Du bist mir alles – und Du bist mir nichts. Ich will Dich – und ich will Dich nicht!
Noch hielt er den Mantel fest. Ach ja, es ist ein atemloses Ding um den Sturm, der über die Ebene kommt. Man ist nicht immer bereit, mit allen seinen Registern zu leben und zu klingen.
Gregor! rief es in seinem Herzen: Hüte Dich! Um das Feuer einer Mußestunde verleugne nicht die feinen und kühlen Instinkte Deiner Natur. Lade Dir nicht den Wind vom Felde in Dein Haus. Du verstehst und liebst ihn, aber seine Gemeinschaft müßtest Du vielleicht zu teuer bezahlen.
Ach – ob ich ihn verstehe!
Ob ich je eine schönere Stunde hatte und beglückter fühlte, als einmal hier in dunkler Stube, bei meinem Einzug, als das Feuer im Ofen knatterte – als gestern, auf dem verschneiten Hof, unter Wolken, im Wind.
Weißt Du noch, Herz, die beiden Hunde und das starke, junge Menschenkind?
Suchst Du noch etwas Stolzeres und Süßeres für Dich im Leben? Da – Herz! Wirf den Mantel weg!
Es kroch schon der erste graue Dezemberschein über die weißen Felder, als der hin- und hergerissene Mensch in einen steinschweren Schlaf verfiel.
Wie weit ist das Fritzchen schon über die Felder gelaufen mit ihrer Leda, ihrer Liebe und ihrer großenschönen Ruhe? Wie lang hat sie schon am Eis gestanden, da ist der Pfarrer endlich aufgewacht.
Justine ist besorgt und glaubt, er hat sich gestern erkältet. Um Gottes willen, das darf ihr nicht passieren! Was sollte die Frau Baronin sagen! Es ist zu Hause immer viel Wesens gemacht um den Herrn Baron Gregor, da ist er wohl von klein auf etwas verzärtelt, aber, das gehört sich auch so. Er ist doch ein gar zu feiner Herr!
Nun schleicht sie sich ein bei ihm und heizt, ohne daß er es merkt. Wie ein Dieb, so leise hantiert sie mit den ungefügen Buchenkloben.
Als er erwacht, ist die ganze Stube voll Sonne, und im Ofen brennt ein helles Feuer. Er hat die Arme unter dem Kopf und sieht sich um. Wo war er doch? Wie Schatten fliegen die wilden Gestalten der Nacht an ihm vorüber. Ein leises Abwehren, ein Murren der Bequemlichkeit ist in ihm.
Hell ist das Leben und sein Tag, man überwindet auch seine Tiefgänge. Verstricke Dich nicht in Unruhen und Wirren. Nimm des Lebens Süßigkeiten nicht ernster, als Dir und ihnen taugt.
Er stand auf, badete sich ab, brauchte wie immer mehr als eine Stunde zur Toilette, und ging dann in sein Eßzimmer, das nach hinten hinaus zum Garten lag. Das Frühstück stand wie durch unsichtbare Geisterhände gebracht auf dem zierlich gedeckten Tisch. Die Kakaokanne dampfte, Zwieback, eigengebackenes Weißbrot, Butter, gebratenes Fleisch, Schweizerkäse, alles stand bereit. Die Zeitung lag neben seinemPlatz, auch ein Brief aus Rummelshof und einige Geschäftssachen aus der Residenz.
Wie die Sonne draußen auf dem Schnee in tausend und abertausend glitzernden Sternchen funkelte! Wie die Bäume feierlich standen, die Zweige gesenkt unter der weichen, weißen Last. Durch die unberührte weiße Decke lief nur eine winzige Spur von einem Kätzchen oder Hasen.
– Ich will Dich doch! sagte der aufblühende, starke, lebendige Mensch in ihm. Er ließ den Frühstückstisch, Briefe, Zeitungen stehen und liegen und ging an das Fenster. Es rief die Sonne, es rief der weite, leuchtende Schnee: Das Leben ist eine Feier, eine starke Tat! Du Narr, mit Deiner Angst und Deinem Vorbeidrücken! Packe es an, da wo es am tollsten schäumt!
Danach kam einer seiner vielen überlichten Momente. Er sah sich selbst wie eine Figur, an der er keinen anderen Teil hatte, als den des interessierten Zuschauers. Er wußte, er konnte auch diese – diese Sache auf die eine Weise so gut wie auf die andre behandeln. Er konnte es tun oder lassen, erfassen oder liegen lassen, alles war bei ihm möglich und begründet. Er war der Mensch der bewußten Zwiespältigkeit, weil seine Intelligenz weit über seinen Instinkt hinausgewachsen war. Dies machte ihn zu gleicher Zeit klug und unschlüssig, fein und schwach, kalt und nervös. Es bedurfte bei ihm nur des bewußten Anrufs an den Willen, um die eine oder die andre Seite zur Geltung und Herrschaft zu bringen.
Er war nicht frei, insofern das Wissen ihn band. Aber er war mächtig, weil das Wissen ihm den Schlüssel zu der Gewalt über sich, das Leben und seine Dinge in die Hand gegeben hatte, und weil seine Instinkte ohnmächtig waren.
Er konnte nicht bezaubert werden, sobald er selbst es nicht wollte.
Das war fade, aber praktisch.
– Nachdem er diesen Überblick über sich selbst wieder einmal gewonnen hatte, drehte er sich vom Fenster ab und setzte sich an den Frühstückstisch. Das blendende Schneelicht war ihm noch in den Augen, so daß sich vor alle Gegenstände ein Flimmern zog, erst allmählich erkannte er alles wieder richtig.
Er aß und trank von allem wenig, aber mit Verstand, wie seine Art war. Auch dabei sah er sich selber heute zu.
Er hatte ein stolzes und doch trübes Gefühl in der Brust. Das Leben beherrschen heißt meist, ihm entsagen und sich von ihm absondern, und die Heiligen sind oft nur die Toten.
* * *
Gregor machte seinen ersten Krankenbesuch bei der Frau seines alten Küsters, einem gebrechlichen Weibchen, das sonst hustend und flennend in ihren buntkarierten Betten lag. Damit fing sein wunderliches Seelsorgeramt an. Es war eine stickige Luft in der engen Kammer, die dem verwöhnten Mann der Weltauf Lunge und Nerven fiel. Aber er bezwang sich, weil er mit diesen Dingen nicht gleich sein Amt beginnen wollte.
Er saß am Bett, sah die alte Jammergestalt durch seine Brille an, sagte Worte, die sehr schön und richtig waren, und an dieser Stelle höchst nutzlos, und die Alte lag da in tausend Ängsten, verbiß sich vor lauter Genieren ihren Husten und schwitzte am ganzen Leibe.
»Ja, Herr Pastor. Ja, Herr Pastor« – das war alles, was sie überstürzt hervorbrachte, um ihn nur ja nicht zu beleidigen. Der Küster hatte drüben Schule abzuhalten, und wußte nichts von dem hohen Besuche. Es war am Nachmittag gegen vier desselben Montags. Die Sonne war eben herunter und damit aller Glanz. Graue Schatten krochen über den Schnee, und das Tageslicht in dem niedrigen Raum nahm rapide ab.
Nebenan in der Küche polterte es. Die Alte horchte ein paarmal hin, wollte wohl etwas sagen, aber getraute es sich dann doch immer nicht. Plötzlich ein lauter, ungeduldiger, heller Ausruf:
»Solch verrückter alter Herd!«
Was für eine Stimme?
Gregors Gesicht sah wohl plötzlich wie eine einzige Frage aus, so daß die Alte stotternd sagte: »Das ist – das ist man bloß das Fräulein Fritzchen, Herr Pastor, ich mein': das gnädige Fräulein. Ach Gott, wir sagen noch immer so aus alter Gewohnheit, und weil wir sie kannten, als sie noch in der Wiege lag, und ihre selige Frau Mutter –«
»Was tut denn das Fräulein hier?« rief er aus.
