Der Vater meines Freundes, welcher als Direktor einer Fabrik, die auf dem Lande lag, nur des Sonntags zur Familie in die Stadt kam, hatte die Erziehung seiner Söhne dieser etwas gewalttätigen Mutter ganz überlassen und war zufrieden, wenner Ruhe zu Hause fand, und wollte von keinem Streit und keinen Erziehungsangelegenheiten hören. Es hätte dem jungen Mann also nicht geholfen, wenn er in der Kirchenfrage sich an seinen Vater gewendet hätte.
Und so oft ich, der von Haus aus keinen Kirchenzwang kannte, den Freund, wenn er mich Sonntag nachmittag besuchte, fragte: „Warst du heute vormittag spazieren?“, da war seine stete und mich immer wieder verwundernde Antwort: „Ich? Nein. Ich war in der Kirche. Das mußt du doch endlich behalten. Ich bin wahrscheinlich unter allen Medizinstudierenden der beste Kirchengänger der ganzen Universität.“
Er sagte das lachend. Und ich schüttelte den Kopf und erstaunte immer wieder. Ich hätte ein solches Gleichgewicht von Beherrschung und Willen nicht aufbringen können, so glaubte ich immer und äußerte das zu ihm.
Da sagte er zu mir: „Tust denn du nicht dasselbe? Du lebst im Hause deines Vaters, bei ihm, der dich nicht Künstler werden lassen will. Und du beugst dich mit Beherrschung seinem Willen und lebst und arbeitest in seinem Geschäft und denkst dabei deine eigenen Gedanken, von denen dein Vater keine Ahnung hat.
Du gehst folgsam in sein Geschäft, aber deine Gedanken sind nicht dort, denn du willst Schriftsteller und Dichter werden. Ich tue meiner Mutter den Willen und gehe in die Kirche, und du tust deinem Vater den Willen und übst einen Beruf aus,bei dem du, so wie ich in der Kirche, ganz anderen Gedanken nachhängst.“ —
Der Dritte von uns gehörte einer strengjüdischen Familie an und war aus einer der jüdischsten Provinzen Ostdeutschlands nach Würzburg gezogen. Er studierte ebenfalls Medizin, und der junge Philosoph hatte ihn in einem Kolleg, das sie beide besuchten, und wo sie nebeneinander saßen, kennen gelernt. Er hatte ihn mir gelegentlich vorgestellt, und seltsamerweise geschah dieses gerade in dem Augenblick, als ich es etwas eintönig empfand, mit dem jungen Philosophen immer von der Entwicklung seiner Atomlehre zu sprechen.
Denn geleitet vom Studium der Physik und der Chemie, die er eifrig betrieb, da er sie zum Physikum-Examen benötigte, hatte der Philosoph jetzt eine Atomlehre aufgebaut. Er behauptete, die Atome aller Dinge, im Eisen, im Holz und so weiter, kreisen ebenso untereinander wie die Planeten um die Sonne und leben wie die Sonnensysteme kreisend.
Überall, wo Leben herrsche, sei dieselbe kreisende Bewegung in den Dingen wie im Sternenhimmel, so behauptete er. Die Weltkörper seien für den Weltraum nichts als Atome von ungeheurem Umfang. Und mit der Annahme vom Kreisen der Atome wäre auch der Magnetismus und die Elektrizität, deren fernwirkende Kraft bisher unerklärlich war, leicht erklärbar. Ebenso wären die Macht der wirbelnden Dampfkraft, das Schwergewicht und die Ausdehnung der Gase durch das Kreisen der Atome verständlich.
Und der junge Denker wollte die Vorgänge derChemie und Physik nun auf die einfachste Weise erläutern und ein Buch ausarbeiten, das von nichts weniger als „vom Wesen aller Dinge“ handeln sollte.
Bei diesen, auf die Einzelheiten des mechanischen Lebens eingehenden Übertragungen der neuen Weltanschauung wurde ich unaufmerksam und konnte nicht genau mitfolgen, da sie fern von meinem Gebiet lagen: der neuen Dichtung, der ich zustreben wollte. Und so war mir der andere neue Kamerad willkommen, der als Student dem jungen Philosophen kritischere Einwände machen konnte als ich. Ich war schon ganz überanstrengt von den chemischen und physikalischen Vorträgen, die mir der junge Denker auf allen Spaziergängen gehalten hatte.
Auch war ich, um mir eine persönliche Schriftsprache anzueignen und mir das eingedrillte aufsatzartige Deutsch der Schuljahre abzugewöhnen, auf den Gedanken gekommen, alle Spaziergänge und alle Beobachtungen an Menschen und alle Gespräche mit Menschen aufs knappste zu Hause in Notizbüchern niederzulegen. Und da hatte ich viel zu tun, denn ich sah bald ein, wieviele wichtige Beobachtungen aus der Augenblickswelt, wieviele feine, unauffällige und doch wichtige Menschenzüge und wieviele vorüberflatternde Ausdrücke in der Sprechweise der Menschen mir bisher entgangen waren. Denn so, wie in der Landschaft mir jetzt nichts zu klein war und zu unbedeutend, als daß es nicht eindrucksvoll gewesen wäre, so erging es mir bei den Menschen und ihren Gesprächen.
Bald häuften sich Stöße von dicken Notizheftenbei mir an, und wenn ich manchmal darin blätterte, war ich erstaunt, wie lebensfrisch jedes Erlebnis noch nach Wochen wirken konnte, wenn es in treffenden Worten und mit genauer Beobachtung festgehalten worden war. In diesen Notizbüchern standen natürlich ganz unzusammenhängende Beobachtungen, herausgerissen und niedergeschrieben aus dem Tagesleben.
Es waren das meistens Übungen, wie ungefähr Kinder in der Fibel zuerst Silben lesen und Silben schreiben lernen, ehe sie ganze Worte, Sätze oder Aufsätze bilden dürfen. Ich schulte dabei mein Gedächtnis für die Vorgänge um mich, und zugleich eignete ich mir ein schnelles Fühlen, Auffassen und ein schnelles Bezeichnen jener Vorgänge durch solch tägliches Niederschreiben an.
Diese Notizbücher hatten aber nichts mit einem Tagebuch gemeinsam. Es handelte sich darin nicht um zusammenhängende, fortlaufende Geschehnisse. Ich beschrieb manchmal nur den Gang eines Menschen, der mir zufällig aufgefallen war, oder Gewohnheitsgesten eines Sprechenden, oder nur ein paar Bäume im Regen, das Abendlicht über den Dächern der Stadt, das Windgeräusch in der Nacht in einem Garten und so weiter. Vielleicht manches Mal nur das Gefühl, den der Händedruck eines bestimmten Menschen mir gab, das Gefühl eines Kopfnickens nur oder das eines flüchtigen Blickes, den ich von Vorübergehenden auffing, und der mir tiefe Seelenzustände zu enthüllen schien.
Ich übte mich so in der Kunst, Kleinstes und Flüchtiges in bezeichnenden, nachdrücklichen Wortenfestzuhalten. Und deshalb wurde es mir allmählich auf den Spaziergängen schwerer, dem jungen Philosophen in allen seinen Gedankengängen über Chemie und Physik zu folgen.
Der neue Freund, den mir der Denker zugeführt hatte, und den ich zum Unterschied von uns beiden Sprechenden und Erörternden, da er wenig sprach, aber mitempfindend nickte und meist zuhörend war, den Schweigsamen nennen will, — dieser neue Freund war mir jetzt eine wahre Wohltat. Nach den ununterbrochenen Gedankengesprächen der vorausgegangenen Zeit wirkte er durch seine Ruhe und sein teilnehmendes Nicken wie jemand, der da war und doch nicht da war. Und man konnte sich vorstellen, daß, wo er in Gedanken war, es friedlich sein mußte, da er immer irgendeine Melodie leise vor sich hinsummte oder leise pfiff. Der Schweigsame setzte sich auch oft ans Klavier und spielte Chopin oder Grieg, während der Denker, wenn er sich ans Klavier setzte, nicht ohne Beethoven gespielt zu haben wieder aufstehen konnte.
So war der Sommer herangekommen, und nun komme ich in meiner Erlebnisschilderung bald zu jenem seltsamen Augustnachmittag.
Es war notwendig, den Leser mit der Entstehung jenes lebensbestimmenden Grundgedankens bekannt zu machen, der mir von jenem Freund, dem jungen Philosophen, gegeben wurde, da diese neue Weltanschauung, die sich mit der Zeit in mir festwurzelte, dann auch wirklich der Grundton aller meiner Liederbücher und Prosabücher wurde, die in den letzten zweiundzwanzigJahren entstanden sind. Auch der Binnenreim und meine, die Kritiker immer wieder verwundernde, Heranziehung von wechselnden Vergleichen und Bildern des Naturlebens ist die Folge jenes befreiten Weltblickes und hat den Ursprung in einem Herzen, das sich Schöpfer und Geschöpf fühlt und nicht bloß sklavische Unterordnung unter überlieferte Begriffe kennt.
Viele Kritiker sagten Jahre hindurch, meine Bücher und ich selbst seien nirgends einzureihen. Dieses ist wahr, sie haben recht, da ich jetzt, wenn ich auf meine Bücher zurückblicke, mich, ohne mir schmeicheln zu wollen, dendichterischenVerkünder einer neuen menschenbefreienden Weltanschauung nennen kann.
Meine Gedichte werden oft mit den kurzen gedrungenen Liedern der Asiaten verglichen. Ich habe aber niemals weder chinesische noch japanische Literatur studiert. Ich kenne von diesen Literaturen nur einige wenige Gedichte, die in den letzten Jahren in Übersetzungen zu uns gekommen sind.
