The Project Gutenberg eBook ofGabrielens Spitzen: Zwei NovellenThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Gabrielens Spitzen: Zwei NovellenAuthor: Grethe AuerRelease date: October 11, 2021 [eBook #66515]Most recently updated: October 18, 2024Language: GermanCredits: the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This book was produced from images made available by the HathiTrust Digital Library.)*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GABRIELENS SPITZEN: ZWEI NOVELLEN ***
This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.
Title: Gabrielens Spitzen: Zwei NovellenAuthor: Grethe AuerRelease date: October 11, 2021 [eBook #66515]Most recently updated: October 18, 2024Language: GermanCredits: the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This book was produced from images made available by the HathiTrust Digital Library.)
Title: Gabrielens Spitzen: Zwei Novellen
Author: Grethe Auer
Author: Grethe Auer
Release date: October 11, 2021 [eBook #66515]Most recently updated: October 18, 2024
Language: German
Credits: the Online Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This book was produced from images made available by the HathiTrust Digital Library.)
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GABRIELENS SPITZEN: ZWEI NOVELLEN ***
Zwei NovellenvonGrethe Auer
Egon Fleischel & Co. / Berlin / 1919
Alle Rechte, besonders dasder Übersetzung, vorbehaltenAmerikanisches Copyright 1919by Egon Fleischel & Co., Berlin
Mit der ersten Auflage dieses Werkeswurden fünfzig Exemplare aufBüttenpapier gedruckt und von derVerfasserin numeriert und gezeichnet
Die Frau, von der ich jetzt erzählen will, war eines Schreibers Tochter in einer rheinischen Stadt, in der die Üppigkeit eines kleinen Fürstenhofes, Kunstsinn einer altangesessenen und wohlhabenden Bürgerschaft und natürliche Leichtlebigkeit und Anmut der unteren Bevölkerungsschichten zusammenwirkten, um einen für jene Zeit bedeutenden Grad von Sinnenkultur hervorzubringen. Es haben Männer aus jener Stadt später oft führende Stimmen im Rat der hohen Kunst besessen; oft hat sie Feldherren gestellt in den Kampf eines neuen Kunstgedankens gegen einen alten. Doch das tut nichts zur Sache. Was uns angeht – in jenem ersten Drittel des achtzehnten Jahrhunderts – ist nur eine gewisse Feinheit und Freiheit der Lebensauffassung, eine gewisse Veredlung alles Trieblebens durch echtes Schönheitsempfinden, die durch alle Schichten der Bevölkerung zu bemerken waren und die es einem armen Schreiberskinde ermöglichten, eine Künstlerin zu sein.
Im Hause des Schreibers herrschte bei einer vielköpfigen Familie und einfachster Lebensführung durchaus kein Mangel irgendwelcher Art. Die nüchterne Kost genügte stets für alle, ein bescheidener Leckerbissen krönte die Feiertage, und ein zufälliger Gast fand immer freundliche Bewirtung. Das wenige Hausgerät, obzwar schlicht und derb, war stets in gutem Zustande, wozu die liebevolle Behandlung, die ihm von allen Seiten zuteil ward, nicht wenig beitrug. Da jedes Stück selbst erworben, lang erstrebt und mühsam in langen Raten bezahlt war, so verkörperte es gleichsam ein paar Jahre Lebensgeschichte des Erwerbers, besonders, wenn noch eigene Kunstfertigkeit hinzutrat, die den Wert des Gerätes erhöhte. So war das eigengesponnene Linnen der Betten durch eigengeklöppelte Spitzen bereichert, in denen alle Feierabende und Sonntagnachmittage sämtlicher Frauen der Familie Gestalt gewonnen hatten; die Mußestunden der Männer hatten sich in sinnreiche Bemalung der tannenen Schränke und Truhen, in leichtes Schnitzwerk an Bettleisten und Stuhllehnen umgesetzt; und die Glorie einer frohen Erinnerung, der Wehmutsschleier einer trüben schwebten undwebten über jedem Dinge. Noch wurden Wohnungen nicht gewechselt, Hauseinrichtungen nicht fertig gekauft, schnell abgenutzt, erneut und getauscht nach Belieben. Sie entstanden unter den Schicksalen der Menschen, trugen ihren Stempel und überlebten sie als Denkmäler ihres Wesens.
Wie alle Glieder der Schreibersfamilie an dem Bau, der Erhaltung und Verschönerung ihres Heims tätig gewesen waren, so trugen auch alle zu dem bißchen Wohlstand und Wohlleben der Familie bei, indem alle nach Kräften erwarben. Jedes der Kinder hatte sein Talent oder seine Tüchtigkeit und, kaum den Kinderjahren entwachsen, seinen Broterwerb. Und diejenige unter den Töchtern, deren Geschichte ich erzählen will, war Spitzenklöpplerin und zählte die vornehmsten Frauen der Stadt zu ihren Kundinnen.
Es war eine kleine Person, dunkel, mit großen, aber keineswegs schwärmerischen Augen, äußerst zarter, aber blühender Haut und dem prächtigsten, glatten, rabenschwarzen Haar, das sie in Zöpfen unter einer sittigen kleinen Haube verborgen trug. Ihr braunes Kleidchen sah dank ihrer friedlichen Beschäftigung immerwie neu aus, das Busentuch stets rein und weiß, und das goldene Kreuzchen, das sie an einem Sammetbändchen am Halse trug, hob die Zierlichkeit ihrer Erscheinung durch sein Blinken gerade genug, um ihrer keuschen Jugendlichkeit nichts zu nehmen. Sie hieß Gabriele; und wie auch der Name im Munde ihrer Umgebung verdorben wurde, sie selbst sprach ihn stets unverkürzt; und hätte sie schreiben können, sie würde ihn auch unverkürzt geschrieben haben.
Gabriele hatte zwar in ihrer Kindheit bei den Klosterfrauen einiges gelernt; aber, dem ohnehin dürftigen Unterricht kaum entwachsen, hatte sie unverzüglich alles wieder vergessen bis auf das Spitzenklöppeln und -nähen, das sie mit der Leidenschaft einer echten Künstlerin betrieb. Nicht nur hatte sie die gewandtesten Finger; sie hatte auch Gedanken: sie ersann Formen, veredelte und verbesserte die vorhandenen und liebte es, ihre Muster im feinsten Faden und in der mühevollsten Technik der Klöppel und der Nadel auszuführen; denn da sie unendlich flink arbeitete, so geschah es nicht leicht, daß ein angefangen Stück Arbeit ihr zum Überdruß wurde. Alles, was unter ihrenHänden entstand, erfüllte sie in seiner Sauberkeit und Regelmäßigkeit mit solcher Freude, daß sie vergaß, wer es geschaffen und erdacht hatte, und es wie ein Geschenktes hinnahm. War ein Stück fertig, so trippelte sie flink und glücklich nach dem Hause der Bestellerin. Nie gab sie ihre Arbeit in Dienerhände: selbst wollte sie sie vorlegen, selbst auf ihre Schönheit aufmerksam machen, selbst das Lob ernten, das dem Wohlgelungenen zukam. Sie pflegte ein Stück schwarzen Sammets bei sich zu tragen, darauf breitete sie die Spitze, ehe sie sie vorzeigte.
Und dann bewunderte sie ihr eigenes Werk so herzlich, unschuldig und ehrlich, daß es niemandem einfiel, dies als Eitelkeit oder gar als berechnete List zur Erzielung eines höheren Preises aufzufassen.
Wie eine Mutter ihr Kind anbetet, von dem sie weiß, daß sie selbst nichts tun konnte, als das vom Himmel Gegebene hüten und heilig halten, so betete Gabriele ihre kleinen Kunstwerke an, ohne sich eigentlich ein Verdienst daran beizumessen. Man hörte sie auch nie sagen: »Dies habe ich so oder so gemacht«, sondern stets: »Dies ist gut geworden« oder »Diesist recht artig herausgekommen«, wobei doch jedermann empfand, daß sie diese Worte nicht wählte, sondern unbewußt als die einzig angemessenen vorbrachte. Deshalb mochten es die großen Damen auch gerne leiden, wenn die kleine Klöpplerin mit ihrer Arbeit bei ihnen eintrat; sie brachte etwas mit, was keine von ihnen verstand oder kannte, und was sie doch anwehte wie ein Hauch aus dem Paradiese.
Am heiligen Sonntag klöppelte Gabriele nicht. Da ging sie zur Kirche, wobei freilich nicht verschwiegen werden darf, daß sie es weniger um Gottes Wort zu hören tat, als einigen köstlichen Altarspitzen zuliebe, deren Zeichnung sie in ihrem Gedächtnis nur fixierte, um sie gleich wieder ihrer stets tätigen Phantasie zum freien Spiel zu überlassen. Den Nachmittag aber legte sie vollends die Hände in den Schoß – das heißt, sie klöppelte und nähte nicht, zwang sich auch nach Möglichkeit, nicht in Gedanken an einem Entwurf weiter zu grübeln; da gab sie sich ganz dem Zusammensein mit Eltern und Geschwistern hin. Der Sonntag war der Tag, der alle, die die Wochenarbeit auseinander gerissen hatte, in einem Raum und an einem Tische vereinigte. Da war diekleine Wohnstube, die während der ganzen Woche still und sauber aufgeräumt stand und keinen Laut vernahm als das surrende Spinnrad der Mutter oder den leichten Elfentanzschritt von Gabrielens Klöppeln, plötzlich belebt, übervoll und lärmend. Jeder der Brüder, jede der Schwestern hatte eine Sonntagnachmittagspassion, sei es, daß sie für ihre Gewandung arbeiteten, die sie während der Woche vernachlässigen mußten, sei es, daß sie Hausgerät und Zieraten herstellten, die sie lange begehrt hatten und nicht durch Kauf erwerben konnten. Der hämmerte, jener brannte, einer schnitzte; jene klapperte mit der Schere, diese mit Stricknadeln, eine dritte mit dem dampfenden Plättsteine. Dazu rauchten die Männer, daß die Luft wie eine bläuliche Wand zwischen den einzelnen stand, und im Ofen zischten leise die bratenden Äpfel, Wohlgerüche mit Wohlgerüchen mengend. Alle redeten, alle lachten, und der oder jener sang auch. Gabriele und die Mutter sorgten für die Mahlzeiten, und die stets Emsigen nahmen diese Aufgabe für Erholung und sonntäglichen Müßiggang, dem sie sich mit all der Schwelgerei hingaben, die ihre kleinen Mittel erlaubten. Duftete danndie Mehlsuppe, ein gebackener Fladen oder gar ein Stück Fleisch auf dem Tische, so trat eine große Stille ein, und man vernahm nichts als leises Klirren der Löffel und behagliches, langgezogenes Schlürfen. Bald aber schwirrte es um so lustiger wieder durch die erhitzte Luft der Stube.