»Ach Gott, Herr Pastor, man bloß die Supp'. Sie macht mir die Supp' von Mittag nochmal warm, weil ich vorher nicht essen mochte. Und der alte dammlige Herd, Herr Pastor, der will oft nicht so, wer ihn nicht kennt. Dann qualmt er bloß und kochen tut's nicht.«
Gregor war aufgestanden und stieß die wacklige Brettertür auf. Da war eine große, niedrige Küche mit einem einzigen klimperkleinen Fensterchen über dem Abwaschfaß. Auf dem Ziegelsteinboden, in lauter Qualm gehüllt, stand – – wer war es?
Wollte er, der Spieler in dem großen Krieg der Erde, wieder fortschieben, wieder umrütteln, was das lebendige Leben ihm zeigte, daß dies seine kleine Braut war, die da stand, in der gräßlichen Küchenschürze der Frau Küstern, mit rauchgeschwärzten Fingerchen und rotem, zornigem Gesicht!
Da stand er, so erfaßt und überschüttet von Glück, wie er noch nie gewesen war.
Sie hob den Topf vom Feuer und sah ihn an. Flammen schlugen aus dem Herd und beleuchteten ihr Gesicht. Da wußte sie nichts mehr von Qualm und Ärgernis.
»Jetzt ist die Suppe fertig!« sagte sie, und weiter nichts. Sie goß sie in eine irdene Schale und goß einiges vorbei. Die Schürze der Frau Küstern war heute schwärzer geworden, als ihre Besitzerin sie sonst in einer Woche machte.
Er kam zu ihr. Der junge, heiße, verantwortungsloseMensch, der in sich drin sitzt und nicht nebenbei steht, ging mit ihm durch. Da faßte er das Bild seines Glückes, das schönste, beste Bild, das es für ihn geben konnte, um, drückte es an sich und küßte es auf den Mund.
»Mein Fritz – mein süßes Leben!« murmelte er.
Sie hielt noch immer den rußigen Suppentopf. Die Flammen schlugen aus dem Herd, das war ein heißes, jauchzendes Bild!
»O lieber, lieber Gregor –«, sagte sie.
Es war so weich, so hold und demütig. Mit ganz vorsichtigen Fingerchen stellte sie den Topf auf die Steine neben das Feuerloch.
»Ich kann Dich nicht anrühren, ich bin überall schwarz.«
»So gib mir davon ab!« sagte er voller Übermut.
Er umschloß sie und drückte ihr heißes, tolles, geliebtes Köpfchen an seine Schulter, küßte ihr Haar, ihre Stirn, und dachte: So ist es doch am besten! Was soll alles andere!
Fritzchen sagte gar nichts zu alledem, sie lag eine Weile ganz still. Dann hob sie ihr Köpfchen auf, legte es etwas hintenüber an seine Schulter und küßte ihn von selbst auf den Mund.
»Lieber Gregor –«, sagte sie nur wieder ganz leise, aber was Himmel und Erde umfassen kann, war darin.
– – »Ach, Du leiwer Gott, leiwer Gott«, stöhnte es aus der Kammer.
»Ich muß ihr ihre Suppe bringen«, sagte Fritzchen.»Gib mir, bitte, einen Blechlöffel aus dem Schrankfach. Nein, rechts. Ja, da, danke.«
Sie hatte mit beiden Händen die heiße Schüssel zu halten. Als er den Löffel hineinlegte, wuschelte sie für einen Moment ihren Kopf an seinen Arm und küßte seinen Rockärmel.
»Nachher gießen wir das Feuer zusammen aus, ja?« bat sie.
Hatte er je auf Erden solche leuchtenden Augen gesehen?
»Ja, Frida! Komm bald zurück!«
Er blieb an der Feuerstelle allein. Über dem Herd war ein mächtiger Rauchfang, unter dem stand er und sah in die Flammen. Er war nichts als der selige Bursche, der am Herd hockt und auf seine kleine Dirn wartet.
Ach, was hat das Leben doch für süße Stunden!
Drinnen hörte er hin und wieder ihr Stimmchen, den goldenen Klang.
Es stand mitten in der Küche ein dicker, blaugetünchter Pfeiler, der die Decke stützte. An ihm hingen allerlei Feuerhaken, Zangen und sonstige Geräte. Der lange schwarze Schatten von Gregor, den er vor der Flamme stehend, warf, fiel auf diesen Pfeiler. Das war's, was Fritzchen zuerst sah, als sie zurückkam.
Da kam der tolle Übermut ihres Glückes über sie.
»Der da ist mein Bundesgenosse, viel länger schon als Du!« sagte sie.
»Wer?«
»Der da, der sich bewegt.«
»Mein Schatten?«
»Den hab' ich heimlich geküßt, in Rummelshof, als ich noch klein war.«
»Damals warst Du nicht Du und ich nicht ich«, sagte Gregor. Er war beinah eifersüchtig auf den Schatten früherer Zeiten.
Draußen auf der Diele entstand ein Gepolter, die Schulkinder kamen heraus. Als der Küster die Küche betrat, fand er den Herrn Pastor und das Schloßfräulein einig und eifrig bemüht, das Feuer auf seinem Herde auszugießen.
Er tat aufs äußerste erstaunt, aber er war ein alter, heller Kopf. Er dachte: Hier gießt ihr es aus, und anderswo werdet ihr es euch anstecken. Na, mög' es euch viel Glück bringen!
Sie traten beide zusammen auf die Dorfstraße. Es war hier draußen noch vollkommen hell. Hinten um eine Scheunenecke herum schneeballierten sich die letzten der Schulkinder, unterm Arm ihren zerplieserten Katechismus und ihre Rechenbücher.
»Kommst Du mit nach oben?« fragte Fritzchen.
Über den alten Kirchhof, der mitten im Dorf lag und nicht mehr benutzt wurde, mit seinen eingefallenen Holzkreuzen, versunkenen Gräbern und der bröckligen Mauer, auf der das junge Geschlecht Haschen und Anschlag spielte, ging jetzt der Blick durch kahle Bäume auf den Hügel mit dem Herrenhaus. Es lag still und grau unter seiner Schneekappe, trotzig und häßlich in seiner nüchternen Einfachheit.
Da stand der Mensch, der große Gaben hatte und eine kleine Kraft, der viele Kräfte hatte und eine matte Hand, und es packte ihn wieder sein alter verfluchter Zweifel. Der Zauber der schummrigen Küche, des Feuers im Herd, des Feuers im Herzen sank herab.
»Geh mit mir durchs Steintor und dann kehr um«, sagte Fritzchen. Sie wollte noch nicht Papa und Gisela und tausenderlei Geschwätz da mit hineinhaben, aber sie wollte durchs Steintor mit ihm gehen, wie schon einmal.
Sie war in einem schottischen Kleid mit einem hellgrauen Tüchelchen um die Schultern. So lief sie oft, wenn sie es eilig hatte, vom Schloß ins Dorf. Ihr Gesicht war so schön in seiner Freiheit und Kühnheit wie je, ihr Mund so weich, ihre Stimme so ganz voll von Klang – aber es berückte ihn nicht mehr. Er erschrak vor sich selbst, als er das leise pressende Gefühl von Überlast und Abwehr in sich empfand.
Wenn er aber jetzt nicht wollte noch mochte wie sie, so war er ihr doch kein ebenbürtiger Gegner. Was sollte er ihr sagen, daß er sie nicht ans Steintor bringen wollte? Was sollte er ihr dafür anführen, daß sie ihn noch nicht – oder gar nicht – Du nennen dürfe?