Ich erhielt öfters Aufforderungen von Literaturprofessoren, ihnen die Quellen zu nennen, aus welchen ich die japanischen Novellen und Liebesgeschichten entnommen, die ich nach meiner Reise um die Erde 1911 herausgab. Ich muß aber immer wieder und diesmal öffentlich erklären: ich kenne nichts von japanischen oder chinesischen Urtexten. Nur ein weniges, was in Übersetzungen zu uns kam, und das jene Herren viel aufmerksamer studiert haben werden als ich, kenne ich. Auf meiner Reise um die Erde, durchganz Asien, von Bombay bis Yokohama, war es die vorher vor dem Leser ausgebreitete Weltanschauung, die mich der Seele der Asiaten sozusagen zum Zwillingsbruder machte. Und fühlt man seine Seele mit der Seele eines Volkes verwandt, und decken sich die Weltanschauungen, oder sind sie sich wenigstens sehr ähnlich, so ist es ein leichtes, das ganze Gebärdenspiel einer fremden Rasse, ihre Wünsche, Bedürfnisse und Begierden, auch die Wallungen ihrer Leidenschaften zu verstehen und miterleben zu können, so wie man es zu Hause bei dem vaterländischen Volk tut.
Durch Beobachtungsgabe und Rhythmusverständnis, die mir im Ohr und im Blut von meinen Eltern ins Leben mitgegeben wurden, die ich aber beide durch die Erfassung jener neuen Weltanschauung viel freier schulen und üben konnte, als wenn ich alten Überlieferungen und ausgetretenen Gefühlswegen nachgegangen wäre, sind mir auf meiner kurzen Reise durch Asien die Kulturen der morgenländischen Völker leicht vertraut geworden, so daß viele Kritiker behaupteten, ich müßte jahrelang asiatische Studien betrieben haben vor, während oder nach meiner Reise.
Und das ganze Geheimnis, warum ich Asien nahe kam, liegt doch nur in dem Weltallverständnis, das in jenem Satze enthalten ist:wir besitzen alles, und uns besitzen alle, und über uns ist kein anderer Besitzer. Dieser Satz, der der neuen Weltanschauung voransteht, macht einen jeden Menschen zum natürlichen Besitzer aller Lebensregungen, die der Erdball und der Himmel hervorbringen.
Wenn ein Dichter sich von alten beengten Überlieferungen befreit hat und die Freuden und Leiden der ganzen Erde gleich hält seinen eigenen und sich mitbeteiligt fühlt am Lebenszustand aller Rassen, ausgegangen von der engsten Heimat bis zur weitesten Ferne und zurückkehrend zur engsten Heimat, so ist es nicht mehr erstaunlich, wenn demselben dann Gedanken und Gedichte in Fülle zufliegen.
Die meisten Gebildeten heutzutage, die den Schöpfer über sich nicht mehr anerkennen, werden planlos vom Weltgetriebe umhergeschaukelt; die meisten, die die alten Überlieferungen ablegten, gehen ziellos umher, als einziges Ziel nur die Jagd nach ihrem Glück anerkennend. Die Einsicht aber, daß der Wert aller und ihr eigener Wert unzertrennbar von einander sind und ebenso das Glück aller und ihr eigenes Glück zusammengehören, diese Einsicht haben wohl viele, aber danach zu leben, wird ihnen schwer, weil sie nichtalle Leben als ihren festlichen Besitz und nicht sich als den festlichen Besitz aller Leben anerkennen wollen.
Dieser Besitz beschränkt sich nicht bloß auf die kurzen Menschenjahre, sondern es ist gemeint, daß der Besitz sich auch erstreckt auf alle Zeiten, auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, das heißt, auf alles Leben, dem wir immer angehört haben, angehören und angehören werden, und auf alle Schöpferkraft im Weltall.
Jedes Menschenleben ist ähnlich einem Künstler. Dieser verfertigt ein Buch, ein Bild, eine Statue, ein Musikstück; und ist eines seiner Werke beendet, soist damit doch nicht sein Leben beendet. Er beginnt ein neues Werk, aber sein Leben steht hinter allen seinen einzelnen Werken.
So leben wir durch alle Zeiten neue Leben, und hinter allen diesen Leben steht unser eigenes ewiges Leben, das ewige Leben des Weltalls, von dem wir im Innersten Besitzer sind. Aber kein Leben steht über uns, kein Schöpfer und kein Richter; wir selbst sind unser Schöpfer und unser Richter.Diese Anschauung macht frei und verantwortlich zugleich.
Vielleicht wird mir einer zurufen: ach, das ist die Seelenwanderungslehre! Das ist altbekannt und nichts Neues!
Nein, es ist nicht die Seelenwanderung allein, die ich meine. Ich erkläre:wir alle sind längst Besitzer der göttlichsten Seelenruhe, des Nichtseins, des Nirwana, wie es die Asiaten nennen.Wir sind aber auch zugleich Besitzer des Seins. Beide Zustände sind untrennbar von einander in uns verschmolzen.Wir wandern nicht anders von Leben zu Leben, als der Künstler es tut, wenn er ein Werk nach dem andern vollbringt. Der Geist jedes Schaffenden steht hinter allen seinen Werken in göttlicher Ruhe und Betrachtung. So stehen wir hinter unseren Leben.
Wir sind von Leben zu Leben durch die Jahrtausende wandernd, die Jahrtausende erlebend gegangen, so wie ein Meister von Werk zu Werk tätig ist und doch hinter seinen Werken, Ruhe bewahrend und mit göttlichem Geist die Werke betrachtend, unsterblich lebt.
Und nun will ich an Stelle des WortesWerkdas WortFestsetzen. Der Elendste unter uns Menschen, das Elendste unter den Tieren und das Elendste unter allen Atomen feiert das Fest seines Werkes, so lange es sein Leben liebt. Wenn ihm das Werk nicht mehr genügt, ihn das Fest seines Lebens nicht befriedigt, so legt er dieses Leben fort und wird ein neues beginnen, ein neues Werk, ein neues Fest.
Das heißt, jedes Lebewesen kann sich unbewußt oder bewußt sterben lassen, mit oder ohne Gewalt. Aus der Ruhe seines urewigen Lebensatoms heraus wird dieses Lebewesen die Gestalt, in der es Schöpfer war, z. B. den Körper Mensch, Tier, Pflanze eingehen lassen und sich mit neuer unerschöpflicher Werk- und Festlust, die wir Lebenslust oder Schöpferlust nennen, neue Gestalt geben.
Jeder wird nach dieser Ausführung verstehen, daß diese Art Seelenwanderung, wenn man sie so nennen kann, zwar ähnlich jener bekannten Annahme von der Seelenwanderung ist,aber da sie aus Schöpferlust geschieht und keinen Zwang bedeutet, ist sie mehr, sie ist festlich. Dieser Gedanke ist eine Verschmelzung von christlicher Anschauung und buddhistischer Anschauung.
Jede Halbkugel der Erde gab ihren Geist zum Aufbau dieses Ideales, dieser neuen Weltanschauung. Die Asiaten behaupteten, daß wirgezwungenvon Leben zu Leben gehen müssen, wenn wir uns nicht durch steten Lebensverzicht von der Lebenswiederkehr bewahren und so durch fortgesetzte Abtötung desLebenswillens uns zum Nirwana, zur höchsten Seelenruhe bringen. Der Asiate sieht also die Seelenwanderung, das Weiterleben, wie eine Strafe an und das Leben wie eine Plage, aber die Seelenruhe, das Nichtsein als das einzig lebenswerte Ideal.
Der Geist des Abendländers dagegen gibt die Lebenslust nicht auf. Er findet es feig, auf das Leben zu verzichten. Er sieht das Leben als eineAufgabean, als ein Werk, an dem er arbeitet, und jene träumende Seelenruhe des Asiaten erscheint seinem europäischen Lebenswillen unbehaglich. Und der neuzeitliche Abendländer kann sich unter der Seelenruhe nach dem Tode und ihrer Seligkeit gar nichts mehr vorstellen, da er immer kräftig lebenstätig ist und unermüdliche Lebenstätigkeit über unendliche Ruhe setzt.
Das neue Ideal aber oder die Weltanschauung, die sich ergibt, wenn wir die edelsten Regungen des morgenländischen Geistes und die des abendländischen Geistes zu einer einzigen Lebenserklärung zusammenstellen, dieses Ideal, oder diese Weltanschauung sagt:Wir sind immer ungezwungen Schöpfer und Geschöpfe gewesen und werden es immer sein, das heißt: wir sind immer im BesitzewigerundendlicherKräfte gewesen.Jedes neue Leben, das wir erleben, ist uns ein festlich stimmendes Werk, hinter dessen Endlichkeit unsere eigene Unendlichkeit weiterlebt und stets mit Schöpferlust nach neuen Werken und Festen greift.
Wir sind ewige Besitzer der Schöpferkraft seit allen Zeiten. Wir und alle kleinsten und größtenLebewesen sind immer ewige Besitzer einer ewigen Ruhe,die wir nicht erst in einem fernen Nirwana oder Himmel zu erreichen brauchen. Und wir sind außerdem die ewigen Besitzer des Lebens, des festlichen Wechsels in der Ruhe, dessen Gestaltung wir selbst bestimmen aus unserer unendlichen Schöpferlust heraus.
Christus, der große Weise und große Mensch der weißen Halbkugel, sagte: „Ihr sollt nicht sorgen für den morgigen Tag, das heißt, euch nicht zu viel Unruhe machen. Der Vater im Himmel sorgt für euch wie für die Lilien auf dem Felde.“
Jener Vater im Himmel ist unsere eigene, ewig in uns wohnende und uns gehörende unsterbliche Schöpferlust, die Atomkraft, wie mein Freund, der Philosoph, sagte, deren Ruhe unerschütterlich ist, vor der unser jeweiliges endliches Leben weniger als den millionsten Teil eines Atoms bedeutet. Diese Schöpferkraft wohnt in uns wie in allen, die mit uns in die Weltallerscheinung treten und am Weltallwerke und Weltallfeste mitarbeiten und mitfeiern. Dieser unserer Schöpferkraft müssen wir uns bewußt werden, um uns nicht bloß als die schwachen Geschöpfe und als Sklaven eines endlichen Lebens oder einer ewigen Seelenwanderung zu fühlen.