Das waren Gabrielens Feste. Einmal oder zweimal im Jahr sah sie eine Volksbelustigung, einmal oder zweimal im Jahr genoß sie eine fröhliche Sommerfahrt in grünes Land. Das waren dann Erinnerungen, die leuchteten lange nach. Aber die Alltäglichkeit hatte auch ihren Glanz, mochte er auch nur geborgt sein von dem Sonnenschein in Gabrielens eigenem Wesen. Krankheit blieb dem Hause fern; Mangel am Nötigsten hatte die tätige Familie nie erfahren müssen, und Monate knappen Erwerbes machten nur freudiger und erfinderischer zur Arbeit. Es waren glückliche Menschen und Gabriele, weil die Kunstfertigste, die Glücklichste.
Dann kamen Freier für die Schwestern, dann vermählten sich die Brüder. An den Sonntagnachmittagen wurde die Stube enger, die Luft heißer und dicker, der Lärm mannigfaltiger. Kinderstimmen gellten, Kinderfüße trapptenpolternd dazwischen. Vielfach klangen manchmal ein kurzer, lebhafter Streitlärm, ein Kreischen, auf den Tisch donnernde Fäuste dazu. Aber es endete immer in Eintracht, und auch das bedeutete nur vermehrte Freude.
Gabriele war die letzte Unvermählte, vielleicht weil sie die Feinste und Schönste der Familie war. Einfache Männer wagen sich nicht gern an das Aparte, und Gabriele war apart und ein bißchen hochnäsig, insofern, als sie derbe Scherze nicht liebte. So fröhlich sie war, das Lachen versagte ihr oft da, wo die werbenden Männer am meisten erwarteten, es zu hören. Das machte die Freier scheu, und schon glaubte jedermann, Gabrielen sei es nicht bestimmt – – da schlug auch ihre Stunde.
Es war an einem Sommerabend, als im Städtchen das Leben sich in allen Gassen drängte. Duft von weißem Holunder wehte aus irgendeinem Garten. Frauen und Greise saßen auf den Bänken vor den Häusern; Kinder, Hunde und Spatzen tummelten sich in den Gassen, die Männer standen unter den Türen der Werkstatt, der Boutique, der Kanzlei und warteten auf den Feierabendschlag, schon müßig, ehe er erklang. Die milde Wärme löstejede Spannung, jede Sorge, jeden Arbeitstrieb, weckte den Lebensgenuß, die Sorglosigkeit, den Leichtsinn – als ob es nie mehr einen Winter, Not und Kälte geben sollte.
Da kam auf Stöckelschuhen, die fast so hell und flink klapperten wie ihre Klöppel, Gabriele durch die Gasse getrippelt. Sie hatte etwas vollendet, was ihr besonders gefiel, und sie trug das fertige Stück seiner Bestimmung zu. Da wollte es der Zufall, daß ein vornehmer Müßiggänger, der ziel- und absichtslos durch die abendliche Schönheit schweifte, die Vorstadtgasse kreuzte und das Mädchen erblickte. Er folgte ihm bis in das stillere Quartier der Reichen, wo die Bestellerin der Spitze wohnte. Er sah die schöne Person vor einem großen steinernen Hause haltmachen, das er erfreut als das eines Freundes erkannte. Er trat hinter ihr ein, eilte vor ihr die Treppen hinauf und stand neben dem Lehnstuhl der greisen Herrin des Hauses, als die höflich knixende Gabriele unter der Tür des Gemaches erschien.
Das Herz der kleinen Klöpplerin, das bei der offensichtlichen Verfolgung bereits etwas ängstlich zu pochen begonnen hatte, beruhigte sich sofort beim Anblick des Mannes an diesemOrte. Gabriele gehörte zu den seltenen Menschen, die jedem Ding gern die natürlichste Erklärung geben: daß dieser Mann denselben Weg gehabt wie sie, daß er in dies Haus gehörte und daß er mit Fug und Recht Leuten, die da aus und ein gingen, etwas scharf ins Gesicht blicken mochte, das war eine Folgerung, mit der sich Gabriele ohne weiteres zufriedengab. Sie knixte bescheiden und artig auch vor ihm, dann begann sie unbefangen, ihren Sammetfleck auszubreiten und die Spitze darauf zu entfalten.
Es war ein feines Gebilde von Sternen und duftigen, nebelzarten Hintergründen, aus denen sich die kräftigeren Linien eines streng gehaltenen Musters hervorhoben. Ein blühender Kirschbaum; der Schaum eines Wasserfalls; die windgekräuselte Fläche einer Wiese voll weißer Sternblumen; Schneeflockentanz oder rieselnder Regen abfallender Sternchen der Holunderdolde – alles das konnte dem Beschauer zu Sinn kommen, der dies reinliche Stückchen Menschenwerk sah. Und doch stand eine feste, straff geführte Zeichnung in dem Nebelbilde. Die kleine Künstlerin selbst faltete die Hände, wie sie drauf niederblickte,ganz versunken in die Vollkommenheit dessen, was sie im einzelnen durchdacht und ausgeklügelt, in seiner ganzen Wirkung aber nur eben geahnt hatte.
Gleichfalls mit gefalteten Händen aber, und nicht weniger als sie versunken in den Anblick einer Vollkommenheit höherer Art, stand der Mann, der Gabriele verfolgt hatte. Die Klöpplerin hatte sich bedachtsam so gestellt, daß ihre Figur keinen Strahl des sinkenden Lichtes von ihrem Kunstwerke hinwegnahm; dafür traf nun sie selbst die volle Beleuchtung. Alles Feine, Säuberliche und Zierliche an ihr kam zu voller Würdigung: die seidige Haut, die Weichheit ihres Haares, die dunkle Glockenschweifung ihrer langen Wimpern, die durchsichtige Zartheit der kleinen Ohren nicht weniger als das tadellose Gefältel der Haube, die Unverbrauchtheit ihres Anzuges, die züchtige Ordnung des Halstuches. Und vielleicht waren es Bilder noch holderer Art, die dem Beschauer dieses Stückchens Gotteswerk zu Sinn kamen, denn ein inniges und sehr glückliches Lächeln verbreitete sich langsam über sein Gesicht, in dem auch nicht der Schatten eines niedrigen Gedankens mehr zu sehen war. Er richtete mitfreundlicher Stimme einige übliche Fragen an Gabriele, und wenn sie bei der Antwort in seine Augen blickte, was sie mit der Unerschrockenheit der Unschuld tat, so begegnete sie dem Ausdrucke lauterster Güte.
Als Gabriele heimwärts wandelte durch die Straßen und Gassen, in denen nun die Dämmerung wob, mußte sie recht ernsthaft an den großen vornehmen Mann denken, der sie so gütig angeblickt hatte. Sie verhehlte sich nicht, daß sie einem ähnlichen Blick nie in ihrem Leben begegnet war. Sie hatte oft genug Bewunderung und Begehren in Männeraugen gesehen, aber nur in den Augen glücklicher Mütter etwas von dem, was dieser Fremde über sie ausgegossen hatte. Und wie sie über das Erlebnis nachdachte, ertappte sie sich auf dem sonderbaren Wunsche, diesem Manne als Magd zu dienen, wenn es einmal mit dem Spitzennähen vorbei sein sollte. Gabriele wußte, daß die Augen vieler Klöpplerinnen in noch jungen Jahren den anstrengenden Dienst des Ausnähens versagen, und der Gedanke an diese Möglichkeit hatte sie oft erschreckt. Jetzt sah sie in ein Zukunftsbild, wo es sich auch ohne die gewohnte Arbeit recht annehmbarleben ließ: sah ein freudiges Schaffen aus innerm Herzenstrieb vor sich, wie sie es bisher noch nie einer Person, nur ihrer Kunst dargebracht hatte.
Einige Tage nach diesem Vorfall trat der fremde Mann in Gabrielens Stube; er bestellte Spitzen, er ließ sich Muster zeigen, er sprach viel und fragte eingehend über die wunderlichsten Dinge. Gabriele antwortete in wahrer Herzensfreude, schon jetzt den künftigen Gebieter in ihm verehrend, und bemühte sich, ihr Bestes zu zeigen, um seine gute Meinung für kommende Zeiten zu gewinnen. Darüber merkte sie nicht, wie lange er blieb und wieviel er frug, was gar nicht zur Sache gehörte. Auf ihren stillen, morgenlichten Lebensweg war plötzlich in goldener, breitstrahlender Fülle der blendendste Sonnenschein gefallen; sie vermochte noch nicht, die Augen ganz aufzuschlagen.
Sie hatte nun erfahren, daß der Fremde ein Ratsherr war und einer der reichsten Patrizierfamilien der Stadt angehörte. Er hatte ihr seinen Namen genannt, hatte ihr beschrieben, wo er wohnte, und ihr befohlen, die Spitzen dahin zu bringen. Ohne Arg sagte Gabriele zu. Schnell huschte der listige Vorsatz durchihr Köpfchen, sich das Haus, in dem sie einmal dienen wollte, gut anzusehen: »ob etwas zu lernen wäre, was sie noch nicht könnte«. Sie lächelte ein wenig bei dem Gedanken, daß sie dann etwas anderes als Mehlsuppen würde kochen müssen. Aber was wollte sie nicht können, wenn es diesem Herrn galt?
Sie machte sich an die Spitzen und spann dabei an den frömmsten und demütigsten Vorsätzen. Sie dachte an tausend kleine Verrichtungen, die sie für Vater und Brüder zu tun gewohnt war, und ob jener Gestrenge auch damit zufrieden sein würde. Und in der Sorge um sein Wohlgefallen schien ihr plötzlich auch ihre Kunst arm und ihr Fleiß ungenügend. Sie warf beiseite, was sie begonnen hatte, und fing noch einmal mit feinerem Faden an.
Wenn Gabriele je ein Kunstwerk geschaffen hatte, so war dies Stück Spitze eines. Wie von leichten Winden getragen, lebte und webte das Geranke auf dem duftklaren Grunde; jede Blüte öffnete sich in voller Wonne, jede Knospe zitterte, schlanke Stäbe von leichtem Gitterwerk strebten kühn nach oben und stützten die flatternde Wildheit der Zweige, und Schmetterlinge mit ausgebreiteten Schwingen lagenruhend auf den Wogen der Luft. Ein ganzer Frühling, nur im lauteren Weiß eines Schneeblumentraumes, erwachte unter den emsig spielenden Fingern. Die Klöppel klangen wie klappernde Pantöffelchen zahlloser kleiner Elfen, die hurtig und froh den Wunderwebstuhl bedienten; in lautloser Stille aber zog die Nadel ihre magischen Kreise, feierlich, langsam und preziös bedächtig, wie ihrer größeren Wichtigkeit bewußt.