Es war schon einmal so, daß ich mich verspielte – dachte er in dumpfer Not. Bin ich denn ein Narr, so wollte ich lieber ein ganzer sein, dem seine Narrheit süß bleibt bis ans Ende.
»So wollen wir gehen«, sagte er.
Fritzchen fühlte seine plötzliche Verstimmung, die sie sich nicht erklären konnte. Sie wollte ihn fragen, aber es war ein eisiger und abweisender Ausdruck in seinem Gesicht, der ihr jählings die ganze Furcht und Scheu ihrer Kinderzeit zurückbrachte. Sie lachte selbst darüber. »Wie bin ich dumm!« Leicht schüttelte sie das dunkle Grauen von sich ab und fing an, ihm zu erzählen, wie sie heute früh über die weißenSchneefelder gelaufen war und am See gestanden hatte, mit Leda.
Sie sagte nicht, daß dies ihre Brautfeier gewesen sei, aber er fühlte es.
Trotzdem – denn das lächerliche Menschenherz hat immer neue Schutzmittel für sich selbst und das liebe Wohl bereit – empfand er dafür kein quälendes Mitleid mit ihr, sondern eher eine Art Unwillen und Haß gegen ihre frohe, stolze, klare Sicherheit.
Hinter ihnen knirschte der Schnee, an einem hervorspringenden Stein klang es, das Schnauben eines Pferdes ertönte. Es war ein Reiter, der auf der Mitte der Fahrstraße in raschem Tempo dahersetzte. Sie traten beiseite, ihn vorüber zu lassen, da war er auch schon vom Pferde.
Hans Henning in Joppe und hohen Stiefeln, frisch und warm vom scharfen Ritt in der Winterluft.
»Na, Junge, wo kommst Du her?«
»Ja, ja, für Weihnachten noch ein bißchen früh, was?« Er begrüßte Fritzchen voller Freude. »Daß ich Sie aber auch gleich hier mit meinem Bruder treffen muß! Ich wollte Dir nämlich unversehens ins Haus brechen, Gregor.«
»Aber wie kommt das?«
»Ach, ein kleines liebenswürdiges Malheur. Da, sieh, meine linke Hand ist neulich beim Reiten verknaxelt. Habe dafür vier Wochen Urlaubszeit. Muß alle Tage zum Doktor und massieren lassen. Scheußliche Geduldsprobe, aber im übrigen bin ich gar nichtböse. Wo kommt Ihr denn her und wo wollt Ihr hin?«
Sie gaben beide keine rechte Antwort. Fritzchen dachte: Ich will ihm alles sagen! Sie öffnete schon den Mund, aber plötzlich durchfuhr sie ein neuer seltsamer Gedanke.
Diese Sache gehörte nicht ihr allein. Gregor mußte es auch wollen. Und Gregor –
Sie sah ihn an. Es war noch immer das wunderlich fremde Gesicht, das er hatte, als ob er eine Maske trüge.
Eine Angst überfiel sie. Was war das mit ihm? Wo war er? Was dachte er?
Sie schloß den Mund wieder. Sie fror, und ein unbestimmtes Bangen schüttelte sie.
»Wir waren bei der kranken Küsterfrau«, sagte Gregor endlich, als das Schweigen anfing, auffallend zu werden. »Ich habe auch noch andere Krankenbesuche vor. Willst Du auf mich warten, Hans. In einer guten halben Stunde bin ich da.«
»Natürlich, gern. Unterdes begleite ich Fräulein v. Dörfflin, wenn ich darf.«
So kam es nun. Gregor ging nun doch nicht mit bis zum Steintor. Er küßte die kleine kalte Mädchenhand, die in der Kälte rot wurde und nicht einmal einen Handschuh anhatte.
Hans Henning und das Pferd kamen mit.
»Tut Ihre Hand weh?« fragte Fritzchen. Aber ihre Stimme war so beschwert, als könne sie den eigenenKlang nicht tragen. Nach all dem Jubel rang ihr ein Weinen in der Brust.
»Nun ja, das geht an«, sagte der junge Mensch und sah mit schiefem Mund auf das umwickelte Bündel, das er in einer schwarzen Binde trug. »Es ist nur gut, daß Sie nicht sahen, wie plumpsackmäßig ich vom Pferde kam. Es sollte schnell gehen, ehe Sie sich umkehrten, und wurde dafür ein schöner Kladderadatsch!«
»Ja, ich erinnere mich, daß ich umsah, weil es so plumpste«, sagte Fritzchen, aber in ihrem Lächeln war ein Schatten, der dem Hans auffiel, wie ihm, seit er die beiden getroffen, eigentlich alles auffiel.
Es war zuviel, daß er sie gleich getroffen hatte. Nur ihr Haus zu sehen, hatte er heute gedacht, oder, bei großem Glück, irgendwo einen Schimmer von ihr. Nun war sie da und war sonderbar verändert. Ihm kam vor, als ob sie noch gewachsen wäre, oder ihre Augen waren größer oder ihr Mund oder ihre Stirn anders. Jedenfalls etwas war geschehen, etwas Großes und Starkes.
Im Dorfe sprachen sie gar nicht mehr miteinander, aber als sie den ansteigenden Weg hinaufschritten, an einer ganz bestimmten Stelle, an einem Heckbusch, den das Pferd streifte und der eine Last von Schnee leise rutschend abgleiten ließ, überfiel ihn plötzlich ein Gedanke, so jäh und leuchtend, daß ihm für einen Moment der Atem aussetzte und er stehen blieb.
Ein Sommerabend zog im Fluge an ihm vorbei.Da hatte er mit zentnerschwerem Herzen sein Glücksköfferchen wieder eingepackt.
»Überlaß es der Zeit, bis die Blumen von selber aufbrechen –«
Sehen vielleicht so – die aufgeblühten Rosen aus?
Warum noch dies ewige Zagen und Beben? Ein Kind geht nicht und blickt nicht, wie sie es tut! Jetzt ab und los! Jetzt frage ich nicht mehr herum bei Mutter und großen Brüdern. Hei, wie der Schnee voll Blumen steht! Seht Ihr's nicht? Fitzliputzli, mein Brauner, mein braver Junge – was? Das war ein Reiten heut! Du weißt von den Blumen auf dem Schnee, ja?
Er hatte die Zügel durch den lahmen Arm gezogen. Mit der rechten Hand griff er sich jetzt, weil er kaum wußte, wohin mit seinen Gliedern, so grundlos und wildfroh an den Kopf, daß sich die Mütze ihm verschob und er ein lächerlich lustiges und verwegenes Aussehen bekam.
»Fräulein Fritzchen, kennen Sie noch meinen Fitzliputzli?«
So fängt man gewöhnlich keine Liebeserklärungen an, aber es kommt manchmal nicht auf den Anfang an, wenn der Schluß nur taugt. Aber hier war der Schluß noch schlechter wie der Anfang.
»Ja«, sagte sie, »den kenn' ich natürlich noch. Er hat sich doch immer mit Möt gebissen, als wir zusammen ritten.«
»Hat er das? Ja, richtig! Dann ist er ein ganzdummer Affe. Ein Pferd muß seines Herrn Gefühle nachfühlen. Das vergeb' ich ihm nie. Ich werde von nun an auf Frithjof reiten, den hat Gregor früher gehabt, der ist feinfühliger.«
Warum ist sie so still geworden, das wilde Ding? dachte er.
»Wenn Sie wissen wollen, an was ich die ganze Zeit gedacht habe, als ich fort war, auch als ich mir das Handgelenk verknaxte, auch wenn der Schinderhannes, der Doktor, mich massiert – dann will ich es Ihnen sagen.«
»An was denn?« fragte Fritzchen.