Wir streben weder einem Himmel noch einem Nichtsein oder einem Nirwana zu.Das Nichtsein ist uns so gut angeboren wie das Sein.
In unseren tiefsten, erhabensten Augenblicken kehren wir bei unserem Nichtsein ein. Wir fühlen uns dann weltfern. Wir kehren dann in unsere Weltfernezurück, in das Apogäum, wie die Griechen sagten, in das Nirwana, wie es die Asiaten nennen.
Aber wenn wir dann zum Lebensfest und zum Lebenswerk zurückkehren, zum irdischen Atmen, zum Tätigsein und Handeln in irgendwelcher Gestalt, in der wir eben unser Lebensfest feiern, dann hat uns auch stets die Rückkehr entzückt, die Rückkehr von der Weltferne in die Weltnähe.
Denn beides ist unser ewiger Besitz, und keines von beiden wollen wir missen.Die Weltferne ist das ewig festlich Unabänderliche in uns, die Weltnähe das ewig sich festlich Verändernwollende in uns.
Und nun, ehe ich endlich jenen seltsamen Augustnachmittag beschreibe, muß ich noch eine Erklärung abgeben.
Jeder Mensch hat nur zwei Hände bekommen, zwei Augen, zwei Ohren, zwei Nasenlöcher und im Halse zwei Röhren, eine für die Luft- und eine für die Speiseaufnahme. Alle diese Zugänge zum Körper bedingen ein bestimmtes Körperleben, ein bestimmtes Sinnesleben, das, solange wir als Menschen leben, unverrückbar der Ausführung unseres Lebenswerkes und unseres Lebensfestes bestimmte Grenzen setzt.
Das Lebenswerk und das Lebensfest würde natürlich anders ausfallen, anderen Erlebnissen unterworfen sein, wenn wir zum Beispiel mit dem Leib eines Vogels, mit Flügeln, Schnabel und Fußkrallen geboren wären. Ebenso wären wir, alsBlume oder Baum festgewurzelt, als Stein festliegend oder als Wasser fortfließend, als Feuer auflodernd oder als Rauch fortschwebend, einer anderen Lebensbewegung, einer anderen Lebenstätigkeit, einem anderen Lebenswerk und einem anderen Lebensfest hingegeben.
Da aber jedes Lebewesen nicht bloß derWeltnähe, sondern auch derWeltferneangehört, da unzertrennbar von einander das Gefühl derWeltnäheund das Gefühl derWeltfernein jedem Atom vereint wohnen, sowohl im Rauchatom, als im Feuer, als im Wasser, wie in der Blume und im Baum, ebenso wie in der Menschengestalt, so sind im Grunde alle LebeweseneineKraft,eineSchöpfung.
Festliche Ruhe, festliche Tätigkeit, an ihnen hat jedes Atom teil, ebenso an der Lust der Weltferne wie an der Lust der Weltnähe. Die Gestalten des Lebens gehören sowohl der Weltnähe, welche Tätigkeit bedeutet, und zugleich der Weltferne, welche eine Erhebung über das Leben bedeutet, an.
Die Gestalten sind die Geschöpfe, das Gefühl der Weltferne in den Gestalten ist der Schöpfertrieb, das ewige Leben.
Mit unseren jeweiligen Sinnen können wir immer nureinLeben leben,einFest feiern, das sich in der Weltnähe abspielt. Aber von der Weltferne aus, zu der wir uns stündlich über unser endliches Leben erheben können, weil wir im letzten Urgrund bei ihr untrennbar wohnen, können wir bei gründlicher Vertiefung alle endlichen Leben überschauen oder uns in sie hineinversetzen, ohne unsere eigeneGestalt, in der wir augenblicklich arbeiten und Feste erleben, sterben lassen zu müssen.
Wenn es in der Bibel heißt: siehe, die Stimme Gottes sprach zu ihm im Traum, oder wenn Buddha sagt: ich ging in einem Traum von Leben zu Leben, so ist das nicht ein außer uns stehender Gott und Schöpfer, dessen Stimme wir gehört haben wollen, oder der uns im Traum von Leben zu Leben geführt hat, sondern:es ist die Weltferne in uns, die zur Weltnähe in uns spricht.
Wir sind es, die im Traum zu uns selbst sprechen. Wir sind es, die uns im Traum und in der wachen Ahnung Bilder, gewesenes und kommendes Leben zeigen können.
Wir selbst, vermöge der Schöpferkraft in uns, die von der Weltferne aus zur Weltnähe spricht, sind allwissend.
Unsere Weltferne steht nicht bloß über uns, sondern sie lebt im Mittelpunkt aller Weltleben überhaupt.
Wir fühlen, wie die Radien eines Lebens tun, den Mittelpunkt und die Peripherie des Kreises zugleich. Alle Leben finden sich zusammen in der Weltferne auf einem Punkt, sowie alle Radien sich im Mittelpunkt des Kreises treffen. Auf der Peripherie, in der Weltnähe, leben alle Leben voneinander getrennt in der Welt der tätigen Erscheinungen.
Im Mittelpunkt, in der Weltferne, zu der wir uns in jedem Augenblick erheben können, sind wir Besitzer und Überschauer des ganzen Weltalls, gleichwie der Kreismittelpunkt mit allen Radien Fühlunghat. Auf der Peripherie aber, wo sich unser Gestaltenleben abspielt, dort entsteht die körperliche Weltnähe, das Fest des endlichen Lebens, während zugleich unsere Weltferne in ewiger Ruhe, im Mittelpunkt des Lebens, die Erscheinung aller Leben, die wir im Augenblick oder nach Jahrhunderten erleben, immer um sich kreisen läßt, betrachtet und das Fest der Ewigkeitsruhe genießt.
Wir sind also in jedem Lebensaugenblick da und fort von uns.Und wenn unser endliches Leben aufhört, so hört doch nie unser Mittelpunktsleben im Weltall auf. Wir nehmen vom Mittelpunkt aus sofort neue Fühlung mit einem neuen Punkt auf der Peripherie.
Unerschöpflich ist das Leben in der Peripherie, unerschöpflich die Schöpferkraft unseres gemeinsamen Mittelpunktes im Weltall. Da wir immer Weltnähe und Weltferne, Peripherie und Mittelpunkt in jeder Sekunde zugleich erleben,so sind wir alle allwissend, allgegenwärtig, allfühlend.
Wir tragen immer in uns alle jene göttlichen Eigenschaften, die wir, früher unaufgeklärt, immer nureinem Schöpfer über unszusprachen.
Wir Menschen waren bisher nicht mutig genug, uns unseren gewaltigen Lebensinhalt, den, daß wir Mitbesitzer der Weltallschöpfung, der Weltallgedanken, der Weltkraft sind, klar zu machen.
Wir hielten uns nur für ohnmächtige Peripheriewesen, nur von der Weltnähe lebend. Wir trennten uns, unaufgeklärt, in unseren Worten und Gedanken vom großen Schöpfungsfest. Wir wollten nie verantwortlich,nie gründlich den Anlauf zur Selbsterkenntnis unseres ewigen Daseins nehmen.
Es war uns so wie einem, der nur immer seine Füße sieht und seine Hände und seinen Unterleib, der sich aber nicht einzugestehen wagt, daß er auch einen Kopf besitzt, weil er diesen Kopf bisher nicht sehen konnte und deshalb nicht an das Empfinden glaubte, das ihm sagte, er besitze einen ihm unsichtbaren Kopf, der für ihn denkt, riecht, schmeckt, hört, sieht, das heißt wahrnimmt.
Aber nun haben wir den Mut, wir Menschen von heute, zur Erkenntnis.
Es bleibt uns nichts anderes übrig, als endlich zu erkennen, daß der Weltkopf, den wir fühlen, aber nicht sehen, nicht einem Schöpfer über uns gehört, sondern uns selbst.
Wir haben bei der neuen Erkenntnis nichts getan, als endlich vollständig unsere Weltallgestalt festgestellt.
Wir glauben jetzt ganz unserem Gefühl, das uns schon im Christentum als Mitbesitzer der Weltferne, des Weltkopfes, erklärte, indem es uns den vagen Begriff Seele einräumte. Aber man setzte über diese Seele damals noch eine Weltseele, einen Weltschöpfer. Die Seele aber ist unsere Weltferne, die nichts über sich erlebt, auch keinen Weltschöpfer. Denn sie selbst ist schon im Vollbesitz der Ursprungskraft, der Weltallruhe und der Schöpferkraft.
Wir Menschen sind, wie alle Leben, Schöpfer und Geschöpf, von uns geschaffen und von allen und jedem Leben des Weltalls.Und wir sind zugleich Mitschöpfer von allen und jedem Leben des Weltalls.
Mancher wird nun vielleicht nach den vorangegangenen Erklärungen töricht sagen: wenn wir behaupten, die Schöpferkraft eines Weltschöpfers zu besitzen, müßten wir dann nicht unser Leben fortwährend bewußt ändern können? Es müßte uns ein kleines sein, aus Steinen dann Brot zu machen oder uns im Magen satt zu fühlen, wenn wir es nicht sind, oder Berge fortwandern heißen, Wasser in Feuer verwandeln usw. Es müßte uns leicht sein, so könnte ein Tor sagen, ein willkürliches Spiel mit den Lebensgestalten und Lebenserscheinungen zu spielen.