Der Ratsherr kam von Zeit zu Zeit, um den Fortschritt des Werkes zu betrachten. Wenn er in die Stube trat, ruhten die Klöppel, denn dann fühlte Gabriele ihre Finger kalt und unruhig und zu subtiler Arbeit untauglich werden. Sie stand vor dem Gewaltigen auch lieber auf: schon stehend fühlte sie sich so klein neben ihm. Und dann war er doch auch ihr zukünftiger Herr, und Sitzen und Weiterarbeiten vor ihm wäre eine Unziemlichkeit gewesen.
Der Ratsherr pflegte recht ausgiebig zu loben, und Gabrielens Herz hüpfte vor Freude, wenn sie sah, wie gut er das wahrhaft Kunstreiche und Schwierige zu würdigen wußte. Das war ein Mann, dem edle Arbeit durch die Finger gegangen war! Sein verständiges Lobgab Gabrielen die anfänglich erschütterte Sicherheit zurück, sie fing wieder an, sich unverhohlen des Gelingens zu freuen, und je mehr sie sich freute, desto schöner und holder sah sie aus, so daß es fast eine zu harte Probe für des Mannes Liebe wurde, das ernste Spiel nicht durch einen voreiligen Ausbruch von Zärtlichkeit ganz zu verderben. Seine Besuche wurden immer länger, kamen immer häufiger. Er gab ihnen eine gewisse Begründung durch allerhand Belehrendes, was er Gabrielen zutragen zu müssen vorgab: denn wie alle Geniemenschen trieb diese kleine Fee ihre Kunst nur nach den Geboten ihrer eigenen Seele und ahnte nicht, daß es außerhalb dieser und dem Stückchen ererbter Tradition noch unermeßliche Möglichkeiten gab. Sie besaß eine Sammlung pergamentener Klöppelbriefe, die uralt waren. Die Jahreszahl 1604, die irgendwo auf dem ersten Blatte neben dem Namen des Sammlers stand, hatte keine Bedeutung für sie; die vorhandenen Muster veränderte und veredelte sie mit sicherem Stilgefühle. Nun kam der Ratsherr, und plötzlich stieg aus den vergilbten Blättern ein lebendiges Bild von Menschen- und Völkerschicksalen empor. Jedes Muster in dem altenBuche trug den Namen eines fernen Landes, einer Stadt: von einem längst versunkenen Kaiserreiche Byzanz, vom wogenumspülten Venedig, von der fernen Königin der Meere, dem glorreichen Genua wußte der vielwissende Mann die gewaltigsten Dinge zu erzählen. Dann wieder beschrieb er den stillen Fleiß holländischer Schifferfrauen, die träumend des Liebsten im tosenden Weltmeere denken, die höfische Pracht Frankreichs, wo der größte aller Könige die schöne friedliche Kunst der Frauen geadelt und gelohnt habe; die Nöte wandernder Hugenotten, die die Gottesfunken des reinen Glaubens weitertrugen, aus Holland und Frankreich in deutsche Lande, und mit ihm als Bild und Schild ihrer Tugend die edle Arbeit. Auch brachte er neue Muster aus Gent oder Alençon, die vielleicht ein tüchtiges kleines Menschenwesen wie Gabriele in die Welt geschickt hatte, vielleicht aber auch ein großer Künstler, der eigens zu dem Zweck studiert hatte und viel Gold und Ehre mit seiner Erfindung gewann. Gabrielens Geist erfaßte bang und doch froh die Lehre von der Weltbedeutung der Industrie, von der Mitarbeiterschaft stiller Frauen am Wohlstandeund Ruhm ganzer Völker. Sie versuchte auch gern die Anwendung mancher Lehre, die dem anschaulichen Unterrichte entfloß, ahmte die neuen Muster nach, grübelte über ihre Technik, wagte und probierte, und durfte bald ein Gelingen verzeichnen. Den Ratsherrn beglückte die Feinheit und Richtigkeit ihres Empfindens, die Klarheit, die sie über ihr Können und seine Grenzen besaß.
So ging das Werk zu Ende. Gabriele wurde desto stiller, je mehr sie sich dem Abschluß näherte, sie arbeitete auch langsamer und saß oft lange in müßigem Träumen vor ihrem Kissen, während sie sonst wohl ein wenig gehastet hatte, wenn es zur Vollendung ging. Es tat ihr weh, sich von dieser Arbeit zu trennen.
Mit Tränen löste sie die letzten Nadeln aus der Spitze, rollte ihren Klöppelbrief zusammen und legte ihn in ein Kästchen, das einige kindliche Reliquien barg: kein anderer sollte je dieselbe Spitze tragen. Dann machte sie sich, diesmal mit langsamen Schritten und ganz blaß vor Leid, auf den Weg nach dem glänzendsten Hause der Stadt. Sie hatte dem Ratsherrn die Ablieferung für den bestimmten Tagversprochen, sonst hätte sie wohl das geliebte Stück Arbeit noch ein Weilchen für sich behalten.
Als sie nach dem Hause des Gestrengen kam, erschrak sie sehr. Sie sah festlich geschmückte Menschen in der Halle, auf den Treppen, in den Gemächern, durch die ein schweigender Diener sie führte. Einige von diesen Menschen blickten sie lächelnd, andere erstaunt, andere ernst und forschend an, aber kein einziger gleichgültig.
Gabriele fühlte sich nur von dem Gedanken bedrückt, daß sie vielleicht in dieser letzten Stunde den geliebten Mann nicht allein sehen, daß sie seine Aufmerksamkeit mit vielen anderen teilen würde. Vielleicht würde er gar nicht Zeit haben, die fertige Arbeit in diesem Augenblicke zu betrachten; er würde sie beiseitelegen, vergessen, vielleicht nach vielen Tagen zufällig darauf stoßen – und Gabriele hätte doch so gern noch einmal sein knappes, scharfes Urteil gehört. Sie empfand es bitter, daß so ihrer Schaffensfreude Lohn und Krone genommen sein sollte, und schon erwog sie, ob sie nicht umkehren und zu gelegenerer Stunde wiederkommen sollte, als sie den Ratsherrn, voneinigen würdig aussehenden Matronen geleitet, auf sich zuschreiten sah.
Sie erkannte schnell in den alten Damen Kundinnen und Beschützerinnen und fühlte sich ein klein wenig versöhnt mit dem Mißgeschick der Stunde. Wie sie aber, an einen Tisch geleitet und von vielen Neugierigen umringt, ihre Spitze, um die alle zu wissen schienen, entfalten sollte, brach ihr fast das Herz. Es schien ihr grausam, daß sie vor gleichgültigen Gaffern bloßlegen sollte, was ihr das Heiligste und Liebste im Leben war. Und nicht mit der gewohnten leuchtenden Freude stand Gabriele diesmal vor ihrer Gabe, sondern trübe, in lautloser Ergebenheit und ganz stumpf gegen den Beifall, der sie von allen Seiten umrauschte. Langsam verschleierten sich ihre Augen; sie fühlte, daß sie eilen müsse, dem Getriebe zu entkommen, und mit einer Verbeugung gegen den Hausherrn suchte sie die Türe zu gewinnen.
Aber schnell faßte der Ratsherr sie an der Hand und bat sie, zu verweilen und als sein Gast dem Feste, in das sie nun einmal geraten sei, ein Weilchen beizuwohnen. Auf Gabrielens erschrockene Abwehr hin mischten sich auch die würdigen Damen ein, und jede hatte ein liebesWort für das geängstigte Kind. Die Matrone, in deren Haus jene erste kleine Begegnung zwischen Gabrielen und dem Ratsherrn stattgefunden hatte, sprach besonders gütig zu ihr; sie berichtete der langsam Auftauenden, es wäre zwischen den Gästen bereits verabredet worden, Gabrielen zum Bleiben aufzufordern, falls sie, wie erwartet, mit ihrer Spitze erscheinen sollte; und da sei niemand so hochmütig, einer so braven und fleißigen kleinen Person den fröhlichen Abend zu mißgönnen. Sie möge nur bleiben und sich an allem Gebotenen gütlich tun und sich einmal recht ansehen, wie es bei den reichen Leuten zugehe. Wenn sie sich aber dabei auch ein bißchen freuen könne, so statte sie ihrem Gastgeber dadurch den allerliebsten Dank ab, denn ihm sei daran gelegen, ihr für die besonders tüchtige und geduldige Arbeit eine kleine Ehrung widerfahren zu lassen.
Gabriele war sprachlos, aber der überglückliche Ausdruck ihres Gesichtchens antwortete deutlich genug, daß ihr der eigentümliche Extralohn, den der vornehme Mann ihr zugedacht, keineswegs zuwider war. Sie stammelte nur noch etwas Undeutliches von armseliger Gewandung– aber der Ratsherr rief alsbald ein paar jüngere Frauen heran und bat sie, seinen kleinen Gast nach Möglichkeit zu schmücken.
»Nach Möglichkeit, Bruder?« rief eine große blonde Frau von heiterem Wesen, »nach Möglichkeit ist mehr verlangt, als du von unseren Frauenherzen billig erwarten kannst! Denn sie würde uns alle ausstechen, wenn wir mehr als das Nötigste täten!« Gabriele wurde flammendrot und schlug die Augen zu Boden, weil sie dachte, man spotte ihrer. Aber als sie den Ratsherrn die wohlwollende Necklust der blonden Frau durch ein scharf verweisendes: »Laß die Torheiten!« bestrafen hörte, tat es ihr leid, und sie lächelte mit einer sanften Bitte um Verzeihung im Blick den Personen zu, die sich nun an ihr zu schaffen machten.
Die Männer wurden von den munteren Frauen ins Vorgemach gewiesen, und alsbald sah Gabriele sich der Haube und des Busentuches beraubt. Während eine Hand ihr Haar löste, wieder flocht und durch funkelnde Spangen in ganz anderer, vornehmer Weise feststeckte, legte eine andere ihr die eben vollendete, köstliche Spitze um die Schultern. Es bedurfteweiter nichts, um die kleine Klöpplerin in eine allen anderen durchaus ebenbürtige Erscheinung zu verwandeln; die artige Haltung ihrer feinen Figur und das schöne Maß ihrer Bewegungen taten das übrige.