»An mein Liebstes auf der Welt, und ob mein Wunsch in Erfüllung geht!« sagte der schöne, freie Junge. Er stand und sah sie an, so stolz und selig, wie kein König seine Krone ansehen kann.
»An mich –?« sagte sie.
Er sah den Weg hinan, hinab, er lag leer und still in der fallenden Dämmerung.
»Sie haben es geraten –«, sagte er leise.
Er hatte sie Du nennen wollen, und wagte es doch noch nicht.
Sie dünkte ihn so heilig wie lieb.
Sie aber stand und starrte. Vielleicht hätte sie ihn noch vor kurzem nicht so schnell verstanden, wie sie nun tat.
»Was soll das?« rief sie aus. »Ich gehöre ja Gregor.«
»Gregor –?«
Er sprach es nach, noch ehe er es gefaßt hatte.
»Ja«, sagte sie.
An dieser Stelle des Weges begann rechts die Mauer des Herrengartens. Sie hatte der Löcher und Lücken viel, dürres Gras hing aus den Ritzen, und wo es nur irgend ging, hatte sich der Schnee eingenistet.
Fritzchen, wie im Traum, fuhr mit der Hand über die Mauer, spielte mit dem Schnee, formte Kügelchen daraus und wußte dabei nicht, was sie tat.
Hans Henning fühlte plötzlich, als ob sich alles um ihn drehe. Damit er einen Halt habe, lehnte er sich an das Pferd. Er sah es, und es brannte sich in sein Herz ein, als das grausigste Bild seines Lebens: Fritzchen an der Mauer stehend und die kleinen Schneebällchen formend, die sie dann wieder an die Mauer zurückwarf. Er folgte jeder Bewegung und wußte schon immer im voraus, wie jeder neue kleine Ball aussehen würde.
Dann kam jäh ein rasender Sturm über ihn. Blutrot färbte sich sein Gesicht. Er stürzte vor, so ruckhaft, daß das Pferd, aufgeschreckt, einen Seitensprung machte und an dem Zügel riß, der um den lahmen Arm geschlungen war. Ein wilder körperlicher Schmerz raste durch das kranke Handgelenk, aber er fühlte es nur so fernab, wie in der Narkose. Er packte Fritzchens Hand, die wieder eine der verfluchten Schneekügelchen zwischen den Fingern hatte, schüttelte sie so heftig, als käme es darauf an, den Schnee herauszuschütteln, als sei der die Ursache des ganzen Entsetzens.
»Laß los! Laß los!«
»Laß Du los!« sagte Fritzchen in großem Zorn. Sie nannten sich Du, es kam von selbst, wie sie sich früher genannt hatten. »Was willst Du von mir?«
Der Schnee war heraus – was nun noch? Hans Henning gab ihre Hand nicht frei.
»Das ist ja Unsinn, das ist ja Wahnsinn! Wie kommst Du zu Gregor? Was will er von Dir? Er weiß es ja! Er weiß es ja!«
Sie sah sein entstelltes, wild gerötetes Gesicht, die Augen, den knirschenden Mund, im nächsten Moment konnte der Tobende sie an die Mauer werfen und erwürgen – sie sah das ganz klar, aber sie hatte gar keine Angst, keine Spur von Angst um ihr Leben.
Das war also damit gemeint! dachte sie klar und ganz überlegt.
Sie meinte damit ihr schönes, einsames Traumleben, ihr plötzliches Glück, die Betrübnis heute und das Ende hier am Bergweg, an der Gartenmauer. Es erschien ihr alles so außerordentlich folgerichtig und gut. Beinahe verwunderlich, daß sie das nicht schon vorher gewußt hatte, daß so ihr Weg und dessen Ende sein würde.
Aber es war dann doch die Täuschung einer über das Maß hinaus gespannten Gehirnerregung. Der Wilde, in dessen Hand sie war, war kein Tier, das Blut vergießt, um sich Erleichterung zu schaffen, es war nur ein gequälter Mensch, dessen Herz in seiner Not wohl einen Moment lauter schrie, als zur gutenManier gehört, der aber schließlich doch noch Du und ich unterscheiden konnte.
Er ließ sie los. Es wäre für ihn schöner gewesen, jetzt einfach das Letzte zu tun und mitsamt seinem lieben Mädchen hier am Weg rasch und wild zu sterben. Er war ein allzu konzentrierter Junge. Es war für ihn jetzt nicht mehr viel wert, was nun noch kommen konnte.
Er hatte auch das Fragen vergessen nach Wann, Warum und Wie. Es stand ja auch nichts mehr in Frage, es war eine zu müde Sache, jetzt noch den Mund aufzutun. Er ließ sie los, ordnete mechanisch etwas am Reitzeug, fühlte wieder, etwas bewußter, wie in seinem Arm tobende Schmerzen wüteten, schnallte den Zaum los, nahm ihn in die rechte Hand und ging gerade vor sich den Weg hinab.
Das Pferd stieß an einen Stein, es gab einen klingenden Ton. Unten am Wege stand wieder der Heckbusch, von dem vorhin der Schnee abgerutscht war. Hans Henning faßte das Pferd kürzer, damit es nicht noch einmal daran streife, denn es war noch einiger Schnee auf dem Busche, der auch noch hätte abgleiten können. Das wäre schrecklich gewesen. Weiter wußte er nichts.
Unten ging er gerade vor sich hin weiter, wie er heruntergegangen war. Die Dorfstraße entlang bis an den Pfarrgarten. Da wandte er sich rechts und stand vor seines Bruders Hause.
* * *
Justine stand vor der Haustür und lugte aus, denn ihr guter Kaffee konnte das Warten nicht vertragen. Da kam Hans Henning um die Ecke, den Arm in der Binde, das Pferd zerrend wie ein abgeworfener, maroder Reiter.
»Herrjeh, der Herr Baron! Nein, aber so 'ne Überraschung! Der Herr Pastor ist noch im Dorfe, aber er kommt gewiß sogleich.«
»Ich werde warten«, sagte Baron Hans.
»Ja, natürlich. O Gott, wird er sich freuen!«
Sie kam herunter, ihm das Pferd abzunehmen und ihn hereinzulassen. Aber sie hatte seine Meinung nicht verstanden.
»Ich will hier warten«, sagte Hans Henning.
»Aber doch man nicht draußen, im Schnee.«
»Ja. Es ist gut, Justine, lassen Sie nur.«
Man sieht nicht gern das Trübe, wenn man selber froh gestimmt ist, darum kostete es der Justine erst einen kleinen inneren Ruck, ehe sie sagen konnte: »Aber, Herr Baron sehen so anders aus – ist was passiert?« Jetzt sah sie auch den verbundenen Arm.
Der Hans machte eine so wütend ungeduldige Schulterbewegung, daß ihr jedes weitere Wort auf den Lippen erstarb. Sie öffnete zwar noch einmal den Mund, sie wollte doch noch etwas sagen vom Arm und dem Pferde oder dem Kaffee und sonst etwas Tüchtiges und Richtiges, aber sie war im Dienst alt genug geworden, um Herrenlaunen zu kennen, sie klappte den Mund wieder zu und schlich bedrückt hinein.Doch dann ging drinnen ein wildes Kaffeemahlen los, an dem sie sich tröstete und erhob.
Hans Henning stand draußen und dachte nur das eine: Ich muß Gregor sprechen. Aber danach war alles stumpf und dumpf in ihm. Nur sein Arm und Gelenk wütete wie wahnsinnig.
Er streifte den Zügel über eine Zaunlatte an der hölzernen Pforte und strich und drückte leise an dem Arm, um die Schmerzen etwas zu mäßigen. Es half nicht viel, es schien sogar immer grimmiger zu werden. Er hatte eine Anwandlung von Ohnmacht und lehnte sich gegen die Mauer.