Wer so fragt und so spricht, hat aber nicht begriffen, daß die Weltferne und die Weltnähe sich in uns ewig das Gleichgewicht halten. Das heißt, ein unsinniges Spiel mit sinnlosen Verwandlungen in der Welt der sinnvollen Erscheinungen, in der Welt der sinnvollen Weltnähe, ist durch das Gegengewicht der ewig weisen und ewig ruhenden Weltferne in uns unmöglich gemacht. Die Weltferne in uns läßt die Weltnähe keine chaotischen Zuckungen machen. Wir selbst stehen ewig weise über der Torheit.
Das ewige Wechselleben in der Weltnähe wird in Zucht und Gleichgewicht gehalten durch die unerschütterlichste Ruhe der Weltferne in uns.
Denn als Schöpferkraft wirken immer zwei Regungen: erstens die verankerte Ruhe und Betrachtung, die das Überschauen vermittelt, und zweitens die Tätigkeit, geleitet von jenem Überschauen,die das Lebenswerk oder Lebensfest gestaltet und in Szene setzt.
Aber wenn Ruhe und Weisheit an unserer Tätigkeit beim Lebenswerk teilnehmen, — wie kann dann überhaupt Böses geschehen, da doch die weise waltende Weltferne in uns von unserer Weltnähe unzertrennlich ist? Man sollte meinen, Böses könnte nie möglich sein.
Nun müßt ihr, die ihr das fragt, einen Standpunkt so hoch einnehmen, daß ihr auch die hohe Antwort auf diese Frage verstehen lernt.
Bis jetzt nahmt ihr Menschen meistens alle an, daß das Leben eine Plage ist. Die Asiaten sprechen von der Lebensqual und von dem Fluch aller Leben. Die Abendländer sprechen vom Jammertal, von der Hoffnung auf Erlösung und, wenn es hoch kommt, von der Lebensaufgabe, die man zu vollenden habe.
Darüber hinaus hat sich noch kaum eine Lehre erhoben, keine Lehre der beiden Erdhälften.
Das Leben ist aber ein Fest und soll ein Fest sein.Das Leben ist auch dem Elendsten immer festlich gewesen.
Bedenkt doch, daß die Süße des Lebens in euerer Vorstellung das Paradies hat entstehen lassen, daß sie den Mohammedanern lustige Gärten vorgaukelt voll sinnenfroher Frauen, den Christen einen melodischen Himmel voll singender Harmonien und den Asiaten das große selige Ruhebett des Nirwana.
Wie festlich teuer ist uns Menschen alles Erleben, wie köstlich festlich! Wir schaffen uns Bilder vom Leben noch über den Tod hinaus, um das Erleben nie zu entbehren.
Das Leben ist ein so gewaltiges Fest, daß nur, wenn wir uns bereitwillig die höchste Schöpferkraft und damit zugleich die höchste Verantwortung zuerkennen, wir das ganze Fest genießen können. Sonst wird es uns gehen wie einem Dörfler, der nie Musik, nie Bilder, nie Tanz, nie Geist und Anmut gesehen hat und der beim Eintritt in einen festlichen Gesellschaftssaal alle für Narren halten würde, die sich dort rhythmisch bewegen. Er wäre zuerst geblendet vom Fest und würde nichts als einen Wirrwarr sehen. Er würde an der Schwelle stehen bleiben und höchstens ausrechnen, wieviel Umstände das ganze Fest dem Wirt und den Eingeladenen gemacht hat.
Und derselbe Dörfler, in ein Theater geführt, würde, wenn er auf der Bühne mitspielen sollte, linkisch oder frech werden. Und da ihm der Überblick über das Stück fehlte, das zu spielen wäre, und über die Gestalt, die er darin zu verkörpern hätte, würde er sich geärgert fühlen, wenn er sich nicht einzufügen gelernt hat, wenn er keine Lust zum Spielen mitgebracht hat.
Und er würde die Festvorstellung, bei der er mitwirken sollte und bei der er Freude geben und Freude ernten sollte, verwünschen und sie als einePlageverfluchen. Und er würde vielleicht seine Gestalt und seine Rolle wegwerfen aus Unverstand, und weil er keine Ahnung hat, daß er zu einem Fest, zu einer Lust beitragen soll.
Er würde jammern, unglücklich sein. Und wenn er ein ernster Mann ist und ein entschlossener Mann, so wird er höchstens die Rolle auf Zuredenaufnehmen und weiterspielen und immer von seinerAufgabesprechen, aber nicht von einemfröhlichen Werkoder gar voneinem Fest.
Mit dieser Erklärung ist aber noch nicht erklärt, warum Gutes und Böses da sein können, wenn Weltferne und Weltnähe immer weise herrschen. Der eigenen Schöpferkraft Weisheit in uns ist so hoch, daß sie versteht, daß alle Geschöpfe, alle Handlungen, gute und böse, notwendig sind, um Erscheinungen zu schaffen und Lebenswechsel.
Dem Guten wird deshalb ewig das Böse gegenüberstehen müssen, dem Tag die Nacht, dem Frieden der Krieg, dem Aufbau der Verfall, dem Anfang das Ende. Diese Notwendigkeit sieht die Weisheit der Weltferne in uns ein, und es wird ihr deshalb nicht einfallen, dem Wechsel dieser Gegensätze, der sich in unserer Weltnähe gestaltend und vernichtend ausdrückt, einseitigen Einhalt zu tun und nur Gutes zu schaffen und zu verlangen.
Träte im Peripherieleben, im Leben der Weltnähe, im Leben der Erscheinungen, ewiger Tag ein, ewig Gutes, ewige Freude ohne Schmerz, ewiger Frieden, so würde das den Stillstand des Festes bedeuten, das wir so sehr lieben, und dessen Stillstand ganz unmöglich ist, da unsere ewige Schöpferkraft am ewigen Werke ist.
Ohne Weltnähe wäre keine Weltferne möglich, und beide sind undenkbar ohne die unerschöpfliche Kraft, die jedem Atom innewohnt.Wir sind Besitzer der Allmacht und der Ohnmacht. In diesem Wechsel von Ewigkeit und Endlichkeitbefindet sich unser endliches und ewiges Leben in jedem Augenblick.
Wir sind die Weisheit und das Verbrechen an der Weisheit. Wir sind das Gute und das Böse, wir sind der Tag und die Nacht, der Frieden und der Krieg. Alles das besitzen wir, mit all dem handeln wir, und alles das handelt mit uns.
Wir spielen alle diese Kräfte aus, wie der Kartenspieler all seine verschiedenen Karten ausspielt. Jedem Spiel aber liegen Regeln zugrunde. So auch schreibt die Weltferne der Weltnähe ihre Regeln vor, damit das Spiel in Ruhe geführt werden kann. Da die Karten immer wechseln, das heißt, aufs Leben übertragen, der eine mal die, der andere andere Eigenschaften seiner jeweiligen Lebensgestalt einsetzen kann, so wird das Lebensspiel, so wie jedes Kartenspiel, immer wieder anders ausfallen, trotz der feststehenden Grundregeln, die das Spiel regieren.
Wir selbst haben das Schöpfungsspiel erfunden und spielen es, da es unendlichen Wechsel bietet, unendlich weiter. Manche ähnliche Kartenzusammenstellungen kehren zufällig wieder. Das erweckt dann den Schein, als ob ein Spiel wiederkehre.Aber es ist kein Spiel gleich dem andern, kein Leben, das wiederkehrt, ist gleich dem andern.
Um die urewigenGesetzedes Spieles dreht sich der urewigeWechseldes Spieles, und das Ganze ist von der Feststimmung der Spielenden durchdrungen. Wie ein Spiel Scharfsinn fordert, Übung, Ausdauer, Glück, so fordert das jedes Leben.
Der Elendeste aber fühlt noch im elendsten Augenblick, wenn er vielleicht vom endlichen Leben gewalttätig scheidet, die Feststimmung, die auch das endliche Leben der Weltnähe und nicht bloß das unendliche Leben der Weltferne durchschwingt. —
Glaubt mir, ich habe fünfundvierzig Jahre jetzt nicht nur ein Leben auf Rosen gelebt. Ich habe gelitten, gezagt, den Tod gewünscht und selbst durch den Haß und durch das Verfluchen des Lebens hindurch immer noch die Köstlichkeit und die Feststimmung des Lebens schimmern sehen.
Ich habe gehungert und gedarbt. Ich habe gestritten und habe geweint. Ich habe mich ohnmächtig, gedemütigt, in den Schmutz gezogen, verlassen und verloren gefühlt,aber ich müßte mich unehrlich, taub, blind und gefühllos nennen, wenn ich das Leben nicht trotzdem, im Rückblick und im Vorwärtsschauen, in jedem Augenblick als ein Fest ansehen müßte.
Alles dieses hatte ich nötig zu sagen, und es überkam mich die Lust zu dieser Aussprache.
Ehe ich die Geschehnisse aus meiner eigenen Weltnähe weitererzähle, wollte noch einmal meine Weltferne dazwischen reden, und ich mußte ihr das Wort geben.
Noch ein Schlußwort über die Einführung in diese neue Weltanschauung,die sagt, daß das Leben ein Fest ist und ein Fest sein will.
Ihr erinnert euch wohl alle noch der Zeit, als ihr in der Kindheit noch nichts von Gott oder dem Schöpfer wußtet, von dem man euch später erzählte.
Ich glaube mich noch genau zu erinnern, wie bestürzt ich war, als man mir sagte, daß etwas Stärkeres im Unsichtbaren existieren sollte, ein stärkerer Herr als mein Vater es war, eine stärkere Macht als meine beiden Eltern mir waren. Wie frei war es vorher um mich im Hause gewesen, ehe diese Erklärung der Elternohnmacht über mich kam! Und wie seltsam wurde es mir bei dem Gedanken, daß, wenn ich einmal groß sein würde, vom Vater fortkäme und meine eigene Frau haben würde, ein Gottherr, der schon über meinen Vater regiert hatte, immer noch da wäre, auch wenn meine Eltern tot wären, und daß er ewig wie ein Aufpasser über mir und meiner Frau sitzen sollte, ebenso wie über allen Menschen.