Als Gabriele vor dem Ratsherrn stand, entschuldigte sie sich zaghaft, daß man gewagt habe, ihr die kostbare Spitze umzulegen; er aber erwiderte freundlich, dies sei durchaus in seinem Sinne geschehen; an ihrem Leib sei ihm die Spitze so sicher, als läge sie in einem Reliquienschreine. Sie versicherte eifrig und beruhigt, sie wolle die Spitze fein hüten, und wandte sich nun der Unterhaltung zu, die das fröhliche jüngere Volk sich schaffte. –
Es war tatsächlich ein Zufall gewesen, was Gabrielen in die hochansehnliche Gesellschaft geführt hatte. Als nämlich die kleine Künstlerin den nahen Ablieferungstermin für ihr Werk festgesetzt hatte, war dem Mann die Antwort entglitten: »Wohl, ich werde dich erwarten, da ich weiß, daß du deine Arbeit nur dem Besteller zu übergeben pflegst.« Eine Minute darauf war ihm das Fest eingefallen, das am gleichen Abend in seinem Hause stattfinden sollte: er fühlte, daß das liebe Mädchenvor der geputzten Schar erschrecken würde, und daß der kleine Akt der Übergabe, der ihr sonst zum Ereignis zu werden pflegte, ihr durch Befangenheit und Scheu getrübt werden würde. Ihr – und ihm! Er hatte alles auf diesen Augenblick verschoben, er erwartete alles von ihm. Aber gerade in tiefem Vorgefühl einer bedeutungsvollen Wendung verwirrte und bedrückte ihn das unerwünschte Zusammentreffen aufs heftigste. Ihn bedrängte die Frage, die ein Unbefangener leicht gelöst hätte: unter welchem Vorwande er Gabrielens Kommen verschieben solle – bedrängte ihn heißer als manche schicksalsschwere Frage in Völkerhändeln. Es erschien ihm hart, ihr schlechtweg zu sagen: »Du kommst mir ungelegen, denn ich habe Gäste!« und es erschien ihm beleidigend und töricht, sie geradezu aufzufordern: »Komme, wenn ich allein bin!« So ging der Ratsherr an diesem Tage unentschlossen heim, und nachdem er eine unruhige Nacht voll nutzloser Grübeleien verbracht, verfiel er auf den Ausweg, seine alte Freundin, die auch Gabrielen wohlgesinnt war, um Rat zu fragen.
Die würdige Frau fand gleich die natürlichste Lösung. Gabriele sei ein Wesen, dem man wohleine seltene Auszeichnung zuteil werden lassen dürfe. Sie sei klug genug, um die Sache zu würdigen, wie sie gemeint sei, und nicht Wünsche und Begierden in sich aufkommen zu lassen, die ihrem Stande nicht angemessen wären. Sie selbst wolle Gabrielen die Sache erklären. Jedermann sei Gabrielen gut und würde ihr die Ehre und Freude dieser Einladung gönnen.
Das Gesicht des Ratsherrn, als er diesen Vorschlag anhörte, verriet der weisen Freundin, wie sehr sie das Richtige getroffen habe. Mit einem Lächeln voll feinen Verstehens reichte sie ihm die Hand.
Den Ratsherrn hatte zuerst nur die edle Billigkeit des Gedankens gewonnen, und ihm gefiel die Vorurteilslosigkeit, mit der die vornehme Frau die Sache vorbrachte. Dann aber tauchte leise eine andre Vorstellung in ihm auf, bei der es ihm erst klar wurde, was er in Gabrielen sah. Daß die Geliebte in seinem Hause umhergehen sollte, daß er ihr seinen Reichtum und sein ganzes Ansehen gleichsam zu Füßen legen wollte, ja, daß am Ende gar die ungewöhnliche Stimmung des Vorganges das Wort lösen würde, das seit langem in seiner Seele schlummerte – diese Möglichkeitenstiegen in schönen, triumphierenden Bildern langsam in der Seele des Mannes auf. Der Ratsherr sah dem Tage dieses Festes als dem entscheidendsten entgegen.
Schöner, als er gehofft, erfüllten sich seine Erwartungen. Mit einem Anstand ohnegleichen bewegte sich Gabriele in dem vornehmen Hause; ohne im geringsten von ihrer Natürlichkeit abzuweichen, wußte sie Sprache und Benehmen so sehr dem gehaltenen Tone dieser Gesellschaft anzupassen, daß ein Uneingeweihter sie ohne Zweifel als dazugehörig eingeschätzt haben würde. Dazu verhalf ihr in erster Linie ihre Bescheidenheit, die sie mit einer Art religiöser Dankbarkeit über dies unverhoffte Glück erfüllte. Nicht nur der Ratsherr selbst, sondern auch jeder Gast des Hauses anerkannte erstaunt diese Vollkommenheit der Form. Was vorher gönnerhafte Herablassung war, wurde wirkliches Wohlwollen, und es verging wenig mehr als eine Stunde, so ward Gabrielen gehuldigt wie einer kleinen Königin.
Es erschien sonderbar, daß die so unerwartet Gefeierte sich ihres Erfolges nur lau zu freuen schien. Bei den artigsten Worten, die verzückte Bewunderer ihr zuflüsterten, sah man sie mitgespannter Aufmerksamkeit einem Gespräche lauschen, das zehn Schritte von ihr geführt wurde, und ihre Erwiderung bestand meist in einer Frage, die große Lernbegier, aber sehr geringes Verständnis der Situation des Augenblicks verriet. Einige der Schwärmer wurden von dieser augenscheinlichen Kälte abgeschreckt; andre um so tiefer angezogen; aber keiner verstand den Vorgang.
Es verhielt sich mit Gabrielens Nachdenklichkeit etwas anders, als der liebende Mann sich vorstellte. Zu wiederholten Malen im Verlauf dieses Abends war es geschehen, daß Gabriele auf irgendeinen Gegenstand aufmerksam gemacht wurde, der zu besonderer Ehre und Zierde des vornehmen Hauses gehörte. Sie hörte auch von nichts anderem so oft und so eingehend sprechen, wie von dem Wert und der Schönheit eines Gemäldes, einer Schale, einer Figur, der Geschichte seines Erwerbes, der Art seiner Herstellung. Die kleine Gabriele, die sich bisher nur an dem zarten Kunstgedanken einer Spitze hatte berauschen können, bekam nun manches zu sehen, was ihr den Atem nahm: an Goldfiligran, Holzwerk, Glas und Silber, an Gewebtem und Gesticktem, anLeder und Pergament, an Bildnissen in Farbe und Marmor, mehr als nach ihrer Ansicht der prunkvollste Dom aufzuweisen hatte. Und sie, die alles, was sie sah, in Beziehung zum wirklichen Leben bringen mußte, sie empfand wie einen Alp die Vielgestaltigkeit der Bedürfnisse. Sie verstand, daß diese Menschen mit anderen Sinnen empfanden als sie; daß das, was Gabriele bisher als Mittel zum Leben angesehen: Kleidung, Nahrung und Hausgerät, ihnen als Zweck des Lebens erschien. Und es erfaßte sie etwas wie Angst vor dem Aufwand an Zeit, den so ein Dasein verschlang, ohne etwas anderes davonzutragen als wachsende Fähigkeit des Verbrauches. Sie hatte sich einen Haushalt vorgestellt, wo sie durch Fleiß und Ordnungssinn eine nennenswerte Dienstleistung bieten konnte, und sie sah mit Schrecken, daß in diesem Betriebe der einzelne kaum zählte. Und ihr schöner Zukunftstraum zerfiel.
Während der Mahlzeit, wo funkelnde Schüsseln sie blendeten, ging es ihr übel. Kaum daß noch zu erkennen war, was Fisch, was Vogel war. Und trotzdem sah keiner von den Gästen überrascht aus, ja, wenn Gabriele auf ihre Unterhaltung lauschte, so schien es ihr,als wäre der oder jener nicht einmal sonderlich zufrieden. Gabriele war es, als müsse sie sich über diesen Undank kränken; wie viele Hände mochten an dem geschaffen haben, was da genußlos verbraucht wurde! »Sie wissen nicht, was Arbeit ist!« fuhr es ihr durch den Sinn, und ihr Gesichtchen ward kummervoll.
Des Ratsherrn würdige Freundin versuchte auch, sobald das Mahl zu Ende war, mit mütterlicher List den Grund dieser unzeitigen Trauer zu ermitteln. Gabriele war zu schlicht für diplomatische Ränke; sobald sie nur erraten hatte, was ihre Beschützerin wollte, legte sie ihre ganze Seele vor sie hin. Sie habe oft, so erklärte sie, in ernsten Stunden darüber nachgedacht, was sie einmal beginnen würde, wenn ihre Augen, wie die so vieler Genossinnen, zum Klöppeln und Ausnähen zu schwach würden. Und wenn man Zukunftsgedanken spinne, so sei es natürlich, daß man das Erwünschteste zuerst in Betracht ziehe. Da habe sie denn geglaubt, nichts könne für eine arme Dirne schöner sein, denn als Magd in solch einem Hause zu dienen; sie habe auch den festen Glauben gehabt, sie könne backen, kochen, flicken und waschen so gut wie jede, und was sie noch nichtkönne, würde sie mit Geduld und Fleiß wohl noch gelernt haben. Aber o Jesus! wie seien ihr heute die Schuppen von den Augen gefallen! Kaum zur untersten Scheuermagd lange ihr Können.