Gregor kam, ihm war zu unruhig zumute, um lange in Krankenstuben auszuhalten. Da fand er seinen jungen Bruder an der Gartenmauer, er regte sich nicht, als er näher kam. Er hatte den Kopf etwas hintenüber angelehnt wie ein halb Ohnmächtiger, und Gregor sah trotz der Dämmerung, daß das Gesicht totenähnlich blaß war.
»Hans! Warum stehst Du hier draußen? Ist Dir schlecht, Junge?«
Hans Henning öffnete die Augen, mit einer großen Willensanstrengung sammelte er sich. Das große Schmerzgefühl innen und außen verzog seinen Mund, so daß er wunderlich fremd für den Bruder aussah.
»Hans, ist Deine Hand so schlimm? Komm herein!«
»Laß das!«
Mit einer Kraft, die in gar keinem Verhältnis zu der hilflosen Stellung war, in der Gregor ihn gefundenhatte, stieß er mit der gesunden Faust den Bruder zurück, der ihn anfassen wollte, um ihn zu geleiten.
»Denkst Du, ich gehe in Dein Haus?«
Er stand jetzt ganz aufrecht, und sein Gesicht fing an, wie im Fieber zu glühen.
»Rühr' mich nicht an! Viel haben wir nicht mehr miteinander zu tun. Weißt Du noch, im Sommer auf der Veranda? Herrgott, Mensch, da hast Du Dir wohl selbst den Weg freihalten wollen?Sobist Du?Sobist Du? Und ich Schaf, ich Esel, ich Narr! Natürlich – wenn der Hofprediger kommt – mehr als ich hast Du ja immer gegolten. Meinetwegen, nehmt doch dem Hans seine Blume weg, was braucht er eine Blume! – Du! Weißt Du, was heute passiert ist? Zwei Menschen hab' ich verloren, die mir die liebsten waren. Na, man immer zu, was macht das auch aus –«
Er ging zur Seite, wo das Pferd stand. Der körperliche Schmerz ließ ihn einen Augenblick taumeln, dann hielt er sich am Pferderücken und versuchte aufzusteigen.
Gregor hatte wie erstarrt gestanden, jetzt stürzte er ihm nach. »Hans, Du bist ja von Sinnen. Du darfst so nicht fort. Um Gotteswillen, Dir passiert ein Unglück, mein Junge. Sei doch nicht so außer Dir, laß uns über die Sache reden. Steige nicht auf, Hans, ich lasse Dich so nicht fort –«
»Du läßt mich nicht?« hohnlachte der andere. »Von jetzt ab wirst Du mir wohl nichts mehr zulassen oder nicht zu lassen haben. Das ist vorbei, Bruder Pfaff!«
Die Wut spannte seine Sehnen. Er, der noch eben halb bewußtlos an der Mauer gelehnt hatte, flog mit einem einzigen Schwung in den Sattel. Dabei hatte er sich ohne Besinnen auf die linke Hand gestemmt. Ein wilder Fluch und Aufschrei entfuhr ihm, er riß den Zügel so heftig von der Latte, daß das Leder zerriß, das Pferd setzte in die Höhe und im Galopp flog es mit seinem verzweifelten Reiter davon. Noch von fern, auf der Dorfstraße hörte man hin und wieder einen kurzen, klingenden Ton vom Hufschlag.
Da stand der andere! Da stand er in seiner ganzen Herrlichkeit!
»Hans!« rief er noch einmal in die leere Luft.
Leer, still, tot. Tiefe, regungslose Winterstille hier, wo noch eben die wilden Worte brausten. War das noch einmal ein Hufschlag? Vorbei – – jetzt mußte er schon zum Dorfe hinaus sein.
Der wahnsinnige Junge! Es muß ihn jemand aufhalten! Wie sah er denn aus? Er stürzt ja. Aber wer will diesem Sturmritt nach? Nur für den Fall, daß er gestürzt ist und irgendwo liegt –
»He, Michael Krauthammer!«
Da hinten, wo die Dorfstraße weiter läuft, guckt ein altes Bäuerlein über den Zaun. Es ist taub und versteht nicht. Gregor winkt wie ein Rasender, da klettert es über die Latten und kommt gelaufen, daßder lockere Schnee an der Oberfläche in kleinen Ballen hinter ihm auffliegt.
»Michael, ist Dein Schimmel im Stalle?« Er muß mit voller Lunge schreien, sonst kann er es sechzehnmal sagen.
»Jawohl, Herr Pastuhr. Jawohl, jawohl.«
»Willst Du mich fahren, in dieser Minute nach Rummelshof?«
»Nach Rummelshof? Jawohl. Morgen früh, Herr Pastuhr?«
»Rasender Unsinn! Jetzt! Sofort, auf die Minute. Jetzt!«
»Jetzt? Aber – nun ja –«, er wiegt das graue Köpfchen. »Nu ja, Herr Pastuhr, zu gern will ich das. Nur mein' Kaffig erst austrinken, der steht in der Röhre.«
Ja ja, laß Deinen Führer nur erst seinen Kaffig noch austrinken. So schnell, wie Dein wilder Bruder kommst Du doch nicht fort. Nur sachte, kühler Gregor, es ziemt sich nicht für Dich, überzukochen. Fahr Du sachte der wilden Spur nach, lies die zerbrochenen Leute auf, das ist ja ein heiliges Amt. Oder ist das vielleicht noch heiliger, die Leute erst zu zerbrechen?
Er stand im Stall, im Mist und legte selbst dem Schimmel das Geschirr auf. Das Bäuerchen weinte beinahe, weil es so schnell fertig sein sollte. Aber den Kaffig wenigstens, den ließ es sich doch nicht nehmen.
Wenn ich aufs Gut ginge, bekäme ich schneller einFuhrwerk, dachte Gregor. Aber ich gehe nicht da hin, und mittlerweile ist's ja auch hier so weit.
Er saß auf dem Strohsacke des Leiterschlittens, und als eben das gemütliche Getrotte losgehen sollte, riß er dem Alten die Leine fort. »Es handelt sich um Tod und Leben!« schrie er ihn an, »hier heißt's Galopp.«
»O je, o je!« schluchzte das Männchen. »Dat end't jawoll nich gaud!«
Der Schimmel bekam die Peitsche, er dachte, das wäre ein Mißverständnis, aber es war keins. Sie sauste wieder und wieder. Da wurde ihm so himmelangst wie seinem alten Herrn, und der Schlitten flog durchs Dorf und draußen über den höckrigen Weg.
Auf freiem Felde war es noch wieder ein Stückchen heller als im Dorfe. Gregor spähte den flachen Weg entlang übers Moor. Jawohl, es flogen Krähen auf, wenn er nach denen suchte. Da tanzten in der Luft auch schon wieder Schneeflocken.
»Dat ward jawoll 'n Gestiewe«, klagte Michael Krauthammer besorgt. »Am End' finden wir unsern Weg noaher nich wedder.«
Gregor antwortete nicht. Die freie Luft hier draußen auf der raschen Fahrt tat ihm gut. Ihm wurde klarer im Kopfe.
Sie hat dem tollen Jungen unsere Sache verraten! dachte er voll wilden Zornes. Was fällt ihr ein? Wer gab ihr das Recht? Ja, so ist sie: mit dem Kopf durch alle Wände, unbekümmert, rücksichtslos. Was macht ihr mein Wunsch und Wille aus?Was macht ihr das Unheil aus, das sie stiftet? Sollte ich mein Lebelang mich mit dem Löschen abgeben, wo sie Feuer angelegt hat? –
Eintönig klapperten ein paar klanglose Schellen am Sielengeschirr des Schimmels. Hin und wieder flog der Schlitten über eine Unebenheit des Weges heftig zur Seite, daß die Männer sich an dem Leitergerüst halten mußten.