Ich empfand das demütigend. Das Erhabenste in mir fühlte sich gedemütigt;das Erhabenste in mir wollte allein regieren. Das Erhabenste dünkte sich nicht erhaben zu sein, wenn man ihm nicht vertraute, daß es unantastbar wäre.Es fühlte sich beleidigt und erniedrigt, einen Aufpasser über sich haben zu müssen. Es war mir, als dürfte ich mich keinen freien unendlichen Gefühlen mehr hingeben, da meine Unendlichkeit nicht anerkannt wurde, daimmer nur von meiner „niedrigen“ Endlichkeit gesprochen wurde.
Es war mir wirklich unbequem beim Abend-, Morgen- und Mittagsgebet mit der Bitte um tägliches Brot immer zu einem Herrn, der an einem aller Vorstellung entrückten Ort wohnen sollte, aufzuschauen; einen Fremden aufsuchen zu müssen, ich, der ich so voller Vertrauen geglaubt hatte, was ich nötig habe, schenke mir mein Vater, und dafür schenke ich ihm meine Liebe und werde leben, wie er es wünscht und werde später mir selber helfen können.
Für das Brot, für den Rock, für die Wohnung, für Gesundheit und Wohlergehen, für die meine Eltern sorgten, dankte ich bereits meinen Eltern. Nun sollte ich jeden Abend noch einmal danken und ebenso morgens und mittags, einem Herrn, von dem man sagte, daß er alles, was ich von meinen Eltern erhielt, diesen gegeben hatte. Diese waren also Schwächlinge und konnten sich nicht helfen, so dachte das Kind für sich.
Meinen Eltern zu danken, erschien mir selbstverständlich, und ich tat es gern. Aber wenn meine Eltern von einem fremden Herrn und Schöpfer etwas angenommen hatten, so hattensiebereits gedankt. Die ganze Beterei war mir zu viel Dankerei und zu viel Bitten und Bettelei.
Warum schaffte mein Vater nicht alles selbst an, was er brauchte? Warum mußte er immer alles von einem Gottherrn annehmen, und ebenso meine Mutter, da doch beide arbeiteten? Und warum zeigte derfremde Herr sich mir nicht? Es war mir unverständlich, was seine ewige Unsichtbarkeit für einen Sinn haben sollte.
Es hieß, er könne mich fortwährend sehen, nur ich könne ihn nicht sehen. Ich gewöhnte mir danach an, mich blitzschnell im Zimmer umzusehen, um zu erfahren, ob jener Herr nicht hinter mir stünde und ich ihn ertappen könnte.
Und als meine Mutter, wie ich fünf Jahre alt war, starb und man mir sagte, sie wäre jetzt zu dem fremden Herrn gegangen und sie hätte es dort viel schöner, da konnte ich das gar nicht fassen. Was tat sie denn bei ihm, da doch mein Vater und ich sie so nötig hatten?
Und als man mir antwortete: nichts ist beständig, nichts ist wirklich, da hatte ich oft das Gefühl: vielleicht ist das Nebenzimmer schon verschwunden, während ich mich im anderen Zimmer befinde. Und ich sah vorsichtig durchs Schlüsselloch, ob das Nebenzimmer noch da wäre. Denn das verstand ich: seit meine Mutter verschwunden war und weder zum Frühling noch zum Sommer, noch zum Herbst, noch zum Winter wiederkehrte und ihr Bett leer blieb am Morgen und am Abend, und ihr Platz am Eßtisch leer blieb am Mittag und Abend, und ihr Platz am Nähtisch am Nachmittag, und ihr Platz am Klavier leer blieb in der Dämmerstunde, und ihr Platz in der Küche leer war am Herd und im Flur am Wäscheschrank und im Sommer unter dem großen Nußbaum und auf der Gartenterrasse, — da sah ich ein, es hatte sich etwas Unfaßbares ereignet.
Und ich dachte: jener unsichtbare Herr ist doch mächtiger als mein Vater. Sonst hätte mein Vater meine Mutter von ihm zurückgefordert, und es würden ihre Plätze nicht alle leer geblieben sein. Und diesem Herrn, der die Mutter mir und die Frau meinem Vater genommen hatte, dem sollte ich morgens, mittags und abends weiter danken! Das war die reine Heuchelei, die man mich da lehrte.
Es steckte danach eine tiefe Furcht in mir vor dem unsichtbaren Ort, an dem jener fremde Herr wohnen sollte und Furcht vor dem Unsichtbaren selbst. War es wirklich so schön dort bei ihm, wie es alle sagten? Ja, warum blieben wir denn dann alle hier? Warum folgten wir denn nicht sofort meiner Mutter nach?
Und wie konnte man sagen, daß sie es jetzt schöner habe, wenn sie meinen Vater nicht hatte und uns Kinder, die sie liebte? Konnte sie es dann wirklich bei dem Fremden schöner haben und glücklich sein? Meine Mutter war für mich bei diesen Gedanken auf einmal nicht mehr meine Mutter, sondern eine kühle, fremde Dame, die dort hingegangen war, wo man sich besser unterhielt, und die wahrscheinlich meinen Vater und uns Kinder über besserer Unterhaltung vergessen hatte.
Aber das glaubte ich nicht. Ich stampfte auf und weinte zornig und warf mich schreiend auf den Zimmerboden und wollte zu meiner Mutter gebracht werden. Und als mein Vater gerufen wurde und er mich aufhob und mich auf seinen Schoß nahm und mir mit Tränen in den Augen versicherte: „Deine Mutter hat uns nicht vergessen,“ da stieß ich unterSchluchzen hervor: „Warum holst du sie denn nicht endlich?“ Und mein großer starker Vater mußte wimmernd zugeben, daß es einen Stärkeren und Größeren gäbe als ihn, der die, die er einmal zu sich gerufen habe, nicht mehr hergeben wollte.
Für einen Augenblick sank da die Hochachtung für meinen Vater in meiner Kinderbrust von tausend auf null Grad. Eigentlich wollte ich meinem Vater nun nicht mehr gehorchen. Der Unsichtbare war stärker als er, und meine Mutter war bei dem Stärkeren. Ich wollte mich nur an den Unsichtbaren halten, weil auch meine Mutter zu ihm hielt.
Aber nun geschah das noch viel Unverständlichere, etwas, das mich ganz verwirrte, das alle meine Begriffe auf den Kopf stellte: mein Vater, der doch jenen Unsichtbaren, der ihm die Frau genommen hatte, hätte hassen müssen, wie ich folgerte — er faltete meine kleinen Hände in seinen großen Händen und sagte: „Laß uns zusammen zum Herrn beten. Dann kommen wir der Mutter näher.“
Ich ließ ihn beten und ließ ihn meine Hände falten und sah ihm mit offenem Munde zu, wie er sich demütig gegen jenen unsichtbaren, gewalttätigen Herrn benahm. Und wenn ich damals schon gewußt hätte, was Narren und ein Narrenhaus sind, so würde ich vielleicht gedacht haben: wir sind vor jenem Herrn alle zu Narren geworden. Und unser Haus, in welchem früher mein Vater und meine Mutter emsig und klug gewaltet hatten, das ist jetzt ein Narrenhaus geworden. —
Aber wie einfach, glückselig und menschenwürdig wäre mir die Welt erschienen, wenn man dem Kind, auf die Frage, woher alles kommt — die jedes Kind einmal an seine Eltern stellt — die tiefnatürliche Erklärung gegeben hätte: „Liebes Kind, alles ist seit Ewigkeit da. Nicht bloß wir sind deine Eltern, alle Dinge sind deine Eltern, so lange du klein und unbeholfen bist. Achte gut auf alle Dinge. Alle haben dir etwas zu sagen, alle können dir irgendwie helfen. Wir, die du deinen Vater und deine Mutter jetzt nennst, wir, wenn wir scheinbar von dir fortgehen und du uns eine lange Zeit nicht sehen solltest, wir bleiben doch in allen Dingen, die du siehst, um dich.
Wir Menschen alle und alles Leben können die Gestalten verändern, wenn wir es müde sind, Menschen, Tiere oder Pflanzen gewesen zu sein. Aber wir gehen niemals fort, niemals ganz fort von dir, von der Welt. Vielleicht wird deine Mutter eine Wolke, vielleicht wird dein Vater ein Blitz, vielleicht werden wir Singvögel, vielleicht werden wir zusammen eine Blume in einem Blumentopf an deinem Fenster. Vielleicht werden wir ein paar Mondstrahlen, vielleicht ein paar Sonnenstrahlen. Vielleicht sind wir ein Stück Brot, das du ißt, vielleicht ein Schluck Wasser, den du trinkst, vielleicht eine Uhr, die neben dir tickt, vielleicht ein Haus und ein Garten, in dem du wohnen wirst.
Denn sieh, es wird nichts um dich geben, was wir nicht werden können, und es gibt nichts um dich, was nicht so innig, so gut und lieb Freund zu dirsein kann, wie wir es jetzt zu dir sind, während wir am Tisch und am Bett bei dir sitzen.
Und du kannst überall zu uns kommen und nah bei uns sein. Denn, sieh, du bist so gut wie wir in und bei allen Dingen zu Hause und sollst dich darum vor keinem Leben fürchten. Und kommt eine giftige Schlange in den Garten, und sie beißt dich, und du willst nicht sterben, du willst noch Mensch bleiben, dann wird die Schlange keine Macht über dich haben, und jemand wird dir von dem Gifte helfen können, vielleicht dein Vater, vielleicht ein Freund, vielleicht du selbst.