»So gering schätzest du dich ein, Gabriele?« erwiderte lächelnd die alte Dame. »Aber mir scheint, daß du immerhin als Scheuermagd beginnen könntest, denn du würdest es schnell genug bis zur Schaffnerin bringen. Du brauchst ein Ding nicht mehr als einmal zu sehen, um es zu begreifen.«
Gabriele, in ihrer Eigenliebe geschmeichelt, lächelte ein wenig vor sich hin. »Es freut mich, daß Ihr das denkt,« sagte sie, »aber da ist noch ein andrer Grund, warum ich traurig bin. Meine zwei Hände wären in diesem Hause nur ein Paar unter zehn anderen Paaren, und so ist Dienen keine Freude! Der Herr würde es nicht merken, wenn morgen ein andrer die Arbeit täte, die heuteichgetan habe, und das wäre Arbeit ohne Gotteslohn, nur um Geld.« Die Matrone ging, den Ratsherrn aufzusuchen, und berichtete ihm unter Lachen, was Gabriele ihr soeben gestanden habe. »Ich weiß ihr wohl eine Antwort,« sagte der Ratsherr, und seinschönes Gesicht wurde flammend rot. Er ging, Gabrielen aufzusuchen, die nachdenklich noch immer an der Stelle stand, wo die alte Dame sie verlassen hatte, und da er mit Recht schloß, daß ihr Sinnen auch noch nicht wesentlich von seinem Gegenstande verrückt sein würde, so fing er geradezu an und sprach: »Gabriele, es gibt in diesem Hause eine Stelle, die so ist, wie du sie dir eben gewünscht hast.« Sie blickte erschrocken auf, wollte etwas sagen, verstummte aber vor dem strahlenden und eindringlichen Blick seiner Augen. Er fuhr fort: »Niemandem als mir sollst du verantwortlich sein für die Arbeit, die du tust, und da wo du stehst, kann keiner je stehen und dich ersetzen. Dem Gesinde sollst du gebieten, aber dennoch wirst du die letzte Magd sein, denn aller Arbeit muß in deinen Gedanken sein, und du sollst dich nicht frei fühlen, als bis alle ihre Arbeit getan haben. Würde dir ein solcher Dienst gefallen, Gabriele?« Dem Mädchen brauste es vor den Ohren. Sie versuchte, wie gegen einen Wirbelwind kämpfend, auf dem Boden stehenzubleiben, wo sie sich sicher fühlte, deshalb sagte sie leise und mühsam: »Herr, ein solcher Dienst würde mir wohl gefallen!« »Überlege es wohl,«fuhr der Ratsherr fort, und seine Stimme zitterte ein wenig. »Es handelt sich um dein ganzes Selbst mit allen seinen Kräften. Du sollst geizig sein mit Weizenkörnern und freigebig mit Talern. Die Motte im Speicher soll dich ärgern, aber Krieg und Brand soll dich gefaßt und stark finden. Du sollst Magd sein unter Mägden und Edelfrau unter Edelfrauen. Du sollst jeden hören, für alle Rat haben, deine Zeit darf dir nicht zu kostbar sein, wenn es sich um eine Kunkel voll Flachs oder einen Korb Äpfel handelt; du mußt sechs Dinge zu gleicher Zeit vollbringen können, und du darfst nie so aussehen, als ob du Eile hättest. Ich frage noch einmal, würde ein solcher Dienst dir gefallen?« Gabriele vermochte nur zu nicken. Ihre Augen standen voll Tränen. »Dann frage ich dich also hiermit, Gabriele,« schloß der Ratsherr – er ergriff die Hand der Klöpplerin und küßte sie sehr inbrünstig – »dann frage ich dich also: willst du in diesem Hause als Hausfrau eintreten?« – – Die Antwort auf diese Frage ließ sehr lange auf sich warten. Sie erfolgte überhaupt nicht mehr an diesem denkwürdigen Abend, denn Schicksalswendungen, wie diese, finden nur langsam Eingangin die Vorstellung einfacher Menschen, und Gabriele mußte erst eine lange, bange Nacht voll seliger und demütiger Gebete verbringen, ehe sie glauben konnte, daß sie recht gehört. Am andern Tage hielt der Ratsherr förmlich um Gabrielens Hand an und erhielt ein schluchzendes »Ja« zur Antwort. Dann erst begann er mit der Zartheit eines Gärtners, der eine Blume in fremdes Erdreich verpflanzt, die Betäubte in seiner Liebe und ihrem Glück heimisch werden zu lassen. Als er Gabrielen nach zwei Monaten zum Altar führte, war sie seiner Liebe gewiß und er der ihren.
Wenn ich bisher ein guter Erzähler war: wenn es mir gelungen ist, das Charakterbild zweier Menschen klar zu überliefern, so müßte mein Leser jetzt imstande sein, nach einer einfachen logischen Gesetzmäßigkeit das Rechenexempel zu lösen, das sich aus dem Plus und Minus ihrer Eigenschaften ergibt. Das Resultat dieser Gleichung war ein Schicksal, ein kleines, stilles, das wenig Aufsehen machte; und doch ein Schicksal, das erzählt zu werden verdient, weil es vielleicht das Schicksal mancher Frau ist.
Ich habe Gabriele geschildert als einen Menschen,der zugleich bescheiden und seines Wertes bewußt ist. Also wird sie nicht in den Fehler verfallen sein, an dem Frauen, die durch Heirat emporgekommen sind, so leicht kranken! Sie wird nicht abgewogen haben, was ihrem Rang an Ehrungen zukam, sie wird nicht eifersüchtig gewacht haben, daß ihr nicht weniger geschähe als der Base, der Schwägerin, der Freundin. Sie wird das Gefühl, das ihr unmittelbar entgegenkam, ebenso erwidert haben, und wo es ausblieb, keinen Versuch gemacht haben, es zu erzwingen.
Ich habe auch die Sippe des Ratsherrn als eine weitherzige und redlich gesinnte gekennzeichnet. Die treue Gesinnung der blonden Schwester des Ratsherrn und die offenkundige Gunst der vornehmsten Matrone der Stadt unterstützten Gabriele in jedem Falle, und das Ansehen des Gatten half vollenden, was die Anmut der jungen Frau etwa nicht allein zu bewirken vermocht hätte.
Es war auch nicht das Verhältnis zu ihrer eigenen Familie, das einen Mißklang in Gabrielens Eheharmonie hätte tragen können. Fleißig, gesund und glücklich, wie diese einfachen Menschen waren, fühlten sie auch insgesamtzu stolz, um irgendeinen unbilligen Vorteil aus der Heirat ihrer Schwester ziehen zu wollen. Wo der Ratsherr zu ihren Gunsten wirken konnte, tat er es gern, denn es war ein tüchtiges Geschlecht, das seiner Fürsprache Ehre machte. Sie hielten sich aber immer ein wenig abseits und riefen seine Hilfe nur da an, wo sie sagen konnten, daß Zusammenhalten im Nutzen beider Teile läge, zum Beispiel, wenn sie sich an irgendeiner öffentlichen Arbeit zu beteiligen wünschten, wo sie als Gegenwert die Wahrung der Gemeindevorteils hoch hielten, den der Handwerker sonst nicht gern anerkennt.
Was endlich den Ratsherrn selbst betrifft, so ist er wohl als ein Mann zu schätzen, der sein Wort an einer Frauganzerfüllt. Wie er sich durch den Unterschied zwischen seiner und Gabrielens Erziehung nicht hatte anfechten lassen, so wird er auch zu ihr gestanden sein, wo etwa dieser Unterschied sich fühlbar gemacht haben mag. Er wird ihre Unwissenheit vor anderen gedeckt, er wird ihren hellen, empfänglichen Geist gebildet haben. Und die Saat, die er in ihre weiche Seele legte, wird Blumen stillen Glücks für ihn und sie getragen haben.
Und doch hatte diese Ehe ein Schicksal.
Gabrielens Leben war zunächst ein Lernen auf jedem Gebiete. Sie war eine redliche Frau, die das, was sie war, auch bis zur Vollkommenheit sein wollte, und wenn sie denken mußte, sie habe es in irgendeinem Punkte an Willen oder Fähigkeit fehlen lassen, so grämte sie sich schwer. Sie ward in allen Punkten das, was der Ratsherr von ihr erwartet hatte, das Herz, der Fels, das lebendige Licht des Hauses, und sie ward es nach verhältnismäßig kurzer Zeit. Glaube nicht, daß das ein leichtes für sie gewesen sei! Gabriele hatte zunächst die Abneigung einer alteingesessenen Gesindeschar zu überwinden. Dann hatte sie die Arbeit nicht mehr nach der eigenen Klugheit allein, sondern nach Zeit, Willen und Fähigkeiten von einem Dutzend Untergebener einzuteilen. Gabriele mußte das Tagewerk jeder Magd und jedes Knechtes im Kopfe haben, und, wenn sie nicht Mißstimmung und ewig erneuten Widerstand erregen wollte, auch die persönlichen Eigenheiten jedes einzelnen. Sie mußte vorsichtig und gerecht sein in ihren Forderungen, denn verlangte sie zu viel, so riß Unzufriedenheit, verlangte sie zu wenig, so riß Unordnung undTrägheit ein. Sie mußte ihren Leuten schlechte Laune und Krankheit ansehen, mußte ein scherzendes Wort gegen die eine, ein Heilmittel für die andere bereit halten, durfte sich nicht erst bitten lassen, sollte aber auch nicht zu rasch damit kommen und jedenfalls immer den Abstand wahren zwischen sich und jenen Übelgesinnten. Sie durfte sich von der Schaffnerin nicht mahnen lassen, daß die Birnen zum Mosten reif seien, vom Knecht nicht an das Schwefeln der Fässer, und sie mußte doch beiden den Ruhm gönnen, den Zeitpunkt der Arbeit selbst zu bestimmen. Sie mußte Jahreszeiten und Elemente verstehen lernen, wie die Launen ihres Gesindes. Bei jedem Brot, bei jedem Lichte, bei jeder Elle Leinwand, die sie aus Keller und Speicher holte, mußte sie wissen, wieviel noch vorhanden war, die Würste im Rauchfang und das Mus im Bottich, der Sirup, die Kienspäne und die kleinen Büschelchen Schachtelhalme zum Scheuern der Zinngefäße: alles mußte registriert sein in Gabrielens Köpfchen, und sie mußte merken lassen, daß es das war, und durfte doch den Anschein geizigen Nachzählens nicht haben.
Doch war dies der bei weitem leichtere Teilihrer Aufgabe. Weit ernster und verantwortungsreicher erschien das Amt, das sie an ihrem Gatten zu üben hatte. Scherzen und kosen, wenn er zum Kosen bereit war, und beiseitestehen, wenn Wichtigeres ihn beschäftigte, ist nichts; das lernt jede Frau über Nacht. Aber der Ratsherr stand mitten im öffentlichen Leben, und jeder seiner Schritte hatte eine Bedeutung für viele, wurde getadelt oder gebilligt. Und Segen wie Fluch schlug zuerst an das Ohr seines Weibes. Da hatte Gabriele denn zu lernen, was sie verraten und was sie verschweigen mußte; was sie auf eigene Gefahr hin schlichten oder in rechtes Licht rücken durfte, und was sie still bei sich herumtragen mußte, um es im gegebenen Augenblick vorzubringen und zu befürworten. Sie hatte zu lernen, wo man horchen und wo man sich abwenden mußte; sie, die Arglose, mußte unterscheiden können zwischen Übelwollenden, Gleißnern, schwachen Gutwilligen und fest Erprobten; mußte wissen, wen der Ratsherr zu Recht oder Unrecht liebte, wen er verkannte, wen er fürchtete. Sie hatte auch zu lernen, wann sie selbst ein Anliegen vorbringen durfte, wann ein teilnahmsvolles Fragen von ihrer Seite erwartet ward, undwann sie sich gedulden mußte, bis des Gatten Herz und Mund sich von selber auftat zu seiner Erleichterung. Sie mußte Wolken auf seiner Stirn sehen, die ihr bange machten, und durfte nicht fragen: »binichschuld?« und sie mußte Teilnahme und oft gar Rat in Dingen finden, die sie nur halb verstand.