»Wi smieten üm, Herr Pastuhr!« gellte das Männchen.
»Und wenn auch, das macht nicht viel aus«, sagte Gregor unwirsch. »Höchstens hält's uns auf.«
Aber es war mit Sorgfalt nicht viel zu machen. Der Weg war so überweht vom Schnee, daß man seine Tücken nicht sehen konnte. Dazu schneite es immer heftiger und wurde rasch Nacht.
»Sind da nicht Tappen vom Pferd? Ja, da ist er geritten. Aber wer kann's erkennen. Eine Laterne hast Du wohl natürlich nicht mit?«
»Wat sall ick hem?«
Schafskopf! dachte Gregor, aber er sagte es nicht laut, weil das nicht die geistliche Amtssprache ist.
Je weiter der Weg und näher das Ziel, um so steinerner und kälter wurde das Herz in ihm. Die rasch aufgefahrene Angst um den Bruder, die ihm wie mit eisernen Händen das Herz gepackt hatte, ließ nach, je mehr die Wahrscheinlichkeit eines Unglücksfalles sank. Er hörte auf, das Pferd zu peitschen und zu jagen. Als er durch das Schneetreiben die Lichter von Rummelshof sah, erwog er schon, ob er nicht umkehrensolle. Was er wollte, hatte er ja getan: dem Hans auf die Spuren gesehen, ob ihm nichts zugestoßen sei.
Dennoch war die Beruhigung zu unsicher. Er konnte auf einem anderen Wege übers Moor geritten sein. So fuhr er weiter.
Es war nicht tot zu machen, daß er vor einer Stunde mit einer wahnsinnigen Angst im Herzen im Pferdestall des alten Krauthammer gestanden hatte. Gregor v. Zülchow hatte nicht viele Stunden wie diese gehabt, sie zuckte ihm noch im Blute.
Aber wer wenig Perlen hat, stellt sich um die, die er hat, auch ganz besonders gefährlich an. Gregor setzte den wilden Herzschlag, die tolle Fahrt, die Not dieser Stunde dem Bruder Hans dick unterstrichen aufs Konto. Da! das zahle Du mir erst mal wieder heraus!
So klapperte er auf seinem Bauernschlitten auf den Hof seiner Väter ein. Er fuhr auf den Laternenschein zu, der durch entlaubtes Gebüsch von den Stallgebäuden her kam. Da stand ein Knecht und rieb Hans Hennings Pferd ab.
»Na also –«, sagte Gregor nur. Er tat keine weitere Frage und wandte den Schlitten wieder um.
»Herr Pastuhr, Sei führen ja wedder rut!«
Laß das Bäuerchen schreien, so viel es will. Es hat hier wohl auf einen heißen Grog gehofft.
»Da, Michel, nun kannst Du auch wieder fahren.«
»O je, o je – nee, de Geschicht' begriep ick mien Läwdag nich –«
»Ich habe Dich nicht umgeschmissen, nun schmeißDu mich auch nicht um«, sagte Gregor. Er hatte nicht Lust, um diese Sache nun noch naß zu werden.
Wenn der dumme Junge zur Ruhe gekommen ist, wird sich schon alles arrangieren, dachte er.
* * *
Danach kam der Dienstag Morgen. Die Sonne schien wieder, aber blaß aus blassem, nichtssagendem Himmel. Der Ostwind strich scharf durch die kahlen Bäume, in der Nacht war der Schnee von gestern abend festgefroren.
Gregor hatte einen schweren Kopf. Er saß am Schreibtisch, um eine wissenschaftliche Arbeit für eines der theologischen Blätter zu beenden, für die er hin und wieder schrieb. Aber er konnte heute nicht. Man räumt auch erst bei sich zu Hause auf, ehe man anderen Leuten die Stühle und Tische für dieses Lebens Gebrauch zurechtstellt.
Aber er hatte von dieser unpersönlichen Arbeit Klärung und Beruhigung erwartet, die blieb nun völlig aus.
Daß ich mich mit dem Kinde nicht verbinden kann, ist mir jetzt ohne Zweifel, dachte er. Es ist meine Schmach und Erniedrigung, daß ich dies für ein paar tolle Viertelstunden vergaß. Ein boshaftes Geschick oder eine absonderliche Schwäche meiner Nerven ließ mich zweimal in derselben Sache einen so argen Fehlgriff tun. Bei der kleinen Durchlaucht war es vielleicht schlechter, berechnender. Ich hätte schon ihrGemahl werden wollen, was tat mir ihr süßes Schmachten zu Leide? Bei diesem Kinde – ach, da kann ich nur bitten: Erscheine mir nicht! Bleib fern, damit ich so stark und kühl bleibe, wie ich muß.
Die Sache ist nicht am Ende. O, wäre sie es! Was steht noch alles bevor! Ich kann es nicht vermeiden, was nun kommt. Sie glaubt an mich. Sie kennt keine Schwäche und keine Kälte. Sie ist in jeder Stunde das, was sie wirklich ist, nicht nur ein abgeblitzter Funke ihrer selbst.
Was noch bevorsteht, ist dieses: Ich muß sie an die Hand nehmen – ich sie! und das ist mein Büßen – und sie durch das dunkle Tal menschlicher Kompliziertheiten führen, das sie noch nie gesehen hat. Ich muß das Grauen und die Verachtung in ihren Augen wecken. Das muß ich tun. Sie muß mich als Schwächling und Egoisten sehen. Wenn sie weniger unwissend, stark und einfach wäre, könnte sie auch die feineren Fäden sehen. So wird sie es nicht, und es ist nicht meine Sache, es sie zu lehren. Ich kann an ihrer Verachtung und ihrem Grauen nichts ändern.
Hans Henning – das ist Art von ihrer Art. – Warum soll das nicht werden?
Er stand auf, ging durchs Zimmer und setzte sich wieder. Am blassen Himmel war die Sonne fortgegangen, man sah kaum wohin, so gleichförmig fade und weißgrau legten sich die Wolkenstreifen darüber.
Warum soll das nicht werden?
So laß sie beide doch – und gib der VernunftRaum und sei kein Narr, der eine schlechte Tat auf die andere häuft.
Ja ja, so ist es gut. Keiner braucht sich dabei das Genick zu brechen.
Aber ich, der ich nur die Hand zu öffnen brauche, wo andere kämpfen und ringen, ich soll als der einzig Hungrige vom Tische aufstehen? –
Ichwilles ja so! Ichwillden Wein nicht. Warum kann man ihn nicht umstoßen, daß auch andere nicht zu trinken brauchen? Das Königlichste auf Erden ist Verschwendung.
Was ist das? Bewegt sich da etwas in der Ofenecke hinter dem Schlot? Diener der Kirche, kennst Du denn nicht die grinsende Fratze?
»Was wäre es gewesen, wenn jemand gestern vom Pferde gefallen wäre – –?«
Weg Satanas! Du hast gesprochen, nicht ich!
Satanas – ja kommst Du jetzt da herum? Bist licht und schön und frei von Gang und hast ein rotbraunes Struwwelköpfchen?
Geist, zerrinne wieder! O Du mein liebes Gesicht – erscheine mir nicht! Erscheine mir nicht!
Die Gartenpforte klinkt. Der Schnee knirscht unter den Tritten.
Jag sie doch hinaus, wenn Du Angst hast!
Nein, nein. Die Entscheidung soll kommen.
Fritzchen, ja – so etwas wagst Du wieder? Das tut keine sittsame Jungfrau, Du wildes, unbedachtes Kind!
O Gregor, das starke Herz, das Männerherz!Reiße es rasch heraus, in den Winkel damit, sonst – – rasch!