Bist du aber wirklich der Menschengestalt müde, vielleicht durch eine tiefe Trauer, vielleicht durch ein so tiefes Unglück, daß du dein Unglück in anderer Gestalt vergessen möchtest oder durch das Alter deiner Gestalt müde gemacht, dann wirst du von selbst die Gestalt ablegen können, ohne dir Gewalt antun zu müssen. Und dann werden alle Dinge ringsum dir wieder helfen, eine neue Gestalt anzunehmen, die dir gut behagt. Aber ein Kind, wie du, wird noch kaum den Wunsch bekommen können, die Gestalt schon zu wechseln. Denn sieh, so wie alle mit dir festlich sein wollen, so wirst du auch erst in Menschengestalt festlich gewesen sein wollen, ehe du dich danach sehnen willst, zu verschwinden und neu zu erscheinen.
Deine Menschengestalt haben du und wir alle mit Fleiß und Sorgfalt aufgebaut. Das Licht hat deine Augen ausgedacht, der Schall, die Musik und die Menschenstimmen und alle Stimmen überhaupt haben deine Ohren ausgedacht. Und es ist keinDing in der Welt, das nicht teil hat, irgend etwas an deinem Leibe ausgedacht zu haben.
Wir, dein Vater und deine Mutter, wir legten unser Fleisch und Blut zusammen und die Wollust unseres Atems und unsere Freude am Leben. Und ich, dein Vater, gab dir von meinem Mark, von meiner Lebenskraft, und deine Mutter gab dir von ihrer Lebensdemut und ihrer Lebenswärme.
Und als du fertiggebildet warst im Schoße deiner Mutter, da hatte dich deine Mutter neun Monate unter ihrem Herzen getragen. Neun Monate litt sie Beschwerden und neun Monate wünschte sie Tag und Nacht, daß du gut, stark und tätig werden solltest, so wie sie selbst es ist, und dein Vater und deine Brüder und deine Schwestern und alle Dinge, die um dich leben, es sind.
Denn, wenn auch einmal ein Ding dir weh zu tun scheint und dir Trauer oder Schmerz bereiten muß, so mußt du bedenken, daß du auch manchen Dingen weh tun mußt und manchen Trauer bereiten mußt, denn das Leben besteht nicht aus Freude allein, aber auch nicht aus Schmerzen allein.
Das Leben besteht aus dem Wechsel von Freude und Leid, aus Lachen und Weinen, aus Erhebung und Erniedrigung. Und nur durch diesen Wechsel kann es festlich bestehen.
Aber es ist noch eine andere Welt in der Welt, mein Kind. Alle Dinge, zu denen du mit den Händen und Füßen, mit den Augen und Ohren, mit deiner Menschengestalt kommen kannst, alle diese, denen du so dich nähern kannst auf der Erde, sieund du selbst leben noch in einer andern Welt, in einer weltfernen Welt. Und du und wir alle schicken unsere Gestalt auf die Erde, so wie du deine Stimme über den Fluß hinüberschicken kannst, so wie du einen Brief in die Ferne schicken kannst, oder so wie dein Schatten vor dir eilen kann oder so wie der Schatten einer Wolke, die oben am Himmel steht, unten über die Äcker der Erde gehen kann.
Oder wie das Licht der Sonne und des Mondes durch das Zimmer gehen kann, ohne daß die Sonnenkugel oder die Mondkugel selbst durch die Tür in das Zimmer kommen. Oder wie du eine Blume, die stark duftet, im Dunkel riechen kannst und sie also bemerken kannst, ohne sie zu sehen, so leben wir alle in zwei Welten zugleich.
Dort in der weltfernen inneren Welt, dort wohnt die Kraft aller Dinge. Dort wohntalle unsere Kraft zusammen. Dort gibt es dann nicht Vater, nicht Mutter, nicht Kinder. Dort sind wir danneineStärke. Dort sind tausend Männer wie ein Mann, tausend Frauen wie eine Frau, und dort sind Mann und Frau so eng umarmt, daß sieeineKraft sind, ohne Anfang und ohne Ende,eine starke Schöpfer- und Liebeskraft. Und dort in der Weltferne sind wir in jedem Augenblick, wenn wir uns in uns versenken, wenn wir uns in hohen Gefühlen erheben und erhaben fühlen.
Dieses aber, mein Kind, zu verstehen und zu erfassen, dazu bist du noch zu klein und mußt erst in die Welt der nahen Dinge hineinwachsen, in dieWeltnähe. Und bis dahin sollst du bei Vater und Mutter bleiben, bis deine Menschengestalt so kräftig fertig geworden ist, daß du den Weg zu deiner inneren und weltfernen Welt allein finden kannst.
Aber ganz allein brauchst du dann auch diesen Weg nicht zu gehen. Irgendwo auf der Welt ist heute schon oder wird eine Lebensgefährtin jenes Weges zur inneren Welt für dich von ihren Eltern geboren und auferzogen.
Ihr wirst du, wenn du willst, begegnen, sobald du groß genug bist und du tätig genug bist, um sie von ihren Eltern empfangen zu können, und wenn du weise und kräftig genug bist, um deinen Ernst mit ihrem Ernst und deine Lebensfreude mit ihrer Lebensfreude und dein Lebensmark mit ihrer Lebenswärme zusammenlegen zu können. Dann wirst du mit ihr das Lebensfest feiern und mit ihr ein Menschenkind erschaffen, wie wir dich geschaffen haben, damit das Fest sich fortsetzt.“ —
Hätte man mir als Kind, aus einer befreiten Weltanschauung heraus, auf meine Frage, woher das Leben kommt, woher die Dinge und die Menschen kommen und gehen, natürlich und mich zum Leben vorbereitend, also geantwortet, dann wären mir schreckliche Stunden der Qual, schauerliche Mißklänge, unheimliche Dumpfheiten und dornige Verirrungswege erspart geblieben.
Und hätte man noch betont:Das Leben ist ein weises Fest. Du sollst es klug zu feiern lernen, du sollst es aufmerksam festlich erleben lernen; du wirst an dem Fest beschaulich und tätig, Freude aufnehmendund Freude spendend, gern teilnehmen; du wirst verstehen lernen, daß das Weltfest so mächtig ist, daß es in seinem Wechsel von Freude und Leid ein Spiel von Erscheinungen bedeutet, und daß es deine größten Schmerzen immer in tiefste Freuden verwandeln kann.
Siehe, oft ist das Leben wie eine Schlacht, in der du fallen mußt, um in einer anderen Gestalt wieder aufspringen zu können, um weiterkämpfen zu können. Denn auch eine Schlacht ist ein Fest!
Festlich ist das Leben immer, ob du gehen lernen darfst oder schreiben und lesen lernen sollst. Und wenn du krank liegen mußt, zwischen Schmerzen und Genesungshoffnung, in den Nächten wach liegen mußt, mache dich geduldig, mache dich demütig. Hasse deine Schmerzen nicht. Lerne sie verstehen, denn sie wollen wie die Freuden dir helfen zu einer Verjüngung deines Körpers, helfen zu einer Verjüngung deiner Schöpferkraft.
Sei darum gütig zu deinem Leib, wenn er dich auch plagt, weil er dich verjüngen will. Sei verständig und gehorsam seinen Mahnungen zur Verjüngung. Dann wird dir auch die Krankheit zum Fest, verklärt von der Hoffnung der Verjüngung und Genesung.
Horche immer auf alle Lebensregungen um dich. Denn die Kräfte aller Leben sind in dir. Du kannst alle Leben verstehen, wenn du willst, und alle Leben verstehen dich.
Denn es ist nur ein Schein, daß du getrennt, scheinbar einsam oder verlassen umhergehst. Du bistnicht bloß der Mensch, den du im Spiegel siehst. Du bist zugleich mit deiner inneren Welt inallemLeben, und alle Erscheinungen und Gestalten sindin dir.
Bedenke immer: du hast die größte Macht, und hattest sie seit Tausenden und Tausenden von Jahren, das Fest des Lebens zu feiern, und wirst dein Schöpferfest weiterfeiern, Tausende und Tausende von Jahren ohne Ende.
Durch deine äußere Welt bist du wirklich, durch deine innere Welt unwirklich zugleich. Und durch deine Schöpferkraft verwandelst du die äußere Welt und bleibst doch unverwandelbar in deiner inneren Welt ewig leben.
Und dieses, o Mensch, genießend und festlich zu verstehen, dazu wird dir jeder Augenblick auf Erden Erkenntnis geben, und du wirst es an allen, die mit dir festlich lebend sind, ebenso erkennen, wie an dir, daß du wirklich und unwirklich zugleich bist.
Und wenn dich die Wirklichkeit ermüdet, wirst du an der Unwirklichkeit ausruhen können. Und wenn dich die Unwirklichkeit ermüdet, wirst du zur Wirklichkeit zurückkehren können.
Aber du brauchst nicht zu fürchten, daß du die Menschengestalt, die du augenblicklich angenommen hast, und die dein augenblickliches Kleid im Weltfest ist, daß du diese immer ablegen sollst und sterben sollst, wenn du dich nach Unwirklichkeit sehnst.
Sieh, an jedem Abend legst du mit deinen Kleidern auch deine Gestalt hin auf die Erde und läßt beide ausruhen, damit sie sich nicht so schnellabnützen. Denn du hast beide lieb und gönnst ihnen, Kräfte zu sammeln.
Und wenn du einmal groß bist und größere Tätigkeit hast, als ein Kind sie hat, und größere Kräfte hergeben mußt und deshalb auch wieder größere Kräfte und größere Ruhe sammeln mußt, ob du nun als Mann oder als Weib geboren bist, sieh, die Nächte können dann nicht länger gemacht werden, um dir größere Erholung zu geben.Aber die Ruhe um dich kann tiefer gemacht werden.
Dann wirst du, um tiefste Ruhe zu finden für deine männlichen Kräfte, oder ein Weib wird, um tiefste Ruhe zu finden für ihre weiblichen Kräfte, die Arme ausbreiten, und Mann und Weib, die sich lieben, werden sich im Dunkeln umarmt niederlegen, und ihre Körper werden sich einander wie ihre Lippen den tiefen Kuß der Liebe geben, und sie werden das Lebensfest der Liebe feiern.