So war es zu jener Zeit, in welcher die Frauen das Wort »Bedeutung« noch nicht kannten und dochalles bedeutetenfür den Kreis, in dem sie standen: da durfte jeder Brave all diese Dinge und noch viel mehr von seiner Frau verlangen. Es ist damals nicht leicht einem Manne eingefallen, Rücksicht auf die Anlage einer Frau zu nehmen, und noch viel weniger einer Frau, es zu beanspruchen. Ich glaube nicht, daß die Männer sich höher fühlten als heute; aber sie vertraten die eiserne Notwendigkeit des Lebens, den Kampf, die Ehre der Gemeinde, die Sicherheit des Vaterlandes. Und dieser Notwendigkeit allein ordneten die Frauen sich unter, waren ganz Beobachtung, ganz Anpassung, ganz Entsagung. So töricht waren wenige Frauen, daß siedasnicht begriffen hätten: des Mannes Arbeit konnte nur gesegnet sein, wenn die aufreibenden Nichtigkeitendes täglichen Lebens ihm erspart blieben. Die Frau war noch nicht zur Krone der Schöpfung proklamiert, ach! aber sie war die unentbehrliche Lebenskraft des Einzelnen wie des Ganzen.
Und so war auch Gabriele in ihrem kleinen Reiche. Ihr Gatte fühlte wohl, was sie ihm und dem Hause war. Hatte er sie vorher geliebt, so betete er sie jetzt an. Er schätzte ihren Rat; die leiseste Wolke der Mißbilligung auf ihrer klaren Stirn war ihm wie ein schwerer Tadel; eine Träne in ihren Augen machte die seinen hellsehend und milde. Er wußte, daß ihm nichts Unnützes, Eitles, Spielerisches von ihr kam; die Frau, der einst die eigene Arbeit heilig war, hielt wie eine Priesterin die Arbeit ihres Gatten hoch.
Es kamen Kinder. Sie vermehrten Gabrielens Lasten, sie kürzten ihr den Schlaf. Sie brachten aber auch wieder liebliche Ruhestunden, in denen die Gatten, Hand in Hand sitzend, sich sorglos dem Anschauen ihrer Spiele hingaben. Und jetzt hätte beider Glück vollkommen sein müssen – wenn nicht in Gabrielen langsam, aber stetig um sich greifend, eine heimlicheund geheimnisvolle Krankheit am Werke gewesen wäre.
Es war nicht die Krankheit des Körpers. Die ersten Zeichen stellten sich schon etwa zwei Jahre nach ihrer Vermählung ein und waren so subtil, daß sie kaum Gabrielen selbst zum Bewußtsein kamen. Nur eine flackernde Unruhe war's, etwas wie Unlust am Schaffen, etwas wie Sehnsucht, sich einem bestimmten Gedanken einmal ganz und ungestört hingeben zu können. Was für ein Gedanke das sein mochte, darüber nachzudenken fand Gabriele nicht Zeit noch Muße. Unaufhaltsam drängte das geschäftige Leben mit seinen tausend Forderungen. Aber während sie treu und emsig ihr Linnen maß, ihre Brote zählte, ihren Haspel füllte, ihre nähenden, spinnenden und kochenden Dienerinnen beriet, glitt es schemenhaft vor ihr her wie ein luftiges Etwas, das sie gerne festgehalten hätte und nicht greifen konnte. Wie ein ferner, süßer, vertrauter Ton, der leise, leise heranschwebte, und den der Lärm der Gegenwart verschlang. Wenn sie sich eine Viertelstunde Muße erhetzt hatte, siehe, dann war alles leer und tot in ihr, und sie fragte sich erstaunt, wozu sie nun so geeilt hatte. Meistfreilich kam es nicht zur ersehnten Ruhepause; meist, wenn sie mit dem letzten Griff ihres Tagewerkes das eiserne Gewand ewig gespannter Aufmerksamkeit glaubte hinwerfen zu können, kam ein Gast, ein Notleidender, eines ihrer Geschwister, ihr Gatte. Sagen, daß Gabriele sich nicht gefreut hätte, daß ihr Herz und ihre Arme sich nicht in Liebe dem Kommenden geöffnet hätten, wäre Wahnwitz; aber das geheimnisvolle Etwas, dem sie einen Schritt näher gewesen zu sein meinte, huschte wieder vor ihr her. Sie konnte nicht anders, als ihm nachblicken – nachsinnen – einen Augenblick wenigstens! Und ihr erster Gruß klang zerstreut.
Selbstvorwürfe vollendeten, was die nagende Unruhe begonnen hatte: Gabrielens Äußeres zeigte die Spuren ihrer inneren Zerrissenheit. Ihr Auge haftete nicht mehr klar und freundlich im Auge des Gatten, es irrte suchend umher und senkte sich oft. Von ihrer Stirn wollte eine kleine böse Falte fast nie mehr weichen. Ihre Wangen verblaßten, ihr Körper magerte ab. Da bemerkte der Ratsherr die Veränderung, erschrak aufs tiefste und beschwor sie, ihm zu sagen, was ihr denn fehle.
Gabrielen traten die Tränen in die Augen,als sie ihn so ergriffen sah. Sie legte die Arme um seinen Hals, hob ihr Antlitz zu ihm auf und sagte ernsthaft: »Ich schwöre dir bei Gott, daß ich nicht weiß, was es ist. Wüßte ich es, ich würde es dir längst gesagt haben, würde längst auf Abhilfe gesonnen haben. Denn es ist mir, als brenne ein Feuer unter meinen Füßen, das mich dahin und dorthin treibt und mich keinen Bissen Brot in Ruhe essen läßt. Ich möchte glauben, daß ich behext bin.«
»Gabriele,« flüsterte der Mann, indem er sie fester an sich zog, »Gabriele, bist du nicht glücklich?«
»O Liebster,« rief sie weinend, »ich liebe dich wie an dem Tage, da Gott unsre Hände ineinanderfügte. Ich liebe dich noch tiefer, inniger. Jede Stunde meines Lebens war mir eine neue Offenbarung des seligsten Wunders. Du bist mir alles!«
»Dann verstehe ich nicht, was dich grämt,« sagte der Ratsherr. Und nach einer Weile fragte er wieder: »Hast du Sorgen um die Kinder?«
»Sie blühen wie die Rosen im Hag,« rief Gabriele, und ihr Gesicht leuchtete unter ihrenTränen. »Täglich danke ich Gott, daß er mir solche Kinder geschenkt hat!«
»Dann verstehe ich nicht, was dich anficht,« sagte der Ratsherr noch einmal. Er suchte hin und her in seiner Angst und verfiel auf dieses und jenes. »Hat dich irgendeiner meiner Sippe gekränkt? Ist von den Deinen jemand in Not oder krank? Sind die Knechte aufsässig oder die Mägde faul? Gehen Gerüchte über mich in der Stadt umher?«
Da mußte Gabriele lächeln in all ihrer Bangigkeit. »Glaube mir, Lieber, wenn die Dinge, die du da genannt hast, imstande wären, so monatelang an meiner Ruhe zu nagen, dann müßte ich eine schlechte und törichte Frau sein. Ich wäre ehrlich zu dir gekommen, wenn ich in Sorge um die Meinen oder in Not mit dem Gesinde gewesen wäre. Deine Sippe ist voll Güte zu mir, und was die Neider im Lande betrifft, so weißt du, daß ich mir ihre Meinung nur zu Herzen nehme, wo ich weiß, daß du Nutzen draus ziehen kannst. Nein – das alles ist nicht, was mich quält.«
»Vielleicht«, sagte der Ratsherr, »liegt zu vieles auf deinen Schultern. Du bist so gewissenhaft,und ich sah noch nie, daß du dir Ruhe gönntest.«
»Meine Schwestern arbeiten bis in die tiefe Nacht um ihr Brot,« rief Gabriele ein wenig erzürnt ob der Zumutung, »und ich soll das nicht leisten können, was nur Freude und Spiel für mich ist? Nie hat mich die Not getrieben, länger zu arbeiten, als ich es gerne tat; nie hat mir die Arbeit den Schlaf gekürzt. Es gibt Mütter, die mehr Kinder und weniger Gesinde haben. Ich würde mich schämen, das Wort Übermüdung nur zu nennen.«
»Dann,« sagte der Ratsherr in tiefer Besorgnis, »dann sehe ich nur noch eines: dann bist du krank! Und das ist wohl das Schlimmste von allem. Denn es zwingt uns, Hilfe außer uns zu suchen.«
Gabriele erschrak und wehrte sich lange, denn sie empfand, so unerfahren sie in ärztlichen Dingen auch sein mochte, dunkel die Gefahr der Irreleitung für den Arzt, dem sie keine Krankheit, nur einen unbeschreiblichen Seelenzustand vorführen konnte. Sie sah voraus, daß sie nutzlos mancherlei Qualen würde ertragen müssen, und sie fürchtete sich sehr. Denn in jener Zeit gingen Ärzte mit grausamen Mittelnihren Kranken zu Leibe, und alles, was wie Geistesverwirrung aussehen konnte, wurde mit Härte ausgetrieben, als ob man die rebellische Vernunft durch strenge Maßregeln hätte zwingen können. Gabriele bat daher ihren Gatten flehentlich, noch ein Weilchen zu warten, ob das Übel nicht etwa von selbst weichen wolle; und er, dem das Herz blutete bei dem Gedanken, die liebste Frau von den Händen fühlloser Quacksalber mißhandelt zu sehen, willigte nur zu gerne ein.
Aber das kleine graue Schemen blieb da und rollte wie ein gespenstisches Garnknäuel, das sich hemmend und verwirrend in tausend listigen Schlingen abwickelt, vor Gabrielens Füßen her. Sie machte jede Anstrengung, deren ihr sonst so starker Wille fähig war, die sonderbare Verstimmung ihres Gemütes zu vergessen. Sie log eine gesteigerte Heiterkeit, sie suchte neue Zerstreuung, sie berauschte sich in Festen und schmückte sich, wie sie es vorher nie getan. Es waren traurig gewaltsame Versuche, die nach kurzer Zeit traurig endeten. Die quälende Unruhe in ihrem Innern brannte weiter und zehrte an ihr wie ein Fieber.