Da klopft es schon.
Da steht sie in der Tür. Wie ist sie blaß geworden in dieser einen schlimmen Nacht!
»Gregor«, sagte sie leise, »ich suche Dich.« Es war ein krankes, bittendes Lächeln um ihren Mund, das machte sie für ihn noch schöner, als sie je zuvor in ihrer lachenden Kraft gewesen war.
Er stand ihr gegenüber – ihr Sklave.
»Nein!! Es kommt die Reue!« rief er jählings so wild, daß sie zusammenschrak. Er hatte es nur sich sagen wollen, nun hatte er es auch ihr gesagt.
»Die Reue?« fragte sie zitternd und bange.
»Du bist ein Kind und weißt nichts von mir und Dir!« rief er in demselben wilden, starken Tone. »Geh hinaus von hier, geh! Es kommt nichts wie Unglück hierbei heraus. Ich weiß das, ich wußte das immer, aber ich hatte es in einer törichten Stunde vergessen.«
Damit war sein hoher, starker Ton erschöpft. Er sah, wie sie fahl bleich geworden war. Sie bot einen solchen Anblick, daß er glaubte, sie werde im nächsten Moment umsinken. Er eilte herbei, ihr einen Stuhl zu geben.
»Nein, danke«, sagte sie, stützte sich aber doch auf die Lehne und sah ihn mit den Augen an, die übergroß in dem blassen Gesichtchen standen.
»Du hast mich also nicht lieb?« fragte sie in einem seltsam hohen, wie fragend klingenden Tonfall.
Er spielte jetzt wahrlich nicht. Es war eine Schmerzüberwindung, wie dieser Mensch sie in seinem ganzen bisherigen Leben noch nicht vollbracht hatte. Er gab der Wahrheit, die über Ja und Nein steht, die Ehre und sagte hart und stark wie klingender Stahl:
»Nein.«
Ihre Blicke verwirrten sich einen Moment und wurden völlig leer, so daß ihn ein kurzes Grausen und gleich darauf ein unendliches Mitleid faßte. Er griff nach ihrer Hand und zog sie sanft an sich.
Die Versuchung für ihn war überwunden.
»Es war eine sehr süße und holde Täuschung«, sagte er. »Wir kommen beide wohl darüber fort.«
Was hatte er ihr doch erklären wollen von der komplizierten Maschinerie seines Seelenlebens? Ach, vor diesen Augen versagen noch ganz andere und viel einfachere Erklärungen. Da steht der schlichte, große, starke Menschenjammer vor dem ganzen Prunk der analytischen Erklärungskunst, und die Kunst fällt zusammen und wird zum Häuflein Schmutz.
Das Leben aber wendet sich und geht hinaus.
»Adieu, Gregor.«
Sie geht hinaus. Es sind nur Minuten verstrichen, wieder klinkt das Gartentor. Sie trägt den Kopf geneigt, wie ein freier Vogel, den man angeschossen hat, sie schleppt ihre Füße.
Ach ja, das wird ein saurer Gang.
Er, der Pfarrer, steht in seinem Zimmer. Er ist nicht zum Sklaven und zum Verräter der eigenen Kraft geworden. Er hat gebüßt, was zu büßen war.
Jetzt schließt er seinen ehrlichen Bund mit der Einsamkeit und mit der Kälte.
Was ist geschehen? Verstehst Du es, Herz? Verstehst Du es, Kopf?
Sie kommt in ihrem Schloßhof oben an. Da steht der alte klobige Turm mit seinen vielen Fenstern.
Ein Entsetzen packt sie. Da hinein? Da sitzen wie gestern und alle Tage? Einfach weiterleben hinter diesen Mauern?
Es zuckt ihr in den Füßen. Fort, ins Feld hinaus, weit weg. Nur nicht wieder hier hinein!
Ins Feld? Ja, da ist Weg und Steg und jeder Stein noch wie er immer war. Übers Moor? Oder an den See?
An den See? Weißt Du noch?
Mit einer wilden, hilflosen Bewegung drückt sie die beiden Fäuste vor die Augen. Schwarz – schwarz – schwarz –
Ins Dunkle! Verkriechen! Das ist das beste!
Hinein.
Wie die Haustür knarrt mit dem altbekannten Ton! Da ist Jakob auf der Treppe.
Jakob? Gibt es denn noch Menschen?
»Was gibt's heut' wohl zu Mittag, gnädiges Fräulein?« sagt Jakob, der alte Schelm.
Sie steht in der Schulstube und weiß nicht, wie sie hereinkam. Es ist eiskalt hier, sie graut sich vor den acht Fenstern.
Da bleibt sie stehen, mitten im Raum, und schreit laut auf. – –
Das hat geholfen. Das starre, steife Entsetzen ist gelöst. Sie atmet wieder.
Sie weiß plötzlich alles – sie lächelt – sie glaubt plötzlich nichts. Welch ein Schreckbild hat sie geängstigt!
Sie geht an ihren alten zerschnitzten, staubigen Fenstertisch. Ein halb zerrissener Zettel liegt herum, sie nimmt ihn und schreibt darauf mit Bleistift.
»Ich habe Dich nicht verstanden. Meintest Du so, daß wir uns nichts mehr angingen? Aber das gibt es ja nicht. Du kannst mich doch nicht den einen Tag lieb haben und den anderen nicht? Bist Du mir über etwas böse, das ich getan habe? Warum sagtest Du das nicht –«
Plötzlich hielt sie inne. Sie fühlte es im Nacken, es stand jemand in der Tür. Mit einem Erbeben des Grauens kehrte sie sich um.
Da war er. – Schwarz, stumm, mit demselben eiskalten Gesicht von gestern, von der Dorfstraße her, mit einem geisterhaft schrecklichen Blick durch die Brillengläser. Er rührte sich nicht, er öffnete nur langsam die Lippen – er würde ihr antworten –
»Nein! Nein! Ich will nichts! Ich will nichts!« schrie sie wie von Sinnen. Sie sprang auf, der Stuhl fiel um, sie stolperte über eins der Holzbeine, dieganze Stube drehte sich, er mit, sie fühlte ein namenloses Entsetzen, wie einen Fall in eine unendliche Leere –
»Geh fort! Geh fort –«
Dann wurde es Nacht und stumm.
– – – Es stand niemand in der Tür. Nur die acht Fenster, von dem einförmigen grauen Weiß des sonnenlosen Schneetages gefüllt, sahen auf das bewußtlose Kind am Fußboden.
* * *
– Aber es kamen Schritte. Frau v. Pohle suchte nach Fritzchen. Sie hatte im Vorbeigehen Jakob gefragt, der kratzte sich im Kopf.
»Mit der ist wohl was los, gnädige Frau. Die guckte mich eben an, als ob sie ihren Klug nicht hätte. Am End' ist sie krank, sie ist wohl zu Bett gegangen.«
Im Bett war sie nicht. In der Schulstube war sie.
Ein brennender Schreck durchzuckte die Frau, im Moment war sie neben der Gestalt, die wie zusammengeschossen mit dem Gesicht auf der Erde neben dem umgestürzten Stuhle lag.
Sie kniete neben ihr. »Fritzchen!« Aber sie konnte den starken jungen Körper nicht mit ihren schwachen Armen bewegen. Sie stand auf, um Hilfe zu holen, da sah sie den Zettel auf dem Tische.
Sie nahm und las ihn und fühlte einen Moment, wie das Herz in ihr still stand. Ihr Gesicht bedecktesich mit brennender Röte der Not, der Scham, um dies junge, herrliche Menschenbild, das hier in Schmach und Jammer vor ihren Füßen lag.
Den Zettel steckte sie zu sich.