Und sie werden für Augenblicke tiefer ausruhen können als je, so tief, als hätten sie ihre Gestalt wie im Tod abgelegt.
Dann in der Liebesumarmung finden sie sich nicht bloß in der Weltnähe wieder und nicht bloß in der Weltferne, sondern sie sind in ihrer Schöpferkraft eins geworden, in der Schöpferkraft, in der sie am Tage getrennt gearbeitet hatten auf Erden.
Und das ist der tiefste Augenblick des Weltallfestes jedes Lebens und der höchste eines ganzen Lebens zugleich. Dann, in diesem Liebesaugenblick, ist in beiden, im Mann und in der Frau, tiefste Ruhe der Ewigkeit und höchstes Schaffen der Ewigkeit tätig.
Aber sieh, es ist noch ein Ausruhen möglich und eine Einkehr in deine Unwirklichkeit, wenn dich die Wirklichkeit ermüdet, ohne daß du sterben mußt und die Gestalt wechseln sollst.
Wenn der Mann das Weib nicht gefunden, noch nicht gefunden oder wieder verloren hat, oder wenn beide sich vorbereiten wollen, die sich gefunden haben, zum Liebesfest, dann sind Leben da, Schöpfungen, die jeden an die Schwelle der inneren Welt führen können.
Das sind die Werke der Künstler, Lied und Gedicht, ein Bild, eine Bildsäule und die Musik, Aussprüche der Weisheit und stille Betrachtungen, die du mit offenen Augen, offenen Ohren, offenem Herzen empfangen sollst.
Ein Gedicht, ein Gemälde, eine Bildsäule, ein Musikstück — das sind Leben, die sich dir zum Wechsel bieten, zum Ausruhen von der Wirklichkeit und zum Vorbereiten für dein Fest der Lebenstätigkeit und für das Fest der Liebe.
Diese künstlerischen Schöpfungen sind in die Tagestätigkeit gestreut wie die Träume in die Nachtruhe. Alle Kunstwerke erinnern dich am Tage an dein inneres Leben, sie sind in den Tag gestreute Ewigkeitsbilder des inneren Lebens, während deine Nachtträume Augenblicksbilder deines äußeren Lebens sind, in die Nachtruhe gegeben.
Kunstwerke und Träume, beide sind Echos zweier entgegengesetzter Welten; Kunstwerke sind Echos der inneren Welt; Träume sind Echos der äußeren Welt. —
Nun geh, mein Kind, lerne zuerst die Regeln und die Festregeln. Denn jeder Gestalt auf Erden sind andere Festregeln geboten, damit das ganze Weltspiel ein Fest bleibe und kein Chaos werde.
Lerne die Regeln des äußeren Lebens, das sind die Staats- und Gesellschaftsgesetze deiner Zeit, kennen, und die Ahnungen der Regeln des inneren Lebens werden bereits in dir dämmern, bis du erwachsen bist und dich dann in die Gesetze des inneren Liebeslebens vertiefen kannst und Überblick erhältst über das große herrliche Fest, das wir alle im Weltall feiern, in dem wir alle zusammen Schöpfer und Geschöpfe bedeuten, und neue Gesetze und Wandel schaffen, wenn wir reif geworden sind. —
Einem Kind, dem also von der ersten Frage an bis zum Verlassen des Elternhauses verkündet wird, daß es unwirkliche und wirkliche Kräfte besitzt, daß sein Wesen das Wesen aller Dinge ist, daß es festlich an der Seite der Eltern das Fest der Tätigkeit, das Fest des Wachsens zu allen Dingen hin erleben wird, dem man sagt, auch wenn Vater und Mutter sterben, sind sie in aller Gestalt immer da, sie sind nicht zu einem fremden Mann gegangen, nicht in ein fremdes unfaßbares Reich eingegangen, wo es schöner ist, und haben nicht ihr Kind in einer häßlicheren Welt zurückgelassen, sie sind immer dagewesen und werden immer da sein in des Kindes eigener Schöpferkraft und in der Kraft seiner Lebensgespielen um ihn — für dieses Kind, dem das Leben als ein ewiges weises Fest erklärtwurde, gibt es keinen Tod, für dieses Kind gibt es keine Zeit und kein Alter; für dieses Kind gibt es keine Häßlichkeit ohne Schönheit.
Für dieses Kind gibt es keinen Schmerz ohne Freude. Im Gleichgewicht seiner wirklichen und unwirklichen Welten und im Bewußtsein seiner unerschöpflichen Schöpferkraft und in der Erkenntnis seines ewigen Daseins, im Wissen, daß es vor tausend Jahren war, schöpferisch wie heute, festlich wie heute, und daß es in Tausenden von Jahren immer noch sein wird, festlich wie heute, wird es, wenn es dies alles täglich gehört hat, geduldig, demütig und lächelnd, stolz, frisch und fröhlich, mutig und todesverachtend und weltallfestlich aufs Leben und auf die Liebe sehen.
Die Naturunschuld, die Naturweisheit und die Naturlust werden in ihm bis an sein Lebensende ungebrochen bleiben und werden seine Menschengestalt festlich auf Erden führen und aus ihm festlich wirken.
Welch ein unerschöpflicher, unentdeckter und noch unangetasteter Reichtum dem Menschenleben dargeboten wird, wenn es sich nicht mehr von einem sogenannten höheren Wesen unterjocht fühlen wird und von keiner Erbsünde belastet, wenn es seine Kraft frei auf sein Ich, auf das Wohl der mit ihm Lebenden richtet — das zu ermessen, bleibt jedem Herzen gegeben, das sich aufmacht und sich als Schöpfer und Geschöpf fühlen will und das Leben als eine Festlichkeit ansehen will, — eine Feier von wirklicher und unwirklicher Welt, eine Feier der Vergänglichkeit und Unvergänglichkeit, ein unerschöpflichesFest, bei dem jeder zugleich Festgeber und Gast ist, jeder in anderer Gestalt, jeder mit anderen Tätigkeiten und Genußfähigkeiten, jeder in anderen Würden und anderen Wirkungskreisen, jeder den anderen feiernd und ihn als Kraft von seiner Kraft anerkennend, Menschen, Tier, Pflanzen und alle Dinge.
Der Schauspieler, der bei der Festvorstellung des Lebens den König spielt, und der andere Schauspieler, der bei derselben Festvorstellung den Bettler machen muß, und der, der den Gesunden und der, der den Kranken darstellen muß, und der, der den Witzigen und der, der den Dummen spielen soll — die sollen verstehen, daß hinter jeder Rolle ihre Schöpferkraft steht, die sich in der nächsten Festvorstellung sofort in eine andere Gestalt verwandeln kann. Sie werden verstehen, daß sie nur als augenblickliches Geschöpf die Rolle im Feste spielen. Und daß sie dem Fest gerecht werden sollen und keine Spiel- und Festverderber werden sollen, das fordern alle Leben auf Erden von ihnen. Das fordert, wenn sie sich ehrlich fragen, ihr eigener Schöpfertrieb. Und nichts anderes haben sie auf der Erde zu erfüllen, als festlich tätig zu sein, um festlich feiern zu können.
Wo und wie soll ich anfangen, so festlich zu werden? — Wenn mich das ein Erwachsener fragen würde, einer, dem man nicht als Kind vom Lebensfest erzählt hätte, so würde ich ihm sagen: „Du brauchst nicht erst anzufangen, anders zu werden. Du bist es schon, was du sein willst. Du bist in diesem Festglauben geboren. Sage mir nicht, daß dues nicht fühltest, daß du festlich geboren bist, festlich auch in den tiefsten Sorgen, festlich auch bei dem größten körperlichen Leid.
Du bist nie anders gewesen als festlich, du konntest auch nie anders sein. Was dir aber gefehlt hat, das war das Bewußtsein deiner Festlichkeit und deiner Schöpferallmacht. Mache dir deine Weltallkraft bewußt, macht es euch alle bewußt, daß Geburt, Liebe und Tod zusammen eure wirkliche festliche und eure unwirkliche festliche Welt bedeuten, daß ihr ewig und unerschöpflich die unsterbliche Schöpferkraft selbst seid.“
Macht dieses euch bewußt, sagt es einer dem andern; macht es den Kindern bewußt, ruft es den Leidenden und den Kranken in die Erinnerung; sagt es euch selbst, wenn ihr die Liebsten um euch sterben seht, wenn ihr selber leidet und sterben wollt; sagt es in eurer Todesstunde euch und denen, die ihr beim Sterben verlassen müßt.
Sagt dieses auch den Hochmütigen, den Tyrannischen, den sich übermächtig Aufmachenden; sagt es den Gedemütigten, den Erniedrigten, den Lebensmüden: Alles gehört ihnen im Weltall und nichts.Alles sollen sie als Gast genießen und alles als Gastgeber hergeben beim unerschöpflichen Fest ihrer Schöpferkraft.
Wenn ihr euch umseht in der Welt, — in jeder Handlung, in jeder Lebensgestalt fühlt ihr überall Schöpferkraft, nicht bloß in den Menschen. Alle Gestalten sind gestaltgewordene Schöpferkraft. Ihr müßt die Tiere nicht dumm nennen, die Steine nichtgefühllos nennen, die Bäume und Pflanzen nicht als unverständige Wesen ansehen.
Ja, selbst die Dinge, die ihr aus eurer Schöpferkraft, aus eurem Geist, aus den Gestalten der Erde zusammenfügt, den Tisch und den Stuhl, den ihr euch gezimmert habt, das Bett und den Schrank, eure Werkzeuge und eure Maschinen, — vom Augenblick, wo ihr sie schuft und sie benennt, sind es Wesen von eurem Geist geworden, lebende Gebilde eurer ewigen Schöpferkraft.