Aber Gabriele lebte in einer Zeit, wo demMenschen die Fähigkeit der Reflexion, der Selbstbespiegelung in beschränkterem Maße verliehen war, als dies heute der Fall ist. Sogar die Sprache jener Zeit ist arm an Ausdrücken, die für solche inneren Zustände Maß und Wage geboten hätten. Und selbst gesetzt den Fall, es hätte ein Wissender Gabrielen die Augen öffnen können und ihr einen Einblick geben in das feine Uhrwerk der Natur, die in jedes Würzelchen den Trieb lichtsuchenden Schaffens, in jeden Nerv den Drang zur Tätigkeit gelegt hat, und die sich durch grimme Unregelmäßigkeit rächt, wenn irgendwo ein Kleinstes verkümmert – Gabriele würde ihm nicht geglaubt haben. Ein Dasein, das vor Not und Fährde geborgen war; ein Gatte, der sie liebte, und holde, blühende Kinder: sie würde jeden einen Frevler genannt haben, der mehr vom Schicksal gefordert hätte. Daß ein Organ in ihr krankte und siechte, sie ahnte es nicht.
Eine böse und wirre Zeit begann für Gabriele. Denn endlich mußte sie doch in ihrer Hilflosigkeit den Rat des Arztes suchen, und, da natürlich der eine Rat nicht das Richtige traf, einen langen Leidensweg voll unnützer und schädlicher Versuche durchlaufen. Von denBlutegeln und spanischen Fliegen, von den Pflastern, Salben, Tränklein, Bädern, Pillen und Aderlassen will ich erst gar nicht anfangen zu berichten. Gabriele hatte bei aller Zartheit einen gesunden Körper und trug keinen dauernden Schaden davon. Aber was ihr schadete und ihren Zustand verschlimmerte, war die anhaltend auf ihr Leiden gerichtete Aufmerksamkeit. Gabriele empfand es als höchst lästig, über viele Dinge Auskunft geben zu müssen, auf die sie bisher keinen Gedanken verwandt hatte; teils empörte sich ihre Keuschheit, teils ihr gesunder Verstand, der ihr die künstlich ausgedachten Zusammenhänge zwischen dem und jenem lächerlich erscheinen ließ. Und es bemächtigte sich ihrer ein Gefühl hilflosen Zornes, eine böse Ungläubigkeit, die bei jedem neuen Ratschlag sich in heftigen Launen äußerte und die ihr ganzes Wesen in Reizbarkeit und Unfreundlichkeit wandelte.
Es mochten vier Jahre vergangen sein, seit diese Veränderung ihres ganzen Selbst in Gabrielen am Werk war. Auch für den Ratsherrn war dieser Weg ein Leidensweg gewesen. Er konnte sich nicht verhehlen, daß sie ihmmanches vorenthielt, worauf er durch süße Gewohnheit ein Recht zu haben glaubte. Nicht mehr in beschaulicher Betrachtung des Lebens konnten die Gatten Hand in Hand einherschreiten. Gabriele war auch hierin verändert, daß sie schwärzer sah als vorher, sich vor Aufregungen ängstigte, daß Mißerfolge sie schreckten, Unfreundlichkeiten sie kränkten. Auch mußte der Ratsherr so manches für sich behalten, was er sonst selbstverständlich auf ihre Schultern geladen hatte, weil er fürchtete, ihrer Schwäche neue Lasten aufzubürden. Freilich entging der Frau diese Änderung seiner Gewohnheiten nicht, und sie war klug genug, sie auf die richtigen Ursachen zurückzuführen. Und diese Erkenntnis ward eine Quelle der tiefsten Verzweiflung. Sie sah, daßallesauf dem Spiele stand, daß sie nur um einer unbegreiflichen Verstimmung willen, über die sie nicht Herr werden konnte, das Beste zu verlieren im Begriffe stand. In solchen Augenblicken schien es ihr, als müsse sie das Fürchterlichste auf sich nehmen, um nur die einstige Gesundheit wiederzugewinnen; sie unterwarf sich jeder Vorschrift der Ärzte, sie ward eine zahme, gewissenhafte Patientin – bis das Stadium derEntmutigung, der Hoffnungslosigkeit, der Rebellion wieder eintrat.
Und so wäre Gabriele mit der Zeit wohl dem Schicksal so mancher Frau verfallen, jener krankhaft gesteigerten Reizbarkeit und dem unfruchtbaren Getändel mit Heilmethoden aller Art. Und es wäre ja wohl auch ihr Eheglück schließlich dem unfaßbaren Verhängnis zum Opfer gefallen.
Da kam Rettung in Gestalt jener treuen alten Freundin, die für Gabriele seit den ersten Tagen ihrer Ehe wie eine Mutter gefühlt hatte. Sie hatte die junge Frau in alle ihre Pflichten hineinwachsen sehen. Sie hatte, vielleicht wachsameren Auges als der Ratsherr selbst, die ersten Zeichen jener seltsamen Müdigkeit und Zerstreutheit beobachtet, die stets wachsende Hast und Unruhe, schließlich die unbezwingliche Übellaunigkeit. Auch sie gehörte zu den Menschen, die gern die nächste und einfachste Ursache der Dinge annehmen, und sie hatte sich ihren Vers gemacht, lange ehe die Ärzte mit ihren Versuchen begannen. Aber bedächtig, wie sie war, hielt sie mit ihrem Wissen zurück, ließ sich indessen gern von Gabrielen jede neue Erfahrungund jede neue Behandlung erzählen, freute sich ihrer Nutzlosigkeit und gewann endlich Gabrielens Vertrauen zu einer erschöpfenden Beichte. Und als sie die phantastische Geschichte all dieser gestaltlosen Leiden, das wirre Bekenntnis der Willenlosigkeit und all die Befürchtungen und Reuequalen des armen Weibes vernommen hatte, da erwiderte sie nur mit der einfachen Frage, ob denn Gabriele nicht des Guten zu viel tue, wenn sie so rastlos tätig sei. Wie vorher ihrem Gatten, so antwortete Gabriele nun auch der Freundin mit Entrüstung, sie wisse nichts von Ermüdung.
»Man kann auch am Genuß Schaden nehmen, wenn man zu viel tut,« erwiderte die weise Freundin. »Und du kannst nicht leugnen, daß dein Gesicht sich verdunkelt, wenn Gäste oder Hilfeheischende kommen. Ich sage dir, sogar gegen Mann und Kinder habe ich dich oft lässig gesehen, als ob ein heimlicher Gedanke in dir hämmerte, daß du unausgesetzt auf ihn horchen mußt. Ich habe auch ein großes Haus geführt, habe viele Kinder großgezogen und meinem Gatten manche Sorge ferngehalten. Es ist mir nie zu viel geworden, aber müde war ich oft, zum Sterben müde. Und dann,dünkt mich, mag eine Stumpfheit, wie deine jetzt, auch mich besessen haben.«
Sie redete lange auf Gabriele ein. »Wir sind ehrgeiziger, als wir scheinen mögen,« sagte sie unter anderem; »meinst du, ich weiß nicht, was es kostet, ein Haus so schmuck zu halten? Ich entsinne mich noch gut, was du sagtest, als du diesen Teufelskram von Weltwundern und Jahrmarktsseltenheiten, den die Mannsbilder so närrisch lieben, zum ersten Male sahst: nicht zur Scheuermagd hieltest du dich gut genug! Und jetzt sieh her, was du gelernt hast, was du leistest! Zähle die Schritte, die du vom Morgen bis zum Abend vom Brotspeicher im Dach bis zum Fischbecken im Keller tust! Das zehrt an deiner Kraft, mein Kind, und wenn du es auch nicht wahrhaben willst, dein Leiden ist nichts als Müdigkeit und Schwäche!«
Das klang alles so einfach, daß Gabriele nicht zu widersprechen wagte; sie konnte nicht leugnen, daß jede neue Forderung an ihre Zeit sie mit einem Unlustgefühl erfüllte, das sie nur schwer bekämpfen konnte. Sie duldete es, daß die alte Dame den Ratsherrn und den vertrautesten Arzt des Hauses zur Stelle rufen ließ, und daß schließlich ein feierliches Konsiliumabgehalten wurde, wie man der eigensinnigen Gabriele, die von Ruhe nichts wissen wollte, wieder zu Kräften helfen könne. Der Arzt, der der Vernünftigen einer war, wußte Rat: »Wann schläft Euer jüngstes Kind?« fragte er die Patientin. »Zwei Stunden um die Mitte des Tages? Nun wohl, um diese Zeit seid Ihr entbehrlich, denn die größeren Kinder werden wohl bei einer Schaffnerin versorgt werden können. Ihr legt Euch also still zu dem Kleinen und schlaft, solange er schläft! Nehmt dies als eine Verschreibung und handelt gewissenhaft danach!«
Gabriele empörte der Gedanke, daß sie um die Mitte des Tages schlafen solle wie eine Greisin; sie wandte auch gleich ein, daß sie gerade diese zwei Stunden, wo das Kind ihrer entraten könne, für mancherlei Hausgeschäfte dringend brauche. Aber der Arzt wiederholte seinen Befehl in strengem Tone, die Freundin bestürmte sie und der Gatte bat leise, mit dem alten Liebesblick in ihre Augen, um seiner Ruhe willen das kleine Opfer zu bringen. Da mußte sie nachgeben und versprach, das sonderbare Mittel eine Woche lang zu versuchen.
Das erstemal, als Gabriele sich hinlegte, lagsie mit weit starrenden Augen und dachte an alles, was jetzt im Hause vorgehen mochte ohne ihr Dabeisein. Sie lauschte auf jedes Geräusch, das gedämpft in ihr geschlossenes Gemach drang. Sie hörte die Haustüre fallen und wußte, daß jetzt die Bäuerin vom Gutshofe gekommen war, um Eier abzuliefern, und war ärgerlich, daß sie nicht dabei sein konnte, sie Stück um Stück durch die hohle Hand zu prüfen. Sie hörte gelle Schreie der Kinder und wußte nicht, ob sie Freude oder Schmerz bedeuteten. Sie wurde aufgeregter, erhob sich nach kaum einer Viertelstunde und eilte zu ihrem Gatten, um ihn zu bitten, sie von ihrem Versprechen zu entbinden. Diese Art von Ruhe sei keine Erholung, hundertmal wohler wäre ihr, wenn sie wüßte, was vorginge, und nachher nicht Fehler gutzumachen hätte, die während ihrer Abwesenheit begangen worden seien.