Auch das noch! Er hat auch mit ihr zu spielen gewagt! Ein kraftschönes Leben zerrissen in Eitelkeit und Herzenskälte. O Gott, o Du Gott der Gerechtigkeit, triff ihn! Höre mich! Mann und Kinder und all mein Lebensglück hast Du mir genommen. Ich stehe in einer Wüste. Ich will nichts für mich. Aber höre den Schrei nach Gerechtigkeit. Triff ihn! Vernichte ihn, den Vernichter!!
* * *
Es kam über Nacht ein Westwind übers Land in großen, langen Stößen. Die Temperatur stieg um mehrere Grade. Als wieder neuer Schnee zur Erde nieder wollte, wurde er zu Regen. Es leckte von den Dächern und rutschte von den Bäumen. Große häßliche löcherige Vertiefungen fraß das laue Naß in die zarte weiße Schneedecke. Auf der Dorfstraße patschten die Pferdehufe, schlammten die Räder.
Die Kalesche des Doktors fuhr durch das Dorf. Sie kam von draußen herein, wo auf freiem Felde das Werk des Zertauens noch nicht so vorgeschritten war, aber hier auf dem höckrigen Pflaster spritzte der Schmutz bis hoch an das Verdeckleder hinan.
Überall steckten besorgte Gesichter aus den Türenund hinter dem Fensterglas. Um das Fritzchen war der Doktor doch noch nie geholt.
»Was ist denn los?« »Fräulein Fritzchen ist krank.« »Na nu! Uns' Fräulein? Aber nee!«
Es wußte es niemand, was in Wahrheit geschehen war, außer Frau v. Pohle – und vielleicht noch einem, wenn man es dem zufällig im Dorfe erzählte. Aber mit dem redet man doch nicht wie mit einem gewöhnlichen Menschen.
Frau v. Pohle sagte dem Doktor, daß Fritzchen gestern in Ohnmacht gefallen sei, eine unruhige fieberische Nacht gehabt habe und heute sehr matt und beängstigend teilnahmslos daläge. Sie sah auch den Doktor, dessen Assistent sie manches Mal im Dorf gewesen war, leer und gleichgültig an, erwiderte seine Begrüßung nicht und gab ihm keine Antwort.
»Laßt mich doch schlafen«, war das einzige, was sie in einer Art von müder Verzweiflung sagte.
»Sie muß einen kolossalen Nervenschok gehabt haben«, sagte der Doktor. »Sie haben keine Ahnung, gnädige Frau?«
»Nein, nein«, sagte Frau v. Pohle, aber so hastig, daß er ihr die Lüge von der Stirn ablas.
»Mit Vater – Schwester – es ist nichts passiert?« fragte er.
»O, nicht im geringsten.«
»Es wird sich augenblicklich nicht viel tun lassen«, sagte er. – »Sie muß sich gesund schlafen. Aber sowie sie wieder auf ihren Füßen stehen kann, muß sie eine Luftveränderung haben.«
»Jawohl, eine Luftveränderung!« rief Frau v. Pohle in lebhafter Zustimmung.
Na, da kann man sich's ja schon denken, Ihr Heimlichtuer! dachte der alte Doktor bei sich. Lieber Gott, menschliche Sachen. Zwanzig Lenze zählt das Wurm. Sowas geht vorüber.
»Und mal ein bißchen tanzen, Menschen sehen, Theater, Musik, all solch' ein Kram. Sie verstehen mich, gnädige Frau, sorgen Sie dafür.«
»Soviel ich kann!« sagte Frau v. Pohle.
Im Fortfahren dachte der Doktor: Ob es nicht der hochnäsige Laffe im Talar ist, der auch hier das Unheil angerichtet hat? Möge ihn der Teufel holen!
Der Fluch des kräftigen alten Doktors und das Gebet der feinen alten Dame schloß eine seltsame Verbrüderung. Es haben schon andere Throne gewackelt, als man sie niederbetete und niederfluchte. Denn auf Erden sind Mächte am Werk, die mächtiger sind als der Westwind über den Schneemassen.
Der Westwind ging um das Pfarrhaus und rüttelte an der Haustür und den Läden. Ein Reitpferd stand draußen angebunden, es war ungeduldig und stampfte, daß der Schmutz hoch aufspritzte. Ein Mann kam aus dem Hause in hohen Stiefeln, er ging durch den Garten, setzte sich zu Pferde und ritt davon. Nur der Wind war noch in der Straße. Er trieb den Regen durch die Luft und riß den letzten Schnee von den Bäumen.
Jawohl, es ist auch eine Lust, Schönheit zu zerstören! Der Wind löst die weiße Decke auf und stößtdie phantastischen Kronen von den Mauerköpfen. Ihr habt genug bewundert! Hussa, merkt Ihr, wie es trieft, leckt, pfeift, klappert, und wie alle Herrlichkeit zufließt?
Der Pfarrer steht im Zimmer und liest einen Brief. »Mein Gregor, denke Dir, seit gestern ist Hans fort. Ich glaubte, er wäre zum Arzt geritten, es hatte sich mit seiner Hand so außerordentlich verschlimmert. Ich wartete ängstlich auf seine Rückkehr und schickte ihm dann einen Boten nach. Sein Pferd hat er eingestellt und nur dem Wirt – denk' Dir, Gregor, dem Hotelwirt! – den Bescheid für mich hinterlassen, daß er schreiben würde. Er war schon vorher so seltsam, sonst würde ich mich ja nicht ängstigen. Und dann der kranke Arm. Bei dem Arzt ist er gar nicht gewesen! Lieber Gregor, wenn Du Zeit hast, komm herüber. Laß mir durch den Boten sagen, ob ich Dir den Wagen schicken soll. Oder wenn Du Nachricht von Hans hast, gib sie ihm gleich mit.«
»Der Wagen soll kommen!« hatte Gregor bestellt.
Er kannte seine Mutter, sie hatte nicht gewagt, den gleich mitzuschicken. Was sollte er auch dort? Ihr sagen, daß er etwas mehr wisse, als sie – und daß auch er eine unbestimmte Angst in sich hege?
Aber er konnte drüben wohl noch Näheres erfahren, er konnte des wütenden Jungen Spuren verfolgen. Das würde nicht allzu schwer sein. Er konnte ihn in seinem sinnlosen Hinausstürmen aufhalten und ihm sagen: Du hast keinen Schmerz und keine Bitterkeit nötig. Was Du für meine Rechte hieltest,übergehe ich alles Dir. Und das Weitere besorge Du Dir selbst.
Wie ist solche närrische Verzweiflung doch noch voll Glück, Kraft, klopfendem Leben. Um eines kleinen Mädchens willen sich Herz und Genick zerbrechen, die Welt einschlagen und nichts sehen, hören, fühlen außerdem, das ist wild und frisch wie Jagdlust und ein scharfes Reiten.
Sieh, wie ist der Schnee getaut seit gestern. Wo ist die leuchtende Herrlichkeit hin? Der Wind pfeift und der Regen rinnt, es wird eine schlimme Fahrt übers Moor.
Justine sagt, es ist Krankheit im Schloß. Es ist schon möglich, daß es hier an zwei Enden auf Tod und Leben geht. Laß es gehen, laß es ziehen, rinnen und vorüberpfeifen, wie der Westwind, der den Schnee zerschmilzt. Ich stehe daneben!
Stolzer Mensch, der also sprechen kann! Tausendmal armer Mensch, der also sprechen muß! Es gibt ein Königtum unter den Menschen, das ihre Fesseln nicht trägt, nicht den Schutz ihres Daches und die Wärme ihres Herdes teilt. Das selbst von dem Schmerz, der ihm Fessel sein könnte, unabhängig ist.
Der Ärmste ist zugleich der Mächtigste. König Gregor, es beneiden Dich wohl wenige um Deine Krone.