Denn auch die toten Dinge haben durch euch äußeres Leben und innerstes Leben erhalten. Ihre Gestalt wird wie eure Gestalt abgenützt und abgelegt, aber ihre Schöpferkraft geht nicht verloren, und diese Dinge werden sich aus euch wiedergestalten.
Denn auch die toten Dinge sind zum Feste gekommen, auch sie leben festlich. Auch sie werden krank, auch sie werden müde, denn auch sie arbeiten für euch, indem sie euch nützen, auch sie werden alt wie ihr, auch sie haben ihre bestimmten Festgesetze, die aber natürlich grundverschieden von denen der Menschengestalt sind.
Wenn ihr euch tief zu eurer inneren Welt zurückzieht oder euch zu ihr erhebt, so könnt ihr das Lebensgesetz, die Schöpfungsidee, den Schöpfungsgenuß, die jeder Gestalt zugrunde liegen, verstehen,denn ihr wißt im Grunde alles.
Ihr dürft aber die Dinge um euch nicht mit euren Menschengesetzen messen. Ihr sollt nicht sagen: „Schrank, sprich Menschenworte, wenn du lebst, wie ich. Dann will ich dir dein Leben glauben.“
Ihr könnt nicht sagen: „Tisch, bewege dich mit deinen Beinen vorwärts wie ein Tier. Dann werde ich dir glauben, daß du lebst.“
Ihr sollt nicht sagen: „Stuhl, verneige dich vor mir. Dann will ich dir glauben, daß du lebst.“
So sollt ihr auch nicht zum Stein sprechen: „Friß Fleisch und weine Tränen!“ Und da er das nicht kann, verachtet ihr ihn und nennt ihn leblos.
So könnt ihr nicht zum Baume sagen: „Trage beliebige Früchte, wenn ich es befehle, damit ich erfahre, ob du meine Menschenstimme hörst und dich mir verständlich machen willst.“ Oder: „Baum, fliege fort wie ein Vogel und komme aus dem Tal auf den Berg.“
Ihr werdet nicht zum Pferde sagen können: „Wenn du menschenähnlich bist, dann gehe aufrecht wie wir Menschen auf zwei Füßen dein Leben lang.“
Und zum Vogel dürft ihr nicht sagen: „Du kannst nicht so klug und so festlich sein wie wir, weil du nicht in Häusern mit vielen Zimmern wohnst, weil du keine Menschengenüsse kennst, keine Menschenbücher, keine Menschenbilder, keine Menschenmusik verstehst.“
Darauf muß euch euer Weltallverstand antworten, der ebenso im Vogel, zu dem ihr sprecht, wie in euch regiert: „Wenn du fliegen könntest, Mensch, von Ast zu Ast, so würdest du zwischen Blüten erfahren, in welch herrlicher Welt ich lebe. Die Blüten, die für dich, Mensch, klein sind, sind für mich, den kleinen Vogel, so groß, daß, wenn sie in deinerWelt wären, sie im Verhältnis zu dir so groß wie dein Kopf sein würden und noch größer, ja, manche Blumen wären so groß wie du selbst.
Denke dir, in diesem wunderbaren Reich zu fliegen unter Millionen mühlsteingroßer Blüten! Wenn du dann fliegen dürftest; wenn du in den Äther hinaufsteigen könntest, wie ich, kleine Lerche, nur getragen von dir selbst, so wie dich deine Füße über die Erde tragen, aber nicht getragen von Flugmaschinen, von Motoren; getragen von dem Drang in deiner Brust. Stelle dir vor, dich hoch, hoch von aller Welt und Wirklichkeit entfernen zu können, getragen von dem Liebesdrang im Äther ein Liebeslied zu jauchzen, um der Geliebten zu zeigen, wie hoch deine Liebe auch deinen Körper über alle Dinge erhebt.
Welch ein Fest, Mensch, würdest du dann fühlen! Würdest du nicht gerne die Bücher, die Säle, die Bilder und deine Menschenkunst verlassen?
Tu es, und nimm im nächsten Leben die Gestalt einer Lerche oder die einer Nachtigall an; denn es ist dir ja ein kleines, dieses zu tun, wie es mir ein kleines sein wird, Mensch zu werden, wenn mich mein Vogeldasein ermüden sollte und mich ein innerer Wunsch zur Menschengestalt hindrängen sollte.
Meine Schöpferkraft ist auch deine Schöpferkraft. Du kannst mir nachfühlen, auch ich kann dir nachfühlen. Wir sind verschieden und doch nicht verschieden voneinander, da wir beide wirklich und unwirklich leben, da wir beide im äußeren Lebenscheinbar getrennt sind, im inneren Leben aber unzertrennlich dasselbe sind, Besitzer einer und derselben ewigen Schöpferkraft.“
So würde der Verstand des Vogels zu dir sprechen, o Mensch, wenn dein Verstand ihn fragen würde. Und so wird jede Gestalt des Lebens, jedes Lebewesen, wenn du willst, dir ihr äußeres Leben verschieden von deinem erklären, aber im inneren Leben seid ihr ein und dasselbe, ihr Menschen, Tiere, Pflanzen, Steine und Dinge.
Ihr steht alle zusammen in Fühlung, in Verstandes- und Gefühlsfühlung, geboren unter verschiedenen Gesetzen, aber alle seid ihr dasselbe, dieeineeinheitliche Schöpferkraft, die im äußeren und inneren Leben das ewige Schöpfungsfest feiert.
Keine Schöpferkraft steht über euch; die Kraft liegt in euch. Alle Gestalten haben sich zusammen ausgedacht, und es wohnen alle Gestalten deshalb auch in jedem einzelnen von euch. Das große Fest zerfällt in viele kleine Feste, und alle Feste zusammen bilden das Schöpfungsfest, das immer war und immer sein wird, und bei dem ihr immer anwesend wart und anwesend sein werdet, und bei dem ihr mitgeschöpft habt und immer mitschöpfen werdet.
Kommt aber da einer und sagt mir: Was hat es für einen Sinn, dieses ewige Sichverwandeln, dieses ewige Schaffen ohne Ende? Wo will das Schaffen hin? Wenn auch Schaffen Genuß ist, wird dieser Genuß nicht eintönig?
So frage ich dich zurück: Hat dein Herz in den neunzig Jahren, die du vielleicht gelebt, eine einzige Stunde stillgestanden? Hat nicht dieser kleine Muskel eine Titanenaufgabe erfüllt? Wie kannst du denn da mit dem Hauch einer Sekunde zweifeln wollen an der unerschöpflichen Lust der Schöpfungskraft, wenn dein eigenes Herz dich Lügen straft?
Dieses soll dir aber nicht genug Erklärung sein. Ich will dich gar nicht erinnern, wie sehr du als Kind nach dem Leben verlangtest und dich sehntest, mithelfen, mitleben, mitfeiern zu dürfen. Ich will dir nur sagen, wenn du ein alter Mann oder eine alte Frau bist, die mich so fragt: erinnere dich, als du in der Mitte deines Lebens standest, auf der Höhe deiner Schöpferkraft, als du dir vorkamst, als wenn alles dir gelingen würde und dein Körper noch stolz war, dein Blut spielend durch deine Adern lief, dein Rücken, dein Knie, deine Ellenbogen, deine Gelenke alle herrlich elastisch waren, dein Geist mutig und dein Herz voll Wohlbehagen — würdest du da gesagt haben: Es ist eintönig, ein Mensch zu sein?
Und wenn dir in der Fülle deiner Kraft, dir, Mann, das Weib gegenüberstand, das du liebtest und das dich wiederliebte, und nach dem du vor Sehnsucht branntest, sobald sie dich ansah, und sie vor Sehnsucht herrlich demütig wurde, wenn du sie ansahst; oder wenn dir, Weib, der Mann, nach dem du verlangtest, begegnete, glaubst du, Mensch, daß dann dieser Augenblick eintönig war?
Glaube mir auch, daß, wenn du diesen Augenblick wieder erleben würdest, in anderer Gestalt, wieder auf dem Gipfel deiner Kraft, glaube mir, er wäre in keiner Lebensgestalt eintönig. Der Liebesaugenblick ist bei allen Gestalten ein Augenblick von unerschöpflichster Seligkeit und Lebenslust und höchster Lebenshöhe.
Ob du in einer Blüte bist mit deinem Weibe und der eine von euch ist Stempel und der andere ist Staubfaden, oder ob du ein Tiermännchen bist und dein Weib ein Tierweibchen irgendwelcher Tiergestalt, oder ob du als Atom in den Steinen liegst, zusammengepreßt in Kalk- oder Sauerstoffverbindung, — wo und wie du dich auch mit deinem Weib gestaltet hast, überall wirst du den Lebenshöhepunkt auf dem Gipfel deiner Kraft imLiebesaugenblickfinden, in der Liebesumarmung, wobei du, Mann, und du, Weib, euer inneres Leben und euer äußeres so dicht zusammenlegt, daß ihr in der Schöpferkraft eins seid.
Und in diesem Augenblick erkennt sich die Schöpferkraft selbst. In diesem letzten Augenblick der höchsten Liebesvereinigung, des tiefsten Ineinandersinkens erlebt ihr ein größeres Sichselbstvergessen als im Tod und zugleich ein höchstes Sichselbstbetätigen, einen stärkeren Augenblick, als der war, da ihr ins Leben tratet, stärker, als es eure eigene Geburt für euch war und alles, was ihr im Leben tatet.
Und aus dem fortpflanzenden Liebesaugenblick heraus, der aller Lebewesen höchstes Fest ist, höherals das Geburtsfest und höher als das Todesfest, der das Fest der neuen Verwandlung ist, könnt ihr, wenn auch eure Lebensgesetze euch von allen anderen Leben trennen, den Weg zur Verständigung mit allen anderen Gestalten finden.Denn in der Liebeslust gipfelt die Lust aller Leben, — der Liebe streben alle Leben im Weltall zu.