Der Ratsherr sah erst etwas böse drein, indes ein Blick in das zuckende Gesicht seiner Frau machte ihn mitleidig. Er legte den Arm um ihre Schultern und führte sie sanft, aber stark in das Schlafzimmer zurück, indem er ihr voll Innigkeit und Liebe ins Gewissen redete.
»Gabriele,« sagte er, »hast du die Zeit vergessen,wo wir die glücklichsten Menschen auf Erden waren? Wo du heiter und weise warst, mein Sonnenschein und mein Vertrauter, mein Ratgeber, mein besseres Selbst? Das alles ist mir verloren, seit du krank bist; ich trage meine Sorgen allein mit mir herum und wage nicht, sie mit dir zu teilen. Und du willst nichts tun, um mir das Glück zurückzugewinnen? Was kann denn in diesen zwei Stunden Schlimmes im Hause vor sich gehen, was nicht mit Geld gutzumachen wäre? Und würde ich nicht alles Geld und Gut der Erde hingeben, um dich wieder gesund zu sehen? Komm, tu mir's zuliebe! Leg dich hierher neben das Kind! Sieh, wie süß es schläft!«
Er drückte die Widerstrebende, aber schon halb Beschämte in die Kissen nieder, legte vorsichtig das schlafende Kind neben sie, nahm ihre Hand, ihren Zeigefinger und drückte ihn sacht in die Fläche des kleinen rosigen Pfötchens, das sich im Augenblick der Lageveränderung ein wenig geöffnet hatte. Augenblicklich schlossen sich die Fingerchen des Kindes um den vertrauten Gegenstand mit jenem festen, weichen Drucke, den Mütter wohl kennen. Gabriele mußte lächeln, so nah ihrsonst die Tränen gewesen sein mochten. Sie ließ das Haupt mit einer Gebärde der Ergebung in die Kissen sinken, küßte ihres Gatten liebevolle Hand und schloß die Augen.
Da sie aber wirklich nicht schläfrig war, öffnete sie sie bald wieder und lauschte weiter. Aber erstens durfte sie das schlafende Kind nicht wecken, das immer noch ihren Zeigefinger festhielt, und dann lagen ihr auch die weichen Worte ihres Gatten im Sinne, und sie dachte, daß sie es ihm schuldig sei, jedes Mittel der Heilung zu versuchen. Deshalb bezwang sie sich, lag still und betrachtete das liebliche Gesichtchen ihres schlummernden Kindes.
Und wie sie sich so recht vertiefte in den Anblick, an dem eine Mutter sich nie satt sieht, da glitt unversehens ihr Blick über das Spitzenhäubchen hin, das des Kindes rosiges Köpfchen umschloß. Es war einem ihrer älteren Kinder von irgendeiner Pate geschenkt worden und mochte bei dem ersten besten Krämer gekauft sein, denn es war von unedler, alltäglicher Arbeit. Aber etwas in der Zeichnung der Spitze bannte Gabrielens Aufmerksamkeit »Wie hübsch ist dieses Muster,« dachte sie, »wenn das Ding nur besser gearbeitet wäre!« Siebegann zu sinnen, ihre Phantasie heftete unvermerkt ihren silbernen Spinnwebfaden an dem kleinen Erlebnis an und spann und spann, bis ein schimmerndes Netz von feinen Kunstgedanken klar ausgearbeitet vor Gabrielens innerem Auge lag. Sie sah ein Gebilde von tausend geduldig geknoteten Schlingen, so zart, daß ein Blumenelf die Fingerchen gespitzt haben würde, um es anzufassen, so dicht, daß er keinen Blütenstaub damit hätte sieben können, und so fest und straff geädert wie ein Bienenflügel. Und als Gabrielens Auge dies sah, da fuhr es wie ein Feuer in ihre Hand. Es war ihr, als müsse sie aufspringen und sich an die Arbeit machen; Haussorgen und drängende Arbeit waren vergessen.
Aber das Kind hielt sie fest. Das feine Händchen hatte solch eisernen Griff, daß Gabriele den umklammerten Zeigefinger kalt werden fühlte. So ergab sich denn die Mutter für dies eine Mal, arbeitete aber im stillen an ihrem Vorsatze weiter, in der ersten freien Minute mit der Ausführung der Spitze zu beginnen, und überlegte, wo sie ihre Geräte haben konnte. Und als endlich ein tiefer Atemzug neben ihr und das freiwillige Losspannender energischen kleinen Fingerchen ihr verriet, daß ihre Gefangenschaft zu Ende sei – da wunderte sich Gabriele ein wenig, wie rasch ihr diese zwei Stunden dahingegangen.
Der Ratsherr war klug genug, nicht gleich am ersten Tage nach der Wirkung der Verordnung zu fragen. Er berührte mit keinem Wort Gabrielens Befinden, und sie war glücklich darüber, denn es wäre ihr schwer geworden, ihm zu sagen, daß sie nicht geschlafen habe. Einmal fiel ihr mitten in der Arbeit ihr Spitzenmuster ein. Sie sah es vor sich mit einer gespenstischen Deutlichkeit, weiß leuchtend wie Phosphor auf einem Grunde von schwärzester Nacht, die jeden andern Gegenstand im Zimmer verhüllte. »Noch habe ich es nicht vergessen,« dachte sie voll Freude. Dann seufzte sie leise und schüttelte sich. Das Erwachen kam, das Besinnen auf die tausend Notwendigkeiten des Tages, und ein mutloses Aufgeben: »Dazu komme ich ja doch nie!«
Am andern Tage begleitete der Gatte sie wieder ins Schlafgemach, ließ aber auf ihre Bitte das Kind in der Wiege liegen. Ehe er das Zimmer verließ, flüsterte er von der Türe her noch einmal ein eindringliches »Mir zuliebe!«zurück. Die Frau wurde flammend rot. »Ja, Liebster!« hauchte sie kaum hörbar. Sie lag einige Minuten und kämpfte mit sich, hätte gern getan, was sie für eine Pflicht hielt, brachte es aber nicht über sich. Sie sprang auf, verriegelte die Türe, huschte schuldbewußt ängstlich und auf jeden nahenden Tritt lauschend im Zimmer umher, bis sie ihre Siebensachen beisammen hatte, und saß bald über ihr Pergamentstreifchen gebeugt, den Klöppelbrief entwerfend.
Sie arbeitete, daß ihre Wangen brannten. Die Zeichnung war fast fertig, als das Kleine erwachte. Als der Gatte sie später erblickte, streichelte er ihr lächelnd das Gesicht, in dem die Röte des inneren Feuers noch weiterglühte, und sagte mit glücklichem Ausdrucke: »Rotgeschlafen wie ein Kind!« Sie hätte vor Beschämung in den Boden sinken mögen – aber wie hätte sie die Wahrheit gestehen sollen?
Den nächsten Tag betrat Gabriele ihr Gemach mit den Gefühlen einer Verbrecherin. Der Gatte verweilte einige Minuten, die ihr wie Stunden erschienen, lobte zärtlich ihre Fügsamkeit und Geduld und sah die Gebärde nicht, mit der sie sich abwandte. Kaum daß er sieverlassen, sprang sie vom Lager, schon war das Klöppelkissen zur Stelle, und in wenigen Handgriffen alles zur Arbeit bereit. Nun saß sie, füllte ihre Spülchen, steckte ihre Nadeln und schrak erst beim hellen Aufschrei des erwachenden Kindes empor, mit einem leisen Ausdruck des Bedauerns im erregten Antlitz; sie hatte gehofft, an diesem Tage noch mit dem Klöppeln beginnen zu können.
Von nun an freute sie sich den ganzen Morgen, was immer sonst ihre Hände auch schaffen mochten, auf die stille heimliche Klöppelstunde am Nachmittag. Die eichenen Türen hielten das kleine Geheimnis wohl verborgen. Was sie an Lärm aus Haushalt und Kinderstube etwa durchließen, das drang nicht an Gabrielens Ohr; das leise Rollen und Klappern der Spülchen, jener alte, süße, vertraute Elfentanzschritt, sie übertönten alles. Und jeden Tag erschrak sie ein wenig, wenn des Kindes Weckruf ertönte.
Den Rest des Tages fühlte Gabriele sich leicht und frei. Daß sie eine heimliche Sünderin war, bedrängte sie fürs erste gar nicht, wenn sie auch ihrem Gatten gegenüber sich schuldig fühlte.
Als die Woche um war, an die Gabriele sich mit ihrem ersten Versprechen gebunden hatte, wagte der Ratsherr eine Frage: ob sie denn schon eine Veränderung in ihrem Befinden bemerke? Gabriele erschrak heftig und wußte sich nicht anders zu helfen als mit einer Gegenfrage: oberdenn eine Veränderung in ihrem Gehaben bemerke? Der Ratsherr erwiderte: »Mich dünkt, du bist froher und gleichmäßiger, auch scheint mir, du hast wieder eine lachende Erwartung im Gesicht wie einst. Ich wage es aber noch nicht zu glauben!« Da antwortete die listige Frau: »So will ich noch eine Woche versuchen, es so zu machen, wie ich es diese letzte Woche gemacht habe.«
Sie konnte sich indes nicht verhehlen, daß in der Tat eine Rückveränderung zu ihrem alten Selbst mit ihr vorging. Wenn sie sich den ganzen Morgen in der Tiefe ihres Herzens auf die kommende Stunde freute, so freute sie sich den ganzen Abend über das, was sie in dieser Stunde fertiggebracht hatte, und kam so einfach aus dem Freuen nicht heraus. Sie trug es mit sich herum wie eine liebliche Melodie, die einem auf Schritt und Tritt nachgeht. Ja, auch diese Empfindung mußte Gabrielesich eingestehen: es glitt ihr nur so unter den Händen weg, was sie sonst mit Unlust getan hatte; wenn ihr sonst der Tag zu kurz geschienen hatte für alles, was er erheischte, so war er jetzt mit einem Male um vieles länger, seit die bewußten zwei Stunden daran fehlten. Es war ihr Klarheit gekommen über das Wesen ihrer Krankheit, als sie begriff, daß die gewohnte und geliebte Tätigkeit ihr bisher an ihrem Glück gefehlt habe. Und wenn sie sich auch verwunderte, wie es hatte sein können, daß eine solche Albernheit, wie sie es nannte, ihr fast das Leben zerstört hätte, so wußte sie doch, daß dem wirklich so war. Tief dankbar empfand sie, wie Ruhe und Frohsinn sich täglich mehr in ihr und um sie verbreiteten, wie ein sanftes Licht auf ihren ganzen Lebensweg fiel.